Illustriert den Ort des Artikels und ergänzt den Titel

Zwischen Überwältigung und Vertrautheit: Ankommen am India Peace Centre

Mein Freiwilligendienst in Indien

Fast ein halbes Jahr sind wir nun hier: Zeit, mal zurückzuschauen und zu reflektieren, wie alles angefangen hat und wie sich meine Situation seitdem entwickelt hat.

Am Dienstag, den 13. August, um ca. 4 Uhr morgens, landeten Riko und ich in Nagpur, in der geografischen Mitte von Indien. Die Reise hatte 18 Stunden gedauert und ich war vollkommen fertig. So viele Eindrücke in so kurzer Zeit prasselten auf uns ein. Zudem war ich noch leicht krank. Wie überwältigt ich von allem bin, wird in diesem kurzen Gedankenstrom von meinem Ankommen deutlich.

Der erste Eindruck

Wir kommen aus dem klimatisierten Flughafen. Feuchte Wärme schlägt uns entgegen. Die Straßen sind beleuchtet. Wir hören leichtes Hupen, riechen die Mischung aus feuchten Pflanzen und Straßenstaub. Alles sieht ähnlich, aber ein bisschen anders aus als gewohnt: die Pflanzen, die Autos, die Straßen und die Häuser, die wir im Halbdunkel der Nacht nur schemenhaft hinter Mauern und Bäumen am Straßenrand erkennen können. Mit meinen vier Stunden Schlaf in den letzten 40 Stunden und einer kaum überstandenen Erkältung in den Knochen sitze ich im Auto und starre aus dem Fenster; wach gehalten vom Schock der gewissenhaften Zollkontrolle am Flughafen, dem gut gelaunten Suyog, der uns vom Flughafen abholt, und dieser überwältigenden Sinneskombination des Ankommens und Eintauchens in die neue Stadt.

Das Centre im Dunklen

Schließlich erreichen wir das IPC und stehen vor einem Tor. Im Dunkeln können wir kaum was erkennen. Wir warten… Der Direktor schließt uns schlaftrunken das Tor auf. Wir werden zu unseren Zimmern durchgeschleust, sehen im Augenwinkel dunkle Pflanzen, erleuchtete Mauern und kleine Häuser. „India Peace Centre“ steht auf einer der Mauern. Tempelartige Umrisse von Häusern, die einst als Gandhi-Ashram gebaut wurden, sind zu erahnen. Taub von der Müdigkeit erkenne ich nichts Genaues.

Im ‚Survival Mode‘

Die Koffer hochtragen, eine schiefe Treppe hoch. Im Eingang stehen. Wow, das ist also Indien! Durch den Flur, in ein leeres, weißes Zimmer mit einem Bett. Erstmal aufs Klo. Wasserflaschen stehen bereit und eine gute Schokolade liegt auf dem Bett. Wie nett! Die Wände sind für uns frisch gestrichen. Deckenlüfter kaputt, Standventilator wird angeschaltet. Gute Nacht! Bis morgen um 12 zum Frühstück! Licht aus.

Ich schwitze am ganzen Körper. Es ist so warm und feucht. Wie kann das Nacht sein? Ist das die Umgebung oder ein Fieberrückfall wegen zu großer Anstrengung von der Reise? Soll ich Fieber messen? Ich muss wirklich schlafen. Ich bin so müde. Aber ich kann nicht. Ich habe Angst vor der Wärme und das im Schlaf das Fieber steigt. Meine Nase ist dicht. Im Flugzeug hatte ich Maske getragen. Erstmal Nasenspray! Das ist schon besser. Ich bin wirklich müde, ich falle jetzt einfach zurück. Ich werde schon überleben…

Ruhiges Ankommen

Dies ist die leicht überspitzte Schilderung der ersten Stunden nach meinem Ankommen in Indien. Im Rückblick ist es schon krass, sich nochmal in diese Situation hineinzuversetzen. Im Alltag vergesse ich jetzt häufig, wie ereignisreich und überwältigend allein die ersten Stunden für mich waren. Es ist übrigens alles gut ausgegangen. Ich habe kein Fieber bekommen und bin innerhalb der ersten Woche an unserer Einsatzstelle wieder gesund geworden. Eine Köchin hat gutes Essen für uns gekocht und wir konnten die ersten Tage entspannt ankommen und uns an alles gewöhnen.

Das Paradox indischer Pünktlichkeit

Beim Independence Day am 15. August wurden wir dann offiziell begrüßt und konnten einige Leute zum ersten Mal kennenlernen. Sogleich sind wir das erste Mal zu spät gekommen und hätten mit fünf Minuten Verspätung fast das Foto unter der indischen Flagge verpasst, die zu diesem Anlass auf dem Vorplatz gehisst wurde. Damit haben wir zum ersten Mal das Paradox indischer Pünktlichkeit erfahren. Man muss einfach wissen, ob ein „Termin um 9 Uhr“ heißt, dass um Punkt neun alle in Festtagsklamotten bereit stehen. Oder ob um halb 10 die ersten Leute auftauchen. Das sagt einem keiner. Man muss es wissen. Wie? Na ja, mit der Zeit wird man besser darin, es einzuschätzen.

Auf dem oberen rechten Bild ist das Team vom IPC zu sehen: der Direktor Angelious Michael (im blauen Hemd), unsere Bürokollegen Swarali und Suyog (links und rechts im Bild) und Sanju (oberes linkes Bild ganz rechts), der Caretaker vom IPC, der inzwischen, nachdem die Köchin Nikita gegangen ist, auch für Angelious, Riko und mich kocht. Sehr lecker, wohlgemerkt! Auf dem oberen linken Bild sind zudem Dr. Tejinder Singh Rawal, ebenfalls Teil von einigen IPC-Veranstaltungen, und seine Frau Rinco (beide ganz in weiß) zu sehen.

Im Büro

Mit Swarali und Suyog hatten wir gerade in den ersten Wochen eine gute Zeit im Büro, wo wir viel miteinander gesprochen haben und sie uns manches aus ihrem Leben erzählt oder Fragen von uns beantwortet haben. Beide haben interessante Lebensgeschichten und es war gut, dass wir andere im Büro hatten, die, was die Arbeit angeht, in einer ähnlichen Situation waren wie wir. Wir haben dann auch für einige Programme gemeinsam Designs oder Teilnehmerlisten vorbereitet. Dass schildert Riko in seinem Beitrag „Und was machst du dort konkret?“. Mittlerweile sind beide leider nicht mehr am IPC.

So viel also von meinem ersten Eindruck in Indien und dem Ankommen im Büro! In den nächsten Beiträgen wird es um zwei Programme des IPCs gehen, bei denen wir mitgearbeitet haben und für die wir nach Delhi und Kolkata (Kalkutta) reisen durften. Außerdem geht es darum, was wir in unserer Freizeit machen, wie wir Weihnachten gefeiert haben und was eigentlich den Westen Indiens vom Osten unterscheidet.

Aber halt! Der erste Eindruck ist ja nun fast 6 Monate her! Was hat sich seitdem entwickelt? Wie ist das Gefühl jetzt, wenn ich das Gelände des IPCs betrete?

Ein grüner Rückzugsort in einer fernen Stadt

Ich komme von einem Spaziergang zurück, bin einmal um‘ Block gelaufen; vorbei an den großen Häusern und manchen grünen Bäumen, die hinter den bunt bemalten Mauern hervorlugen. Es ist hell, die Sonne scheint. Das Tor steht offen. Ich betrete das Gelände des India Peace Centres und gehe den Sandweg entlang, der von Bäumen gesäumt wird. Auf der rechten Seite stehen Blumen und Pflanzen in Töpfen, die an der Straße vorne verkauft werden. Ich folge dem Weg, gehe langsam auf die Mauer zu, auf der das IPC-Logo zu sehen ist, das Gandhi-Rad und der Schriftzug in den silber-grauen Lettern, und atme tief ein und aus. Ich genieße das Gefühl der Ruhe und Vertrautheit, der Entspannung, die eintritt, wenn ich vom Lärm und Verkehr der Straßen in diese kleine grüne Oase einbiege: ein Rückzugsort, wo die Luft ein bisschen besser und das Leben ein bisschen ruhiger ist.

Markante Architektur und fremde Pflanzen

Auf dem Vorplatz stehend, schaue ich mich um. Links erheben sich die Gebäude des Centres. Sie sind aus Ziegelsteinen gebaut und haben ein schräges Dach (beides in Indien eher die Ausnahme). Die Dachspitze ist leicht offen gestaltet. Ein Spalt sorgt dafür, dass die Luft zirkulieren kann, wodurch es im Sommer kühler im Haus bleibt. Darüber ist ein weiteres kleines Dach, damit kein Regen hineinfällt. Ein überdachter Steg aus Stein verbindet die drei Häuser miteinander und bildet ein Rondell, in dessen Zentrum eine kleine Grünfläche mit Rasen und einem Topfbaum gebettet ist. Rechts vom Hauptplatz schlägt ein riesiger Baum seine Wurzeln in die Erde und wacht über das Gelände: eine Pappel-Feige. Sie soll im Gegensatz zu anderen Bäumen nachts Sauerstoff abgeben, weshalb man im Dunklen gut hier sitzen kann. Solange man bereit ist, sich den Platz mit den Mücken zu teilen.

Zielstrebig gehe ich weiter in den hinteren Bereich. Drei bewohnte Häuser stehen nebeneinander. In einem flachen Haus ganz rechts wohnt der Direktor, links wohnen wir, Riko und ich. Oben hat jeder von uns ein Zimmer, unten ist eine Küche und ein Aufenthaltsraum. Das mittlere Haus ist das größte. Hier leben drei Familien mit insgesamt neun Menschen. Am Anfang waren wir erstaunt, als wir nach und nach herausgefunden haben, wer alles dort wohnt. Ich gehe den Weg entlang am mittleren Haus vorbei, grüße Sanju, der gerade im Eingang steht, und gehe auf unser Haus zu, die Treppe hoch.

Ein Gefühl von Vertrautheit

Auf halbem Weg nach oben ist ein kleines Plateau. Dort bleibe ich stehen und schaue mich noch einmal um. Unten sind Obstbäume und Beete. Vor mir eine Palme und dahinter die Ashram-Gebäude des IPC. Das Gelände wird nach hinten von einer Mauer umgeben. Dahinter stehen andere, etwas höhere Gebäude. Ich atme noch einmal ein und aus.

Bin ich zuhause? Dieser Anblick ist mir in den letzten Monaten vertraut geworden. Ich schaue gern auf diese grüne Umgebung. Tagsüber stehe manchmal ich auf dem Plateau, um mir ein paar Sonnenstrahlen abzuholen. Nachts beobachte ich von hier aus den Mond, die Sterne und die Fledermäuse, die ihre Kreise über die Baumwipfel ziehen. Fast vergessen ist die anfängliche Überwältigung, das Gefühl, dass die Luft mir Fieber macht. Ich habe mich eingelebt und fühle mich wohl auf dem Campus.

