Ein Leuchten geht durch unser Leben – Leben in einem kleinen Dorf in Brasilien

Hey Guys, I’m back, and I hope you didn’t miss me too much.

Es ist nun gar nicht so lange her, seitdem mein letzter Blog online gegangen ist, aber in dieser kurzen Zeit ist bei mir echt einiges passiert, von dem ich euch heute berichten möchte.

Aber fangen wir doch genau an dem Punkt an, an dem mein letzter Blog geendet hat:

Es war Januar und ich war gerade auf dem Weg zurück nach Padilha. Als ich aus dem Auto direkt vor unserer Haustür stieg, lachte sie mich an. Das war das erste Mal, dass wir uns persönlich sahen. Meine neue Mitbewohnerin. Ich wusste, dass sie kommt, und trotzdem hatte ich fünf Minuten davor noch nicht gewusst, wie unsere Wohnsituation überhaupt aussehen würde.

[Kurze Info für euch: Das Haus, in dem Tilo und ich in den letzten sechs Monaten gewohnt haben, hat genau zwei Schlafzimmer, ein Bad sowie einen überschaubaren und gemütlichen Ess- und Wohnbereich.]

Bis zu meinem Urlaub stand noch nicht fest, ob ich mir nun ein halbes Jahr lang mein Zimmer teilen würde. Aber Spoiler für euch: Das sollte ich nicht. Denn während ich unsere neue Mitbewohnerin und Tilo begrüßte, teilten die beiden mir mit, dass Tilo ausziehen musste.

„Musste“ ist ein großes Wort, wobei er in diesem Punkt keine andere Wahl hatte. Unser Chef hatte nämlich eine weitere Wohnung, nicht einmal drei Minuten von unserem Haus entfernt, gefunden. Da diese aber direkt über der Billard-Bar der Gegend lag, war es unserem Chef lieber, wenn dort ein Mann einziehen würde.

Und so kam es, dass im Zimmer neben mir Lydia einzog. Anfangs muss ich sagen, war das Ganze noch sehr ungewohnt, eine WG zu dritt zu haben. Denn trotz des Fakts, dass Tilo jetzt in einem anderen Gebäude schlief, verbrachte er weiterhin die Zeit mit uns im Haus. Doch nach nicht einmal einer Woche verflog das Gefühl, denn wir kamen echt gut miteinander klar und waren schnell ein gut eingespieltes Team. Zu dritt kann man deutlich mehr Kartenspiele spielen als zu zweit, und es gibt auch wirklich immer eine Person, die okay damit ist, den Abwasch zu machen.

Nach nun mittlerweile vier Monaten, in denen wir zusammen leben, muss ich sagen, dass ich mir eine WG ohne Lydia gar nicht mehr vorstellen kann. Ich bin froh, dass sie uns auf unserem Weg begleitet, und unsere WG leuchtet wirklich noch einmal in einem ganz anderen Licht als zuvor.

Nun habt ihr zumindest mal ein kleines Update zum Punkt Mitbewohnerin bekommen. Lasst uns weitergehen und schauen, was noch so alles passiert ist.

Im Februar stand dann nämlich unser Zwischenseminar vor der Tür, das ich auch bereits im letzten Blog-Beitrag angeteasert hatte. Doch davor möchte ich noch ein Ereignis ansprechen, das man beim Gedanken an Brasilien meist nicht vergisst: Karneval. Karneval wird zwar hier im Süden nicht in der größe gefeiert wie in den Großstädten im Norden, wie zum Beispiel Rio de Janeiro oder Salvador. Aber auch hier findet man schöne Paraden.

Trotz dem Fakt, dass es in Padilha keinen Umzug gibt, haben die Mitarbeiter des LARs einen Mini-Karneval für die Kids veranstaltet, die sichtlich Freude daran hatten, sich bunt zu bemalen, leckere Süßigkeiten zu naschen und wild zu guter brasilianischer Musik zu tanzen. Ein buntes Licht ging in diesen Tagen durchs LAR.

Nach Karneval kam dann auch endlich das bereits erwähnte Zwischenseminar. Schon Anfang des Jahres stand fest, dass dieses in einem kleinen Ort namens Barra Velha in Santa Catarina stattfinden würde. Dahin machten Tilo, Lydia und ich uns dann auf den Weg.    

Dort angekommen bestaunten wir erst einmal die schöne Szenerie, die uns das süße Airbnb nahe dem Strand bot. Gleich danach kam dann aber auch das langersehnte Wiedersehen mit den anderen Freiwilligen. Einige neue Gesichter waren diesmal dabei. Denn zu unserer Gruppe stießen außer den Nachzüglern Emily und Lydia fünf weitere Freiwillige hinzu, die ein ökologisches Jahr in Brasilien absolvierten, und das machte unsere Gruppe komplett.

Trotz der Tatsache, dass unser Airbnb direkt am Meer stand und das Wetter zu dem Zeitpunkt auch nicht gerade das schlechteste war, konnten wir nicht die ganze Zeit am Strand verbringen – verständlicherweise.

Zwischenseminar 2025/26

Simone, unsere Ansprechpartnerin in Brasilien, und Regina, eine Stellvertreterin der Organisation in Deutschland, hatten ein abwechslungsreiches Programm für uns vorbereitet. Zu diesem Programm gehörte es vor allem, unseren Fortschritt anzuschauen, und zum ersten Mal hatte ich auch wirklich gesehen, welche Hürden ich schon überwunden habe. Und natürlich durfte auch nicht fehlen, einen Blick in die Zukunft zu wagen und zu schauen, was denn noch alles vor uns liegt.

Zwischen den Einheiten hatte man dann aber doch Zeit, sich mit den anderen Freiwilligen auszutauschen und sich besser kennenzulernen. Und während des Kochens entstanden dann auch wirklich interessante Gespräche. Es war eine schöne Zeit.

Ich bin wirklich froh, ein Teil dieser tollen Gemeinschaft sein zu dürfen, und wünsche allen Freiwilligen schöne letzte Monate. Nicht nur die Sonne hat während dieser Woche gestrahlt.

Trip zu den Fortaleza Canyons

Nach dem Seminar waren dann auch sechs Monate vorbei und der März begann. Und schon Anfang März klopfte es an unserer Tür … und davor stand Julia, unsere Teamerin und gleichzeitig auch unsere Vorfreiwillige. In den nächsten Wochen begleitete sie uns im Alltag. Wie ich hatte sie sich in das Projekt verliebt und war froh, es mal wieder besuchen zu können und sich außerdem mit den Teamern zu reconnecten. Aber bei Alltag blieb es nicht nur. Es ist ja nicht alle Tage so, dass man zurück nach Padilha kommt. Deshalb sind wir an einem Tag gemeinsam mit unserem Chef, ein paar Kollegen und natürlich Julia zu den Fortaleza Canyons gefahren. Der Ausflug war wirklich schön und der Blick auf die Canyons ist atemberaubend. Ich bin mir sicher, dass Julia ihre kurze Zeit hier bestimmt in Erinnerung behalten wird und sie mit einem Leuchten in sich trägt. Und während wir Julia schon fast fest in unsere WG eingespannt hatten, war es dann auch wieder Zeit für den Abschied. In nicht einmal vier Monaten werden wir sie ja schon wiedersehen.

Nachdem wir wieder zur Normalität zurückgefunden hatten, fiel uns auf, dass es nicht mehr lange bis Ostern war. Und da wir fanden, dass das Haus von Casa 1 noch nicht bunt genug war, beschlossen wir, mit den Kids Ostergirlanden zu basteln. Die Kleinen hatten auf jeden Fall eine Menge Spaß dabei, die süßen Osterformen mit viel Farbe auszumalen. Danach war der große Saal definitiv bereit für Ostern.

