Afrika? Ein gefährliches Land?!

Ich war mir nicht sicher, was ich in meinem letzten Blogbeitrag dieses Auslandsjahres thematisieren sollte. Aber in den vergangenen Wochen wurde mir diese Entscheidung aufgrund der hier geschehenen Ereignisse abgenommen. Es ist fast, als würde mein Lerndienst enden, wie er begonnen hatte. Mit einem Theaterstück über Revolution, während draußen auf den Straßen Nairobis und im ganzen Land die Proteste stattfinden.

Als ich im August 2024 in Kenia landete, hatte sich die Lage der Demonstrationen zwar bereits beruhigt, aber die Menschen hatten nicht vergessen. Im Nationaltheater schauten wir das Musical „Sarafina“, eine Vorstellung über eine junge Frau inmitten einer Jugendbewegung im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika in den 1980er Jahren. Der Abend ist mir bis heute noch lebendig in Erinnerung; voller Energie, Sehnsucht und den Facetten einer mir fremden Welt. Das Theater war erfüllt von einer Spannung und Sinnigkeit; denn obwohl nicht derselbe Kampf bis vor kurzem in Nairobi gekämpft wurde, so waren es doch dieselben Glaubenssätze und derselbe Schmerz, den die Kenianer*innen mit den Protagonist*innen des Stückes teilten. Der Glaube an ein vereintes Vorgehen gegen ein Unrecht, die Leidenschaft für die gemeinsame Sache und der Schmerz von Gewalt, Verlust und Tod.

(Nairobi 2024)

Auslöser der Proteste 2024 war ein Finanzgesetz, das die Einführung neuer Steuern vorsah. Die Preiserhöhungen auf Brot, Öl oder Hygieneprodukte stellten für so manche eine Existenzbedrohung dar. Als Reaktion entwickelte sich die größte Jugendprotestbewegung auf dem afrikanischen Kontinent – unabhängig von ethnischen Gruppierungen und Zugehörigkeiten. Doch die Gründe für den Zorn und die Unzufriedenheit mit der Politik liegen tiefer. Der Frust über die herrschende Korruption, das arrogante Auftreten der politischen Elite und besonders die hohe Jugendarbeitslosigkeit brodelte schon lange unter der Oberfläche der Gesellschaft. Das durfte ich selbst in den vergangenen Monaten an unterschiedlichsten Stellen erfahren.

Hanan, Peter, Dennis, Mary, ich könnte dutzende Namen nennen; Namen von jungen Menschen, die auf der Universität studiert und ihren Abschluss gemacht haben in Biologie, Business oder Wirtschaft. Und nun stehen sie da ohne Job, ohne Ausblick auf Karriere. Es fehlt an Arbeitsplätzen. Manche warten und hoffen auf die Gelegenheit, ihr Geld mit der Arbeit zu verdienen, für die sie ausgebildet wurden, andere suchen sich Jobs wie Bodaboda-Fahren oder verkaufen Kleinigkeiten und Snacks am Straßenrand. Ob Daniel, mit dem ich auf den Mt. Kenya gewandert bin, Brian, den ich beim Tanzen kennengelernt habe, oder diverse Uber-Fahrer; niemand macht ein Geheimnis aus der Unbeliebtheit des Präsidenten. Und es war vor allem sie – die junge Generation – die im letzten Juni auf den Straßen Parolen wie „Ruto must go“ gerufen hat. Am 25. Juni 2024 stürmten die Demonstrierenden das Parlament. Die Polizei setzte scharfe Munition ein und schoss mitten in die Menge. Mehr als 23 Menschen sind dabei zu Tode gekommen.

Und nun, da sich der Jahrestag dieses denkwürdigen Ereignisses näherte, trieb es die Menschen erneut auf die Straßen. Als ich mich vor einigen Tagen nach Nairobi wagte, um mir ein Theaterstück über den Revolutionsführer Dedan Kimathi im MauMau-Aufstand der 1950er anzusehen, begegnete ich etlichen Soldaten, bewaffnet mit Gewehren und Knüppeln, die an der Straße und in Parks positioniert waren, um gegebenenfalls bei Unruhen eingreifen zu können. Die Demonstrierenden fordern Gerechtigkeit für Albert Ojwang und den Rücktritt des Polizeibeamten Lagat, dessen Klage in jenem Fall zur Verhaftung Ojwangs führte. Der Lehrer und Blogger wurde nach Folter auf der zentralen Polizeiwache getötet. Präsident Ruto äußerte sein Bedauern und versicherte, persönlich für Gerechtigkeit Sorge zu tragen. Zwei Polizisten wurden im Zusammenhang mit der Ermordung festgenommen. Doch die Amtsenthebung und Verhaftung des stellvertretenden Generalinspektors Lagat, die die Protestierenden vehement einfordern, steht noch aus. Als sie am Dienstag, den 17. Juni, auf die Straßen gingen, eskalierte die Situation. Ich habe die Lage zeitgleich in den sozialen Medien verfolgt und war beim Anblick der Bilder und Videos dankbar, mich nicht im Stadtzentrum Nairobis zu befinden.

Parolen wurden gerufen, die Polizei setzte Tränengas ein, vermummte Schlägertruppen mit Knüppeln und Messern ausgerüstet schlugen auf Zivilist*innen ein und einem Mann, der im Viertel Masken zum Schutz vor dem Tränengas verkaufte, wurde von einem Polizisten aus nächster Nähe in den Kopf geschossen; nur mit viel Glück und dank einer Notoperation überlebte er den Angriff. Leider gilt dies nicht für alle. In ganz Kenia nahmen Menschen an den Demonstrationen teil und einige kamen dabei ums Leben. „We are peaceful“, rufen die Protestierenden, doch die Polizeigewalt bleibt. Und erst jetzt wird ersichtlich, was diese Gewalt für nachhaltigen Schaden hinterlässt. Aufnahmen zeigen, wie die etlichen Ladenbesitzer*innen nach den Protesten ihre Räume begutachten. Die Zerstörung erschüttert. Für manche bedeutet diese Verwüstung die Bedrohung ihrer Existenz.

Die Wut und Frustration der Bevölkerung, besonders der jungen Menschen, ist mir absolut verständlich. Wer weiß, wie es in Kenia in einigen Jahren aussehen wird. Ich habe die politischen Strukturen und Probleme selbst nur sehr oberflächlich in meiner Zeit hier erfassen können und mir fällt es unglaublich schwer, die Lage einzuschätzen. Ein Jahr reicht aus meiner Erfahrung aus, einen Einblick zu gewinnen, aber ein ganzes Land in diesem Zeitraum, seine Politik, Gesellschaft und Kultur, zu erfassen, erscheint mir unrealistisch. Noch dazu hätte ich ohne Zugriff auf die sozialen Medien kaum etwas von den Protesten mitbekommen. Während ich diese Zeilen schreibe, ist es ein großes Thema in meinem Umfeld. Doch außerhalb der sozialen Medien und der Viertel, in denen demonstriert wird, geht der Alltag seinen gewohnten Gang.

Als meine Mutter einer Kollegin vor etwa einem Jahr erzählte, ihre Tochter wolle einen Lerndienst in Kenia absolvieren, reagierte diese erstaunt oder entsetzt mit den Worten: „Afrika? So ein gefährliches Land!“ Abgesehen von der Inkorrektheit der Gleichung Afrika=Land mangelt es in dieser Aussage auch ganz im Allgemeinen an Logik und Wahrheit.

Ja, es ist an manchen Tagen zu manchen Zeiten nicht ungefährlich und nicht ratsam, durch Nairobi zu spazieren. So wie es in zahlreichen anderen Ländern genauso wenig ungefährlich und ratsam ist, wo sich die Menschen mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzen, für ihre Meinung auf die Straße gehen und dabei Konflikte riskieren – sei es mit der Regierung oder mit Andersdenkenden. Es ist von vielen Faktoren abhängig, wie friedlich eine Demonstration verläuft. In Deutschland wie hier.

Denke ich an die „Gefahren“ der letzten Monate zurück und an Sicherheitsmaßnahmen, die ich getroffen habe, dann scheint mir die Tierwelt den größten Unterschied zu Deutschland darzustellen. Da das PLCC unmittelbar neben dem Nairobi Nationalpark gelegen ist, wird dringend geraten, bei Dämmerung oder Dunkelheit das Gelände nicht zu verlassen, um unerwünschte Begegnungen zu vermeiden. Daran habe ich mich meistens gehalten.

(Eine durchaus erwünschte Begegnung 🙂 )

Was die Menschen betrifft, ob hier in Rongai, in Nairobi oder sonst wo in Kenia, so fühlte ich mich sicher nicht trotz, sondern wegen der Menschen.

Überall auf der Welt können einem Leute begegnen, die nichts Gutes im Schilde führen und von denen man sich wünscht, dass sie fernbleiben. Als junge Frau habe ich von klein auf gelernt, achtsam zu sein und Alleingänge bei Nacht nicht zu riskieren. Solche Regeln scheinen leider so ziemlich überall sinnvoll zu sein. Nicht überall hingegen kann man sich gewiss sein, dass Menschen in der Nähe sind, die helfen und eingreifen. In Kenia ist das der Fall; es wird nicht bloß zugeschaut, sondern Initiative ergriffen, bevor Schlimmeres geschieht. Glücklicherweise hatte ich nie derart eskalierende Situationen; aber schon bei Kleinigkeiten waren umstehende Leute an meiner Seite und zögerten nicht zu helfen; und wenn es nur eine Diskussion mit einem Bodaboda-Fahrer oder ein grober Griff an meinen Arm eines ambitionierten Verkäufers war.

Je besser ich mich mit meiner Umgebung auskannte und mich für kulturelle Unterschiede öffnete, desto mehr begriff ich, dass so manche „Gefahren“ nichts sind als Unwissen und Unverständnis. Als ich noch nicht wusste, dass das Nehmen und Führen der Hand eine höfliche Geste und assistierte Begleitung bedeutet, interpretierte ich es gerne als übergriffig und reagierte abwehrend. Weiß man nicht viel über ein Land, eine Kultur oder Lebensweise, so kann einem jede Kleinigkeit im Alltag gefährlich vorkommen; denn sie ist fremd. Sich für neue Perspektiven zu öffnen, lässt mich die Welt ein kleines bisschen besser verstehen; Gefahren entpuppen sich als unbegründete Ängste und anstatt die Grenzen zwischen der eigenen und der fremden Welt in Gedanken hervorzuheben, scheinen diese zu verschwimmen.

Vor einiger Zeit fragte mich jemand, wie in Deutschland die Reaktionen seien, wenn jemand wie er (ein Schwarzer) den Menschen auf der Straße begegnen würde. Ich muss sagen, ich war zunächst leicht irritiert von der Frage. Er habe gefragt, weil in Kenia weiße Personen herausstechen würden. Und tatsächlich habe ich die Erfahrung gemacht aufzufallen. Während ich in Deutschland in der Menge untergehe, haften hier mehr Blicke auf mir. Allerdings auf eine erschreckend positive Weise. Unbegründete Bewunderung und Begeisterung begegneten mir und spiegelten sich in Kinderaugen. Und mir wurde immer wieder klar, dass ich – ob ich es will oder nicht – durch meine Hautfarbe vom tief verwurzelten Rassismus in der Gesellschaft profitiere, sei es in meinem persönlichen Ansehen oder strukturell, in Deutschland wie in Kenia. Und als ich antwortete, wie es andersherum in Deutschland aussehe, merkte ich schon, während ich sprach, dass ich log. Ich präsentierte ihm in meinen Worten ein Deutschland, wie ich es mir wünschen würde; meine persönliche Traumvorstellung von einem toleranten Land, in dem das Aussehen eines Menschen gleich wäre und das Innere einzig von Bedeutung bei der Beurteilung einer Person. Ein Land mit kultureller Vielfalt, bunt und offen.

(Für diese Mädchen würde ich mir eine Welt mit einer solchen Sichtweise wünschen…)

Das entspricht allerdings nicht der Realität und hat es nie.

Schwarz zu sein ist in Deutschland gefährlich, allein durch historisch verankerte Vorstellungen und Ansichten; Menschen mit schwarzer Hautfarbe werden institutionell und strukturell diskriminiert, in der Öffentlichkeit mit Rassismus konfrontiert und eher mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Und angesichts des wachsenden Rechtsextremismus und der damit verbundenen Gewalt stellt sich mir die Frage, wie gefährlich Deutschland gerade wird. Vielleicht nicht für jeden, aber für People of Color, für Mitglieder*innen der LGBTQIA+ Community, für Angehörige mancher Religionsgemeinschaften oder Menschen mit anderen politischen Ansichten.