Von hier aus kann ich nun starten, Nagpur und den Rest von Indien weiter zu entdecken. Ich bin gespannt…

Mein Frewilligendienst in Brasilien soweit

Bom dia, Boa Tarde oder vielleicht auch schon Boa Noite?🇧🇷

Hi, Hello Ich bin Yosii Und lebe seit einigen Monaten für meinen Freiwilligendienst in São Paulo, Brasilien. Meine Einsatzstelle ist aktuell ein Kindergarten.

São Paulo. Eine Stadt, die laut ist, schnell, riesig und vorallem  voller Leben. Ich lebe inzwischen hier, mitten in dieser Metropole, und manchmal kann ich selbst kaum glauben, wie schnell das hier alles mein Alltag geworden ist.

Eigentlich bin ich auch mit der Vorstellung nach Brasilien gekommen, mal raus aus meiner gewohnten Großstadt zu sein. Und jetzt? Lebe ich in einer der größten Städte der Welt. Aber São Paulo ist nicht mit deutschen Großstädten zu vergleichen. Hier sind die Entfernungen andere, die Zeit fühlt sich anders an. Strecken, die auf der Karte kurz aussehen, dauern plötzlich Stunden. Innerhalb Brasiliens fliegt man mehrere Stunden von einer Stadt zur nächsten, obwohl alles irgendwie nah beieinander liegt. Das hat mein Gefühl für Raum und Alltag komplett verändert.

Was mich selbst am meisten überrascht hat: wie schnell ich hier wirklich angekommen bin. Auch sprachlich. Portugiesisch war am Anfang natürlich eine Herausforderung  aber inzwischen komme ich unfassbar gut mit den Brasilianer*innen ins Gespräch. Im Alltag, in der Einsatzstelle, im Bus oder im Café. Sprache ist hier wirklich der Schlüssel zu allem, und je mehr ich spreche, desto mehr öffnet sich diese Stadt für mich. 

Meine Einsatzstelle war bisher ein Kindergarten, und dieser Ort hat meinen Freiwilligendienst stark geprägt. Die Kinder sind so offen, liebevoll und ehrlich, dass man gar nicht anders kann, als jeden Tag mit einem Lächeln dort anzukommen. Ich konnte mich dort richtig etablieren, Verantwortung übernehmen und Teil ihres Alltags werden. Bald werde ich in ein neues Projekt wechseln, darauf bin ich sehr gespannt, vor allem was für Lehren ich da mitnehmen kann. 

Ein Thema, das sich hier ebenfalls verändert hat, ist der Sport. In Deutschland war Volleyball ein fester Bestandteil meines Lebens. Regelmäßiges Training, Verein, Halle  all das gehörte dazu. In meinem neuen temporären zuhause ist das leider schwieriger als gedacht. Die Größe der Stadt, lange Wege und höhere Kosten machen es nicht leicht, einen passenden Hallenvolleyball-Verein zu finden. So hat meine Hallenvolleyball-Karriere hier vorerst ihr Ende gefunden:(( . Dafür habe ich gewechselt vom Hallenboden an den Strand. Beachvolleyball statt Halle. Auch das ist Freiwilligendienst : Umwege, neue Lösungen, neue Perspektiven.

Was ich hier lerne, geht weit über nur meine Einsatzstelle hinaus. Flexibel zu sein. Pläne loszulassen. Sich auf Neues einzulassen  auch wenn es ganz anders kommt als gedacht. São Paulo fordert mich jeden Tag, aber genau das macht diese Erfahrung so intensiv und besonders.

Obrigada fürs Lesen – und bis zum nächsten Update aus Brasilien eure Yosi!  ✨

kurze freie Beschäftigung vor dem Mittagessen.
Unerwarteter Besuch von Papai Noel 🙂

Blog Artikel 1; Meine Arbeit

Meine Arbeit

Hi, ich bin Johannes,
19 Jahre alt und jetzt schon 3 Monate in Brasilien. Hier absolviere ich in Curitiba bei dem Sozialprojekt Dorcas einen Freiwilligendienst. In meinem ersten Blog möchte ich euch über meine Tätigkeiten vorort erzählen.

Zuerst kurz zu meinem Projekt. Das Dorcas Projekt ist eine Initiative der lutherischen Gemeinde der Stadt. Das Projekt hat ihren Sitz in Bonfim, einem Außenviertel der Stadt. Ihr Hauptziel ist die Kinder und Jugendförderung. Dabei kann man die Einrichtung als eine Vormittags/Nachmittagsbetreung sehen. Dorcas bietet bei der Betreung künstlerische/musikalische sowie sportliche Programme an. Zudem wird unter Anderem auch Hausaufgabenbetreuung und  Lesehilfe angeboten.
Mein Aufgabenbereich ist dabei relativ vielfältig. Meistens wirke ich als Assistenzkraft. Ich unterstütze die Lehrer, in ihren unterschiedlichen Themenbereichen.
Zudem arbeite ich  als Küchenhilfe mit, helfe dem Hausmeister bei seinen Tätigkeiten, unterstütze beim Marketing, bringe mich als Übersetzungshilfe ein… und vieles mehr.

Einen typischen Tag gibt es für mich nicht wirklich.
Aber falls ich einen hätte würde er folgender Maßen Aussehen;
Arbeitsbeginn 7.45Uhr Morgenappell vorbereiten
8.30Uhr im Atelier mithelfen
9.30Uhr Chorunterricht
10.30Uhr Sportunterricht
11.30Uhr Mittagspause
12.15Uhr Küchenhilfe
13.30Uhr Sportunterricht
14.30Uhr Bastelklasse
15.30 Uhr Hausmeister beim sortieren des Vorratslager unterstützen
16.30 Uhr Arbeitsschluss

Wie sieht eigentlich euer Arbeitsalltag aus?
Schreibt es gerne in die Kommentare.
Bis zum nächsten mal,
euer Johannes

Afrika? Ein gefährliches Land?!

Ich war mir nicht sicher, was ich in meinem letzten Blogbeitrag dieses Auslandsjahres thematisieren sollte. Aber in den vergangenen Wochen wurde mir diese Entscheidung aufgrund der hier geschehenen Ereignisse abgenommen. Es ist fast, als würde mein Lerndienst enden, wie er begonnen hatte. Mit einem Theaterstück über Revolution, während draußen auf den Straßen Nairobis und im ganzen Land die Proteste stattfinden.

Als ich im August 2024 in Kenia landete, hatte sich die Lage der Demonstrationen zwar bereits beruhigt, aber die Menschen hatten nicht vergessen. Im Nationaltheater schauten wir das Musical „Sarafina“, eine Vorstellung über eine junge Frau inmitten einer Jugendbewegung im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika in den 1980er Jahren. Der Abend ist mir bis heute noch lebendig in Erinnerung; voller Energie, Sehnsucht und den Facetten einer mir fremden Welt. Das Theater war erfüllt von einer Spannung und Sinnigkeit; denn obwohl nicht derselbe Kampf bis vor kurzem in Nairobi gekämpft wurde, so waren es doch dieselben Glaubenssätze und derselbe Schmerz, den die Kenianer*innen mit den Protagonist*innen des Stückes teilten. Der Glaube an ein vereintes Vorgehen gegen ein Unrecht, die Leidenschaft für die gemeinsame Sache und der Schmerz von Gewalt, Verlust und Tod.

(Nairobi 2024)

Auslöser der Proteste 2024 war ein Finanzgesetz, das die Einführung neuer Steuern vorsah. Die Preiserhöhungen auf Brot, Öl oder Hygieneprodukte stellten für so manche eine Existenzbedrohung dar. Als Reaktion entwickelte sich die größte Jugendprotestbewegung auf dem afrikanischen Kontinent – unabhängig von ethnischen Gruppierungen und Zugehörigkeiten. Doch die Gründe für den Zorn und die Unzufriedenheit mit der Politik liegen tiefer. Der Frust über die herrschende Korruption, das arrogante Auftreten der politischen Elite und besonders die hohe Jugendarbeitslosigkeit brodelte schon lange unter der Oberfläche der Gesellschaft. Das durfte ich selbst in den vergangenen Monaten an unterschiedlichsten Stellen erfahren.

Hanan, Peter, Dennis, Mary, ich könnte dutzende Namen nennen; Namen von jungen Menschen, die auf der Universität studiert und ihren Abschluss gemacht haben in Biologie, Business oder Wirtschaft. Und nun stehen sie da ohne Job, ohne Ausblick auf Karriere. Es fehlt an Arbeitsplätzen. Manche warten und hoffen auf die Gelegenheit, ihr Geld mit der Arbeit zu verdienen, für die sie ausgebildet wurden, andere suchen sich Jobs wie Bodaboda-Fahren oder verkaufen Kleinigkeiten und Snacks am Straßenrand. Ob Daniel, mit dem ich auf den Mt. Kenya gewandert bin, Brian, den ich beim Tanzen kennengelernt habe, oder diverse Uber-Fahrer; niemand macht ein Geheimnis aus der Unbeliebtheit des Präsidenten. Und es war vor allem sie – die junge Generation – die im letzten Juni auf den Straßen Parolen wie „Ruto must go“ gerufen hat. Am 25. Juni 2024 stürmten die Demonstrierenden das Parlament. Die Polizei setzte scharfe Munition ein und schoss mitten in die Menge. Mehr als 23 Menschen sind dabei zu Tode gekommen.

Und nun, da sich der Jahrestag dieses denkwürdigen Ereignisses näherte, trieb es die Menschen erneut auf die Straßen. Als ich mich vor einigen Tagen nach Nairobi wagte, um mir ein Theaterstück über den Revolutionsführer Dedan Kimathi im MauMau-Aufstand der 1950er anzusehen, begegnete ich etlichen Soldaten, bewaffnet mit Gewehren und Knüppeln, die an der Straße und in Parks positioniert waren, um gegebenenfalls bei Unruhen eingreifen zu können. Die Demonstrierenden fordern Gerechtigkeit für Albert Ojwang und den Rücktritt des Polizeibeamten Lagat, dessen Klage in jenem Fall zur Verhaftung Ojwangs führte. Der Lehrer und Blogger wurde nach Folter auf der zentralen Polizeiwache getötet. Präsident Ruto äußerte sein Bedauern und versicherte, persönlich für Gerechtigkeit Sorge zu tragen. Zwei Polizisten wurden im Zusammenhang mit der Ermordung festgenommen. Doch die Amtsenthebung und Verhaftung des stellvertretenden Generalinspektors Lagat, die die Protestierenden vehement einfordern, steht noch aus. Als sie am Dienstag, den 17. Juni, auf die Straßen gingen, eskalierte die Situation. Ich habe die Lage zeitgleich in den sozialen Medien verfolgt und war beim Anblick der Bilder und Videos dankbar, mich nicht im Stadtzentrum Nairobis zu befinden.

