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Zwischen Überwältigung und Vertrautheit: Ankommen am India Peace Centre

Mein Freiwilligendienst in Indien

Fast ein halbes Jahr sind wir nun hier: Zeit, mal zurückzuschauen und zu reflektieren, wie alles angefangen hat und wie sich meine Situation seitdem entwickelt hat.

Am Dienstag, den 13. August, um ca. 4 Uhr morgens, landeten Riko und ich in Nagpur, in der geografischen Mitte von Indien. Die Reise hatte 18 Stunden gedauert und ich war vollkommen fertig. So viele Eindrücke in so kurzer Zeit prasselten auf uns ein. Zudem war ich noch leicht krank. Wie überwältigt ich von allem bin, wird in diesem kurzen Gedankenstrom von meinem Ankommen deutlich.

Der erste Eindruck

Wir kommen aus dem klimatisierten Flughafen. Feuchte Wärme schlägt uns entgegen. Die Straßen sind beleuchtet. Wir hören leichtes Hupen, riechen die Mischung aus feuchten Pflanzen und Straßenstaub. Alles sieht ähnlich, aber ein bisschen anders aus als gewohnt: die Pflanzen, die Autos, die Straßen und die Häuser, die wir im Halbdunkel der Nacht nur schemenhaft hinter Mauern und Bäumen am Straßenrand erkennen können. Mit meinen vier Stunden Schlaf in den letzten 40 Stunden und einer kaum überstandenen Erkältung in den Knochen sitze ich im Auto und starre aus dem Fenster; wach gehalten vom Schock der gewissenhaften Zollkontrolle am Flughafen, dem gut gelaunten Suyog, der uns vom Flughafen abholt, und dieser überwältigenden Sinneskombination des Ankommens und Eintauchens in die neue Stadt.

Das Centre im Dunklen

Schließlich erreichen wir das IPC und stehen vor einem Tor. Im Dunkeln können wir kaum was erkennen. Wir warten… Der Direktor schließt uns schlaftrunken das Tor auf. Wir werden zu unseren Zimmern durchgeschleust, sehen im Augenwinkel dunkle Pflanzen, erleuchtete Mauern und kleine Häuser. „India Peace Centre“ steht auf einer der Mauern. Tempelartige Umrisse von Häusern, die einst als Gandhi-Ashram gebaut wurden, sind zu erahnen. Taub von der Müdigkeit erkenne ich nichts Genaues.

Im ‚Survival Mode‘

Die Koffer hochtragen, eine schiefe Treppe hoch. Im Eingang stehen. Wow, das ist also Indien! Durch den Flur, in ein leeres, weißes Zimmer mit einem Bett. Erstmal aufs Klo. Wasserflaschen stehen bereit und eine gute Schokolade liegt auf dem Bett. Wie nett! Die Wände sind für uns frisch gestrichen. Deckenlüfter kaputt, Standventilator wird angeschaltet. Gute Nacht! Bis morgen um 12 zum Frühstück! Licht aus.

Ich schwitze am ganzen Körper. Es ist so warm und feucht. Wie kann das Nacht sein? Ist das die Umgebung oder ein Fieberrückfall wegen zu großer Anstrengung von der Reise? Soll ich Fieber messen? Ich muss wirklich schlafen. Ich bin so müde. Aber ich kann nicht. Ich habe Angst vor der Wärme und das im Schlaf das Fieber steigt. Meine Nase ist dicht. Im Flugzeug hatte ich Maske getragen. Erstmal Nasenspray! Das ist schon besser. Ich bin wirklich müde, ich falle jetzt einfach zurück. Ich werde schon überleben…

Ruhiges Ankommen

Dies ist die leicht überspitzte Schilderung der ersten Stunden nach meinem Ankommen in Indien. Im Rückblick ist es schon krass, sich nochmal in diese Situation hineinzuversetzen. Im Alltag vergesse ich jetzt häufig, wie ereignisreich und überwältigend allein die ersten Stunden für mich waren. Es ist übrigens alles gut ausgegangen. Ich habe kein Fieber bekommen und bin innerhalb der ersten Woche an unserer Einsatzstelle wieder gesund geworden. Eine Köchin hat gutes Essen für uns gekocht und wir konnten die ersten Tage entspannt ankommen und uns an alles gewöhnen.

Das Paradox indischer Pünktlichkeit

Beim Independence Day am 15. August wurden wir dann offiziell begrüßt und konnten einige Leute zum ersten Mal kennenlernen. Sogleich sind wir das erste Mal zu spät gekommen und hätten mit fünf Minuten Verspätung fast das Foto unter der indischen Flagge verpasst, die zu diesem Anlass auf dem Vorplatz gehisst wurde. Damit haben wir zum ersten Mal das Paradox indischer Pünktlichkeit erfahren. Man muss einfach wissen, ob ein „Termin um 9 Uhr“ heißt, dass um Punkt neun alle in Festtagsklamotten bereit stehen. Oder ob um halb 10 die ersten Leute auftauchen. Das sagt einem keiner. Man muss es wissen. Wie? Na ja, mit der Zeit wird man besser darin, es einzuschätzen.

Auf dem oberen rechten Bild ist das Team vom IPC zu sehen: der Direktor Angelious Michael (im blauen Hemd), unsere Bürokollegen Swarali und Suyog (links und rechts im Bild) und Sanju (oberes linkes Bild ganz rechts), der Caretaker vom IPC, der inzwischen, nachdem die Köchin Nikita gegangen ist, auch für Angelious, Riko und mich kocht. Sehr lecker, wohlgemerkt! Auf dem oberen linken Bild sind zudem Dr. Tejinder Singh Rawal, ebenfalls Teil von einigen IPC-Veranstaltungen, und seine Frau Rinco (beide ganz in weiß) zu sehen.

Im Büro

Mit Swarali und Suyog hatten wir gerade in den ersten Wochen eine gute Zeit im Büro, wo wir viel miteinander gesprochen haben und sie uns manches aus ihrem Leben erzählt oder Fragen von uns beantwortet haben. Beide haben interessante Lebensgeschichten und es war gut, dass wir andere im Büro hatten, die, was die Arbeit angeht, in einer ähnlichen Situation waren wie wir. Wir haben dann auch für einige Programme gemeinsam Designs oder Teilnehmerlisten vorbereitet. Dass schildert Riko in seinem Beitrag „Und was machst du dort konkret?“. Mittlerweile sind beide leider nicht mehr am IPC.

So viel also von meinem ersten Eindruck in Indien und dem Ankommen im Büro! In den nächsten Beiträgen wird es um zwei Programme des IPCs gehen, bei denen wir mitgearbeitet haben und für die wir nach Delhi und Kolkata (Kalkutta) reisen durften. Außerdem geht es darum, was wir in unserer Freizeit machen, wie wir Weihnachten gefeiert haben und was eigentlich den Westen Indiens vom Osten unterscheidet.

Aber halt! Der erste Eindruck ist ja nun fast 6 Monate her! Was hat sich seitdem entwickelt? Wie ist das Gefühl jetzt, wenn ich das Gelände des IPCs betrete?

Ein grüner Rückzugsort in einer fernen Stadt

Ich komme von einem Spaziergang zurück, bin einmal um‘ Block gelaufen; vorbei an den großen Häusern und manchen grünen Bäumen, die hinter den bunt bemalten Mauern hervorlugen. Es ist hell, die Sonne scheint. Das Tor steht offen. Ich betrete das Gelände des India Peace Centres und gehe den Sandweg entlang, der von Bäumen gesäumt wird. Auf der rechten Seite stehen Blumen und Pflanzen in Töpfen, die an der Straße vorne verkauft werden. Ich folge dem Weg, gehe langsam auf die Mauer zu, auf der das IPC-Logo zu sehen ist, das Gandhi-Rad und der Schriftzug in den silber-grauen Lettern, und atme tief ein und aus. Ich genieße das Gefühl der Ruhe und Vertrautheit, der Entspannung, die eintritt, wenn ich vom Lärm und Verkehr der Straßen in diese kleine grüne Oase einbiege: ein Rückzugsort, wo die Luft ein bisschen besser und das Leben ein bisschen ruhiger ist.

Markante Architektur und fremde Pflanzen

Auf dem Vorplatz stehend, schaue ich mich um. Links erheben sich die Gebäude des Centres. Sie sind aus Ziegelsteinen gebaut und haben ein schräges Dach (beides in Indien eher die Ausnahme). Die Dachspitze ist leicht offen gestaltet. Ein Spalt sorgt dafür, dass die Luft zirkulieren kann, wodurch es im Sommer kühler im Haus bleibt. Darüber ist ein weiteres kleines Dach, damit kein Regen hineinfällt. Ein überdachter Steg aus Stein verbindet die drei Häuser miteinander und bildet ein Rondell, in dessen Zentrum eine kleine Grünfläche mit Rasen und einem Topfbaum gebettet ist. Rechts vom Hauptplatz schlägt ein riesiger Baum seine Wurzeln in die Erde und wacht über das Gelände: eine Pappel-Feige. Sie soll im Gegensatz zu anderen Bäumen nachts Sauerstoff abgeben, weshalb man im Dunklen gut hier sitzen kann. Solange man bereit ist, sich den Platz mit den Mücken zu teilen.

