In meinem Freiwilligendienst am India Peace Centre in Nagpur konnte ich bereits in verschiedene Städte reisen. Das IPC organisiert immer wieder Programme. Das sind z.B. Austausch-, Konferenz- und Weiterbildungsprogramme. Die Zielgruppe sind meist Studierende und junge Menschen am Anfang ihres Berufslebens. Die Themenschwerpunkte der Programme sind häufig Theologie, interreligiöser Austausch sowie Sensibilisierung für Ungerechtigkeit, Diskriminierungen und Umweltthemen. In diesem Beitrag gehe ich auf zwei Programme des IPCs ein.
„Face To Face“: internationales Lernen und Austauschen
Anfang Oktober startete das „Face To Face“-Programm in Nagpur. Bei diesem Programm trafen sich 13 Theologie-Studierende aus verschiedenen Ländern in Indien. Das Programm wurde vom CWM, Council for World Mission, initiiert und veranstaltet. Theologie-Studierende, die Partnerkirchen des CWM angehören, konnten sich bewerben und wurden ausgewählt. Vor Ort wurde das Programm vom India Peace Centre organisiert. Die Teilnehmenden waren auf dem Gelände des NCCI, National Council of Churches, in Nagpur untergebracht. Es war eine Mischung aus Vorträgen von verschiedenen Speakern und Besichtigung von bedeutenden (religiösen) Orten. Das Programm fand in Nagpur und Delhi statt.
Historische Orte und Personen
Wir besuchten beispielsweise ein historisches Ashram in Sevagram. Dort hat Mahatma Gandhi zwölf Jahre (1936-1948) gelebt und sich mit vielen Menschen aus Indien und außerhalb getroffen. Bei der Führung wurde uns erzählt, dass er für den Bau des Hauses sehr spezifische Vorstellungen hatte. 100 Rupien sollte ein Haus kosten und darüber hinaus nur Materialien aus der Region verwenden. 100 Rupien sind heute ca. 1 Euro. Krass! Damals könnte es etwas mehr gewesen sein. Die Zahl bezieht sich auf die Materialkosten. Aus Protest und als Symbol trug der Bapu (=Vater), wie Gandhi in Indien häufig genannt wird, zu dieser Zeit kaum westliche Kleidung, häufig nur einen Überwurf. Er nahm auch Kranke aus der Umgebung auf und pflegte sie in seinem Centre wieder gesund.
Mohandas Karamchand Gandhi (1869-1948) kam aus einer politisch einflussreichen Familie in Gujarat, studierte Jura in London und arbeitete neben Indien unter anderem in Südafrika. Er engagierte sich immer wieder politisch und wurde schließlich zur Gallionsfigur des Widerstands gegen die britische Kolonialmacht und für die Vereinigung der indischen Gesellschaften zu einer Nation („Einheit in Vielfalt“). In seinen späteren Jahren lebte er neben seinen politischen Aktivitäten zurückgezogen in seinem Ashram, meditierte, fastete und zelebrierte ein einfaches, bescheidenes Leben. Zeitgleich empfing er zahlreiche indische und internationale Gäste, um mit ihnen zu diskutieren. Auch nach der Unabhängigkeit 1947 sprach er sich für interreligiösen Austausch und ein Indien der religiösen Vielfalt aus. Damit machte er sich vor allem bei hindu-nationalistischen Gruppen unbeliebt, von denen er letztlich ermordet wurde. Er trägt den Titel „Mahatma“ („große Seele“), welcher auch häufig als sein Beiname verwendet wird.
Am gleichen Tag kamen wir zum Deekshaboomi. Das ist ein buddhistischer Tempel, eine Stupa, mit einer großen Kuppel als Dach. Dieser Ort ist vor allem dafür bekannt, dass dort Babasaheb Ambedkar, einer der Urheber der indischen Verfassung, mit tausenden Anhängern zum Buddhismus konvertierte. Dies war ein Zeichen des Protests gegen die Praxis des Kastensystems in der hinduistischen Kultur. Es wurde zu einer der größten Massenkonversionen, die es jemals gegeben hat.
Bhimrao Ramji Ambedkar (1891–1956) kam aus einer Soldatenfamilie in Madhya Pradesh und ist als Dalit aufgewachsen („Gebrochene“, Eigenbezeichnung für Menschen, die aufgrund ihrer Kaste aus der Gesellschaft ausgeschlossen und diskriminiert werden). Gegen Widerstände des Systems studierte er Politik- und Wirtschaftswissenschaften und erhielt ein Stipendium für ein Studium in New York und London. Der Ökonom, Jurist und Politiker wurde ebenfalls Unabhängigkeitsaktivist und war maßgeblich an der Schaffung der indischen Verfassung von 1950 beteiligt. Dies war eine für die damalige Zeit extrem progressive Verfassung: Historisch marginalisierten Bevölkerungsgruppen wurde bereits damals ein Recht auf Teilhabe an Bildung und finanziellen Ressourcen zugesprochen und auch ein konkretes System wurde dafür geschaffen. Er setzte sich für die Rechte der Dalits und allgemein gegen Diskriminierungen innerhalb der indischen Gesellschaft ein. Im Gegensatz zu Gandhi trat er stets im westlichen Anzug auf. Mit seinen Ansichten polarisierte er in Indien. Er blieb sich aber treu und weigerte sich, seine Fundamentalkritik am Kastensystem zugunsten einer einheitlichen indischen Nationalbewegung zurückzunehmen. Sein Titel und Beiname ist Babasaheb („respektierter Vater“).
