Afrika? Ein gefährliches Land?!

Ich war mir nicht sicher, was ich in meinem letzten Blogbeitrag dieses Auslandsjahres thematisieren sollte. Aber in den vergangenen Wochen wurde mir diese Entscheidung aufgrund der hier geschehenen Ereignisse abgenommen. Es ist fast, als würde mein Lerndienst enden, wie er begonnen hatte. Mit einem Theaterstück über Revolution, während draußen auf den Straßen Nairobis und im ganzen Land die Proteste stattfinden.

Als ich im August 2024 in Kenia landete, hatte sich die Lage der Demonstrationen zwar bereits beruhigt, aber die Menschen hatten nicht vergessen. Im Nationaltheater schauten wir das Musical „Sarafina“, eine Vorstellung über eine junge Frau inmitten einer Jugendbewegung im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika in den 1980er Jahren. Der Abend ist mir bis heute noch lebendig in Erinnerung; voller Energie, Sehnsucht und den Facetten einer mir fremden Welt. Das Theater war erfüllt von einer Spannung und Sinnigkeit; denn obwohl nicht derselbe Kampf bis vor kurzem in Nairobi gekämpft wurde, so waren es doch dieselben Glaubenssätze und derselbe Schmerz, den die Kenianer*innen mit den Protagonist*innen des Stückes teilten. Der Glaube an ein vereintes Vorgehen gegen ein Unrecht, die Leidenschaft für die gemeinsame Sache und der Schmerz von Gewalt, Verlust und Tod.

(Nairobi 2024)

Auslöser der Proteste 2024 war ein Finanzgesetz, das die Einführung neuer Steuern vorsah. Die Preiserhöhungen auf Brot, Öl oder Hygieneprodukte stellten für so manche eine Existenzbedrohung dar. Als Reaktion entwickelte sich die größte Jugendprotestbewegung auf dem afrikanischen Kontinent – unabhängig von ethnischen Gruppierungen und Zugehörigkeiten. Doch die Gründe für den Zorn und die Unzufriedenheit mit der Politik liegen tiefer. Der Frust über die herrschende Korruption, das arrogante Auftreten der politischen Elite und besonders die hohe Jugendarbeitslosigkeit brodelte schon lange unter der Oberfläche der Gesellschaft. Das durfte ich selbst in den vergangenen Monaten an unterschiedlichsten Stellen erfahren.

Hanan, Peter, Dennis, Mary, ich könnte dutzende Namen nennen; Namen von jungen Menschen, die auf der Universität studiert und ihren Abschluss gemacht haben in Biologie, Business oder Wirtschaft. Und nun stehen sie da ohne Job, ohne Ausblick auf Karriere. Es fehlt an Arbeitsplätzen. Manche warten und hoffen auf die Gelegenheit, ihr Geld mit der Arbeit zu verdienen, für die sie ausgebildet wurden, andere suchen sich Jobs wie Bodaboda-Fahren oder verkaufen Kleinigkeiten und Snacks am Straßenrand. Ob Daniel, mit dem ich auf den Mt. Kenya gewandert bin, Brian, den ich beim Tanzen kennengelernt habe, oder diverse Uber-Fahrer; niemand macht ein Geheimnis aus der Unbeliebtheit des Präsidenten. Und es war vor allem sie – die junge Generation – die im letzten Juni auf den Straßen Parolen wie „Ruto must go“ gerufen hat. Am 25. Juni 2024 stürmten die Demonstrierenden das Parlament. Die Polizei setzte scharfe Munition ein und schoss mitten in die Menge. Mehr als 23 Menschen sind dabei zu Tode gekommen.

Und nun, da sich der Jahrestag dieses denkwürdigen Ereignisses näherte, trieb es die Menschen erneut auf die Straßen. Als ich mich vor einigen Tagen nach Nairobi wagte, um mir ein Theaterstück über den Revolutionsführer Dedan Kimathi im MauMau-Aufstand der 1950er anzusehen, begegnete ich etlichen Soldaten, bewaffnet mit Gewehren und Knüppeln, die an der Straße und in Parks positioniert waren, um gegebenenfalls bei Unruhen eingreifen zu können. Die Demonstrierenden fordern Gerechtigkeit für Albert Ojwang und den Rücktritt des Polizeibeamten Lagat, dessen Klage in jenem Fall zur Verhaftung Ojwangs führte. Der Lehrer und Blogger wurde nach Folter auf der zentralen Polizeiwache getötet. Präsident Ruto äußerte sein Bedauern und versicherte, persönlich für Gerechtigkeit Sorge zu tragen. Zwei Polizisten wurden im Zusammenhang mit der Ermordung festgenommen. Doch die Amtsenthebung und Verhaftung des stellvertretenden Generalinspektors Lagat, die die Protestierenden vehement einfordern, steht noch aus. Als sie am Dienstag, den 17. Juni, auf die Straßen gingen, eskalierte die Situation. Ich habe die Lage zeitgleich in den sozialen Medien verfolgt und war beim Anblick der Bilder und Videos dankbar, mich nicht im Stadtzentrum Nairobis zu befinden.

Parolen wurden gerufen, die Polizei setzte Tränengas ein, vermummte Schlägertruppen mit Knüppeln und Messern ausgerüstet schlugen auf Zivilist*innen ein und einem Mann, der im Viertel Masken zum Schutz vor dem Tränengas verkaufte, wurde von einem Polizisten aus nächster Nähe in den Kopf geschossen; nur mit viel Glück und dank einer Notoperation überlebte er den Angriff. Leider gilt dies nicht für alle. In ganz Kenia nahmen Menschen an den Demonstrationen teil und einige kamen dabei ums Leben. „We are peaceful“, rufen die Protestierenden, doch die Polizeigewalt bleibt. Und erst jetzt wird ersichtlich, was diese Gewalt für nachhaltigen Schaden hinterlässt. Aufnahmen zeigen, wie die etlichen Ladenbesitzer*innen nach den Protesten ihre Räume begutachten. Die Zerstörung erschüttert. Für manche bedeutet diese Verwüstung die Bedrohung ihrer Existenz.

Die Wut und Frustration der Bevölkerung, besonders der jungen Menschen, ist mir absolut verständlich. Wer weiß, wie es in Kenia in einigen Jahren aussehen wird. Ich habe die politischen Strukturen und Probleme selbst nur sehr oberflächlich in meiner Zeit hier erfassen können und mir fällt es unglaublich schwer, die Lage einzuschätzen. Ein Jahr reicht aus meiner Erfahrung aus, einen Einblick zu gewinnen, aber ein ganzes Land in diesem Zeitraum, seine Politik, Gesellschaft und Kultur, zu erfassen, erscheint mir unrealistisch. Noch dazu hätte ich ohne Zugriff auf die sozialen Medien kaum etwas von den Protesten mitbekommen. Während ich diese Zeilen schreibe, ist es ein großes Thema in meinem Umfeld. Doch außerhalb der sozialen Medien und der Viertel, in denen demonstriert wird, geht der Alltag seinen gewohnten Gang.

Als meine Mutter einer Kollegin vor etwa einem Jahr erzählte, ihre Tochter wolle einen Lerndienst in Kenia absolvieren, reagierte diese erstaunt oder entsetzt mit den Worten: „Afrika? So ein gefährliches Land!“ Abgesehen von der Inkorrektheit der Gleichung Afrika=Land mangelt es in dieser Aussage auch ganz im Allgemeinen an Logik und Wahrheit.

Ja, es ist an manchen Tagen zu manchen Zeiten nicht ungefährlich und nicht ratsam, durch Nairobi zu spazieren. So wie es in zahlreichen anderen Ländern genauso wenig ungefährlich und ratsam ist, wo sich die Menschen mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzen, für ihre Meinung auf die Straße gehen und dabei Konflikte riskieren – sei es mit der Regierung oder mit Andersdenkenden. Es ist von vielen Faktoren abhängig, wie friedlich eine Demonstration verläuft. In Deutschland wie hier.

Denke ich an die „Gefahren“ der letzten Monate zurück und an Sicherheitsmaßnahmen, die ich getroffen habe, dann scheint mir die Tierwelt den größten Unterschied zu Deutschland darzustellen. Da das PLCC unmittelbar neben dem Nairobi Nationalpark gelegen ist, wird dringend geraten, bei Dämmerung oder Dunkelheit das Gelände nicht zu verlassen, um unerwünschte Begegnungen zu vermeiden. Daran habe ich mich meistens gehalten.

(Eine durchaus erwünschte Begegnung 🙂 )

Was die Menschen betrifft, ob hier in Rongai, in Nairobi oder sonst wo in Kenia, so fühlte ich mich sicher nicht trotz, sondern wegen der Menschen.

Überall auf der Welt können einem Leute begegnen, die nichts Gutes im Schilde führen und von denen man sich wünscht, dass sie fernbleiben. Als junge Frau habe ich von klein auf gelernt, achtsam zu sein und Alleingänge bei Nacht nicht zu riskieren. Solche Regeln scheinen leider so ziemlich überall sinnvoll zu sein. Nicht überall hingegen kann man sich gewiss sein, dass Menschen in der Nähe sind, die helfen und eingreifen. In Kenia ist das der Fall; es wird nicht bloß zugeschaut, sondern Initiative ergriffen, bevor Schlimmeres geschieht. Glücklicherweise hatte ich nie derart eskalierende Situationen; aber schon bei Kleinigkeiten waren umstehende Leute an meiner Seite und zögerten nicht zu helfen; und wenn es nur eine Diskussion mit einem Bodaboda-Fahrer oder ein grober Griff an meinen Arm eines ambitionierten Verkäufers war.

Je besser ich mich mit meiner Umgebung auskannte und mich für kulturelle Unterschiede öffnete, desto mehr begriff ich, dass so manche „Gefahren“ nichts sind als Unwissen und Unverständnis. Als ich noch nicht wusste, dass das Nehmen und Führen der Hand eine höfliche Geste und assistierte Begleitung bedeutet, interpretierte ich es gerne als übergriffig und reagierte abwehrend. Weiß man nicht viel über ein Land, eine Kultur oder Lebensweise, so kann einem jede Kleinigkeit im Alltag gefährlich vorkommen; denn sie ist fremd. Sich für neue Perspektiven zu öffnen, lässt mich die Welt ein kleines bisschen besser verstehen; Gefahren entpuppen sich als unbegründete Ängste und anstatt die Grenzen zwischen der eigenen und der fremden Welt in Gedanken hervorzuheben, scheinen diese zu verschwimmen.