Zielstrebig gehe ich weiter in den hinteren Bereich. Drei bewohnte Häuser stehen nebeneinander. In einem flachen Haus ganz rechts wohnt der Direktor, links wohnen wir, Riko und ich. Oben hat jeder von uns ein Zimmer, unten ist eine Küche und ein Aufenthaltsraum. Das mittlere Haus ist das größte. Hier leben drei Familien mit insgesamt neun Menschen. Am Anfang waren wir erstaunt, als wir nach und nach herausgefunden haben, wer alles dort wohnt. Ich gehe den Weg entlang am mittleren Haus vorbei, grüße Sanju, der gerade im Eingang steht, und gehe auf unser Haus zu, die Treppe hoch.

Ein Gefühl von Vertrautheit

Auf halbem Weg nach oben ist ein kleines Plateau. Dort bleibe ich stehen und schaue mich noch einmal um. Unten sind Obstbäume und Beete. Vor mir eine Palme und dahinter die Ashram-Gebäude des IPC. Das Gelände wird nach hinten von einer Mauer umgeben. Dahinter stehen andere, etwas höhere Gebäude. Ich atme noch einmal ein und aus.

Bin ich zuhause? Dieser Anblick ist mir in den letzten Monaten vertraut geworden. Ich schaue gern auf diese grüne Umgebung. Tagsüber stehe manchmal ich auf dem Plateau, um mir ein paar Sonnenstrahlen abzuholen. Nachts beobachte ich von hier aus den Mond, die Sterne und die Fledermäuse, die ihre Kreise über die Baumwipfel ziehen. Fast vergessen ist die anfängliche Überwältigung, das Gefühl, dass die Luft mir Fieber macht. Ich habe mich eingelebt und fühle mich wohl auf dem Campus.

Von hier aus kann ich nun starten, Nagpur und den Rest von Indien weiter zu entdecken. Ich bin gespannt…

Tanz der Dämonen

Anfang September ist die zweite der drei indischen Jahreszeiten in vollem Gange: Der Monsun, der nach einem heißen Sommer viel Regen und damit Abkühlung bringt, macht nicht nur viele Straßen gerade in den Randgebieten von Nagpur unbenutzbar, sondern läutet vor allem auch die Zeit der vielen Feste ein. Dann und im Winter ist nämlich die einzige Möglichkeit, sich längere Zeit oder besonders aktiv draußen aufzuhalten.

Und damit sind wir beim Thema. Luca und ich haben einen Tanzworkshop belegt, um den Garba-Kreistanz zu lernen. Garba wird am Navratrifest zu Ehren der Göttin Durga gespielt, wie man in Indien sagt. Diese hinduistische Gottheit kommt über neun Tage in unterschiedlich farbigen Erscheinungsformen daher und passend dazu bedeutet Navratri übersetzt auch „neun Nächte“. Daher trägt man jeden Tag unterschiedliche, in der Gruppe abgestimmte Farben. Beim Garba tanzt man im Kreis als Gruppe zu typisch indischer Musik des gleichnamigen Genres mit viel Getrommel, wobei die Schrittfolge besonders wichtig ist. Alle machen gleichzeitig Drehungen, Klatscher, Sprünge in diese und jene Richtung, was gerade von außen richtig elegant aussieht und sich synchron innen noch cooler anfühlt. Der „Doria“, eine Schrittfolge, die am ehesten noch dem Hoppserlauf ähnelt, bringt zusätzlichen Schwung in die Show.

Bevor es soweit war, standen wir aber 15 Tage vorher vor einer der vielen Veranstaltungshallen in Nagpur zur ersten Einheit des Workshops. Als einzige, die tatsächlich auf die englische Erklärung angewiesen waren, kriegten wir nach kurzer Zeit eigene Trainer abgestellt, die die Anweisungen des Vortänzers von Marathi (der Lokalsprache) ins Englische übersetzten. Von einfachen Grundschritten steigerte sich das Niveau schnell und als absolute Beginner waren wir bald auch am IPC am Üben, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Das Team war wirklich nett zu uns und bevor Navratri starten sollte, gab es noch zwei Vorevents als Abschluss des Workshops und Generalprobe. Dafür waren wir mit ein paar der Teamern unterwegs und haben traditionell indische Kurtas gekauft. Für mich fühlte sich das unfassbar komisch an, in einem Blümchenpyjama und überweiter Hose tanzen zu sollen, aber die Garbaleute waren voll überzeugt.

Insofern waren wir gut ausstaffiert und kamen mit der zweiten Version von Kurta im dunklen Stil beim ersten Vorevent an. Warum denn so dunkel und rot? Das hängt mit der Mythologie des Hinduismus zusammen: Es war einmal ein böser Dämon. Niemand konnte ihn bezwingen und mit dunkler Magie ließ er immer wieder sein verfluchtes Blut auf die Erde regnen, aus dem dann neue Dämonen erwuchsen. Eines Tages war die gute Göttin Durga so erbost darüber, dass aus ihrer Stirn die Manifestation Kali entsprang. Sie war schwarz wie die Nacht, mit einem Kranz aus Totenköpfen auf dem Kopf und voller Zerstörungskraft, die so groß war, dass sie im Zorn sogar die Hauptgottheit Shiva übertraf. In einem großen Gefecht besiegte sie den bösen Dämon und seine Blutskopien und beendete so die große Tyrannei. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Ende.

Kalis Dunkelheit symbolisiert hier also nichts „Böses“, sondern reine, grenzenlose Energie und das jenseits von Gut und Böse. Um zu zerstören, ja, aber nur, damit danach Neues entstehen kann. In den Ritualen (mit dunkler oder roter Kleidung und Bemalung) verbinden sich Gläubige mit dieser rohen, reinigenden Kraft. Soweit die Theorie für eine der neun Manifestationen Durgas und das heutige Motiv. An den nächsten Tagen wird es andere Farbkombinationen geben.

Um also stilgerecht und traditionell dabei zu sein, haben wir uns extra noch dunkle Kurtas geholt und kriegten vom Team am Abend diese roten Kreise verpasst. Hier trafen das erste Mal die Teilnehmer der unterschiedlichen Zeit-Slots zusammen, die leicht unterschiedliche Schritte gelernt hatten. Es war schon wild und machte richtig Spaß, wenn wirklich alle in die Dynamik eintauchten und sich mehrere Kreise bildeten, die umeinander tanzten. Innen waren dann meistens die Profis, die die Schritte vorgaben, in der Mitte diejenigen, die sich trauten und den Großteil problemlos hinbekamen, wie Luca, und im äußeren Kreis stolperte ich mir meine Drehungen zusammen.

In den nächsten Tagen gab es noch weitere Veranstaltungen mit Garba für uns: Am zweiten Vorevent gewannen wir den Preis für die pünktlichsten Teilnehmer, weil wir glatt die Dreistigkeit besaßen, spätestens fünf Minuten nach Workshopbeginn vor Ort zu sein, was den Zeitplan manchmal etwas durcheinander brachte; bei Dholida, der zweitgrößten Garba-Veranstaltung der Stadt, sahen wir mit unseren Freunden vom Workshop die Sängerin, die die bekannten Dakla-Lieder spielt und eine Art regionale Berühmtheit ist; mit einem anderen Freund waren wir bei einer Nachbildung der sieben wichtigsten Hindutempel, wo auch Garba gespielt wurde; und mit den Teamern des Workshops gewannen wir einen Gruppenpreis – dieses Mal für die beste Performance.

Und damit gingen gut gefüllte dreieinhalb Wochen für uns zu Ende. Wir freuten uns schon auf die nächsten Feste und sollten nicht enttäuscht werden.

Und was machst du dort konkret?

Von dieser Frage können wohl alle Freiwilligen ein Liedchen singen und die am India Peace Centre ganz besonders. Unter einem Center für Friedens- und Gerechtigkeitsarbeit mit Fokus auf interreligiösem Dialog kann man sich schließlich alles und nichts vorstellen. Ich versuche mich nach den ersten drei Monaten im Land an einer Antwort. 

