Anaphora – Dezember 2024

Wir haben jetzt schon den 29. Dezember 2025 und mein Blogbeitrag kommt verspätet. Das Gute daran ist aber, dass in der Zwischenzeit Weihnachten in Anaphora war und ich darüber berichten kann. Aber fangen wir erstmal da an, wo ich beim letzten Mal aufgehört hatte.

Meine Arbeit…

Zuletzt hatte ich ja noch auf dem Feld gearbeitet, doch kurz danach entschied ich mich, zu Emiliano auf die Baustelle zu kommen. Dort arbeitete ich über einen Monat und es war sogar noch besser als das Feld. Denn dort waren ungefähr 20 andere Mitarbeitende. Und ich verstand mich sofort sehr gut mit ihnen.

In Ägypten ist eine Baustelle ganz anders als in Deutschland. Es wird alles mit der Hand gemacht und dadurch ist es echt anstrengend und aufregend; es kann vorkommen, dass man sich auf einer selbst gebauten Leiter befindet und an einem Tag nicht eine, sondern zwei Sprossen dieser Leiter abfallen und das alles in einer Höhe von vier Metern… Die Leiter wird natürlich weiter genutzt danach. Und das ist genau das, was ich hier am Arbeiten liebe. Es ist ein ständiger Nervenkitzel und ich bin ein Mensch der braucht diesen Nervenkitzel im Alltag.

Dann gibt es auch Momente wo man mit zwei Eimern Zement den ganzen Tag von einem Dach zum anderem über eine kleine Holzplanke laufen muss. Und dies ist eine gute Situation, um den Humor von den anderen zu erklären, denn der, der diese Aufgabe hat wird meistens durch Sprünge auf die Enden der jeweiligen Planke zusätzlich auf die Probe gestellt, sein Gleichgewicht halten zu können.

Probleme und deren Lösung

Ich verstand mich mit den Arbeitern so gut, dass ich begann, auch nach der Arbeit mit ihnen Zeit zu verbringen. Es ist nämlich so, dass sie nicht in die Nähe des Zentrums von Anaphora dürfen; sie bekommen auch anderes Essen, welches sie an einem separaten Ort einnehmen. Ich fing irgendwann an, immer häufiger mit ihnen zusammen zu essen und vernachlässigte dadurch meine, von meiner Chefin erwünschte Präsenz im Zentrum der Einrichtung. Dies missfiel meiner zuständigen Schwester / Chefin sehr. Ich ging z.B. nicht in die Kirche oder zu den Morgen-Meetings. Es gab noch weitere Missverständnisse und Versäumnisse meinerseits. Doch diese ließen sich durch ein Gespräch und durch die sehr engagierte Hilfe der Organisation lösen. Natürlich musste ich auch mein Verhalten ändern. Dadurch lernte ich, dass es in Anaphora essenziell ist, neben dem Erledigen der täglichen Aufgaben, sich gut in die Gemeinschaft zu integrieren. Und man sollte nichts tun, ohne es vorher mit der zuständigen Schwester abzusprechen, was mir, aufgrund meiner Kultur schwer eher fällt. Aber darum geht es ja auch bei dem Abenteuer, sich einer anderen Kultur anzupassen.

Was ich jetzt mache…

Nach der Baustelle hatte ich eine Woche im Restaurant gearbeitet und jetzt arbeite ich in der Tischlerei. Hier finde ich es perfekt. Ich arbeite in einer Werkstatt zusammen mit drei weiteren Kollegen. Dadurch formt sich eine enge Gemeinschaft und an manchen Tagen arbeitete ich auch auf einer Baustelle, um z.B. Fenster an der Kirche einzubauen.

Eine andere Neuigkeit ist, dass ich jetzt zwei Katzen habe. Schon seit zwei Monaten ungefähr. Ich habe sie adoptiert, da die Mutter gestorben ist. Und sie tun mir sehr gut. Immer, wenn ich mich schlecht fühle, muntern sie mich wieder auf. Ich muss mir nur noch überlegen, wie ich sie nach Deutschland bekomme. Eine weitere Sache, die mir aufgefallen ist, wie mich Anaphora verändert: Ich hatte mir kurz vor Weinachten fünf Tage Urlaub in Kairo genommen und schon ganz am Anfang dieser Zeit hatte ich gemerkt, wie verwildert ich war. Es ist in Anaphora total egal, wie man herumläuft. Dadurch bekam ich die ersten Tage komische Blicke. Doch habe ich das Gefühl, entspannter geworden zu sein oder eine andere Aura auszustrahlen als vorher.

