Zwischen West und Ost | Teil 1: Rajasthan

Was unterscheidet den Westen Indiens vom Osten? Nun, diese Frage ist natürlich subjektiv, je nachdem, wo, wann und mit wem im Westen oder Osten man sich aufhält. Nachdem wir sowohl in Rajasthan, als auch in Odisha waren, versuchen Riko und ich uns in den nächsten Beiträgen mal an einer Antwort.

Eindrücke aus Rajasthan

Endlich ist es soweit! Das erste Mal in den Urlaub! Spontan geplant, machten wir uns im November auf den Weg nach Rajasthan: Ein Ziel, das Riko schon länger vorschwebte, da es Teil seiner Bucket-List ist, einmal Regenwald und einmal Wüste in Indien zu sehen. Eine Woche vorher war klar, dass ich mitkomme. Drei Tage vor Abreise haben wir grünes Licht vom Chef bekommen, einen Tag vor Abfahrt dann Züge und Hotels gebucht. Auf indisch eben! Und es sollte spektakulär werden! Bleibt dran! 😉

Indische Züge sind Next level

Die Zugfahrt nach Jaipur, unserem ersten Ziel, dauerte fast 20 Stunden. Wir fuhren über Nacht und schliefen, wie in Indien üblich, in Zug-Betten. Liegewagen sind hier die Regel. In Indien gibt es auch mehr Klassen als in Deutschland. Hier ein kleiner Überblick:


  • ‚General‘: Sitzbänke ohne festen Platz
  • ‚Sleeper Class‘: Bett ohne Bettwäsche, drei übereinander, keine Klimaanlage
  • ‚AC 1-3‘: Bett mit frischer Wäsche, mit Klimaanlage
    • 1. Klasse: abgeschlossenes Abteil mit vier Betten, zwei übereinander
    • 2. Klasse: durch Vorhang abgetrenntes Abteil mit vier Betten
    • 3. Klasse: offene Abteile, drei Betten übereinander an jeder Seite und zwei Betten übereinander am Gang entlang

Am nächsten Morgen kamen wir dann in Jaipur in Rajasthan an. Vorbei an sehr vielen hochmotivierten Tuk-tuk-Fahrern, die uns überzeugen wollten, dass ihr Gefährt das beste ist, schlugen wir uns auf die Straße und gingen dann durch die ab da sehr friedlichen Straßen zu einem schönen und gemütlichen Hotel.

Sightseeing in Jaipur

In den nächsten Tagen besuchten wir unter anderem den City Palace, wo noch heute die Königsfamilie von Jaipur wohnt, und den ‚Palast der Winde‘ (Hawa Mahal), welcher im Jahr 1799 vom Maharaja Sawai Pratap Singh für seine Frau gebaut wurde. (POV: Wenn es adligen Frauen nicht erlaubt ist, von anderen Männern gesehen zu werden und du ihr der Einfachheit halber ein eigenes Schloss baust, in dem nur Frauen leben.) Die Architektur ist atemberaubend. In die äußeren Wände sind sehr viele kleinere und größere Löcher eingelassen für Luftdurchzug, natürliche Kühlung und eine gute Sicht auf das Geschehen außerhalb der Burg bei gleichzeitiger Unsichtbarkeit von außen.

Im Janta Manta, einer astronomischen Stätte, die wir besichtigten, wurden früher Datum, Jahres- und Tageszeit anhand des Sonnenstands gemessen, und auch Geburtstage, Sternzeichen und Geschlecht von Kindern vorausgesagt. Astronomie und Astrologie gingen damals Hand in Hand. Dazu hat man einige raffinierte und ziemlich große Instrumente konstruiert, die heute noch im Originalzustand dort zu sehen sind. Die Sonnenuhr funktioniert beispielsweise auch heute noch als Zeitgeber; auf zwei Sekunden genau, im Vergleich zur Digitaluhr. Hier wurden wir übrigens von einem Tourguide begleitet. Der hatte uns vor dem Eingang des Hawa Mahal auf der Straße angesprochen, um uns seine Tour zu verkaufen, sicherte uns prompt einen Studenten-Rabatt und gab uns dann immer wieder interessante Informationen während des Rundgangs durch Hawa Mahal und Janta Manta.

An anderen Tagen besuchten wir zwei Berg-Festungen um Jaipur herum. Von denen gibt es dort relativ viele, denn die Stadt liegt in einem Tal, umgeben von Berghängen. Die eine war fast eine Ruine. Dort liefen wir auf der äußeren Burgmauer herum und versuchten, möglichst spektakuläre Fotos von der Stadt im Tal zu machen, ohne den Hang hinunter zu fallen. Die andere war noch gut erhalten. Amber Fort heißt letztere. Von dieser Festung aus hatten wir einen wunderschönen Blick auf die Berghänge und einen See, der sich vor der Burg erstreckte.

Der Besuch eines hinduistischen Tempels durfte natürlich auch nicht fehlen. Genauer gesagt, haben wir uns sogar zwei Tempel angeschaut: einen, wo viele Touristen waren, und einen anderen, etwas abgelegeneren, wo eine ruhigere Atmosphäre herrschte. Beide waren spektakulär in ihrer Gestaltung. Weißer Marmor strahlte uns entgegen, der an den äußeren Tempelwänden zu so filigranen Verzierungen und Statuen von Menschen und Tieren geschlagen wurde, dass wir aus dem Staunen gar nicht mehr rauskamen. Beide waren vom Aufbau ähnlich gestaltet, wie ein Kirchenschiff mit Turm. Allerdings ähnelt der Turm von der Form her eher einem Tropfen und ist auch nicht begehbar.

Fort Jaisalmer – die westindische Burgstadt

Nach unserem Aufenthalt in Jaipur, wo wir im Wesentlichen zum Sightseeing waren, ging es für uns weiter nach Jaisalmer, eine Stadt im Westen Rajasthans und damit im äußersten Westen Indiens, gute 50 km von der pakistanischen Grenze entfernt. Dieses Mal nahmen wir den Bus und auf der Hinfahrt war der auch schön eingerichtet, sodass wir zwar keine erholsame, aber doch eine ganz gute Nacht hatten. Jaisalmer war vom Stadtbild noch mal eine andere Erfahrung als Jaipur. Die Häuser sind vielfach sandfarben gestaltet, während sie in Jaipur eher braun-rötlich, manche sagen pink, aussehen. Einen Tag haben wir uns die Burganlage im Zentrum der Stadt angeschaut. Das ist eine richtige kleine Stadt in der Stadt, mit Läden, Restaurants und Wohnhäusern. Alles vollkommen auf Tourismus ausgelegt.

Dreitägige Wüsten-Safari

Am nächsten Tag ging es dann endlich in die Wüste. Hier hatten wir eine Kamelsafari mit zwei Übernachtungen „unter den Sternen“ gebucht. Morgens wurden wir vom Jeep abgeholt und erstmal einige Kilometer aus der Stadt rausgebracht. Dann stiegen wir auf die Kamele. Deren Zustand ist nicht so rosig. Sie haben einen Metallstift durch die Schnauze gezogen, an dem die Zügel befestigt sind, mit denen sie geführt werden. Das machen wir also nicht nochmal. Hätte man das ahnen können? Wahrscheinlich 🫤

Aber gut, jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Rauf aufs Kamel und ab geht die Reise. Sonnencreme, Sonnenbrille und Cappy sind die wichtigsten Begleiter. Vorräte für zweieinhalb Tage wurden auf den Kamelen verstaut. Und dann ging es los.

Nach ein paar Stunden Reiten (schon ein bisschen wackelig…) waren wir in der Wüstensteppe, wo sonst keiner ist. Das nächste Dorf liegt ein paar Kilometer entfernt… Die tiefe Stille, die um uns herum lag, war ungewohnt. Das hatte ich bisher nicht in Indien, dass es, bis auf wenige Vögel, komplett still ist. Eine sehr willkommene Abwechslung! Für Entspannung auf dem Kamel war jedoch die Sonne zu stark. Dabei war es Winter! Wie soll das im Sommer hier sein?! Faszinierend fand ich die Mischung aus kahlen Sandflächen auf manchen Dünen und der spärlichen Vegetation auf den Ebenen, die hauptsächlich aus Büschen, Sträuchern und vereinzelten Bäumen besteht. Durch diese Landschaft ritten wir also Stunde um Stunde, zwischendurch Mittagspause, und dann wieder weiter.

Psst! Was ist das für ein Klingeln? Oh, da vorne läuft eine Ziegenherde zwischen den Dünen entlang! Und etwas entfernt schlendert ein gelangweilter Hirte und schaut Insta Reels, dem Sound nach zu urteilen. TikTok ist ja verboten in Indien. Das Internet in der Wüste Rajasthans ist übrigens besser als bei mir zuhause in Niedersachsen. 🤔

Davor waren wir schon einem Kameltreiber über den Weg gelaufen, der seine Kamele gesucht hat. Seltene Begegnungen mit anderen Menschen. Ab und zu kamen wir an verlassenen Hütten vorbei, die nur in der Erntezeit bewohnt sind, wenn viele helfende Hände auf dem Feld gebraucht werden. Denn, obwohl die Landschaft der Dornensavanne, so der Fachbegriff, relativ karg ist, wird dennoch in Teilen Ackerbau betrieben. Einmal ritten wir an einem kleinen Schrein mit einer Götterfigur vorbei.

Die Nächte in der Wüste waren kalt, wirklich kalt. Wir wurden glücklicherweise mit mehreren dicken Decken ausgestattet, um auch den Wind irgendwie abzuhalten. Denn wir haben komplett im Freien geschlafen. In der zweiten Nacht kamen noch andere Touristen aus Neuseeland dazu, die nur für eine Nacht in der Wüste waren. Wir wurden dann am nächsten Morgen zusammen im Jeep abgeholt und wieder nach Jaisalmer zurückgefahren.

Noch eine Anmerkung zum Essen: Ich finde es bemerkenswert, wie lecker das Essen war, dass wir in diesen zweieinhalb Tagen gegessen haben. Die Lagerplätze waren mit Kochutensilien ausgestattet und auf dem Kamel wurde wirklich alles mitgenommen, was man für ein indisches Essen und Frühstück und Snacks und Chai, so braucht. Vor allem konnte unser Wüstenführer wirklich gut kochen! Dass alles komplett frisch gekocht wurde, war nach drei Monaten Indien kein Schocker mehr für uns, sorgte aber einmal mehr für wirklich leckeres Essen! Mit Wasser und Sand die Töpfe und Teller abzuwaschen, war zudem eine interessante und auch bereichernde Erfahrung für mich. Für mich war es erst ungewohnt, Sand zum Reinigen zu benutzen. Aber es funktioniert! Der Teller ist sauber. Eine kleine Erinnerung daran, dass Lebens- und Hygienekonzepte anderer Kulturen funktionieren, wenn sie auch anders als das sind, was wir kennen.

Im nächsten Blog teilt Riko mit euch einige Erfahrungen unserer Reise nach Odisha, ein Bundesstaat im Osten Indiens, wo wir Weihnachten verbracht haben. Bleibt dran!