Doch zunächst zu unserer Ankunft in Indien. Nach meinem ersten Flug in über zehn Jahren standen mein Mitfreiwilliger Luca und ich um kurz nach drei Uhr nachts suchend in der Eingangshalle des internationalen Flughafens in Nagpur. Wir sind mit der einzigen internationalen Verbindung eingeflogen und wurden nach einigen Minuten von unserem sehr netten Kollegen Suyog abgeholt, der in Sichtweite der Landebahn wohnt und aufgebrochen war, als der Flieger am Nachthimmel auftauchte. Es ist in Indien wohl nicht üblich, aber weil er davon gehört hatte, dass man in Deutschland Blumen zur Begrüßung überreicht, hielten wir auf dem Weg hinaus auch einen Strauß Rosen in der Hand.

Diese Gastfreundschaft finde ich beeindruckend. Alle geben sich wirklich Mühe, damit wir uns gut aufgehoben fühlen. Für uns standen in den ersten Tagen Wasserflaschen parat, während sich alle anderen Wasser aus 20l Behältern holen. Als das WLAN nicht funktionierte, war gleich am nächsten Morgen der Haustechniker dabei, den Router wieder einzustellen. Weil hier nur mit den Händen gegessen wird, hat jemand noch Besteck für uns eingekauft, obwohl wir uns mittlerweile angepasst haben. Und besonders: Damit wir uns erst einmal eingewöhnen können, hat Angelious, der Direktor des IPCs, für den ersten Monat eine Köchin eingestellt, die gut verdauliches Essen für uns kocht (also in erster Linie nicht zu scharf).

Wenn ich Zuhause beschrieben habe, wo ich denn eigentlich sein würde, ging mein Spruch immer so: „Du nimmst deinen Finger und patschst ihn einmal mitten auf die indische Landkarte. Das passt eigentlich am besten.” Tatsächlich kamen wir noch auf der Fahrt vom Flughafen an einem Obelisken vorbei, der genau die Mitte von Indien markiert. Da war die Beschreibung doch gar nicht so verkehrt.

Nun aber zum eigentlichen Thema: Als erste Aufgabe, während wir uns an das unfassbar feuchte und heiße Klima gewöhnten, sollten wir die Bibliothek sortieren und einen Katalog der über 3500 Bücher erstellen, damit das Angebot auf der Website abrufbar wird. Nachdem wir ein paar hundert Bücher geschafft hatten, erhielten wir Zugangsdaten für die Website. Gedacht dafür, dass wir den Katalog erstellen, werkelte ich dann aber erstmal an anderen Teilen der Seite herum, sodass es jetzt etwas einheitlicher aussieht und einige Inhalte aktualisiert sind.

Anschließend wurden wir von einer Konferenz im südindischen Chennai unterbrochen, die das India Peace Centre mitorganisiert hat. Dafür sollten Aufsteller und Banner designt werden, wofür Luca und ich eingeteilt wurden. Am Ende stellte sich zwar heraus, dass die gar nicht gebraucht wurden, genauso wenig wie die vielen Excellisten oder eine Zimmerzuteilung von mir, aber wir sind jetzt um einiges an Canva-Erfahrung reicher und ich weiß nun, wie man mit einem unachtsamen Klick im Entwicklermodus die Arbeit der letzten sechs Stunden Arbeit vollautomatisiert und unwiderruflich löschen lassen kann. Na Klasse.

Tatsächlich Klasse war das auf die Konferenz folgende Face to Face Programm, auch vom IPC co-organisiert. Hier kamen angehende Theologen christlicher Kirchen aus aller Welt und einige aus Indien zusammen, um sich einen ganzen Monat lang unterschiedliche Seminare anzuhören und über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihres Glaubens zu sprechen. Für mich waren die Passagen interessant, die sich um andere Religionen drehten und was in ihren Geschichten passiert. Vor dem Freiwilligendienst hatte ich beispielsweise noch nie etwas von den Bahá´í oder Sikh gehört. Wenn auch alles spontan organisiert war, konnten wir die Gruppe zu ihren Ausflügen zu unterschiedlichen Orten wie einer buddhistischen Pilgerstätte für einen Vorkämpfer der Dalits (ehem. „Unberührbare“ im Kastensystem genannt) begleiten oder an den Aktivitäten am NCCI, einer Dachorganisation des IPC, teilnehmen.

Vorträgen diverser Referenten zu lauschen, gehört immer wieder zu unseren Aufgaben dazu. Egal ob im Rahmen von Programmen oder bei einzelnen Aktionen, wie am Weltfriedenstag, wo wir auch kleine Beiträge geschrieben und vorgetragen haben. Mehrfach waren wir auch an Universitäten hier in Nagpur und einmal haben wir einen mehrstündigen Vortrag über Deutschland für die Erstsemesterstudenten des Deutschkurses ausgearbeitet.

So vergeht hier also die Zeit auf Arbeit. Was abseits davon passiert, kommt sicher noch in den nächsten Blogbeiträgen.

Alltag zwischen neuen Erfahrungen und aufregenden Orten

Mein Alltag ist geprägt von neuen Erfahrungen, inspirierenden Freundschaften, aufregenden Orten und einer großen Portion Spaß. Seit vier Monaten lebe ich nun schon in Indien – eine lange Zeit, doch besonders die letzten beiden Monate sind wie im Flug vergangen. In dieser Zeit hatte ich die Gelegenheit, deutlich mehr zu erleben als in meiner Anfangsphase, was meinen Aufenthalt noch bereichernder und die Eingewöhnung leichter gemacht hat.

Mitte Oktober durfte ich ein außergewöhnliches Ereignis erleben: die Hochzeit eines guten Freundes. Indische Hochzeiten unterscheiden sich stark von denen in Deutschland. Sie erstrecken sich über mehrere Tage und beinhalten zahlreiche Zeremonien. Den Anfang machte die sogenannte Ringzeremonie, bei der sich das Paar gegenseitig die Ringe überreicht. Dieses Ritual ist ursprünglich westlich geprägt und daher kein traditioneller Bestandteil indischer Hochzeiten, wird jedoch immer häufiger integriert. Ich war zur Ringzeremonie eingeladen, und während meine indischen Freunde dies als völlig normal empfanden – viele von ihnen haben bereits an mehr als 20 solcher Zeremonien teilgenommen – war es für mich eine faszinierende Erfahrung, die mich sehr beeindruckt hat. Nun freue ich mich umso mehr auf die eigentliche Hochzeit mit bis zu 1.000 Gästen, die in etwa einem Monat stattfinden wird. Mehr dazu folgt im nächsten Blog 😉

Hochzeit

In der darauf folgenden Woche nahm ich an einem zweitägigen „Leadership Training Programme“ der YMCA teil, was mir viele wertvolle Kontakte einbrachte.                              

YMCA Team

Das Knüpfen von Kontakten ist für mich in den letzten Monaten besonders wichtig geworden, da es das Leben in einem fremden Land nicht nur erleichtert, sondern auch bereichert. So wurde ich beispielsweise von Dr. Tejinder Singh Rawal, einem ehemaligen Leiter des India Peace Centre, zu einem „Potluck“ eingeladen. Bei diesem Treffen brachte jeder Gast ein Gericht mit, wodurch ein vielfältiges Buffet entstand. Neben kulinarischen Genüssen bot sich mir die Gelegenheit, interessante Menschen kennenzulernen, lustige Spiele zu spielen und die indische Kultur weiter zu entdecken.

Potluck

Ein weiteres schönes Erlebnis war die Geburtstagsfeier eines guten Freundes. Zum ersten Mal hatte ich wieder das Gefühl, wie zu Hause zu sein: von Freunden zu einer Feier eingeladen zu werden und in einem kleinen Kreis ganz entspannt in den Geburtstag hineinzufeiern.

Geburtstag

Diese Erlebnisse mit meinen neu gewonnenen Freunden sind für mich unglaublich bereichernd, da ich auf der einen Seite einzigartige Momente genießen und auf der anderen Seite meine Faszination mit anderen teilen kann, was die Erfahrungen noch intensiver macht. Ich bin mir sicher, dass ich mich auch in vielen Jahrzehnten noch an die Runden Cricket am Morgen, das Fußball-Hallenturnier oder an kleine Tagesausflüge zu atemberaubenden Aussichtspunkten erinnern werde.

Ausflüge

Vom 29. Oktober bis zum 3. November durfte ich das Diwali-Festival in Indien erleben. Diwali, auch als Lichterfest bekannt, ist eines der wichtigsten und bekanntesten Feste in Indien. Es symbolisiert den Sieg des Lichts über die Dunkelheit und des Guten über das Böse. Während dieses Festivals führen Hindus die sogenannte Puja-Zeremonie durch, bei der unter anderem die Göttin Lakshmi verehrt wird. Sie soll den Menschen Wohlstand in ihre Häuser und Geschäfte bringen. Ich hatte das große Glück, von meinem Freund Aniruddha zu dieser Puja eingeladen zu werden. Das Lichterfest wird anschließend mit viel Feuerwerk gefeiert – mir wurde erzählt, dass es an Diwali sogar mehr Feuerwerk gibt als an Neujahr.

