Tranqui, jaha y superbien – Meine ersten Monate in Asunción

Ein neues Land, neue Menschen um mich herum, neue Straßen, Routinen und eine fremde Sprache. All die Eindrücke, die mich auf jedem Schritt hier in Paraguays Hauptstadt Asunción begleiten, lassen mich noch immer jeden Tag staunen. Seit drei Monaten bin ich nun schon für meinen Freiwilligendienst in Lateinamerika. Nach einem zehntägigen, unglaublich schönen Einführungsseminar in Buenos Aires und den ersten aufregenden Wochen hier entwickelt sich langsam ein Alltag.

Ich darf meinen Freiwilligendienst bei der Organisation Callescuela machen. Jeden Tag bin ich aufs Neue beeindruckt, um was für eine tolle und wichtige Arbeit es sich dort handelt. Die Callescuela hat drei Gemeinschaftszentren hier in Asunción und drei nahe der Stadt Ciudad del Este. Ich unterstütze das „local comunitario 9 de Marzo“.

Dort gibt es dreimal die Woche vormittags CEPI, das ist eine Kindergartengruppe. Meistens kommen zwischen vier und acht Kinder und wir spielen, singen und basteln mit ihnen. Dienstags und donnerstags findet den ganzen Tag „Refuerzo escolar“, also Hausaufgabenbetreuung, statt. Der dritte Bereich sind die Gruppentreffen. Dort wird manchmal über inhaltliche Themen wie politische Partizipation, Menschen- und Kinderrechte und Sexualität gesprochen, an anderen Tagen spielen wir aber auch Karten, sitzen zusammen oder gehen auf den Fußballplatz.
Das Zentrum liegt in einer armen Wohngegend und viele der Kinder müssen zuhause mitarbeiten oder ihre Eltern finanziell unterstützen, indem sie mit ihnen auf der Straße Waren verkaufen. Deswegen ist die Callescuela für die Kinder und Jugendlichen nicht nur ein Ort, an dem sie Unterstützung bei Schulaufgaben bekommen, sondern bietet auch die Möglichkeit, Freund*innen zu treffen und einfach mal „Kind sein“ zu können. Das „local comunitario“ soll ein Ort sein, an dem die Kinder einen wertschätzenden, gewaltfreien Umgang miteinander erlernen sowie in ihren Rechten und Freiheiten gestärkt werden. Und bereits seit dem ersten Tag merke ich, dass für viele Kinder und Jugendliche die Callescuela ein Safe Space ist, an dem sie sich richtig wohlfühlen. Das ist unglaublich schön zu sehen.

Im Projekt finde ich immer mehr meinen Platz, meine Mitfreiwilligen werden langsam zu Freundinnen und inzwischen komme ich manchmal auch ohne Google Maps an mein Ziel.
Tranqui, jaha und superbien sind spanische Wörter, die ich jeden Tag von den Kindern oder meinen Kolleginnen höre und die gleichzeitig auch sinnbildlich für meine ersten Wochen in Paraguay stehen.

Tranqui
Ohne es zu wollen, bin ich mit vielen Erwartungen, oder vielleicht eher Hoffnungen, in meinen Freiwilligendienst gestartet. Ich habe mir gewünscht, gut mit meinen Mitbewohner*innen auszukommen, neue Leute kennenzulernen, mich in meinem Projekt sinnvoll einbringen zu können und möglichst schnell besser Spanisch zu sprechen. Mir war zwar klar, dass es nicht so einfach wird, aber hier bin ich trotzdem auf den Boden der Tatsachen gefallen. Ich kann nicht zählen, wie oft ich die Kinder schon verwirrt angeschaut und nichts von dem verstanden habe, was sie mir sagen wollen. Oder wie viele Male ich beim Arbeiten planlos danebenstehe und nicht weiß, was ich tun soll. Oft sage ich in Gesprächen überzeugt „sí“ oder „muy bien“ und hoffe, dass mir keine Frage gestellt wurde. Ich saß nicht nur einmal im falschen Bus, habe mich mehrmals verlaufen und teilweise fühle ich mich noch immer fehl am Platz.
Manchmal tut es gut, in solchen Situationen von meinen Kolleginnen „tranqui“ zu hören, das bedeutet so viel wie „Es ist alles gut, mach dir keine Gedanken, lass dir Zeit“. Denn es ist okay, nicht alles zu verstehen. Das muss ich mir immer wieder selbst sagen. Hier in Paraguay läuft vieles anders, aber genau für diese Erfahrungen mache ich diesen Lerndienst. Und mit jedem Tag finde ich ein bisschen mehr in die Rolle als Freiwillige hinein und mit jedem Fehler lerne ich etwas Neues dazu.

Jaha
In Paraguay ist neben dem Spanischen auch die indigene Sprache Guaraní Amtssprache. Auf dem Land wird Guaraní noch oft gesprochen, in meinem Projekt tun sich die Kinder bei der Nachhilfe allerdings oft schwer mit ihren Guaraní-Hausaufgaben. Trotzdem werden die beiden Sprachen immer wieder bunt gemischt, teilweise sogar mitten im Satz. Bis fünf zählen haben mir die Kinder inzwischen beigebracht, ansonsten verstehe ich nur wenig.
„Jaha“ ist mein neues Lieblingswort auf Guaraní und bedeutet „Los gehts“ oder „Lass uns gehen“. Sowohl in der Callescuela als auch in der Freizeit passt das Wort richtig gut zu meiner ersten Zeit in Asunción. Jeden Tag müssen wir aus unserer Komfortzone heraus und manchmal braucht es ganz schön viel Mut, fremde Menschen anzusprechen und sich zu trauen, auch Fehler zu machen. Aber meistens entstehen daraus tolle Begegnungen und Chancen. So habe ich zum Beispiel einfach auf einem Fußballplatz in der Nähe einen Trainer gefragt, ob es in seinem Verein eine Frauenfußballmannschaft gibt. Leider gibt es keine, aber er war total nett und hat mich gleich zu einem anderen Training eingeladen. Und über ihn habe ich auch den Kontakt zu einer Volleyballmannschaft bekommen, bei der ich mit einer Mitfreiwilligen schon mehrmals beim Training war. Und selbst wenn aus solchen kleinen Mut-Momenten mal nichts entsteht, gewinne ich mit jedem „Losgehen“ ein kleines bisschen Selbstvertrauen dazu.

Superbien
Das ist mein Favorit unter den neuen Wörtern. Meine Kollegin benutzt „superbien“ immer mit einem so ehrlichen Strahlen im Gesicht, egal ob es sich um das gemalte Bild einer Vierjährigen, meine ersten selbstgemachten und etwas angebrannten Tortillas oder einen richtig schönen, ereignisreichen Tag handelt. Das Miteinander bei der Callescuela ist total herzlich und unterstützend, dort fühle ich mich sehr wohl.
Und mit den anderen Freiwilligen ist es auch richtig nett. Wir sind zusammen in der Stadt unterwegs und treffen uns fast jedes Wochenende zum Kochen (ein Bananenbrot darf dabei natürlich auch nicht fehlen). Übers Wochenende waren wir schon in den kleinen Städten Areguá und San Bernardino sowie auf einem größeren Trip nach Encarnación (die Grenzstadt im Süden zu Argentinien). Außerdem habe ich andere Freiwillige in Ciudad del Este besucht und war mit ihnen bei Paraguays größten Wasserfällen „Saltos Monday“. Mir gehts hier insgesamt einfach „superbien“ und ich bin dankbar, diese Erfahrungen machen zu können!

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