Vielleicht bewerten wir so manche Welten zu Unrecht als „gefährlich“ aufgrund von Vorstellungen, die wir aus Ausschnitten in den Medien oder aus Vorurteilen gewinnen, und betrachten hingegen das eigene Umfeld als „ungefährlich“, weil wir es einschätzen können, weil es nicht fremd ist und weil die meisten von uns in diesem akzeptiert werden.

Zeitvertrauen

Braids sehen toll aus – strapazieren je nach der Art, wie sie eingeflochten und gepflegt werden, aber auch übermäßig stark die Haarwurzeln. Eine der vielen Lektionen, die ich mitnehmen durfte; jene Lektionen, die einem im Alltag ständig über den Weg laufen.

Schon sehr lange hatten die Kinder mich dazu aufgefordert, mir Braids in einem Friseursalon machen zu lassen. Dabei wird das Kopfhaar in viele kleine Zöpfe geflochten. Um längere Zöpfe zu erhalten, werden häufig Extensions verwendet. Die Resultate können je nach Stil und Größe der Zöpfe sehr individuell und unterschiedlich aussehen.

Der Ursprung dieser Flechtfrisur findet sich im afrikanischen Raum. Erste Hinweise dieser Technik lassen sich im alten Ägypten 3500 v.Chr. finden. Sie symbolisierten kulturelle Zugehörigkeit, Religion oder politische Standpunkte. Bis heute sind sie Teil der Kultur der People of Colour. Aus diesem Grund hatte ich auch lange Zeit nicht mit dem Gedanken gespielt, mir selbst Braids machen zu lassen. Ob es sich beim Tragen der Braids als weiße Person um kulturelle Aneignung handelt, darüber wird diskutiert. Fest steht aber, dass sie je nach Kontext, Region und geschichtlichem Hintergrund kulturelles Statussymbol und Zeichen Schwarzer Identität und Freiheit sind; sie haben eine tiefere Bedeutung für viele ihrer Träger*innen. Sie deswegen aus rein modischen Motiven zu tragen, ohne sich mit ihrer Geschichte und ihrem Wert auseinanderzusetzen, kann als respektlos aufgegriffen werden. Menschen können verletzt werden; sich in ihrer Identität ungesehen fühlen.

Mir ist es wichtig, diese Informationen aufzuführen und damit auch den Kontext, in dem ich mich zu dieser Frisur entschieden habe. Von den Kindern hatten wir uns bereits Frisuren zeigen lassen, geübt und ausprobiert – zum einen mit unseren und auch mit ihren eigenen Haaren. An den Strähnen zu tüfteln, sie zu kämmen und sie schließlich aufzustecken oder zu flechten, war eine gemeinsame Aktivität, die uns zusammengeschweißt hat, die Kontakt und Miteinander bedeutete, bei der wir voneinander lernen konnten. Eine Berührung, die Grenzen aufbricht und verschwimmen lässt. Seit einem Dreiviertel Jahr bin ich nun in Kenya. Unterschwellig lernte ich dabei mehr und mehr über die verschiedenen kulturellen Gruppen, die Sprache, die Lebensweise. Ich bin einer Vielfalt bunter Persönlichkeiten begegnet – alles Menschen. Wie ich selbst auch. Egal wie unterschiedlich unsere Leben sind, unsere Interessen, unsere Vergangenheit – was uns zusammenschweißt, ist die Menschlichkeit; tolerieren, respektieren und wertschätzen wir unsere Verschiedenheiten, können wir in einer wohlwollenden Gemeinschaft leben und in dieser teilen und schenken. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Kinder, die Hausmütter, die Lehrkräfte und die Sozialarbeiterinnen gefreut haben, als ich mit der neuen Frisur zur Morgenandacht kam. Für uns war mein Tragen dieser Frisur kein respektloses Nicht-Anerkennen – eher im Gegenteil; ein kleines Zeigen, dass wir ein Team sind und ich für diese Gemeinschaft dankbar bin.

Mit Purity, einer der Hausmütter, war ich am Tag zuvor zusammen in einem Salon. Zuerst wurden ihre Haare gemacht und schließlich meine. Drei Stunden Arbeit, die vielleicht vier Stunden gewesen wären, hätte Purity nicht bei den vielen Zöpfen mitangepackt. Dass es damit auch ihr Werk war, hat mich auf eine Weise berührt; schließlich ist sie eine mir sehr wichtige Bezugs- und Kontaktperson im Alltag und bei der Arbeit. Das Staunen und die Freude der Kinder hätte ich auf Video aufnehmen sollen. Sie wussten sehr viel besser als ich, wie die Zöpfe frisiert werden konnten und halfen mir bei der Pflege. Denn diese vernachlässigte ich dezent… Womöglich einer der Gründe, warum meine Haarwurzeln ungewöhnlich stark strapaziert wurden. Als wir an einem Sonntag morgen zusammen die Zöpfe entflochten, machte sich bemerkbar, wie stark meine Kopfhaut unter Spannung gesetzt worden war. Viele Haare waren abgebrochen und der Haarhaufen beim Kämmen wurde größer und größer. Die Konsequenz war simpel; ein Abend im Badezimmer. Eine Bastelschere. Ein Schnipp Schnapp.

Ein bisschen anders ist die Nora, die heute durch Nairobi streift, im Matatu Musik hört oder in Rongai die Abendsonne genießt. Sie ist etwas anders als die Nora vor einem Dreiviertel Jahr. In dieser Zeit habe ich Lektionen für mich mitgenommen; bin gelassener geworden und ein bisschen verrückter. Nicht nur daran ersichtlich, dass ich nicht vor einem neuen Haarschnitt zögere. Allein das Fußfassen in einem neuen Umfeld und meine tägliche Zeit mit den Mädchen bedeutete zugleich eine Erweiterung meines Wissens. Ich weiß nun mehr durch Erfahrung. Da gibt es die kleinen Dinge…

Ich weiß, wie ich auf Kiswahili bete und wie ich mich in dieser Sprache zumindest ein bisschen („kidogo“) verständigen kann.

Ich weiß, wie ich ein Armband flechte und kenne Matherechnungen, die ich in meiner Schulzeit nicht gelernt habe.

Ich weiß zumindest theoretisch, wie man Chapati macht (obwohl ohne Tabithas oder Puritys Anweisungen mein Resultat zwar eine Art Gebäck ist, aber definitiv kein Chapati).

Ich weiß, wie ich aus alten Plastikflaschen Blumen zaubern kann.

Ich weiß, dass ein strahlend blauer, sonniger Himmel nicht bedeutet, dass es nicht zwei Minuten später in Strömen regnen könnte.

Und ich weiß, dass Zeit vieles fügt.

Das ist eine meiner größten Erkenntnisse. Und sie umfasst so viele Bereiche meines Lebens.

Ganz am Anfang herrschte in mir Unsicherheit. Mein gesamtes Umfeld war unbekannt und fremd. Da war kein Vertrauen – weder in die Menschen noch in meinen Alltag. Wie ich was mit wem reden sollte, war jedesmal eine kleine Herausforderung; bei der Arbeit in der Schule wusste ich nicht, was ich machen kann, soll und darf; das Heimweh und die Sehnsucht nach der bekannten Welt eroberten ab und an meine Stimmung, verbunden mit der immerwährenden Angst, es könnte so bleiben; dass sich nichts ändern könnte, ich mich nie in diesem Neu zurechtfinden und das Begegnen mit den Menschen Tag für Tag eine kleine Überwindung darstellen würde. Doch mit der Zeit näherten wir uns einander an; kleine Gespräche, aus denen tiefere Bindungen erwuchsen. Je häufiger wir in Kontakt traten, uns austauschten und quatschten, desto mehr kam mir eine Erkenntnis: Dass es nichts gibt, vor was ich mich fürchten müsste. Es klingt banal, aber etwas in mir musste beruhigt werden und verstehen, dass mir niemand etwas Böses will. Und so öffneten wir einander die Türen und luden uns ein. Durch Ausprobieren, Nachfragen und Um-Hilfe-Bitten wuchsen die Sicherheit und die Gewohnheit.

Wieder aufs Neue überwältigten sie mich vor Beginn des Ferienprogramms, die Zweifel und Ängste: Kann ich das überhaupt? Werde ich mich mit den Kindern verstehen? Was, wenn etwas schiefgeht? Wenn es nicht nach Plan läuft?

Überraschung: Es lief nicht nach Plan. Das ein oder andere ging schief. Ja und? Deswegen ist die Welt nicht untergegangen. Vorbereitung hin oder her; vieles kam doch anders. Und „anders“ bedarf keiner Wertung. Anders ist anders. Es entstanden Komplikationen und genauso Momente, die ich mir nicht schöner hätte ausmalen können. All diese Situationen haben ihre Daseinsberechtigung; ein weinendes Kind, das Trost braucht, oder eine lustlose Stimmung, weil niemand sich für das Spiel interessiert; Stromausfall, der Filmschauen und Regen, der Kreidespiele schwierig macht; genauso wie ein Gejubel über eine Bastelidee und die Verlängerung von beliebten Programmpunkten.

Und wenngleich es holprig, gern spontan und nicht perfekt lief, so hatten wir es am Ende gemeinsam über die Bühne gebracht. Wir hatten kreiert, getobt und geschaffen. Wir haben uns näher kennengelernt; einander und uns selbst. Ich erlebte die Kinder, wie sie lachten, stritten und weinten, stolz ihre Basteleien präsentierten, jubelten wenn sie sich auf den Kuchen freuten oder einen Moment still dasaßen, Musik lauschten und zeichneten. Wie ich sie wahrnahm, lehrte mich eine nicht unbedeutende Lektion, die ich auf mich selbst bezogen nie glauben wollte. Dass das bloße Sein eines Menschen und der Wille, ein guter Mensch zu sein, wichtiger sind als Leistung und Fähigkeiten.

Aber auch das konnte nur wachsen dank der Zeit.

Vieles habe ich zum ersten Mal gemacht. Seien es bestimmte Mahlzeiten zu kochen, Bodaboda zu fahren oder Reisen planen und umzusetzen. Bis ich es tat, konnte ich nicht wissen, ob ich es kann. Mit der Zeit festigte sich mein Zeitvertrauen. Kriechen heute die Zweifel in meine Gedanken, dann spüre ich sie, höre ihnen zu und kann dann sagen: Lass etwas Zeit vergehen. Es wird sich fügen. Vielleicht kann Zeit nicht alles fixen, aber eine ganze Menge.

Und was schmerzhaft bleibt und nicht repariert werden kann, wird Zeit zu einer weichen Narbe verblassen lassen und vielleicht eine neue Lektion hinterlassen.

Manchmal sind die Veränderungen und das Wachstum so langsam, dass es kaum bemerkbar ist. Also trete ich einen Schritt zurück und sehe es an den Kleinigkeiten, an der Lockerheit, wie ich meine Haare abschneide und es mir gleich ist (denn sie wachsen mit Zeit).

Von einer außergewöhnlichen Frau…

Am 08. März 2025 verabredete ich mich mit Purity, einer der Hausmütter des PLCC. Wir nahmen uns beide ungestörte Zeit, setzten uns in den Schatten vor unserem Haus und ich bat sie, mir zu erzählen; von sich, von ihrer Arbeit, von ihrem Leben. Unser Gespräch zeichnete ich in ihrem Einverständnis auf und tippte es im Nachhinein ab. Ihre Erzählungen kürzte und übersetzte ich. Die Geschichten, die sie erzählt, ihre Gedanken und Ansichten sprechen für sich.

Wer bin ich und wie kam ich ins PLCC?

Mein Name ist Purity Mukami Abigael. Ich bin vierundvierzig Jahre alt und nun seit fast zwei Jahren im PLCC.

Wir hatten eine Bekanntgabe in unserer Kirche, dass dort eine Hausmutter gebraucht wird. (…) Wir wussten, dass es ein Ort ist, an dem unter anderem Waisenkinder und Kinder mit schwieriger Vergangenheit leben. Als ich also hörte, dass die Anzeige von dort kam, wusste ich: Das will ich tun. Denn vor einigen Jahren war ich eine alleinerziehende Mutter. Ich habe mich alleine um meine und die Kinder meiner Schwester gesorgt. Gott war immer da für mich. Ich fragte mich: „Was kann ich tun, um zu würdigen, was Gott für mich getan hat?“ (…) Zwar habe ich nicht viel Geld oder andere Gaben, die ich der Kirche geben kann, aber das kann ich tun, um Gott zu zeigen, dass ich dankbar bin. Referentin Agnes trug mir auf, einen Brief zu schreiben. Das war 2019. 2019 verging, 2020 verging, 2021 verging. Ich hatte den Brief schon vergessen. Doch im März 2023 erhielt ich einen Anruf von Referentin Agnes. Ich traf unsere Direktorin Mary Mchana in Nairobi. Wir besprachen alles Nötige und wann anzufangen sei. Einerseits war ich aufgeregt und voller Vorfreude: Ja, ich hatte es geschafft! Andererseits fragte ich mich, was mit meinen
Kindern geschehen würde. Mein Mädchen war in der ersten und mein Junge in der dritten Klasse. Wer würde sich um sie kümmern?

Ich suchte unsere Evangelistin auf und erzählte ihr von meinem Kummer; wer würde für meine Kinder da sein? Ich wäre weit fort von ihnen, wie würde das sein? Sie sprach zu mir: „Mach dir keine Sorgen. Ich bin hier. Ich werde ihre Mutter sein.“ Ich war so dankbar. Für wahr, Gott wollte, dass ich dies tue. Ich war glücklich.

Was sind meine Aufgaben und wie sieht mein Arbeitsalltag aus?

Das Wichtigste ist die Betreuung der Kinder und die Sorge um ihre Gefühle. Das ist die größte Aufgabe. Ich habe realisiert, dass das Verhalten einiger der Mädchen darin begründet liegt, wo sie herkommen und was sie durchgemacht haben. Also ist es meine Aufgabe, mich um ihre emotionale Sicherheit zu kümmern, indem ich sie verstehe und auf sie eingehe, sodass sie stabil werden. Natürlich sorge ich mich auch um sie, indem ich für sie koche und ihnen die Liebe einer Mutter gebe.

Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass die emotionale Stabilität auch mit der Förderung ihrer Begabungen verknüpft ist. Üben wir gemeinsam für eine Aufführung, hilft es ihnen. Sie vergessen ihre Vergangenheit. Sie konzentrieren sich. Dreißig Minuten sind genug und wir sind durch. Sie haben alles verstanden. Das macht mich so glücklich und ich fühle mich ermutigt. Jede Woche bereiten wir etwas vor. Wenn die Kinder in der Schule sind und ich die Hausarbeiten erledigt habe, muss ich für die Woche etwas Neues suchen; denn ich weiß, sie wollen etwas Neues lernen, was wir donnerstags in der Morgenandacht oder am Sonntag in der Kirche präsentieren können. Das motiviert mich.

Was liebe ich an meiner Arbeit? Was motiviert mich?

Was ich liebe und was mich am meisten erfüllt, ist, diese Mädchen zu sehen. Sie sind
glücklich, sie haben keinen Stress, sie fühlen sich wohl; das gibt mir ein Gefühl von: Ja, ich habe es geschafft! Ich habe es für meinen Gott getan. Und das ist mein Motto, das ist mein Thema, das ist mein Stolz; zu sehen, dass es ihnen gut geht, denn ich kann ihnen nichts anderes geben.

Wie fühlt es sich an, eine so lange Zeit so weit weg von der Familie zu sein?

Das ist eine sehr herausfordernde Frage. Manchmal vermisse ich sie sehr. Wie – wie jetzt. Ich habe sie seit dem 28. Dezember nicht mehr gesehen. Es ist manchmal so schwierig… so schwierig. Letzte Woche habe ich erfahren, dass mein Drittgeborener – er lebt in Nairobi und arbeitet mit seinem Bruder –, dass sie einen Streit hatten. Ich musste alles übers Telefon regeln. Ich musste sie beraten; alles übers Telefon. Und dann ging mein Guthaben leer und ich konnte nicht einmal mit ihnen reden. (…) Ich betete für sie.
Am nächsten Morgen erfuhr ich vom Erstgeborenen, dass sie das Problem gelöst hatten. Gott hat es für mich getan. Weil ich zu ihm gesprochen hatte: „Ich bin weit weg von ihnen. Ich sorge mich um diese Kinder. Bitte, Gott, tu es für mich.“

Über meine Kindheit…

Ich wurde in eine Familie mit sechs Kindern geboren. Ich bin die Zweitgeborene. Meine
Mutter verstarb 1998, als ich sechzehn Jahre alt war. Mein Vater ging zu seiner zweiten
Frau, als meine Mutter starb, und wir wurden zurückgelassen. Meine ältere Schwester
heiratete. Nun war ich die Erstgeborene für meine anderen Geschwister. Also habe ich mich um sie gekümmert. Meine jüngste Schwester war zwei, der eine Bruder vier, der
andere war in der sechsten und meine andere Schwester in der siebten Klasse. Ich hatte
eine sehr schwierige Zeit. Ich zog los, um nach etwas zu essen zu suchen, um irgendeine
Arbeit zu finden, damit wir einfach irgendwas bekommen.

Ich gab mein Bestes und Gott war da für mich. Denn nie kam eine Zeit, in der ich nicht
handeln konnte. Mein Vater zahlte die Schulgebühren für die Familie. Aber woher sollten die Bücher kommen? Die Kinder brauchten Radiergummis, Stifte und so weiter. Das lag alles an mir. Unsere Nachbarin sah, wie ich kämpfte, und wollte mir helfen. Sie ging zu
einer Organisation, die sich um Waisenkinder und Kinder in schwierigen Situationen kümmert.
Am ersten Tag kamen sie mit Essen, sie nahmen Informationen auf und versicherten
uns, sie würden sich um die Schule kümmern, um ein gutes Haus für uns, um alles, was
nötig sei. Doch am nächsten Tag – keine Ahnung, wie die Nachricht ihn erreicht hatte –
ging mein Vater ins Büro der Organisation und sagte ihnen: „Nein, ich bin am Leben. Niemand hat sich um meine Kinder zu kümmern, solange ich lebe.“ Als ich davon erfuhr, war mein höchstes Stresslevel erreicht. Und ich war wütend. Ich konfrontierte meinen Vater: „Wie konntest du uns das antun? Du ernährst uns nicht. Du tust nichts für uns. Und sobald wir jemanden finden, der uns helfen kann, zerstörst du alles. Vater, ich habe mein Bestes getan, aber bitte: Nimm dein Bündel.“ Schweren Herzens gab ich ihm meine Geschwister. Doch meine Stiefmutter sah nicht ein, warum sie sich um die Kinder einer anderen Frau kümmern sollte.

Was hätte ich tun sollen? Ich nahm sie wieder zu mir. Mein Gedanke war: „Jetzt werde ich sterben“ Ich kann es nicht in Worte fassen. Ich hatte keine Hoffnung mehr. Unsere Evangelistin besuchte uns, um zu sehen, wie es uns erging. Ich erzählte ihr von unserer Geschichte. Sie sprach zu mir: „Du kannst nie wissen, warum Gott es so entschieden hat. Doch bist du jemals hungrig ins Bett gegangen?“ Ich sagte ihr: „Nein.“ „Weil Gott immer für uns da ist.“ Und dann sagte sie mir: „Gott wird immer für dich da sein. Mach dir keine Sorgen. Gott wird für dich da sein.“ Sie munterte mich auf, wir sprachen viel und sie versprach, für uns da zu sein. Meine Geschwister wuchsen heran und gingen weiter zur Schule. (…)

Über meine Ehe…

Als ich heiratete, ging ich in eine neue Hölle. Meine Schwiegermutter konnte mich nicht in Frieden lassen. Sie missbilligte mich sehr. Sobald mein Ehemann zu ihr kam, erzählte sie Schlechtes über mich und verbreitete Lügen. Ich hätte dieses und jenes getan, ich hätte dieses und jenes gesagt. Es war wie die Hölle. Eines Tages bat ich ihn: „Bitte, ich flehe dich an. Hör deiner Mutter zu, aber entscheide. Du selbst kannst überlegen und verstehen, wann sie die Wahrheit spricht und wann sie Falsches sagt. Wenn es ein Problem gibt, komm, lass uns zusammensetzen und selbst eine Lösung finden. “
In jener Nacht wurde ich geschlagen. Ich wurde von meinem Ehemann geschlagen. Ich würde seine Mutter nicht sehen wollen, ich würde weder ihm noch seiner Mutter zuhören, ich würde sie nicht respektieren. Er sagte so viel Schlechtes. Ich dachte: „Mein Gott, wenn es dein Wunsch ist, dass ich in dieser Ehe bleibe, bitte, lass diesen Menschen sich ändern.

Und bitte, wenn es nicht dein Wunsch ist, bitte, mein Gott, ebne mir einen Weg, dass ich aus diesem Gefängnis fliehen kann und nie wieder zurückkehre.“

Das war nicht das Ende. Bei jeder Kleinigkeit, die er fand, wurde ich geschlagen und geschlagen. Schließlich sagte mein Erstgeborener: „Mutter, lass uns gehen. Unser Vater schlägt dich jeden Tag, jede Zeit. Das finden wir nicht gut. Er wird dich umbringen und wenn du stirbst, wo bleiben wir dann?“ Zu diesem Zeitpunkt war er sieben Jahre alt.
Eines Abends kam mein Mann nach Hause und sprach zu mir: „Ich will dich aus meinem Haus, jetzt. “ Stell dir vor, ich fühlte kein bisschen Kummer. Ich sagte: „Danke Gott!“ Er würde mir nicht nachkommen, denn er war es, der sagte, ich solle meine Habseligkeiten nehmen und gehen. Ich fragte ihn, ob es wirklich sei, was er wolle. Er sagte: „Ja.“ Ich konnte kaum glauben, dass er es war, der sprach. Aber ich erinnerte ihn: „Niemals, niemals, niemals wage es, mir nachzukommen. Versuch es nicht!“ Ich nahm meine Sachen und meine Kinder. (…)

An dieser Stelle ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Puritys jüngster Sohn blieb zunächst bei seinem Vater und sie rang und kämpfte, um ihr Kind zu sich zu holen. Es war nicht nur der Wunsch einer Mutter, die ihr Kind über alles liebt, sondern auch ihr Wille und Ehrgeiz, ihrem Sohn Bildung zu ermöglichen; der Vater behauptete, er habe kein Geld, um den Jungen zur Schule zu schicken. Und obwohl Purity selbst nichts in den Taschen hatte, schaffte sie es mit Unterstützung lieber Mitmenschen; sie
behauptete sich im Rechtsstreit und bekam das Sorgerecht für ihren Sohn. Und allen Hindernissen zum Trotz ermöglichte sie ihm den Besuch der Schule.

Ich kämpfte. Und lass mir dir sagen, von da wurde ich nie gebrochen. Wenn ich an meine
Zukunft denke und mich daran erinnere, wie Gott für mich da war, fühle ich so viel Glück,
dass ich mich um diese Kinder hier kümmere. Denn das ist das Größte und Wichtigste, was ich für Gott tun kann. Denn von da an, obwohl es Höhen und Tiefen gab, war Gott immer und immer für mich da. Da war immer jemand, der mir geholfen hat. Natürlich machen die Kinder mal Sachen, die mich furchtbar fühlen lassen. Aber ich muss sie verstehen und mich an unsere Verbundenheit erinnern. Ich muss ihnen vergeben, damit wir weitermachen können. (…) Es gibt Einiges, was sie nie bekommen haben, als sie aufwuchsen. So bin ich wie ihre Mutter. Es ist meine Aufgabe, es ihnen zu geben. Ich
muss ihnen zeigen, was der nächste Schritt ist, was das richtige ist.

Nun realisiere ich, dass da etwas hinter dem, was Gott getan hat, steckte, als ich durch all das durchmusste. Ich wurde vorbereitet. Denn eines Tages sollte ich hier ankommen.
Und ich weiß: Nichts ist unmöglich. Nichts ist unmöglich unter Gottes Augen. Wenn die Kinder manchmal etwas falsch machen, setzen wir uns zusammen und reden. Und nach etwas Zeit realisieren sie, was sie getan haben, war falsch und sie kommen und sagen: „Mutter, es tut uns leid. Wir bitten um Vergebung und werden es nicht wieder tun.“ (…)
Wenn wir ein Problem haben, müssen wir nach der Ursache suchen. Denn wenn wir den Ursprung nicht ergründen, wird das Problem kein Ende finden. Also setzen wir uns zusammen und reden.

Über meine Ausbildung…

Ich betete, dass ich eines Tages meine Ausbildung wieder aufnehmen könnte; damals
konnte ich nicht atmen. Ich konnte nicht zur Schule gehen. Doch ich sagte immerzu, eines Tages, wenn meine Kinder mit der Schule fertig wären, würde ich wieder zur Schule gehen. 2021 gab es eine Mitteilung in unserer Kirche, dass die Regierung ein Bildungsprogramm starten würde. Ich schloss mich der Klasse an. (…) Wir bestanden unser Exam 2023, als ich hierher kam (…), wo ich auch eine psychologische Ausbildung begann.

Ich danke Gott, denn diese hat mir viel weitergeholfen. Sei es nur, mich zu beruhigen, und zu wissen, alles – so schlimm es auch sein mag – mit Fröhlichkeit anzunehmen, denn womöglich steckt etwas dahinter; ein Problem, von dem Gott möchte, dass wir es lösen. Nächstes Jahr möchte ich mit dem Kurs fortfahren, denn ich habe erkannt, wie wichtig diese psychologische Bildung ist – sogar für mich selbst.