Die letzten drei Monate- das Ende vom Anfang

Und plötzlich ist Herbst. Der Arbeitsweg morgens dunkel, nachmittags immer bunter von den Bäumen, die anfangen, langsam die Blätter zu verlieren. Die kurzen Hosen bleiben im Schrank, währenddessen schon ab und zu die Wärmflasche hervorgeholt wird oder das Feuer im Ofen zu flackern beginnt. Es fühlt sich beinahe an, als wäre es gestern gewesen, dass wir hier angekommen sind. In der gleichen Kälte, mit einem kleinen Unterschied: Es war noch nur der Anfang von etwas ganz Großem. Der Anfang von etwas großem, unbekannten und neuen. Zwölf Monate lagen vor mir, voller neuer Dinge, unbekannter Menschen, großen und kleinen Herausforderungen. Wie schnell wird wohl die Zeit vergehen, fragte ich mich damals. Was wird sich wohl ändern, an mir und an dem, wie ich auf alles blicke, was nicht ich bin? Ich wusste schon damals, dass die Zeit fliegen wird, unglaublich schnell vorbeigehen wird. Damals wusste ich noch nicht mal, wie man so etwas auf Spanisch sagt und mittlerweile träume ich schon manchmal in dieser Sprache. „El tiempo pasó re rapido“- sagt man hier und habe ich in letzter Zeit viel zu oft gedacht. Dabei freue ich mich auch auf das Nachhausekommen. Familie und Freund:innen wiedersehen, alte Ecken neuentdecken und wieder Fahrrad fahren- auf all das und noch vielmehr freue ich mich, wenn ich dem Winter in den Sommer entfliege. Und während ich hier sitze und eigentlich noch gar nicht an diese Zeit denken möchte, ertappe ich mich immer wieder bei dem Gedanken, was ich wohl alles vermissen werde. Dinge, die mir mal so verständlich waren und sich in den vergangenen Monaten so aus meinem Blickfeld entfernt haben und altbekannte Dinge, die plötzlich wieder so neu erscheinen. Die ich nicht vermisst habe, die ich vielleicht erst wieder wahrnehme, wenn sie plötzlich wieder da sind. Und wahrscheinlich andersrum genauso- so viele Dinge sind für mich Alltag und Normalität geworden, dass ich vielleicht erst merke, dass sie fehlen, wenn sie nicht mehr da sind. Am liebsten würde ich jeden tollen Moment in ein Marmeladenglas packen, einkochen und für immer in einer Erinnerung behalten, die so frisch ist, dass sie sich für immer wie jetzt gerade anfühlt. Dabei weiß ich, dass jede Erinnerung irgendwann verblasst. Die eine schneller, die andere weniger schnell, wie ein Haus, dass zur Sonnenseite hin so viel früher seinen kräftigen Anstrich verliert, als zur Schattenseite. Eins der Dinge, die ich gelernt und auf keinen Fall vergessen möchte, ist das Spanisch. Auch, wenn ich mich immer noch drücke, den Subjuntivo zu lernen, habe ich in den letzten Monaten unglaublich viel dazugelernt. Aber wer bei „Hola, comó estás?“ und nicht viel mehr anfängt, kann sich ja auch irgendwie nur steigern. Dabei spielt eine Sache eine ganz wichtige Rolle: Miteinander reden. Das möchte ich heute mit Euch tun, denn ich möchte Euch meine liebsten spanischen Wörter vorstellen, die ich in meiner Zeit bisher gelernt habe. Los geht’s, oder wie man in Uruguay sagt: „Vamo’ arriba!“

  • Dale ist wahrscheinlich eines der Wörter, die ich am meisten nutze und wird in Uruguay und Argentinien in allen möglichen Situationen gebraucht. Dabei benutzt man es nicht nur als Zustimmung als ein Einfaches okay, sondern auch als los gehts oder weiter so. Und wenn es tatsächlich mal dazu kommt, dass man sich beeilen muss, dann wird dale auch als beeil dich genutzt.
  • Mein liebstes Wort im Spanischen ist wahrscheinlich tranqui. Übersetzt als ruhig, entspannt, keine Sorge, widerspiegelt es viele Teile des Alltags in Uruguay. Ob am Strand beim Mate trinken, beim Gemüse kaufen oder einfach der Einstellung auf das Leben- alles wirkt irgendwie ein bisschen weniger stressig, als man es aus Deutschland kennt.
  • Benutzt man boludo, muss man immer ein wenig aufpassen, wer vor einem steht. Es kann ganz freundlich sein und so etwas wie Kumpel bedeuten, in anderen Situationen aber auch als Dummkopf verstanden werden. Oft kombiniert mit che was soviel wie hey bedeutet, ist es also immer ganz gut, sicherzugehen, dass die andere Person sich nicht beleidigt fühlt, wenn sie als boludo bezeichnet wird.
  • Hört man in Uruguay einmal ein ta, ist es ab diesem Zeitpunkt nichtmehr zu überhören. Obwohl das Spanisch der Uruguayos dem Spanisch der Argentinos oftmals sehr ähnlich ist, ist das ta lediglich in Uruguay verbreitet. Es wird als einfaches ta benutzt, gilt dabei als Zustimmung, alles klar, verstanden, oft kann man das Füllwort in Form von ta ta ta aber auch als Aufforderung verstehen, im Sinne von Okay, ich hab’s schon verstanden.
  • Ein Wort, was ich nicht regemäßig im Alltag nutze, was aber trotzdem einen großen Platz in meinem Herzen hat, ist la sobremesa. Für mich ist es so etwas Besonderes, weil es einfach keine Übersetzung ins Deutsche gibt. Kennst ihr das, wenn ihr nach dem Essen noch gemeinsam am Tisch sitzen bleibt, euch über die Dinge unterhaltet, die euch gerade beschäftigen und einfach das leckere Essen in guten Gesprächen ausklingen lasst? Genau das ist eine sobremesa. Manchmal handelt es sich dabei um zehn Minuten, manchmal um zwei Stunden- egal wie lang, diese Momente habe ich hier ganz besonders zu lieben gelernt. Egal ob mit meiner WG, auf Arbeit oder mit Freund:innen beim Asado- die sobremesa ist mittlerweile ein so fester Bestand meines Alltags, dass ich manchmal vergesse, dass meine Muttersprache gar kein Wort für diese so wertvolle Zeit hat.
Campamento im Februar

Karneval in Montevideo

Je mehr Spanisch ich spreche, lerne und höre, desto mehr merke ich, wiesehr mir diese Sprache gefällt und wie vielfältig sie ist- allem voran natürlich das español rioplatense, was wir in Uruguay und Argentinien sprechen. Tagtäglich merke ich, wie ich dieses Land, die Menschen und die Sprache hier in mein Herz geschlossen habe. Tagtäglich merke ich auch, wie die Zeit verfliegt. Ab heute bin ich noch ziemlich genau drei Monate hier. Parallel zu diesem Blog schreibe ich auch meinen dritten von insgesamt vier Quartalsberichten, wobei ich meinen letzten Bericht erst schreiben werde, wenn ich zurück in Deutschland bin. Vielleicht liest du das und denkst dir, drei Monate wären doch noch ziemlich viel Zeit. Du hast Recht, irgendwie sind drei Monate zumindest nicht wenig Zeit. Aber auch vor neun Monaten habe ich mir gedacht, wieviel Zeit denn zwölf Monate wären. Vor sechs Monaten habe ich mir gedacht, wieviel denn noch neun Monate wären und vor drei Monaten, wieviel Zeit mir noch mit einem ganzen halben Jahr bliebe. Und auf einmal sind es nur noch drei Monate. Auf einmal fühlen sich drei Monate so kurz an. Auf einmal fühlt es sich nach dem Ende von etwas ganz Großem an und im nächsten Moment erinnere ich mich, was diese vergangenen Monate mir gebracht haben. Wie diese Zeit und diese Erfahrungen mich darin bestärkt haben, zu tun, was schon lange mein Wunsch war: Mit Menschen arbeiten, Perspektiven wechseln und die Welt aus möglichst vielen Blickwinkeln sehen. Auch wenn ich also nun hier sitze und meinen vorletzten Quartalsbericht anfange- vielleicht ist es doch nicht das Ende von etwas Großem, sondern vielmehr der Anfang von etwas noch Größerem.

Montevideos Bücherein entdecken
Morgenstunden
Strand, Mate & tolle Menschen

Und während sich die Blätter weiter färben, genieße ich weiter die Zeit und die Erlebnisse hier in Montvideo, umgeben von tollen Menschen, immer wieder neuen Eindrücken und doch noch ab und zu ein paar Sonnenstunden.

Abrazos fuertes aus Uruguay, Almut

Illustriert den Ort des Artikels und ergänzt den Titel

Zwischen Überwältigung und Vertrautheit: Ankommen am India Peace Centre

Mein Freiwilligendienst in Indien

Fast ein halbes Jahr sind wir nun hier: Zeit, mal zurückzuschauen und zu reflektieren, wie alles angefangen hat und wie sich meine Situation seitdem entwickelt hat.

Am Dienstag, den 13. August, um ca. 4 Uhr morgens, landeten Riko und ich in Nagpur, in der geografischen Mitte von Indien. Die Reise hatte 18 Stunden gedauert und ich war vollkommen fertig. So viele Eindrücke in so kurzer Zeit prasselten auf uns ein. Zudem war ich noch leicht krank. Wie überwältigt ich von allem bin, wird in diesem kurzen Gedankenstrom von meinem Ankommen deutlich.

Der erste Eindruck

Wir kommen aus dem klimatisierten Flughafen. Feuchte Wärme schlägt uns entgegen. Die Straßen sind beleuchtet. Wir hören leichtes Hupen, riechen die Mischung aus feuchten Pflanzen und Straßenstaub. Alles sieht ähnlich, aber ein bisschen anders aus als gewohnt: die Pflanzen, die Autos, die Straßen und die Häuser, die wir im Halbdunkel der Nacht nur schemenhaft hinter Mauern und Bäumen am Straßenrand erkennen können. Mit meinen vier Stunden Schlaf in den letzten 40 Stunden und einer kaum überstandenen Erkältung in den Knochen sitze ich im Auto und starre aus dem Fenster; wach gehalten vom Schock der gewissenhaften Zollkontrolle am Flughafen, dem gut gelaunten Suyog, der uns vom Flughafen abholt, und dieser überwältigenden Sinneskombination des Ankommens und Eintauchens in die neue Stadt.

Das Centre im Dunklen

Schließlich erreichen wir das IPC und stehen vor einem Tor. Im Dunkeln können wir kaum was erkennen. Wir warten… Der Direktor schließt uns schlaftrunken das Tor auf. Wir werden zu unseren Zimmern durchgeschleust, sehen im Augenwinkel dunkle Pflanzen, erleuchtete Mauern und kleine Häuser. „India Peace Centre“ steht auf einer der Mauern. Tempelartige Umrisse von Häusern, die einst als Gandhi-Ashram gebaut wurden, sind zu erahnen. Taub von der Müdigkeit erkenne ich nichts Genaues.

