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Zwischen Überwältigung und Vertrautheit: Ankommen am India Peace Centre

Mein Freiwilligendienst in Indien

Fast ein halbes Jahr sind wir nun hier: Zeit, mal zurückzuschauen und zu reflektieren, wie alles angefangen hat und wie sich meine Situation seitdem entwickelt hat.

Am Dienstag, den 13. August, um ca. 4 Uhr morgens, landeten Riko und ich in Nagpur, in der geografischen Mitte von Indien. Die Reise hatte 18 Stunden gedauert und ich war vollkommen fertig. So viele Eindrücke in so kurzer Zeit prasselten auf uns ein. Zudem war ich noch leicht krank. Wie überwältigt ich von allem bin, wird in diesem kurzen Gedankenstrom von meinem Ankommen deutlich.

Der erste Eindruck

Wir kommen aus dem klimatisierten Flughafen. Feuchte Wärme schlägt uns entgegen. Die Straßen sind beleuchtet. Wir hören leichtes Hupen, riechen die Mischung aus feuchten Pflanzen und Straßenstaub. Alles sieht ähnlich, aber ein bisschen anders aus als gewohnt: die Pflanzen, die Autos, die Straßen und die Häuser, die wir im Halbdunkel der Nacht nur schemenhaft hinter Mauern und Bäumen am Straßenrand erkennen können. Mit meinen vier Stunden Schlaf in den letzten 40 Stunden und einer kaum überstandenen Erkältung in den Knochen sitze ich im Auto und starre aus dem Fenster; wach gehalten vom Schock der gewissenhaften Zollkontrolle am Flughafen, dem gut gelaunten Suyog, der uns vom Flughafen abholt, und dieser überwältigenden Sinneskombination des Ankommens und Eintauchens in die neue Stadt.

Das Centre im Dunklen

Schließlich erreichen wir das IPC und stehen vor einem Tor. Im Dunkeln können wir kaum was erkennen. Wir warten… Der Direktor schließt uns schlaftrunken das Tor auf. Wir werden zu unseren Zimmern durchgeschleust, sehen im Augenwinkel dunkle Pflanzen, erleuchtete Mauern und kleine Häuser. „India Peace Centre“ steht auf einer der Mauern. Tempelartige Umrisse von Häusern, die einst als Gandhi-Ashram gebaut wurden, sind zu erahnen. Taub von der Müdigkeit erkenne ich nichts Genaues.

Im ‚Survival Mode‘

Die Koffer hochtragen, eine schiefe Treppe hoch. Im Eingang stehen. Wow, das ist also Indien! Durch den Flur, in ein leeres, weißes Zimmer mit einem Bett. Erstmal aufs Klo. Wasserflaschen stehen bereit und eine gute Schokolade liegt auf dem Bett. Wie nett! Die Wände sind für uns frisch gestrichen. Deckenlüfter kaputt, Standventilator wird angeschaltet. Gute Nacht! Bis morgen um 12 zum Frühstück! Licht aus.

Ich schwitze am ganzen Körper. Es ist so warm und feucht. Wie kann das Nacht sein? Ist das die Umgebung oder ein Fieberrückfall wegen zu großer Anstrengung von der Reise? Soll ich Fieber messen? Ich muss wirklich schlafen. Ich bin so müde. Aber ich kann nicht. Ich habe Angst vor der Wärme und das im Schlaf das Fieber steigt. Meine Nase ist dicht. Im Flugzeug hatte ich Maske getragen. Erstmal Nasenspray! Das ist schon besser. Ich bin wirklich müde, ich falle jetzt einfach zurück. Ich werde schon überleben…

Ruhiges Ankommen

Dies ist die leicht überspitzte Schilderung der ersten Stunden nach meinem Ankommen in Indien. Im Rückblick ist es schon krass, sich nochmal in diese Situation hineinzuversetzen. Im Alltag vergesse ich jetzt häufig, wie ereignisreich und überwältigend allein die ersten Stunden für mich waren. Es ist übrigens alles gut ausgegangen. Ich habe kein Fieber bekommen und bin innerhalb der ersten Woche an unserer Einsatzstelle wieder gesund geworden. Eine Köchin hat gutes Essen für uns gekocht und wir konnten die ersten Tage entspannt ankommen und uns an alles gewöhnen.