Wenn ich auf meine Vergangenheit zurückblicke und darauf schaue, wo ich jetzt stehe, möchte ich gerne sagen…

Mein Fazit ist: In meiner Vergangenheit hatte ich nichts. Doch jeder Abschnitt, durch den ich gegangen bin, war Teil einer Vorbereitung. Nun bin ich etwas Präsentables. Ich kann andere ermutigen, ich kann Hoffnung spenden, ich kann meine Familie versorgen. Ich kann Menschen, die bedürftig sind, etwas geben. Meine Vergangenheit war eine Vorbereitung für meine Zukunft.

Purity erzählte noch bei weitem mehr; wie ihr so viele Menschen aus dem Dorf halfen, ihrem Sohn die Schulgebühren zu finanzieren und Kleidung für seine Schuluniform zu beschaffen; wie sie voller Energie und Freude in der Kirche sang und sich engagierte; wie sie den Sohn ihrer jüngeren Schwester als ihren eigenen aufnahm, als die Ehe dieser zerbrach.

Wenn man diese Frau so sieht, kann man kaum glauben, wie ihre Vergangenheit
ausgesehen haben muss. Selten trifft man Menschen mit solcher Liebe, Klugheit und Weisheit. Und trotz ihrer lebhaften Erzählungen fällt es mir persönlich mit einer solch anderen Lebensrealität schwer, mir auszumahlen, wie ihre Welt aussah. Menschen können Inspirationen sein; als sie selbst und mit ihren Geschichten umso mehr. Wir können viel von Purity lernen; über Vertrauen; wahre Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, wenn es am meisten darauf ankommt; und darüber, nicht zu verzweifeln und aufzugeben, sondern Lösungen zu suchen und zu handeln, selbst wenn die Welt unlösbar düster zu sein scheint.

Das PLCC – ein Zuhause für viele Menschen

Grandios, heiß, sonnig, lustig, erfahrungsreich, genussvoll. All diese Worte beschreiben meinen ersten Kenia-Urlaub. Gemeinsam mit meiner Schwester Paula ging es an die Küste, wo uns ein Meer aus Licht und eine Welle an Moskitos erwartete. Wir sprangen in die Wellen und tauchten zusammen mit den Fischen und Krabben zwischen Algen und Korallen.

Meine Schwester Paula und ich in einem Mangobaum-Kanu auf dem Kongoriver

Obwohl es eine tolle Zeit war und ich die dortigen Momente als besondere Erinnerungen in mein Herz einschließen werde, war es ein eigenartig schönes Gefühl, als meine Schwester und ich uns auf den Rückweg nach Rongai machten, ich die bekannten Straßen wiedersah und wir schließlich am Tor zum PLCC standen.

Es war das Gefühl, nach Hause zu kommen. Schon die ersten Schritte auf dem Gelände und erst recht das Wiedersehen mit den Menschen des PLCC, das Umarmen und gemeinsame Lachen erfüllte mich mit Glück. Das PLCC scheint an manchen Tagen überquellen von diesem Glück. So geht es nicht nur den hier lebenden Menschen. Was sagte meine Schwester doch gleich, als sie das Gelände zum ersten Mal mit eigenen Augen sah? „Das ist hier ja ein richtiges Paradies!“ Doch im Grunde steckt noch so viel mehr dahinter.

Blick auf das PLCC von unserem Balkon aus

Es begann in den 90er Jahren mit der Gabe von Brot und Milch an Straßenkinder. Nun bietet das PLCC einen Wohnort für vierzig bis fünfzig Mädchen in Ongata Rongai und ermöglicht ihnen den Schulbesuch. Das Pangani Lutheran Children Centre als Hilfsprojekt der Kenya Evangelical Church hat es sich zur Aufgabe gemacht, Mädchen aus den Slums und von den Straßen Nairobis einen Ort zu bieten, an dem sie sicher sind, Chance auf Bildung haben und sich zuhause fühlen können.

Auf dem Gelände selbst befindet sich eine Primary School, durch deren Sein und Wirken bereits das Ziel des PLCC erfüllt wird, die Mädchen in die Regelschullaufbahn zu integrieren und ihnen formelle Bildung zu ermöglichen. Direktor dieser Schule ist Teacher Bosiri. Zusammen mit Teacher Esther, Teacher Rose, Teacher Belinda und Teacher Jakob unterrichtet er an der Maalum Schule Kinder der Stufen eins bis sechs und im Kindergartenalter. Ebenso besuchen Kinder außerhalb des Geländes die Schule. Die Teacher lehren ein Basiswissen von Mathe über Agrarwirtschaft, Naturwissenschaften hinzu Englischunterricht und sind bemüht, eine Lesekultur aufzubauen, indem Kurzgeschichten und Bücher sowohl auf Englisch als auch auf Swahili in den Unterricht eingebaut werden. Bei den Kleinen stehen zwar die Grundlagen von Lesen, Schreiben und Rechnen im Fokus, wenn gleich ebenso priorisiert wird, dass die Kinder genug Freiraum erhalten, um zu spielen, mit Händen und Füßen zu bauen und zu kneten und neue wie alte Lieder zu lernen. Kennt ihr „Simama kaa “? Ich kannte diesen Song bereits aus Deutschland, kommen tut er doch aus Tanzania und wird auf Swahili gesungen.

An dieser Stelle ist schon erkennbar, dass es auch um informelle Bildung geht; um Lernen, Erfahren, Ausprobieren, im Team arbeiten. Es mangelt den Mädchen absolut nicht an sozialer Kommunikation und Interaktion. In den Pausen wird Fußball gespielt, geschaukelt und gerutscht. Ich persönlich bin auch großer Fan des Spiels „Extender“ geworden, bei dem alle Mitspieler eine Spanne – durch Stöcker am Boden festgelegt – springend überqueren müssen, wobei nur der „Extender“ in der Lage ist, die Spanne in jeder Runde zu erweitern.

Die Mädchen sind kreativ und genau das wird neben Fertigkeiten, die sie abseits der Schule sich aneignen, wie Kleidung waschen, Essen kochen und Putzen, gefördert. Gerade in der Ferienzeit gaben wir im PLCC alles, um den Kids Raum und Zeit zu bieten, sich zu entfalten und auszuprobieren. Da wurde gespielt, gebastelt und getanzt. Backrezepte, die wir probierten, lernten die Kinder auswendig, um sie daheim ihren Familien zeigen zu können.

Ein anderes unserer Projekte war das Kreieren einer Wimpelkette: Ein Gemeinschaftsprojekt, zu dem jede ihren individuellen und eigenen Teil beigetragen hat. Viele Einzelteile führten zusammen zu einem wunderschönen Ganzem, das die Kirche in ein neues Licht stellte.

Dort in der Hall, wo auch die Gottesdienste stattfinden, kommt es hin und wieder zu kleinen bis größeren Vorstellungen der Mädchen. Zu Anlässen wie Feiertagen, wenn Gäste zu Besuch sind oder beispielsweise die Christmas-Party am Ende letzten Jahres, bevor die Kinder nach Hause zu ihren Familien gefahren sind, präsentieren sie Tänze, Poems oder singen vorm Publikum. Zu solcherlei Festtagen beteiligen sich auch stets die Hausmütter, sowohl bei der Unterstützung der Kinder als auch bei… quasi allem.

Ohne Purity, Tabitha, Patience und Rose wäre das PLCC nicht das PLCC. Die 37 Mädchen leben hier auf dem Gelände eine lange Zeit ohne ihre Familie oder haben keine Familie mehr. Die Hausmütter kümmern sich nicht nur darum, ihnen nahrhafte Mahlzeiten, Medikamente, Hygieneartikel und Kleidung bereitzustellen, sie sind auch zu ihrem Schutz da, für ihre emotionale Stabilität.

Natürlich ist dahingehend die Arbeit der Sozialarbeiterinnen Beryl und Charity ebenso bedeutsam. Doch bezieht sich deren Arbeitsfeld eher auf das Büro, die Koordinierung von Besorgungen, die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern und Gesundheitszentren für die Sicherstellung der Gesundheit der Mädchen und die generelle Verwaltung. Bei konkreten Anliegen oder Problemen sind sie ideale Ansprechpartnerinnen für die Kinder und können eine neue Perspektive bieten und aus einer anderen Position heraus agieren.

Geht es jedoch um den Alltag, um ein wenig Trost, die üblichen Streitigkeiten untereinander oder einfach nur darum, jemandem vom besten Erlebnis des Tages zu erzählen, dann sind es die Hausmütter, die zur Stelle sind. Eine kleine Wamboi, die am ersten Tag nach den Ferien erstmal unter einem umstürzenden Regal landet, braucht eine feste Umarmung gegen den Schock und ein Kühlpack gegen die Beule. Allein der Name erklärt ihre Rolle und Funktion im PLCC. Sie kochen, lesen vor und erzählen Geschichten, hören zu, kümmern sich, umarmen, sie lieben die Mädchen vom ganzen Herzen wie ihre eigenen Kinder. Dabei ist jede von ihnen für eines der vier Häuser zuständig, die in einem großen Gebäude auf dem Gelände koordiniert sind; Tabitha für das blaue Haus mit den kleinsten, Purity für das orangene und Patience für das grüne. Im gelben Haus wohnen die ältesten Mädchen, die vieles schon selbstständig organisieren. Mom Rose ist eine großartige, ältere Dame, die über viele Jahre diesen 24/7 Job ausgeführt hat, sich nun langsam zurückzieht und für die dieses Jahr auch das letzte im PLCC sein wird.

Nicht zu vergessen sind natürlich auch Stephen, der Hausmeister, unterstützt von Moses. Die beiden übernehmen Aufgaben, die ich aufgrund mangelnder Kenntnisse gar nicht so recht verstehe. Elektrizität, der Kampf gegen das immerzu wachsende Gras, die Pflege der Ziegen und des Gartens und so weiter und so weiter. Auch Joseline ist so eine Wächterin über das ganze Gelände. Hauptsächlich ist sie für das Putzen zuständig, aber niemand kann behaupten, dass ihre täglichen energiegeladenen Begrüßungen nicht gewaltig zur guten Laune der Menschen beitragen und sie nicht ebenso eine innige Beziehung zu den Kindern führt. So viele Persönlichkeiten bilden diesen besonderen Ort und diesen Geist.

Nichtsdestotrotz zieht es nicht wenige der Mädchen zu ihren Familien. Dementsprechend ist der Kontakt zu ihnen für sie wie für das PLCC von hoher Bedeutung. Solcherlei Angelegenheiten liegen auch im Verantwortungsbereich der Social worker und des Office. Zu den Zielen des Projekts zählt, die Gesamtsituation der Familien zu verändern und die Kinder mit ihren Familien zusammenzuführen. Was für ein unglaublicher Tag es war, als die Kinder von ihren Eltern abgeholt wurden, um mit ihnen, ihren Geschwistern, Tanten und Onkels, Großeltern, Cousinen und Cousins die Feiertage zu verbringen. So viele Tränen, Sorgen und Zweifel, ob alles glatt gehen wird und so viel Strahlen, als die Mutter zum Abholen erschien. Susan, eine weitere Sozialarbeiterin des PLCC, die jedoch nicht auf dem Gelände in Rongai arbeitet, legte sich an diesem Tag mächtig ins Zeug.

Das ist letztlich der Kern. Die Mädchen, ihr Glück und ihre Zukunft stehen im Zentrum des PLCC. Sie sind das Herz, die Idee, der Antrieb für all die Menschen hier. Bei der Christmas Party Ende letzten Jahres richteten ehemalige PLCC-Girls ein paar Worte an das Publikum. Da waren Lehrerinnen dabei, Sozialarbeiterinnen, Angestellte; mutige, selbstbewusste Frauen, die unabhängig auf zwei eigenen gesunden Beinen im Leben standen. Sie sind der lebendige Beweis für das, was das PLCC bewirken kann; dass es eine Chance auf ein besseres Leben bieten kann. Von wohl kaum einer anderen Person werden die Werte des Projekts mehr getragen als vom Kopf des PLCC: Mary Mshana. Sie strahlt die Überzeugung aus, dass jedes Mädchen ein einzigartiges Individuum mit grenzenlosem Potenzial ist, das es verdient hat, zu träumen, zu lernen, Talente zu entdecken und zu entwickeln. Genau dafür schafft sie eine Umgebung. Das PLCC verändert das Leben der Mädchen; die Mädchen verändern die Welt.

Lust auf einen Spaziergang?

Um zu verstehen, wie ein Mensch lebt, reicht es nicht, Momentaufnahmen zu betrachten. Es reicht nicht, die Orte, Plätze und Situationen unter die Lupe zu nehmen, die wie Zeitinseln den Alltag markieren. Das Dazwischen, die Wege, sind ebenso entscheidend. Wie komme ich von einer Insel zur nächsten, von einer Situation in die andere?

