Zwischen West und Ost | Teil 1: Rajasthan

Was unterscheidet den Westen Indiens vom Osten? Nun, diese Frage ist natürlich subjektiv, je nachdem, wo, wann und mit wem im Westen oder Osten man sich aufhält. Nachdem wir sowohl in Rajasthan, als auch in Odisha waren, versuchen Riko und ich uns in den nächsten Beiträgen mal an einer Antwort.

Eindrücke aus Rajasthan

Endlich ist es soweit! Das erste Mal in den Urlaub! Spontan geplant, machten wir uns im November auf den Weg nach Rajasthan: Ein Ziel, das Riko schon länger vorschwebte, da es Teil seiner Bucket-List ist, einmal Regenwald und einmal Wüste in Indien zu sehen. Eine Woche vorher war klar, dass ich mitkomme. Drei Tage vor Abreise haben wir grünes Licht vom Chef bekommen, einen Tag vor Abfahrt dann Züge und Hotels gebucht. Auf indisch eben! Und es sollte spektakulär werden! Bleibt dran! 😉

Indische Züge sind Next level

Die Zugfahrt nach Jaipur, unserem ersten Ziel, dauerte fast 20 Stunden. Wir fuhren über Nacht und schliefen, wie in Indien üblich, in Zug-Betten. Liegewagen sind hier die Regel. In Indien gibt es auch mehr Klassen als in Deutschland. Hier ein kleiner Überblick:


  • ‚General‘: Sitzbänke ohne festen Platz
  • ‚Sleeper Class‘: Bett ohne Bettwäsche, drei übereinander, keine Klimaanlage
  • ‚AC 1-3‘: Bett mit frischer Wäsche, mit Klimaanlage
    • 1. Klasse: abgeschlossenes Abteil mit vier Betten, zwei übereinander
    • 2. Klasse: durch Vorhang abgetrenntes Abteil mit vier Betten
    • 3. Klasse: offene Abteile, drei Betten übereinander an jeder Seite und zwei Betten übereinander am Gang entlang

Am nächsten Morgen kamen wir dann in Jaipur in Rajasthan an. Vorbei an sehr vielen hochmotivierten Tuk-tuk-Fahrern, die uns überzeugen wollten, dass ihr Gefährt das beste ist, schlugen wir uns auf die Straße und gingen dann durch die ab da sehr friedlichen Straßen zu einem schönen und gemütlichen Hotel.

Sightseeing in Jaipur

In den nächsten Tagen besuchten wir unter anderem den City Palace, wo noch heute die Königsfamilie von Jaipur wohnt, und den ‚Palast der Winde‘ (Hawa Mahal), welcher im Jahr 1799 vom Maharaja Sawai Pratap Singh für seine Frau gebaut wurde. (POV: Wenn es adligen Frauen nicht erlaubt ist, von anderen Männern gesehen zu werden und du ihr der Einfachheit halber ein eigenes Schloss baust, in dem nur Frauen leben.) Die Architektur ist atemberaubend. In die äußeren Wände sind sehr viele kleinere und größere Löcher eingelassen für Luftdurchzug, natürliche Kühlung und eine gute Sicht auf das Geschehen außerhalb der Burg bei gleichzeitiger Unsichtbarkeit von außen.

Im Janta Manta, einer astronomischen Stätte, die wir besichtigten, wurden früher Datum, Jahres- und Tageszeit anhand des Sonnenstands gemessen, und auch Geburtstage, Sternzeichen und Geschlecht von Kindern vorausgesagt. Astronomie und Astrologie gingen damals Hand in Hand. Dazu hat man einige raffinierte und ziemlich große Instrumente konstruiert, die heute noch im Originalzustand dort zu sehen sind. Die Sonnenuhr funktioniert beispielsweise auch heute noch als Zeitgeber; auf zwei Sekunden genau, im Vergleich zur Digitaluhr. Hier wurden wir übrigens von einem Tourguide begleitet. Der hatte uns vor dem Eingang des Hawa Mahal auf der Straße angesprochen, um uns seine Tour zu verkaufen, sicherte uns prompt einen Studenten-Rabatt und gab uns dann immer wieder interessante Informationen während des Rundgangs durch Hawa Mahal und Janta Manta.

An anderen Tagen besuchten wir zwei Berg-Festungen um Jaipur herum. Von denen gibt es dort relativ viele, denn die Stadt liegt in einem Tal, umgeben von Berghängen. Die eine war fast eine Ruine. Dort liefen wir auf der äußeren Burgmauer herum und versuchten, möglichst spektakuläre Fotos von der Stadt im Tal zu machen, ohne den Hang hinunter zu fallen. Die andere war noch gut erhalten. Amber Fort heißt letztere. Von dieser Festung aus hatten wir einen wunderschönen Blick auf die Berghänge und einen See, der sich vor der Burg erstreckte.

Der Besuch eines hinduistischen Tempels durfte natürlich auch nicht fehlen. Genauer gesagt, haben wir uns sogar zwei Tempel angeschaut: einen, wo viele Touristen waren, und einen anderen, etwas abgelegeneren, wo eine ruhigere Atmosphäre herrschte. Beide waren spektakulär in ihrer Gestaltung. Weißer Marmor strahlte uns entgegen, der an den äußeren Tempelwänden zu so filigranen Verzierungen und Statuen von Menschen und Tieren geschlagen wurde, dass wir aus dem Staunen gar nicht mehr rauskamen. Beide waren vom Aufbau ähnlich gestaltet, wie ein Kirchenschiff mit Turm. Allerdings ähnelt der Turm von der Form her eher einem Tropfen und ist auch nicht begehbar.