Im ‚Survival Mode‘

Die Koffer hochtragen, eine schiefe Treppe hoch. Im Eingang stehen. Wow, das ist also Indien! Durch den Flur, in ein leeres, weißes Zimmer mit einem Bett. Erstmal aufs Klo. Wasserflaschen stehen bereit und eine gute Schokolade liegt auf dem Bett. Wie nett! Die Wände sind für uns frisch gestrichen. Deckenlüfter kaputt, Standventilator wird angeschaltet. Gute Nacht! Bis morgen um 12 zum Frühstück! Licht aus.

Ich schwitze am ganzen Körper. Es ist so warm und feucht. Wie kann das Nacht sein? Ist das die Umgebung oder ein Fieberrückfall wegen zu großer Anstrengung von der Reise? Soll ich Fieber messen? Ich muss wirklich schlafen. Ich bin so müde. Aber ich kann nicht. Ich habe Angst vor der Wärme und das im Schlaf das Fieber steigt. Meine Nase ist dicht. Im Flugzeug hatte ich Maske getragen. Erstmal Nasenspray! Das ist schon besser. Ich bin wirklich müde, ich falle jetzt einfach zurück. Ich werde schon überleben…

Ruhiges Ankommen

Dies ist die leicht überspitzte Schilderung der ersten Stunden nach meinem Ankommen in Indien. Im Rückblick ist es schon krass, sich nochmal in diese Situation hineinzuversetzen. Im Alltag vergesse ich jetzt häufig, wie ereignisreich und überwältigend allein die ersten Stunden für mich waren. Es ist übrigens alles gut ausgegangen. Ich habe kein Fieber bekommen und bin innerhalb der ersten Woche an unserer Einsatzstelle wieder gesund geworden. Eine Köchin hat gutes Essen für uns gekocht und wir konnten die ersten Tage entspannt ankommen und uns an alles gewöhnen.

Das Paradox indischer Pünktlichkeit

Beim Independence Day am 15. August wurden wir dann offiziell begrüßt und konnten einige Leute zum ersten Mal kennenlernen. Sogleich sind wir das erste Mal zu spät gekommen und hätten mit fünf Minuten Verspätung fast das Foto unter der indischen Flagge verpasst, die zu diesem Anlass auf dem Vorplatz gehisst wurde. Damit haben wir zum ersten Mal das Paradox indischer Pünktlichkeit erfahren. Man muss einfach wissen, ob ein „Termin um 9 Uhr“ heißt, dass um Punkt neun alle in Festtagsklamotten bereit stehen. Oder ob um halb 10 die ersten Leute auftauchen. Das sagt einem keiner. Man muss es wissen. Wie? Na ja, mit der Zeit wird man besser darin, es einzuschätzen.

Auf dem oberen rechten Bild ist das Team vom IPC zu sehen: der Direktor Angelious Michael (im blauen Hemd), unsere Bürokollegen Swarali und Suyog (links und rechts im Bild) und Sanju (oberes linkes Bild ganz rechts), der Caretaker vom IPC, der inzwischen, nachdem die Köchin Nikita gegangen ist, auch für Angelious, Riko und mich kocht. Sehr lecker, wohlgemerkt! Auf dem oberen linken Bild sind zudem Dr. Tejinder Singh Rawal, ebenfalls Teil von einigen IPC-Veranstaltungen, und seine Schwester Rinco (beide ganz in weiß) zu sehen.

Im Büro

Mit Swarali und Suyog hatten wir gerade in den ersten Wochen eine gute Zeit im Büro, wo wir viel miteinander gesprochen haben und sie uns manches aus ihrem Leben erzählt oder Fragen von uns beantwortet haben. Beide haben interessante Lebensgeschichten und es war gut, dass wir andere im Büro hatten, die, was die Arbeit angeht, in einer ähnlichen Situation waren wie wir. Wir haben dann auch für einige Programme gemeinsam Designs oder Teilnehmerlisten vorbereitet. Dass schildert Riko in seinem Beitrag „Und was machst du dort konkret?“. Mittlerweile sind beide leider nicht mehr am IPC.

So viel also von meinem ersten Eindruck in Indien und dem Ankommen im Büro! In den nächsten Beiträgen wird es um zwei Programme des IPCs gehen, bei denen wir mitgearbeitet haben und für die wir nach Delhi und Kolkata (Kalkutta) reisen durften. Außerdem geht es darum, was wir in unserer Freizeit machen, wie wir Weihnachten gefeiert haben und was eigentlich den Westen Indiens vom Osten unterscheidet.

Aber halt! Der erste Eindruck ist ja nun fast 6 Monate her! Was hat sich seitdem entwickelt? Wie ist das Gefühl jetzt, wenn ich das Gelände des IPCs betrete?

Ein grüner Rückzugsort in einer fernen Stadt

Ich komme von einem Spaziergang zurück, bin einmal um‘ Block gelaufen; vorbei an den großen Häusern und manchen grünen Bäumen, die hinter den bunt bemalten Mauern hervorlugen. Es ist hell, die Sonne scheint. Das Tor steht offen. Ich betrete das Gelände des India Peace Centres und gehe den Sandweg entlang, der von Bäumen gesäumt wird. Auf der rechten Seite stehen Blumen und Pflanzen in Töpfen, die an der Straße vorne verkauft werden. Ich folge dem Weg, gehe langsam auf die Mauer zu, auf der das IPC-Logo zu sehen ist, das Gandhi-Rad und der Schriftzug in den silber-grauen Lettern, und atme tief ein und aus. Ich genieße das Gefühl der Ruhe und Vertrautheit, der Entspannung, die eintritt, wenn ich vom Lärm und Verkehr der Straßen in diese kleine grüne Oase einbiege: ein Rückzugsort, wo die Luft ein bisschen besser und das Leben ein bisschen ruhiger ist.

Markante Architektur und fremde Pflanzen

Auf dem Vorplatz stehend, schaue ich mich um. Links erheben sich die Gebäude des Centres. Sie sind aus Ziegelsteinen gebaut und haben ein schräges Dach (beides in Indien eher die Ausnahme). Die Dachspitze ist leicht offen gestaltet. Ein Spalt sorgt dafür, dass die Luft zirkulieren kann, wodurch es im Sommer kühler im Haus bleibt. Darüber ist ein weiteres kleines Dach, damit kein Regen hineinfällt. Ein überdachter Steg aus Stein verbindet die drei Häuser miteinander und bildet ein Rondell, in dessen Zentrum eine kleine Grünfläche mit Rasen und einem Topfbaum gebettet ist. Rechts vom Hauptplatz schlägt ein riesiger Baum seine Wurzeln in die Erde und wacht über das Gelände: eine Pappel-Feige. Sie soll im Gegensatz zu anderen Bäumen nachts Sauerstoff abgeben, weshalb man im Dunklen gut hier sitzen kann. Solange man bereit ist, sich den Platz mit den Mücken zu teilen.

Zielstrebig gehe ich weiter in den hinteren Bereich. Drei bewohnte Häuser stehen nebeneinander. In einem flachen Haus ganz rechts wohnt der Direktor, links wohnen wir, Riko und ich. Oben hat jeder von uns ein Zimmer, unten ist eine Küche und ein Aufenthaltsraum. Das mittlere Haus ist das größte. Hier leben drei Familien mit insgesamt neun Menschen. Am Anfang waren wir erstaunt, als wir nach und nach herausgefunden haben, wer alles dort wohnt. Ich gehe den Weg entlang am mittleren Haus vorbei, grüße Sanju, der gerade im Eingang steht, und gehe auf unser Haus zu, die Treppe hoch.

Ein Gefühl von Vertrautheit

Auf halbem Weg nach oben ist ein kleines Plateau. Dort bleibe ich stehen und schaue mich noch einmal um. Unten sind Obstbäume und Beete. Vor mir eine Palme und dahinter die Ashram-Gebäude des IPC. Das Gelände wird nach hinten von einer Mauer umgeben. Dahinter stehen andere, etwas höhere Gebäude. Ich atme noch einmal ein und aus.

Bin ich zuhause? Dieser Anblick ist mir in den letzten Monaten vertraut geworden. Ich schaue gern auf diese grüne Umgebung. Tagsüber stehe manchmal ich auf dem Plateau, um mir ein paar Sonnenstrahlen abzuholen. Nachts beobachte ich von hier aus den Mond, die Sterne und die Fledermäuse, die ihre Kreise über die Baumwipfel ziehen. Fast vergessen ist die anfängliche Überwältigung, das Gefühl, dass die Luft mir Fieber macht. Ich habe mich eingelebt und fühle mich wohl auf dem Campus.

Von hier aus kann ich nun starten, Nagpur und den Rest von Indien weiter zu entdecken. Ich bin gespannt…

Mein Frewilligendienst in Brasilien soweit

Bom dia, Boa Tarde oder vielleicht auch schon Boa Noite?🇧🇷

Hi, Hello Ich bin Yosii Und lebe seit einigen Monaten für meinen Freiwilligendienst in São Paulo, Brasilien. Meine Einsatzstelle ist aktuell ein Kindergarten.

São Paulo. Eine Stadt, die laut ist, schnell, riesig und vorallem  voller Leben. Ich lebe inzwischen hier, mitten in dieser Metropole, und manchmal kann ich selbst kaum glauben, wie schnell das hier alles mein Alltag geworden ist.

Eigentlich bin ich auch mit der Vorstellung nach Brasilien gekommen, mal raus aus meiner gewohnten Großstadt zu sein. Und jetzt? Lebe ich in einer der größten Städte der Welt. Aber São Paulo ist nicht mit deutschen Großstädten zu vergleichen. Hier sind die Entfernungen andere, die Zeit fühlt sich anders an. Strecken, die auf der Karte kurz aussehen, dauern plötzlich Stunden. Innerhalb Brasiliens fliegt man mehrere Stunden von einer Stadt zur nächsten, obwohl alles irgendwie nah beieinander liegt. Das hat mein Gefühl für Raum und Alltag komplett verändert.

Was mich selbst am meisten überrascht hat: wie schnell ich hier wirklich angekommen bin. Auch sprachlich. Portugiesisch war am Anfang natürlich eine Herausforderung  aber inzwischen komme ich unfassbar gut mit den Brasilianer*innen ins Gespräch. Im Alltag, in der Einsatzstelle, im Bus oder im Café. Sprache ist hier wirklich der Schlüssel zu allem, und je mehr ich spreche, desto mehr öffnet sich diese Stadt für mich. 

Meine Einsatzstelle war bisher ein Kindergarten, und dieser Ort hat meinen Freiwilligendienst stark geprägt. Die Kinder sind so offen, liebevoll und ehrlich, dass man gar nicht anders kann, als jeden Tag mit einem Lächeln dort anzukommen. Ich konnte mich dort richtig etablieren, Verantwortung übernehmen und Teil ihres Alltags werden. Bald werde ich in ein neues Projekt wechseln, darauf bin ich sehr gespannt, vor allem was für Lehren ich da mitnehmen kann. 