Diwali

Mitte November stand dann wieder eine Reise auf dem Plan, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Es ging in den Bundesstaat Meghalaya, genauer gesagt in die Hauptstadt dieses Staates, Shillong. Die Reise nach Shillong war bislang meine längste, da sie zwei 20-stündige Zugfahrten beinhaltete, was wirklich anstrengend war. Wir kamen nach Shillong, da wir dort unser zweites „School of Peace“-Programm veranstalteten, ähnlich wie bereits im September in Odisha. Shillong und der Nordosten Indiens allgemein sind atemberaubend schön und völlig anders als die Region, in der ich lebe. Die Gegend ist bergiger, das Klima kühler, die Luft sauberer, es gibt weniger Müll und eine faszinierende Natur. Neben dem Programm hatte ich fast zwei ganze Tage Zeit, die Stadt zu erkunden, was mir große Freude bereitete.

Shillong

Am 25. November kehrte ich aus Shillong zurück, doch schon am 26. November sollte es nach Ahmedabad weitergehen. Leider wurde ich in der Nacht von meiner ersten, für Indien berüchtigten Lebensmittelvergiftung erwischt und musste dieses Programm schweren Herzens aussetzen. Glücklicherweise erholte ich mich schnell und konnte Anfang Dezember das India Peace Centre im Süden Indiens, genauer gesagt in Bangalore, der Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka, bei einem „Capacity Building“-Programm vertreten. Dort hatte ich erneut die Gelegenheit, die Stadt zu erkunden – diesmal auch allein. Diese Erfahrung war für mich sehr wertvoll, da es mir zeigte, wie wichtig es ist, mit sich selbst klarzukommen und das Alleinsein bewusst genießen zu können. Es macht die Momente, in denen man wieder mit anderen Menschen zusammen ist, umso wertvoller.

In Bangalore faszinierte mich vor allem der KR Market, auf dem man im Grunde alles kaufen kann, vor allem jedoch Obst und Gemüse. Es ist schwer, diesen Markt mit der Obst- und Gemüseabteilung eines deutschen Supermarkts zu vergleichen – der Lärm, die Menschenmassen, die überwältigende Vielfalt an Waren und die nicht immer optimalen Hygienebedingungen machen den Unterschied deutlich. Neben dem Markt besuchte ich den beeindruckenden Bangalore Palace, ein architektonisches Meisterwerk. Gleichzeitig zeigte mir die Stadt einen anderen Kontrast: moderne Einkaufszentren und eine Vielzahl an Start-ups, die Bangalore den Spitznamen „Silicon Valley“ Indiens eingebracht haben.

Bangalore

Die letzten zwei Monate waren für mich eine sehr eindrucksvolle Zeit. Ich habe viele neue Menschen, Städte und Lebensweisen kennengelernt. Mit jeder Woche gefällt mir meine Zeit in Indien besser, da ich zunehmend mit allen Eindrücken zurechtkomme und nach und nach tiefere Freundschaften entwickle. Ich bin gespannt, was die kommende Zeit noch bringen wird, und freue mich schon sehr darauf, Ende Dezember Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Indien – das bisher größte Abenteuer meines Lebens

Mein Abenteuer begann nicht erst mit der Landung am Dr. Babasaheb Ambedkar International Airport in Nagpur, im Bundesstaat Maharashtra. Nein, es startete bereits mit dem Betreten des Flugzeugs in Doha. Als einziger Europäer an Bord spürte ich sofort die neugierigen Blicke – eine Erfahrung, die ich so noch nie gemacht hatte. Dieses ungewohnte Interesse an meiner Person ließ mich zunächst unwohl fühlen, doch das Gefühl verflog schnell. Schon während des Flugs lernte ich die außergewöhnliche Herzlichkeit der indischen Gesellschaft kennen. Mein Sitznachbar, Shashank, stellte sich mir vor, und wir kamen rasch ins Gespräch. Er erzählte mir von seiner Arbeit als Softwareentwickler und dass er gerade auf dem Weg sei, seine Familie in der Nähe von Nagpur zu besuchen. Wir tauschten Kontaktdaten aus, und er bot mir seine Hilfe an, falls ich sie jemals benötigen würde. Diese unerwartete Freundlichkeit beeindruckte mich tief – ich war noch nicht einmal auf indischem Boden gelandet, und schon hatte ich eine wunderbare Bekanntschaft gemacht. Meine anfängliche Nervosität wich einem positiven Gefühl. Mein offizielles Willkommen in Indien erlebte ich am 15. August, dem Tag der indischen Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Großbritannien. Als Zeichen des Willkommens wurde mir ein traditioneller Schal, der sogenannte „Shawl“, umgehängt. Meine physische Ankunft war also vollzogen – doch psychisch sollte es noch eine Weile dauern, bis ich mich vollständig angekommen fühlte.

Mein offizielles Willkommenheißen in Indien

In den folgenden Tagen lernte ich die Menschen und die Arbeit meiner Organisation, dem India Peace Centre (IPC), sowie der Dachorganisation, dem National Council of Churches in India (NCCI), kennen. Zudem bot sich mir die Gelegenheit, bedeutende religiöse Stätten in Nagpur zu besuchen. Einer der Höhepunkte war der Besuch von Deeksha Bhoomi, einem historischen Ort, an dem Dr. B. R. Ambedkar am 14. Oktober 1956 zusammen mit Millionen von Dalits zum Buddhismus konvertierte. Dieser Akt markierte den Beginn der Dalit-Buddhismus-Bewegung und war ein Protest gegen das Kastensystem. Deeksha Bhoomi ist ein starkes Symbol für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit in Indien. Dalits sind jene Menschen, die im indischen Kastensystem die niedrigste Stellung einnehmen und oft die größte Diskriminierung erfahren.

Deeksha Bhoomi

Ende August hatte ich die Möglichkeit, mit dem Church of North India Social Service Institute ein Projekt in einem Slum am Stadtrand von Nagpur zu besuchen. Das Projekt zielte darauf ab, Kindern durch Bildung, Unterstützung und einen sicheren Rückzugsort zu helfen. Die Kinder konnten nach der Schule zu einer Lehrerin nach Hause kommen, um dort ihre Nachmittage zu verbringen, anstatt ihre Zeit auf der Straße zu verbringen. Für mich war dieser Besuch eine zutiefst bewegende Erfahrung. Einerseits war es bedrückend, die schwierigen Lebensumstände der Menschen zu sehen, doch andererseits war es wunderschön, zu erleben, wie den Kindern geholfen wurde und sie einen sicheren Raum erhielten. Besonders faszinierte mich die unglaubliche Herzlichkeit und Menschlichkeit der Menschen im Slum, trotz ihrer materiellen Armut. Eine so ausgeprägte Form der Gastfreundschaft hatte ich selten zuvor erlebt.

Das Klassenzimmer im Slum

So verging der erste Monat in Nagpur wie im Flug, und meine erste berufliche Reise stand bevor – es ging in den Bundesstaat Odisha. Wir planten ein Programm namens „School of Peace“ an der KT Global School. Im Rahmen dieses Projekts wählten wir Schüler und junge Menschen aus der Umgebung aus, um mit ihnen über globale Themen wie die SDGs (Sustainable Development Goals), Umwelt, Klimawandel, Frieden, Feminismus sowie die Bekämpfung von Vorurteilen und Diskriminierung zu reden. Das „School of Peace“-Programm soll viermal in verschiedenen Teilen Indiens stattfinden und es dem IPC ermöglichen, lokale Vertreter zu gewinnen, die dieselben Ziele und Vorstellungen teilen. Am letzten Tag vor der Abreise hatten wir die Gelegenheit, die Hauptstadt des Bundesstaates Odisha, Bhubaneswar, auch bekannt als „Stadt der Tempel“, zu erkunden. Gemeinsam mit zwei anderen französischen Freiwilligen der KT Global School besuchte ich mehrere Tempel und genoss das köstliche Streetfood. Dieser Ausflug in einen anderen Bundesstaat war eines meiner bisherigen Highlights hier in Indien.