Fort Jaisalmer – die westindische Burgstadt

Nach unserem Aufenthalt in Jaipur, wo wir im Wesentlichen zum Sightseeing waren, ging es für uns weiter nach Jaisalmer, eine Stadt im Westen Rajasthans und damit im äußersten Westen Indiens, gute 50 km von der pakistanischen Grenze entfernt. Dieses Mal nahmen wir den Bus und auf der Hinfahrt war der auch schön eingerichtet, sodass wir zwar keine erholsame, aber doch eine ganz gute Nacht hatten. Jaisalmer war vom Stadtbild noch mal eine andere Erfahrung als Jaipur. Die Häuser sind vielfach sandfarben gestaltet, während sie in Jaipur eher braun-rötlich, manche sagen pink, aussehen. Einen Tag haben wir uns die Burganlage im Zentrum der Stadt angeschaut. Das ist eine richtige kleine Stadt in der Stadt, mit Läden, Restaurants und Wohnhäusern. Alles vollkommen auf Tourismus ausgelegt.

Dreitägige Wüsten-Safari

Am nächsten Tag ging es dann endlich in die Wüste. Hier hatten wir eine Kamelsafari mit zwei Übernachtungen „unter den Sternen“ gebucht. Morgens wurden wir vom Jeep abgeholt und erstmal einige Kilometer aus der Stadt rausgebracht. Dann stiegen wir auf die Kamele. Deren Zustand ist nicht so rosig. Sie haben einen Metallstift durch die Schnauze gezogen, an dem die Zügel befestigt sind, mit denen sie geführt werden. Das machen wir also nicht nochmal. Hätte man das ahnen können? Wahrscheinlich 🫤

Aber gut, jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Rauf aufs Kamel und ab geht die Reise. Sonnencreme, Sonnenbrille und Cappy sind die wichtigsten Begleiter. Vorräte für zweieinhalb Tage wurden auf den Kamelen verstaut. Und dann ging es los.

Nach ein paar Stunden Reiten (schon ein bisschen wackelig…) waren wir in der Wüstensteppe, wo sonst keiner ist. Das nächste Dorf liegt ein paar Kilometer entfernt… Die tiefe Stille, die um uns herum lag, war ungewohnt. Das hatte ich bisher nicht in Indien, dass es, bis auf wenige Vögel, komplett still ist. Eine sehr willkommene Abwechslung! Für Entspannung auf dem Kamel war jedoch die Sonne zu stark. Dabei war es Winter! Wie soll das im Sommer hier sein?! Faszinierend fand ich die Mischung aus kahlen Sandflächen auf manchen Dünen und der spärlichen Vegetation auf den Ebenen, die hauptsächlich aus Büschen, Sträuchern und vereinzelten Bäumen besteht. Durch diese Landschaft ritten wir also Stunde um Stunde, zwischendurch Mittagspause, und dann wieder weiter.

Psst! Was ist das für ein Klingeln? Oh, da vorne läuft eine Ziegenherde zwischen den Dünen entlang! Und etwas entfernt schlendert ein gelangweilter Hirte und schaut Insta Reels, dem Sound nach zu urteilen. TikTok ist ja verboten in Indien. Das Internet in der Wüste Rajasthans ist übrigens besser als bei mir zuhause in Niedersachsen. 🤔

Davor waren wir schon einem Kameltreiber über den Weg gelaufen, der seine Kamele gesucht hat. Seltene Begegnungen mit anderen Menschen. Ab und zu kamen wir an verlassenen Hütten vorbei, die nur in der Erntezeit bewohnt sind, wenn viele helfende Hände auf dem Feld gebraucht werden. Denn, obwohl die Landschaft der Dornensavanne, so der Fachbegriff, relativ karg ist, wird dennoch in Teilen Ackerbau betrieben. Einmal ritten wir an einem kleinen Schrein mit einer Götterfigur vorbei.

Die Nächte in der Wüste waren kalt, wirklich kalt. Wir wurden glücklicherweise mit mehreren dicken Decken ausgestattet, um auch den Wind irgendwie abzuhalten. Denn wir haben komplett im Freien geschlafen. In der zweiten Nacht kamen noch andere Touristen aus Neuseeland dazu, die nur für eine Nacht in der Wüste waren. Wir wurden dann am nächsten Morgen zusammen im Jeep abgeholt und wieder nach Jaisalmer zurückgefahren.

Noch eine Anmerkung zum Essen: Ich finde es bemerkenswert, wie lecker das Essen war, dass wir in diesen zweieinhalb Tagen gegessen haben. Die Lagerplätze waren mit Kochutensilien ausgestattet und auf dem Kamel wurde wirklich alles mitgenommen, was man für ein indisches Essen und Frühstück und Snacks und Chai, so braucht. Vor allem konnte unser Wüstenführer wirklich gut kochen! Dass alles komplett frisch gekocht wurde, war nach drei Monaten Indien kein Schocker mehr für uns, sorgte aber einmal mehr für wirklich leckeres Essen! Mit Wasser und Sand die Töpfe und Teller abzuwaschen, war zudem eine interessante und auch bereichernde Erfahrung für mich. Für mich war es erst ungewohnt, Sand zum Reinigen zu benutzen. Aber es funktioniert! Der Teller ist sauber. Eine kleine Erinnerung daran, dass Lebens- und Hygienekonzepte anderer Kulturen funktionieren, wenn sie auch anders als das sind, was wir kennen.

Im nächsten Blog teilt Riko mit euch einige Erfahrungen unserer Reise nach Odisha, ein Bundesstaat im Osten Indiens, wo wir Weihnachten verbracht haben. Bleibt dran!

Leave a Comment: