Zwischen West und Ost | Teil 1: Rajasthan

Was unterscheidet den Westen Indiens vom Osten? Nun, diese Frage ist natürlich subjektiv, je nachdem, wo, wann und mit wem im Westen oder Osten man sich aufhält. Nachdem wir sowohl in Rajasthan, als auch in Odisha waren, versuchen Riko und ich uns in den nächsten Beiträgen mal an einer Antwort.

Eindrücke aus Rajasthan

Endlich ist es soweit! Das erste Mal in den Urlaub! Spontan geplant, machten wir uns im November auf den Weg nach Rajasthan: Ein Ziel, das Riko schon länger vorschwebte, da es Teil seiner Bucket-List ist, einmal Regenwald und einmal Wüste in Indien zu sehen. Eine Woche vorher war klar, dass ich mitkomme. Drei Tage vor Abreise haben wir grünes Licht vom Chef bekommen, einen Tag vor Abfahrt dann Züge und Hotels gebucht. Auf indisch eben! Und es sollte spektakulär werden! Bleibt dran! 😉

Indische Züge sind Next level

Die Zugfahrt nach Jaipur, unserem ersten Ziel, dauerte fast 20 Stunden. Wir fuhren über Nacht und schliefen, wie in Indien üblich, in Zug-Betten. Liegewagen sind hier die Regel. In Indien gibt es auch mehr Klassen als in Deutschland. Hier ein kleiner Überblick:


  • ‚General‘: Sitzbänke ohne festen Platz
  • ‚Sleeper Class‘: Bett ohne Bettwäsche, drei übereinander, keine Klimaanlage
  • ‚AC 1-3‘: Bett mit frischer Wäsche, mit Klimaanlage
    • 1. Klasse: abgeschlossenes Abteil mit vier Betten, zwei übereinander
    • 2. Klasse: durch Vorhang abgetrenntes Abteil mit vier Betten
    • 3. Klasse: offene Abteile, drei Betten übereinander an jeder Seite und zwei Betten übereinander am Gang entlang

Am nächsten Morgen kamen wir dann in Jaipur in Rajasthan an. Vorbei an sehr vielen hochmotivierten Tuk-tuk-Fahrern, die uns überzeugen wollten, dass ihr Gefährt das beste ist, schlugen wir uns auf die Straße und gingen dann durch die ab da sehr friedlichen Straßen zu einem schönen und gemütlichen Hotel.

Sightseeing in Jaipur

In den nächsten Tagen besuchten wir unter anderem den City Palace, wo noch heute die Königsfamilie von Jaipur wohnt, und den ‚Palast der Winde‘ (Hawa Mahal), welcher im Jahr 1799 vom Maharaja Sawai Pratap Singh für seine Frau gebaut wurde. (POV: Wenn es adligen Frauen nicht erlaubt ist, von anderen Männern gesehen zu werden und du ihr der Einfachheit halber ein eigenes Schloss baust, in dem nur Frauen leben.) Die Architektur ist atemberaubend. In die äußeren Wände sind sehr viele kleinere und größere Löcher eingelassen für Luftdurchzug, natürliche Kühlung und eine gute Sicht auf das Geschehen außerhalb der Burg bei gleichzeitiger Unsichtbarkeit von außen.

Im Janta Manta, einer astronomischen Stätte, die wir besichtigten, wurden früher Datum, Jahres- und Tageszeit anhand des Sonnenstands gemessen, und auch Geburtstage, Sternzeichen und Geschlecht von Kindern vorausgesagt. Astronomie und Astrologie gingen damals Hand in Hand. Dazu hat man einige raffinierte und ziemlich große Instrumente konstruiert, die heute noch im Originalzustand dort zu sehen sind. Die Sonnenuhr funktioniert beispielsweise auch heute noch als Zeitgeber; auf zwei Sekunden genau, im Vergleich zur Digitaluhr. Hier wurden wir übrigens von einem Tourguide begleitet. Der hatte uns vor dem Eingang des Hawa Mahal auf der Straße angesprochen, um uns seine Tour zu verkaufen, sicherte uns prompt einen Studenten-Rabatt und gab uns dann immer wieder interessante Informationen während des Rundgangs durch Hawa Mahal und Janta Manta.