Ein Thema, das sich hier ebenfalls verändert hat, ist der Sport. In Deutschland war Volleyball ein fester Bestandteil meines Lebens. Regelmäßiges Training, Verein, Halle  all das gehörte dazu. In meinem neuen temporären zuhause ist das leider schwieriger als gedacht. Die Größe der Stadt, lange Wege und höhere Kosten machen es nicht leicht, einen passenden Hallenvolleyball-Verein zu finden. So hat meine Hallenvolleyball-Karriere hier vorerst ihr Ende gefunden:(( . Dafür habe ich gewechselt vom Hallenboden an den Strand. Beachvolleyball statt Halle. Auch das ist Freiwilligendienst : Umwege, neue Lösungen, neue Perspektiven.

Was ich hier lerne, geht weit über nur meine Einsatzstelle hinaus. Flexibel zu sein. Pläne loszulassen. Sich auf Neues einzulassen  auch wenn es ganz anders kommt als gedacht. São Paulo fordert mich jeden Tag, aber genau das macht diese Erfahrung so intensiv und besonders.

Obrigada fürs Lesen – und bis zum nächsten Update aus Brasilien eure Yosi!  ✨

kurze freie Beschäftigung vor dem Mittagessen.
Unerwarteter Besuch von Papai Noel 🙂

Blog Artikel 1; Meine Arbeit

Meine Arbeit

Hi, ich bin Johannes,
19 Jahre alt und jetzt schon 3 Monate in Brasilien. Hier absolviere ich in Curitiba bei dem Sozialprojekt Dorcas einen Freiwilligendienst. In meinem ersten Blog möchte ich euch über meine Tätigkeiten vorort erzählen.

Zuerst kurz zu meinem Projekt. Das Dorcas Projekt ist eine Initiative der lutherischen Gemeinde der Stadt. Das Projekt hat ihren Sitz in Bonfim, einem Außenviertel der Stadt. Ihr Hauptziel ist die Kinder und Jugendförderung. Dabei kann man die Einrichtung als eine Vormittags/Nachmittagsbetreung sehen. Dorcas bietet bei der Betreung künstlerische/musikalische sowie sportliche Programme an. Zudem wird unter Anderem auch Hausaufgabenbetreuung und  Lesehilfe angeboten.
Mein Aufgabenbereich ist dabei relativ vielfältig. Meistens wirke ich als Assistenzkraft. Ich unterstütze die Lehrer, in ihren unterschiedlichen Themenbereichen.
Zudem arbeite ich  als Küchenhilfe mit, helfe dem Hausmeister bei seinen Tätigkeiten, unterstütze beim Marketing, bringe mich als Übersetzungshilfe ein… und vieles mehr.

Einen typischen Tag gibt es für mich nicht wirklich.
Aber falls ich einen hätte würde er folgender Maßen Aussehen;
Arbeitsbeginn 7.45Uhr Morgenappell vorbereiten
8.30Uhr im Atelier mithelfen
9.30Uhr Chorunterricht
10.30Uhr Sportunterricht
11.30Uhr Mittagspause
12.15Uhr Küchenhilfe
13.30Uhr Sportunterricht
14.30Uhr Bastelklasse
15.30 Uhr Hausmeister beim sortieren des Vorratslager unterstützen
16.30 Uhr Arbeitsschluss

Wie sieht eigentlich euer Arbeitsalltag aus?
Schreibt es gerne in die Kommentare.
Bis zum nächsten mal,
euer Johannes

Afrika? Ein gefährliches Land?!

Ich war mir nicht sicher, was ich in meinem letzten Blogbeitrag dieses Auslandsjahres thematisieren sollte. Aber in den vergangenen Wochen wurde mir diese Entscheidung aufgrund der hier geschehenen Ereignisse abgenommen. Es ist fast, als würde mein Lerndienst enden, wie er begonnen hatte. Mit einem Theaterstück über Revolution, während draußen auf den Straßen Nairobis und im ganzen Land die Proteste stattfinden.

Als ich im August 2024 in Kenia landete, hatte sich die Lage der Demonstrationen zwar bereits beruhigt, aber die Menschen hatten nicht vergessen. Im Nationaltheater schauten wir das Musical „Sarafina“, eine Vorstellung über eine junge Frau inmitten einer Jugendbewegung im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika in den 1980er Jahren. Der Abend ist mir bis heute noch lebendig in Erinnerung; voller Energie, Sehnsucht und den Facetten einer mir fremden Welt. Das Theater war erfüllt von einer Spannung und Sinnigkeit; denn obwohl nicht derselbe Kampf bis vor kurzem in Nairobi gekämpft wurde, so waren es doch dieselben Glaubenssätze und derselbe Schmerz, den die Kenianer*innen mit den Protagonist*innen des Stückes teilten. Der Glaube an ein vereintes Vorgehen gegen ein Unrecht, die Leidenschaft für die gemeinsame Sache und der Schmerz von Gewalt, Verlust und Tod.

(Nairobi 2024)

Auslöser der Proteste 2024 war ein Finanzgesetz, das die Einführung neuer Steuern vorsah. Die Preiserhöhungen auf Brot, Öl oder Hygieneprodukte stellten für so manche eine Existenzbedrohung dar. Als Reaktion entwickelte sich die größte Jugendprotestbewegung auf dem afrikanischen Kontinent – unabhängig von ethnischen Gruppierungen und Zugehörigkeiten. Doch die Gründe für den Zorn und die Unzufriedenheit mit der Politik liegen tiefer. Der Frust über die herrschende Korruption, das arrogante Auftreten der politischen Elite und besonders die hohe Jugendarbeitslosigkeit brodelte schon lange unter der Oberfläche der Gesellschaft. Das durfte ich selbst in den vergangenen Monaten an unterschiedlichsten Stellen erfahren.

Hanan, Peter, Dennis, Mary, ich könnte dutzende Namen nennen; Namen von jungen Menschen, die auf der Universität studiert und ihren Abschluss gemacht haben in Biologie, Business oder Wirtschaft. Und nun stehen sie da ohne Job, ohne Ausblick auf Karriere. Es fehlt an Arbeitsplätzen. Manche warten und hoffen auf die Gelegenheit, ihr Geld mit der Arbeit zu verdienen, für die sie ausgebildet wurden, andere suchen sich Jobs wie Bodaboda-Fahren oder verkaufen Kleinigkeiten und Snacks am Straßenrand. Ob Daniel, mit dem ich auf den Mt. Kenya gewandert bin, Brian, den ich beim Tanzen kennengelernt habe, oder diverse Uber-Fahrer; niemand macht ein Geheimnis aus der Unbeliebtheit des Präsidenten. Und es war vor allem sie – die junge Generation – die im letzten Juni auf den Straßen Parolen wie „Ruto must go“ gerufen hat. Am 25. Juni 2024 stürmten die Demonstrierenden das Parlament. Die Polizei setzte scharfe Munition ein und schoss mitten in die Menge. Mehr als 23 Menschen sind dabei zu Tode gekommen.

Und nun, da sich der Jahrestag dieses denkwürdigen Ereignisses näherte, trieb es die Menschen erneut auf die Straßen. Als ich mich vor einigen Tagen nach Nairobi wagte, um mir ein Theaterstück über den Revolutionsführer Dedan Kimathi im MauMau-Aufstand der 1950er anzusehen, begegnete ich etlichen Soldaten, bewaffnet mit Gewehren und Knüppeln, die an der Straße und in Parks positioniert waren, um gegebenenfalls bei Unruhen eingreifen zu können. Die Demonstrierenden fordern Gerechtigkeit für Albert Ojwang und den Rücktritt des Polizeibeamten Lagat, dessen Klage in jenem Fall zur Verhaftung Ojwangs führte. Der Lehrer und Blogger wurde nach Folter auf der zentralen Polizeiwache getötet. Präsident Ruto äußerte sein Bedauern und versicherte, persönlich für Gerechtigkeit Sorge zu tragen. Zwei Polizisten wurden im Zusammenhang mit der Ermordung festgenommen. Doch die Amtsenthebung und Verhaftung des stellvertretenden Generalinspektors Lagat, die die Protestierenden vehement einfordern, steht noch aus. Als sie am Dienstag, den 17. Juni, auf die Straßen gingen, eskalierte die Situation. Ich habe die Lage zeitgleich in den sozialen Medien verfolgt und war beim Anblick der Bilder und Videos dankbar, mich nicht im Stadtzentrum Nairobis zu befinden.

Parolen wurden gerufen, die Polizei setzte Tränengas ein, vermummte Schlägertruppen mit Knüppeln und Messern ausgerüstet schlugen auf Zivilist*innen ein und einem Mann, der im Viertel Masken zum Schutz vor dem Tränengas verkaufte, wurde von einem Polizisten aus nächster Nähe in den Kopf geschossen; nur mit viel Glück und dank einer Notoperation überlebte er den Angriff. Leider gilt dies nicht für alle. In ganz Kenia nahmen Menschen an den Demonstrationen teil und einige kamen dabei ums Leben. „We are peaceful“, rufen die Protestierenden, doch die Polizeigewalt bleibt. Und erst jetzt wird ersichtlich, was diese Gewalt für nachhaltigen Schaden hinterlässt. Aufnahmen zeigen, wie die etlichen Ladenbesitzer*innen nach den Protesten ihre Räume begutachten. Die Zerstörung erschüttert. Für manche bedeutet diese Verwüstung die Bedrohung ihrer Existenz.

Die Wut und Frustration der Bevölkerung, besonders der jungen Menschen, ist mir absolut verständlich. Wer weiß, wie es in Kenia in einigen Jahren aussehen wird. Ich habe die politischen Strukturen und Probleme selbst nur sehr oberflächlich in meiner Zeit hier erfassen können und mir fällt es unglaublich schwer, die Lage einzuschätzen. Ein Jahr reicht aus meiner Erfahrung aus, einen Einblick zu gewinnen, aber ein ganzes Land in diesem Zeitraum, seine Politik, Gesellschaft und Kultur, zu erfassen, erscheint mir unrealistisch. Noch dazu hätte ich ohne Zugriff auf die sozialen Medien kaum etwas von den Protesten mitbekommen. Während ich diese Zeilen schreibe, ist es ein großes Thema in meinem Umfeld. Doch außerhalb der sozialen Medien und der Viertel, in denen demonstriert wird, geht der Alltag seinen gewohnten Gang.

Als meine Mutter einer Kollegin vor etwa einem Jahr erzählte, ihre Tochter wolle einen Lerndienst in Kenia absolvieren, reagierte diese erstaunt oder entsetzt mit den Worten: „Afrika? So ein gefährliches Land!“ Abgesehen von der Inkorrektheit der Gleichung Afrika=Land mangelt es in dieser Aussage auch ganz im Allgemeinen an Logik und Wahrheit.

Ja, es ist an manchen Tagen zu manchen Zeiten nicht ungefährlich und nicht ratsam, durch Nairobi zu spazieren. So wie es in zahlreichen anderen Ländern genauso wenig ungefährlich und ratsam ist, wo sich die Menschen mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzen, für ihre Meinung auf die Straße gehen und dabei Konflikte riskieren – sei es mit der Regierung oder mit Andersdenkenden. Es ist von vielen Faktoren abhängig, wie friedlich eine Demonstration verläuft. In Deutschland wie hier.