Weihnachten

Das koptische Weihnachtsfest ist am 7. Januar; am 24. Und 25. Dezember hatten wir zwei freie Tage bekommen und alle waren ganz besonders nett zu uns. Emiliano und ich haben uns einen Film angeschaut und für mich war es perfekt.

Ein Wort der Warnung

Anaphora kann manchmal zu viel werden, denn es kann passieren, dass die zuständige Schwester wütend ist und du dich einsam fühlst. Mir z.B. ging es so, als ich keinen Kontakt mehr zu einer mir sehr wichtigen Freundin aus Deutschland hatte. Dadurch, dass man in Anaphora keine Frauen kennen lernen kann oder darf, habe ich mich total verloren gefühlt. Das Problem dann ist, dass man keine Zeit hat sich mit den Gefühlen auseinander zu setzen. Denn Momente der Schwäche sind in Anaphora schwierig. Der Alltag geht weiter und man muss funktionieren.

Allerdings…

ich liebe Ägypten und freue mich über die Erfahrung, hier sein zu können.

Viele Grüße aus Ägypten

Victor

Welcome to Anaphora

Anaphora

Hey, ich bin jetzt seit dem 4. September 2024 in Ägypten. Die Einsatzstelle zeichnet sich dadurch aus, dass man eher mit Erwachsenen – nicht unbedingt mit Kindern zusammenarbeitet. Meine Aufgaben hier sind gar nicht so leicht zu beschreiben, da es ganz bei dir liegt, was du machen willst. Ich arbeite z.B. auf dem Feld, aber dazu später mehr. 

Anaphora kann man sich wie ein Dorf vorstellen, das gleichzeitig eine ganz eigene Welt ist. (Für weitere Bilder schaut auf meinem Freiwilligenaccount bei Instagram @victor.in.the.oasis, dort erzähle ich auch von meinem Alltag.) Das entscheidende hier ist, dass du hier gefragt wirst, wo du arbeiten möchtest. Du kannst dich aber auch durchprobieren.

mein Alltag

Morgens stehe ich um 7:00 Uhr auf trinke einen Kaffee und gehe direkt aufs Feld. Dort arbeite ich bis zum Mittag, esse kurz und arbeite meistens bis zum Abendessen 18:00 Uhr durch. Danach ruhe ich mich aus bis 20.30 Uhr, weil dann die Nachtschicht beginnt. Die geht ca. bis 22:00 Uhr. Dann kann ich eigentlich nur noch schlafen. Das geht so sechs Tage die Woche. Dies klingt nun erstmals nicht unbedingt spannend, doch ich könnte mir nichts Spannenderes vorstellen und ich bin keine Person, die nicht weiß wie man Spaß haben kann. In Deutschland habe ich in Hamburg gelebt und schon mit 16 meine Wochenenden auf dem Kiez verbracht. Auch war ich eher arbeitsscheu. Ich hatte nie einen normalen Schülerjob, da ich mir nicht vorstellen konnte, meine Zeit damit zu verschwenden, meine kostbare Zeit in der Gastronomie oder im Einzelhandel zu verschenken. Doch wie kommt es dann, dass ich jetzt der bin, der nach dem Mittagessen wieder der erste auf dem Feld ist und es einfach nicht abwarten kann zu sehen, was das Feld an diesem Tag zu bieten hat? 

Tea-Time

Auf die Frage weiß ich noch keine Antwort, doch was ich sagen kann ist, dass du mit Sicherheit auch so denken wirst, wenn du mit der richtigen Einstellung nach Anaphora kommst. Wie du diese Einstellung bekommst, ist meiner Erfahrung nach, wenn du zwei Dinge weißt: Zum einem, dass du in Anaphora keine Grenzen hast, dich einzubringen: du musst einfach Initiative zeigen, dich etablieren und out of the Box denken. Als Beispiel gibt es in Anaphora ein Community College, dort Englisch Unterricht zu geben,  schlägt dir keiner vor, dafür musst du die richtigen Leute kennen lernen und deine Hilfe anbieten. 