Odisha

Wenn ich mich jedoch auf ein Erlebnis festlegen müsste, wären es die Festivals, die mich am meisten beeindruckt haben. Während meiner Zeit hier konnte ich bereits zwei bedeutende Feste erleben. Mir wurde gesagt, dass der August die beste Zeit sei, um nach Indien zu kommen, da in diesem Monat viele Festivals stattfinden. Im September hatte ich das Vergnügen, das „Ganesh Chaturthi“-Festival mitzuerleben. Dieses Fest wird zu Ehren von Ganesha gefeiert, dem Gott, der Hindernisse beseitigt und Glück, Weisheit und Erfolg bringt. Das Fest markiert den Beginn neuer Unternehmungen und Gebete für Wohlstand.  Im Oktober feierte ich dann Navratri, ein Fest, das den Sieg der Göttin Durga über den Dämon Mahishasura symbolisiert. Es steht für den Triumph des Guten über das Böse und wird mit Tänzen, Gebeten und Ritualen begangen. Die Festivals sind für mich eine besonders schöne Zeit, da ich sie mit meinen neu gewonnenen Freunden genießen kann und dabei auch neue Bekanntschaften knüpfen kann.

„Ganesh Chaturthi“ und „Navratri Festival“

Am Anfang habe ich gesagt, dass ich mich nur physisch angekommen fühle, doch langsam fühle ich mich auch mental immer mehr in Indien zuhause. Mit dem Entstehen von Freundschaften und durch meine fortschreitende Anpassung an die indische Kultur fühle ich mich immer wohler. Ich bin gespannt, wohin mich dieses Abenteuer noch führen wird.

Es hochzeitet im Hindu Stil

Helge und ich wurden von unserer guten Freundin Sonal zu unserer ersten vollständigen indischen Hochzeit eingeladen, bei der wir bei allen 5 Tagen der Hochzeit teilnehmen durften.

In den Wochen vor der Hochzeit gingen bereits die Vorbereitungen los und wir sind mit ein Paar Freunden shoppen gegangen, um festliche traditionelle Kleidung zu kaufen. Bezahlen durften Helge und ich am Ende aber nicht, Sonal bestand darauf für uns zu bezahlen. Nachdem ich mit einem wunderschönen lilafarbenen Saree und Helge mit einer neuen blauen Kurta ausgestattet wurden ging es noch daran festliche Schuhe zu kaufen, was sich auf meiner Seite als richtige Herausforderung entpuppte, da ich für indische Verhältnisse mit einer Schuhgröße 40 weit über dem Durchschnitt liege. An einem anderen Tag bin ich bin Sonal erneut losgefahren, Ziel war der belebteste Teil Nagpurs um passende Armreifen zu meinem Saree, ein Petticoat und noch ein Paar andere Besorgungen zu kaufen.

Der erste Tag der Hochzeits-Zelebrierung begann am Sonntag damit, dass sich die enge Familie (ca. 50 Personen) Zuhause bei Sonal Zuhause trifft um sich von Henna Künstlerinnen das traditionelle Mehendi auf die Hände malen zu lassen. Damit das Design besonders intensiv wird muss das Henna erstmal 15 Minuten antrocknen bevor man seine Hände wieder bewegen kann. Danach sollte man das Henna am besten über Nacht auf der Haut lassen. Nachdem alle ihr Mehendi aufgetragen bekommen haben wurde noch gemeinsam gegessen. Die meisten von Sonals Verwandten werden über die Hochzeitstage bei ihr Zuhause untergebracht, das Haus wurde für die Hochzeit nicht nur schön geschmückt, sondern auch frisch gestrichen.

Mehendi

Für zwei der fünf Tage der Hochzeit hat mir Sonal Kleider geliehen, denn an diesen Tagen hieß es auch „dress to impress“ -und Prinzessinnen-Abendkleider standen nicht auf meiner Packliste. Für den Montagabend, an dem sich der Großteil von Sonals Familie bei ihr Zuhause offiziell zum Dinner trifft hat sie mir ein langes dunkelrotes Abendkleid und passenden Schmuck geliehen. Wir kamen an dem Abend fast eine Stunde nach dem offiziellen Beginn bei Sonal zuhause an, und trotzdem haben wir den Beginn des Essens nicht verpasst – das nennt man „Indian-standart-time“.

Sonal, ihre grosse Schwester, Swarup (die Braut)
beim Dinner (Montag)

Am Dienstag Morgen, dem Tag vor der Hochzeit kamen wir schon um 10uhr zu Sonal nach Hause um Haldi zu zelebrieren. Dieses Event war mein persönliches Highlight der ganzen Hochzeit, da es eine perfekte Mischung aus Tradition und Spaß ist. Am Tag des Haldi feiern die Familie der Braut und die des Bräutigam meist getrennt die Zeremonie die daraus besteht die Hindu Gottheit Haldi zu ehren. Hier wird zuerst die Braut von ihren Familienmitgliedern mit einer Kurkuma Paste im Gesicht und am Körper eingerieben, dieser Moment war für alle Angehörigen sehr emotional. Danach geht jeder der möchte einzeln zur Braut und darf sich gegenseitig ebenfalls Kurkuma Paste auf die Wangen schmieren. Wenn der traditionelle Teil des Events vorbei ist, geht der spaßige Teil los. Es wird laute Musik gespielt, getanzt und sich gegenseitig mit Kurkuma Paste beschmiert und mit Wasser übergossen. Am Ende des ganzen sahen wir alle aus wie Minions, gelb gefärbt durch Kurkuma und von Wasser getränkt. Es hat uns mehrere duschen und Gesichtswaschungen gebraucht und trotzdem blieben unsere Hände gelb gefärbt und unser Gesicht behielt einen Gelb film. Später gingen dann alle außer die Braut zusammen zum Haus des Bräutigams, die separat ebenfalls Haldi gefeiert haben. Die Frauen der Familie der Braut haben zahlreiche Leckereien vorbereitet die wir mitnahmen um einen weiteren Teil der Tradition zu feiern. Das Essen wird zuerst vor dem Bräutigam präsentiert, dann beginnt das spiel in dem jede Frau so tut als würde sie den Bräutigam füttern, dann im letzten Moment aber wieder zurück zieht. Dieses Spiel geht dann immer weiter, am Ende muss der Bräutigam mindestens einen Bissen von allem probieren was die Frauen mitgebracht haben.

Am Mittwoch, dem Tag der offiziellen Hochzeit musste ich schon sehr früh bei der Location sein, denn ich traf mich mit Sonal, ihren Schwestern, Tanten und ihrer Mutter zum Fertigmachen. Das war ebenfalls ein sehr schöner Moment zwischen Frauen, den ich so schnell nicht vergessen werde. Ich konnte dabei zusehen wie die anderen Frauen herausgeputzt wurden, mit dem vollen Programm; Frisur, Makeup, traditionellem Saree und natürlich Schmuck… – alles muss perfekt sein! Auch mir wurde geholfen in meinen ersten eigenen Saree zu schlüpfen, meine Haare wurden traditionell im Marathi Style hochgesteckt und mit Blumen verziert und ich wurde lieh mir ebenfalls Schmuck von Sonal. Ich wurde wie ein Teil der Familie behandelt und habe mich sehr zugehörig gefühlt. Auch wenn das Makeup für meinen Geschmack viel zu stark war, fühlte ich mich trotzdem wunderschön und werde diesen Moment in Erinnerung behalten. Bevor die Braut in den Saal eingezogen kommt wird der Bräutigam, der auf einem weißen Pferd angeritten kommt, von seiner Familie mit lauter Musik und Tanz begrüsst. Dies zieht sich so lange, bis die Braut bereit ist. Wenn die Braut fertig ist, zieht sie, unter einem Dach aus Blumen in den Saal bis zur Bühne ein. Hier wird sie vom Bräutigam in Empfang genommen und es finden zahlreiche Rituale statt, wie zum Beispiel, dass sich das Brautpaar gegenseitig Reis auf den Kopf tut und Mantras in Sanskrit gesprochen werden. Diese Rituale führen dann zur offiziellen Einigung des Brautpaars. Danach bekommt jeder die Chance auf die Bühne zu gehen und das Ehepaar zu beglückwünschen, Geschenke zu überreichen und natürlich Fotos zu schießen. Jeder der damit fertig ist kann sich dann am ausgiebigen Büffet bedienen. Später finden dann noch weitere Rituale statt, manche sind sehr emotional für die Angehörigen, da ihre Tochter nun offiziell in das Elternhaus des Ehemanns ziehen wird und somit ihre Verantwortung bei der Familie des Ehemanns liegt. (In Indien zieht man traditionell erst aus dem Elternhaus aus, wenn man heiratet- dann zieht man als Frau bei der Familie des Ehemanns ein, man wohnt also nie alleine)

Hochzeit

Das letzte Event der Hindu Hochzeit ist die „Reception“, welche am Donnerstag Abend in einer separaten Location abgehalten und von der Familie des Ehemanns organisiert wird. Die einzigen Programmpunkte ist ein weiteres Fotoshooting und ein riesiges Büffet. An diesem Abend trug ich ein weiteres geliehenes Kleid von Sonal, welches mir meinen Kindheits-Prinzessinnentraum erfüllte. Ich hatte die Chance mich gut mit einigen Verwandten und Freunden von der Familie zu unterhalten.