Ein Vorhaben in Nairobi ist allein schon deshalb ein Abenteuer, weil mir auf meiner Reise dorthin so vieles vor die Nase kommt. Das geht schon los, bevor ich überhaupt das Gelände des PLCC (Pangani Lutheran Childrens Centre) verlasse. Denn trete ich aus der Haustür und schlendere an den Häusern der Mädchen, der Schule und der Hall vorbei, ist es fast unmöglich, den Mädels nicht zu begegnen und sich wilde Umarmungen abzuholen.

Blick vom Balkon unserer Wohnung auf das PLCC- Gelände
Blick auf den Nationalpark und Nairobi

Kaum habe ich das Tor passiert, erwartet mich ein überragender Anblick; der Nationalpark erstreckt sich über die Weite und in der Ferne ist deutlich die Skyline Nairobis zu entdecken. Geht man hier, am Rande des Nationalparks, spazieren, geschieht es nicht selten, dass die Grenzen zwischen den Menschen und der Wildnis verschwimmen; Antilopen, Zebras und Giraffen kreuzen einem den Weg. Was einerseits einem Wunder gleichkommt, birgt andererseits ebenso Schattenseiten. Dass die Großstadt Nairobi und die Wildnis des Nationalparks lediglich durch einen Zaun getrennt werden, führt zuweilen zu Konflikten zwischen den Menschen und den Tieren. Besonders die Wanderrouten der Huftierherden sind gefährdet. Und nicht nur das bedroht die wilde Seite Kenias. Klimawandel, die Verschlechterung der Lebensräume, die Abholzung der Wälder, die Volatilität des Tourismusmarktes, veränderte Landnutzungen, Wildtierkriminalität und und und und und. So vieles gefährdet die Wildtiere und die Artenvielfalt in Kenia und auf der ganzen Welt. Umso mehr erscheint ein Ort wie der Nationalpark Nairobis hoffnungsspendend. Löwen, Leoparden, Geparden, Strauße, Flusspferde, Gazellen, Gnus, Büffel… Nur einige der rund 80 Säugetier- und ganzen 500 Vogelarten. Nicht erwähnt hier die Spitzmaulnashörner. Für diese ist der Nationalpark eines der erfolgreichsten Schutzgebiete in Kenia und einer der seltenen Orte, an denen sie in natürlicher Umgebung anzutreffen sind (Ich selbst hatte das Glück).

Nashörner
Aufnahmen vom 15.09.2024

Vor Jahrzehnten war die Art in Zentral-Kenia durch Wilderer ausgerottet und in ganz Kenia stark bedroht. Mitte der 80er Jahre waren von ursprünglich 20.000 nur noch 350 Nashörner übrig. Zum Zeichen gegen Wilderei ließ 1989 Präsident Daniel Aral Moi öffentlich im Nationalpark Elfenbein im Wert von 760.000 US-Dollar verbrennen. Seither haben sich die Bestände ein wenig durch intensive Schutzmaßnahmen erholt. Die Gefahr des Aussterbens ist jedoch noch nicht gebannt. Ziel ist es, die aktuelle Anzahl von 1.000 Spitzmaulnashörnern innerhalb des nächsten Jahrzehnts zu verdoppeln, was laut Wildhütern einer Populationsgröße entsprechen würde, die vor dem Aussterben bewahrt werden könnte.

Masai Lodge Road

Auf der fortführenden Strecke blühen Büsche und Blumen am Straßenrand. Ich kann mich darauf gefasst machen, entweder in Staubwolken zu geraten, wenn vorbeifahrende Autos oder Bodabodas den Dust des Weges aufwirbeln, oder nasse Füße zu bekommen, wenn in der zuvorigen Nacht mal wieder der Himmel aufgebrochen ist und Regenstürze auf die Erde fallengelassen hat.

Doch ab der Schranke der Masai Lodge Road ist zu merken, dass man dem Innenleben Ongata Rongais näherrückt. Die Straße ist asphaltiert, lokale Supermärkte und Marktstände tauchen am Straßenrand auf und zahlreiche Tuctucs,  Autos, Bodabodas und Schleppesel ziehen die Hügel hinauf und hinunter.

Tuctucs an der Kreuzung Masai Lodge und Magadi Road

Je weiter ich wandere, desto lebendiger wird dieses Treiben. Es ist ebenso der Weg zu unserem Lieblings-Marktstand bei Nancy. Hier kaufen wir stets unser Obst, Gemüse und – nicht zu vergessen – eine ungeheure Anzahl an Eiern ein. Auch wenn der Weg zum Einkaufen recht weit ist (man braucht etwa 30-40 Minuten zu Fuß bis zu Nancys Stand), ist es immerzu ein schönes Gefühl, einer bekannten Person zu begegnen und warmherzig begrüßt zu werden. Ein Stückchen weiter stehen schon die Matatus an der Magadi Road, die nach Nairobi fahren. Wann welches Matatu abfährt? Nun, das weiß niemand so recht. Wenn der Bus voll ist, geht es los. So viel steht fest. Also ein Päckchen Geduld und Gelassenheit einpacken – was ebenso für die Fahrt selbst gilt. Denn abhängig vom Verkehr ist die Fahrtzeit in die Innenstadt mal 40, mal 90 Minuten lang. Universitäten wie die Multimedia-University, Malls sowie Gärten und Parks fliegen an mir vorbei. Ziegen und Baboons streunen zwischen den Palmen am Straßenrand hindurch. Schließlich ist da Nairobi; mit seinen Hochhäusern, seiner Weite und den Slums.

„Kibera“ bedeutet Dschungel. Es ist der größte Slum Nairobis; die Anzahl der Menschen kann nicht so recht erfasst werden, doch Schätzungen gehen von etwa 700.000 bis 800.000 Menschen aus. Auf zwei Hektar leben damit etwa 71.000 Menschen. Der enge Raum, kombiniert mit der Verschmutzung durch Abfälle, Abwässer und Fäkalien, treibt die Krankheitsrate in die Höhe. Armut, Gewalt und Kriminalität prägen die Region.

Diese Informationen konnte ich im Internet zu diesem Gebiet zusammentragen. Besonders faszinierend war auch zu lesen, dass die Menschen in „Wellblechhütten“ hausen würden. Was assoziierst du mit einer solchen Beschreibung? Wirst du in deinem Weltbild bestätigt?

Der Einfluss unserer Sprache auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist enorm. Wir hören „Wellblechhütte“ und denken an einen armseligen Ort, an hungernde Kinder und düstere Lebensumstände. Bilder in unserem Kopf, die wieder und wieder aufgegriffen und reproduziert werden, sodass unsere Lebenswirklichkeit wieder und wieder bestätigt wird. Dabei ist es nie so klar und einfach. Solche Sprachbilder sind Konstrukte mit Ursprung in der Zeit europäischer Eroberung und Kolonialisierung. Sie gründen sich auf eine Gesellschaft, in der eine rassistische Ideologie und Hierarchie bestand. Noch heute ist diese in unserer Sprache verankert und damit auch unbewusst in unserer Wahrnehmung. Die Realität ist jedoch bei weitem komplexer.

Es wird von der Armut, dem Leid und der Kriminalität berichtet, aber nicht von den ganz normalen, liebenswürdigen Menschen, die dort kochen, arbeiten, lachen, in der Sonne dösen, leben. Vor kurzem fand in Kibera die sogenannte Kibera Arts Parade statt. Wir waren etwas spät dran, aber es war ein schöner, sonniger Tag und die Leute konnten uns den Weg zur Veranstaltung weisen. Dort angekommen führten verschiedene Künstler*innen, Kinder- und Jugendgruppen vorbereitete Präsentationen auf. Die Veranstaltung war voller Leben, Kreativität und Wohlwollen füreinander. Die Gruppen turnten und tanzten Afrobeats wie verrückt, andere sangen oder trugen Poetry vor wie das dreizehnjähriges Mädchen Wamboi, das ihr Herz in einem Gedicht zu gender-based violence ausschüttete. Eine Gruppe junger Mädchen und Frauen bot eine Modenschau dar. Die Kleidungsstücke hatten sie aus Resten und Zeitschriften selbst angefertigt und etwas völlig Neues kreiert. Der Nachmittag zeigte mir eine der vielen Seiten der Slums wie ich sie noch nie gehört oder gesehen hatte; Gemeinschaft, Spaß, Stärke, Intelligenz, Selbstvertrauen, Ehrgeiz und ein Miteinander.

Turngruppe Kibera Arts Parade

Dann ist da noch der Weg durch die Zeit. Ein Weg, der so lang ist und sich doch als fix zu wandern herausstellt. In den letzten sieben Wochen durften Chrissy und ich das Ferienprogramm für die Mädchen erarbeiten. Für diesen Pfad durch die Zeit bin ich schlicht und einfach dankbar. Ein bisschen wehmütig blicke auf die letzten Wochen zurück; wünsche mir fast, dass dieser Weg noch ein Stückchen länger gegangen wäre. Es war sicherlich auch steinig an nicht wenigen Stellen. Bei 37 Mädels ist es kaum zu verhindern, dass keine Konflikte entstehen. Aber gleichzeitig bargen all jene Herausforderungen so viel Wachstum für die Kinder und nicht zuletzt für uns und führten dazu, dass wir und die Mädels uns einen riesigen Schritt aufeinander zubewegt haben. Natürlich war das Programm selbst ein großer Spaß; wir werkelten und tüftelten, backten und spielten.

Sammeln von Blumen und Blättern für ein Naturmobile

Aber auch hier ist der Weg, das Dazwischen das Ziel. Wie kam es nur dazu, dass – ganz entgegen unserer eigentlichen Planung – am Halloween-Mottotag uns auf einmal bunte, wilde Fratzen begegneten? Die Mädchen hatten eigenständig angefangen, sich zu bemalen und sogar ihre Haare mit Farbe zu verzieren.

Es war nicht das einzige Mal, dass sie auf ihre erstaunliche und einzigartige Weise bewiesen, wie kreativ und fantasiereich sie doch sind. Es war nicht das einzige Mal, dass sie uns nur durch ihr Sein belehrten. All die Momente im Dazwischen, die kleinen Spielereien, die Gespräche und Konfliktlösungen knüpften ein Band zwischen uns und den Mädchen.

.Nun ist ein Drittel des Weges bereits vorüber. Auf die weiteren zwei Drittel blicke ich voller Hoffnung und Zuversicht. Geht man aufmerksam seinen Pfad, entdeckt man so vieles am Wegesrand. Lektionen über das Land, das man besucht; Inspirationen, sich selbst neu zu entdecken, wenn nicht gar zu erfinden. Man geht nicht mehr einfach einen Weg. Man beginnt, die Umgebung zu beobachten und lernt, sie zu verstehen.

Angekommen. Ankommen. In welcher Hinsicht?

Ankommen stellt sich manchmal als eine langwierigere Angelegenheit heraus, als man das im ersten Augenblick vielleicht vermutet. Zumindest trifft das auf mich zu. Selbst jetzt könnte ich die Frage „Bist du gut angekommen?“ oder „Hast du dich inzwischen eingelebt?“ nicht vollends mit „Ja“ beantworten. Dazu herrscht in mir noch zu viel Chaos.

Flughafen in Nairobi am 14. August
(Beryl, Chrissy, Nora, Charity)

Physisch angekommen bin ich am späten Abend des 14. Augusts. Dort haben meine Füße zum ersten Mal in meinem Leben kenianischen Boden betreten. In jener Nacht erfüllte mich ein regelrechter Wirbelsturm. Der Abschied war nicht leicht, es wurden viele Tränen vergossen und auf einmal saß ich alleine in einem Flugzeug. Umso schöner und wohliger das herzliche Willkommen am Flughafen in Nairobi. Mit strahlendem Lächeln und einem großen „Karibu“ wurden wir von Mary, der Leiterin der Organisation, die für die nächsten elf Monate auch mein Zuhause darstellen wird, und den beiden Sozialarbeiterinnen, Beryl und Charity, begrüßt. Im PLCC (Pangani Lutheran Children Centre) erwartete uns – meine Mitfreiwillige Chrissy und mich – ein kenianisches Mitternachtsmahl, bereitet von Purity, nicht nur eine der Hausmütter, sondern auch eine der herzlichsten Menschen, denen ich bis jetzt begegnen durfte. Sie führte uns bereits in die Kunst des Chapati-Kochens ein (kenianisches Fladenbrot) – einfach köstlich.