Wochenende

Hier habe ich eine Sechs-Tage-Woche, deshalb habe ich nur am Sonntag frei, doch ich kann nur empfehlen, diesen zu nutzen, um in andere Städte zu fahren. Dort lassen sich Bekanntschaften knüpfen, mit denen man etwas unternehmen kann. Ich war letzten Sonntag allein in Alexandria, dort kannte ich noch niemanden, aber es hat gut getan mal wieder die Großstadt zu sehen. Teuer war der Ausflug nicht, ich bin am Samstagabend nach der Arbeit losgefahren mit einem Fahrer von Uber. Ich habe 6$ für ein Hotel und 12$ für die Hin- und Rückfahrt gezahlt. Eigentlich wollte ich nach langer Zeit mal wieder feiern gehen, doch als ich da war, hatte ich gemerkt, dass ich gar kein Interesse daran hatte. – Ägypten hat mich wirklich verändert.

die Anfänge

Die ersten zwei Wochen hatten wir einen Sprachkurs in Kairo gemacht. Der war wichtig, um das Land zu verstehen und Leute kennenzulernen, deshalb kann ich nur empfehlen, diese Zeit zu nutzen.

Markt in Kairo

Danach sind wir das Wochenende nach Hurghada gefahren, um das Rote Meer zu genießen. Dann hatten wir die nächsten zwei Wochen keine feste Arbeit in Anaphora, sondern hatten geschaut, wo wir helfen konnten. Wir hatten in der Anfangszeit einen zwölfjährigen Chef. Zu der Zeit hatten wir nicht mal halb so viel gearbeitet wie jetzt. Das kam erst, als wir uns für unsere Berufe entschieden hatten. Wir können unsere Tätigkeiten nach einem Monat wechseln. Die Leute auf dem Feld arbeiten noch mit am meisten. Es arbeitet auch nicht jeder so viel. Hier sind auch manchmal andere Freiwillige meistens aus Schweden, die oftmals nur ein paar Stunden am Tag arbeiten. 

auf dem Feld

Zuerst hatte ich nur Unkraut gepflückt, doch nach einer Woche stand eine Großaktion an, wo alle Feldarbeiter auf einem Feld gearbeitet hatten. Da war denke ich der Moment, an dem ich mich beweisen konnte, denn danach wurde mir ein eigenes Feld zugeteilt, welches ich innerhalb von drei Tagen fertigstellen sollte. In dieser Zeit geriet ich in eine Art meditativen Zustand wodurch ich aufhörte, mich mit Leuten zu unterhalten. Ich sprach nicht einmal mit meinem Mitfreiwilligen (obwohl wir sehr gute Freunde geworden sind), doch als ich das Feld fertig bearbeitet hatte, fühlte ich mich wie ein Schmetterling, der aus einem Kokon ausbrach und ich sprach wieder mit den Leuten, nur fühle ich mich seitdem anders. Ich denke ich brauchte die Zeit mit mir selbst. Jetzt arbeite ich mit zwei Leuten auf einem Feld. Beide sprechen kein Englisch aber meistens braucht man kaum Worte, um einander zu verstehen. Mit denen habe ich Spaß, auch wenn ihre Art von Spaß manchmal darin besteht, sich gegenseitig zu beleidigen und mit Steinen zu bewerfen. Was auf dem Feld auch verbindet, ist das Teilen von Wasser, da es immer einen gibt, der seine Flasche entweder vergessen hat oder sie schon ausgetrunken hat. (Kleiner Tipp, wer zwei Flaschen mitbringt, ist der Beliebteste.)

auf dem Feld

Ich denke man merkt, dass ich mich ein wenig in das Feld verliebt habe, aber was ich damit sagen will ist, dass man sich in Anaphora etablieren muss. Wenn man hart und viel arbeitet gehört, man dazu und wird geschätzt, respektiert und was das Wichtigste ist: auf Augenhöhe behandelt anstatt zimperlich. 

jeder Tag ist anders

Abschließend möchte ich dir noch auf den Weg geben, dass ich mein Leben jeden Tag anders beschreiben würde, da jeder Tag ein anderes Gefühl in mir entflammen lässt. Und was das Vermissen meines Lebens in Deutschlang angeht, das tu ich meistens nicht. Nur selten vermisse ich einzelne Dinge, dies hält aber nie länger als ein paar Stunden an. Doch ich denke, da ist jeder Mensch anders. Auch die Menschen in Anaphora sind unglaublich nett und sprechen dich an. Man unterhält sich jeden Tag mit jemand anderem.

Viele Grüße
Victor