Parolen wurden gerufen, die Polizei setzte Tränengas ein, vermummte Schlägertruppen mit Knüppeln und Messern ausgerüstet schlugen auf Zivilist*innen ein und einem Mann, der im Viertel Masken zum Schutz vor dem Tränengas verkaufte, wurde von einem Polizisten aus nächster Nähe in den Kopf geschossen; nur mit viel Glück und dank einer Notoperation überlebte er den Angriff. Leider gilt dies nicht für alle. In ganz Kenia nahmen Menschen an den Demonstrationen teil und einige kamen dabei ums Leben. „We are peaceful“, rufen die Protestierenden, doch die Polizeigewalt bleibt. Und erst jetzt wird ersichtlich, was diese Gewalt für nachhaltigen Schaden hinterlässt. Aufnahmen zeigen, wie die etlichen Ladenbesitzer*innen nach den Protesten ihre Räume begutachten. Die Zerstörung erschüttert. Für manche bedeutet diese Verwüstung die Bedrohung ihrer Existenz.

Die Wut und Frustration der Bevölkerung, besonders der jungen Menschen, ist mir absolut verständlich. Wer weiß, wie es in Kenia in einigen Jahren aussehen wird. Ich habe die politischen Strukturen und Probleme selbst nur sehr oberflächlich in meiner Zeit hier erfassen können und mir fällt es unglaublich schwer, die Lage einzuschätzen. Ein Jahr reicht aus meiner Erfahrung aus, einen Einblick zu gewinnen, aber ein ganzes Land in diesem Zeitraum, seine Politik, Gesellschaft und Kultur, zu erfassen, erscheint mir unrealistisch. Noch dazu hätte ich ohne Zugriff auf die sozialen Medien kaum etwas von den Protesten mitbekommen. Während ich diese Zeilen schreibe, ist es ein großes Thema in meinem Umfeld. Doch außerhalb der sozialen Medien und der Viertel, in denen demonstriert wird, geht der Alltag seinen gewohnten Gang.

Als meine Mutter einer Kollegin vor etwa einem Jahr erzählte, ihre Tochter wolle einen Lerndienst in Kenia absolvieren, reagierte diese erstaunt oder entsetzt mit den Worten: „Afrika? So ein gefährliches Land!“ Abgesehen von der Inkorrektheit der Gleichung Afrika=Land mangelt es in dieser Aussage auch ganz im Allgemeinen an Logik und Wahrheit.

Ja, es ist an manchen Tagen zu manchen Zeiten nicht ungefährlich und nicht ratsam, durch Nairobi zu spazieren. So wie es in zahlreichen anderen Ländern genauso wenig ungefährlich und ratsam ist, wo sich die Menschen mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzen, für ihre Meinung auf die Straße gehen und dabei Konflikte riskieren – sei es mit der Regierung oder mit Andersdenkenden. Es ist von vielen Faktoren abhängig, wie friedlich eine Demonstration verläuft. In Deutschland wie hier.

Denke ich an die „Gefahren“ der letzten Monate zurück und an Sicherheitsmaßnahmen, die ich getroffen habe, dann scheint mir die Tierwelt den größten Unterschied zu Deutschland darzustellen. Da das PLCC unmittelbar neben dem Nairobi Nationalpark gelegen ist, wird dringend geraten, bei Dämmerung oder Dunkelheit das Gelände nicht zu verlassen, um unerwünschte Begegnungen zu vermeiden. Daran habe ich mich meistens gehalten.

(Eine durchaus erwünschte Begegnung 🙂 )

Was die Menschen betrifft, ob hier in Rongai, in Nairobi oder sonst wo in Kenia, so fühlte ich mich sicher nicht trotz, sondern wegen der Menschen.

Überall auf der Welt können einem Leute begegnen, die nichts Gutes im Schilde führen und von denen man sich wünscht, dass sie fernbleiben. Als junge Frau habe ich von klein auf gelernt, achtsam zu sein und Alleingänge bei Nacht nicht zu riskieren. Solche Regeln scheinen leider so ziemlich überall sinnvoll zu sein. Nicht überall hingegen kann man sich gewiss sein, dass Menschen in der Nähe sind, die helfen und eingreifen. In Kenia ist das der Fall; es wird nicht bloß zugeschaut, sondern Initiative ergriffen, bevor Schlimmeres geschieht. Glücklicherweise hatte ich nie derart eskalierende Situationen; aber schon bei Kleinigkeiten waren umstehende Leute an meiner Seite und zögerten nicht zu helfen; und wenn es nur eine Diskussion mit einem Bodaboda-Fahrer oder ein grober Griff an meinen Arm eines ambitionierten Verkäufers war.

Je besser ich mich mit meiner Umgebung auskannte und mich für kulturelle Unterschiede öffnete, desto mehr begriff ich, dass so manche „Gefahren“ nichts sind als Unwissen und Unverständnis. Als ich noch nicht wusste, dass das Nehmen und Führen der Hand eine höfliche Geste und assistierte Begleitung bedeutet, interpretierte ich es gerne als übergriffig und reagierte abwehrend. Weiß man nicht viel über ein Land, eine Kultur oder Lebensweise, so kann einem jede Kleinigkeit im Alltag gefährlich vorkommen; denn sie ist fremd. Sich für neue Perspektiven zu öffnen, lässt mich die Welt ein kleines bisschen besser verstehen; Gefahren entpuppen sich als unbegründete Ängste und anstatt die Grenzen zwischen der eigenen und der fremden Welt in Gedanken hervorzuheben, scheinen diese zu verschwimmen.

Vor einiger Zeit fragte mich jemand, wie in Deutschland die Reaktionen seien, wenn jemand wie er (ein Schwarzer) den Menschen auf der Straße begegnen würde. Ich muss sagen, ich war zunächst leicht irritiert von der Frage. Er habe gefragt, weil in Kenia weiße Personen herausstechen würden. Und tatsächlich habe ich die Erfahrung gemacht aufzufallen. Während ich in Deutschland in der Menge untergehe, haften hier mehr Blicke auf mir. Allerdings auf eine erschreckend positive Weise. Unbegründete Bewunderung und Begeisterung begegneten mir und spiegelten sich in Kinderaugen. Und mir wurde immer wieder klar, dass ich – ob ich es will oder nicht – durch meine Hautfarbe vom tief verwurzelten Rassismus in der Gesellschaft profitiere, sei es in meinem persönlichen Ansehen oder strukturell, in Deutschland wie in Kenia. Und als ich antwortete, wie es andersherum in Deutschland aussehe, merkte ich schon, während ich sprach, dass ich log. Ich präsentierte ihm in meinen Worten ein Deutschland, wie ich es mir wünschen würde; meine persönliche Traumvorstellung von einem toleranten Land, in dem das Aussehen eines Menschen gleich wäre und das Innere einzig von Bedeutung bei der Beurteilung einer Person. Ein Land mit kultureller Vielfalt, bunt und offen.

(Für diese Mädchen würde ich mir eine Welt mit einer solchen Sichtweise wünschen…)

Das entspricht allerdings nicht der Realität und hat es nie.

Schwarz zu sein ist in Deutschland gefährlich, allein durch historisch verankerte Vorstellungen und Ansichten; Menschen mit schwarzer Hautfarbe werden institutionell und strukturell diskriminiert, in der Öffentlichkeit mit Rassismus konfrontiert und eher mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Und angesichts des wachsenden Rechtsextremismus und der damit verbundenen Gewalt stellt sich mir die Frage, wie gefährlich Deutschland gerade wird. Vielleicht nicht für jeden, aber für People of Color, für Mitglieder*innen der LGBTQIA+ Community, für Angehörige mancher Religionsgemeinschaften oder Menschen mit anderen politischen Ansichten.

Vielleicht bewerten wir so manche Welten zu Unrecht als „gefährlich“ aufgrund von Vorstellungen, die wir aus Ausschnitten in den Medien oder aus Vorurteilen gewinnen, und betrachten hingegen das eigene Umfeld als „ungefährlich“, weil wir es einschätzen können, weil es nicht fremd ist und weil die meisten von uns in diesem akzeptiert werden.

Jiayuguan- „Chinas Tor in die westliche Welt“

Welche Assoziationen kommen einen als erstes in den Sinn, wenn jemand China sagt? 

Die meisten Leute denken wahrscheinlich sofort an Megacities, wie Shanghai oder auch Chengdu. 

Sie denken an das Essen, an die Politik/Wirtschaft und natürlich eben auch an Sehenswürdigkeiten, wie die Chinesische Mauer. 

Vom hören her kennen wir alle die Chinesische Mauer, doch was genau steckt hinter ihr? 

Nimm dir eine Sekunde Zeit. Was weißt du über die Mauer? 

Wahrscheinlich sagst du jetzt so etwas wie:

„Sie sollte das damalige Chinesische Kaiserreich (vor allem den östlichen Teil, in dem der Kaiser lebte und seinen Regierungssitz hatte), vor den Nomadenvölkern, die immer wieder über die heutige Mongolei in das Reich einfielen, schützen.“

Okay und wenn ich dich jetzt frage, wie die chinesische Mauer aussiehst, wirst du mir wahrscheinlich folgende Landschaft beschreiben:

„Es ist eine einzige gewaltige zusammenhängende Mauer aus Steinen im Norden Chinas, die in regelmäßigen Abständen von Wachtürmen unterbrochen wird und sich über sanfte Hügel und Berge erstreckt.“

(Vielleicht hast du bei deiner Beschreibung sogar an den Film Mulan gedacht.) 

Doch was steckt (noch) alles hinter der Mauer, ihrer Erbauung und ihrer Geschichte? 

Ist es wirklich eine einzige Mauer?Wie lang ist die Chinesische Mauer? Wann wurde sie gebaut und wie lange hat der Bau gedauert? Und zum Schluss, was macht den Abschnitt in Jiayuguan so besonders?

Wann wurde sie erbaut und wie lange hat der Bau gedauert? 

Die Mauer wurde nicht an einem Tag gebaut, im Gegenteil! 

Der Bau begann schon im 7.Jahrhundert v.  Chr. und wurde über die Jahrhunderte hinweg immer wieder fortgeführt/erweitert und verstärkt.

Gibt es nur eine chinesische Mauer? 

Die Chinesische Mauer ist nicht nur eine Mauer! 

Oft gehen viele Menschen fälschlicherweise davon aus, dass die chinesische Mauer eine einzige zusammenhängende Mauer ist.

In Wirklichkeit besteht sie jedoch aus vielen unterschiedlichen Abschnitten, die zu verschiedenen Epochen und Dynastien gebaut wurden. 

Die Mauer war somit niemals eine durchgehende „Linie“.  

Es gab viele Brüche in ihrer Struktur, weshalb sie auf Karten wie viele unterschiedlich lange und unterschiedlich positionierte „Linien“ aussieht.   

Wie lange ist die chinesische Mauer? 