Das Paradox indischer Pünktlichkeit

Beim Independence Day am 15. August wurden wir dann offiziell begrüßt und konnten einige Leute zum ersten Mal kennenlernen. Sogleich sind wir das erste Mal zu spät gekommen und hätten mit fünf Minuten Verspätung fast das Foto unter der indischen Flagge verpasst, die zu diesem Anlass auf dem Vorplatz gehisst wurde. Damit haben wir zum ersten Mal das Paradox indischer Pünktlichkeit erfahren. Man muss einfach wissen, ob ein „Termin um 9 Uhr“ heißt, dass um Punkt neun alle in Festtagsklamotten bereit stehen. Oder ob um halb 10 die ersten Leute auftauchen. Das sagt einem keiner. Man muss es wissen. Wie? Na ja, mit der Zeit wird man besser darin, es einzuschätzen.

Auf dem oberen rechten Bild ist das Team vom IPC zu sehen: der Direktor Angelious Michael (im blauen Hemd), unsere Bürokollegen Swarali und Suyog (links und rechts im Bild) und Sanju (oberes linkes Bild ganz rechts), der Caretaker vom IPC, der inzwischen, nachdem die Köchin Nikita gegangen ist, auch für Angelious, Riko und mich kocht. Sehr lecker, wohlgemerkt! Auf dem oberen linken Bild sind zudem Dr. Tejinder Singh Rawal, ebenfalls Teil von einigen IPC-Veranstaltungen, und seine Frau Rinco (beide ganz in weiß) zu sehen.

Im Büro

Mit Swarali und Suyog hatten wir gerade in den ersten Wochen eine gute Zeit im Büro, wo wir viel miteinander gesprochen haben und sie uns manches aus ihrem Leben erzählt oder Fragen von uns beantwortet haben. Beide haben interessante Lebensgeschichten und es war gut, dass wir andere im Büro hatten, die, was die Arbeit angeht, in einer ähnlichen Situation waren wie wir. Wir haben dann auch für einige Programme gemeinsam Designs oder Teilnehmerlisten vorbereitet. Dass schildert Riko in seinem Beitrag „Und was machst du dort konkret?“. Mittlerweile sind beide leider nicht mehr am IPC.

So viel also von meinem ersten Eindruck in Indien und dem Ankommen im Büro! In den nächsten Beiträgen wird es um zwei Programme des IPCs gehen, bei denen wir mitgearbeitet haben und für die wir nach Delhi und Kolkata (Kalkutta) reisen durften. Außerdem geht es darum, was wir in unserer Freizeit machen, wie wir Weihnachten gefeiert haben und was eigentlich den Westen Indiens vom Osten unterscheidet.

Aber halt! Der erste Eindruck ist ja nun fast 6 Monate her! Was hat sich seitdem entwickelt? Wie ist das Gefühl jetzt, wenn ich das Gelände des IPCs betrete?

Ein grüner Rückzugsort in einer fernen Stadt

Ich komme von einem Spaziergang zurück, bin einmal um‘ Block gelaufen; vorbei an den großen Häusern und manchen grünen Bäumen, die hinter den bunt bemalten Mauern hervorlugen. Es ist hell, die Sonne scheint. Das Tor steht offen. Ich betrete das Gelände des India Peace Centres und gehe den Sandweg entlang, der von Bäumen gesäumt wird. Auf der rechten Seite stehen Blumen und Pflanzen in Töpfen, die an der Straße vorne verkauft werden. Ich folge dem Weg, gehe langsam auf die Mauer zu, auf der das IPC-Logo zu sehen ist, das Gandhi-Rad und der Schriftzug in den silber-grauen Lettern, und atme tief ein und aus. Ich genieße das Gefühl der Ruhe und Vertrautheit, der Entspannung, die eintritt, wenn ich vom Lärm und Verkehr der Straßen in diese kleine grüne Oase einbiege: ein Rückzugsort, wo die Luft ein bisschen besser und das Leben ein bisschen ruhiger ist.