Denke ich an die „Gefahren“ der letzten Monate zurück und an Sicherheitsmaßnahmen, die ich getroffen habe, dann scheint mir die Tierwelt den größten Unterschied zu Deutschland darzustellen. Da das PLCC unmittelbar neben dem Nairobi Nationalpark gelegen ist, wird dringend geraten, bei Dämmerung oder Dunkelheit das Gelände nicht zu verlassen, um unerwünschte Begegnungen zu vermeiden. Daran habe ich mich meistens gehalten.

(Eine durchaus erwünschte Begegnung 🙂 )

Was die Menschen betrifft, ob hier in Rongai, in Nairobi oder sonst wo in Kenia, so fühlte ich mich sicher nicht trotz, sondern wegen der Menschen.

Überall auf der Welt können einem Leute begegnen, die nichts Gutes im Schilde führen und von denen man sich wünscht, dass sie fernbleiben. Als junge Frau habe ich von klein auf gelernt, achtsam zu sein und Alleingänge bei Nacht nicht zu riskieren. Solche Regeln scheinen leider so ziemlich überall sinnvoll zu sein. Nicht überall hingegen kann man sich gewiss sein, dass Menschen in der Nähe sind, die helfen und eingreifen. In Kenia ist das der Fall; es wird nicht bloß zugeschaut, sondern Initiative ergriffen, bevor Schlimmeres geschieht. Glücklicherweise hatte ich nie derart eskalierende Situationen; aber schon bei Kleinigkeiten waren umstehende Leute an meiner Seite und zögerten nicht zu helfen; und wenn es nur eine Diskussion mit einem Bodaboda-Fahrer oder ein grober Griff an meinen Arm eines ambitionierten Verkäufers war.

Je besser ich mich mit meiner Umgebung auskannte und mich für kulturelle Unterschiede öffnete, desto mehr begriff ich, dass so manche „Gefahren“ nichts sind als Unwissen und Unverständnis. Als ich noch nicht wusste, dass das Nehmen und Führen der Hand eine höfliche Geste und assistierte Begleitung bedeutet, interpretierte ich es gerne als übergriffig und reagierte abwehrend. Weiß man nicht viel über ein Land, eine Kultur oder Lebensweise, so kann einem jede Kleinigkeit im Alltag gefährlich vorkommen; denn sie ist fremd. Sich für neue Perspektiven zu öffnen, lässt mich die Welt ein kleines bisschen besser verstehen; Gefahren entpuppen sich als unbegründete Ängste und anstatt die Grenzen zwischen der eigenen und der fremden Welt in Gedanken hervorzuheben, scheinen diese zu verschwimmen.

Vor einiger Zeit fragte mich jemand, wie in Deutschland die Reaktionen seien, wenn jemand wie er (ein Schwarzer) den Menschen auf der Straße begegnen würde. Ich muss sagen, ich war zunächst leicht irritiert von der Frage. Er habe gefragt, weil in Kenia weiße Personen herausstechen würden. Und tatsächlich habe ich die Erfahrung gemacht aufzufallen. Während ich in Deutschland in der Menge untergehe, haften hier mehr Blicke auf mir. Allerdings auf eine erschreckend positive Weise. Unbegründete Bewunderung und Begeisterung begegneten mir und spiegelten sich in Kinderaugen. Und mir wurde immer wieder klar, dass ich – ob ich es will oder nicht – durch meine Hautfarbe vom tief verwurzelten Rassismus in der Gesellschaft profitiere, sei es in meinem persönlichen Ansehen oder strukturell, in Deutschland wie in Kenia. Und als ich antwortete, wie es andersherum in Deutschland aussehe, merkte ich schon, während ich sprach, dass ich log. Ich präsentierte ihm in meinen Worten ein Deutschland, wie ich es mir wünschen würde; meine persönliche Traumvorstellung von einem toleranten Land, in dem das Aussehen eines Menschen gleich wäre und das Innere einzig von Bedeutung bei der Beurteilung einer Person. Ein Land mit kultureller Vielfalt, bunt und offen.

(Für diese Mädchen würde ich mir eine Welt mit einer solchen Sichtweise wünschen…)

Das entspricht allerdings nicht der Realität und hat es nie.

Schwarz zu sein ist in Deutschland gefährlich, allein durch historisch verankerte Vorstellungen und Ansichten; Menschen mit schwarzer Hautfarbe werden institutionell und strukturell diskriminiert, in der Öffentlichkeit mit Rassismus konfrontiert und eher mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Und angesichts des wachsenden Rechtsextremismus und der damit verbundenen Gewalt stellt sich mir die Frage, wie gefährlich Deutschland gerade wird. Vielleicht nicht für jeden, aber für People of Color, für Mitglieder*innen der LGBTQIA+ Community, für Angehörige mancher Religionsgemeinschaften oder Menschen mit anderen politischen Ansichten.

Vielleicht bewerten wir so manche Welten zu Unrecht als „gefährlich“ aufgrund von Vorstellungen, die wir aus Ausschnitten in den Medien oder aus Vorurteilen gewinnen, und betrachten hingegen das eigene Umfeld als „ungefährlich“, weil wir es einschätzen können, weil es nicht fremd ist und weil die meisten von uns in diesem akzeptiert werden.

Jiayuguan- „Chinas Tor in die westliche Welt“

Welche Assoziationen kommen einen als erstes in den Sinn, wenn jemand China sagt? 

Die meisten Leute denken wahrscheinlich sofort an Megacities, wie Shanghai oder auch Chengdu. 

Sie denken an das Essen, an die Politik/Wirtschaft und natürlich eben auch an Sehenswürdigkeiten, wie die Chinesische Mauer. 

Vom hören her kennen wir alle die Chinesische Mauer, doch was genau steckt hinter ihr? 

Nimm dir eine Sekunde Zeit. Was weißt du über die Mauer? 

Wahrscheinlich sagst du jetzt so etwas wie:

„Sie sollte das damalige Chinesische Kaiserreich (vor allem den östlichen Teil, in dem der Kaiser lebte und seinen Regierungssitz hatte), vor den Nomadenvölkern, die immer wieder über die heutige Mongolei in das Reich einfielen, schützen.“

Okay und wenn ich dich jetzt frage, wie die chinesische Mauer aussiehst, wirst du mir wahrscheinlich folgende Landschaft beschreiben:

„Es ist eine einzige gewaltige zusammenhängende Mauer aus Steinen im Norden Chinas, die in regelmäßigen Abständen von Wachtürmen unterbrochen wird und sich über sanfte Hügel und Berge erstreckt.“

(Vielleicht hast du bei deiner Beschreibung sogar an den Film Mulan gedacht.) 

Doch was steckt (noch) alles hinter der Mauer, ihrer Erbauung und ihrer Geschichte? 

Ist es wirklich eine einzige Mauer?Wie lang ist die Chinesische Mauer? Wann wurde sie gebaut und wie lange hat der Bau gedauert? Und zum Schluss, was macht den Abschnitt in Jiayuguan so besonders?

Wann wurde sie erbaut und wie lange hat der Bau gedauert? 

Die Mauer wurde nicht an einem Tag gebaut, im Gegenteil! 

Der Bau begann schon im 7.Jahrhundert v.  Chr. und wurde über die Jahrhunderte hinweg immer wieder fortgeführt/erweitert und verstärkt.

Gibt es nur eine chinesische Mauer? 

Die Chinesische Mauer ist nicht nur eine Mauer! 

Oft gehen viele Menschen fälschlicherweise davon aus, dass die chinesische Mauer eine einzige zusammenhängende Mauer ist.

In Wirklichkeit besteht sie jedoch aus vielen unterschiedlichen Abschnitten, die zu verschiedenen Epochen und Dynastien gebaut wurden. 

Die Mauer war somit niemals eine durchgehende „Linie“.  

Es gab viele Brüche in ihrer Struktur, weshalb sie auf Karten wie viele unterschiedlich lange und unterschiedlich positionierte „Linien“ aussieht.   

Wie lange ist die chinesische Mauer? 

Man vermutet, dass sich die chinesische Mauer insgesamt über 21 000 km erstreckt. 

Ich finde es schwierig sich unter so einer hohen Zahl etwas vorzustellen, deshalb hier ein kleiner Vergleich. 

Das ist die Hälfte des Äquators! (Dieser ist um die 40 000km breit.) Verrückt, oder? 

Jetzt fragt ihr euch bestimmt, folgendes:

„Lenka, warum vermutet man, dass die Mauer 21 000km lang ist?

Wie ist man auf diese Summe gekommen und warum weiß man es nicht genau?“ 

Das ist eine sehr gute und wichtige Frage, die ich mir auch gestellt habe.

Im Bezug auf die Mauer müsst ihr folgendes wissen. 

Es gibt tatsächlich noch viele unbekannte Abschnitte der Mauer, die nicht vollständig entdeckt oder erforscht wurden.

Weite Abschnitte, besonders in abgelegenen und schwer zugänglichen Gebieten, sind zum Teil noch unentdeckt, oder im schlechtem Zustand. 

In einigen Wüsten- und Gebirgsteilen gibt es Fragmente der Mauer, die von der modernen Welt weitgehend unberührt geblieben sind. 

Archäologen und Forscher arbeiten weiterhin daran, diese unbekannten Abschnitte zu finden und zu dokumentieren.

Ein Teil der Herausforderung liegt in der extremen Länge der Mauer, die in verschiedenen Perioden und unter verschiedenen Dynastien errichtet wurde, was bedeutet, dass es zahlreiche „Mauern“ gibt, die nicht immer gut dokumentiert sind.

Außerdem sind einige Abschnitte aufgrund von Erosion und natürlichen Katastrophen mittlerweile kaum noch sichtbar.

Doch wenn Forscher daran arbeiten, die tatsächliche Länge herauszufinden, wie setzt sich dann die Kilometeranzahl von 21 000 km zusammen? 

Als erstes muss man wissen, dass nicht nur ganz klassisch die „typische“ Mauer dazugezählt wird, sondern eben auch Abschnitte wie Festungsanlagen, Verteidigungsanlagen und Wachtürme. 

Außerdem basiert diese Zahl auf Schätzungen, die aus verschiedenen Quellen und historischen Aufzeichnungen zusammengesetzt wurden.  

Man kann es sich ungefähr so vorstellen: 

Historische Dokumente aus den unterschiedlichen Dynastien, insbesonders aus der Qin- und Ming-Dynastie enthalten Karten, die die Länge und Ausdehnung der Mauer angeben und dokumentieren. 

Außerdem wurden die unterschiedlichen Bauphasen in den letzten Jahrhunderten systematisch kartiert. 

Desweiteren haben Archäologen mithilfe von modernen Technologien (Satellitenbildern, Luftaufnahmen und GPS), die genaue Lage und Ausdehnung besser erfassen können. 

Dies ermöglicht eben auch Mauerabschnitte in die Schätzung mit einzubeziehen, die schwer zugänglich oder nur teilweise dokumentiert sind. 