Man vermutet, dass sich die chinesische Mauer insgesamt über 21 000 km erstreckt. 

Ich finde es schwierig sich unter so einer hohen Zahl etwas vorzustellen, deshalb hier ein kleiner Vergleich. 

Das ist die Hälfte des Äquators! (Dieser ist um die 40 000km breit.) Verrückt, oder? 

Jetzt fragt ihr euch bestimmt, folgendes:

„Lenka, warum vermutet man, dass die Mauer 21 000km lang ist?

Wie ist man auf diese Summe gekommen und warum weiß man es nicht genau?“ 

Das ist eine sehr gute und wichtige Frage, die ich mir auch gestellt habe.

Im Bezug auf die Mauer müsst ihr folgendes wissen. 

Es gibt tatsächlich noch viele unbekannte Abschnitte der Mauer, die nicht vollständig entdeckt oder erforscht wurden.

Weite Abschnitte, besonders in abgelegenen und schwer zugänglichen Gebieten, sind zum Teil noch unentdeckt, oder im schlechtem Zustand. 

In einigen Wüsten- und Gebirgsteilen gibt es Fragmente der Mauer, die von der modernen Welt weitgehend unberührt geblieben sind. 

Archäologen und Forscher arbeiten weiterhin daran, diese unbekannten Abschnitte zu finden und zu dokumentieren.

Ein Teil der Herausforderung liegt in der extremen Länge der Mauer, die in verschiedenen Perioden und unter verschiedenen Dynastien errichtet wurde, was bedeutet, dass es zahlreiche „Mauern“ gibt, die nicht immer gut dokumentiert sind.

Außerdem sind einige Abschnitte aufgrund von Erosion und natürlichen Katastrophen mittlerweile kaum noch sichtbar.

Doch wenn Forscher daran arbeiten, die tatsächliche Länge herauszufinden, wie setzt sich dann die Kilometeranzahl von 21 000 km zusammen? 

Als erstes muss man wissen, dass nicht nur ganz klassisch die „typische“ Mauer dazugezählt wird, sondern eben auch Abschnitte wie Festungsanlagen, Verteidigungsanlagen und Wachtürme. 

Außerdem basiert diese Zahl auf Schätzungen, die aus verschiedenen Quellen und historischen Aufzeichnungen zusammengesetzt wurden.  

Man kann es sich ungefähr so vorstellen: 

Historische Dokumente aus den unterschiedlichen Dynastien, insbesonders aus der Qin- und Ming-Dynastie enthalten Karten, die die Länge und Ausdehnung der Mauer angeben und dokumentieren. 

Außerdem wurden die unterschiedlichen Bauphasen in den letzten Jahrhunderten systematisch kartiert. 

Desweiteren haben Archäologen mithilfe von modernen Technologien (Satellitenbildern, Luftaufnahmen und GPS), die genaue Lage und Ausdehnung besser erfassen können. 

Dies ermöglicht eben auch Mauerabschnitte in die Schätzung mit einzubeziehen, die schwer zugänglich oder nur teilweise dokumentiert sind. 

Somit setzt sich die Zahl aus vorhandenen, dokumentierten Mauerteilen und den historischen Bauphasen zusammen.

Es wird angenommen, dass in abgelegenen Gebieten, wie in der Wüste Gobi oder in Gebirgsketten, noch unentdeckte Fragmente existieren könnten, aber diese sind in die Gesamtschätzung der Länge bereits mit einbezogen, auch wenn sie nicht vollständig erfasst oder zugänglich sind.

Kurz vor meiner Abreise nach China habe ich eine Doku gesehen, die sich mit genau dieser Frage beschäftigt hat. 

Wie lang ist die Mauer und gibt es noch unerforschte Abschnitte? 

Die Frage hat vor allem ihren Fokus auf die Region Gansu und die Stadt Jiayuguan gelegt. 

Während der Feiertage im Mai hatte ich die Möglichkeit Jiayuguan zu besichtigen und mich tiefgründiger mit der chinesischen und lokalen Kultur und ihrer Geschichte auseinander zu setzten. 

Denn dieser Abschnitt der chinesischen Mauer (Jiayuguan) ist aus vielerlei Gründen spannend und auch interessant für uns Europäer. 

Was macht den Abschnitt in Jiayuguan so besonders von andern Knotenpunkten? 

Jiayuguan markiert den westlichsten „Endpunkt“ der chinesischen Mauer, was ihn zu einem wichtigen Wendepunkt in der Geschichte und gleichzeitig zu einem entscheidende Knotenpunkt für die Geschichte Asiens und Europas macht.  

Der Jiayuguan-Pass, welcher mit der Festungsanlage,  die später erwähnt wird, um das 13.  Jahrhundert erbaut wurde, war eine wichtige Grenzfestung und vor allem strategisch wichtiger Angelpunkt der Seidenstraße, da an der Stelle die Mauer in die Wüste Gobi übergeht und es somit den westlichsten Punkt Chinas darstellte. 

Es galt sogar als „Tor zur Seidenstraße“, denn wer in den Westen reisen wollte, musste durch Jiayuguan und dessen Tor, bzw. Tore.

Jiayuguan, bzw die Region war deshalb entscheidend für die Kontrolle des Zugangs zu Zentralasien und stellte somit die Grenze zwischen China und der westlichen Welt dar.

Das ist der Jiayugan-Pass mit den berühmten drei Toren

Es war „wie das Ende der Welt“, denn hatte man damals das Tor verlassen, stand man in den unendlichen Weiten der Wüste Gobi.

Ich kann mir nur vorstellen, dass man sich damals ziemlich alleine und hilflos gefühlt haben muss. 

(Als ich in Jiayuguan in der Wüste draußen war, gab es extreme Sandstürme.  

Davor hätte ich nie gedacht, wie gefährlich es ist und vor allem was für Kräfte diese Winde teilweise haben. Wir wurden regelrecht umgestoßen und sind auch öfters fast hingefallen. ) 

Wichtig zum Bild: Die Grünanlagen sind in den letzten paar Jahren aus unterschiedlichen Gründen angelegt worden. Davor war alles Sandwüste.

Außerdem sind nicht alle Abschnitte der chinesischen Mauer aus Stein! 

Im Gegenteil, sie wurde aus unterschiedlichen Materialien (Ziegel, Stein, Holz, Erde und sogar Stroh!) gebaut. 

(Es gibt sogar Abschnitte, die aus Bambus gebaut wurden.) 

In der Wüste, wie es der Fall in Jiayuguan ist,  verwendete die Bauleute meistens Lehmziegel und andere Materialien, da die Gegend so trocken und heiß war. (Siehe Bild) 

Ein anderer Wichtiger Punkt ist die Jiayugan-Festung, die heute eine der am besten erhaltenen und beeindruckendsten Festungsanlagen entlang der Mauer ist. 

Sie wurde damals im 14. Jahrhundert (während der Ming-Dynastie) erbaut und diente als. Schutz vor Invasionen. 

Die Festungsanlage mitten in der Wüste

Zur Chinesischen Mauer zählen auch Mauerabschnitte, die man im klassischen Sinne nicht als „Mauer“ definieren würde. 

So zum Beispiel zählen auch Festungsanlagen, Verteidigungsanlagen, wie Wachtürme, oder auch Gräber dazu. 

Die Great Hanging Wall

Die Great Hanging Wall (Jiayuguan Hanging Wall), gehört eben wie der Jiayuguan Pas zur Festung. 

Dieser Abschnitt der Chinesischen Mauer wurde speziell an einem schwierigen Gebirgsgelände errichtet, um den Zugang zum Reich der Ming-Dynastie zu sichern. 

Diese drei „Gebäude“, bzw Mauerabschnitte dienten als wichtige Verteidigungsstruktur gegen Nomadische Stämme. 

Jedoch hatte Jiayuguan nicht nur eine einen militärischen Zweck. 

Sie spielte eine Rolle bei der Kontrolle des Handels und der Migration. 

Besonders während der Ming-Dynastie wurden dort viele Zollstationen eingerichtet, die den Handel mit waren in Zentralasien regulieren und somit auch die Seidenstraße überwachten. 

Doch warum hat Jiayuguan noch heute so eine symbolische Bedeutung nicht nur für die Chinesen, sondern auch für uns Europäer und den Rest der Welt? 

Die geographische Lage machte Jiayuguan damals zu einem wichtigen Eingangstor in das Alte China, und war somit bedeutend für den Handel und die Verbindung unterschiedlicher Länder. 

Die Seidenstraße war ein Netzwerk von Handelswegen, das China mit Zentralasien,  dem Nahen Osten und Europa verband. 

Sie ermöglichte den Austausch von Waren, aber auch technologischen Ideen. 

(FunFact: Marco Polo ist auf seinen Reisen auch über die Seidenstraße, bzw der Handelsroute nach Asien gereist. ) 

Die „Route“ trug zum kulturellen Austausch und zur Entwicklung von Zivilisation bei und förderte die Verbreitung von Religionen wie dem Buddhismus und dem Islam. 

Doch die historische Seidenstraße hat nicht nur eine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung, sondern eben auch eine ganz aktuelle Relevanz. 

Die „One Belt, one Road Initiative“ Chinas ist eine moderne Umsetzung des alten Handelsnetzwerkes, die darauf abzielt die Handelsbeziehungen zwischen Asien, Europa und Afrika zu stärken. 

Diese Initiative umfass Infrastrukturprojekte wie Häfen, Flughäfen, Straßen und Eisenbahnen, die umstritten sind. 

Heute hat die Seidenstraße eine neue Bedeutung.

Sie ist ein Symbol für den globalen Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit. 

Sie spielt eine Schlüsselrolle in vielen Diskussionen (geopolitisch und wirtschaftlich),  besonders im Bezug auf die wachsende Rolle Chinas.  

Eins ist klar, das Erbe der historischen Seidenstraße lebt noch heute weiter und Initiativen,  wie die „Belt and Road Initiative“ zeigen, wie sehr sie noch heute, im 21. Jahrhundert integriert sind. 

Jeden Tag mit 100 Kindern spielen

Moin aus Ciudad del Este!