An anderen Tagen besuchten wir zwei Berg-Festungen um Jaipur herum. Von denen gibt es dort relativ viele, denn die Stadt liegt in einem Tal, umgeben von Berghängen. Die eine war fast eine Ruine. Dort liefen wir auf der äußeren Burgmauer herum und versuchten, möglichst spektakuläre Fotos von der Stadt im Tal zu machen, ohne den Hang hinunter zu fallen. Die andere war noch gut erhalten. Amber Fort heißt letztere. Von dieser Festung aus hatten wir einen wunderschönen Blick auf die Berghänge und einen See, der sich vor der Burg erstreckte.

Der Besuch eines hinduistischen Tempels durfte natürlich auch nicht fehlen. Genauer gesagt, haben wir uns sogar zwei Tempel angeschaut: einen, wo viele Touristen waren, und einen anderen, etwas abgelegeneren, wo eine ruhigere Atmosphäre herrschte. Beide waren spektakulär in ihrer Gestaltung. Weißer Marmor strahlte uns entgegen, der an den äußeren Tempelwänden zu so filigranen Verzierungen und Statuen von Menschen und Tieren geschlagen wurde, dass wir aus dem Staunen gar nicht mehr rauskamen. Beide waren vom Aufbau ähnlich gestaltet, wie ein Kirchenschiff mit Turm. Allerdings ähnelt der Turm von der Form her eher einem Tropfen und ist auch nicht begehbar.

Fort Jaisalmer – die westindische Burgstadt

Nach unserem Aufenthalt in Jaipur, wo wir im Wesentlichen zum Sightseeing waren, ging es für uns weiter nach Jaisalmer, eine Stadt im Westen Rajasthans und damit im äußersten Westen Indiens, gute 50 km von der pakistanischen Grenze entfernt. Dieses Mal nahmen wir den Bus und auf der Hinfahrt war der auch schön eingerichtet, sodass wir zwar keine erholsame, aber doch eine ganz gute Nacht hatten. Jaisalmer war vom Stadtbild noch mal eine andere Erfahrung als Jaipur. Die Häuser sind vielfach sandfarben gestaltet, während sie in Jaipur eher braun-rötlich, manche sagen pink, aussehen. Einen Tag haben wir uns die Burganlage im Zentrum der Stadt angeschaut. Das ist eine richtige kleine Stadt in der Stadt, mit Läden, Restaurants und Wohnhäusern. Alles vollkommen auf Tourismus ausgelegt.

Dreitägige Wüsten-Safari

Am nächsten Tag ging es dann endlich in die Wüste. Hier hatten wir eine Kamelsafari mit zwei Übernachtungen „unter den Sternen“ gebucht. Morgens wurden wir vom Jeep abgeholt und erstmal einige Kilometer aus der Stadt rausgebracht. Dann stiegen wir auf die Kamele. Deren Zustand ist nicht so rosig. Sie haben einen Metallstift durch die Schnauze gezogen, an dem die Zügel befestigt sind, mit denen sie geführt werden. Das machen wir also nicht nochmal. Hätte man das ahnen können? Wahrscheinlich 🫤

Aber gut, jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Rauf aufs Kamel und ab geht die Reise. Sonnencreme, Sonnenbrille und Cappy sind die wichtigsten Begleiter. Vorräte für zweieinhalb Tage wurden auf den Kamelen verstaut. Und dann ging es los.