Aber nicht nur im LAR fehlte es an Farbe. Nein, wir fanden, auch bei uns daheim würde ein wenig Farbe nicht schaden. Und während wir dabei waren, unsere bemalten Ostereier direkt neben unserer noch hängenden Weihnachtsdeko anzubringen, dachten wir, dass auch wir ein bisschen Farbe vertragen konnten. Und so begannen wir, meiner Mitbewohnerin Lydia die Haare zu färben. Und während ich dabei war, Schnörkel und Muster auf ihre Haare zu malen, fiel uns auf, dass noch einiges von der lila Farbe übrig war, die wir benutzt hatten. Also entschied sich Tilo dazu, auch seinen kurzen Mohawk zu färben. Und dann war nur noch ich übrig. Da ich aber nicht ganz so der Fan von komplett lila Haaren war, beschloss ich, nur meine Bangs zu färben. Die Kinder fanden diese Veränderung auf jeden Fall gut und meinten, unsere Haare passten super zu ihren gefärbten Strähnen.

Und dann begann auch schon die Osterwoche.

Gleich am Gründonnerstag, also dem Donnerstag drei Tage vor Ostern, fand in Padilha der Lichterlauf statt. Dafür hatten die Kinder im Voraus die Leute aus der Nachbarschaft eingeladen. Und als dann an diesem Tag die Sonne unterging und die Straßenlichter angingen, begann eine große Traube von Menschen mit leuchtenden Kerzen, sich vom LAR aus auf den Weg zu machen, um mit ihren Lichtern die Nacht ein wenig zu erhellen. Es war wirklich ein unglaublich schöner Anblick. An den von den Pastorinnen vorbereiteten Stationen hielten wir an, sangen, lauschten Geschichten und feierten Abendmahl, an dem Groß und Klein teilnehmen durften. Ich bin immer wieder dankbar, an solchen herzerfüllenden Tagen das Licht zu sehen und zu sehen, wie sehr es strahlt.

Der Karfreitag hat auch hier, wie in vielen christlich geprägten Familien, die Tradition, kein Fleisch zu enthalten. Stattdessen gab es Fisch und Reis und für mich einfach nur eine MENGE Reis. 😉

Und dann … dann war auch schon Ostersonntag. Tilo hatte sich am Freitagmittag in seinen Urlaub aufgemacht und Lydia verbrachte das Wochenende in Porto Alegre, also war von unserer WG nur ich übriggeblieben. Aber das war nicht weiter schlimm, denn auch ich hatte Pläne. Von meinem Kollegen Vitor war ich eingeladen worden, den Ostermorgen gemeinsam mit seiner Familie zu verbringen. Darüber habe ich mich natürlich super gefreut.

Bereits am Abend zuvor habe ich mit Rani, meiner Kollegin und Vitors Freundin, den Nachtisch vorbereitet.

Es gab Mango-Sagu.

[Kurze Sideinfo: Sagu ist ein beliebtes Dessert hier im Süden Brasiliens. Dabei werden Tapiokaperlen meist in Wein oder Traubensaft aufgekocht oder – wie in unserer Abwandlung – mit Mango zubereitet. Dadurch entsteht ein geleeartiges Gemisch, das oft mit Vanillesoße serviert wird.]

Die Familie meines Kollegen hat mich wirklich herzlich aufgenommen und seine kleinen Neffen waren auch allerliebst. Zum Mittagessen gab es Churrasco mit vielen Side Dishes und zum Nachtisch dann die verschiedensten brasilianischen Desserts und natürlich unser selbstgemachtes Sagu.

Ich bin meinem Kollegen wirklich dankbar, dass er mich mitgenommen hat. Seine Familie hat mir Wärme und ein freudiges Licht geschenkt. – Vielen lieben Dank dafür! –

Glücklich und mit vollem Magen fuhren wir dann wieder nach Hause. Doch mein Tag sollte hier noch nicht enden. Gegen Abend war ich nämlich noch zu Friends Easter eingeladen. Also machte ich mich gegen 17 Uhr auf den Weg zur WG meiner Kollegen. Einer meiner Kollegen, Fernando, ist wirklich super kreativ und kocht und backt gerne. Er hatte schon im Voraus riesige Schokoeier hergestellt, die wir gemeinsam an diesem Tag befüllen durften, was eine Menge Spaß bereitete. Danach schauten wir noch einen Film. Und als ich an diesem Abend nach Hause lief und dabei noch Rolfs Zuckowskis Hasengeschichten anhörte, war ich wirklich ein glückliches Kind. Zwar war dieses Ostern ganz anders, als ich es von daheim gewohnt war, aber trotzdem war es wunderschön.