Vor einiger Zeit fragte mich jemand, wie in Deutschland die Reaktionen seien, wenn jemand wie er (ein Schwarzer) den Menschen auf der Straße begegnen würde. Ich muss sagen, ich war zunächst leicht irritiert von der Frage. Er habe gefragt, weil in Kenia weiße Personen herausstechen würden. Und tatsächlich habe ich die Erfahrung gemacht aufzufallen. Während ich in Deutschland in der Menge untergehe, haften hier mehr Blicke auf mir. Allerdings auf eine erschreckend positive Weise. Unbegründete Bewunderung und Begeisterung begegneten mir und spiegelten sich in Kinderaugen. Und mir wurde immer wieder klar, dass ich – ob ich es will oder nicht – durch meine Hautfarbe vom tief verwurzelten Rassismus in der Gesellschaft profitiere, sei es in meinem persönlichen Ansehen oder strukturell, in Deutschland wie in Kenia. Und als ich antwortete, wie es andersherum in Deutschland aussehe, merkte ich schon, während ich sprach, dass ich log. Ich präsentierte ihm in meinen Worten ein Deutschland, wie ich es mir wünschen würde; meine persönliche Traumvorstellung von einem toleranten Land, in dem das Aussehen eines Menschen gleich wäre und das Innere einzig von Bedeutung bei der Beurteilung einer Person. Ein Land mit kultureller Vielfalt, bunt und offen.

(Für diese Mädchen würde ich mir eine Welt mit einer solchen Sichtweise wünschen…)

Das entspricht allerdings nicht der Realität und hat es nie.

Schwarz zu sein ist in Deutschland gefährlich, allein durch historisch verankerte Vorstellungen und Ansichten; Menschen mit schwarzer Hautfarbe werden institutionell und strukturell diskriminiert, in der Öffentlichkeit mit Rassismus konfrontiert und eher mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Und angesichts des wachsenden Rechtsextremismus und der damit verbundenen Gewalt stellt sich mir die Frage, wie gefährlich Deutschland gerade wird. Vielleicht nicht für jeden, aber für People of Color, für Mitglieder*innen der LGBTQIA+ Community, für Angehörige mancher Religionsgemeinschaften oder Menschen mit anderen politischen Ansichten.

Vielleicht bewerten wir so manche Welten zu Unrecht als „gefährlich“ aufgrund von Vorstellungen, die wir aus Ausschnitten in den Medien oder aus Vorurteilen gewinnen, und betrachten hingegen das eigene Umfeld als „ungefährlich“, weil wir es einschätzen können, weil es nicht fremd ist und weil die meisten von uns in diesem akzeptiert werden.

Gedankenwirrwarr und was sonst noch so ansteht…

Hey, hey, 10 Monate sind rum und damit ist das hier einfach der letzte Blog, den ich aus dem Ausland schreibe – verrückt, wie unfassbar schnell doch die Zeit vorbeigeht. Ich habe das Gefühl mittlerweile kann man echt langsam die Wochen zählen, viel ist schon vollgeplant und es entsteht schon eine ganz komische Gefühlsmischung aus Endlich-nach-Hause und Ich-will-gar-nicht-von-hier-weg. Alles Gedanken, die mich gerade irgendwie nicht loslassen… Ich denke die letzten anderthalb Monate werden eine emotionale und auf jeden Fall wunderschöne Zeit. Noch einmal alles aufsaugen, bevor man es dann erstmal für ganz lange nicht mehr so hat oder vielleicht auch nie wieder so haben wird:

Kinderlachen, Straßenlärm, Gespräche mit den Nachbarn im Flur, Papageienkrächzen, Spielerunden mit Freunden, Mate trinken und mit Keksen im Park sitzen, beim Volleyball in der Halle stehen, der tägliche Klang von Spanisch – all die Gerüche, die man täglich einatmet; die Geräusche, die man tägliche hört; die vielen Dinge, die man täglich aufs Neue sieht und die vielen Erlebnisse und Begegnungen, die einen den Alltag schöner machen.

All das und noch viel mehr wird fehlen, sobald ich gehe und es wird erstmal wieder eine Umstellung kommen. Man hat sich über ein Jahr ein Leben in einem anderen Land mit einer anderen Sprache, anderen Menschen und einer anderen Kultur aufgebaut und kommt dann auf einmal wieder zurück.

Aber ganz so weit will ich dann jetzt doch noch nicht denken. Denn mir bleibt hier ja schon noch ein wenig Zeit und die möchte ich auf jeden Fall gut nutzen und das werde ich bestimmt auch, denn es steht noch viel Tolles an:

Nächste Woche geht es nämlich schon nach Buenos Aires. Vom 24.-27.06. findet unser Endseminar statt! Und da am Freitag zuvor schon Feiertag ist, ist das eine super Gelegenheit, um nochmal ein verlängertes Wochenende in der Hauptstadt zu verbringen. In der Zeit sind dann auch schon die meisten andere Freiwillige da mit denen viel gelacht, gequatscht und erlebt wird, bevor es dann auf zum eigentlichen Seminar geht.

Auch auf die Seminartage freue ich mich schon sehr, denn was ich vor dem Auslandsjahr ein bisschen unterschätzt hatte, ist doch, wie sehr mir persönlich die Seminare helfen. Es ist Zeit, um mal kurz aus dem Alltag rauszukommen, um Freunde wiederzusehen, um ganz viel über sich selbst, seine Rolle, seine Art hier zu leben nachzudenken und zu lernen. Und es bietet auch direkt ganz viele Möglichkeiten zum Austausch. Denn man kann noch so viel Kontakt mit Familie und Freunden in Deutschland haben und denen noch so viel erzählen über sein Leben, seine Erfolge und seine Probleme hier – am Ende verstehen einen immer noch am besten die Mitfreiwilligen, die in der gleichen Situation sind, die oft auch die gleichen Gedanken und Probleme haben und wo man sich gegenseitig helfen und stützen kann. Und mit denen man sich umso mehr über schöne Erlebnisse, Erfahrungen und Erfolge freut. Dementsprechend denke ich, dass das Seminar wieder einmal wunderschön werden wird und wahrscheinlich, wie immer, viel zu schnell vorbeigehen wird.

Das Wochenende danach verbringe ich auch noch in Buenos Aires mit vielen Mitfreiwilligen und es wird schon ein erster Abschied werden. Denn da die Freiwilligen der IERP (Iglesia Evangélica del Río de la Plata – meiner Partnerorganisation) von mehreren deutschen Organisationen kommen und auch alle deutschen Organisationen ihre eigenen Rückflugdaten Ende Juli/Anfang August haben, wird es tatsächlich so sein, dass man einige der Freiwilligen zum letzten Mal sieht. Irgendwie komisch, wenn man darüber nachdenkt, dass einen diese Menschen schon seit 10 Monaten im Ausland begleiten und jetzt nach dem Jahr wieder alle ihre eigenen Wege gehen. Aber natürlich heißt das alles nicht, dass man sich in Deutschland nicht wiedersehen kann und vor allem die Freundschaften, die man hier innerhalb der Gruppe geschlossen hat, werden bestimmt noch weiterbestehen.

Nach dem Seminar geht dann wirklich der Countdown langsam los, denn meine letzten 4 Wochen in Paraná stehen an. Am ersten Juliwochenende wird es nochmal auf ein Campamento, also ein Zeltlager der Jugendlichen der IERP in meiner Provinz (Entre Ríos) gehen, wo meine Mitfreiwillige und ich zusammen hinfahren werden. Unsere Nachbarn kommen auch mit und dadurch, dass wir im September, kurz nach unserer Ankunft, auch schon mal auf einem Campamento dort waren, kennen wir schon einige Leute und es ist schön, alle noch einmal wiederzusehen und eine weitere Fahrtenerfahrung zu machen. Jetzt vielleicht auch mit ein bisschen mehr Verständnis, besseren Sprachkenntnissen und nochmal einem neuen Blick auf einige Dinge.

Das Wochenende darauf bekommen wir nochmal Besuch. Mia, eine Mitfreiwillige aus Buenos Aires wird vorbeikommen und ich freue mich schon sehr darauf ihr Paraná zu zeigen und nochmal Zeit zusammen zu genießen. Bereits letztes Wochenende hatten wir schon Besuch von drei Mitfreiwilligen aus Buenos Aires und es war unfassbar schön. Wir konnten die schönsten Ecke von Paraná zeigen, zusammen zum Volleyball gehen und mit Freunden Billard spielen. Wir haben das Wochenende also in vollen Zügen genossen und konnten unsere Mitfreiwilligen auch von der Schönheit Paranás überzeugen, obwohl sie das vielleicht anfangs gar nicht so erwartet hatten.

Abgesehen davon haben die Universitäten hier im Juli vorlesungsfreie Zeit, was bedeutet, dass die Freunde, die studieren, dann mehr Freizeit haben und endlich mit ihrer gerade sehr anstrengenden Klausurenphase durch sind. Also viel Zeit für viele Aktivitäten!

Der Juli ist noch lang und der Juli hat noch viel Platz, um Dinge zu erleben – so sehe ich es zumindest. Noch einmal ins Lieblingscafé gehen, auf einen Markt gehen, einen Sonnenuntergang an der Flusspromenade genießen, Empanadas und Torta fritas machen, ein Volleyballspiel angucken, einen Glühwein mit den Leuten vom Deutschkurs trinken, eine Runde Fahrrad zum Hippodrom fahren, Mate nochmal so richtig genießen, Quatsch mit den Kindergartenkindern machen, den Babys in der Kita beim Laufen lernen zusehen und noch viel mehr.

Und dann auch am Ende anfangen Koffer zu packen, das Leben was man sich hier für ein Jahr aufgebaut hat, irgendwie versuchen „einzupacken“, Abschied nehmen und die letzten Tage genießen, bevor es am 28. Juli raus aus Paraná geht, um nach Buenos Aires zu fahren, wo meine Mitfreiwillige am 29.07. schon nach Hause fliegt. Für mich geht es dann am 04.08. in den Flieger zurück nach Hause, was auch gleichzeitig heißt mein anderes Zuhause zu verlassen… denn das ist Argentinien auf jeden Fall für mich in diesem Jahr geworden.

Bis dahin, wird die letzte Zeit aber nochmal umso mehr genossen und es werden noch ein paar mehr Erinnerungen für die Ewigkeit geschaffen, die sich dann zu all den schon hier entstanden wundervollen Erinnerungen dazugesellen können! <3

P.S.: Damit der Blog nicht so ganz ohne Fotos bleibt, hier noch ein paar Impressionen aus den letzten zwei Monaten:)

Zeitvertrauen

Braids sehen toll aus – strapazieren je nach der Art, wie sie eingeflochten und gepflegt werden, aber auch übermäßig stark die Haarwurzeln. Eine der vielen Lektionen, die ich mitnehmen durfte; jene Lektionen, die einem im Alltag ständig über den Weg laufen.

Schon sehr lange hatten die Kinder mich dazu aufgefordert, mir Braids in einem Friseursalon machen zu lassen. Dabei wird das Kopfhaar in viele kleine Zöpfe geflochten. Um längere Zöpfe zu erhalten, werden häufig Extensions verwendet. Die Resultate können je nach Stil und Größe der Zöpfe sehr individuell und unterschiedlich aussehen.