Theologischer Input
Die Vorträge der Speaker des „Face To Face“-Programms behandelten vor allem moderne Ansätze der Theologie. Im Fokus standen dabei die Fragen und Herausforderungen von Pastor:innen und Seelsorger:innen: Welche Themen beschäftigen die Gläubigen im täglichen Leben? Inwiefern kann und sollte man gesellschaftliche Ungerechtigkeiten in Predigten und Seelsorgearbeit miteinfließen lassen? Wie kann man auf innerkirchliche Entscheidungsprozesse einwirken? Andere Vorträge stellten andere Religionen vor: Islam, Buddhismus und Hinduismus. An den Sonntagen fuhr die Gruppe, organisiert vom NCCI, jeweils zu einem Gottesdienst. Dabei besuchten die Teilnehmenden christliche Gemeinden, die eine andere Tradition pflegen als ihre Heimatkirchen. Besucht wurde etwa eine orthodoxe Kirche und eine Freikirche in Nagpur, die sich selbst als Kirche der Armen bezeichnet.
Und ein Trip in die Hauptstadt
Im Rahmen dieses Programms sind wir dann auch nach Delhi gefahren, wo wir weitere Orte gesehen haben: Red Fort, Gate of India und Taj Mahal in Agra, um nur einige zu nennen. Die Zeit mit der Gruppe fand ich sehr schön. Es war immer irgendwas los und die meisten in der Gruppe versprühten gute Laune. Die Organisation des Programms blieb währenddessen spannend. Gelegentlich mussten wir als Orga-Team mal eine Andacht oder Meditationsrunde improvisieren. Insgesamt habe ich es als gute Zeit in Erinnerung. Wir haben auf jeden Fall einige nette Leute kennengelernt.
‚Capacity Building‘ in Kolkata: Weiterbildung für Theologie- Studierende
Ein weiteres, vom Aufbau her ähnliches Programm begleiteten wir im Dezember in Kolkata (Kalkutta). Hier gab es keine internationalen Teilnehmenden, sondern das Programm wurde für ausgewählte Theologiestudierende des ‚Orissa Christian Theological College‘ (OCTC) veranstaltet. Diese Hochschule für Theologie im Bundesstaat Odisha (alte Schreibweise: Orissa) pflegt auch eine Partnerschaft mit dem Ökumenewerk der Nordkirche (siehe Link). Tatsächlich wurde dieses Programm auch vom Ökumenewerk mitfinanziert.
[Link zum Interview mit Mary Chang: https://www.nordkirche-weltbewegt.de/news/interview-mit-der-neuen-prinzipalin-der-theologischen-hochschule-in-orissa-mary-chang/]
Großstadt, Museen, Science Park
Elf Studierende und ein Lehrer kamen also vom eher ländlichen, kleinstädtischen Odisha in die große Stadt. Ein wesentlicher Aspekt des ‚Capacity Buildings‘ war tatsächlich diese Reise und die Großstadterfahrung. Viele der Teilnehmenden fuhren beispielsweise zum ersten Mal mit der Metro. Neben abendlichen Marktbesuchen schauten wir uns als Gruppe auch Museen und einen Science City Park an. Dort wurden naturwissenschaftliche Phänomene in verschiedenen Spielen, Filmen und Aktivitäten populär aufbereitet. Dies kam ebenfalls gut an.
Neue Denkansätze
Die Inhalte der Sitzunen waren ähnlich wie schon bei ‚Face To Face‘. Es ging beispielsweise um den Ansatz der ‚Liberation Theology‘ und um Diskriminierung innerhalb der indischen Gesellschaft. Auch moderne Themen wie die Auseinandersetzung mit KI und welchen Einfluss dies auf die Arbeit von Pastor:innen hat, wurden thematisiert. Auch Themen wie Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit und diesbezügliche Diskriminierungen wurden angesprochen.
Für die OCTC-Studierenden war es größtenteils neu, solche Themen in der Tiefe und vollem aus einer offenen und inklusiven Perspektive zu betrachten. Gerade der Bundesstaat Odisha ist, aus meiner Wahrnehmung, doch sehr von konservativen Rollenbildern geprägt. Dementsprechend gab es auch leichten Widerstand in der Gruppe, bestimme Aussagen zu akzeptieren. Dies wurde zwar aufgrund der Respektskultur gegenüber Autoritätspersonen nicht offen ausgesprochen, war aber doch spürbar. Ich denke dennoch, dass die Teilnehmenden in diesen eineinhalb Wochen vieles gelernt und noch mehr neue Eindrücke bekommen haben. Und dafür ist das Seminar ja gedacht.