Somit setzt sich die Zahl aus vorhandenen, dokumentierten Mauerteilen und den historischen Bauphasen zusammen.

Es wird angenommen, dass in abgelegenen Gebieten, wie in der Wüste Gobi oder in Gebirgsketten, noch unentdeckte Fragmente existieren könnten, aber diese sind in die Gesamtschätzung der Länge bereits mit einbezogen, auch wenn sie nicht vollständig erfasst oder zugänglich sind.

Kurz vor meiner Abreise nach China habe ich eine Doku gesehen, die sich mit genau dieser Frage beschäftigt hat. 

Wie lang ist die Mauer und gibt es noch unerforschte Abschnitte? 

Die Frage hat vor allem ihren Fokus auf die Region Gansu und die Stadt Jiayuguan gelegt. 

Während der Feiertage im Mai hatte ich die Möglichkeit Jiayuguan zu besichtigen und mich tiefgründiger mit der chinesischen und lokalen Kultur und ihrer Geschichte auseinander zu setzten. 

Denn dieser Abschnitt der chinesischen Mauer (Jiayuguan) ist aus vielerlei Gründen spannend und auch interessant für uns Europäer. 

Was macht den Abschnitt in Jiayuguan so besonders von andern Knotenpunkten? 

Jiayuguan markiert den westlichsten „Endpunkt“ der chinesischen Mauer, was ihn zu einem wichtigen Wendepunkt in der Geschichte und gleichzeitig zu einem entscheidende Knotenpunkt für die Geschichte Asiens und Europas macht.  

Der Jiayuguan-Pass, welcher mit der Festungsanlage,  die später erwähnt wird, um das 13.  Jahrhundert erbaut wurde, war eine wichtige Grenzfestung und vor allem strategisch wichtiger Angelpunkt der Seidenstraße, da an der Stelle die Mauer in die Wüste Gobi übergeht und es somit den westlichsten Punkt Chinas darstellte. 

Es galt sogar als „Tor zur Seidenstraße“, denn wer in den Westen reisen wollte, musste durch Jiayuguan und dessen Tor, bzw. Tore.

Jiayuguan, bzw die Region war deshalb entscheidend für die Kontrolle des Zugangs zu Zentralasien und stellte somit die Grenze zwischen China und der westlichen Welt dar.

Das ist der Jiayugan-Pass mit den berühmten drei Toren

Es war „wie das Ende der Welt“, denn hatte man damals das Tor verlassen, stand man in den unendlichen Weiten der Wüste Gobi.

Ich kann mir nur vorstellen, dass man sich damals ziemlich alleine und hilflos gefühlt haben muss. 

(Als ich in Jiayuguan in der Wüste draußen war, gab es extreme Sandstürme.  

Davor hätte ich nie gedacht, wie gefährlich es ist und vor allem was für Kräfte diese Winde teilweise haben. Wir wurden regelrecht umgestoßen und sind auch öfters fast hingefallen. ) 

Wichtig zum Bild: Die Grünanlagen sind in den letzten paar Jahren aus unterschiedlichen Gründen angelegt worden. Davor war alles Sandwüste.

Außerdem sind nicht alle Abschnitte der chinesischen Mauer aus Stein! 

Im Gegenteil, sie wurde aus unterschiedlichen Materialien (Ziegel, Stein, Holz, Erde und sogar Stroh!) gebaut. 

(Es gibt sogar Abschnitte, die aus Bambus gebaut wurden.) 

In der Wüste, wie es der Fall in Jiayuguan ist,  verwendete die Bauleute meistens Lehmziegel und andere Materialien, da die Gegend so trocken und heiß war. (Siehe Bild) 

Ein anderer Wichtiger Punkt ist die Jiayugan-Festung, die heute eine der am besten erhaltenen und beeindruckendsten Festungsanlagen entlang der Mauer ist. 

Sie wurde damals im 14. Jahrhundert (während der Ming-Dynastie) erbaut und diente als. Schutz vor Invasionen. 

Die Festungsanlage mitten in der Wüste

Zur Chinesischen Mauer zählen auch Mauerabschnitte, die man im klassischen Sinne nicht als „Mauer“ definieren würde. 

So zum Beispiel zählen auch Festungsanlagen, Verteidigungsanlagen, wie Wachtürme, oder auch Gräber dazu. 

Die Great Hanging Wall

Die Great Hanging Wall (Jiayuguan Hanging Wall), gehört eben wie der Jiayuguan Pas zur Festung. 

Dieser Abschnitt der Chinesischen Mauer wurde speziell an einem schwierigen Gebirgsgelände errichtet, um den Zugang zum Reich der Ming-Dynastie zu sichern. 

Diese drei „Gebäude“, bzw Mauerabschnitte dienten als wichtige Verteidigungsstruktur gegen Nomadische Stämme. 

Jedoch hatte Jiayuguan nicht nur eine einen militärischen Zweck. 

Sie spielte eine Rolle bei der Kontrolle des Handels und der Migration. 

Besonders während der Ming-Dynastie wurden dort viele Zollstationen eingerichtet, die den Handel mit waren in Zentralasien regulieren und somit auch die Seidenstraße überwachten. 

Doch warum hat Jiayuguan noch heute so eine symbolische Bedeutung nicht nur für die Chinesen, sondern auch für uns Europäer und den Rest der Welt? 

Die geographische Lage machte Jiayuguan damals zu einem wichtigen Eingangstor in das Alte China, und war somit bedeutend für den Handel und die Verbindung unterschiedlicher Länder. 

Die Seidenstraße war ein Netzwerk von Handelswegen, das China mit Zentralasien,  dem Nahen Osten und Europa verband. 

Sie ermöglichte den Austausch von Waren, aber auch technologischen Ideen. 

(FunFact: Marco Polo ist auf seinen Reisen auch über die Seidenstraße, bzw der Handelsroute nach Asien gereist. ) 

Die „Route“ trug zum kulturellen Austausch und zur Entwicklung von Zivilisation bei und förderte die Verbreitung von Religionen wie dem Buddhismus und dem Islam. 

Doch die historische Seidenstraße hat nicht nur eine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung, sondern eben auch eine ganz aktuelle Relevanz. 

Die „One Belt, one Road Initiative“ Chinas ist eine moderne Umsetzung des alten Handelsnetzwerkes, die darauf abzielt die Handelsbeziehungen zwischen Asien, Europa und Afrika zu stärken. 

Diese Initiative umfass Infrastrukturprojekte wie Häfen, Flughäfen, Straßen und Eisenbahnen, die umstritten sind. 

Heute hat die Seidenstraße eine neue Bedeutung.

Sie ist ein Symbol für den globalen Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit. 

Sie spielt eine Schlüsselrolle in vielen Diskussionen (geopolitisch und wirtschaftlich),  besonders im Bezug auf die wachsende Rolle Chinas.  

Eins ist klar, das Erbe der historischen Seidenstraße lebt noch heute weiter und Initiativen,  wie die „Belt and Road Initiative“ zeigen, wie sehr sie noch heute, im 21. Jahrhundert integriert sind. 

Jeden Tag mit 100 Kindern spielen

Moin aus Ciudad del Este!

Das hier ist schon der letzte Blogeintrag hier aus Paraguay! Fast 11 der insgesamt 12 Monate sind vorbei. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, dass ich dann bald ein letztes von so vielen Malen am Terminal, dem kleinen Busbahnhof, in den Bus nach Buenos Aires und dort in den Flieger nach Deutschland steige. Ein ganzes Jahr habe ich hier verbracht und es ging Ende August 2024 damit los, dass wir vier Freiwilligen an der Grenze von Brasilien nach Paraguay aus dem Bus ausstiegen. In der hektischen und überfordernden Innenstadt mit seinen Hochhäusern, die für seinen Shoppingtourismus bekannt ist, haben wir uns damals einen roten Stempel in unserem Pass geben lassen und sind irgendwie mit sehr schlechtem Spanisch und ohne Guarani, der Landeswährung, zum Terminal gekommen. Da hatten uns dann Kollegen aus den zwei Projekten, in denen wir arbeiten, abgeholt. Und das Gefühl am Anfang durch die Straßen zu spazieren, das wunderschöne und große Projekt, das Hogar, mit den Mango-, Limetten-, Granatapfel-, Guayaba- und Bananenbäumen das erste Mal zu sehen und mit dem Aufhängen meiner Fotos an der Wand in meinem Zimmer, mich für ein Jahr einzurichten, das werde ich nicht vergessen. Bei allem dachten wir uns: So ist das also hier, wo wir jetzt ein ganzes Jahr lang leben werden. Trotzdem fühlt es sich lange her an, wie auch nicht. Denn seitdem hatte ich das ereignisreichste Jahr meines Lebens. Jeden Tag im Projekt mit den Kindern, Wochenendtrips nach Encarnación, Asunción, Campen unter Palmen, Seminare, Urlaube, Besuche bei und von Mitfreiwilligen und meiner Familie, Affenhitze, zuletzt auch unerwartete Kälte und ganz viel mehr. Und immer noch schlafe ich in demselben Zimmer auf meiner zu weichen Matratze, zwei Meter von einer Bananenpalme und einem Hahn, der seit Anfang an gerne die Nächte durchkräht, entfernt und unter der hier fast auf jedem Dach zu findendem blauen 500 Liter Wassertonne.
Dass das alles ganz bald für immer vorbei ist, versteh ich dann glaub ich auch erst, wenn es soweit ist.

Am Freitag, also in zwei Tagen, mache ich mich zusammen mit meiner Mitfreiwilligen auf nach Buenos Aires. Da geht dann nächste Woche das letzte Seminar mit der Organisation von hier, der evangelisches Kirche Argentiniens, Paraguays und Uruguays, los. Ich freu mich sehr, alle Freiwilligen wiederzusehen und auch die Wochenenden vor und nach dem Seminar in der riesigen Stadt zu verbringen, in der ich dann das ein oder andere ausnutze, das es hier nicht gibt, wie zum Beispiel Bäckereien und viel sehr gutes Essen oder auch Bars und Clubs. Ich rechne auch damit, dass es sehr guttun wird, sich wieder über verschiedenste Erfahrungen auszutauschen und dabei ein bisschen zu reflektieren. Vor allem denke ich auch, dass ich durch das Seminar nochmal besser realisieren werden kann, dass das Jahr dann bald vorbei ist. Denn gerade die letzten Monate, obwohl die 8-stündige Arbeit jeden Tag mit den Kindern teils sehr fordernd ist, habe ich mich enorm daran gewöhnt und ist es natürlich alltäglich geworden. Und so erfüllend das Spielen, Lernen und Quatschen mit den Kindern immer wieder ist, so sehr bin ich auch das gewohnt. Insofern nehme ich mir ganz fest vor, genau diese tollen Momente mit den Kindern, die ich jetzt 10 Monate lang jeden Tag hatte, nochmal richtig zu genießen. Denn ich kann ganz klar sagen: Es ist bei weitem nicht das Einzige und ich hab super viel an Paraguay und meiner Zeit hier sehr genossen, aber die Kinder sind das absolute Highlight meines Freiwilligendienstes.
Deswegen weiß ich, dass ich  am aller meisten vermissen werde, jeden Tag von 100 Kindern umgeben zu sein. Wenn ich wie heute aus der Klasse komme, in der ich 8 Kindern auf verschiedenen Niveaus Plus, Minus, Mal und Geteilt erkläre und aufpassen muss, dass nicht abgeschrieben und kein Radau gemacht wird, und dann die kleinen und größeren Kinder kommen und unbedingt Toca-Toca-Congelada, Eisticken, mit mir spielen wollen. Und sich ein Bein ab freuen, wenn ich mitspiele. Und dann wie jeden Tag voller Inbrunst gerannt und gelacht wird.
So sehr ich mich auf zuhause freue, so sehr wird mir das und vieles mehr vom Leben hier in Paraguay fehlen.