Der Ursprung dieser Flechtfrisur findet sich im afrikanischen Raum. Erste Hinweise dieser Technik lassen sich im alten Ägypten 3500 v.Chr. finden. Sie symbolisierten kulturelle Zugehörigkeit, Religion oder politische Standpunkte. Bis heute sind sie Teil der Kultur der People of Colour. Aus diesem Grund hatte ich auch lange Zeit nicht mit dem Gedanken gespielt, mir selbst Braids machen zu lassen. Ob es sich beim Tragen der Braids als weiße Person um kulturelle Aneignung handelt, darüber wird diskutiert. Fest steht aber, dass sie je nach Kontext, Region und geschichtlichem Hintergrund kulturelles Statussymbol und Zeichen Schwarzer Identität und Freiheit sind; sie haben eine tiefere Bedeutung für viele ihrer Träger*innen. Sie deswegen aus rein modischen Motiven zu tragen, ohne sich mit ihrer Geschichte und ihrem Wert auseinanderzusetzen, kann als respektlos aufgegriffen werden. Menschen können verletzt werden; sich in ihrer Identität ungesehen fühlen.

Mir ist es wichtig, diese Informationen aufzuführen und damit auch den Kontext, in dem ich mich zu dieser Frisur entschieden habe. Von den Kindern hatten wir uns bereits Frisuren zeigen lassen, geübt und ausprobiert – zum einen mit unseren und auch mit ihren eigenen Haaren. An den Strähnen zu tüfteln, sie zu kämmen und sie schließlich aufzustecken oder zu flechten, war eine gemeinsame Aktivität, die uns zusammengeschweißt hat, die Kontakt und Miteinander bedeutete, bei der wir voneinander lernen konnten. Eine Berührung, die Grenzen aufbricht und verschwimmen lässt. Seit einem Dreiviertel Jahr bin ich nun in Kenya. Unterschwellig lernte ich dabei mehr und mehr über die verschiedenen kulturellen Gruppen, die Sprache, die Lebensweise. Ich bin einer Vielfalt bunter Persönlichkeiten begegnet – alles Menschen. Wie ich selbst auch. Egal wie unterschiedlich unsere Leben sind, unsere Interessen, unsere Vergangenheit – was uns zusammenschweißt, ist die Menschlichkeit; tolerieren, respektieren und wertschätzen wir unsere Verschiedenheiten, können wir in einer wohlwollenden Gemeinschaft leben und in dieser teilen und schenken. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Kinder, die Hausmütter, die Lehrkräfte und die Sozialarbeiterinnen gefreut haben, als ich mit der neuen Frisur zur Morgenandacht kam. Für uns war mein Tragen dieser Frisur kein respektloses Nicht-Anerkennen – eher im Gegenteil; ein kleines Zeigen, dass wir ein Team sind und ich für diese Gemeinschaft dankbar bin.

Mit Purity, einer der Hausmütter, war ich am Tag zuvor zusammen in einem Salon. Zuerst wurden ihre Haare gemacht und schließlich meine. Drei Stunden Arbeit, die vielleicht vier Stunden gewesen wären, hätte Purity nicht bei den vielen Zöpfen mitangepackt. Dass es damit auch ihr Werk war, hat mich auf eine Weise berührt; schließlich ist sie eine mir sehr wichtige Bezugs- und Kontaktperson im Alltag und bei der Arbeit. Das Staunen und die Freude der Kinder hätte ich auf Video aufnehmen sollen. Sie wussten sehr viel besser als ich, wie die Zöpfe frisiert werden konnten und halfen mir bei der Pflege. Denn diese vernachlässigte ich dezent… Womöglich einer der Gründe, warum meine Haarwurzeln ungewöhnlich stark strapaziert wurden. Als wir an einem Sonntag morgen zusammen die Zöpfe entflochten, machte sich bemerkbar, wie stark meine Kopfhaut unter Spannung gesetzt worden war. Viele Haare waren abgebrochen und der Haarhaufen beim Kämmen wurde größer und größer. Die Konsequenz war simpel; ein Abend im Badezimmer. Eine Bastelschere. Ein Schnipp Schnapp.

Ein bisschen anders ist die Nora, die heute durch Nairobi streift, im Matatu Musik hört oder in Rongai die Abendsonne genießt. Sie ist etwas anders als die Nora vor einem Dreiviertel Jahr. In dieser Zeit habe ich Lektionen für mich mitgenommen; bin gelassener geworden und ein bisschen verrückter. Nicht nur daran ersichtlich, dass ich nicht vor einem neuen Haarschnitt zögere. Allein das Fußfassen in einem neuen Umfeld und meine tägliche Zeit mit den Mädchen bedeutete zugleich eine Erweiterung meines Wissens. Ich weiß nun mehr durch Erfahrung. Da gibt es die kleinen Dinge…

Ich weiß, wie ich auf Kiswahili bete und wie ich mich in dieser Sprache zumindest ein bisschen („kidogo“) verständigen kann.

Ich weiß, wie ich ein Armband flechte und kenne Matherechnungen, die ich in meiner Schulzeit nicht gelernt habe.

Ich weiß zumindest theoretisch, wie man Chapati macht (obwohl ohne Tabithas oder Puritys Anweisungen mein Resultat zwar eine Art Gebäck ist, aber definitiv kein Chapati).

Ich weiß, wie ich aus alten Plastikflaschen Blumen zaubern kann.

Ich weiß, dass ein strahlend blauer, sonniger Himmel nicht bedeutet, dass es nicht zwei Minuten später in Strömen regnen könnte.

Und ich weiß, dass Zeit vieles fügt.

Das ist eine meiner größten Erkenntnisse. Und sie umfasst so viele Bereiche meines Lebens.

Ganz am Anfang herrschte in mir Unsicherheit. Mein gesamtes Umfeld war unbekannt und fremd. Da war kein Vertrauen – weder in die Menschen noch in meinen Alltag. Wie ich was mit wem reden sollte, war jedesmal eine kleine Herausforderung; bei der Arbeit in der Schule wusste ich nicht, was ich machen kann, soll und darf; das Heimweh und die Sehnsucht nach der bekannten Welt eroberten ab und an meine Stimmung, verbunden mit der immerwährenden Angst, es könnte so bleiben; dass sich nichts ändern könnte, ich mich nie in diesem Neu zurechtfinden und das Begegnen mit den Menschen Tag für Tag eine kleine Überwindung darstellen würde. Doch mit der Zeit näherten wir uns einander an; kleine Gespräche, aus denen tiefere Bindungen erwuchsen. Je häufiger wir in Kontakt traten, uns austauschten und quatschten, desto mehr kam mir eine Erkenntnis: Dass es nichts gibt, vor was ich mich fürchten müsste. Es klingt banal, aber etwas in mir musste beruhigt werden und verstehen, dass mir niemand etwas Böses will. Und so öffneten wir einander die Türen und luden uns ein. Durch Ausprobieren, Nachfragen und Um-Hilfe-Bitten wuchsen die Sicherheit und die Gewohnheit.

Wieder aufs Neue überwältigten sie mich vor Beginn des Ferienprogramms, die Zweifel und Ängste: Kann ich das überhaupt? Werde ich mich mit den Kindern verstehen? Was, wenn etwas schiefgeht? Wenn es nicht nach Plan läuft?

Überraschung: Es lief nicht nach Plan. Das ein oder andere ging schief. Ja und? Deswegen ist die Welt nicht untergegangen. Vorbereitung hin oder her; vieles kam doch anders. Und „anders“ bedarf keiner Wertung. Anders ist anders. Es entstanden Komplikationen und genauso Momente, die ich mir nicht schöner hätte ausmalen können. All diese Situationen haben ihre Daseinsberechtigung; ein weinendes Kind, das Trost braucht, oder eine lustlose Stimmung, weil niemand sich für das Spiel interessiert; Stromausfall, der Filmschauen und Regen, der Kreidespiele schwierig macht; genauso wie ein Gejubel über eine Bastelidee und die Verlängerung von beliebten Programmpunkten.

Und wenngleich es holprig, gern spontan und nicht perfekt lief, so hatten wir es am Ende gemeinsam über die Bühne gebracht. Wir hatten kreiert, getobt und geschaffen. Wir haben uns näher kennengelernt; einander und uns selbst. Ich erlebte die Kinder, wie sie lachten, stritten und weinten, stolz ihre Basteleien präsentierten, jubelten wenn sie sich auf den Kuchen freuten oder einen Moment still dasaßen, Musik lauschten und zeichneten. Wie ich sie wahrnahm, lehrte mich eine nicht unbedeutende Lektion, die ich auf mich selbst bezogen nie glauben wollte. Dass das bloße Sein eines Menschen und der Wille, ein guter Mensch zu sein, wichtiger sind als Leistung und Fähigkeiten.

Aber auch das konnte nur wachsen dank der Zeit.

Vieles habe ich zum ersten Mal gemacht. Seien es bestimmte Mahlzeiten zu kochen, Bodaboda zu fahren oder Reisen planen und umzusetzen. Bis ich es tat, konnte ich nicht wissen, ob ich es kann. Mit der Zeit festigte sich mein Zeitvertrauen. Kriechen heute die Zweifel in meine Gedanken, dann spüre ich sie, höre ihnen zu und kann dann sagen: Lass etwas Zeit vergehen. Es wird sich fügen. Vielleicht kann Zeit nicht alles fixen, aber eine ganze Menge.

Und was schmerzhaft bleibt und nicht repariert werden kann, wird Zeit zu einer weichen Narbe verblassen lassen und vielleicht eine neue Lektion hinterlassen.

Manchmal sind die Veränderungen und das Wachstum so langsam, dass es kaum bemerkbar ist. Also trete ich einen Schritt zurück und sehe es an den Kleinigkeiten, an der Lockerheit, wie ich meine Haare abschneide und es mir gleich ist (denn sie wachsen mit Zeit).

Neues aus Paraná

Hey, hey, jetzt ist es wirklich schon lange her seit meinem letzten Blog und es wird mal wieder Zeit euch auf den neusten Stand zu bringen, denn in den letzten Wochen und Monaten ist echt viel passiert. Was ich auf jeden Fall schon mal von vornerein sagen kann, ist, dass ich in letzter Zeit irgendwie nochmal mehr hier angekommen bin, meine Zeit hier total genossen habe, viel mit Freunden gemacht habe und es mir jetzt schon schwerfällt daran zu denken, dass ich mich in 3 Monaten von alldem hier wieder verabschieden muss… Aber erstmal zu alldem, was in letzter Zeit hier so los war:

Was meine Arbeit im Kindergarten betrifft, hat sich ein wenig was geändert. Einige Wochen nach unserem Zwischenseminar kam unser Referent (von meiner Partnerorganisation, der IERP) uns und unsere Einsatzstelle besuchen und da wir schon vorher einige Probleme hatten, wurde über mögliche Lösungen oder Alternativen gesprochen. Erst stand die Idee im Raum, dass wir auch noch zusätzlich in ein anderes Projekt gehen und dann quasi immer in Wechselwochen arbeiten, aber letztendlich hat sich das doch als zu kompliziert rausgestellt und wir haben entschieden in unserem Projekt zu bleiben. Jetzt wo auch mehr Babys da sind, ist auch automatisch mehr zu tun, da sie mehr Aufmerksamkeit benötigen und für Zeiten, in denen dann doch nichts los ist, kriegen wir teilweise zusätzliche Aufgaben oder haben halt einfach mal eine Pause. Heißt nicht alles im Projekt ist unbedingt besser geworden, aber es wurde sich auf jeden Fall drum bemüht und uns wurde ein besseres Gefühl gegeben für die letzten Monate in denen wir hier noch arbeiten. In zwei Wochen geht jetzt auch eine der Erzieherinnen in Rente und die Stelle wird erstmal nicht neu besetzt, deswegen wird das dann bestimmt auch nochmal mehr Arbeitsaufwand, aber wir werden sehen…

Zusätzlich zur Arbeit im Kindergarten sind meine Mitfreiwillige und ich jetzt auch noch jeden zweiten Samstag bei der Bibelschule in der, direkt am Kindergarten angrenzenden, Kirche der IERP dabei, wo wir einfach ein bisschen mithelfen, mit den Kindern spielen oder uns mit den Eltern unterhalten können.