Bewusst angekommen bin ich Stück für Stück in den gedankenvollen Momenten des Alltags. Aus dem Fenster schauen während des Autofahrens; all die Menschen, die Schleppesel und Affen auf den Straßen zu erblicken; sich selbst durch den dichten Verkehr zu winden, zwischen den Autos, Matatus (Bus/ Sammeltaxi in Kenia und eines der wichtigsten Transportmittel des öffentlichen Nahverkehrs) und Bodabodas (Motorradtaxi in Ostafrika); während des Spazierens den Blick über den Nationalpark zu genießen und in der Ferne die Skyline Nairobis zu betrachten – in solchen Momenten kam der Gedanke: „Ich bin tatsächlich in Afrika. Ich stehe hier in Kenia.“

Ongata Rongai

Nun, das „seelische Ankommen“ ist wohl noch im Gange. Ich bin noch nicht fertig. Doch einige Schritte bin ich schon gegangen. Nachdem wir die ersten zwei Wochen in Nairobi verbracht hatten, um in der Language school unsere Kiswahili-Kenntnisse zu entwickeln (was mehr oder weniger funktioniert hat), ging es endlich in unser Projekt. Die Kinder haben uns vom ersten Tag an mit leuchtenden Augen aufgenommen, zeigten uns das Gelände und begegneten uns mit unvorstellbarer Wärme. Und einen Sonnenaufgang später begann bereits der erste Schultag.

Die Schüler*innen der Maalum Schule laufen zur Morning devotion in die Kirche auf dem Gelände.

Jeden Morgen findet vor dem Unterricht eine Morning devotion „Morganandacht“ statt. Rund 80 Prozent der kenianischen Bevölkerung sind dem Christentum zuzuordnen, zehn Prozent gehören dem Islam an. Als multiethnischer Staat hat Kenia über 40 verschiedene Volksgruppen und auch weitere zahlreiche Naturreligionen vorzuweisen. Auch im Unterricht oder im Gottesdienst auf dem Gelände am Sonntag ist die Bedeutung des Glaubens für die Menschen zu spüren. Er nimmt nicht nur in dieser Hinsicht einen großen Teil des Lebens ein, sondern im alltäglichen Miteinander. Nicht selten beeindrucken mich die Kinder in ihrem Verhalten. Christliche Werte werden nicht einfach nur in der Theorie besprochen, sondern ausgelebt. Wir teilen, wir helfen und trösten einander. Weint eines der Mädchen, wird es nur wenige Sekunden später von einem der anderen Kinder in den Arm genommen. Radiergummis, Stifte und Scheren werden bereitwillig für den Nachbarn zur Verfügung gestellt. Es reicht ein „Colour red“ und ein roter Stift wird von der anderen Seite des Tisches herbeigeworfen. Einfach überwältigend großartig und rührend war der Gottesdienst anlässlich des Weltkindertags, den die Kinder mit etwas Unterstützung der Hausmütter selbst gestalten durften. Eine wundervolle Erfahrung. Die Liebe und Mühe, die die Mädchen in dieses Projekt gesteckt haben, war nicht zu übersehen. Sie inszenierten Tanzaufführungen, sangen und lasen aus der Bibel vor den Gästen. Selbst die Predigt wurde von einem der Mädchen vorbereitet. Was für ein Mut – sich vor all die Menschen zu stellen und frei von seinen Gedanken und seinem Glauben zu erzählen. Dementsprechend heftig ist der Applaus ausgefallen. Jubel, Lachen, Trubel – die Kirche war erfüllt von Euphorie.

Gottesdienst Weltkindertag

In der Schule assistiere ich in der ersten Hälfte des Tages Teacher Esther, die Lehrerin der Kleinsten, beim Unterricht und der Unterrichtsvorbereitung. Abends geht es zu den Mädchen, die im PLCC wohnen, um sie bei den Hausaufgaben zu unterstützen. Es sind Tätigkeiten, in die ich mich erst reinfuchsen musste, doch mit etwas Zeit und einer Prise Eigeninitiative entdeckte ich Aufgaben, die ich in der Schule übernehmen, oder Stellen, an denen ich mich gut einbringen konnte. So wurde es schnell ein Nehmen und Geben; einerseits Bastelprojekte mit den Kindern leiten, Materialien kreieren oder bewegungsreiche Spieleinheiten draußen integrieren, andererseits von den Lehrkräften Neues lernen (besonders, was die Kompetenz betrifft, die Aufmerksamkeit von einem Dutzend Kinder zu fesseln) und von den Kindern Finger-Fadenspiele beigebracht zu bekommen. Allein durch Zuhören und Zusehen nehme ich von meinen Mitmenschen allerlei mit.

Spiel in der Schule: Mit verbundenen Augen einem Schnur-Pfad folgen


Die liebevolle und herzliche Weise der Menschen hier, ob die der Hausmütter, der Lehrkräfte oder der Kinder – sie ist eine unfassbare Hilfe, um hier Fuß zu fassen und diesen Ort mit Geduld und Spucke zu einem Zuhause zu gestalten. Besonders am Abend bei den Mädchen entstehen oft ganz unerwartet Momente gegenseitiger Zuneigung, wenn Hausaufgaben erledigt sind oder für zehn Minuten beiseite geschoben werden. Singen, Tanzen, auf dem Sofa beisammen liegen und der Musik lauschen. Sie bringen mich zum Lachen und lehren mich, wahrhaftige Freude zu empfinden und, dass Radiergummis wirklich lebenswichtig sind. Zu Beginn war es gar nicht so einfach, die Individuen hinter dem Trubel der Truppe zu erkennen. Mit der Zeit zeigen sich jedoch die ganz eigenen Facetten und einzigartigen Charakteristika der Mädchen. Das eine ist vernarrt in Mathematik und Wissenschaften, das andere kann fantastisch zeichnen. Wieder ein anderes hat es faustdick hinter den Ohren und stellt das offen durch ein freches Grinsen zur Schau. Da ist ein Mädchen, das es liebt, Quatsch zu machen, das vergnügt glucksend durch das Haus rennt, während das andere eine sanfte Seele in sich ruhen hat und die Stille genießt.

Außerhalb des PLCC haben wir ebenso die Chance ergriffen, Erinnerungen zu schaffen. So zum Beispiel durch unseren Ausflug auf die Ngong Hills, eine Hügelkette im Rift Valley südöstlich von Nairobi. „Ngong“ bedeutet so viel wie „Knöchel“ nach der Sprache der Massai und ist auf die charakteristische Silhouette der Gipfel der Hügelkette zurückzuführen. Erinnerungen einer sagenhaften Landschaft und einem unbegreiflichen Blick über die Weite. Möglich gemacht wurde uns dieses kostbare Erlebnis durch eine beeindruckende Frau; Jerusa. Jerusa organisiert nicht nur Trips und setzt diese um, sie ist erfinderisch und ehrgeizig, um das Geld für den Lebensunterhalt und das Schulgeld für ihren Sohn herbeizuschaffen. Ob Catering, Online-Verkauf von Kleidung, Umsetzung von Ausflügen oder private Workouts – die alleinerziehende Mutter ist kreativ und packt ihre Ideen pragmatisch und rational an. Jerusa ist einer der vielen Menschen, bei denen ich zutiefst dankbar bin, ihnen begegnet sein zu dürfen. Jene Kontakte zu den unterschiedlichsten Menschen sind es, die mich inspirieren und bewundern lassen.

Wanderung auf den Ngong Hills (Jerusa, Chrissy)

Nichtsdestotrotz stolpert man auch über das Ungewohnte und wird von all den neuen Eindrücken schlicht überwältigt – ich wurde nicht vom Kulturschock verschont. Wiederum kann ich mich inzwischen kaum noch daran erinnern, wie es gewesen ist, als all die Normalitäten hier für mich noch keine solchen waren. Der Mensch gewöhnt sich schnell an sein Umfeld und ich spüre schon jetzt, dass mir nach meiner Rückkehr nach Deutschland vieles fremd vorkommen wird. Innerhalb unserer ersten Woche im PLCC mussten wir auf die praktische Weise lernen, dass unsere Tür zugeschlossen werden sollte; eine Horde Affen war überraschend zu Besuch und stibitzte uns die Bananen vom Küchentisch. Bei den Schurken handelt es sich um Trockennasenaffen der Gattung Chlorocebus. Sie sind bekannt für ihren Mangel an Anstand, Manieren und ihren Heißhunger, den sie auch an Feldern von Dörfern auslassen.

Ongata Rongai (grüne Meerkatze)

Es wäre jedoch gelogen, würde ich behaupten, es gebe keine Herausforderungen. In die Fremde gehen, fremd sein, sich fremd fühlen. Kleinigkeiten verwandeln sich in Hürden, die überwunden werden müssen; die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel oder der erste Markteinkauf. Kleinigkeiten, die man zuvor als selbstverständlich wahrgenommen hat, erweisen sich hier als Einschränkungen, mit denen ein Umgang gefunden werden muss; nach Einbruch der Dunkelheit zu Fuß hinauszugehen, entpuppt sich mit dem Gedanken an die wilden Tiere, die als Bewohner des Nationalparks unsere Nachbarn sind, als keine gute Idee. Dunkel wird es jedoch bereits zwischen 18 und 19 Uhr. Es sind also Wege zu suchen, mit den hier gegebenen Möglichkeiten zu hantieren und zu werkeln. Und sie sind auch zu finden. Es braucht lediglich Zeit. Umso leichter ist das Gefühl, wenn Hürden überwunden, Grenzen überschritten wurden. Noch nie konnte ich eine Entwicklung der Situation und eine Veränderung meiner selbst derart detailliert beobachten. Jeder Schritt ist deutlich zu spüren, jeder Schritt lässt mich selbstständiger und mutiger werden. Ein schönes Gefühl, dieses Wachsen.

Out of my comfort zone

Ich glaube, es ist ganz normal, wenn ich sage, dass es Zeit gebraucht hat richtig anzukommen. Ich wollte so viel, wurde aber von eigener Unsicherheit, Ängsten und Vorurteilen gebremst.
Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich das erste Mal alleine spazieren war oder bis der erste Ausflug getätigt wurde. Aber eins ist sehr wichtig, ich war stets immer offen für das, was auf mich zukommen würde.

Heute kann ich inzwischen über meine damaligen Gedanken lachen. Sie halte mir vor Augen, wie stark meine Entwicklung eigentlich ist.
Besonders in den letzten Monaten habe ich noch einmal einen großen Schwung gemacht.
Dinge die ich niemals für möglich gehalten habe, mache ich ohne große Zweifel und bin unendlich stolz auf mich selbst.
Alleine unterwegs sein und die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen sind kein Problem mehr und ich genieße es teilweise sogar.
Inzwischen habe ich auch einige Treffen mit Freunden hinter mir, alleine… Klingt erst mal unspektakuläre, bedeutet mir aber doch schon einiges. Englisch zu sprechen, war für mich immer mit Unsicherheit und Angst verbunden. Inzwischen fühle ich mich dabei so sicher, dass ich nicht mehr darüber nachdenke und treffen sehr doll genieße.


Und da gäbe es noch eine Sache, von der ich euch gerne näher berichten möchte.
Ich habe den Schritt aus meiner Komfort Zone gewagt und war alleine reisen (auch wenn es nur ein Wochenende war).
Lasst mich euch auf diese Reise mitnehmen…

Auf dem Weg, im Stau.

Ich habe mich an einem Samstagnachmittag auf dem Weg gemacht. Mein ursprünglicher Plan war es um 18 Uhr in Salama (einem kleinen Dorf) anzukommen. Der Weg zur Matatu Station (Kleinbusse hier in Kenia) war aber schon ein kleines Abenteuer. Ich war froh, dass sich jemand bereit erklärt hatte, mich dorthin zu begleiten. Ich weiß nicht wie lange es gebraucht hätte, bis ich den Ort alleine gefunden hätte. Schließlich bin ich aber sicher angekommen. Die Matatus (Kleinbusse) warten aber meistens mit dem Losfahren, bis sie komplett voll sind. Also saß ich in dem Bus schließlich eine Stunde, bis wir losgefahren sind und unterhielt mich in der Zeit mit einigen Menschen, die mir unter anderem unterschiedlichste Dinge verkaufen wollten (Ich finde es immer wieder beeindruckend, welche Dinge man schnell auf der Straße kaufen kann). Nahezu alle waren überrascht, als ich berichtete, dass ich nach Salama reisen möchte. Dieser Ort ist sehr ungewöhnlich für “Touristen” und ich wurde mehrfach darüber ausgefragt, was ich dort machen möchte. Auch der Fahrer fragte mich beim Aussteigen mehrfach, ob ich hier wirklich richtig bin.
Aber ja, das war ich.


Mein Plan in Salama war es dort einen Freund zu besuchen, der dort Pastor einer Kirchengemeinde ist.
Ich kam statt um 18 Uhr, erst um 21 Uhr an und es tat mir unendlich leid, dass mein Freund dort so lange auf mich gewartet hat.
Denn in Salama war noch nicht Schluss. Wir zogen mit dem Motorrad weiter aufs Dorf, um schließlich in seiner Kirchengemeinde anzukommen. Es war wirklich magisch im dunklen, unterm klaren Sternhimmel mit dem Motorrad zu fahren.