Das hier ist schon der letzte Blogeintrag hier aus Paraguay! Fast 11 der insgesamt 12 Monate sind vorbei. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, dass ich dann bald ein letztes von so vielen Malen am Terminal, dem kleinen Busbahnhof, in den Bus nach Buenos Aires und dort in den Flieger nach Deutschland steige. Ein ganzes Jahr habe ich hier verbracht und es ging Ende August 2024 damit los, dass wir vier Freiwilligen an der Grenze von Brasilien nach Paraguay aus dem Bus ausstiegen. In der hektischen und überfordernden Innenstadt mit seinen Hochhäusern, die für seinen Shoppingtourismus bekannt ist, haben wir uns damals einen roten Stempel in unserem Pass geben lassen und sind irgendwie mit sehr schlechtem Spanisch und ohne Guarani, der Landeswährung, zum Terminal gekommen. Da hatten uns dann Kollegen aus den zwei Projekten, in denen wir arbeiten, abgeholt. Und das Gefühl am Anfang durch die Straßen zu spazieren, das wunderschöne und große Projekt, das Hogar, mit den Mango-, Limetten-, Granatapfel-, Guayaba- und Bananenbäumen das erste Mal zu sehen und mit dem Aufhängen meiner Fotos an der Wand in meinem Zimmer, mich für ein Jahr einzurichten, das werde ich nicht vergessen. Bei allem dachten wir uns: So ist das also hier, wo wir jetzt ein ganzes Jahr lang leben werden. Trotzdem fühlt es sich lange her an, wie auch nicht. Denn seitdem hatte ich das ereignisreichste Jahr meines Lebens. Jeden Tag im Projekt mit den Kindern, Wochenendtrips nach Encarnación, Asunción, Campen unter Palmen, Seminare, Urlaube, Besuche bei und von Mitfreiwilligen und meiner Familie, Affenhitze, zuletzt auch unerwartete Kälte und ganz viel mehr. Und immer noch schlafe ich in demselben Zimmer auf meiner zu weichen Matratze, zwei Meter von einer Bananenpalme und einem Hahn, der seit Anfang an gerne die Nächte durchkräht, entfernt und unter der hier fast auf jedem Dach zu findendem blauen 500 Liter Wassertonne.
Dass das alles ganz bald für immer vorbei ist, versteh ich dann glaub ich auch erst, wenn es soweit ist.

Am Freitag, also in zwei Tagen, mache ich mich zusammen mit meiner Mitfreiwilligen auf nach Buenos Aires. Da geht dann nächste Woche das letzte Seminar mit der Organisation von hier, der evangelisches Kirche Argentiniens, Paraguays und Uruguays, los. Ich freu mich sehr, alle Freiwilligen wiederzusehen und auch die Wochenenden vor und nach dem Seminar in der riesigen Stadt zu verbringen, in der ich dann das ein oder andere ausnutze, das es hier nicht gibt, wie zum Beispiel Bäckereien und viel sehr gutes Essen oder auch Bars und Clubs. Ich rechne auch damit, dass es sehr guttun wird, sich wieder über verschiedenste Erfahrungen auszutauschen und dabei ein bisschen zu reflektieren. Vor allem denke ich auch, dass ich durch das Seminar nochmal besser realisieren werden kann, dass das Jahr dann bald vorbei ist. Denn gerade die letzten Monate, obwohl die 8-stündige Arbeit jeden Tag mit den Kindern teils sehr fordernd ist, habe ich mich enorm daran gewöhnt und ist es natürlich alltäglich geworden. Und so erfüllend das Spielen, Lernen und Quatschen mit den Kindern immer wieder ist, so sehr bin ich auch das gewohnt. Insofern nehme ich mir ganz fest vor, genau diese tollen Momente mit den Kindern, die ich jetzt 10 Monate lang jeden Tag hatte, nochmal richtig zu genießen. Denn ich kann ganz klar sagen: Es ist bei weitem nicht das Einzige und ich hab super viel an Paraguay und meiner Zeit hier sehr genossen, aber die Kinder sind das absolute Highlight meines Freiwilligendienstes.
Deswegen weiß ich, dass ich  am aller meisten vermissen werde, jeden Tag von 100 Kindern umgeben zu sein. Wenn ich wie heute aus der Klasse komme, in der ich 8 Kindern auf verschiedenen Niveaus Plus, Minus, Mal und Geteilt erkläre und aufpassen muss, dass nicht abgeschrieben und kein Radau gemacht wird, und dann die kleinen und größeren Kinder kommen und unbedingt Toca-Toca-Congelada, Eisticken, mit mir spielen wollen. Und sich ein Bein ab freuen, wenn ich mitspiele. Und dann wie jeden Tag voller Inbrunst gerannt und gelacht wird.
So sehr ich mich auf zuhause freue, so sehr wird mir das und vieles mehr vom Leben hier in Paraguay fehlen.

Das nächste Mal melde ich mich dann aus Deutschland, ich bin sehr gespannt auf die letzte Zeit hier!

Ganz liebe Grüße aus Südamerika

Ben  

Zeitvertrauen

Braids sehen toll aus – strapazieren je nach der Art, wie sie eingeflochten und gepflegt werden, aber auch übermäßig stark die Haarwurzeln. Eine der vielen Lektionen, die ich mitnehmen durfte; jene Lektionen, die einem im Alltag ständig über den Weg laufen.

Schon sehr lange hatten die Kinder mich dazu aufgefordert, mir Braids in einem Friseursalon machen zu lassen. Dabei wird das Kopfhaar in viele kleine Zöpfe geflochten. Um längere Zöpfe zu erhalten, werden häufig Extensions verwendet. Die Resultate können je nach Stil und Größe der Zöpfe sehr individuell und unterschiedlich aussehen.

Der Ursprung dieser Flechtfrisur findet sich im afrikanischen Raum. Erste Hinweise dieser Technik lassen sich im alten Ägypten 3500 v.Chr. finden. Sie symbolisierten kulturelle Zugehörigkeit, Religion oder politische Standpunkte. Bis heute sind sie Teil der Kultur der People of Colour. Aus diesem Grund hatte ich auch lange Zeit nicht mit dem Gedanken gespielt, mir selbst Braids machen zu lassen. Ob es sich beim Tragen der Braids als weiße Person um kulturelle Aneignung handelt, darüber wird diskutiert. Fest steht aber, dass sie je nach Kontext, Region und geschichtlichem Hintergrund kulturelles Statussymbol und Zeichen Schwarzer Identität und Freiheit sind; sie haben eine tiefere Bedeutung für viele ihrer Träger*innen. Sie deswegen aus rein modischen Motiven zu tragen, ohne sich mit ihrer Geschichte und ihrem Wert auseinanderzusetzen, kann als respektlos aufgegriffen werden. Menschen können verletzt werden; sich in ihrer Identität ungesehen fühlen.

Mir ist es wichtig, diese Informationen aufzuführen und damit auch den Kontext, in dem ich mich zu dieser Frisur entschieden habe. Von den Kindern hatten wir uns bereits Frisuren zeigen lassen, geübt und ausprobiert – zum einen mit unseren und auch mit ihren eigenen Haaren. An den Strähnen zu tüfteln, sie zu kämmen und sie schließlich aufzustecken oder zu flechten, war eine gemeinsame Aktivität, die uns zusammengeschweißt hat, die Kontakt und Miteinander bedeutete, bei der wir voneinander lernen konnten. Eine Berührung, die Grenzen aufbricht und verschwimmen lässt. Seit einem Dreiviertel Jahr bin ich nun in Kenya. Unterschwellig lernte ich dabei mehr und mehr über die verschiedenen kulturellen Gruppen, die Sprache, die Lebensweise. Ich bin einer Vielfalt bunter Persönlichkeiten begegnet – alles Menschen. Wie ich selbst auch. Egal wie unterschiedlich unsere Leben sind, unsere Interessen, unsere Vergangenheit – was uns zusammenschweißt, ist die Menschlichkeit; tolerieren, respektieren und wertschätzen wir unsere Verschiedenheiten, können wir in einer wohlwollenden Gemeinschaft leben und in dieser teilen und schenken. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Kinder, die Hausmütter, die Lehrkräfte und die Sozialarbeiterinnen gefreut haben, als ich mit der neuen Frisur zur Morgenandacht kam. Für uns war mein Tragen dieser Frisur kein respektloses Nicht-Anerkennen – eher im Gegenteil; ein kleines Zeigen, dass wir ein Team sind und ich für diese Gemeinschaft dankbar bin.

Mit Purity, einer der Hausmütter, war ich am Tag zuvor zusammen in einem Salon. Zuerst wurden ihre Haare gemacht und schließlich meine. Drei Stunden Arbeit, die vielleicht vier Stunden gewesen wären, hätte Purity nicht bei den vielen Zöpfen mitangepackt. Dass es damit auch ihr Werk war, hat mich auf eine Weise berührt; schließlich ist sie eine mir sehr wichtige Bezugs- und Kontaktperson im Alltag und bei der Arbeit. Das Staunen und die Freude der Kinder hätte ich auf Video aufnehmen sollen. Sie wussten sehr viel besser als ich, wie die Zöpfe frisiert werden konnten und halfen mir bei der Pflege. Denn diese vernachlässigte ich dezent… Womöglich einer der Gründe, warum meine Haarwurzeln ungewöhnlich stark strapaziert wurden. Als wir an einem Sonntag morgen zusammen die Zöpfe entflochten, machte sich bemerkbar, wie stark meine Kopfhaut unter Spannung gesetzt worden war. Viele Haare waren abgebrochen und der Haarhaufen beim Kämmen wurde größer und größer. Die Konsequenz war simpel; ein Abend im Badezimmer. Eine Bastelschere. Ein Schnipp Schnapp.

Ein bisschen anders ist die Nora, die heute durch Nairobi streift, im Matatu Musik hört oder in Rongai die Abendsonne genießt. Sie ist etwas anders als die Nora vor einem Dreiviertel Jahr. In dieser Zeit habe ich Lektionen für mich mitgenommen; bin gelassener geworden und ein bisschen verrückter. Nicht nur daran ersichtlich, dass ich nicht vor einem neuen Haarschnitt zögere. Allein das Fußfassen in einem neuen Umfeld und meine tägliche Zeit mit den Mädchen bedeutete zugleich eine Erweiterung meines Wissens. Ich weiß nun mehr durch Erfahrung. Da gibt es die kleinen Dinge…

Ich weiß, wie ich auf Kiswahili bete und wie ich mich in dieser Sprache zumindest ein bisschen („kidogo“) verständigen kann.

Ich weiß, wie ich ein Armband flechte und kenne Matherechnungen, die ich in meiner Schulzeit nicht gelernt habe.

Ich weiß zumindest theoretisch, wie man Chapati macht (obwohl ohne Tabithas oder Puritys Anweisungen mein Resultat zwar eine Art Gebäck ist, aber definitiv kein Chapati).

Ich weiß, wie ich aus alten Plastikflaschen Blumen zaubern kann.

Ich weiß, dass ein strahlend blauer, sonniger Himmel nicht bedeutet, dass es nicht zwei Minuten später in Strömen regnen könnte.

Und ich weiß, dass Zeit vieles fügt.

Das ist eine meiner größten Erkenntnisse. Und sie umfasst so viele Bereiche meines Lebens.