Auch etwas Neues, was die Kirche hier angeht, ist dass nun alle zwei Wochen ein Angebot für die Jugend der IERP in Paraná angeboten wird. Die Gemeinde hier hat kürzlich einen neuen Pfarrer bekommen und er hat die Jugendtreffen wieder eingeführt. Wir sind zwar nicht viele Jugendliche hier, aber es ist immer total nett!  Wir gehen zusammen mit unseren Nachbarn hin, quatschen dann dort ganz viel, spielen Spiele oder kochen auch – So haben Lina und ich uns auch direkt an typisch argentinischen Empanadas probiert; sehr lecker:)

Auch unabhängig davon ist meine Freizeit echt immer ziemlich gut gefüllt. Wir haben vor einigen Monaten über eine zufällige Begegnung mit einer Deutschlehrerin Kontakt zu weiteren Deutschlehrerinnen hier in Paraná und den Schüler*innen aus ihren Kursen bekommen und hatten auch schon einige Treffen mit den ganzen Kursen, gehen jetzt freitags immer den einen B1+ Kurs besuchen und es haben sich auch privat dadurch gute Freundschaften entwickelt, mit denen man mal in eine Bar geht, sich auf einen Filmeabend trifft oder typisch argentinisch Mate im Park trinkt. Es ist supercool zu sehen, wie Leute von hier sich auch für die deutsche Sprache und das Leben in Deutschland interessieren und vor allem auch dieses Verständnis haben, wie schwer es eigentlich ist eine neue Sprache zu lernen. Da fühlt man sich oft einfach echt gut verstanden! Man kann sich echt super ergänzen und auch wenn fast alle Gespräche auf Spanisch stattfinden, lernen letztendlich doch beide Seiten etwas und es ist einfach ein extrem schöner Austausch!!

Durch eine Freundin vom Sprachkurs sind wir auch nochmal zusätzlich auf ein neues Volleyballteam gekommen. Eine komplett gemischte Mannschaft, wobei die meisten von der technischen Uni hier sind, die komplett freizeitmäßig jeden Dienstagabend spielen, einfach um Spaß zu haben. So haben wir also zusätzlich zu den anderen beiden Malen Volleyball in der Woche, bei denen wir in einer Mannschaft hier mitspielen, noch ein drittes Mal Volleyball und es macht total Spaß!!

Tatsächlich habe ich mich aber in der Woche vor Ostern beim Training verletzt und somit ist die letzten Wochen Volleyball spielen natürlich ausgefallen und stattdessen standen ein kurzer Klinikbesuch, um abzuchecken, was es ist und im Anschluss ganz viel Physiotherapie und im „Bota“ (quasi einen Schuh als Schiene) laufen auf dem Programm. Gottseidank ist es nur eine Verstauchung und kein Bruch, aber leider bin ich immer noch nicht die Schiene los und muss auch nächste Woche noch öfters zur Physiotherapie. Danach sollte es dann aber auch so langsam wieder wie vorher sein, denn schon jetzt ist es auf jeden Fall deutlich besser als es anfänglich war. Natürlich gibt es Schöneres als über Ostern nichts wirklich machen zu können, aber ich hatte trotzdem ganz tolle Tage. Es hat mir auf jeden Fall gezeigt, dass man sowas auch im Ausland super schaffen kann und was für tolle Menschen ich hier eigentlich habe, die mich dabei unterstützen. Ich wurde von einer Freundin und ihrer Mama in die Klinik mitbegleitet, wahnsinnig viele haben mir angeboten für mich einkaufen zu gehen oder mir bei dem was ich brauche zu helfen und alle Pläne, die ich hatte, wurden einfach so umgelegt, dass ich sie trotzdem umsetzen konnte. Ich wurde entweder von Freunden abgeholt und irgendwo hingebracht oder Freunde kamen zu mir nach Hause, um mich zu besuchen. So hatte ich dann über die Ostertage, wo meine Mitfreiwillige etwas mit ihrer Familie gemacht hat, doch immer etwas zu tun, was richtig schön war. Einige Tage habe ich auch mit Lina und ihrer Familie verbracht, was auch richtig toll war!

Insgesamt hatte ich also trotz allem ein richtig schönes Ostern und in der Woche nach Ostern kamen dann tatsächlich auch schon meine Eltern zu Besuch! Ich habe mich wahnsinnig darauf gefreut, sie endlich wiederzusehen und obwohl ich natürlich nicht extrem viel laufen konnte, haben sie das Wichtigste hier gesehen und ich konnte ihnen mein Zuhause in Paraná zeigen:) Gerade sind sie noch ein wenig in Argentinien am Reisen (ich habe leider keinen Urlaub mehr bekommen), doch nächstes Wochenende sehe ich sie trotzdem nochmal wieder, denn vor ihrem Rückflug legen sie noch einen kurzen Zwischenstopp in Buenos Aires ein, wo ich dann auch hinfahre. Ich freue mich total darauf, sie noch einmal wiederzusehen, vielleicht auch einige der anderen Freiwilligen zu treffen und einfach ein schönes Wochenende in Buenos Aires zu verbringen!!

Nach den ganzen Familienbesuchen kam uns jetzt auch die letzten Tage noch eine weitere Freiwillige aus Asunción besuchen und wir hatten extremschöne Tage, in denen wir ihr ein wenig von Paraná und unserem Leben hier zeigen konnten. Es ist immer so schön andere Freiwillige wiederzusehen, sich mal wieder auszutauschen und einfach eine schöne Zeit zu haben.

So, das war´s jetzt aber auch erstmal. Das nächste Mal, wenn es wieder Zeit für einen Blog ist, ist schon Juni und der Endspurt rückt immer näher. Aber bis dahin werde ich auf jeden Fall noch ganz dolle meine Zeit hier genießen:)

Von einer außergewöhnlichen Frau…

Am 08. März 2025 verabredete ich mich mit Purity, einer der Hausmütter des PLCC. Wir nahmen uns beide ungestörte Zeit, setzten uns in den Schatten vor unserem Haus und ich bat sie, mir zu erzählen; von sich, von ihrer Arbeit, von ihrem Leben. Unser Gespräch zeichnete ich in ihrem Einverständnis auf und tippte es im Nachhinein ab. Ihre Erzählungen kürzte und übersetzte ich. Die Geschichten, die sie erzählt, ihre Gedanken und Ansichten sprechen für sich.

Wer bin ich und wie kam ich ins PLCC?

Mein Name ist Purity Mukami Abigael. Ich bin vierundvierzig Jahre alt und nun seit fast zwei Jahren im PLCC.

Wir hatten eine Bekanntgabe in unserer Kirche, dass dort eine Hausmutter gebraucht wird. (…) Wir wussten, dass es ein Ort ist, an dem unter anderem Waisenkinder und Kinder mit schwieriger Vergangenheit leben. Als ich also hörte, dass die Anzeige von dort kam, wusste ich: Das will ich tun. Denn vor einigen Jahren war ich eine alleinerziehende Mutter. Ich habe mich alleine um meine und die Kinder meiner Schwester gesorgt. Gott war immer da für mich. Ich fragte mich: „Was kann ich tun, um zu würdigen, was Gott für mich getan hat?“ (…) Zwar habe ich nicht viel Geld oder andere Gaben, die ich der Kirche geben kann, aber das kann ich tun, um Gott zu zeigen, dass ich dankbar bin. Referentin Agnes trug mir auf, einen Brief zu schreiben. Das war 2019. 2019 verging, 2020 verging, 2021 verging. Ich hatte den Brief schon vergessen. Doch im März 2023 erhielt ich einen Anruf von Referentin Agnes. Ich traf unsere Direktorin Mary Mchana in Nairobi. Wir besprachen alles Nötige und wann anzufangen sei. Einerseits war ich aufgeregt und voller Vorfreude: Ja, ich hatte es geschafft! Andererseits fragte ich mich, was mit meinen
Kindern geschehen würde. Mein Mädchen war in der ersten und mein Junge in der dritten Klasse. Wer würde sich um sie kümmern?

Ich suchte unsere Evangelistin auf und erzählte ihr von meinem Kummer; wer würde für meine Kinder da sein? Ich wäre weit fort von ihnen, wie würde das sein? Sie sprach zu mir: „Mach dir keine Sorgen. Ich bin hier. Ich werde ihre Mutter sein.“ Ich war so dankbar. Für wahr, Gott wollte, dass ich dies tue. Ich war glücklich.

Was sind meine Aufgaben und wie sieht mein Arbeitsalltag aus?

Das Wichtigste ist die Betreuung der Kinder und die Sorge um ihre Gefühle. Das ist die größte Aufgabe. Ich habe realisiert, dass das Verhalten einiger der Mädchen darin begründet liegt, wo sie herkommen und was sie durchgemacht haben. Also ist es meine Aufgabe, mich um ihre emotionale Sicherheit zu kümmern, indem ich sie verstehe und auf sie eingehe, sodass sie stabil werden. Natürlich sorge ich mich auch um sie, indem ich für sie koche und ihnen die Liebe einer Mutter gebe.

Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass die emotionale Stabilität auch mit der Förderung ihrer Begabungen verknüpft ist. Üben wir gemeinsam für eine Aufführung, hilft es ihnen. Sie vergessen ihre Vergangenheit. Sie konzentrieren sich. Dreißig Minuten sind genug und wir sind durch. Sie haben alles verstanden. Das macht mich so glücklich und ich fühle mich ermutigt. Jede Woche bereiten wir etwas vor. Wenn die Kinder in der Schule sind und ich die Hausarbeiten erledigt habe, muss ich für die Woche etwas Neues suchen; denn ich weiß, sie wollen etwas Neues lernen, was wir donnerstags in der Morgenandacht oder am Sonntag in der Kirche präsentieren können. Das motiviert mich.

Was liebe ich an meiner Arbeit? Was motiviert mich?

Was ich liebe und was mich am meisten erfüllt, ist, diese Mädchen zu sehen. Sie sind
glücklich, sie haben keinen Stress, sie fühlen sich wohl; das gibt mir ein Gefühl von: Ja, ich habe es geschafft! Ich habe es für meinen Gott getan. Und das ist mein Motto, das ist mein Thema, das ist mein Stolz; zu sehen, dass es ihnen gut geht, denn ich kann ihnen nichts anderes geben.

Wie fühlt es sich an, eine so lange Zeit so weit weg von der Familie zu sein?