Ich habe so viele Lichter strahlen sehen dürfen, dass ich nur Freude empfinden konnte.

An dieser Stelle noch eine kleine Empfehlung für Rolfs Zuckowskis Hasengeschichten und daraus das Lied „Frohe Ostern“. [Einfach ein Stück Kindheit für mich, das mich an all das Schöne denken lässt.]

Ich hoffe, ihr hattet in dieser Zeit alle ein gesegnetes Wochenende.

Am nächsten Tag ging es für mich wieder ins Projekt. Die Kids waren alle am Strahlen, vor allem als sie mir zeigten, wie viel Schokolade sie zu Ostern bekommen hatten. Außerdem standen noch eine Hüpfburg und ein Trampolin auf dem Platz, wodurch die frohe Energie nur verstärkt wurde. Denn wer kann schon schlechte Laune haben, wenn er auf einer Hüpfburg herumturnen kann?

Super süß fand ich vor allem auch die Tatsache, dass ganz viele Kids die Schokolade untereinander und auch mit den Mitarbeitern teilten. Über den ganzen Tag bekam ich von mehreren Kindern Süßigkeiten geschenkt. An manche hatten ein paar der Mädels sogar Zettelchen geklebt, auf denen stand: „Feliz Páscoa, Tia“. Wirklich eine schöne Geste, die zeigt, dass Teilen Freude macht.

Als dann nach einer Woche die ganze Schokolade vernascht war, wurde es auch wieder ein wenig ruhiger im LAR. Aber nicht in Padilha, denn in der Woche nach Ostern fuhr ein echt hoher LKW durchs Dorf, der dummerweise einige der Strom- und Internetkabel abräumte und damit einen kleinen Stromausfall in den betroffenen Gebieten verursachte. Da das Wochenende vor der Tür stand, war eine schnelle Reparatur nicht in Sicht, zum großen Bedauern der Anwohner. Zu dieser Zeit war unser Licht also leider aus, aber auch diese Zeit haben wir überstanden. Und als der Strom dann endlich wieder da war, freuten wir uns umso mehr.

Nun zu meinem letzten Punkt, von dem ich euch in diesem Blog erzählen möchte. Denn vor einigen Wochen hatten Lydia und ich beschlossen, ein wenig mehr von Padilha zu erkunden. Dabei fiel mir ein Ort ein, den ich bereits mit meinen Kollegen besucht hatte. In meinem Kopf wusste ich den ungefähren Weg, was auch nötig war, denn in Padilha hat man keinen Mobilfunkempfang. Also machten Lydia und ich uns auf den Weg, um zu dieser schönen Stelle zu laufen. Als wir nach zweieinhalb Stunden immer noch nicht angekommen waren und schon einige Abzweigungen erkundet hatten, beschlossen wir, wieder umzukehren und in der Nähe unseres Hauses zu picknicken. Das Licht führte uns also wieder zurück. Aber ich dachte mir: Es kann doch nicht sein, dass ich mich so in der Richtung geirrt habe und wir uns verlaufen haben. Stellt sich heraus: Ich hatte nur vergessen, wie lange wir damals mit dem Auto dorthin unterwegs waren.  

Ungefähr 25 Minuten waren wir gefahren. Was bedeutet, dass wir noch etwa eine Stunde hätten weiterlaufen müssen, dann wären wir angekommen. Ich sollte wirklich noch an meinem Einschätzungsvermögen arbeiten. Oder was meint Ihr?

Und das war’s auch schon, wovon ich euch in diesem Blog berichten wollte.

Ich hoffe, Ihr hattet Spaß beim Lesen und keine Sorge: Das war noch nicht das letzte Mal, dass Ihr von mir gehört habt.