Markante Architektur und fremde Pflanzen

Auf dem Vorplatz stehend, schaue ich mich um. Links erheben sich die Gebäude des Centres. Sie sind aus Ziegelsteinen gebaut und haben ein schräges Dach (beides in Indien eher die Ausnahme). Die Dachspitze ist leicht offen gestaltet. Ein Spalt sorgt dafür, dass die Luft zirkulieren kann, wodurch es im Sommer kühler im Haus bleibt. Darüber ist ein weiteres kleines Dach, damit kein Regen hineinfällt. Ein überdachter Steg aus Stein verbindet die drei Häuser miteinander und bildet ein Rondell, in dessen Zentrum eine kleine Grünfläche mit Rasen und einem Topfbaum gebettet ist. Rechts vom Hauptplatz schlägt ein riesiger Baum seine Wurzeln in die Erde und wacht über das Gelände: eine Pappel-Feige. Sie soll im Gegensatz zu anderen Bäumen nachts Sauerstoff abgeben, weshalb man im Dunklen gut hier sitzen kann. Solange man bereit ist, sich den Platz mit den Mücken zu teilen.

Zielstrebig gehe ich weiter in den hinteren Bereich. Drei bewohnte Häuser stehen nebeneinander. In einem flachen Haus ganz rechts wohnt der Direktor, links wohnen wir, Riko und ich. Oben hat jeder von uns ein Zimmer, unten ist eine Küche und ein Aufenthaltsraum. Das mittlere Haus ist das größte. Hier leben drei Familien mit insgesamt neun Menschen. Am Anfang waren wir erstaunt, als wir nach und nach herausgefunden haben, wer alles dort wohnt. Ich gehe den Weg entlang am mittleren Haus vorbei, grüße Sanju, der gerade im Eingang steht, und gehe auf unser Haus zu, die Treppe hoch.

Ein Gefühl von Vertrautheit

Auf halbem Weg nach oben ist ein kleines Plateau. Dort bleibe ich stehen und schaue mich noch einmal um. Unten sind Obstbäume und Beete. Vor mir eine Palme und dahinter die Ashram-Gebäude des IPC. Das Gelände wird nach hinten von einer Mauer umgeben. Dahinter stehen andere, etwas höhere Gebäude. Ich atme noch einmal ein und aus.

Bin ich zuhause? Dieser Anblick ist mir in den letzten Monaten vertraut geworden. Ich schaue gern auf diese grüne Umgebung. Tagsüber stehe manchmal ich auf dem Plateau, um mir ein paar Sonnenstrahlen abzuholen. Nachts beobachte ich von hier aus den Mond, die Sterne und die Fledermäuse, die ihre Kreise über die Baumwipfel ziehen. Fast vergessen ist die anfängliche Überwältigung, das Gefühl, dass die Luft mir Fieber macht. Ich habe mich eingelebt und fühle mich wohl auf dem Campus.

Von hier aus kann ich nun starten, Nagpur und den Rest von Indien weiter zu entdecken. Ich bin gespannt…

Alltag zwischen neuen Erfahrungen und aufregenden Orten

Mein Alltag ist geprägt von neuen Erfahrungen, inspirierenden Freundschaften, aufregenden Orten und einer großen Portion Spaß. Seit vier Monaten lebe ich nun schon in Indien – eine lange Zeit, doch besonders die letzten beiden Monate sind wie im Flug vergangen. In dieser Zeit hatte ich die Gelegenheit, deutlich mehr zu erleben als in meiner Anfangsphase, was meinen Aufenthalt noch bereichernder und die Eingewöhnung leichter gemacht hat.