Ganz am Anfang herrschte in mir Unsicherheit. Mein gesamtes Umfeld war unbekannt und fremd. Da war kein Vertrauen – weder in die Menschen noch in meinen Alltag. Wie ich was mit wem reden sollte, war jedesmal eine kleine Herausforderung; bei der Arbeit in der Schule wusste ich nicht, was ich machen kann, soll und darf; das Heimweh und die Sehnsucht nach der bekannten Welt eroberten ab und an meine Stimmung, verbunden mit der immerwährenden Angst, es könnte so bleiben; dass sich nichts ändern könnte, ich mich nie in diesem Neu zurechtfinden und das Begegnen mit den Menschen Tag für Tag eine kleine Überwindung darstellen würde. Doch mit der Zeit näherten wir uns einander an; kleine Gespräche, aus denen tiefere Bindungen erwuchsen. Je häufiger wir in Kontakt traten, uns austauschten und quatschten, desto mehr kam mir eine Erkenntnis: Dass es nichts gibt, vor was ich mich fürchten müsste. Es klingt banal, aber etwas in mir musste beruhigt werden und verstehen, dass mir niemand etwas Böses will. Und so öffneten wir einander die Türen und luden uns ein. Durch Ausprobieren, Nachfragen und Um-Hilfe-Bitten wuchsen die Sicherheit und die Gewohnheit.

Wieder aufs Neue überwältigten sie mich vor Beginn des Ferienprogramms, die Zweifel und Ängste: Kann ich das überhaupt? Werde ich mich mit den Kindern verstehen? Was, wenn etwas schiefgeht? Wenn es nicht nach Plan läuft?

Überraschung: Es lief nicht nach Plan. Das ein oder andere ging schief. Ja und? Deswegen ist die Welt nicht untergegangen. Vorbereitung hin oder her; vieles kam doch anders. Und „anders“ bedarf keiner Wertung. Anders ist anders. Es entstanden Komplikationen und genauso Momente, die ich mir nicht schöner hätte ausmalen können. All diese Situationen haben ihre Daseinsberechtigung; ein weinendes Kind, das Trost braucht, oder eine lustlose Stimmung, weil niemand sich für das Spiel interessiert; Stromausfall, der Filmschauen und Regen, der Kreidespiele schwierig macht; genauso wie ein Gejubel über eine Bastelidee und die Verlängerung von beliebten Programmpunkten.

Und wenngleich es holprig, gern spontan und nicht perfekt lief, so hatten wir es am Ende gemeinsam über die Bühne gebracht. Wir hatten kreiert, getobt und geschaffen. Wir haben uns näher kennengelernt; einander und uns selbst. Ich erlebte die Kinder, wie sie lachten, stritten und weinten, stolz ihre Basteleien präsentierten, jubelten wenn sie sich auf den Kuchen freuten oder einen Moment still dasaßen, Musik lauschten und zeichneten. Wie ich sie wahrnahm, lehrte mich eine nicht unbedeutende Lektion, die ich auf mich selbst bezogen nie glauben wollte. Dass das bloße Sein eines Menschen und der Wille, ein guter Mensch zu sein, wichtiger sind als Leistung und Fähigkeiten.

Aber auch das konnte nur wachsen dank der Zeit.

Vieles habe ich zum ersten Mal gemacht. Seien es bestimmte Mahlzeiten zu kochen, Bodaboda zu fahren oder Reisen planen und umzusetzen. Bis ich es tat, konnte ich nicht wissen, ob ich es kann. Mit der Zeit festigte sich mein Zeitvertrauen. Kriechen heute die Zweifel in meine Gedanken, dann spüre ich sie, höre ihnen zu und kann dann sagen: Lass etwas Zeit vergehen. Es wird sich fügen. Vielleicht kann Zeit nicht alles fixen, aber eine ganze Menge.

Und was schmerzhaft bleibt und nicht repariert werden kann, wird Zeit zu einer weichen Narbe verblassen lassen und vielleicht eine neue Lektion hinterlassen.

Manchmal sind die Veränderungen und das Wachstum so langsam, dass es kaum bemerkbar ist. Also trete ich einen Schritt zurück und sehe es an den Kleinigkeiten, an der Lockerheit, wie ich meine Haare abschneide und es mir gleich ist (denn sie wachsen mit Zeit).

Besucht werden im neuen Zuhause

Moin aus Paraguay!

Jetzt sind es die letzten dreieinhalb Monate, die ich noch hier in Ciudad del Este lebe und meinen Freiwilligendienst mache. Wie eigentlich das ganze Jahr lang löst das ein Gemisch an Gefühlen aus. Während ich mich wirklich immer wieder sehr auf zuhause freue, hab ich auch total Lust auf die letzte Zeit hier. Denn so langsam beginnt hier die Zeit, in der man die Wochenenden zählen kann und irgendwann dann anfängt zu überlegen, was man alles noch machen möchte, bevor es zurück geht. Und mittlerweile habe ich sehr viel mehr Leute kennengelernt und kenne natürlich die Stadt recht gut. Von ein paar Sachen aus der letzten Zeit erzähl ich jetzt ein bisschen.

In den letzten Wochen hatten wir viel Besuch. Neben anderen Freiwilligen aus unserer Organisation aus Asunción und Argentinien haben auch meine Schwester und meine Cousine den über 10 Tausend Kilometer langen Weg auf sich genommen, um mich zu besuchen. Während meine Schwester 2019/2020 ihren Freiwilligendienst in Tansania gemacht hat, hab ich sie auch besuchen können und ich kann mich noch genau an meinen Eindruck und meine Gefühle erinnern. Ich weiß noch genau, wie beeindruckt ich von meiner Schwester war, dass sie sich in einer so fremden Umgebung ihr Leben aufgebaut hat und sich mit allem auskannte. Umso gespannter war ich natürlich auf ihren Besuch und wir haben hier schon monatelang immer gesagt, was wir alles unserer Familie zeigen wollen, wenn sie kommen. Natürlich konnte ich nicht alles, was ich in den 7 Monaten vorher gesehen hatte, zeigen. Aber einen sehr guten Eindruck von allem konnte meine Familie bekommen und es war wunderschön, denen zu zeigen, wie und wo ich hier so lebe. Denn ich erinnere mich selbst gut daran, dass die Erzählungen, nachdem man alles gesehen hat, natürlich viel besser vorstellbar sind. Für mich war es auch besonders, weil es das erste Mal nach 7 Monaten war, dass ich ein bisschen aus meiner Welt hier rausgekommen bin. Die mag ich zwar sehr gerne, aber vermisse trotzdem auch die Zuhause-Welt ab und zu. Der Besuch von meiner Schwester und meiner Cousine hat mir also auch ein bisschen ein wohles Zuhause-Gefühl gegeben.

Außerdem war es total schön, zu sehen, wie begeistert alle Gäste von der Stadt und Paraguay waren. Ich konnte allen die verschiedenen Ecken hier zeigen und nochmal deren Eindruck hören, wie besonders und wie anders Paraguay natürlich im Vergleich zu Deutschland aber auch im Vergleich zu Argentinien ist. Und die Begeisterung der Gäste wirkt sich dann auch auf einen selbst ab. Das Besondere am Leben in Ciudad del Este ist aus unserer Sicht wahrscheinlich, dass es ein sehr origineller Eindruck ist. Dadurch dass abgesehen vom Shoppingzentrum praktisch keine Fremden hierherkommen, ist es hier anders als in Asunción oder sogar Buenos Aires weniger globalisiert und ein größerer Kontrast zu Deutschland. Das bedeutet vielleicht, dass es keine Boulderhalle, keinen Hockeyverein und einige Lebensmittel nicht gibt, aber das bedeutet zum Beispiel auch, dass alle sehr interessiert sind, was wir hier machen und die meisten sehr positiv demgegenüber eingestellt sind. Letzten Samstag war eine Marktverkäuferin sogar so erfreut, dass sie uns die Erdnüsse, die wir kaufen wollten, einfach geschenkt hat. Von unserem mercado abasto, also dem Wochenmarkt,war Leon, der seinen Freiwilligendienst in Buenos Aires macht und uns hier ein Wochenende besuchen konnte, auch sehr begeistertsten und hat da einige Fotos geschossen:

Gestern hatte ich das zweite Mal in meiner Zeit hier eine dicke Lebensmittelvergiftung. Das sind dann Momente, in denen man lieber zuhause wär. Auch wenn sich meine Mitbewohnerinnen sehr lieb um mich gekümmert haben, krank und nicht zuhause zu sein ist ein bisschen blöder. Generell habe ich mich gut an Kakerlaken, Katzen, die ans Essen gehen, Stromausfälle und Sonstiges hier gewöhnt, aber insgesamt freue ich mich dann auch mein eigenes Bett zuhause und den Luxus dort. Eine oft erwähnte, aber wahre Erkenntnis eines Freiwilligendienstes ist auf jeden Fall, dass man alles Normale von zuhause dann sehr wertschätzen lernt. Und obwohl das Wasser aus der Leitung hier nicht trinkbar ist, unsere Wäsche nicht so richtig sauber wird und es immer mal nach Tierkot riecht, wenn man unsere Lebensbedingungen mit anderen in unserem unsere Viertel vergleicht, geht’s uns sehr gut. Hier gibt es auch ganz unterschiedliche Lebensbedingungen und eben auch Familien, die in Armut leben. In dem Projekt, in dem meine Mitfreiwillige Lene und ich arbeiten, dem Hogar Santa Teresa de los Niños, kommen die Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren aus verschiedenen familiären und finanziellen Hintergründen. Die tägliche Teilnahme am Nachhilfeunterricht, der Spielzeit und dem Essen sind für die Kinder umsonst und spendenfinanziert. Lene und ich finden, dass das Schönste am Hogar die alltägliche Geborgenheit ist. Wir kennen zwar die meisten Hintergründe der Kinder nicht, aber bei manchen wissen wir, zum Beispiel durch Erzählungen und Hausbesuche am Anfang des Jahres, dass die Verhältnisse schwierig sind. Bei vielen haben wir, soweit wir es einschätzen können, aber auch das Gefühl, dass die Kinder sehr geborgen sind. Jedenfalls schätze ich mich sehr glücklich, in einem Projekt zu arbeiten, wo ich stark das Gefühl habe, hilfreich zu sein: Den Kindern zuhören zu können, zu spielen oder in Mathe zu helfen. Jeden Tag erleben wir dabei die süßesten Situationen. Letzte Woche fragte mich ein neuer, kleiner Junge: „De que mundo sos vos?“, also aus welcher Welt ich herkomme. Normal sind auch Sprechgesänge mit unseren Namen, damit wir zum anschaukeln kommen sowie ganz viele Umarmungen und viele Kinder, die sich freuen uns zu sehen. Und auch ich freue mich immer sehr, die Kinder zu sehen. Über meinen Urlaub oder an langwierigen Besprechungstagen hab ich die auch schon immer mal vermisst.