Beim nächsten Mal erzähle ich euch, wie uns die Kälte eingeholt hat, was wir mit den Kids unternommen haben und wie sich die wirklich letzten Monate in Brasilien angefühlt haben.

Und bis dahin hoffe ich, dass Euch ein Licht durch die nächsten Wochen begleitet.

Adeus, eure Romy

Alles steht Kopf (oder doch nicht?)

Eine Reise durch sechs Monate Padilha

Ich lade dich ein: Komm mit mir auf meine Reise in einen kleinen Ort in Brasilien, der meine Welt auf den Kopf stellt – oder vielleicht gar nicht so sehr, wie ich anfangs dachte. Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Lesen.

Ein halbes Jahr ist es nun schon her, seitdem ich in einen neuen Abschnitt meines Lebens aufgebrochen bin. Und ich muss ehrlich sein: Als es dann wirklich losging, war ich ganz schön nervös. Meine Gefühle waren all over the place. Von großer Vorfreude, die ich fühlen durfte, bis hin zur Trauer über die Realisation, dass ich meine Familie ein ganzes Jahr nicht sehen würde – es war wirklich alles dabei. Gefühlschaos pur. Zum ersten Mal stand fast alles Kopf.

Doch schon im Flugzeug überwogen Spannung und Vorfreude vieles. Auch wenn das Navigieren durch die Flughäfen interessant war – vor allem in São Paulo war es gar nicht so einfach, das nächste Gate zu finden –, merkte man schnell, dass man mit Schulenglisch nicht weit kam und erstmals versuchen musste, sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Das funktionierte am Ende aber erstaunlich gut, denn schließlich saßen wir wirklich alle im richtigen Flieger.

Die erste Woche durfte ich dann mit genauso blutigen Anfänger*innen verbringen wie ich selbst. Das machte die Sache um einiges leichter, vor allem, weil es mir zeigte, dass auch die anderen zum ersten Mal in genau derselben Situation steckten und ebenfalls nicht auf alles vorbereitet waren – ganz anders, als ich es mir zuvor vorgestellt hatte.

Eine Sache, die mir in dieser Woche ebenfalls sehr deutlich vor Augen geführt wurde, war, dass es in Brasilien tatsächlich richtig kalt werden kann. Etwas, das einem beim Gedanken an Brasilien kaum in den Sinn kommt. Während in Deutschland zu dieser Zeit Hochsommer herrschte, liefen wir in unserer Unterkunft mit Wollpulli und Kuschelsocken herum. Natürlich hatten wir dabei auch unseren Spaß: Am Kamin sitzend tranken wir Tee, spielten Spiele und machten es uns gemütlich.

Es war, als hätte man die Jahreszeiten, so wie ich sie kannte, einmal komplett auf den Kopf gestellt. Also hieß es, sich erst einmal ein neues Bild von den Jahreszeiten zu machen und sich auf weitere kalte Tage vorzubereiten.

Nach unserer ersten Seminarwoche, in der wir wirklich viel lernen durften – unter anderem auch mehr Portugiesisch –, fühlte ich mich deutlich sicherer. Besonders Grammatik fiel mir nach dieser Zeit um einiges leichter, da Duolingo bis dahin keinen besonders guten Job in diesem Bereich gemacht hatte. Auch die Workshops und die vielen Gäste, die uns von ihren unterschiedlichen Tätigkeiten in Brasilien berichteten, machten das Seminar sehr interessant und ließen mich mit Gefühlen von Bewunderung und gewecktem Interesse zurück.

Die Woche ging zu Ende, und plötzlich hieß es wieder Abschied nehmen. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, die ich mit dieser Gruppe verbracht hatte, und umso schwerer fiel mir das Tschüss sagen. Tschüss zu Menschen, die man gerade erst richtig kennenlernen durfte, und Tschüss zu einem Alltag, der langsam begann, Routine zu werden.

Doch nun ging es los in das eigentliche Neue: der Ort, an dem ich ein ganzes Jahr verbringen würde. Wenn ich jetzt hier sitze und darüber nachdenke, wie sich alles abgespielt hat, kann ich mich doch noch recht gut erinnern.