Nach ein paar Stunden Reiten (schon ein bisschen wackelig…) waren wir in der Wüstensteppe, wo sonst keiner ist. Das nächste Dorf liegt ein paar Kilometer entfernt… Die tiefe Stille, die um uns herum lag, war ungewohnt. Das hatte ich bisher nicht in Indien, dass es, bis auf wenige Vögel, komplett still ist. Eine sehr willkommene Abwechslung! Für Entspannung auf dem Kamel war jedoch die Sonne zu stark. Dabei war es Winter! Wie soll das im Sommer hier sein?! Faszinierend fand ich die Mischung aus kahlen Sandflächen auf manchen Dünen und der spärlichen Vegetation auf den Ebenen, die hauptsächlich aus Büschen, Sträuchern und vereinzelten Bäumen besteht. Durch diese Landschaft ritten wir also Stunde um Stunde, zwischendurch Mittagspause, und dann wieder weiter.

Psst! Was ist das für ein Klingeln? Oh, da vorne läuft eine Ziegenherde zwischen den Dünen entlang! Und etwas entfernt schlendert ein gelangweilter Hirte und schaut Insta Reels, dem Sound nach zu urteilen. TikTok ist ja verboten in Indien. Das Internet in der Wüste Rajasthans ist übrigens besser als bei mir zuhause in Niedersachsen. 🤔

Davor waren wir schon einem Kameltreiber über den Weg gelaufen, der seine Kamele gesucht hat. Seltene Begegnungen mit anderen Menschen. Ab und zu kamen wir an verlassenen Hütten vorbei, die nur in der Erntezeit bewohnt sind, wenn viele helfende Hände auf dem Feld gebraucht werden. Denn, obwohl die Landschaft der Dornensavanne, so der Fachbegriff, relativ karg ist, wird dennoch in Teilen Ackerbau betrieben. Einmal ritten wir an einem kleinen Schrein mit einer Götterfigur vorbei.

Die Nächte in der Wüste waren kalt, wirklich kalt. Wir wurden glücklicherweise mit mehreren dicken Decken ausgestattet, um auch den Wind irgendwie abzuhalten. Denn wir haben komplett im Freien geschlafen. In der zweiten Nacht kamen noch andere Touristen aus Neuseeland dazu, die nur für eine Nacht in der Wüste waren. Wir wurden dann am nächsten Morgen zusammen im Jeep abgeholt und wieder nach Jaisalmer zurückgefahren.

Noch eine Anmerkung zum Essen: Ich finde es bemerkenswert, wie lecker das Essen war, dass wir in diesen zweieinhalb Tagen gegessen haben. Die Lagerplätze waren mit Kochutensilien ausgestattet und auf dem Kamel wurde wirklich alles mitgenommen, was man für ein indisches Essen und Frühstück und Snacks und Chai, so braucht. Vor allem konnte unser Wüstenführer wirklich gut kochen! Dass alles komplett frisch gekocht wurde, war nach drei Monaten Indien kein Schocker mehr für uns, sorgte aber einmal mehr für wirklich leckeres Essen! Mit Wasser und Sand die Töpfe und Teller abzuwaschen, war zudem eine interessante und auch bereichernde Erfahrung für mich. Für mich war es erst ungewohnt, Sand zum Reinigen zu benutzen. Aber es funktioniert! Der Teller ist sauber. Eine kleine Erinnerung daran, dass Lebens- und Hygienekonzepte anderer Kulturen funktionieren, wenn sie auch anders als das sind, was wir kennen.

Im nächsten Blog teilt Riko mit euch einige Erfahrungen unserer Reise nach Odisha, ein Bundesstaat im Osten Indiens, wo wir Weihnachten verbracht haben. Bleibt dran!