Das ist eine sehr herausfordernde Frage. Manchmal vermisse ich sie sehr. Wie – wie jetzt. Ich habe sie seit dem 28. Dezember nicht mehr gesehen. Es ist manchmal so schwierig… so schwierig. Letzte Woche habe ich erfahren, dass mein Drittgeborener – er lebt in Nairobi und arbeitet mit seinem Bruder –, dass sie einen Streit hatten. Ich musste alles übers Telefon regeln. Ich musste sie beraten; alles übers Telefon. Und dann ging mein Guthaben leer und ich konnte nicht einmal mit ihnen reden. (…) Ich betete für sie.
Am nächsten Morgen erfuhr ich vom Erstgeborenen, dass sie das Problem gelöst hatten. Gott hat es für mich getan. Weil ich zu ihm gesprochen hatte: „Ich bin weit weg von ihnen. Ich sorge mich um diese Kinder. Bitte, Gott, tu es für mich.“

Über meine Kindheit…

Ich wurde in eine Familie mit sechs Kindern geboren. Ich bin die Zweitgeborene. Meine
Mutter verstarb 1998, als ich sechzehn Jahre alt war. Mein Vater ging zu seiner zweiten
Frau, als meine Mutter starb, und wir wurden zurückgelassen. Meine ältere Schwester
heiratete. Nun war ich die Erstgeborene für meine anderen Geschwister. Also habe ich mich um sie gekümmert. Meine jüngste Schwester war zwei, der eine Bruder vier, der
andere war in der sechsten und meine andere Schwester in der siebten Klasse. Ich hatte
eine sehr schwierige Zeit. Ich zog los, um nach etwas zu essen zu suchen, um irgendeine
Arbeit zu finden, damit wir einfach irgendwas bekommen.

Ich gab mein Bestes und Gott war da für mich. Denn nie kam eine Zeit, in der ich nicht
handeln konnte. Mein Vater zahlte die Schulgebühren für die Familie. Aber woher sollten die Bücher kommen? Die Kinder brauchten Radiergummis, Stifte und so weiter. Das lag alles an mir. Unsere Nachbarin sah, wie ich kämpfte, und wollte mir helfen. Sie ging zu
einer Organisation, die sich um Waisenkinder und Kinder in schwierigen Situationen kümmert.
Am ersten Tag kamen sie mit Essen, sie nahmen Informationen auf und versicherten
uns, sie würden sich um die Schule kümmern, um ein gutes Haus für uns, um alles, was
nötig sei. Doch am nächsten Tag – keine Ahnung, wie die Nachricht ihn erreicht hatte –
ging mein Vater ins Büro der Organisation und sagte ihnen: „Nein, ich bin am Leben. Niemand hat sich um meine Kinder zu kümmern, solange ich lebe.“ Als ich davon erfuhr, war mein höchstes Stresslevel erreicht. Und ich war wütend. Ich konfrontierte meinen Vater: „Wie konntest du uns das antun? Du ernährst uns nicht. Du tust nichts für uns. Und sobald wir jemanden finden, der uns helfen kann, zerstörst du alles. Vater, ich habe mein Bestes getan, aber bitte: Nimm dein Bündel.“ Schweren Herzens gab ich ihm meine Geschwister. Doch meine Stiefmutter sah nicht ein, warum sie sich um die Kinder einer anderen Frau kümmern sollte.

Was hätte ich tun sollen? Ich nahm sie wieder zu mir. Mein Gedanke war: „Jetzt werde ich sterben“ Ich kann es nicht in Worte fassen. Ich hatte keine Hoffnung mehr. Unsere Evangelistin besuchte uns, um zu sehen, wie es uns erging. Ich erzählte ihr von unserer Geschichte. Sie sprach zu mir: „Du kannst nie wissen, warum Gott es so entschieden hat. Doch bist du jemals hungrig ins Bett gegangen?“ Ich sagte ihr: „Nein.“ „Weil Gott immer für uns da ist.“ Und dann sagte sie mir: „Gott wird immer für dich da sein. Mach dir keine Sorgen. Gott wird für dich da sein.“ Sie munterte mich auf, wir sprachen viel und sie versprach, für uns da zu sein. Meine Geschwister wuchsen heran und gingen weiter zur Schule. (…)

Über meine Ehe…

Als ich heiratete, ging ich in eine neue Hölle. Meine Schwiegermutter konnte mich nicht in Frieden lassen. Sie missbilligte mich sehr. Sobald mein Ehemann zu ihr kam, erzählte sie Schlechtes über mich und verbreitete Lügen. Ich hätte dieses und jenes getan, ich hätte dieses und jenes gesagt. Es war wie die Hölle. Eines Tages bat ich ihn: „Bitte, ich flehe dich an. Hör deiner Mutter zu, aber entscheide. Du selbst kannst überlegen und verstehen, wann sie die Wahrheit spricht und wann sie Falsches sagt. Wenn es ein Problem gibt, komm, lass uns zusammensetzen und selbst eine Lösung finden. “
In jener Nacht wurde ich geschlagen. Ich wurde von meinem Ehemann geschlagen. Ich würde seine Mutter nicht sehen wollen, ich würde weder ihm noch seiner Mutter zuhören, ich würde sie nicht respektieren. Er sagte so viel Schlechtes. Ich dachte: „Mein Gott, wenn es dein Wunsch ist, dass ich in dieser Ehe bleibe, bitte, lass diesen Menschen sich ändern.

Und bitte, wenn es nicht dein Wunsch ist, bitte, mein Gott, ebne mir einen Weg, dass ich aus diesem Gefängnis fliehen kann und nie wieder zurückkehre.“

Das war nicht das Ende. Bei jeder Kleinigkeit, die er fand, wurde ich geschlagen und geschlagen. Schließlich sagte mein Erstgeborener: „Mutter, lass uns gehen. Unser Vater schlägt dich jeden Tag, jede Zeit. Das finden wir nicht gut. Er wird dich umbringen und wenn du stirbst, wo bleiben wir dann?“ Zu diesem Zeitpunkt war er sieben Jahre alt.
Eines Abends kam mein Mann nach Hause und sprach zu mir: „Ich will dich aus meinem Haus, jetzt. “ Stell dir vor, ich fühlte kein bisschen Kummer. Ich sagte: „Danke Gott!“ Er würde mir nicht nachkommen, denn er war es, der sagte, ich solle meine Habseligkeiten nehmen und gehen. Ich fragte ihn, ob es wirklich sei, was er wolle. Er sagte: „Ja.“ Ich konnte kaum glauben, dass er es war, der sprach. Aber ich erinnerte ihn: „Niemals, niemals, niemals wage es, mir nachzukommen. Versuch es nicht!“ Ich nahm meine Sachen und meine Kinder. (…)

An dieser Stelle ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Puritys jüngster Sohn blieb zunächst bei seinem Vater und sie rang und kämpfte, um ihr Kind zu sich zu holen. Es war nicht nur der Wunsch einer Mutter, die ihr Kind über alles liebt, sondern auch ihr Wille und Ehrgeiz, ihrem Sohn Bildung zu ermöglichen; der Vater behauptete, er habe kein Geld, um den Jungen zur Schule zu schicken. Und obwohl Purity selbst nichts in den Taschen hatte, schaffte sie es mit Unterstützung lieber Mitmenschen; sie
behauptete sich im Rechtsstreit und bekam das Sorgerecht für ihren Sohn. Und allen Hindernissen zum Trotz ermöglichte sie ihm den Besuch der Schule.

Ich kämpfte. Und lass mir dir sagen, von da wurde ich nie gebrochen. Wenn ich an meine
Zukunft denke und mich daran erinnere, wie Gott für mich da war, fühle ich so viel Glück,
dass ich mich um diese Kinder hier kümmere. Denn das ist das Größte und Wichtigste, was ich für Gott tun kann. Denn von da an, obwohl es Höhen und Tiefen gab, war Gott immer und immer für mich da. Da war immer jemand, der mir geholfen hat. Natürlich machen die Kinder mal Sachen, die mich furchtbar fühlen lassen. Aber ich muss sie verstehen und mich an unsere Verbundenheit erinnern. Ich muss ihnen vergeben, damit wir weitermachen können. (…) Es gibt Einiges, was sie nie bekommen haben, als sie aufwuchsen. So bin ich wie ihre Mutter. Es ist meine Aufgabe, es ihnen zu geben. Ich
muss ihnen zeigen, was der nächste Schritt ist, was das richtige ist.

Nun realisiere ich, dass da etwas hinter dem, was Gott getan hat, steckte, als ich durch all das durchmusste. Ich wurde vorbereitet. Denn eines Tages sollte ich hier ankommen.
Und ich weiß: Nichts ist unmöglich. Nichts ist unmöglich unter Gottes Augen. Wenn die Kinder manchmal etwas falsch machen, setzen wir uns zusammen und reden. Und nach etwas Zeit realisieren sie, was sie getan haben, war falsch und sie kommen und sagen: „Mutter, es tut uns leid. Wir bitten um Vergebung und werden es nicht wieder tun.“ (…)
Wenn wir ein Problem haben, müssen wir nach der Ursache suchen. Denn wenn wir den Ursprung nicht ergründen, wird das Problem kein Ende finden. Also setzen wir uns zusammen und reden.

Über meine Ausbildung…

Ich betete, dass ich eines Tages meine Ausbildung wieder aufnehmen könnte; damals
konnte ich nicht atmen. Ich konnte nicht zur Schule gehen. Doch ich sagte immerzu, eines Tages, wenn meine Kinder mit der Schule fertig wären, würde ich wieder zur Schule gehen. 2021 gab es eine Mitteilung in unserer Kirche, dass die Regierung ein Bildungsprogramm starten würde. Ich schloss mich der Klasse an. (…) Wir bestanden unser Exam 2023, als ich hierher kam (…), wo ich auch eine psychologische Ausbildung begann.

Ich danke Gott, denn diese hat mir viel weitergeholfen. Sei es nur, mich zu beruhigen, und zu wissen, alles – so schlimm es auch sein mag – mit Fröhlichkeit anzunehmen, denn womöglich steckt etwas dahinter; ein Problem, von dem Gott möchte, dass wir es lösen. Nächstes Jahr möchte ich mit dem Kurs fortfahren, denn ich habe erkannt, wie wichtig diese psychologische Bildung ist – sogar für mich selbst.

Wenn ich auf meine Vergangenheit zurückblicke und darauf schaue, wo ich jetzt stehe, möchte ich gerne sagen…

Mein Fazit ist: In meiner Vergangenheit hatte ich nichts. Doch jeder Abschnitt, durch den ich gegangen bin, war Teil einer Vorbereitung. Nun bin ich etwas Präsentables. Ich kann andere ermutigen, ich kann Hoffnung spenden, ich kann meine Familie versorgen. Ich kann Menschen, die bedürftig sind, etwas geben. Meine Vergangenheit war eine Vorbereitung für meine Zukunft.

Purity erzählte noch bei weitem mehr; wie ihr so viele Menschen aus dem Dorf halfen, ihrem Sohn die Schulgebühren zu finanzieren und Kleidung für seine Schuluniform zu beschaffen; wie sie voller Energie und Freude in der Kirche sang und sich engagierte; wie sie den Sohn ihrer jüngeren Schwester als ihren eigenen aufnahm, als die Ehe dieser zerbrach.