Ich wurde direkt sehr herzlich begrüßt. Mein Freund (der Pastor) hatte seiner Gemeinde bereits Bescheid gegeben, dass ich komme, alle waren sehr aufgeregt und freuten sich.
An seinem Zuhause wurde ich direkt von einigen Kirchenmitgliedern begrüßt und wir saßen noch einige Zeit zusammen.
Dadurch, dass das Dorf auf einem Hügel liegt, war es sehr sehr kalt und wir tranken ein Tee nach dem anderen und wärmten uns am Feuer.
Am nächsten Morgen stand der Gottesdienst vor der Tür, den ich mir definitiv nicht entgehen lassen wollte. Vom Gottesdienst habe ich leider nicht viel verstanden, aber trotzdem hat er mich extrem berührt. Es wurde sehr viel getanzt und gesungen. Die Gemeinde erzählt mir auch stolz, dass sie erst kürzlich selbst geschriebene Lieder professionell aufnehmen lassen haben. Schließlich war es dann auch meine Zeit und ich wurde aufgefordert zu tanzen. Selten habe ich so viel Sorgenfreiheit und Freude gespürt wie in diesem Moment.
Ich habe mich so willkommen gefühlt und es hat mich sehr berührt, als mir Menschen erzählten, dass sie am Morgen 20 km gelaufen sind, um mich zu sehen.

Nach dem Gottesdienst baten mich zwei Gruppen noch um ein Gespräch. Zum einen die Jugendlichen, die mich viel über den christlichen Glauben und den Schulen in Deutschland ausfragten. (Kleiner Funfact am Rande, für die meisten Kinder und Jugendliche war ich die erste weiße Person, die sie jemals gesehen haben.) Zum anderen suchten auch die Frauen der Gemeinde das Gespräch und stellten Fragen zum Thema „Rolle der Frau“ in Deutschland.
Auch ich habe die Gespräche sehr genossen und eine Aufgabe habe ich an die Hand bekommen, ich soll ganz liebe Grüße von der Kirchengemeinde Muthitha nach Deutschland ausrichten (Ich würde sagen, dass ich meine Aufgabe somit erfüllt habe.)

Grundschule des Dorfes

Nach dem Gottesdienst wurde ich noch bei einer Familie eingeladen, dessen Kind im PLCC (dort wo ich wohne und arbeite) lebt. Mich hat es sehr gefreut, die Familie kennenlernen zu dürfen und gleichzeitig hat es mich berührt die „ehemaligen“ Lebensumstände des Mädchens kennenzulernen. Nach diesem Gespräch wurde ich noch bei dem Gemeindeältesten zum Tee eingeladen. Ich weiß wirklich nicht wie viele Tassen Tee ich an diesem Wochenende getrunken habe, aber es tat sehr gut durch die Kälte.
Nachdem mich gefühlt jeder versucht hat zu überreden noch eine weitere Nacht zu bleiben, musst ich mich schweren Herzens verabschieden. Und dann startet die abenteuerliche Fahrt im Matatu zurück nach Nairobi.
Ich habe über das gesamte Wochenende wirklich jede Sekunde genossen und bin noch immer sehr gerührt. Es war definitiv eines der schönsten Wochenenden, die ich je hatte.

Ich hoffe, ich konnte euch einen authentischen Einblick bieten. Und ich kann nur sagen „Out of my comfort zone“ ist hier zu einem neuen Lebensmotto geworden, was ich auch definitiv beibehalten möchte. Ich wachse ständig an mir selbst und bin unendlich dankbar.

Eure Lena

Meine Lieblingsorte in Nairobi

Welcome back!

Heute möchte ich euch mal ein paar Eindrücke in meine Lieblingsorte geben. Mittlerweile gibt es mehrere Orte, die ich während meines Freiwilligendienstes für mich entdeckt habe.

Eigentlich ist meine ganze Einsatzstelle, auf dem Grundstück ich ja auch lebe, ein einziger Safe Space und Wohlfühlort für mich. Von daher ist es schwierig für mich, einen einzigen Lieblingsort zu finden.

Ich liebe unsere WG, mein Zimmer und unseren Garten. Besonders gerne mag ich allerdings den Balkon unserer Wohnung. Viele Nachmittage hab ich da schon lesend, Musik hörend oder Tagebuch schreibend verbracht. Dann noch ein kühles Getränk und frisches Obst… Besser geht es für mich nicht. An diesem Ort weht immer eine leichte Brise, weshalb es auch an heißen Tagen angenehm kühl ist. Außerdem lieb ich den Blick auf das gesamte Gelände sehr. Ich hab alles im Blick und kann das ganze Geschehen bei uns auf dem Compound beobachten:) Die Geräuschkulisse ist meistens sehr ruhig und wird nur von Vogelgezwitscher untermalt. Das Einzige, was manchmal ein bisschen lauter sein kann, ist das Treiben der Mädchen unseres Projektes. Doch genau das erinnert mich dann immer wieder daran, wo ich hier eigentlich bin und was für eine tolle Arbeit ich machen darf. Was diesem Ort nochmal ein Upgrade verliehen hat, war mein brillanter Einfall, einen Sessel aus dem Wohnzimmer rauszustellen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass ich von diesem Ort als mein Lieblingsort berichten möchte.

Außerhalb meiner Einsatzstelle gibt es aber auch Orte, die ich sehr sehr schätze. Der erste ist nicht unbedingt ein spezieller Ort, sondern eher eine ganze Gegend. Ich spreche von der Natur rund um meine Einsatzstelle herum. Wir befinden uns südlich des Nairobi Nationalparks. Sobald man unser Grundstück verlässt, hat man quasi den Nationalpark vor sich. Am Rande des Nationalparks gehe ich gerne spazieren, da man eine traumhafte Aussicht hat und die Natur wunderschön ist. Manchmal hat man auch Glück, dass einem das ein oder andere Tier über den Weg läuft. Das ist immer sehr besonders, aber manchmal bekomme ich auch ein bisschen Angst und mache mich schnell aus dem Staub. So standen einmal, als ich mit Lena spazieren war, eine Herde Büffel vor uns. Nur so nebenbei: Der Büffel gilt für den Menschen als eines der gefährlichsten Tiere Afrikas. Das hat uns Google aber erst nach unserer Begegnung gesagt, ich glaube, sonst wäre ich nicht so ruhig geblieben. Was lernen wir daraus: Man sollte immer mit einer ein bisschen vorsichtig und aufmerksam sein, aber letztendlich kann man hier auf einem einfachen Spaziergang so besondere Erfahrungen machen, weshalb ich es sehr liebe.

Wenn man das Gelände meiner Einsatzstelle verlässt, gibt es allerdings nicht nur die beeindruckende Natur sondern auch das big city life. An manchen Tagen schätze ich an Nairobi sehr, dass es so viele Möglichkeiten gibt, ein bisschen westliche Luft zu schnuppern. Ab und zu tut es sehr gut einen Nachmittag in einer Shopping Mall zu verbringen. Da kann man nämlich viele echt coole Sachen machen. Mal abgesehen von den hunderten Möglichkeiten lecker essen zu gehen, gibt es unzählige Einkaufsmöglichkeiten, manchmal finden Konzerte statt, man kann ins Kino gehen und es gibt sogar Schwarzlichtminigolf, eine Trampolinhalle und eine Bowling Bahn. Manchmal vergisst man dann echt kurz, dass man gerade noch in Kenia und nicht in Deutschland ist. Wobei dieser Gedanke vermutlich nur die immer noch in meinem Kopf bestehenden Vorurteile projiziert. Das ist nicht ein bisschen Deutschland in Kenia, das IST Kenia. Genau diese Abwechslung macht meinen Einsatzort am Rande Nairobis so besonders.

Ich hoffe, ich konnte euch gedanklich ein bisschen in meine Lieblingsorte eintauchen lassen. Ich bin dankbar hier leben zu dürfen und genieße die Zeit sehr.

Byebye:)

Und auf einmal ist es Dezember…

Hey,

Ich denke, es ist wieder Zeit für ein Update aus Kenia, denn inzwischen hat sich doch schon wieder einiges verändert.

Inzwischen bin ich schon 4 Monate hier und über ⅓ meiner Zeit in Kenia ist um. Es ist wirklich sehr erschreckend. Ich meine, in meiner Vorbereitungszeit habe ich oft gehört, dass die Zeit schnell vergehen wird aber, dass es letztendlich so schnell geht, hätte ich nicht erahnen können. Der Gedanke, dass im kommenden Monat bereits die Hälfte um ist, lässt mich bedrückt wirken und macht mich nahezu etwas traurig. Ich möchte und kann mir noch nicht vorstellen, wie es wird, zurück in Deutschland zu sein. Ich bin mir sicher, dass die kommende Zeit auch noch mal wie im Fluge vergehen wird. In jedem der kommenden Monate stehen einige Sachen auf dem Plan, auf die ich mich wirklich sehr doll freue.

Trotz der bedrückenden Gefühle diesbezüglich lasse ich mich davon nicht unterkriegen. Stattdessen versuche ich die Momente noch intensiver zu genießen und verspüre durchgehend eine Dankbarkeit.

Durch den Regen ist es sehr matschig.

Richte ich meinen Blick auf den Kalender, dann realisiere ich immer wieder aufs Neue, das nun Dezember ist und die Vorweihnachtszeit begonnen hat. Wirkt für mich gelegentlich etwas widersprüchlich, wenn ich nach draußen gehe und es um die 25 Grad sind. Allerdings wütet auch derzeit El Nino, der für extreme Regenfälle sorgt. Dies hat wirklich auch einige unschöne Folgen, für die es sich lohnt, mal etwas mehr zu recherchieren. Denn ich musste feststellen, dass davon in den Nachrichtenplattformen in Deutschland sehr wenig bis gar nicht berichtet wird. Dennoch gibt mir der Regen am Abend ein Gefühl von dem kühleren Herbst und Winter in Deutschland.

Spaziergang durch Ongata Rongai. Der Himmel und Boden spiegelt sehr gut das Wetter wider.

Jette und ich haben es uns inzwischen sehr gemütlich in unserer WG gemacht und holen so auch ein wenig die Vorweihnachtszeit in unser Zuhause. Wir haben eine große Lichterkette aufgehangen, zünden jeden Abend Kerzen an und unsere selbst gemachten Adventskalender zieren unseren Schrank im Eingangsbereich. Demnächst stehen noch weiteres Dekorieren, Plätzchen backen und verschiedene Aktivitäten, wie beispielsweise ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt der Deutschen Kirchengemeinde in Nairobi, auf dem Programm. In unserem Einkaufszentrum, in dem wir häufiger einkaufen gehen, wurde inzwischen auch weihnachtlich geschmückt. Die Gänge sind mit Lichterketten und Basteleien aus Perlen geschmückt und im Eingangsbereich stehen große geschmückte Tannenbäume. Ich habe auch die erste Begegnung mit einer Weihnachtsfrau gemacht und somit habe ich mein erstes “Merry Christmas” schon Mitte November gehört, was für mich zuerst etwas befremdlich wirkte. Dennoch komme ich nun auch in Weihnachtsstimmung, was vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass Jette und ich unseren ersten Weihnachtsfilm geschaut haben, bei uns am Abend gelegentlich Weihnachtsmann und Co KG läuft und Jette dafür sorgt, dass Weihnachtsmusik nahezu täglich in unsere Wohnung zu hören ist. Ich freue mich wirklich unglaublich doll auf diese Weihnachtszeit und bin unfassbar dankbar, dies in Kenia erleben zu dürfen.

Ausblick von unserem Balkon. Zu sehen ist unter anderem ein Wohnhaus der Mädchen.

Nun möchte ich euch aber auch noch einen weiteren Einblick geben, und zwar in meinen Arbeitsalltag und meinem dazugehörigen Arbeitsweg.

Ich habe den wohl möglichst entspanntesten Arbeitsweg aller Zeiten.

Jette und ich leben im Gästehaus des PLCCs, welches sich auf dem Gelände befindet. Unsere Wohnung befindet sich gegenüber von den Häusern, in denen die Mädchen mit den jeweiligen Hausmüttern leben und neben dem Bürogebäude. Ich arbeite nun den dritten Monat im Büro. Sprich, ich muss nur einmal die Treppen des Gasthauses runter laufen, durch unser Tor und links zum Bürogebäude gehen. Das ist in einer Minute erledigt und ein großer Kontrast zu dem, was ich sonst gewohnt bin. Die letzten Jahre bin ich mit dem Auto 20 Minuten zur Berufsschule gefahren und bin dann noch über 5 Minuten vom Parkplatz bis zu meinem Klassenraum gelaufen. Ich genieße es sehr, hier nur 30 Minuten vor Arbeitsbeginn aufstehen zu müssen.

