Uruguay – Die Schweiz Lateinamerikas?

Fast genau ein Jahr wohne ich nun in Montevideo der Hauptstadt Uruguays. Vielleicht habt ihr den Satz Uruguay, die Schweiz Lateinamerikas schonmal gehört. Im folgenden möchte ich versuchen euch meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen zu diesem Thema ein bisschen offenzulegen. Ganz wichtig dabei ist, dass dieser Bericht keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit erhebt sondern meine ganz persönliche Perspektive zeigt.  Über Uruguay hört man in Deutschland  normalerweise nicht so viel. Wenn ich Leuten erzählt habe, dass ich ein Jahr einen Freiwilligendienst in Uruguay machen werde kam oftmals die Antwort „Ah, die haben doch mal die Weltmeisterschaft gewonnen“. Unter allen lateinamerikanischen Ländern gilt Uruguay als das Land, das Europa am „Ähnlichsten“ ist. Im Gegensatz zu Brasilien, Bolivien, Argentinien oder Peru gibt es in Uruguay keine indigene Bevölkerung mehr, da diese vollständig ausgerottet wurde. „No tiene una culura muy antigua“  das Land habe keine sehr alte Kultur, sagte mir ein Straßenhändler in der Altstadt Montevideos. Gegründet wurde Uruguay eigentlich nur um einen unabhängigen Pufferstaat zwischen den Riesen Argentinien und Brasilien zu schaffen und die Feindschaft der beiden Länder zu beenden. Und obwohl Uruguay da so klein im Schatten dieser Giganten liegt und von Argentinien häufig als eines seiner Departamente angesehen wird, ist das Land doch ein Rebelle. Es ist laizistisch, „seine Religion ist der Fußball“ wie ein Bewohner aus Montevideo meinte, Equality und LGBTQ werden großgeschrieben. So war Uruguay eines der ersten Länder, das die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte. Es ist ein Vorreiter in der Cannabislegalisierung und hat eine stabile Demokratie und Wirtschaft. Was davon macht es nun aber zu einem europaähnlichen Land? Wohl nicht die ganzen Dinge in denen das kleine, unscheinbare Uruguay nicht nur für andere lateinamerikanische Ländern sondern für die ganze Welt ein Vorreiter ist. Vermutlich vor Allem der Fakt, dass der Großteil der uruguayischen Bevölkerung europäische Wurzeln hat und eine tiefe und alte Kultur fehlt. Stattdessen ist eine neue Kultur durch die Einwanderer und Sklaven enstanden. Eine Kultur des Mates, des Candombes und der Murga. Eine Kultur mit ihren ganz eigenen einzigartigen Facetten. Für den Tourismus ist das Land weniger interessant als seine Nachbarn. Weder die Kultur noch die Landschaft ziehen die Massen an. Die wunderschöne Küste Uruguays mit ihren schönen, weiten Sandstränden steht im Kontrast zum Hinterland. Der Großteil des Landes das Interior, sind Weidelandschaften die zur Haltung von Rindern, Pferden und Schafen genutz werden. Hier leben unteranderem die sogenannten Gauchos. Der Begriff Gaucho bezeichnet ursprünglich Viehhirten. Also diejenigen, die im landwirtschaftlichen Sektor tätig sind. Ursprünglich waren die Gauchos auch Einwanderer. Von Ihnen stammt die Matekultur, das wohl wichtigste Getränk des Landes und das Asado, eine typische Art des Grillens über offenem Feuer. Die Hauptstadt Montevideo, in der die Hälfte der Einwohner Uruguays lebt ist der Gegenpol zu dieser großen, dünnbesiedelten Landfläche. Einen Großteil der jungen Leute verschlägt es früher oder später jedoch in die Stadt, da es im Interior kaum Möglichkeiten gibt zu studieren. Die Politik wird zentral von Montevideo aus gemacht. Als wir ein Wochenende bei einem Gaucho auf seiner Farm verbracht haben meinte dieser, der Regierungssitz Uruguays sollte in Tacuarembó, einer Stadt mehr im Zentrum, etwa fünf Stunden von Montevideo sein. Er meinte die Politik würde weniger auf die Bedürfnisse der Bevölkerung des Interiors eingehen und zu wenig Anreize für das Leben und die Arbeit dort schaffen. Eine Arbeit, die doch eine wichtige Rolle für das Land spielt, da ein großer Teil der Einnahmen des Landes aus dem Export von Rindfleisch stammt. Er meinte seine Einnahmen seien gerade besser wie nie, da die Nachfrage und der Export in den asiatischen Raum ansteige. Trotzdem sorge er sich gleichzeitig um die Zukunft der Branche, weil sich immer weniger Menschen für diesen Beruf entscheiden. Gleichzeitig entsteht das Problem eines hohen Wohnungsbdarfs in Montevideo. Da die Lebenshaltungskosten sehr hoch sind, ist es für viele Studenten und junge Leute sehr schwierig sich unabhängig zu machen. Die Lebensmittelpreise in Uruguay sind etwa gleich hoch wie in Deutschland. Wobei man bedenken muss, dass das Durchschnittseinkommen aber deutlich niedriger ist als in Deutschland. Auch wenn es so scheint als wäre Uruguay ein Paradebeispiel in allen Bereichen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass auch hier über 16% der Menschen in Armut leben und die soziale Ungerechtigkeit so wie überall auf der Welt Realität ist. Die Armut auf der Straße ist sehr sichtbar und präsent ebenso wie die starken Kontraste zwischen den Vierteln am Stadtrand und den Vierteln des Stadtzentrums. Durch seinen Hafen hat Montevideo zudem stark mit dem Problem des illegalen Drogenhandels zu kämpfen und hat sich in den letzten Jahren zu einem Transitland für den Kokainhandel nach Europa und Afrika entwickelt. Zudem gibt es Viertel in denen die Kriminalität durch Drogenbanden eine große Bedrohung darstellt. An der Bezeichnung Uruguays als Schweiz Südamerikas störe ich mich deshalb, weil dabei die strukturellen Probleme des Landes und der Kampf vieler Menschen für ein gutes Leben völlig außer Acht gelassen werden. Desweiteren wird dadurch der Eindruck erweckt, dass all die beeindruckenden Erfolge des Landes einer Annäherung an Europa zukommen, was meiner Meinung nach sehr kritisch zu sehen ist. Uruguay ist in jedem Fall ein einzigartiges und überwältigendes Land und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich dieses Jahr hier verbringen und erleben konnte.

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