Wenn man diese Frau so sieht, kann man kaum glauben, wie ihre Vergangenheit
ausgesehen haben muss. Selten trifft man Menschen mit solcher Liebe, Klugheit und Weisheit. Und trotz ihrer lebhaften Erzählungen fällt es mir persönlich mit einer solch anderen Lebensrealität schwer, mir auszumahlen, wie ihre Welt aussah. Menschen können Inspirationen sein; als sie selbst und mit ihren Geschichten umso mehr. Wir können viel von Purity lernen; über Vertrauen; wahre Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, wenn es am meisten darauf ankommt; und darüber, nicht zu verzweifeln und aufzugeben, sondern Lösungen zu suchen und zu handeln, selbst wenn die Welt unlösbar düster zu sein scheint.

Das Zwischenseminar

Mein Zwischenseminar fand vom 02.02. bis zum 07.02. in Johannesburg statt. Ich bin von Kapstadt aus geflogen, was nur rund 1,5 Stunden dauerte. Leider sind die Südafrika-Freiwilligen vom ZMÖ nicht Teil des Seminars der anderen Afrika-Freiwilligen die vom ZMÖ entsandt wurden. Stattdessen war ich Teil des Zwischenseminars des ELM, also des Evangelisch-Lutherischen Missionswerks. Das hatte zur Folge, dass ich meinen Freiwilligendienst mit anderen Freiwilligen aus Südafrika, aber auch aus Namibia, Eswatini und Lesotho reflektieren konnte.

Das Seminar war sehr interessant und abwechslungsreich. Neben den üblichen Gruppenarbeiten und Präsentationen gab es auch einige Gäste, die sehr spannende Vorträge gehalten haben. Besonders faszinierend war der Nachmittag, an dem eine Frau zu uns kam, die während der Apartheid aufgewachsen ist. Es war extrem spannend, aber auch traurig, wirklich von einem Zeitzeugen die Folgen der Apartheid erklärt zu bekommen. Sie schilderte eindrucksvoll, wie tief die Spaltung der Gesellschaft damals war und welche Auswirkungen dies auf die heutige Gesellschaft hat. Besonders interessant fand ich die Diskussionen über die immer noch bestehenden Ungleichheiten, die auch heute noch in vielen Bereichen des Lebens spürbar sind.

Ein weiterer bemerkenswerter Punkt war, dass selbst sie als eine schwarze Südafrikanerin, die während der Apartheid lebte, die heutigen Gesetze, die speziell auf die Unterstützung von Schwarzen abzielen, kritisierte. Sie sieht es als unfair an, dass oft Schwarze mehr Unterstützung erhalten als andere Minderheiten, die ebenfalls unter der Apartheid gelitten haben, wie etwa die indische oder farbige Bevölkerung. Diese Sichtweise regte zum Nachdenken über die Komplexität der sozialen Gerechtigkeit auch im heutigen Südafrika an. Auch ein Theaterpädagoge besuchte uns während des Seminars. Seine Perspektiven auf die kulturellen und sozialen Herausforderungen, die durch Theater dargestellt werden können, waren äußerst bereichernd. Er sprach darüber, wie Theater als Medium genutzt werden kann, um gesellschaftliche Missstände zu thematisieren und Menschen zum Nachdenken zu bewegen.

Allerdings muss ich sagen, dass der Austausch mit den anderen Freiwilligen das für mich Interessanteste an diesem Seminar war. Es war beeindruckend zu hören, wie unterschiedlich die Erfahrungen und Herausforderungen der anderen Freiwilligen waren. Manche hatten genau dieselben Probleme wie ich, während andere ganz andere Schwierigkeiten erlebten, über die ich mir vorher keine Gedanken gemacht hatte. Es war faszinierend, die unterschiedlichen Herangehensweisen zu sehen, wie jeder mit seinen eigenen Problemen umgeht und versucht, sie zu bewältigen.

Natürlich gab es auch viel Raum, über positive Erfahrungen zu sprechen – sei es im Freiwilligendienst oder in der Freizeit – und über Reisepläne, die man noch hat oder Ziele, die man im Laufe des Jahres erreichen möchte. Es war eine angenehme Mischung aus ernsten Gesprächen und fröhlichen, persönlichen Austausch.

Ich konnte auf jeden Fall viel für meinen eigenen Freiwilligendienst mitnehmen. Besonders die Gespräche über die Herausforderungen der Arbeit im Ausland und die kulturellen Unterschiede, die man im Alltag immer wieder begegnet, haben mir geholfen. Außerdem war es schön zu sehen, dass man mit vielen Dingen nicht allein ist. Auch wenn die Situationen unterschiedlich sind, so gibt es doch oft ähnliche Probleme und Sorgen, die uns alle verbinden.

Alles in allem war das Zwischenseminar eine wertvolle Erfahrung, die mir nicht nur geholfen hat, meinen eigenen Freiwilligendienst zu reflektieren, sondern auch neue Einsichten in die Geschichte und Gesellschaft Südafrikas gegeben hat. Der Austausch mit anderen Freiwilligen und die bereichernden Vorträge haben das Seminar für mich zu einer unvergesslichen Erfahrung gemacht.

Schon Halbzeit

Hey, hey, einfach schon über die Hälfte meiner Zeit hier in Argentinien ist vorbei und ich kann es selber kaum glauben. Vor allem die letzten zwei Monate ist unfassbar viel passiert und ich versuche jetzt einfach mal euch ein bisschen davon zu berichten:

Weihnachten

Weihnachten das erste Mal getrennt von seiner Familie und in einem komplett anderen Land zu verbringen, hört sich vielleicht erstmal sehr beängstigend an – aber das ist es gar nicht.

Natürlich ist es nicht das gleiche wie in Deutschland, dennoch war es eine wahnsinnig schöne und vor allem sehr besondere Erfahrung: Meine Mitfreiwillige und ich hatten das große Glück Weihnachten, hier in Paraná, mit einer Freundin und ihrer Familie feiern zu dürfen. So sind wir also am 24.12. abends nach der Messe zu ihrer Familie gefahren. Es war ein richtig großes Fest mit der ganzen Verwandtschaft; ungefähr so 40 Personen waren vor Ort. Es wurde viel gequatscht, gespielt und natürlich gegessen. Um Mitternacht sind dann alle rausgegangen und es wurde sich Frohe Weihnachten (“Feliz navidad“) gewünscht, man hat Wunderkerzen angezündet und in der Ferne konnte man Feuerwerk hören und sehen. Mal eine ganz andere Tradition, die ich aus Deutschland nicht kannte, aber hier so schön miterleben konnte. Danach waren wir noch zusammen feiern – auch das ist etwas, was ich aus Deutschland nicht gewohnt bin und Heiligabend niemals machen würde. Aber hier machen das recht viele junge Menschen und es war extrem cool auch das mal mitzunehmen!

Zwar insgesamt ein anderes Weihnachten als gewohnt, aber genau deswegen wird es mir noch lange in Erinnerung bleiben!

Silvester

Silvester war mein erster richtiger Urlaubstag, denn die Kita hatte anschließend den ganzen Januar geschlossen, und den habe ich natürlich direkt genutzt und habe mich auf den Weg gemacht, um mit anderen Mitfreiwilligen zusammen in Córdoba zu feiern. Wir hatten uns zu fünft ein wunderschönes AirBnB gemietet, indem wir gut ins neue Jahr reinfeiern konnten. Da nicht nur wir, sondern auch noch ganz viele andere Freiwillige über Silvester in Córdoba waren, haben wir dann letztendlich alle zusammen gefeiert. Es war so schön, so viele Freiwillige nach langer Zeit mal wiederzusehen!! Die folgenden Tage haben wir dann auch noch entspannt zusammen verbracht, bevor es weiterging, ab in den Süden!

Urlaub

Nach Córdoba habe ich meinen weiteren Urlaub dann an den unterschiedlichsten Orten verbracht. Erst war ich im wunderschönen Patagonien, im Süden Argentiniens, wo ich mit zwei Freunden in El Bolsón wandern war und anschließend noch ein paar Tage in Bariloche verbracht habe. Vor allem in El Bolsón war das ein richtiges Abenteuer: mein erstes Mal richtig wandern und dann gleich von Hütte zu Hütte, das hatte es auf jeden Fall in sich. Aber es war sooo toll und die Natur dort ist wirklich einfach atemberaubend schön, das kann man gar nicht in Worte fassen!! Argentinien ist ja wirklich groß (Deutschland passt fast 8mal rein) und dadurch landschaftlich so unfassbar vielseitig und hat wirklich von allem etwas. Patagonien mit seinen Bergen, Wäldern und Seen war demnach ein großer Kontrast zu der Region, in der ich lebe (Provinz Entre Ríos).

Danach zog es mich dann nochmal in eine komplett gegenteilige Landschaft, und zwar nach Chile in die Atacama-Wüste. Sehr heiß tagsüber und nachts absolut frisch, aber sonst wunder-, wunderschön! Auch etwas, was ich zuvor noch gar nicht irgendwie ansatzweise ähnlich gesehen hatte und vielleicht auch deswegen nochmal beeindruckender. Dort verbrachte ich mit einigen Freundinnen ein paar Tage, bevor es dann in die Hauptstadt Chiles, nach Santiago, ging.

Auch dort konnte ich nochmal unfassbar viel Neues sehen und die Zeit einfach echt genießen. Santiago ist so eine tolle Stadt mit unglaublich vielen Möglichkeiten für Aktivitäten aller Art. Gehört definitiv zu einer der coolsten Städte, in denen ich bisher war!

2h entfernt von Santiago kommt man an den Pazifik, nach Valparaíso und Viña del Mar, wo ich dann mit meiner Mitfreiwilligen Lina meine letzten Urlaubstage verbrachte, bevor es wieder zurück nach Hause ging.

Wieder in Paraná angekommen wurden wir direkt erstmal von der Hitze erschlagen und wettertechnisch gesehen waren es ein paar sehr unangenehme Wochen die folgten, aber es war trotzdem ein schönes Gefühl mal wieder zu Hause zu sein… Mal richtig den Koffer auszupacken, alles an die Orte zu tun, wo sie ihren festen Platz haben, mal wieder richtig runterzukommen und sich zu entspannen. Das alles tut nach so langer Zeit auch mal wieder gut.

Jetzt nochmal kurz ein etwas anderer Gedanke zum Urlaub: Es ist wirklich unfassbar krass, wenn man darüber nachdenkt, was für Möglichkeiten wir hier in diesem unfassbar jungen Alter haben, dass wir so viel sehen, erleben und rumreisen können! Ich weiß, dass viele meiner Arbeitskolleginnen und Freund*innen hier noch nie die Chance hatte weit weg, geschweige denn überhaupt, in den Urlaub zu fahren und das lässt einen schon nochmal sehr über seine eigenen Privilegien nachdenken. Natürlich war auch für mich dieser Urlaub extrem groß und würde in Deutschland niemals in diesem Umfang stattfinden – da kommt dann doch durch, dass man das Gefühl hat, nur einmal so lange hier zu sein und möglichst viel sehen zu wollen – aber das spricht ja trotzdem nicht dagegen, dass es einfach unvorstellbar für viele hier ist, so viel Tourismus zu machen.