Indien, wir fühlen uns Willkommen!

Lüneburg, Mittwoch den 17.08.2022, 01:45:

Es Klingelt, ich wache auf und mir steht ein Känguru gegenüber. Ich blinzele, gucke hinter mich, die Treppe runter, die Treppe wieder rauf, gucke geradeaus…das Känguru steht immer noch da.

So habe ich mich zumindest gefühlt, als der Wecker um diese Uhrzeit geklingelt hat. Ähnlich wie bei Marc-Uwe-Kling und dem Känguru, hat dieses Klingeln ganz viel Auswirkung auf die kommende Zeit von Thula und mir. (Solltest du das mit dem Känguru nicht verstanden haben, empfehle ich dir mal in die Känguru Chroniken von Marc-Uwe-Kling reinzuhören.)

Jetzt aber eins nach dem anderen, warum hat der Wecker so früh geklingelt?

…weil um 06:10 der Abflug von Hamburg Airport mit dem Ziel Nagpur, Indien war. Geflogen sind wir dann über Amsterdam und Mumbai. In Mumbai mussten wir unser Gepäck abholen und nochmals aufgeben, was bei mir für ein bisschen Reise-Stress gesorgt hat. Doch wie zu erwarten hat alles gut geklappt. Ein paar Stunden später waren wir dann auch schon in Nagpur, dort wurden wir vom Team des IPC abgeholt. Vom Flughafen ging es dann direkt zu unserer Unterkunft, dem NCCI. Das NCCI ist das National Council of Churches of India und wird für die nächsten 11 Monate unser Zuhause sein. Es ist ein sehr g/roßes Gelände wo Thula und ich jeweils ein Zimmer mit Bad haben, welche beide gut ausgestattet sind. Es gibt einen Ventilator an der Decke und auch eine Klimaanlage, im Bad gibt es sogar eine Dusche mit warm Wasser.

Morgens, mittags und abends wird im NCCI jeweils frisch gekocht, es ist die reinste Wohlfühloase. Sowohl das IPC als auch das NCCI sind zwei kleine Paradiese inmitten von Nagpur. Unglaublich grün, mit tollen Bäumen, Pflanzen und Tieren und noch tolleren Menschen! Wir wurden wirklich mit offenen Armen empfangen und Willkommen – eine solche Gastfreundschaft hätten wir uns nicht Erträumen können.

Ein paar Worte zum Verkehr:

Meine bisherige Beobachtung ist, dass es im Indischen Straßenverkehr viel wichtiger ist zu hören als zu gucken. Denn jeder kündigt sich bei einer Kreuzung mit einem freundlichen Hupen an. Das Motto ist ja eh mehr Augen zu und durch, als bedacht an die Kreuzung heranfahren. Das erste was wir gelernt haben als wir ins Auto gestiegen sind ist, dass es zwar Anschnallgurte gibt, diese jedoch nur zur Dekoration da sind und auf keinen Fall zur Benutzung. Die Anschnallgurte sind aber nicht die einzige „Sicherheitsvorkehrung“ die nicht benutzt wird. Auf halber Strecke der Fahrt vom Flughafen zum NCCI habe ich erst bemerkt, dass die Außenspiegel angeklappt sind. Trotz des vermeintlichen Chaos funktioniert der Verkehr (zumindest in der Gegend in der wir wohnen) sehr gut. Für Thula und mich ist es also kein Problem den Arbeitsweg von 1,5 km mit dem Fahrrad zu fahren. Wir schwitzen zwar wie sonst was aber mit dem Verkehr haben wir kein Problem!

Tiere:

In Innenräumen läuft natürlich hier oder da mal ein Gekko oder eine kleine Eidechse rum, ansonsten gibt es drinnen keine nennenswerten Tiere. Auf dem Grundstück des IPC leben 2 (Streuner-) Hunde. Der Ältere von den beiden ist sehr scheu und sofort weg, wenn man auch nur auf 5m rankommt. Der jüngere von den beiden ist das komplette Gegenteil. Sehr zutraulich und noch super verspielt. Ansonsten sind tagsüber ab und zu auch mal ein paar Papageien zu sehen. Abends ist dann die Zeit der Fledermäuse. Die Fledermäuse sind jedoch Flughunde und haben Flügelspannweiten von teilweise mehr als 1,50m. Wir konnten unseren Augen nicht trauen, Fledermäuse so groß wie ein Adler. Da wir in einer sehr grünen Gegend wohnen, gibt es hier super viele dieser Fledermäuse. Und dann gibt es natürlich noch überall Kühe. Allerdings sind die nicht wirklich ein Stör Faktor, man fährt halt einfach drum rum und alles ist gut.

Das Wetter:

Es sind tagsüber normalerweise so 32 Grad, nachts kühlt es so auf 24 Grad herab. Das ist ja erstmal völlig in Ordnung. Wäre da nicht diese Luftfeuchtigkeit…

In meiner Wetter App (Apple Standard) wird auch die gefühlte Temperatur angezeigt. Diese liegt täglich bei über 40! Das ist zum einen natürlich echt heftig, gibt aber auch ein kleines bisschen Hoffnung, dass wir den Indischen Sommer wo es dann über Wochen hinweg tagsüber mindestens 42 Grad gibt überstehen werden. (Im Sommer ist die Luftfeuchtigkeit ja nicht so hoch und die Hitze somit angenehmer.

Nun sind wir schon fast 3 Wochen hier -gefühlt sind es aber 2 Monate. Wir haben das Privileg ein Land zu erleben, welches in seiner Vielfalt nicht reicher sein könnte. Einen kleinen Einblick in diese Vielfalt haben wir bereits bekommen, als wir unter anderem das Krishna Festival und Ganesha Festival mitfeiern durften. Wir hoffen, dass im Laufe des nächsten Jahres noch viele weitere Eindrücke dieser Vielfalt Indiens hinzukommen.

Zwar brauchen wir aktuell noch viel Zeit zur Erholung, da einfach alles neu ist, wir finden aber mit jedem Tag besser in den Alltag hinein. Auch mit unseren Hindi machen wir (sehr kleine) Fortschritte, hier und da lernt mal Immer mal wieder eine Vokabel dazu. Der Wille Hindi zu lernen ist auf jeden Fall da, einfach ist es aber nicht. Zumindest mit der Kleidung haben wir uns schon erfolgreich integriert. Vom Essen können wir gar nicht genug schwärmen. Es ist wirklich ein kleines Paradies in dem wir hier gelandet sind!

Das India Peace Centre – unsere kleine grüne Insel

Die letzten 7 bis 8 Monate habe ich in Nagpur verbracht. Wo das sein soll? Ja das habe ich mich auch gefragt, als ich das erste Mal diesen Namen gehört habe. Nagpur ist eine 2,4 Millionen Einwohnerstadt, liegt im Herzen Indiens und ist wortwörtlich das geografische Zentrum. Hier liegt das India Peace Centre, ein interreligiöses Zentrum, welches für die letzten Monate mein Wohn- und Arbeitsplatz war.

Das India Peace Centre (IPC) liegt im Zentrum der Stadt und entgegen seiner eher lauten und unruhigen Umgebung, ist das IPC ein harmonischer und ruhiger Ort. Der Campus ist groß und eine grüne Oase, eine große Wiese, viele Bäume sowie Blumen und andere Pflanzen sind vorzufinden. Es ist wie eine kleine grüne Insel inmitten der Stadt, wo man die Ruhe und Zeit findet seinen Alltag zu entschleunigen. Der perfekte Ort für ein Zentrum, welches für Frieden und Gerechtigkeit kämpft.

Leonie, meine Mitfreiwillige, und ich hatten das große Glück nicht nur dort unseren Arbeitsplatz zu haben, sondern auf demselben Gelände, nur ein Haus weiter, eine Wohnung für uns zwei. Wir waren also nicht nur Mitfreiwillige, sondern auch Mitbewohnerinnen und vor allem aber gute Freundinnen!

So nun stellen sich vielleicht einige die Frage: „Und was genau hast du da so gemacht?“. Darauf gebe ich euch gerne eine Antwort! Um einen Schritt in Richtung Frieden und Gerechtigkeit zu gehen, zählt es zur Arbeit des IPC regelmäßig Programme zu verschieden Themen zu veranstalten. Anlässe wie „Earth Day“, „International Day of Peace“ oder der Geburtstag von Gandhi werden genutzt, Aktionen sowie Diskussionen in der Gesellschaft zu platzieren. Dafür werden Gäste aller Religion und Herkunft eingeladen, um in den Austausch zu kommen, zu lernen und Erfahrungen zu teilen… Meine Aufgabe war es genau, diese Programme auf die Beine zu stellen. Sprich: Sprecher sowie Gäste einladen, Poster und Banner designen, Zeitungsartikel schreiben, sowie die Social Media Seiten zu verwalten. Von Organisationarbeit bis hin zu Öffentlichkeitsarbeit war also immer was dabei. Flexibilität ist dabei das A und O! Je mehr Zeit verging, desto mehr Verantwortung durften wir übernehmen, sodass wir mit der Zeit mehr und mehr den Inhalt der Programme mitgestaltet haben und aktiv bei deren Durchführung beteiligt waren. Letztlich haben wir einen Workshop zum Thema „Gender Justice and Peace“ komplett eigenständig, ohne Anweisungen, gestalten, vorbereiten und durchführen dürfen.