Wat der Bur nich kennt zählt hier nix

11.11.2019, 14:10 in Schleswig

13.02.1441, 15:10 in Ägypten

Erster Tag des Monats Hathor, 1736, 15:10 in Anaphora

Salam meine lieben Blogleser,

im letzten Blog habe ich ja schon erwähnt, dass ich gut mal über die Landwirtschaft in Anaphora schreiben könnte. Deshalb soll sich dieser Blog auch ganz um das Thema drehen. Mit der Landwirtschaft in Kontakt gekommen bin ich natürlich schon in meiner Kindheit, sodass mir die Arbeit hier nicht ganz fremd ist, doch gibt es trotzdem einige Dinge, die mir ungewöhnlich vorkamen. Aber eins nach dem anderen.

In den letzten Wochen haben wir begonnen, die Felder in Anaphora für die Saat vorzubereiten, bzw. die eingesäten Keimlinge von Unkraut zu befreien. Dies findet hier im Oktober und November statt, weil der Winter komplett ausreichende Temperaturen für die Aufzucht von Gemüse und Getreide hat und all dies im Sommer vertrocknen würde. Eigentlich total logisch, doch ungewohnt für mich, da wir in Deutschland ja nicht auf den Winter, sondern vielmehr auf den Sommer angewiesen sind, damit die Pflanzen perfekt wachsen können.

Die erste Pflanze, mit der wir gearbeitet haben, war Knoblauch, den William und ich in friemeliger Handarbeit so auseinander genommen haben, dass die Arbeiter die einzelnen Zehen einpflanzen konnten. Tatsächlich haben wir fast zwei Wochen im Schatten von Dattelpalmen oder Birnenbäumen damit verbracht, unzählige, riesige Säcke von Knoblauch zu zerteilen bis eine Fläche von grob geschätzt 0,5 km²  bepflanzt war. Das ist tatsächlich eine extrem große Menge, aber immerhin muss der Knoblauch lange halten, da er im Vergleich zu anderen Lebensmitteln recht teuer ist, sodass Anaphora ihn ungerne das ganze Jahr über einkaufen will. Außerdem ist es schwer zu sagen, wie viel der Fläche tatsächlich nur Knoblauch ist, da die Felder immer mehrere Früchte erzeugen. Auf den Knoblauchfeldern, sowie bei den Auberginen, stehen zwischen den Reihen auch Obstbäume, wie Birnen oder Guave, die man in Deutschland teilweise in Säften findet. Als Frucht habe ich sie aber vorher noch nicht gesehen. Rein optisch und geschmacklich erinnert sie an eine überreife Birne, die super harte Kerne hat, welche man aber mitessen kann. Zudem stehen auf vielen Feldern Moringabäume – die reinsten Wunderbäume wenn man so will.

Was ich schon über Moringa wusste, war, dass das irgendeine Pflanze ist, die in manchen Kräutertees beigemischt wird. Allerdings gibt es noch einiges mehr zu wissen: Der Moringa- oder auch Meerrettichbaum stammt aus Ostafrika, ist aber auch in Indien beheimatet (Grüße gehen raus an alle Indien- und Tansaniafreiwilligen). Zudem wird er auch in Mittelamerika und Westafrika angepflanzt, da seine Früchte der Mangelernährung vieler Menschen, sowie der Entwaldung entgegenwirken können. Die bis zu 90cm langen Schoten, die aussehen wie kantige, überdimensionale Gurken, können gekocht oder roh gegessen werden, allerdings sind sie ziemlich säuerlich-bitter. Im Prinzip sind sie von der Zubereitung her wie Bohnen. Nur halt Bohnen, die fast einen Meter lang sind. Moringa hat auch den Vorteil, dass die Schoten schon einen Monat nach der Blüte reif sind. Zudem kann man den Saft der jungen Blätter verwenden, um die Auswirkungen von Mangelernährung, Anämie und Diabetes Typ 2 sehr billig und gleichzeitig wirksam zu behandeln. Dies funktioniert auch bei Menschen, die chemische Substanzbehandlungen, bzw. Medikamente nicht vertragen. Aus den Samen kann ein Öl gewonnen werden, welches als eines der stabilsten Pflanzenöle gilt, da es erst nach vielen Jahren schlecht wird. Zudem kann man es zu Biodiesel weiterverarbeiten. Die Samen können zu Pulver zerrieben Wasser reinigen, welches von Schwebstoffen und Bakterien verschmutzt ist, wie zum Beispiel Wasser aus dreckigen Flüssen oder Seen. Ein großes Fass kann mit 200 bis 300 mg des Pulvers so gereinigt werden, dass es für Menschen unbedenklich ist. Dafür muss man nur das Pulver hinzufügen und 15 bis 20 Minuten rühren. Dank der hohen Oberfläche der Samenpartikel wird jeglicher Schmutz etc. daran gebunden und sinkt zu Boden. Besonders dieser Effekt kann einen gravierenden Unterschied in der Wasserversorgung von Menschen machen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Billiger und natürlicher geht es wahrscheinlich nicht. Gleichzeitig sind diese Bäume sehr anspruchslos gegenüber der Bodenqualität und kommen auch mit wenig Wasser aus. Zum Glück haben wir hier ein gutes Bewässerungssystem und zwischen den Pflanzreihen auch immer eine Mulch-Reihe, wo das Unkraut aus der Pflanzreihe zu Kompost wird. Auf diese Weise ist die Landwirtschaft sogar am Rand der Wüste ziemlich ertragreich.