Es gibt allerdings momentan recht große Veränderungen im Projekt. So wurde Anfang des Jahres der Kindergarten, der Teil des Projekts war, geschlossen. Außerdem wurden verschiedene Erzieher entlassen und die Kinder sind jetzt jeden Tag zwei Stunden länger da als vorher. Das bedeutet seit einigen Wochen also auch für uns zwei Stunden mehr arbeiten jeden Tag, von 7:30 bis 16:15. Das hat es nochmal deutlich energieaufwendiger gemacht. Gerade weil auch zwei Gruppen zusammengelegt wurden, also jetzt 25 Kinder in einem kleinen Raum unterrichtet werden und das nicht immer unter Kontrolle gehalten werden können, ist das teils sehr anstrengend. Diese Zusammenlegung oder auch, dass die kleinen Kinder zwischen 6 und 9 Jahren auch 2 1/2 Stunden im Klassenzimmer bleiben müssen neuerdings, sind aus unserer Sicht keine positiven Veränderungen. Die erneuten Zeiten sind zwar eine ministeriale Vorschrift, wie uns gesagt wurde, aber kaum ein Kind kann sich so lange konzentrieren, vor allem in einer großen Gruppe. Allerdings können wir daran nichts ändern, obwohl unsere Meinungen gehört sind, sind die Strukturen wie wir das mitbekommen haben etwas verstrickt und die Zeit gerade ein bisschen turbulent im Projekt. Mich stört eigentlich vor allem, dass immer mal die Dynamiken der Kindergruppen sehr unkontrolliert sind. Das liegt an Unterbesetzung, aber auch daran dass zum Beispiel eine Erzieherin oft sehr demotiviert und am Handy ist. An Tagen, an denen weniger Kinder kommen, beobachten Lene und ich, dass die Zeit im Klassenraum als auch draußen beim Spielen auf dem wunderschönen, großen Gelände viel qualitativer für die Kinder ist und nicht unkontrolliert. Ich denke, dass einen weiteren Erzieher oder eine weitere Erzieherin einzustellen helfen würde. Ich habe zwar vor, meine Sicht vielleicht bei der nächsten Besprechung zu mal darzulegen, aber tatsächlich verstehen wir dann auch nicht alles, was so vor sich geht. Und obwohl wir das Projekt sehr gut kennen und Teil der Arbeit sind, sind wir natürlich nur Freiwillige, die für ein Jahr mitarbeiten dürfen. Abgesehen von diesem Kritikpunkt ist das Hogar vor allem ein wunderschöner Ort für die Kinder.  Über 100 kommen jeden Tag in zwei Gruppen und verbringen dort eine schöne Zeit. Mir macht die Arbeit auch nach wie vor enorm viel Spaß und ich bin sehr dankbar, die Möglichkeit zu haben, das so machen zu können.

Womit ich auch sehr zufrieden bin, ist meine Freizeitgestaltung. Neben dem wöchentlichen Bachata- und Salsatanzkurs, wo wir jetzt das erste Mal zum Fortgeschrittenkurs gegangen sind und dem Fußballspielen mit einem Kollegen und seinen Freunden, habe ich endlich noch ein neues Hobby für mich gefunden. Mit unseren Besuch waren wir Padel-Tennis spielen, was wir schon immer mal ausprobieren wollten, und da habe ich eine Gruppe gefragt, ob ich mal bei denen mitspielen könne. Die haben mich direkt in ihre Gruppe hinzugefügt und seitdem spiele ich mindestens einmal die Woche mit denen Padel. Der Sport an sich macht mir sehr viel Spaß und vor allem sind alle sehr nett. Darüber freu ich mich sehr, auch die noch besser kennenzulernen. Ansonsten geh ich auch nach wie vor gerne Spazieren oder Joggen und relativ regelmäßig gehen wir mit unserem Besuch auf die große Projektwiese und schmeißen ein bisschen die Frisbee. Mir geht’s hier also insgesamt sehr gut!

Soweit von hier, liebe Grüße nach Deutschland!

Ben

Von einer außergewöhnlichen Frau…

Am 08. März 2025 verabredete ich mich mit Purity, einer der Hausmütter des PLCC. Wir nahmen uns beide ungestörte Zeit, setzten uns in den Schatten vor unserem Haus und ich bat sie, mir zu erzählen; von sich, von ihrer Arbeit, von ihrem Leben. Unser Gespräch zeichnete ich in ihrem Einverständnis auf und tippte es im Nachhinein ab. Ihre Erzählungen kürzte und übersetzte ich. Die Geschichten, die sie erzählt, ihre Gedanken und Ansichten sprechen für sich.

Wer bin ich und wie kam ich ins PLCC?

Mein Name ist Purity Mukami Abigael. Ich bin vierundvierzig Jahre alt und nun seit fast zwei Jahren im PLCC.

Wir hatten eine Bekanntgabe in unserer Kirche, dass dort eine Hausmutter gebraucht wird. (…) Wir wussten, dass es ein Ort ist, an dem unter anderem Waisenkinder und Kinder mit schwieriger Vergangenheit leben. Als ich also hörte, dass die Anzeige von dort kam, wusste ich: Das will ich tun. Denn vor einigen Jahren war ich eine alleinerziehende Mutter. Ich habe mich alleine um meine und die Kinder meiner Schwester gesorgt. Gott war immer da für mich. Ich fragte mich: „Was kann ich tun, um zu würdigen, was Gott für mich getan hat?“ (…) Zwar habe ich nicht viel Geld oder andere Gaben, die ich der Kirche geben kann, aber das kann ich tun, um Gott zu zeigen, dass ich dankbar bin. Referentin Agnes trug mir auf, einen Brief zu schreiben. Das war 2019. 2019 verging, 2020 verging, 2021 verging. Ich hatte den Brief schon vergessen. Doch im März 2023 erhielt ich einen Anruf von Referentin Agnes. Ich traf unsere Direktorin Mary Mchana in Nairobi. Wir besprachen alles Nötige und wann anzufangen sei. Einerseits war ich aufgeregt und voller Vorfreude: Ja, ich hatte es geschafft! Andererseits fragte ich mich, was mit meinen
Kindern geschehen würde. Mein Mädchen war in der ersten und mein Junge in der dritten Klasse. Wer würde sich um sie kümmern?

Ich suchte unsere Evangelistin auf und erzählte ihr von meinem Kummer; wer würde für meine Kinder da sein? Ich wäre weit fort von ihnen, wie würde das sein? Sie sprach zu mir: „Mach dir keine Sorgen. Ich bin hier. Ich werde ihre Mutter sein.“ Ich war so dankbar. Für wahr, Gott wollte, dass ich dies tue. Ich war glücklich.

Was sind meine Aufgaben und wie sieht mein Arbeitsalltag aus?

Das Wichtigste ist die Betreuung der Kinder und die Sorge um ihre Gefühle. Das ist die größte Aufgabe. Ich habe realisiert, dass das Verhalten einiger der Mädchen darin begründet liegt, wo sie herkommen und was sie durchgemacht haben. Also ist es meine Aufgabe, mich um ihre emotionale Sicherheit zu kümmern, indem ich sie verstehe und auf sie eingehe, sodass sie stabil werden. Natürlich sorge ich mich auch um sie, indem ich für sie koche und ihnen die Liebe einer Mutter gebe.

Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass die emotionale Stabilität auch mit der Förderung ihrer Begabungen verknüpft ist. Üben wir gemeinsam für eine Aufführung, hilft es ihnen. Sie vergessen ihre Vergangenheit. Sie konzentrieren sich. Dreißig Minuten sind genug und wir sind durch. Sie haben alles verstanden. Das macht mich so glücklich und ich fühle mich ermutigt. Jede Woche bereiten wir etwas vor. Wenn die Kinder in der Schule sind und ich die Hausarbeiten erledigt habe, muss ich für die Woche etwas Neues suchen; denn ich weiß, sie wollen etwas Neues lernen, was wir donnerstags in der Morgenandacht oder am Sonntag in der Kirche präsentieren können. Das motiviert mich.

Was liebe ich an meiner Arbeit? Was motiviert mich?

Was ich liebe und was mich am meisten erfüllt, ist, diese Mädchen zu sehen. Sie sind
glücklich, sie haben keinen Stress, sie fühlen sich wohl; das gibt mir ein Gefühl von: Ja, ich habe es geschafft! Ich habe es für meinen Gott getan. Und das ist mein Motto, das ist mein Thema, das ist mein Stolz; zu sehen, dass es ihnen gut geht, denn ich kann ihnen nichts anderes geben.

Wie fühlt es sich an, eine so lange Zeit so weit weg von der Familie zu sein?

Das ist eine sehr herausfordernde Frage. Manchmal vermisse ich sie sehr. Wie – wie jetzt. Ich habe sie seit dem 28. Dezember nicht mehr gesehen. Es ist manchmal so schwierig… so schwierig. Letzte Woche habe ich erfahren, dass mein Drittgeborener – er lebt in Nairobi und arbeitet mit seinem Bruder –, dass sie einen Streit hatten. Ich musste alles übers Telefon regeln. Ich musste sie beraten; alles übers Telefon. Und dann ging mein Guthaben leer und ich konnte nicht einmal mit ihnen reden. (…) Ich betete für sie.
Am nächsten Morgen erfuhr ich vom Erstgeborenen, dass sie das Problem gelöst hatten. Gott hat es für mich getan. Weil ich zu ihm gesprochen hatte: „Ich bin weit weg von ihnen. Ich sorge mich um diese Kinder. Bitte, Gott, tu es für mich.“

Über meine Kindheit…

Ich wurde in eine Familie mit sechs Kindern geboren. Ich bin die Zweitgeborene. Meine
Mutter verstarb 1998, als ich sechzehn Jahre alt war. Mein Vater ging zu seiner zweiten
Frau, als meine Mutter starb, und wir wurden zurückgelassen. Meine ältere Schwester
heiratete. Nun war ich die Erstgeborene für meine anderen Geschwister. Also habe ich mich um sie gekümmert. Meine jüngste Schwester war zwei, der eine Bruder vier, der
andere war in der sechsten und meine andere Schwester in der siebten Klasse. Ich hatte
eine sehr schwierige Zeit. Ich zog los, um nach etwas zu essen zu suchen, um irgendeine
Arbeit zu finden, damit wir einfach irgendwas bekommen.

Ich gab mein Bestes und Gott war da für mich. Denn nie kam eine Zeit, in der ich nicht
handeln konnte. Mein Vater zahlte die Schulgebühren für die Familie. Aber woher sollten die Bücher kommen? Die Kinder brauchten Radiergummis, Stifte und so weiter. Das lag alles an mir. Unsere Nachbarin sah, wie ich kämpfte, und wollte mir helfen. Sie ging zu
einer Organisation, die sich um Waisenkinder und Kinder in schwierigen Situationen kümmert.
Am ersten Tag kamen sie mit Essen, sie nahmen Informationen auf und versicherten
uns, sie würden sich um die Schule kümmern, um ein gutes Haus für uns, um alles, was
nötig sei. Doch am nächsten Tag – keine Ahnung, wie die Nachricht ihn erreicht hatte –
ging mein Vater ins Büro der Organisation und sagte ihnen: „Nein, ich bin am Leben. Niemand hat sich um meine Kinder zu kümmern, solange ich lebe.“ Als ich davon erfuhr, war mein höchstes Stresslevel erreicht. Und ich war wütend. Ich konfrontierte meinen Vater: „Wie konntest du uns das antun? Du ernährst uns nicht. Du tust nichts für uns. Und sobald wir jemanden finden, der uns helfen kann, zerstörst du alles. Vater, ich habe mein Bestes getan, aber bitte: Nimm dein Bündel.“ Schweren Herzens gab ich ihm meine Geschwister. Doch meine Stiefmutter sah nicht ein, warum sie sich um die Kinder einer anderen Frau kümmern sollte.