Das nächste Mal melde ich mich dann aus Deutschland, ich bin sehr gespannt auf die letzte Zeit hier!

Ganz liebe Grüße aus Südamerika

Ben  

Zeitvertrauen

Braids sehen toll aus – strapazieren je nach der Art, wie sie eingeflochten und gepflegt werden, aber auch übermäßig stark die Haarwurzeln. Eine der vielen Lektionen, die ich mitnehmen durfte; jene Lektionen, die einem im Alltag ständig über den Weg laufen.

Schon sehr lange hatten die Kinder mich dazu aufgefordert, mir Braids in einem Friseursalon machen zu lassen. Dabei wird das Kopfhaar in viele kleine Zöpfe geflochten. Um längere Zöpfe zu erhalten, werden häufig Extensions verwendet. Die Resultate können je nach Stil und Größe der Zöpfe sehr individuell und unterschiedlich aussehen.

Der Ursprung dieser Flechtfrisur findet sich im afrikanischen Raum. Erste Hinweise dieser Technik lassen sich im alten Ägypten 3500 v.Chr. finden. Sie symbolisierten kulturelle Zugehörigkeit, Religion oder politische Standpunkte. Bis heute sind sie Teil der Kultur der People of Colour. Aus diesem Grund hatte ich auch lange Zeit nicht mit dem Gedanken gespielt, mir selbst Braids machen zu lassen. Ob es sich beim Tragen der Braids als weiße Person um kulturelle Aneignung handelt, darüber wird diskutiert. Fest steht aber, dass sie je nach Kontext, Region und geschichtlichem Hintergrund kulturelles Statussymbol und Zeichen Schwarzer Identität und Freiheit sind; sie haben eine tiefere Bedeutung für viele ihrer Träger*innen. Sie deswegen aus rein modischen Motiven zu tragen, ohne sich mit ihrer Geschichte und ihrem Wert auseinanderzusetzen, kann als respektlos aufgegriffen werden. Menschen können verletzt werden; sich in ihrer Identität ungesehen fühlen.

Mir ist es wichtig, diese Informationen aufzuführen und damit auch den Kontext, in dem ich mich zu dieser Frisur entschieden habe. Von den Kindern hatten wir uns bereits Frisuren zeigen lassen, geübt und ausprobiert – zum einen mit unseren und auch mit ihren eigenen Haaren. An den Strähnen zu tüfteln, sie zu kämmen und sie schließlich aufzustecken oder zu flechten, war eine gemeinsame Aktivität, die uns zusammengeschweißt hat, die Kontakt und Miteinander bedeutete, bei der wir voneinander lernen konnten. Eine Berührung, die Grenzen aufbricht und verschwimmen lässt. Seit einem Dreiviertel Jahr bin ich nun in Kenya. Unterschwellig lernte ich dabei mehr und mehr über die verschiedenen kulturellen Gruppen, die Sprache, die Lebensweise. Ich bin einer Vielfalt bunter Persönlichkeiten begegnet – alles Menschen. Wie ich selbst auch. Egal wie unterschiedlich unsere Leben sind, unsere Interessen, unsere Vergangenheit – was uns zusammenschweißt, ist die Menschlichkeit; tolerieren, respektieren und wertschätzen wir unsere Verschiedenheiten, können wir in einer wohlwollenden Gemeinschaft leben und in dieser teilen und schenken. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Kinder, die Hausmütter, die Lehrkräfte und die Sozialarbeiterinnen gefreut haben, als ich mit der neuen Frisur zur Morgenandacht kam. Für uns war mein Tragen dieser Frisur kein respektloses Nicht-Anerkennen – eher im Gegenteil; ein kleines Zeigen, dass wir ein Team sind und ich für diese Gemeinschaft dankbar bin.

Mit Purity, einer der Hausmütter, war ich am Tag zuvor zusammen in einem Salon. Zuerst wurden ihre Haare gemacht und schließlich meine. Drei Stunden Arbeit, die vielleicht vier Stunden gewesen wären, hätte Purity nicht bei den vielen Zöpfen mitangepackt. Dass es damit auch ihr Werk war, hat mich auf eine Weise berührt; schließlich ist sie eine mir sehr wichtige Bezugs- und Kontaktperson im Alltag und bei der Arbeit. Das Staunen und die Freude der Kinder hätte ich auf Video aufnehmen sollen. Sie wussten sehr viel besser als ich, wie die Zöpfe frisiert werden konnten und halfen mir bei der Pflege. Denn diese vernachlässigte ich dezent… Womöglich einer der Gründe, warum meine Haarwurzeln ungewöhnlich stark strapaziert wurden. Als wir an einem Sonntag morgen zusammen die Zöpfe entflochten, machte sich bemerkbar, wie stark meine Kopfhaut unter Spannung gesetzt worden war. Viele Haare waren abgebrochen und der Haarhaufen beim Kämmen wurde größer und größer. Die Konsequenz war simpel; ein Abend im Badezimmer. Eine Bastelschere. Ein Schnipp Schnapp.

Ein bisschen anders ist die Nora, die heute durch Nairobi streift, im Matatu Musik hört oder in Rongai die Abendsonne genießt. Sie ist etwas anders als die Nora vor einem Dreiviertel Jahr. In dieser Zeit habe ich Lektionen für mich mitgenommen; bin gelassener geworden und ein bisschen verrückter. Nicht nur daran ersichtlich, dass ich nicht vor einem neuen Haarschnitt zögere. Allein das Fußfassen in einem neuen Umfeld und meine tägliche Zeit mit den Mädchen bedeutete zugleich eine Erweiterung meines Wissens. Ich weiß nun mehr durch Erfahrung. Da gibt es die kleinen Dinge…

Ich weiß, wie ich auf Kiswahili bete und wie ich mich in dieser Sprache zumindest ein bisschen („kidogo“) verständigen kann.

Ich weiß, wie ich ein Armband flechte und kenne Matherechnungen, die ich in meiner Schulzeit nicht gelernt habe.

Ich weiß zumindest theoretisch, wie man Chapati macht (obwohl ohne Tabithas oder Puritys Anweisungen mein Resultat zwar eine Art Gebäck ist, aber definitiv kein Chapati).

Ich weiß, wie ich aus alten Plastikflaschen Blumen zaubern kann.

Ich weiß, dass ein strahlend blauer, sonniger Himmel nicht bedeutet, dass es nicht zwei Minuten später in Strömen regnen könnte.

Und ich weiß, dass Zeit vieles fügt.

Das ist eine meiner größten Erkenntnisse. Und sie umfasst so viele Bereiche meines Lebens.

Ganz am Anfang herrschte in mir Unsicherheit. Mein gesamtes Umfeld war unbekannt und fremd. Da war kein Vertrauen – weder in die Menschen noch in meinen Alltag. Wie ich was mit wem reden sollte, war jedesmal eine kleine Herausforderung; bei der Arbeit in der Schule wusste ich nicht, was ich machen kann, soll und darf; das Heimweh und die Sehnsucht nach der bekannten Welt eroberten ab und an meine Stimmung, verbunden mit der immerwährenden Angst, es könnte so bleiben; dass sich nichts ändern könnte, ich mich nie in diesem Neu zurechtfinden und das Begegnen mit den Menschen Tag für Tag eine kleine Überwindung darstellen würde. Doch mit der Zeit näherten wir uns einander an; kleine Gespräche, aus denen tiefere Bindungen erwuchsen. Je häufiger wir in Kontakt traten, uns austauschten und quatschten, desto mehr kam mir eine Erkenntnis: Dass es nichts gibt, vor was ich mich fürchten müsste. Es klingt banal, aber etwas in mir musste beruhigt werden und verstehen, dass mir niemand etwas Böses will. Und so öffneten wir einander die Türen und luden uns ein. Durch Ausprobieren, Nachfragen und Um-Hilfe-Bitten wuchsen die Sicherheit und die Gewohnheit.

Wieder aufs Neue überwältigten sie mich vor Beginn des Ferienprogramms, die Zweifel und Ängste: Kann ich das überhaupt? Werde ich mich mit den Kindern verstehen? Was, wenn etwas schiefgeht? Wenn es nicht nach Plan läuft?

Überraschung: Es lief nicht nach Plan. Das ein oder andere ging schief. Ja und? Deswegen ist die Welt nicht untergegangen. Vorbereitung hin oder her; vieles kam doch anders. Und „anders“ bedarf keiner Wertung. Anders ist anders. Es entstanden Komplikationen und genauso Momente, die ich mir nicht schöner hätte ausmalen können. All diese Situationen haben ihre Daseinsberechtigung; ein weinendes Kind, das Trost braucht, oder eine lustlose Stimmung, weil niemand sich für das Spiel interessiert; Stromausfall, der Filmschauen und Regen, der Kreidespiele schwierig macht; genauso wie ein Gejubel über eine Bastelidee und die Verlängerung von beliebten Programmpunkten.

Und wenngleich es holprig, gern spontan und nicht perfekt lief, so hatten wir es am Ende gemeinsam über die Bühne gebracht. Wir hatten kreiert, getobt und geschaffen. Wir haben uns näher kennengelernt; einander und uns selbst. Ich erlebte die Kinder, wie sie lachten, stritten und weinten, stolz ihre Basteleien präsentierten, jubelten wenn sie sich auf den Kuchen freuten oder einen Moment still dasaßen, Musik lauschten und zeichneten. Wie ich sie wahrnahm, lehrte mich eine nicht unbedeutende Lektion, die ich auf mich selbst bezogen nie glauben wollte. Dass das bloße Sein eines Menschen und der Wille, ein guter Mensch zu sein, wichtiger sind als Leistung und Fähigkeiten.

Aber auch das konnte nur wachsen dank der Zeit.

Vieles habe ich zum ersten Mal gemacht. Seien es bestimmte Mahlzeiten zu kochen, Bodaboda zu fahren oder Reisen planen und umzusetzen. Bis ich es tat, konnte ich nicht wissen, ob ich es kann. Mit der Zeit festigte sich mein Zeitvertrauen. Kriechen heute die Zweifel in meine Gedanken, dann spüre ich sie, höre ihnen zu und kann dann sagen: Lass etwas Zeit vergehen. Es wird sich fügen. Vielleicht kann Zeit nicht alles fixen, aber eine ganze Menge.