Das IPC hat ein festes Team. Geleitet wird es vom Direktor Kasta Dip, unser Chef sowie Mentor. Das Büro haben wir uns mit unseren Kollegen Swati sowie Moreshwar geteilt. Gautam und Sanju haben sich zwischenzeitlich um den Garten und das Anwesen gekümmert. Es ist wie eine kleine Familie, hat einer/eine Geburtstag, feiert das ganze Team zusammen, heiratet einer/eine wird das ganze Team eingeladen, tanzt einer/eine, tanzen alle 🙂

An dieser Stelle möchte ich euch Sanju, ein guter Freund und Nachbar, genauer vorstellen. Sanju ist der offizielle Hausmeister des IPC und bis auf Mittwochs in 24 Stunden Bereitschaft hat. Mit seiner Frau Geeta hat er zwei Kinder, Aschwini und Ashwin. Wenn Sanju Stühle umstellt, fegt oder Bilder aufhängt, hat er immer ein kleines Radio dabei. Denn Sanju liebt es zu tanzen, immer und überall. Im Oktober letzten Jahres hat eine Straßenhündin Welpen im Schuppen des IPCs geworfen. Bis auf eines hat leider Keins überlebt und dieses eine wurde Tommy getauft und von Sanju adoptiert. Sanju liebt es, Leute auf den Arm zu nehmen, vor allem Swati, er liebt es zu lachen und mit Moreshwar und Gautam Karten zu spielen. Wenn ich sage, Sanju ist die Sonne in Person, dann meine ich das auch so. Sanju ist der, der tanzt und alle tanzen mit. Schlechte Laune- unmöglich.

Selbst wenn die Uhr halb fünf schlägt, die Arbeit offiziell erledigt ist und sich die kleine IPC Familie auf den Weg Nachhause macht, ist der Tag noch nicht gelaufen! Ebenfalls auf dem Campus wohnt Familie Dip (unsere Gastfamilie bestehend aus Sangeeta und Kasta sowie deren Kinder Anushka und Anubhav). Die Tür stand immer für uns offen, sodass wir gerne Zeit zusammen verbracht haben. Andernfalls haben wir uns mit Freunden getroffen, sind aus gegangen, haben Spiele gespielt und haben getan, was man halt sonst so macht in unserem Alter in Indien: Tanzparty im Wohnzimmer 🙂

Mein Leben im IPC ist, wie das Leben auf einer kleinen grünen Insel. Man kann von dort aus perfekt überall hinschwimmen und den weiten Ozean Indien erkunden.

Privilegien

Seit mehr als zwei Wochen sind Leona und ich nun in Indien und es kommt mir vor, als wären wir schon zwei Monate hier.  Wir waren im Fitness Studio, in der Kirche, sind mittlerweile sogar schon Mitglieder im Kirchenchor, haben Nagpur besichtigt, einen Sari gekauft, waren bei der Schneiderin und auf der ersten indischen Hochzeit.

Einerseits gehen die Tage total schnell vorbei, andererseits bekommen wir aber auch so viel Input und neue Eindrücke, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass das alles die letzten zwei Wochen passiert sein soll. Die Momente, in denen ich so richtig merke,dass ich noch nicht sehr lange hier bin, sind meistens die, in denen mir das Essen viel zu scharf ist. (Leider sehen grüne Bohnen und grüne Chilis sich sehr ähnlich- Man kann sich ja denken wie diese Geschichte geendet ist. ;))

In diesem Post möchte ich aber gar nicht so sehr auf all diese Erlebnisse eingehen, obwohl ich viele witzige und spannende Geschichten erzählen könnte, sondern ein Paar Gedanken einfangen, die vielleicht ein bisschen besser nachvollziehen lassen, was in meinem Kopf im Moment so vorgeht. 

Als weiße Person*, wird man hier ständig angestarrt. Manchmal ist es auf eine interessierte Art und Weise, z.B ein hinterher gerufenes “Welcome to India” , manchmal aber auch aufdringlich und etwas beängstigend. Wenn Leute zum Beispiel auf ihren Bikes (Mopeds) umdrehen und einen ungefragt fotografieren.  Generell werden hier viele Fotos von und mit uns gemacht. “Fare” sein ist hier einfach ein Schönheitsideal. Eine Bekannte von uns hat uns erzählt, dass vor allem jungen Mädchen, aber auch Jungen, oft von ihren Eltern gesagt bekommen, dass sie keinen Mann finden werden, wenn ihre Hautfarbe besonders dunkel ist.  Das hat mich sehr geschockt. Natürlich wusste ich das auch, da wir in unserer Vorbereitungszeit sehr intensiv darüber geredet haben, aber das nochmal so gesagt zu bekommen, ist etwas ganz anderes. Es fühlt sich auch so falsch an und unangenehm, aber das möchte ich in dem Moment nicht zeigen, da ich dann einfach unhöflich wirke und keine lange Diskussion führen möchte. Gleichzeitig will ich oft aber auch einfach kein Foto machen.  

Es ist einfach krass, dass ich nur aufGrund meiner Hautfarbe, bestimmte Chancen habe, die Andere nicht haben und ich würde mich dem gerne verweigern, was aber in dem Moment total unpassend ist. 

Im India Peace Centre sind Leona und ich wirklich verwöhnt. Unsere Wohnung ist westlich und riesig, für indische Verhältnisse. Die Wohnungen unserer Kollegen sind nicht viel größer, obwohl sie diese mit ihrer ganzen Familie bewohnen. Oft fühlen wir uns deswegen auch schlecht- genießen es gleichzeitig aber trotzdem. 

Außerdem ist das IPC sehr weit und modern, was ihre Ansichten angeht. Wir sind hier mit sehr vielen gebildeten menschen zusammen-  ein weiteres Privileg und ich kann viel lernen, auch über Indien, die Politik und viel über bildungspolitische Arbeit. 

Umso mehr hat mich heute ein Gespräch mit unserer Kollegin geschockt, die uns von ihrem Gehalt erzählte. Erstmal bekommt sie generell super wenig- mit meinem Kindergeld verdiene ich das Dreifache und das, obwohl ich nicht, so wie sie, ein Studium hinter mir habe. Und dann bekommt sie ein viertel des Gehaltes unseres männlichen Kollegen. Man muss dazu sagen, dass dieser hier zwar schon erheblich länger arbeitet, ich ihn aber selten dabei erlebe, wirklich zu arbeiten. Meistens spielt er Solitaire an seinem Computer- während unsere Kollegin seine Arbeit erledigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Chef das nicht bemerkt. Heute hat sie also nach mehr Gehalt gefragt und ein “Nein” bekommen, dabei war ich mir so sicher, dass unser Chef diese ungerechte Bezahlung zumindest angleicht. Ich weiß gerade selber nicht, was ich denken soll. Warum passiert das hier im IPC? Eigentlich kommen mir hier alle total weltoffen vor. Das hat mich heute ziemlich aus der Bahn geworfen. Das ist so schrecklich, ich fühle mich machtlos und weiß, dass ich nicht in der Position bin, das anzusprechen, obwohl ich es gerne würde. 

In der letzten Zeit, wird mir so sehr bewusst, wie Privilegiert ich bin. Gestern haben wir zum Beispiel gewaschen und ich wollte meine Handtücher mit heißem Wasser abkochen und habe dann das restliche, warme Wasser zum Duschen benutzt, Wir duschen hier sonst kalt- was auch voll in Ordnung ist, aber ich habe mich so sehr über diese Minuten Luxus gefreut.  Worauf ich mich auch richtig freue- ist eine Matratze, wir schlafen hier auf einer Art Holzliege und meine Matratze Zuhause ist dagegen so schön weich. Aber auch ein Luxus, den man eigentlich gar nicht braucht.

Auch mein Kaufverhalten ist mir aufgefallen- ich habe hier am ersten tag 7000 Rupis abgehoben- 62 Euro für mich. Ich komme damit zwar gut hin, hab, als ich meinen Sari gekauft habe, auch einen eher teureren genommen. Es waren 800 Rupis- etwa 11 Euro. Das ist super wenig- können sich hier aber die wenigsten einfach so leisten. Ich habe den gekauft, weil ich es schön finde, aus Spaß. Eine richtige Verwendung haben wir bis jetzt noch nicht. Einfach so- ziemlich verwöhnt. 