Allerdings ist diese Form der nachhaltigen Landwirtschaft kein Beispiel für ganz Ägypten. Ein ganz großes Thema hier ist die Wüstenbildung, weil die kargen Böden über Jahre hinweg mit Monokulturen von Weizen oder Mais ausgelaugt werden. So werden sie langfristig zu unbrauchbaren Geröllhalden, die wir jedes Mal sehen können, wenn wir nach Kairo fahren. Teilweise gibt es grüne Flecken, wie Anaphora, aber ein Großteil der Flächen wird nur gefüllt von verdorrten Palmenstüpfen und halb abgerissenen Farmen. Denn hier wächst nichts mehr und die Menschen, die einst ihre Felder hier hatten, mussten diese aufgeben. Wo es dagegen grün ist, werden oftmals harte Pestizide und Dünger eingesetzt, um die Erträge künstlich hoch zu halten. Gesund oder nachhaltig ist das aber selbstverständlich nicht. Bestimmt sieht das ganze direkt am Nil noch etwas anders aus, aber in diesen Regionen war ich leider noch nicht.

Das zweite Problem ist die Versalzung. Das Grundwasser in dieser Region (Wadi al natrun = Natrontal) ist von Natur aus recht salzig, bzw. mineralstoffreich. Wird damit auch noch künstlich bewässert, kann das schwere Folgen haben. Insgesamt sind 20% der gesamten landwirtschaftlichen Flächen weltweit von Versalzug bedroht und ungefähr 50% aller Künstlich Bewässerten. In Ägypten alleine sind aufgrund dieses Problems schon 30-40% aller Flächen verloren gegangen, die eigentlich genutzt werden könnten. Dies passiert, wenn durch starke Bewässerung, Überflutungen oder starken Regen die Salze aus dem Boden gelöst werden und mit dem verdunstenden Wasser an die Oberfläche kommen. Wenn das Wasser dann verdunstet ist, bleibt nur das Salz übrig, wie bei einem verkalkenden Wasserkocher oder wie in meinem Badezimmer gerade… Dieses Salz ist dann, man kann es sich gut vorstellen, schädlich für die Pflanzen, verringert die Erträge und führt anschließend zum Tod des Feldes. Ohne aufwändige und teure Maßnahmen ist diese Fläche für immer verloren. Gleichzeitig ist Ägypten auf die Landwirtschaft angewiesen, da die Bevölkerung rasant wächst. Schon jetzt müssen 50% des Weizens importiert werden, der praktisch das einzige Getreide ist. Gibt es Probleme auf dem globalen Weizenmarkt oder starke Preisschwankungen, wird Ägypten unmittelbar betroffen sein. 1977 und 2008 kam es zu ernsthaften Problemen, als Weizen und Reis rapide im Preis stiegen, sodass sich große Teile der Bevölkerung diese Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten konnten. Wenn ich besser informiert bin, erkläre ich dieses Thema auch gerne mal in einem späteren Blog.