Riko und ich konnten in diesem Seminar schon etwas selbstständiger agieren. Wir hatten die grundlegenden Infos bekommen und unterstützen den Organisator, Vinod heißt er, bei der Durchführung des Programms: Technik aufbauen und Support, die Vortragenden willkommen heißen, Schreib- und Bastelutensilien für die Gruppe besorgen und einige finanzielle Ausgaben vor Ort verwalten und dokumentieren, etwa für Gruppenausflüge in Kolkata. Und manches andere, was halt sonst noch so anfällt…
Auch hier haben wir wieder manches von der Stadt gesehen und neue Leute kennengelernt. Ich wäre gerne auch noch etwas länger da geblieben, um die Stadt weiter zu erkunden. Es ist eine riesige Stadt, in der es unglaublich viel zu sehen gibt. Aber der Zug war gebucht und so ging es schließlich wieder zurück ins schöne Nagpur 😊. Vielleicht sieht man sich ja nochmal wieder, Kolkata…









































































In den vergangenen Wochen war es auch das erste Mal Zeit hier Geburtstag zu feiern und zwar einerseits von einer Mitbewohnerin in unserem Hostel und auch von Ronja. Was hier zum Einläuten des neuen Lebensjahres ganz wichtig ist, ist ein Geburtstagskuchen. Ich hätte ja gerne selber einen gebacken, aber ohne Zugang zu irgendeinem Ofen stellt sich das als schwierig heraus. Glücklicherweise kann man hier sehr schön dekorierte und auch echt ziemlich leckere Kuchen fast überall zu kleinen Preisen kaufen. Und so habe ich es tatsächlich geschaffte eine kleine Überraschung für Ronja zu organisieren. Mit dem „Geburtstagsritual“ wurden wir schon vorher bei der Feier unserer Hostelmitbewohnerin vertraut gemacht: Das Geburtstagskind darf den Kuchen anschneiden und dann die Person die ihr am nächsten steht mit dem ersten Stück füttern. Danach geht es dann andersrum. Anfangs war es etwas merkwürdig sich gegenseitig ganze Kuchenstücke in den Mund zu schieben, aber mit der Zeit ist es echt witzig.
ist anlässlich des internationalen Tag des Friedens am 21. September angedacht. Die Teilnehmer_innen sind dazu aufgefordert ein Bild zu malen, welches ihre Auffassung von Frieden wiederspiegelt. Die Bilder werden dann in einer Ausstellung im IPC gezeigt und die besten Exemplare mit Preisen ausgezeichnet.
ungstermine wahrzunehmen und schließlich die Schulen zu besuchen, um die Malaktionen durchzuführen. Die Projektplanung war meiner Ansicht nach bis jetzt ein sehr guter Einstieg in die Arbeit des IPC und ich konnte mich der ein oder anderen kleinen Herausforderungen stellen. Dazu gehörten beispielsweise das anrufen in einem fremden indischen Schulbüro, mit der Aussicht darauf, dass man auf Hindi begrüßt wird. Genauso wie das erste Treffen mit einer Schulleiterin, bei dem man sich nicht sicher ist, ob es sich nun gehört ihr die Hand zu reichen, oder die Erfahrungen mit der „Indian stretchable time“, bei der es auch mal ganz normal ist pünktlich bei einem Termin zu erscheinen, nur um dann zu erfahren, dass die Person mit der man den Termin eine halbe Stunde vorher telefonisch vereinbart hat nun leider nicht mehr da ist und man doch bitte kurz auf die Vertretung warten solle. Diese erschien ca. 40 Minuten später.
auch ab und zu mal die Schüler, die doch gerne noch ein Foto machen würden. Anfangs habe ich dort immer brav bereit gestanden, auch wenn ich mir komisch vorkam mit einer Truppe Teenies, die mir völlig fremd waren, Selfies zu machen. Doch mittlerweile habe ich ein stückweit versucht mir selber klar zu machen, dass es in solchen Situationen auch okay ist „nein“ zu sagen. Es ist eine Gradwanderung, da hinter solchen Bildern natürlich keinerlei schlechte Absichten stecken und man Enttäuschung hervor ruft. Auf der anderen Seite denke ich aber auch, dass ich in diesem Falle das Recht habe meinem Unbehagen Ausdruck zu geben. Dieses entsteht noch zusätzlich daraus, dass ich mich durch diese „Fotokultur“ teilweise wie ein Anschauungsobjekt oder sogar ein „Star“ fühle. Das ist eine Position, die mir aber auf Grund der geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe hier zufällt. Über diese Privilegien aber auch Pflichten, die man als
Besucher und „Weißer“
ich ihr hattet trotz meiner kleinen philosophischen Ergüsse Spaß beim lesen und wisst nun etwas mehr über meine Arbeit im IPC.