Links ist das Gasthaus zu sehen und rechts das Bürogebäude.

Momentan sind hier Ferien, diese haben Ende Oktober angefangen und gehen bis Anfang Januar. Dementsprechend hat sich mein Arbeitsalltag auch noch mal verändert. Zuerst möchte ich euch von meinem Arbeitsalltag während der Schulzeit berichten.

Ich habe um 8 Uhr am Morgen angefangen zu arbeiten. Ich habe zuerst das Büro aufgeschlossen, den Laptop hochgefahren und auf meine Kollegin gewartet. Von 08:15 Uhr- 08:30 Uhr hat die Morgenandacht stattgefunden, die wir jeden Morgen besucht haben. In den Tag zu starten mit Musik und Tanz, die wesentliche Bestandteile der Andacht sind, ist wirklich etwas sehr Schönes. Nach der Andacht sind wir zurück ins Büro gegangen, haben meistens einen kurzen Smalltalk gehalten und haben dann angefangen zu arbeiten. Ich war in der Zeit viel damit beschäftigt, die Unterlagen des PLCCs zu digitalisieren, bei der Bürokratie zu helfen oder verschiedene Unterlagen zu übersetzen. Um 11 Uhr gab es dann immer eine Teepause für alle. Es wurde Chai getrunken und Brot mit Blueband gegessen. Anschließend wird von 11:30 Uhr bis 13 Uhr weiter gearbeitet, denn um 13 Uhr wird gemeinsam Mittag gegesse. Daraufhin hatte ich erst mal Pause. Von 18 Uhr bis 21 Uhr habe ich dann in einem der Häuser gearbeitet, in denen die Mädchen leben. Dort habe ich die Mädchen bei ihren Hausaufgaben unterstützt oder gemeinsam mit ihnen für Klausuren gelernt. Wenn alle fertig waren, haben wir gemeinsam gemalt, gesungen und/oder getanzt.

Am Nationalen Baumpflanztag haben wir 30 Bäume gepflanzen.
Begutachtung des Apfelkuchens

Nun sind aber Ferien und dies bedeutet, dass die Mädchen nicht zur Schule gehen und sich zurzeit alle Mädchen auf dem Gelände befinden. Zur Betreuung der Mädchen wurde ein Ferienprogramm erstellt, indem auch wir Freiwilligen involviert sind. Beispielsweise backen wir gemeinsam mit den Mädchen einmal die Woche für alle auf dem Gelände. Inzwischen haben wir schon Apfelkuchen, Kekse, Schokoladenkuchen, Zitronenkuchen und Pizza gebacken. Die Freude diesbezüglich ist immer sehr groß. Dennoch arbeite ich auch während der Ferien im Büro. Meine Arbeitszeiten hier sind von 08 Uhr-13 Uhr, dazwischen mache ich auch immer eine kleine Teepause. Anschließend bin ich bis 16 Uhr dann noch bei den Kindern und unterstütze das Ferienprogramm.

Ich genieße meine Arbeit wirklich sehr. Auch wenn Büroarbeit nicht die Tätigkeit ist, in der ich mich in Zukunft sehe, macht es mit meiner Kollegin großen Spaß. Sehr oft verbringen wir auch unsere Pausen zusammen und unterhalten uns über die verschiedensten Themen. Dabei lerne ich auch immer unfassbar viel über die Kultur und das Land, aber genauso viel auch über mich selbst. Auch die Arbeit mit den Kindern ist jeden Tag eine Bereicherung und sowohl die Kinder als auch das Team gibt mir unglaublich viel Liebe und nahezu täglich die Chance, mich weiterzuentwickeln.

Bis zum nächsten Blogeintrag wird sich auch bezüglich der Arbeit einiges verändert haben. Im Januar tauschen Jette und ich nämlich unsere Arbeitsplätze. Jette arbeitet dann nämlich im Büro und ich starte in der Schule. Dazu kommen im Januar 10 neue Mädchen zum PLCC, mit denen ich durch die Schule sehr viel zusammenarbeiten werde. Ich bin wirklich sehr gespannt und voller Vorfreude auf die neuen Herausforderungen und Eindrücke.

Wir hören dann spätestens im Februar wieder voneinander. Ganz liebe Grüße und frohe Weihnachten aus Kenia

Karibu Kenya!

Hey, ich heiße Lena und ich bin 22 Jahre alt. Derzeit befinde ich mich in Kenia und absolviere hier mit dem ZMÖ meinen Lerndienst.

Schon lange hatte ich den Gedanken nach meiner Ausbildung einen Lerndienst im Ausland zu machen, wirklich geglaubt, dass ich dies aber wirklich tun werde, habe ich nicht. Nach meiner Ausbildung, die ich dieses Jahr zur Erzieherin abgeschlossen habe, wurde mir diese Webseite vom ZMÖ zugeschickt. Als ich den Link damals öffnete, wurde mir die Stellenausschreibung vom Pangani Lutheren Children Center für einen Freiwilligendienst angezeigt. Was soll ich sagen, es hat mich nicht losgelassen und ich entschied mich dazu mich zu bewerben. Nun sitze ich hier in Kenia und kann es bis heute nicht richtig glauben.

Nun aber erstmal zum Anfang und meinen ersten Eindrücken…

Kurz vor der Landung in Dubai.

Ich und meine Mitfreiwillige flogen am 08.08.2023 aus Hamburg los und nach einem Zwischenstop in Dubai kamen wir auch ohne Zwischenfälle am 09.08.2023 in Nairobi an. Aus dem Flugzeug ausgestiegen, erwartete mich zu meinem Überraschen nicht die drückende Wärme und der Geruch nach verbrannten Plastik, der mir durch eine vorherige Reise nach Nairobi bekannt war. Ehrlich gesagt, war es sogar etwas frisch und das Wetter erinnerte mich an mein Zuhause, denn an der Nordsee ist es bekanntlich öfter mal etwas windiger und dementsprechend kälter. Bereits am Flughafen konnten wir die ersten uns unbekannten und ziemlich großen Vögel sehen. Nachdem wir sehr erleichtert waren, dass unser Gepäck angekommen war, konnten wir den Flughafen verlassen.

Dort wurden wir mit Willkommensschilder begrüßt, was in mir direkt ein Gefühl von Herzlichkeit auslöste. Dazu lasen und hörten wir direkt die Worte “Karibu Kenya”, was so viel bedeutet wie „Willkommen in Kenya”. Ich fühlte mich direkt aufgenommen und war voller Vorfreude auf die kommende Zeit. Empfangen wurden wir am Flughafen von der Einrichtungsleitung, einigen Kindern und einer zu dem Zeitpunkt noch Freiwilligen der Einrichtung. Auf dem Weg zum Projekt konnten wir erste Einblicke vom Nairobi Nationalpark und dem Straßenverkehr gewinnen. Kurz gesagt, dies war das erste kleine Abenteuer. Angekommen im Projekt, war ich überwältigt, denn unser Gelände kam mir ziemlich riesig, unglaublich schön und erstaunlich ruhig vor. Dieses Gefühl zog sich auch weiter, als wir unsere Wohnung betraten, die wirklich alle Erwartungen übertraf. Ich war erleichtert angekommen zu sein.

Am selben Tag hatten wir dann auch die ersten Kontakte zu den Mädchen. Für mich ungewohnt war anfangs die direkte Nähe. Bei den ersten Begegnungen wurden meine Haare, Haut und Septum inspiziert. Ganz besonders aber meine Tattoos. Als diese von einem Kind entdeckt wurden, wurden alle Mädchen dazugeholt, die ebenso meine Tattoos betrachten und anfassen wollten. Und ein kleiner Spoiler, bis heute sind meine Tattoos, Haare und Körpermerkmale sehr interessant und es werden regelmäßig Fragen gestellt. Inzwischen kenne ich diesbezüglich aber auch meine Grenzen, die ich dementsprechend mit den Mädchen kommuniziere.

Die ersten Tage wurden wir mit Essen versorgt, welches wirklich unbeschreiblich lecker ist. Dadurch, dass am selben Tag die Partnerschaftsgruppe der Gemeinden St. Bartholomäus Wesselburen und Yerusalem in Nairobi anreiste, gab es einiges an besonderem Essen. Kleiner Fun Fact, ich bin selbst Teil dieser Partnerschaftsgruppe und freute mich daher, einige Menschen wiederzusehen, die ich längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Die darauffolgenden Tage zeigte uns eine weitere Freiwillige einige Orte, die wir bis heute gerne besuchen. Zusätzlich standen die ersten Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an. Wir fuhren Matatu, Tuk Tuk und Bodaboda, es waren wirklich wilde Fahrten und durch den ungewohnten Straßenverkehr war ich recht verkrampft, aber dennoch glücklich zugleich. Dazu mussten wir die Erfahrung machen, dass besonders Matatu und Tuk Tuks nicht für große Menschen, wie uns, gebaut wurden.

Am Anfang stand dann auch unser Sprachkurs an der Reihe. Mir wurde dabei vor Augen gehalten, dass mein Schulabschluss nun doch schon ein paar Jahre her ist und ich von der Grammatik in Englisch keine Ahnung mehr hatte. Das erschwerte das Lernen enorm, denn im Sprachkurs lernte ich dementsprechend nicht nur Kiswahili, sondern frischte auch mein Englisch auf. Dazu konnten wir durch den Sprachkurs erste Erfahrungen mit dem Schulsystem in Kenya machen. Es wird wirklich sehr viel theoretisch gemacht. Unsere Lehrkraft stand häufig an der Tafel und schrieb sämtliche Sachen auf, die wir wiederum abschreiben sollten. Zu beobachten ist dies auch in den Unterrichten, die die Kinder haben.

Zu dieser Zeit stand auch der Abschied von einer weiteren Freiwilligen an. Es war ziemlich emotional, diesen Prozess zu begleiten und mitzuerleben. Ich stellte mir häufig vor, dass ich in 11 Monaten in dieser Position stehe und es machte mich glücklich und traurig zugleich. Ich bin unfassbar dankbar, dass sie uns die erste Woche in die Umgebung eingeführt hatte und immer für Fragen zur Verfügung stand. Nicht selten hatten wir Schlafmangel, weil wir uns bis in die Nacht austauschten. Dies bot mir enorm viel Sicherheit.

Ausblick aus dem Klassenraum, in dem der Sprachkurs stattfand.

Und generell zum Thema Ankunft und vor allem dem Gefühl angekommen zu sein, lässt sich sagen, dass dies ein längerer Prozess ist, der unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Vor allem am Anfang schaute ich mir die Umgebung an und fragte mich:

Bekomme ich innerhalb der 11 Monate jemals das Gefühl, richtig angekommen zu sein?

Fahre ich innerhalb der nächsten 11 Monate durch die Straßen und entdecke nicht jedes Mal etwas Neues?

Schon kurze Zeit später merkte ich allerdings, wie ich mich an einige Dinge gewöhnte. Einige Beispiele:

-Ich habe mich an den Linksverkehr gewöhnt und erwischte mich bei Gedanken, wie der Verkehr noch einmal in Deutschland war.

-Die Angst Englisch zu sprechen, ist nicht mehr da.

-Der Prozess hat angefangen, in dem mir Wörter zuerst auf Englisch einfallen und meine Gedankengänge teilweise auf Englisch stattfinden. Dementsprechend fanden Gespräche mit meiner Mitfreiwilligen vermehrt auf Englisch statt.

-Mein Kleidungsstil hat sich angepasst, Sandalen mit Socken, ein alltägliches Bild.

Jetzt kann ich meine vorherigen Fragen beantworten. Ich bezeichne diesen Ort inzwischen als mein Zuhause und fühle mich angekommen. Die umliegenden Straßen sind wie ein Nachhauseweg und nach langen Fahrten freut man sich, dort angekommen zu sein. Dementsprechend sind viele Dinge nicht mehr so neu wie vorher, allerdings gibt es noch so viel mehr zu entdecken. Dieser Ort gibt mir hier so viel Positives, dass ich trotz angekommenen Alltag, nicht einmal Heimweh verspürt habe. Der Gedanke, dass demnächst ¼ meiner Zeit hier vorbei ist, macht mir etwas Angst und löst ein Gefühl von Zeitdruck aus. Inzwischen habe ich Respekt davor, zurück nach Deutschland zukommen. Davon lasse ich mich aber nicht unterkriegen und versuche umso mehr die Zeit hier zu genießen.

Ich liebe es, meine ständige Entwicklung zu beobachten und bin unfassbar stolz auf mich, diesen Schritt gewagt zu haben. Für diese Möglichkeit, all dieses zu erleben, bin ich unglaublich dankbar. Ich freue mich auf die kommenden Monate und freue mich darauf, dies mit euch zu teilen.

Ganz liebe Grüße von Lena aus Kenia