Mitte Oktober durfte ich ein außergewöhnliches Ereignis erleben: die Hochzeit eines guten Freundes. Indische Hochzeiten unterscheiden sich stark von denen in Deutschland. Sie erstrecken sich über mehrere Tage und beinhalten zahlreiche Zeremonien. Den Anfang machte die sogenannte Ringzeremonie, bei der sich das Paar gegenseitig die Ringe überreicht. Dieses Ritual ist ursprünglich westlich geprägt und daher kein traditioneller Bestandteil indischer Hochzeiten, wird jedoch immer häufiger integriert. Ich war zur Ringzeremonie eingeladen, und während meine indischen Freunde dies als völlig normal empfanden – viele von ihnen haben bereits an mehr als 20 solcher Zeremonien teilgenommen – war es für mich eine faszinierende Erfahrung, die mich sehr beeindruckt hat. Nun freue ich mich umso mehr auf die eigentliche Hochzeit mit bis zu 1.000 Gästen, die in etwa einem Monat stattfinden wird. Mehr dazu folgt im nächsten Blog 😉

Hochzeit

In der darauf folgenden Woche nahm ich an einem zweitägigen „Leadership Training Programme“ der YMCA teil, was mir viele wertvolle Kontakte einbrachte.                              

YMCA Team

Das Knüpfen von Kontakten ist für mich in den letzten Monaten besonders wichtig geworden, da es das Leben in einem fremden Land nicht nur erleichtert, sondern auch bereichert. So wurde ich beispielsweise von Dr. Tejinder Singh Rawal, einem ehemaligen Leiter des India Peace Centre, zu einem „Potluck“ eingeladen. Bei diesem Treffen brachte jeder Gast ein Gericht mit, wodurch ein vielfältiges Buffet entstand. Neben kulinarischen Genüssen bot sich mir die Gelegenheit, interessante Menschen kennenzulernen, lustige Spiele zu spielen und die indische Kultur weiter zu entdecken.

Potluck

Ein weiteres schönes Erlebnis war die Geburtstagsfeier eines guten Freundes. Zum ersten Mal hatte ich wieder das Gefühl, wie zu Hause zu sein: von Freunden zu einer Feier eingeladen zu werden und in einem kleinen Kreis ganz entspannt in den Geburtstag hineinzufeiern.

Geburtstag

Diese Erlebnisse mit meinen neu gewonnenen Freunden sind für mich unglaublich bereichernd, da ich auf der einen Seite einzigartige Momente genießen und auf der anderen Seite meine Faszination mit anderen teilen kann, was die Erfahrungen noch intensiver macht. Ich bin mir sicher, dass ich mich auch in vielen Jahrzehnten noch an die Runden Cricket am Morgen, das Fußball-Hallenturnier oder an kleine Tagesausflüge zu atemberaubenden Aussichtspunkten erinnern werde.

Ausflüge

Vom 29. Oktober bis zum 3. November durfte ich das Diwali-Festival in Indien erleben. Diwali, auch als Lichterfest bekannt, ist eines der wichtigsten und bekanntesten Feste in Indien. Es symbolisiert den Sieg des Lichts über die Dunkelheit und des Guten über das Böse. Während dieses Festivals führen Hindus die sogenannte Puja-Zeremonie durch, bei der unter anderem die Göttin Lakshmi verehrt wird. Sie soll den Menschen Wohlstand in ihre Häuser und Geschäfte bringen. Ich hatte das große Glück, von meinem Freund Aniruddha zu dieser Puja eingeladen zu werden. Das Lichterfest wird anschließend mit viel Feuerwerk gefeiert – mir wurde erzählt, dass es an Diwali sogar mehr Feuerwerk gibt als an Neujahr.

Diwali

Mitte November stand dann wieder eine Reise auf dem Plan, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Es ging in den Bundesstaat Meghalaya, genauer gesagt in die Hauptstadt dieses Staates, Shillong. Die Reise nach Shillong war bislang meine längste, da sie zwei 20-stündige Zugfahrten beinhaltete, was wirklich anstrengend war. Wir kamen nach Shillong, da wir dort unser zweites „School of Peace“-Programm veranstalteten, ähnlich wie bereits im September in Odisha. Shillong und der Nordosten Indiens allgemein sind atemberaubend schön und völlig anders als die Region, in der ich lebe. Die Gegend ist bergiger, das Klima kühler, die Luft sauberer, es gibt weniger Müll und eine faszinierende Natur. Neben dem Programm hatte ich fast zwei ganze Tage Zeit, die Stadt zu erkunden, was mir große Freude bereitete.