Aber zurück zur Landwirtschaft: Eine Methode, um diese Versalzung zu verlangsamen, ist eine schonende Bewässerung, wie die Tröpfchenbewässerung, die wir auch hier anwenden. Aus dünnen Schläuchen mit kleinen Löchern tröpfelt langsam das Wasser an die Pflanzen unmittelbar neben ihnen. Der einzige Nachteil ist hier nur, dass jede Pflanze direkt neben den Schlauch gesetzt werden muss. Eine Arbeit die viel länger dauert als einfach die Saat zu verstreuen, wie wir es mit unserem Weizen machen. Deswegen gibt es auf diesen Feldern ausnahmsweise Sprinkleranlagen, welche im Sinne der Versalzung zwar nicht optimal, aber natürlich sehr praktisch sind.

Kleine Story am Rande: Letzens haben die Sprinkler aber nicht funktioniert, weil jemand mit dem Trecker über die Wasserleitungen gefahren ist, die nur wenige Zentimeter unter der Erde verlegt sind. Die gebrochenen Stücke mussten also herausgesägt und durch neue ersetzt werden.

Aber es gibt noch weitere Methoden, um mit der Versalzung umzugehen: Die passenden Pflanzen finden. Während Gemüse und einjährige Pflanzen sehr salz- und feuchtigkeitsempfindlich sind, weisen andere Pflanzen eine hohe Toleranz dem gegenüber auf: Zum Beispiel das oben erklärte Moringa oder die schachtelhalmblättrige Kasuarine (ja, die gibt es wirklich). Dieser Baum ist in Ägypten nicht heimisch, sondern in Südostasien (jetzt gehen Grüße raus an die Philippinen und Papua Neuguinea), wo er an Stränden im salzigen und sandigen Boden wächst. Hier dient er als Knick und als Schattenspender auf Wegen. Auch Orangen- und Mangobäume besitzen wir in großen Mengen und sie wachsen ohne Probleme. Nur die Feigenbäume tun sich etwas schwer mit den Böden. Weitere geeignete Pflanzen sind Hibiskus, dessen Früchte man super zu Marmelade oder Saft verarbeiten kann, und Dattelpalmen.

Ganz vorne dabei sind aber selbstverständlich die Olivenbäume, ohne die Anaphora nicht existieren würde. Olivenbäume sind schon etwas sehr spezielles. Man weiß nämlich nie, wie viel sie tragen werden. Die letzten Jahre über war es schwer, eine Tonne Oliven zu erreichen, die wir brauchen, weil das Kloster, wo die Presse ist, nur Mengen über einer Tonne akzeptiert, oder die Oliven werden mit fremden gemischt, die aber nicht pestizidfrei angebaut werden. So könnte das Öl dann nicht als 100% bio  und 100% Anaphora-echt verkauft werden. Um die Erträge zu steigern bekamen die Bäume deshalb 2016 einen starken Schnitt, der dieses Jahr spürbar wurde. Die geerntete Menge betrug nämlich mehr als 15 Tonnen. Eine Zahl die unglaublich fern von dem ist, was Anaphora jemals geerntet hat. Aus diesen 15 t können knapp 12 t bis 13 t Öl erzeugt werden, die zum größten Teil an andere Klöster verkauft werden oder hier Bestandteil von Cremes und Seifen sind. Und zum Kochen benutzen wir es natürlich auch. Nicht eingerechnet in diese Zahl sind die Oliven, die wir Anfang September geerntet haben. Diese wurden eingelegt, um sie entweder hier zu essen oder um sie ebenfalls zu verkaufen.