Gleichzeitig mit diesem Gedanken kommt natürlich aber auch die riesige Dankbarkeit, dass ich das alles hier erleben kann, so unfassbar viel sehen durfte und vor allem mit ganz tollen Menschen reisen durfte. Dieser Urlaub wird mir noch ewig in Erinnerung bleiben und war wirklich einzigartig!

Zwischenseminar

Nachdem wir dann wieder zwei Wochen in unserem Alltag angekommen waren, gearbeitet hatten und unsere Kitazeit vor allem mit basteln und die neuen Babys versorgen, verbracht hatten, ging es dann schon wieder los, und zwar zum Zwischenseminar. Dies fand letzte Woche (17.-22.01.) mit allen Freiwilligen der IERP (Partnerorganisation), die gerade ihren Freiwilligendienst in Uruguay, Paraguay oder Argentinien absolvieren, statt. Wir waren wieder ca. 50 Freiwillige und alle zusammen in einer Art Jugendherberge in Baradero (ca. 1-2h entfernt von Buenos Aires) untergebracht. Es war so eine unglaublich schöne Woche, die definitiv viel zu schnell vorbeiging!! Es wurde gequatscht, Mate/Terere getrunken, gebadet, gespielt, gesungen, gelacht und noch so viel mehr. Natürlich hatten wir auch wieder einige inhaltliche Einheiten, Workshops und vor allem ganz viel Zeit in Gruppen, um unsere bisherigen sechs Monate zu reflektieren und uns auszutauschen. Das tat so gut, mal mit anderen darüber zu reden und dadurch auch zu bemerken, dass wirklich viele auch die gleichen Probleme und Herausforderungen haben und man zu keinem Zeitpunkt allein damit ist. Die Gruppe der Freiwilligen ist echt so eine tolle Gemeinschaft und ich will die ganzen Menschen definitiv nicht missen!  

Wie ihr sehen könnt, ziemlich viel los gewesen, und echt alles so tolle Erlebnisse, die ich in der letzten Zeit hier sammeln durfte. Ich bin unfassbar dankbar für diese ganzen Möglichkeiten und die wirklich ganz, ganz vielen wunderbaren Menschen, die mich hier auf meinem Weg begleiten!! Auch in nächster Zeit stehen noch ganz viele tolle Dinge, wie zum Beispiel, Karneval an, aber darüber werde ich euch bestimmt dann berichten:)

Das PLCC – ein Zuhause für viele Menschen

Grandios, heiß, sonnig, lustig, erfahrungsreich, genussvoll. All diese Worte beschreiben meinen ersten Kenia-Urlaub. Gemeinsam mit meiner Schwester Paula ging es an die Küste, wo uns ein Meer aus Licht und eine Welle an Moskitos erwartete. Wir sprangen in die Wellen und tauchten zusammen mit den Fischen und Krabben zwischen Algen und Korallen.

Meine Schwester Paula und ich in einem Mangobaum-Kanu auf dem Kongoriver

Obwohl es eine tolle Zeit war und ich die dortigen Momente als besondere Erinnerungen in mein Herz einschließen werde, war es ein eigenartig schönes Gefühl, als meine Schwester und ich uns auf den Rückweg nach Rongai machten, ich die bekannten Straßen wiedersah und wir schließlich am Tor zum PLCC standen.

Es war das Gefühl, nach Hause zu kommen. Schon die ersten Schritte auf dem Gelände und erst recht das Wiedersehen mit den Menschen des PLCC, das Umarmen und gemeinsame Lachen erfüllte mich mit Glück. Das PLCC scheint an manchen Tagen überquellen von diesem Glück. So geht es nicht nur den hier lebenden Menschen. Was sagte meine Schwester doch gleich, als sie das Gelände zum ersten Mal mit eigenen Augen sah? „Das ist hier ja ein richtiges Paradies!“ Doch im Grunde steckt noch so viel mehr dahinter.

Blick auf das PLCC von unserem Balkon aus

Es begann in den 90er Jahren mit der Gabe von Brot und Milch an Straßenkinder. Nun bietet das PLCC einen Wohnort für vierzig bis fünfzig Mädchen in Ongata Rongai und ermöglicht ihnen den Schulbesuch. Das Pangani Lutheran Children Centre als Hilfsprojekt der Kenya Evangelical Church hat es sich zur Aufgabe gemacht, Mädchen aus den Slums und von den Straßen Nairobis einen Ort zu bieten, an dem sie sicher sind, Chance auf Bildung haben und sich zuhause fühlen können.

Auf dem Gelände selbst befindet sich eine Primary School, durch deren Sein und Wirken bereits das Ziel des PLCC erfüllt wird, die Mädchen in die Regelschullaufbahn zu integrieren und ihnen formelle Bildung zu ermöglichen. Direktor dieser Schule ist Teacher Bosiri. Zusammen mit Teacher Esther, Teacher Rose, Teacher Belinda und Teacher Jakob unterrichtet er an der Maalum Schule Kinder der Stufen eins bis sechs und im Kindergartenalter. Ebenso besuchen Kinder außerhalb des Geländes die Schule. Die Teacher lehren ein Basiswissen von Mathe über Agrarwirtschaft, Naturwissenschaften hinzu Englischunterricht und sind bemüht, eine Lesekultur aufzubauen, indem Kurzgeschichten und Bücher sowohl auf Englisch als auch auf Swahili in den Unterricht eingebaut werden. Bei den Kleinen stehen zwar die Grundlagen von Lesen, Schreiben und Rechnen im Fokus, wenn gleich ebenso priorisiert wird, dass die Kinder genug Freiraum erhalten, um zu spielen, mit Händen und Füßen zu bauen und zu kneten und neue wie alte Lieder zu lernen. Kennt ihr „Simama kaa “? Ich kannte diesen Song bereits aus Deutschland, kommen tut er doch aus Tanzania und wird auf Swahili gesungen.

An dieser Stelle ist schon erkennbar, dass es auch um informelle Bildung geht; um Lernen, Erfahren, Ausprobieren, im Team arbeiten. Es mangelt den Mädchen absolut nicht an sozialer Kommunikation und Interaktion. In den Pausen wird Fußball gespielt, geschaukelt und gerutscht. Ich persönlich bin auch großer Fan des Spiels „Extender“ geworden, bei dem alle Mitspieler eine Spanne – durch Stöcker am Boden festgelegt – springend überqueren müssen, wobei nur der „Extender“ in der Lage ist, die Spanne in jeder Runde zu erweitern.

Die Mädchen sind kreativ und genau das wird neben Fertigkeiten, die sie abseits der Schule sich aneignen, wie Kleidung waschen, Essen kochen und Putzen, gefördert. Gerade in der Ferienzeit gaben wir im PLCC alles, um den Kids Raum und Zeit zu bieten, sich zu entfalten und auszuprobieren. Da wurde gespielt, gebastelt und getanzt. Backrezepte, die wir probierten, lernten die Kinder auswendig, um sie daheim ihren Familien zeigen zu können.

Ein anderes unserer Projekte war das Kreieren einer Wimpelkette: Ein Gemeinschaftsprojekt, zu dem jede ihren individuellen und eigenen Teil beigetragen hat. Viele Einzelteile führten zusammen zu einem wunderschönen Ganzem, das die Kirche in ein neues Licht stellte.

Dort in der Hall, wo auch die Gottesdienste stattfinden, kommt es hin und wieder zu kleinen bis größeren Vorstellungen der Mädchen. Zu Anlässen wie Feiertagen, wenn Gäste zu Besuch sind oder beispielsweise die Christmas-Party am Ende letzten Jahres, bevor die Kinder nach Hause zu ihren Familien gefahren sind, präsentieren sie Tänze, Poems oder singen vorm Publikum. Zu solcherlei Festtagen beteiligen sich auch stets die Hausmütter, sowohl bei der Unterstützung der Kinder als auch bei… quasi allem.

Ohne Purity, Tabitha, Patience und Rose wäre das PLCC nicht das PLCC. Die 37 Mädchen leben hier auf dem Gelände eine lange Zeit ohne ihre Familie oder haben keine Familie mehr. Die Hausmütter kümmern sich nicht nur darum, ihnen nahrhafte Mahlzeiten, Medikamente, Hygieneartikel und Kleidung bereitzustellen, sie sind auch zu ihrem Schutz da, für ihre emotionale Stabilität.

Natürlich ist dahingehend die Arbeit der Sozialarbeiterinnen Beryl und Charity ebenso bedeutsam. Doch bezieht sich deren Arbeitsfeld eher auf das Büro, die Koordinierung von Besorgungen, die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern und Gesundheitszentren für die Sicherstellung der Gesundheit der Mädchen und die generelle Verwaltung. Bei konkreten Anliegen oder Problemen sind sie ideale Ansprechpartnerinnen für die Kinder und können eine neue Perspektive bieten und aus einer anderen Position heraus agieren.

Geht es jedoch um den Alltag, um ein wenig Trost, die üblichen Streitigkeiten untereinander oder einfach nur darum, jemandem vom besten Erlebnis des Tages zu erzählen, dann sind es die Hausmütter, die zur Stelle sind. Eine kleine Wamboi, die am ersten Tag nach den Ferien erstmal unter einem umstürzenden Regal landet, braucht eine feste Umarmung gegen den Schock und ein Kühlpack gegen die Beule. Allein der Name erklärt ihre Rolle und Funktion im PLCC. Sie kochen, lesen vor und erzählen Geschichten, hören zu, kümmern sich, umarmen, sie lieben die Mädchen vom ganzen Herzen wie ihre eigenen Kinder. Dabei ist jede von ihnen für eines der vier Häuser zuständig, die in einem großen Gebäude auf dem Gelände koordiniert sind; Tabitha für das blaue Haus mit den kleinsten, Purity für das orangene und Patience für das grüne. Im gelben Haus wohnen die ältesten Mädchen, die vieles schon selbstständig organisieren. Mom Rose ist eine großartige, ältere Dame, die über viele Jahre diesen 24/7 Job ausgeführt hat, sich nun langsam zurückzieht und für die dieses Jahr auch das letzte im PLCC sein wird.

Nicht zu vergessen sind natürlich auch Stephen, der Hausmeister, unterstützt von Moses. Die beiden übernehmen Aufgaben, die ich aufgrund mangelnder Kenntnisse gar nicht so recht verstehe. Elektrizität, der Kampf gegen das immerzu wachsende Gras, die Pflege der Ziegen und des Gartens und so weiter und so weiter. Auch Joseline ist so eine Wächterin über das ganze Gelände. Hauptsächlich ist sie für das Putzen zuständig, aber niemand kann behaupten, dass ihre täglichen energiegeladenen Begrüßungen nicht gewaltig zur guten Laune der Menschen beitragen und sie nicht ebenso eine innige Beziehung zu den Kindern führt. So viele Persönlichkeiten bilden diesen besonderen Ort und diesen Geist.