Shillong

Am 25. November kehrte ich aus Shillong zurück, doch schon am 26. November sollte es nach Ahmedabad weitergehen. Leider wurde ich in der Nacht von meiner ersten, für Indien berüchtigten Lebensmittelvergiftung erwischt und musste dieses Programm schweren Herzens aussetzen. Glücklicherweise erholte ich mich schnell und konnte Anfang Dezember das India Peace Centre im Süden Indiens, genauer gesagt in Bangalore, der Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka, bei einem „Capacity Building“-Programm vertreten. Dort hatte ich erneut die Gelegenheit, die Stadt zu erkunden – diesmal auch allein. Diese Erfahrung war für mich sehr wertvoll, da es mir zeigte, wie wichtig es ist, mit sich selbst klarzukommen und das Alleinsein bewusst genießen zu können. Es macht die Momente, in denen man wieder mit anderen Menschen zusammen ist, umso wertvoller.

In Bangalore faszinierte mich vor allem der KR Market, auf dem man im Grunde alles kaufen kann, vor allem jedoch Obst und Gemüse. Es ist schwer, diesen Markt mit der Obst- und Gemüseabteilung eines deutschen Supermarkts zu vergleichen – der Lärm, die Menschenmassen, die überwältigende Vielfalt an Waren und die nicht immer optimalen Hygienebedingungen machen den Unterschied deutlich. Neben dem Markt besuchte ich den beeindruckenden Bangalore Palace, ein architektonisches Meisterwerk. Gleichzeitig zeigte mir die Stadt einen anderen Kontrast: moderne Einkaufszentren und eine Vielzahl an Start-ups, die Bangalore den Spitznamen „Silicon Valley“ Indiens eingebracht haben.

Bangalore

Die letzten zwei Monate waren für mich eine sehr eindrucksvolle Zeit. Ich habe viele neue Menschen, Städte und Lebensweisen kennengelernt. Mit jeder Woche gefällt mir meine Zeit in Indien besser, da ich zunehmend mit allen Eindrücken zurechtkomme und nach und nach tiefere Freundschaften entwickle. Ich bin gespannt, was die kommende Zeit noch bringen wird, und freue mich schon sehr darauf, Ende Dezember Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Indien – das bisher größte Abenteuer meines Lebens

Mein Abenteuer begann nicht erst mit der Landung am Dr. Babasaheb Ambedkar International Airport in Nagpur, im Bundesstaat Maharashtra. Nein, es startete bereits mit dem Betreten des Flugzeugs in Doha. Als einziger Europäer an Bord spürte ich sofort die neugierigen Blicke – eine Erfahrung, die ich so noch nie gemacht hatte. Dieses ungewohnte Interesse an meiner Person ließ mich zunächst unwohl fühlen, doch das Gefühl verflog schnell. Schon während des Flugs lernte ich die außergewöhnliche Herzlichkeit der indischen Gesellschaft kennen. Mein Sitznachbar, Shashank, stellte sich mir vor, und wir kamen rasch ins Gespräch. Er erzählte mir von seiner Arbeit als Softwareentwickler und dass er gerade auf dem Weg sei, seine Familie in der Nähe von Nagpur zu besuchen. Wir tauschten Kontaktdaten aus, und er bot mir seine Hilfe an, falls ich sie jemals benötigen würde. Diese unerwartete Freundlichkeit beeindruckte mich tief – ich war noch nicht einmal auf indischem Boden gelandet, und schon hatte ich eine wunderbare Bekanntschaft gemacht. Meine anfängliche Nervosität wich einem positiven Gefühl. Mein offizielles Willkommen in Indien erlebte ich am 15. August, dem Tag der indischen Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Großbritannien. Als Zeichen des Willkommens wurde mir ein traditioneller Schal, der sogenannte „Shawl“, umgehängt. Meine physische Ankunft war also vollzogen – doch psychisch sollte es noch eine Weile dauern, bis ich mich vollständig angekommen fühlte.