Williams und meine Arbeit beim Olivenernten bestand darin, die vollen Eimer von jedem Baum zum Anhänger zu bringen, auf dem sie in Säcke umgefüllt wurden. Die Säcke haben wir dann in einem großen Raum ausgekippt, wo die Oliven sortiert und gewaschen wurden, um sie anschließend zur Presse bringen zu können. Jeder Eimer wiegt zwischen 6 und 10 kg und jeder Sack um die 40 kg. Kein Wunder, dass wir nach zwei Wochen Ernte am Ende unserer Kräfte angelangt sind. Trotzdem war ich ein klein bisschen traurig, als wir plötzlich den letzten Baum vor uns hatten, da die Ernte ein sehr besonderes Erlebnis war. Man kann es sich so vorstellen, dass man durch einen jungen Wald geht, in dem Menschen über, hinter, in und auf Bäumen singen, lachen, übertrieben laut Musik abspielen, an der puren Menge an Oliven verzweifeln oder all das gleichzeitig machen. In den Pausen gibt es Tee (eigentlich ist es eine Art Tee-Sirup, der Menge an Zucker nach zu urteilen), der überm offenen Feuer zubereitet wird. Als Snacks haben wir verschiedene Kekse oder fake Kit-Kats, wie auch Fladenbrote, die nicht schlecht sind, wenn man sie kurz auf die Flammen legt. Außerdem brennt die Sonne ab 10 Uhr im Nacken. Vor zwei Wochen habe ich außerdem auch einen Rekord bei meiner Schrittzähler-App gebrochen, an dem Dienstag waren es 24491 Schritte, was ca. 18 km entspricht. Am Mittwoch danach waren es immerhin 24111 Schritte. Ja, das ist ziemlich anstrengend, aber die Oliven müssen so schnell es geht geerntet werden, weil sie während der Lagerzeiten viel Flüssigkeit verlieren, wegen derer wir sie ja ernten. Deswegen haben wir auch Unterstützung von einer Gruppe aus Alexandria bekommen, die immer wieder für unterschiedliche Aufgaben nach Anaphora kommt. Aber jetzt ist alles geschafft und auch der letzte Baum ist abgeerntet.

Es gibt, soweit ich weiß, noch keinen Plan dafür, aber jetzt die Woche ist der Hibiskus an der Reihe und auch die Orangen werden immer besser. Die Feigen brauchen aber noch etwas Zeit. Alle freuen sich hier aber schon auf den nächsten April, wenn die Maulbeerensaison anfängt. Mangos haben wir zum Glück noch im Tiefkühler. Wenn es sie nicht klein geschnitten oder als Saft gibt, dann im Obstsalat mit Guave, Trauben und Granatapfel. Ihr merkt, frische Früchte spielen eine große Rolle. Genau wie Auberginen, die so groß sind wie kleine Melonen und die Wiese aus Minze, die zum größten Teil im Teewasser endet. Ein neueres Testprojekt sind Aloe Vera und Sonnenblumen. Auch seit diesem Jahr auf dem Plan: Mais. Deshalb hatten wir auch beim Olivenernten einmal salziges Popcorn vom eigenen Hof. Mal schauen wie sich das alles hier entwickelt und was die nächsten Testprojekte sein mögen. Eins steht fest: Es wird wahrscheinlich ziemlich lecker.

Mit diesem Blog möchte ich das Thema Landwirtschaft bis hier hin einmal abschließen, doch bin ich mir sicher, dass es noch einen großen Einfluss auf die nächsten Blogs hat, da der Hof einfach das Herzstück Anaphoras ist. Zudem finde ich die Ideen und Methoden, die Anaphora für die nachhaltige Landwirtschaft einsetzt, sehr interessant, gerade im Hinblick auf die Zukunft dieser Region.

Ich hoffe, euch geht es gut auf Sri Lanka, in Schleswig oder Sydney, Kiel, München oder Mielberg! Macht´s gut und bis bald 🙂