Mir ist wichtig, dass das nicht so klingt, als hätte man nur im Ausland die Möglichkeit zu lernen, was es bedeutet Privilegien zu haben. Das kann man auch in Deutschland ausprobieren- sich mal zu reduzieren- vielleicht einfach mal 2 Wochen mit mir kalt duschen? Ist übrigens echt gut für die Gesundheit. Sich mit Armut in Deutschland auseinandersetzen, mal mit Leuten abhängen, die nicht den gleichen Bildungssatnd haben, lesen. Es ist einfach so, dass man hier mehr damit konfrontiert wird.  Was ich hier viel mehr lerne, ist besonders, mit dem Gefühl umzugehen, so schnell nichts an Ungerechtigkeiten machen zu können. Das macht mir wirklich zu schaffen. Mir sind heute schon ein Paar Tränchen gekullert- naja meine große Klappe muss sich jetzt einmal zusammenreißen und ich muss mich disziplinieren. 

Insgesamt habe ich hier aber eine tolle Zeit, ich finde auch viel Zeit für mich, zum Lesen zum Beispiel, obwohl wir viel zu tun haben. Vielleicht erzähle ich nächstes Mal, eine meiner witzigen Geschichten- mal schauen, wie ich mich so fühle!

Weiß“ und „Weißsein“ bezeichnen ebenso wie „Schwarzsein“ keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Mit Weißsein ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt. Weißsein umfasst ein unbewusstes Selbst- und Identitätskonzept, das weiße Menschen in ihrer Selbstsicht und ihrem Verhalten prägt und sie an einen privilegierten Platz in der Gesellschaft verweist, was z.B. den Zugang zu Ressourcen betrifft. Eine kritische Reflexion von Weißseinbesteht in der Umkehrung der Blickrichtung auf diejenigen Strukturen und Subjekte, die Rassismus verursachen und davon profitieren, und etablierte sich in den 1980er Jahren als Paradigmenwechsel in der englischsprachigen Rassismusforschung. Anstoß hierfür waren die politischen Kämpfe und die Kritik von People of Color

Was glaubst du denn?

Hallo da draußen. Über den März hinweg bis Mitte April fand hier im IPC ein besonderes Program statt. Einen Bericht darüber habe ich schon vor einiger Zeit angefangen aber erst jetzt fertig gestellt. Deswegen kommt er jetzt etwas verspätet, aber besser spät als nie:

Die vergangenen Sechs Wochen waren anders, als der Rest des Freiwilligendienstes davor. Ronja und ich haben an einem Theologieseminar teilgenommen, das vom Council for World Mission organisiert und vom India Peace Centre bei uns in Nagpur ausgerichtet wurde. Die letzten sechs Wochen haben mir viel neuen Input beschert, bei mir neue und alte Fragen aufgeworfen, mich aufgerüttelt.

Jeden Morgen ging es für uns um acht Uhr los mit Frühstück in der Gruppe. Diese war eine Mischung aus Theologiestudent*innen aus sieben verschiedenen Ländern (Indien, Süd-Korea, Indonesien, Samoa, Süd Afrika, Sambia, Malawi) und eben Ronja und mir. Anfangs war ich skeptisch: Was soll ich in einem Theologieseminar, zusammen mit Leuten, die das schon mindestens für drei Jahre studiert haben? Mein Wissen beschränkt sich auf Konfirmations- und Religionsunterricht und das, worüber ich mir eben sonst so selbst Gedanken mache. Und natürlich gab es Momente, in denen ich aus Gesprächen ausgestiegen bin, weil man sich in theologische Fachsimpelleien vertiefte. Aber insgesamt haben sich diese sechs Wochen wirklich gelohnt. Das mag unter anderem daran liegen, dass unter dem Thema „Face to Face with the many poor and the many faiths in Asia” nicht nur theologische, sondern auch viele soziale Fragen angerissen wurden.

Mit der Gruppe unterwegs

Seit ich hier in Indien bin, hat sich mein Horizont bezüglich anderer Religionen definitiv schon erweitert. Wenn man in einem Land lebt, das alle Weltreligionen beherbergt und viele Religionen hervorgebracht hat, ist sowas gewissermaßen unvermeidbar. Doch in den letzten Wochen wurden meine Erfahrungen im Alltag mit einigem an tatsächlichem Wissen unterfüttert. In verschiedenen Sessions wurden über mehrere Tage hinweg die grundliegenden Prinzipien von Hinduismus, Islam, Buddhismus und Sikhismus erläutert und besprochen. Die Vorträge wurden dabei immer von eigenen Vertretern der Religionen gehalten, was ich für sehr wichtig halte. Natürlich kann ich jetzt nicht behaupten, dass ich den totalen Durchblick habe. Mein Verständnis ist immer noch sehr oberflächlich. Aber zumindest kann ich nun die drei hinduistischen Hauptgötter Brahma, Vishnu und Shiva auseinanderhalten und ich weiß, was der Unterschied zwischen den Konzepten des hinduistischen Dharma und buddhistischen Dhamma ist.

Was sich bei mir allerdings noch viel mehr eingeprägt hat, als jedes theoretische Wissen über Götter oder Konzepte, ist ein Satz, der in diesen sechs Wochen immer wieder gefallen ist: „We are all human beings first“. Diese Aussage klang für mich anfangs sehr platt und selbstverständlich, aber in dem Zusammenhang, in dem ich sie hörte, gewann sie bei jeder Wiederholung an Bedeutung. Bei all den Gesprächen und Diskussionen über Religionen, Ideologien und Weltanschauungen kommt man sich leicht von Unterschieden überrannt vor. Auch in unserem Alltag fühlen sich diese Unterschiede manchmal unüberwindbar an. Schaltet man die Nachrichten ein, hört man von Menschen, die einander wegen dieser Unterschiede töten. Man hört von Christchurch oder Sri Lanka. Angesichts dessen klingt „We are all human beings first“ fast wie eine Wunschvorstellung. Haben unsere Anschauungen mittlerweile wirklich solch unüberwindbare Mauern zwischen uns errichtet? Das ist eine sehr große Frage, über die sich viel schlaue Menschen den Kopf zerbrechen und vor sich hin philosophieren. Ich habe keineswegs den Anspruch sie hier zu klären, ich möchte an dieser Stelle nur mal meinen eigenen Senf dazu geben.

Im „Klassenraum“ mit einigen der Vortragenden

Was mir neben den Unterschieden auch, oder vielleicht noch viel mehr, aufgefallen ist, sind die Punkte, an denen sich alle von uns besprochenen Religionen einig sind. Keine Religion weißt ihre Angehörigen dazu an, Menschen anderer Ansichten zu Hassen. Jede Religion lässt Interpretationsspielräume und letztendlich ist es die Entscheidung der Gläubigen selbst, wie sie die Schriften und Gebote auslegen. In jeder Religion gibt es Menschen, die versuchen die Vorgaben so auszulegen, dass sie selbst davon profitieren und der Gedanke an das Allgemeinwohl geht dabei verloren. Keine Religion ist immun gegen Extremismus. Aber in jeder Religion sind es die Gläubigen, die dafür verantwortlich sind, was im Namen der Religion passiert. Die Religion ist ein Gerüst welches mit Leben gefüllt gehört. Ambedkar sagte: “Religion is for man, not man for religion.” Dem kann ich mich nach dieser Zeit nur anschließen.

Die oben beschriebenen Ansichten teilte ich größtenteils schon vor diesem sechswöchigen Seminar. Deswegen war ich vielleicht auch schon ein bisschen voreingenommen und meine Schlussfolgerungen sind nicht allzu überraschend. Doch was ich auf jeden Fall mitnehme, ist die Möglichkeit meine gutmenschlichen Vorstellungen mit dem Wissen und der Unterstützung anderer zu untermauern. Ich habe jetzt nicht nur eine Meinung, sondern auch die Werkzeuge, um diese anderen Menschen näher zu bringen. Und ich habe Motivation. Ich habe den Antrieb die Augen nicht zu verschließen, da wo unsere Überzeugungen Mauern bauen, anstatt diese zu überwinden. Ich fühle mich verpflichtet, auch meinen eigenen Mauern im Kopf ausfindig zu machen und einzureißen. Das wird hier durch mein Umfeld katalysiert, aber ich nehme es vor allem auch als Aufgabe zurück in Deutschland wahr. Man darf gespannt sein.

Bis dahin,

Eure Svenja

Der Lotus Tempel in Delhi, ein Gebetshaus der Baha’i