Mein offizielles Willkommenheißen in Indien

In den folgenden Tagen lernte ich die Menschen und die Arbeit meiner Organisation, dem India Peace Centre (IPC), sowie der Dachorganisation, dem National Council of Churches in India (NCCI), kennen. Zudem bot sich mir die Gelegenheit, bedeutende religiöse Stätten in Nagpur zu besuchen. Einer der Höhepunkte war der Besuch von Deeksha Bhoomi, einem historischen Ort, an dem Dr. B. R. Ambedkar am 14. Oktober 1956 zusammen mit Millionen von Dalits zum Buddhismus konvertierte. Dieser Akt markierte den Beginn der Dalit-Buddhismus-Bewegung und war ein Protest gegen das Kastensystem. Deeksha Bhoomi ist ein starkes Symbol für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit in Indien. Dalits sind jene Menschen, die im indischen Kastensystem die niedrigste Stellung einnehmen und oft die größte Diskriminierung erfahren.

Deeksha Bhoomi

Ende August hatte ich die Möglichkeit, mit dem Church of North India Social Service Institute ein Projekt in einem Slum am Stadtrand von Nagpur zu besuchen. Das Projekt zielte darauf ab, Kindern durch Bildung, Unterstützung und einen sicheren Rückzugsort zu helfen. Die Kinder konnten nach der Schule zu einer Lehrerin nach Hause kommen, um dort ihre Nachmittage zu verbringen, anstatt ihre Zeit auf der Straße zu verbringen. Für mich war dieser Besuch eine zutiefst bewegende Erfahrung. Einerseits war es bedrückend, die schwierigen Lebensumstände der Menschen zu sehen, doch andererseits war es wunderschön, zu erleben, wie den Kindern geholfen wurde und sie einen sicheren Raum erhielten. Besonders faszinierte mich die unglaubliche Herzlichkeit und Menschlichkeit der Menschen im Slum, trotz ihrer materiellen Armut. Eine so ausgeprägte Form der Gastfreundschaft hatte ich selten zuvor erlebt.

Das Klassenzimmer im Slum

So verging der erste Monat in Nagpur wie im Flug, und meine erste berufliche Reise stand bevor – es ging in den Bundesstaat Odisha. Wir planten ein Programm namens „School of Peace“ an der KT Global School. Im Rahmen dieses Projekts wählten wir Schüler und junge Menschen aus der Umgebung aus, um mit ihnen über globale Themen wie die SDGs (Sustainable Development Goals), Umwelt, Klimawandel, Frieden, Feminismus sowie die Bekämpfung von Vorurteilen und Diskriminierung zu reden. Das „School of Peace“-Programm soll viermal in verschiedenen Teilen Indiens stattfinden und es dem IPC ermöglichen, lokale Vertreter zu gewinnen, die dieselben Ziele und Vorstellungen teilen. Am letzten Tag vor der Abreise hatten wir die Gelegenheit, die Hauptstadt des Bundesstaates Odisha, Bhubaneswar, auch bekannt als „Stadt der Tempel“, zu erkunden. Gemeinsam mit zwei anderen französischen Freiwilligen der KT Global School besuchte ich mehrere Tempel und genoss das köstliche Streetfood. Dieser Ausflug in einen anderen Bundesstaat war eines meiner bisherigen Highlights hier in Indien.

Odisha

Wenn ich mich jedoch auf ein Erlebnis festlegen müsste, wären es die Festivals, die mich am meisten beeindruckt haben. Während meiner Zeit hier konnte ich bereits zwei bedeutende Feste erleben. Mir wurde gesagt, dass der August die beste Zeit sei, um nach Indien zu kommen, da in diesem Monat viele Festivals stattfinden. Im September hatte ich das Vergnügen, das „Ganesh Chaturthi“-Festival mitzuerleben. Dieses Fest wird zu Ehren von Ganesha gefeiert, dem Gott, der Hindernisse beseitigt und Glück, Weisheit und Erfolg bringt. Das Fest markiert den Beginn neuer Unternehmungen und Gebete für Wohlstand.  Im Oktober feierte ich dann Navratri, ein Fest, das den Sieg der Göttin Durga über den Dämon Mahishasura symbolisiert. Es steht für den Triumph des Guten über das Böse und wird mit Tänzen, Gebeten und Ritualen begangen. Die Festivals sind für mich eine besonders schöne Zeit, da ich sie mit meinen neu gewonnenen Freunden genießen kann und dabei auch neue Bekanntschaften knüpfen kann.