Und was schmerzhaft bleibt und nicht repariert werden kann, wird Zeit zu einer weichen Narbe verblassen lassen und vielleicht eine neue Lektion hinterlassen.

Manchmal sind die Veränderungen und das Wachstum so langsam, dass es kaum bemerkbar ist. Also trete ich einen Schritt zurück und sehe es an den Kleinigkeiten, an der Lockerheit, wie ich meine Haare abschneide und es mir gleich ist (denn sie wachsen mit Zeit).

Besucht werden im neuen Zuhause

Moin aus Paraguay!

Jetzt sind es die letzten dreieinhalb Monate, die ich noch hier in Ciudad del Este lebe und meinen Freiwilligendienst mache. Wie eigentlich das ganze Jahr lang löst das ein Gemisch an Gefühlen aus. Während ich mich wirklich immer wieder sehr auf zuhause freue, hab ich auch total Lust auf die letzte Zeit hier. Denn so langsam beginnt hier die Zeit, in der man die Wochenenden zählen kann und irgendwann dann anfängt zu überlegen, was man alles noch machen möchte, bevor es zurück geht. Und mittlerweile habe ich sehr viel mehr Leute kennengelernt und kenne natürlich die Stadt recht gut. Von ein paar Sachen aus der letzten Zeit erzähl ich jetzt ein bisschen.

In den letzten Wochen hatten wir viel Besuch. Neben anderen Freiwilligen aus unserer Organisation aus Asunción und Argentinien haben auch meine Schwester und meine Cousine den über 10 Tausend Kilometer langen Weg auf sich genommen, um mich zu besuchen. Während meine Schwester 2019/2020 ihren Freiwilligendienst in Tansania gemacht hat, hab ich sie auch besuchen können und ich kann mich noch genau an meinen Eindruck und meine Gefühle erinnern. Ich weiß noch genau, wie beeindruckt ich von meiner Schwester war, dass sie sich in einer so fremden Umgebung ihr Leben aufgebaut hat und sich mit allem auskannte. Umso gespannter war ich natürlich auf ihren Besuch und wir haben hier schon monatelang immer gesagt, was wir alles unserer Familie zeigen wollen, wenn sie kommen. Natürlich konnte ich nicht alles, was ich in den 7 Monaten vorher gesehen hatte, zeigen. Aber einen sehr guten Eindruck von allem konnte meine Familie bekommen und es war wunderschön, denen zu zeigen, wie und wo ich hier so lebe. Denn ich erinnere mich selbst gut daran, dass die Erzählungen, nachdem man alles gesehen hat, natürlich viel besser vorstellbar sind. Für mich war es auch besonders, weil es das erste Mal nach 7 Monaten war, dass ich ein bisschen aus meiner Welt hier rausgekommen bin. Die mag ich zwar sehr gerne, aber vermisse trotzdem auch die Zuhause-Welt ab und zu. Der Besuch von meiner Schwester und meiner Cousine hat mir also auch ein bisschen ein wohles Zuhause-Gefühl gegeben.

Außerdem war es total schön, zu sehen, wie begeistert alle Gäste von der Stadt und Paraguay waren. Ich konnte allen die verschiedenen Ecken hier zeigen und nochmal deren Eindruck hören, wie besonders und wie anders Paraguay natürlich im Vergleich zu Deutschland aber auch im Vergleich zu Argentinien ist. Und die Begeisterung der Gäste wirkt sich dann auch auf einen selbst ab. Das Besondere am Leben in Ciudad del Este ist aus unserer Sicht wahrscheinlich, dass es ein sehr origineller Eindruck ist. Dadurch dass abgesehen vom Shoppingzentrum praktisch keine Fremden hierherkommen, ist es hier anders als in Asunción oder sogar Buenos Aires weniger globalisiert und ein größerer Kontrast zu Deutschland. Das bedeutet vielleicht, dass es keine Boulderhalle, keinen Hockeyverein und einige Lebensmittel nicht gibt, aber das bedeutet zum Beispiel auch, dass alle sehr interessiert sind, was wir hier machen und die meisten sehr positiv demgegenüber eingestellt sind. Letzten Samstag war eine Marktverkäuferin sogar so erfreut, dass sie uns die Erdnüsse, die wir kaufen wollten, einfach geschenkt hat. Von unserem mercado abasto, also dem Wochenmarkt,war Leon, der seinen Freiwilligendienst in Buenos Aires macht und uns hier ein Wochenende besuchen konnte, auch sehr begeistertsten und hat da einige Fotos geschossen:

Gestern hatte ich das zweite Mal in meiner Zeit hier eine dicke Lebensmittelvergiftung. Das sind dann Momente, in denen man lieber zuhause wär. Auch wenn sich meine Mitbewohnerinnen sehr lieb um mich gekümmert haben, krank und nicht zuhause zu sein ist ein bisschen blöder. Generell habe ich mich gut an Kakerlaken, Katzen, die ans Essen gehen, Stromausfälle und Sonstiges hier gewöhnt, aber insgesamt freue ich mich dann auch mein eigenes Bett zuhause und den Luxus dort. Eine oft erwähnte, aber wahre Erkenntnis eines Freiwilligendienstes ist auf jeden Fall, dass man alles Normale von zuhause dann sehr wertschätzen lernt. Und obwohl das Wasser aus der Leitung hier nicht trinkbar ist, unsere Wäsche nicht so richtig sauber wird und es immer mal nach Tierkot riecht, wenn man unsere Lebensbedingungen mit anderen in unserem unsere Viertel vergleicht, geht’s uns sehr gut. Hier gibt es auch ganz unterschiedliche Lebensbedingungen und eben auch Familien, die in Armut leben. In dem Projekt, in dem meine Mitfreiwillige Lene und ich arbeiten, dem Hogar Santa Teresa de los Niños, kommen die Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren aus verschiedenen familiären und finanziellen Hintergründen. Die tägliche Teilnahme am Nachhilfeunterricht, der Spielzeit und dem Essen sind für die Kinder umsonst und spendenfinanziert. Lene und ich finden, dass das Schönste am Hogar die alltägliche Geborgenheit ist. Wir kennen zwar die meisten Hintergründe der Kinder nicht, aber bei manchen wissen wir, zum Beispiel durch Erzählungen und Hausbesuche am Anfang des Jahres, dass die Verhältnisse schwierig sind. Bei vielen haben wir, soweit wir es einschätzen können, aber auch das Gefühl, dass die Kinder sehr geborgen sind. Jedenfalls schätze ich mich sehr glücklich, in einem Projekt zu arbeiten, wo ich stark das Gefühl habe, hilfreich zu sein: Den Kindern zuhören zu können, zu spielen oder in Mathe zu helfen. Jeden Tag erleben wir dabei die süßesten Situationen. Letzte Woche fragte mich ein neuer, kleiner Junge: „De que mundo sos vos?“, also aus welcher Welt ich herkomme. Normal sind auch Sprechgesänge mit unseren Namen, damit wir zum anschaukeln kommen sowie ganz viele Umarmungen und viele Kinder, die sich freuen uns zu sehen. Und auch ich freue mich immer sehr, die Kinder zu sehen. Über meinen Urlaub oder an langwierigen Besprechungstagen hab ich die auch schon immer mal vermisst.

Es gibt allerdings momentan recht große Veränderungen im Projekt. So wurde Anfang des Jahres der Kindergarten, der Teil des Projekts war, geschlossen. Außerdem wurden verschiedene Erzieher entlassen und die Kinder sind jetzt jeden Tag zwei Stunden länger da als vorher. Das bedeutet seit einigen Wochen also auch für uns zwei Stunden mehr arbeiten jeden Tag, von 7:30 bis 16:15. Das hat es nochmal deutlich energieaufwendiger gemacht. Gerade weil auch zwei Gruppen zusammengelegt wurden, also jetzt 25 Kinder in einem kleinen Raum unterrichtet werden und das nicht immer unter Kontrolle gehalten werden können, ist das teils sehr anstrengend. Diese Zusammenlegung oder auch, dass die kleinen Kinder zwischen 6 und 9 Jahren auch 2 1/2 Stunden im Klassenzimmer bleiben müssen neuerdings, sind aus unserer Sicht keine positiven Veränderungen. Die erneuten Zeiten sind zwar eine ministeriale Vorschrift, wie uns gesagt wurde, aber kaum ein Kind kann sich so lange konzentrieren, vor allem in einer großen Gruppe. Allerdings können wir daran nichts ändern, obwohl unsere Meinungen gehört sind, sind die Strukturen wie wir das mitbekommen haben etwas verstrickt und die Zeit gerade ein bisschen turbulent im Projekt. Mich stört eigentlich vor allem, dass immer mal die Dynamiken der Kindergruppen sehr unkontrolliert sind. Das liegt an Unterbesetzung, aber auch daran dass zum Beispiel eine Erzieherin oft sehr demotiviert und am Handy ist. An Tagen, an denen weniger Kinder kommen, beobachten Lene und ich, dass die Zeit im Klassenraum als auch draußen beim Spielen auf dem wunderschönen, großen Gelände viel qualitativer für die Kinder ist und nicht unkontrolliert. Ich denke, dass einen weiteren Erzieher oder eine weitere Erzieherin einzustellen helfen würde. Ich habe zwar vor, meine Sicht vielleicht bei der nächsten Besprechung zu mal darzulegen, aber tatsächlich verstehen wir dann auch nicht alles, was so vor sich geht. Und obwohl wir das Projekt sehr gut kennen und Teil der Arbeit sind, sind wir natürlich nur Freiwillige, die für ein Jahr mitarbeiten dürfen. Abgesehen von diesem Kritikpunkt ist das Hogar vor allem ein wunderschöner Ort für die Kinder.  Über 100 kommen jeden Tag in zwei Gruppen und verbringen dort eine schöne Zeit. Mir macht die Arbeit auch nach wie vor enorm viel Spaß und ich bin sehr dankbar, die Möglichkeit zu haben, das so machen zu können.

Womit ich auch sehr zufrieden bin, ist meine Freizeitgestaltung. Neben dem wöchentlichen Bachata- und Salsatanzkurs, wo wir jetzt das erste Mal zum Fortgeschrittenkurs gegangen sind und dem Fußballspielen mit einem Kollegen und seinen Freunden, habe ich endlich noch ein neues Hobby für mich gefunden. Mit unseren Besuch waren wir Padel-Tennis spielen, was wir schon immer mal ausprobieren wollten, und da habe ich eine Gruppe gefragt, ob ich mal bei denen mitspielen könne. Die haben mich direkt in ihre Gruppe hinzugefügt und seitdem spiele ich mindestens einmal die Woche mit denen Padel. Der Sport an sich macht mir sehr viel Spaß und vor allem sind alle sehr nett. Darüber freu ich mich sehr, auch die noch besser kennenzulernen. Ansonsten geh ich auch nach wie vor gerne Spazieren oder Joggen und relativ regelmäßig gehen wir mit unserem Besuch auf die große Projektwiese und schmeißen ein bisschen die Frisbee. Mir geht’s hier also insgesamt sehr gut!

Soweit von hier, liebe Grüße nach Deutschland!

Ben