Nichtsdestotrotz zieht es nicht wenige der Mädchen zu ihren Familien. Dementsprechend ist der Kontakt zu ihnen für sie wie für das PLCC von hoher Bedeutung. Solcherlei Angelegenheiten liegen auch im Verantwortungsbereich der Social worker und des Office. Zu den Zielen des Projekts zählt, die Gesamtsituation der Familien zu verändern und die Kinder mit ihren Familien zusammenzuführen. Was für ein unglaublicher Tag es war, als die Kinder von ihren Eltern abgeholt wurden, um mit ihnen, ihren Geschwistern, Tanten und Onkels, Großeltern, Cousinen und Cousins die Feiertage zu verbringen. So viele Tränen, Sorgen und Zweifel, ob alles glatt gehen wird und so viel Strahlen, als die Mutter zum Abholen erschien. Susan, eine weitere Sozialarbeiterin des PLCC, die jedoch nicht auf dem Gelände in Rongai arbeitet, legte sich an diesem Tag mächtig ins Zeug.

Das ist letztlich der Kern. Die Mädchen, ihr Glück und ihre Zukunft stehen im Zentrum des PLCC. Sie sind das Herz, die Idee, der Antrieb für all die Menschen hier. Bei der Christmas Party Ende letzten Jahres richteten ehemalige PLCC-Girls ein paar Worte an das Publikum. Da waren Lehrerinnen dabei, Sozialarbeiterinnen, Angestellte; mutige, selbstbewusste Frauen, die unabhängig auf zwei eigenen gesunden Beinen im Leben standen. Sie sind der lebendige Beweis für das, was das PLCC bewirken kann; dass es eine Chance auf ein besseres Leben bieten kann. Von wohl kaum einer anderen Person werden die Werte des Projekts mehr getragen als vom Kopf des PLCC: Mary Mshana. Sie strahlt die Überzeugung aus, dass jedes Mädchen ein einzigartiges Individuum mit grenzenlosem Potenzial ist, das es verdient hat, zu träumen, zu lernen, Talente zu entdecken und zu entwickeln. Genau dafür schafft sie eine Umgebung. Das PLCC verändert das Leben der Mädchen; die Mädchen verändern die Welt.

Die Wege die man geht

Mein Arbeitsweg zu den Klassenräumen

Mein Arbeitsweg ist unglaublich kurz. Meistens brauche ich keine Minute von meiner Wohnung zu dem nächsten Klassenraum.

Sobald ich aus der Tür gehe, befinde ich mich schon auf einem Schulgang und somit mitten im Geschehen drinnen.

Mir begegnen Energie geladene Teenager die schreiend durch die Gänge rennen. Mir begegnen sehr müde Schüler. (Ob sie so müde sind, weil sie, wie so oft, nach der langen Schule und drei Stunden Hausaufgaben noch gelernt haben oder weil sie unbedingt noch diese eine Serie zu Ende sehen wollten, ist für mich schwer zu beurteilen.) Mir begegnen Schüler die freudestrahlend meinen Namen rufen, und anderen, die ganz in Gedanken versunken mich gar nicht wahrzunehmen scheinen.

Der Schulgang ist zu einer Seite offen und so habe ich, vor allem wenn ich im vierten oder fünften Stock unterrichte, einen wunderschönen Ausblick.

Mein Arbeitsweg zum Kindergarten

Mein wöchentlicher Arbeitsweg zum Kindergarten ist zwar deutlich länger als der zu den Klassenräumen meiner Schule, aber für meinen Geschmack immer noch nicht so lang, dass es sich lohnen würde, uns jedes Mal persönlich mit dem Taxi abzuholen.

Wir fahren an Marktständen mit frischem Obst vorbei und an unglaublich vielen kleinen Läden. Man kann Essen, Kleidung, Getränke, Elektrozubehör, Motorräder und noch ganz viel mehr kaufen. Wir sehen viele Meituanfahrer, die gerade das bestellte Essen an die Leute verteilen und auch super viele kleine Postwagen, welche die ganzen online Shop Päckchen an die Packstationen abliefern.

Ich wundere mich ab und zu, wie die kleinen Läden es schaffen, trotz des ganzen Bestellens, noch zu überleben.

Mein Arbeitsweg zu den anliegenden Schulen

Wenn wir manchmal in Schulen in den anliegenden Dörfern unterrichten, fahren wir durch wunderschöne Landschaften. Die Region ist hier sehr Hügelig beziehungsweise schon eher Bergig. Auf den Bergen sind meistens entweder sehr wild Wälder oder Terrassenartige Felder auf den zurzeit vor allem Kohl angebaut wird.

Park in Huixian

Wege zum Spazieren gehen

Ich liebe es zu wandern und spazieren zu gehen, vor allem in der Natur. Sehr gerne gehe ich auf kleinen Pfaden durch sehr naturbelassene Gegenden. Dementsprechend habe ich mich bei meiner Ankunft super gefreut, als uns sehr viele Lehrer zum „mountain climbling“ und „hiking“ eingeladen haben. Bald habe ich dann herausgefunden, dass meine Vorstellung vom Wandern und Berge besteigen/ hochklettern sich doch etwas von den meisten Lehrern hier differenziert. Die vier größten Unterschiede die ich zwischen den beiden Vorstellungen vom Wandern finden konnten sind:

  1. Die Länge: Für mich gilt eine Wanderung als Wanderung, wenn sie mindestens drei bis vier Stunden lang ist. Für einige von den Lehrern mit den ich mich getroffen habe, ist eine Wanderung auch gerne mal unter einer Stunde lang.
  2. Der Ort: In Parks, durch Felder und Wälder, Flussbetten, … Hauptsache ruhig, wenig Leute, und viel Natur. Demgegenüber stehen hier häufig auf Besucher ausgelegte Parks, die auf Social Media bekannt und beliebt sind.
  3. Die Wege: Gewohnt bin ich kleine Pfade und sehr Natur belassene Wege, desto mehr Baumstämme quer über dem Weg liegen desto besser. Im Gegensatz dazu findet man hier häufig breit ausgebaute Wege neben denen fein geschnittene Büsche wachsen und auf den Wegen liegen nur sehr sehr wenige Blätter.
  4. Das Ziel: Der Weg ist das Ziel aber gegen einen schönen Aussichtspunkt habe ich auch nichts. Hier haben wir auch schon ganz häufig in einem Restaurant geendet (daran könnte ich mich auch gewöhnen).

Mittlerweile habe ich auch meine eigenen kleinen Wanderwege gefunden – abseits von den Ausflugsparks. Meistens sind das Wege die vor allem von den Bauern hier benutzt werden. Und so genieße ich hier sowohl mein gewohntes Wandern, als auch das hier sehr beliebte „climbing mountains“.

Arbeiten in Kapstadt: Herausforderungen, Reflexionen und Eindrücke

Umgebung

Ich lebe auf der Farm in einer WG mit meiner Mitfreiwilligen Lou. Das Gelände grenzt direkt an den Township Vryground und ist auch nicht weit von Lavenderhill entfernt, wo der Center ist. Der Center ist mit dem Auto nur einige Minuten entfernt, also haben wir auch keine weite Anfahrt, wenn wir den Tag im Center arbeiten. Auf Grund der schlechten Sicherheitslage dürfen wir auch nur mit dem Auto das Gelände verlassen. Das Gelände wir rund um die Uhr von Sicherheitspersonal bewacht und ist mit einem Zaun aus Stacheldraht umgeben. Es hat aber manchmal auch etwas Belustiges, wenn uns zum Beispiel der Uber-Fahrer auslacht, weil er nicht fassen kann, dass er zwei weiße (vermeintliche) Touris in ein Township fährt. Es kommt auch häufig vor das unsere Uberfahrten wieder und wieder abgelehnt werden, weil niemand in unsere Gegend fahren will oder die Fahrer sich mehrmals versichern, dass wir uns auch nicht in der Adresse vertan haben. Die Farm ist aber auch trotz der Lage sehr schön. Es ist ein relativ großes Gelände, auf dem wir uns frei bewegen können. Es beinhaltet sogar ein unter Naturschutz stehenden Teil und einen kleinen See mit vielen Ente und Gänsen.

Gedanken und Reflexion:

Auch wenn es vielleicht in meinen Blogeinträgen bisher so klang, als würde ich Kapstadt sehr genießen, ist dies leider nicht immer so. Die Arbeit an sich macht leider nur selten Spaß, denn auch nach 4 Monaten werden mir und auch meiner Mitfreiwilligen nur wenige Aufgaben anvertraut. Also beinhalten viele Arbeitstage nur Nichtstun und sich langweiligen. Was mich natürlich schon überlegen lässt, warum ich denn eigentlich hier bin. Solche Fragen treiben mich besonders um, wenn mir keine Aufgaben gegeben werden, oder auch, wenn die Aufgaben, die mir gegeben werden, nur wenig Sinn machen. Ein Beispiel ist, dass ich im Agrar-Kurs Berichte von jeder Stunde schreiben soll und mir dabei auch vermittelt wurde, dass das auch eine Art Feedback beinhalten soll, da ich ja vielleicht mit der Perspektive eines Außenstehenden etwas verbessern könnte. Ich baue nun seit fast zwei Monaten immer denselben Kritikpunkt ein, aber auch wenn ich Rückmeldungen auf die Berichte bekomme, wird nie auf meine Kritik eingegangen. Dies alles lässt einen dann natürlich auch reflektieren, wie sinnvoll ist überhaupt ist, hier zu sein. Vor allem wenn das Hauptargument meiner aussendenden Organisation immer war, dass die Organisation vor Ort den inhaltlichen Austausch ja wollen, weil sie nicht finanziell davon profitieren. Hier vor Ort höre ich allerdings durchaus Stimmen, die sagen, dass die NWF abhängig von der finanziellen Unterstützung des ZMÖs sei.

Auch ist die Kommunikation innerhalb der Organisation relativ schlecht. Da wir je nach Projekt, in dem wir innerhalb der NWF arbeiten, einen unterschiedlichen Ansprechpartner haben, macht es die Arbeit relativ schwer, wenn jeder etwas anderes sagt und anscheinend der interne Austausch relativ schlecht ist.  Leider verlassen auch viel nette Arbeitskollegen die NWF, da sie auch das Arbeitsklima nicht sehr angenehm finden. Dies ist sehr schade, da man gerade mit einigen seiner Kollegen warmgeworden ist und nun gerade diese die Stelle verlassen. Der Umgang der Leitung mit den Arbeitnehmern wirft bei mir immer wieder Fragen auf: So habe ich davon gehört, dass eine Kollegin unter Druck gesetzt wurde, sich die Zähne machen zu lassen, weil schlechte Zähne nicht gut für das Image der Organisation seien. Diese schlechten Zähne waren durch eine überstandene Sucherkrankung verursacht, und ich hatte gedacht, dass die NWF eine Organisation sei, die Menschen aus dem Township, wo viele mit Drogenkonsum kämpfen, eine zweite Chance gibt. Ich verstehe also oft das Vorgehen und Strategie der Verantwortlichen nicht und es fällt mir noch schwer, einen Umgang damit zu finden.