„Ganesh Chaturthi“ und „Navratri Festival“

Am Anfang habe ich gesagt, dass ich mich nur physisch angekommen fühle, doch langsam fühle ich mich auch mental immer mehr in Indien zuhause. Mit dem Entstehen von Freundschaften und durch meine fortschreitende Anpassung an die indische Kultur fühle ich mich immer wohler. Ich bin gespannt, wohin mich dieses Abenteuer noch führen wird.

Es hochzeitet im Hindu Stil

Helge und ich wurden von unserer guten Freundin Sonal zu unserer ersten vollständigen indischen Hochzeit eingeladen, bei der wir bei allen 5 Tagen der Hochzeit teilnehmen durften.

In den Wochen vor der Hochzeit gingen bereits die Vorbereitungen los und wir sind mit ein Paar Freunden shoppen gegangen, um festliche traditionelle Kleidung zu kaufen. Bezahlen durften Helge und ich am Ende aber nicht, Sonal bestand darauf für uns zu bezahlen. Nachdem ich mit einem wunderschönen lilafarbenen Saree und Helge mit einer neuen blauen Kurta ausgestattet wurden ging es noch daran festliche Schuhe zu kaufen, was sich auf meiner Seite als richtige Herausforderung entpuppte, da ich für indische Verhältnisse mit einer Schuhgröße 40 weit über dem Durchschnitt liege. An einem anderen Tag bin ich bin Sonal erneut losgefahren, Ziel war der belebteste Teil Nagpurs um passende Armreifen zu meinem Saree, ein Petticoat und noch ein Paar andere Besorgungen zu kaufen.

Der erste Tag der Hochzeits-Zelebrierung begann am Sonntag damit, dass sich die enge Familie (ca. 50 Personen) Zuhause bei Sonal Zuhause trifft um sich von Henna Künstlerinnen das traditionelle Mehendi auf die Hände malen zu lassen. Damit das Design besonders intensiv wird muss das Henna erstmal 15 Minuten antrocknen bevor man seine Hände wieder bewegen kann. Danach sollte man das Henna am besten über Nacht auf der Haut lassen. Nachdem alle ihr Mehendi aufgetragen bekommen haben wurde noch gemeinsam gegessen. Die meisten von Sonals Verwandten werden über die Hochzeitstage bei ihr Zuhause untergebracht, das Haus wurde für die Hochzeit nicht nur schön geschmückt, sondern auch frisch gestrichen.

Mehendi

Für zwei der fünf Tage der Hochzeit hat mir Sonal Kleider geliehen, denn an diesen Tagen hieß es auch „dress to impress“ -und Prinzessinnen-Abendkleider standen nicht auf meiner Packliste. Für den Montagabend, an dem sich der Großteil von Sonals Familie bei ihr Zuhause offiziell zum Dinner trifft hat sie mir ein langes dunkelrotes Abendkleid und passenden Schmuck geliehen. Wir kamen an dem Abend fast eine Stunde nach dem offiziellen Beginn bei Sonal zuhause an, und trotzdem haben wir den Beginn des Essens nicht verpasst – das nennt man „Indian-standart-time“.

Sonal, ihre grosse Schwester, Swarup (die Braut)
beim Dinner (Montag)