Was ich noch ganz genau weiß, ist der Gedanke, den ich hatte, als wir das erste Mal mit dem Auto den Weg zu unserem Haus fuhren. Ich dachte, wie wunderschön die Natur um mich herum war, die das ganze Dorf wie ein schützender Mantel umgab. Ein Gefühl von Wohligkeit und Vertrautheit stieg in mir auf …

In den Wochen danach hieß es erst einmal ankommen – leichter gesagt als getan. Trotz der Tatsache, dass wir im Projekt, einem LAR (Heim) in Padilha, sehr herzlich aufgenommen wurden und auch unsere Kolleg*innen uns sofort willkommen hießen, fiel mir das Ganze anfangs nicht leicht. Zu Beginn unserer Zeit im LAR waren Tilo und ich dem Berçário zugeteilt, dem Haus, in dem die Kinder von null bis fünf Jahren schlafen und ihren Alltag verbringen. Ich fühlte mich damals leicht überfordert – nicht, weil ich nicht mit Babys umgehen konnte, sondern weil ich bei all den Fragen der Kinder oft nicht einmal die Hälfte verstand.

Doch das änderte sich langsam und stetig über die Wochen hinweg. Mittlerweile bin ich wirklich stolz darauf, wie sehr sich meine Portugiesischkenntnisse verbessert haben. Das verdanke ich vor allem meinen Kolleg*innen, die mich dabei unglaublich unterstützt haben.

Als ich nach einigen Wochen endlich sagen konnte: „Ich bin angekommen“, ging der Spaß erst richtig los.

Meine Welt, die bis dahin noch ziemlich auf dem Kopf gestanden hatte – durch Sprachbarrieren, neue Tagesabläufe, ein anderes Klima und einem Ort, der doch recht abgeschottet liegt –, begann sich langsam zu drehen. Und irgendwann, ob es die Tage waren, an denen mich die Kinder „Tia Romy“ nannten oder es zumindest versuchten (kleine Side-Info: In Brasilien wird das R oft wie ein H ausgesprochen, sodass ich häufig „Tia Homy“ genannt wurde – aber der Gedanke zählt), oder die gemeinsamen Unternehmungen mit den Kindern oder Kolleg*innen: Ab einem gewissen Punkt stellte sich ein echtes Gefühl von Angekommen sein und Heimat ein. Und das machte mich sehr glücklich.

Blumen von meinen Kids <3

Lass uns nun einen kleinen Sprung ein paar Monate weiter machen. In den Monaten danach hatte sich der Alltag perfekt eingependelt, und nach den verschiedensten Events, an denen ich bereits teilnehmen durfte – wie zum Beispiel den Gincanas (schaut euch dazu gern den Beitrag auf meiner Instagram-Seite an) –, hatte ich zu den Kindern im LAR eine viel engere Bindung aufgebaut.

Ich freute mich jeden Tag aufs Neue darauf, ins Projekt zu gehen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Während der Schulzeit spielten wir oft Karten, malten oder machten – solange das Wetter es zuließ – Spaziergänge.

Langsam wurde es immer wärmer, und plötzlich war November. Das Ende des Frühlings begann.

Im November fand auch eines meiner absoluten Lieblingsereignisse statt, von dem ich dir gern erzählen möchte: das „Festa de Cultura“, das jedes Jahr im LAR veranstaltet wird. Zu diesem Anlass kommen an einem Abend viele Menschen ins LAR, um eine großartige Show zu sehen. Das Programm war breit gefächert: Gesangseinlagen, ein Auftritt einer großen Hip-Hop-Gruppe, Capoeira und viele weitere Talente – es war wirklich alles dabei.

Schon Wochen im Voraus probten die Kinder fleißig. Auch ich durfte Teil einer Performance sein. Gemeinsam mit einer Kollegin studierte ich mit einigen Kids den Cup-Song ein, den ich sogar noch aus meiner Grundschulzeit kannte.