Am Dienstag Morgen, dem Tag vor der Hochzeit kamen wir schon um 10uhr zu Sonal nach Hause um Haldi zu zelebrieren. Dieses Event war mein persönliches Highlight der ganzen Hochzeit, da es eine perfekte Mischung aus Tradition und Spaß ist. Am Tag des Haldi feiern die Familie der Braut und die des Bräutigam meist getrennt die Zeremonie die daraus besteht die Hindu Gottheit Haldi zu ehren. Hier wird zuerst die Braut von ihren Familienmitgliedern mit einer Kurkuma Paste im Gesicht und am Körper eingerieben, dieser Moment war für alle Angehörigen sehr emotional. Danach geht jeder der möchte einzeln zur Braut und darf sich gegenseitig ebenfalls Kurkuma Paste auf die Wangen schmieren. Wenn der traditionelle Teil des Events vorbei ist, geht der spaßige Teil los. Es wird laute Musik gespielt, getanzt und sich gegenseitig mit Kurkuma Paste beschmiert und mit Wasser übergossen. Am Ende des ganzen sahen wir alle aus wie Minions, gelb gefärbt durch Kurkuma und von Wasser getränkt. Es hat uns mehrere duschen und Gesichtswaschungen gebraucht und trotzdem blieben unsere Hände gelb gefärbt und unser Gesicht behielt einen Gelb film. Später gingen dann alle außer die Braut zusammen zum Haus des Bräutigams, die separat ebenfalls Haldi gefeiert haben. Die Frauen der Familie der Braut haben zahlreiche Leckereien vorbereitet die wir mitnahmen um einen weiteren Teil der Tradition zu feiern. Das Essen wird zuerst vor dem Bräutigam präsentiert, dann beginnt das spiel in dem jede Frau so tut als würde sie den Bräutigam füttern, dann im letzten Moment aber wieder zurück zieht. Dieses Spiel geht dann immer weiter, am Ende muss der Bräutigam mindestens einen Bissen von allem probieren was die Frauen mitgebracht haben.

Am Mittwoch, dem Tag der offiziellen Hochzeit musste ich schon sehr früh bei der Location sein, denn ich traf mich mit Sonal, ihren Schwestern, Tanten und ihrer Mutter zum Fertigmachen. Das war ebenfalls ein sehr schöner Moment zwischen Frauen, den ich so schnell nicht vergessen werde. Ich konnte dabei zusehen wie die anderen Frauen herausgeputzt wurden, mit dem vollen Programm; Frisur, Makeup, traditionellem Saree und natürlich Schmuck… – alles muss perfekt sein! Auch mir wurde geholfen in meinen ersten eigenen Saree zu schlüpfen, meine Haare wurden traditionell im Marathi Style hochgesteckt und mit Blumen verziert und ich wurde lieh mir ebenfalls Schmuck von Sonal. Ich wurde wie ein Teil der Familie behandelt und habe mich sehr zugehörig gefühlt. Auch wenn das Makeup für meinen Geschmack viel zu stark war, fühlte ich mich trotzdem wunderschön und werde diesen Moment in Erinnerung behalten. Bevor die Braut in den Saal eingezogen kommt wird der Bräutigam, der auf einem weißen Pferd angeritten kommt, von seiner Familie mit lauter Musik und Tanz begrüsst. Dies zieht sich so lange, bis die Braut bereit ist. Wenn die Braut fertig ist, zieht sie, unter einem Dach aus Blumen in den Saal bis zur Bühne ein. Hier wird sie vom Bräutigam in Empfang genommen und es finden zahlreiche Rituale statt, wie zum Beispiel, dass sich das Brautpaar gegenseitig Reis auf den Kopf tut und Mantras in Sanskrit gesprochen werden. Diese Rituale führen dann zur offiziellen Einigung des Brautpaars. Danach bekommt jeder die Chance auf die Bühne zu gehen und das Ehepaar zu beglückwünschen, Geschenke zu überreichen und natürlich Fotos zu schießen. Jeder der damit fertig ist kann sich dann am ausgiebigen Büffet bedienen. Später finden dann noch weitere Rituale statt, manche sind sehr emotional für die Angehörigen, da ihre Tochter nun offiziell in das Elternhaus des Ehemanns ziehen wird und somit ihre Verantwortung bei der Familie des Ehemanns liegt. (In Indien zieht man traditionell erst aus dem Elternhaus aus, wenn man heiratet- dann zieht man als Frau bei der Familie des Ehemanns ein, man wohnt also nie alleine)

Hochzeit

Das letzte Event der Hindu Hochzeit ist die „Reception“, welche am Donnerstag Abend in einer separaten Location abgehalten und von der Familie des Ehemanns organisiert wird. Die einzigen Programmpunkte ist ein weiteres Fotoshooting und ein riesiges Büffet. An diesem Abend trug ich ein weiteres geliehenes Kleid von Sonal, welches mir meinen Kindheits-Prinzessinnentraum erfüllte. Ich hatte die Chance mich gut mit einigen Verwandten und Freunden von der Familie zu unterhalten.