Als es an diesem Abend endlich hieß „Bühne frei“, waren viele der Kinder sehr nervös. Doch alle meisterten ihren Auftritt mit Bravour und erhielten dafür einen absolut verdienten Applaus. Die fröhliche Stimmung, die gute Laune und vor allem das Gefühl von Gemeinschaft, das zeigte, wofür das LAR steht – nämlich Zusammenhalt und ein Zuhause –, haben mich tief berührt. Ich bin sehr dankbar, Teil dieses besonderen Abends gewesen zu sein.

Unser Auftritt

Kurz darauf begann der Dezember – und mit ihm der Sommer in Brasilien. Die Hitze überrollte mich förmlich, und das Gefühl, dringend Abkühlung zu brauchen, begleitete mich täglich. Wieder stand alles Kopf.

Die Kinder sahen das ähnlich. Da ihre Sommerferien begonnen hatten, drehte sich alles ums Rausgehen und Spielen. So verbrachten wir die meisten Tage des Dezembers am Fluss oder tanzten bei den immer wieder auftauchenden Sommergewittern im Regen.

Am meisten Kopfzerbrechen bereitete mir jedoch der Gedanke an Weihnachten bei fast 32 Grad. Trotz der vielen Weihnachtsdeko wollte anfangs keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen, und natürlich vermisste ich auch meine Familie. Doch meine Kolleg*innen, mit denen ich in den letzten Monaten viel Zeit verbracht hatte, zeigten mir schnell, dass diese Sorge unbegründet war. Weihnachtstraditionen wie Plätzchen backen und verzieren, den Weihnachtsbaum schmücken oder Wichteln gibt es auch hier – und so brachten sie mir den brasilianischen Weihnachtszauber näher.

Auch Heiligabend und den ersten Weihnachtsfeiertag verbrachten wir gemeinsam. An Heiligabend waren Tilo und ich bei der Familie eines Kollegen eingeladen. Seine Mutter hatte reichlich für uns gekocht, sogar kleine Geschenke vorbereitet und der Abend verging so schnell, dass man die Zeit völlig vergaß.

Der ertse Weihnachtsfeiertag startete genauso schön. Während wir morgens die Kinder im LAR besuchten, die uns stolz ihre neuen Geschenke zeigten, stand am Abend auch für uns Bescherung an. Wir tauschten unsere Wichtelgeschenke aus, spielten Spiele und sangen laut Weihnachtslieder – fast so, wie ich es von zu Hause kannte. Trotz der Wärme und der anderen Umgebung war es ein unvergessliches Weihnachten, für das ich sehr dankbar bin.

Nun sind wir im neuen Jahr angekommen. Viele Gefühle, Aufgaben und Herausforderungen durfte ich in den letzten sechs Monaten erleben.

Und auch wenn Padilha mir anfangs fremd erschien, sehe ich heute jeden Morgen die Schönheit und den Zauber dieses Ortes. Ich würde ihn sogar Heimat nennen. Und manchmal, wenn ich genau hinschaue, erkenne ich sogar Parallelen zu dem Ort, an dem ich zuvor gelebt habe.

Ich bin wirklich dankbar. Dankbar für all die Menschen, die ich auf dieser Reise kennenlernen durfte. Dankbar für die schönen und auch schweren Momente, die mich dorthin gebracht haben, wo ich heute stehe. Dankbar für meine Kolleg*innen – und inzwischen Freund*innen –, die mir gezeigt haben, die kleinen Dinge hier zu schätzen und zu lieben, und dankbar für all die Emotionen, die mich bis hierhin begleitet haben und es auch weiterhin tun werden.

Ich hoffe, dieser kleine Einblick in meine Reise hat dir gefallen und ich konnte dich ein wenig catchen. Beim nächsten Mal berichte ich davon, wie es ist, plötzlich eine neue Mitbewohnerin zu haben, wie unser Zwischenseminar ablief und was ich sonst noch alles erlebt habe.

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Und bis dahin eine gute Zeit.

Viele Grüße aus Brasilien

Deine Romy