Was hätte ich tun sollen? Ich nahm sie wieder zu mir. Mein Gedanke war: „Jetzt werde ich sterben“ Ich kann es nicht in Worte fassen. Ich hatte keine Hoffnung mehr. Unsere Evangelistin besuchte uns, um zu sehen, wie es uns erging. Ich erzählte ihr von unserer Geschichte. Sie sprach zu mir: „Du kannst nie wissen, warum Gott es so entschieden hat. Doch bist du jemals hungrig ins Bett gegangen?“ Ich sagte ihr: „Nein.“ „Weil Gott immer für uns da ist.“ Und dann sagte sie mir: „Gott wird immer für dich da sein. Mach dir keine Sorgen. Gott wird für dich da sein.“ Sie munterte mich auf, wir sprachen viel und sie versprach, für uns da zu sein. Meine Geschwister wuchsen heran und gingen weiter zur Schule. (…)

Über meine Ehe…

Als ich heiratete, ging ich in eine neue Hölle. Meine Schwiegermutter konnte mich nicht in Frieden lassen. Sie missbilligte mich sehr. Sobald mein Ehemann zu ihr kam, erzählte sie Schlechtes über mich und verbreitete Lügen. Ich hätte dieses und jenes getan, ich hätte dieses und jenes gesagt. Es war wie die Hölle. Eines Tages bat ich ihn: „Bitte, ich flehe dich an. Hör deiner Mutter zu, aber entscheide. Du selbst kannst überlegen und verstehen, wann sie die Wahrheit spricht und wann sie Falsches sagt. Wenn es ein Problem gibt, komm, lass uns zusammensetzen und selbst eine Lösung finden. “
In jener Nacht wurde ich geschlagen. Ich wurde von meinem Ehemann geschlagen. Ich würde seine Mutter nicht sehen wollen, ich würde weder ihm noch seiner Mutter zuhören, ich würde sie nicht respektieren. Er sagte so viel Schlechtes. Ich dachte: „Mein Gott, wenn es dein Wunsch ist, dass ich in dieser Ehe bleibe, bitte, lass diesen Menschen sich ändern.

Und bitte, wenn es nicht dein Wunsch ist, bitte, mein Gott, ebne mir einen Weg, dass ich aus diesem Gefängnis fliehen kann und nie wieder zurückkehre.“

Das war nicht das Ende. Bei jeder Kleinigkeit, die er fand, wurde ich geschlagen und geschlagen. Schließlich sagte mein Erstgeborener: „Mutter, lass uns gehen. Unser Vater schlägt dich jeden Tag, jede Zeit. Das finden wir nicht gut. Er wird dich umbringen und wenn du stirbst, wo bleiben wir dann?“ Zu diesem Zeitpunkt war er sieben Jahre alt.
Eines Abends kam mein Mann nach Hause und sprach zu mir: „Ich will dich aus meinem Haus, jetzt. “ Stell dir vor, ich fühlte kein bisschen Kummer. Ich sagte: „Danke Gott!“ Er würde mir nicht nachkommen, denn er war es, der sagte, ich solle meine Habseligkeiten nehmen und gehen. Ich fragte ihn, ob es wirklich sei, was er wolle. Er sagte: „Ja.“ Ich konnte kaum glauben, dass er es war, der sprach. Aber ich erinnerte ihn: „Niemals, niemals, niemals wage es, mir nachzukommen. Versuch es nicht!“ Ich nahm meine Sachen und meine Kinder. (…)

An dieser Stelle ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Puritys jüngster Sohn blieb zunächst bei seinem Vater und sie rang und kämpfte, um ihr Kind zu sich zu holen. Es war nicht nur der Wunsch einer Mutter, die ihr Kind über alles liebt, sondern auch ihr Wille und Ehrgeiz, ihrem Sohn Bildung zu ermöglichen; der Vater behauptete, er habe kein Geld, um den Jungen zur Schule zu schicken. Und obwohl Purity selbst nichts in den Taschen hatte, schaffte sie es mit Unterstützung lieber Mitmenschen; sie
behauptete sich im Rechtsstreit und bekam das Sorgerecht für ihren Sohn. Und allen Hindernissen zum Trotz ermöglichte sie ihm den Besuch der Schule.

Ich kämpfte. Und lass mir dir sagen, von da wurde ich nie gebrochen. Wenn ich an meine
Zukunft denke und mich daran erinnere, wie Gott für mich da war, fühle ich so viel Glück,
dass ich mich um diese Kinder hier kümmere. Denn das ist das Größte und Wichtigste, was ich für Gott tun kann. Denn von da an, obwohl es Höhen und Tiefen gab, war Gott immer und immer für mich da. Da war immer jemand, der mir geholfen hat. Natürlich machen die Kinder mal Sachen, die mich furchtbar fühlen lassen. Aber ich muss sie verstehen und mich an unsere Verbundenheit erinnern. Ich muss ihnen vergeben, damit wir weitermachen können. (…) Es gibt Einiges, was sie nie bekommen haben, als sie aufwuchsen. So bin ich wie ihre Mutter. Es ist meine Aufgabe, es ihnen zu geben. Ich
muss ihnen zeigen, was der nächste Schritt ist, was das richtige ist.

Nun realisiere ich, dass da etwas hinter dem, was Gott getan hat, steckte, als ich durch all das durchmusste. Ich wurde vorbereitet. Denn eines Tages sollte ich hier ankommen.
Und ich weiß: Nichts ist unmöglich. Nichts ist unmöglich unter Gottes Augen. Wenn die Kinder manchmal etwas falsch machen, setzen wir uns zusammen und reden. Und nach etwas Zeit realisieren sie, was sie getan haben, war falsch und sie kommen und sagen: „Mutter, es tut uns leid. Wir bitten um Vergebung und werden es nicht wieder tun.“ (…)
Wenn wir ein Problem haben, müssen wir nach der Ursache suchen. Denn wenn wir den Ursprung nicht ergründen, wird das Problem kein Ende finden. Also setzen wir uns zusammen und reden.

Über meine Ausbildung…

Ich betete, dass ich eines Tages meine Ausbildung wieder aufnehmen könnte; damals
konnte ich nicht atmen. Ich konnte nicht zur Schule gehen. Doch ich sagte immerzu, eines Tages, wenn meine Kinder mit der Schule fertig wären, würde ich wieder zur Schule gehen. 2021 gab es eine Mitteilung in unserer Kirche, dass die Regierung ein Bildungsprogramm starten würde. Ich schloss mich der Klasse an. (…) Wir bestanden unser Exam 2023, als ich hierher kam (…), wo ich auch eine psychologische Ausbildung begann.

Ich danke Gott, denn diese hat mir viel weitergeholfen. Sei es nur, mich zu beruhigen, und zu wissen, alles – so schlimm es auch sein mag – mit Fröhlichkeit anzunehmen, denn womöglich steckt etwas dahinter; ein Problem, von dem Gott möchte, dass wir es lösen. Nächstes Jahr möchte ich mit dem Kurs fortfahren, denn ich habe erkannt, wie wichtig diese psychologische Bildung ist – sogar für mich selbst.

Wenn ich auf meine Vergangenheit zurückblicke und darauf schaue, wo ich jetzt stehe, möchte ich gerne sagen…

Mein Fazit ist: In meiner Vergangenheit hatte ich nichts. Doch jeder Abschnitt, durch den ich gegangen bin, war Teil einer Vorbereitung. Nun bin ich etwas Präsentables. Ich kann andere ermutigen, ich kann Hoffnung spenden, ich kann meine Familie versorgen. Ich kann Menschen, die bedürftig sind, etwas geben. Meine Vergangenheit war eine Vorbereitung für meine Zukunft.

Purity erzählte noch bei weitem mehr; wie ihr so viele Menschen aus dem Dorf halfen, ihrem Sohn die Schulgebühren zu finanzieren und Kleidung für seine Schuluniform zu beschaffen; wie sie voller Energie und Freude in der Kirche sang und sich engagierte; wie sie den Sohn ihrer jüngeren Schwester als ihren eigenen aufnahm, als die Ehe dieser zerbrach.

Wenn man diese Frau so sieht, kann man kaum glauben, wie ihre Vergangenheit
ausgesehen haben muss. Selten trifft man Menschen mit solcher Liebe, Klugheit und Weisheit. Und trotz ihrer lebhaften Erzählungen fällt es mir persönlich mit einer solch anderen Lebensrealität schwer, mir auszumahlen, wie ihre Welt aussah. Menschen können Inspirationen sein; als sie selbst und mit ihren Geschichten umso mehr. Wir können viel von Purity lernen; über Vertrauen; wahre Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, wenn es am meisten darauf ankommt; und darüber, nicht zu verzweifeln und aufzugeben, sondern Lösungen zu suchen und zu handeln, selbst wenn die Welt unlösbar düster zu sein scheint.

„In China Essen alle doch Reis!“

Die Klischees und Unterschiede zwischen dem Norden und Süden Chinas 

Wenn wir über China reden, ist vielen Leuten gar nicht bewusst, wie groß und vielfältig das Land ist. 

In Gesprächen bringe ich gerne den Vergleich:

„China ist ähnlich groß wie Europa und allein die Provinz in der ich meine Einsatzstelle habe (Gansu) ist größer als Deutschland. (Die Provinzen könnte man im deutschen den Bundesländern gleichsetzen.) 

Insgesamt besteht China aus 23 Provinzen und fünf autonomen Regionen. 

Die Diversität und Vielfalt Chinas lässt sich unmöglich in einem Blogbeitrag festhalten. 

Dennoch möchte ich ein paar Klischees über China, und vor allem Klischees über den Norden und Süden Chinas aufgreifen und darüber sprechen was an ihnen dran ist und wie ich sie wahrgenommen beziehungsweise wahrnehme. 

Dabei möchte ich mich vor allem auf zwei Provinzen beziehen, nämlich Yunnan und Gansu. 

An diejenigen, die meinen letzten Beitrag gelesen haben, die wissen schon, dass meine Mama aus China, um genauer zu sein aus Yunnan, kommt.

 Aus diesem Grund konnte ich schon einige (tolle) Erfahrungen und Erinnerungen als Kind hier in Yunnan sammeln. 

Desweiteren, sind gerade Ferien, die ich hier in Yunnan verbringe. 

Als Vergleich zu Yunnan (Süd-China) möchte ich mich auf die Provinz Gansu beziehen, die ich als zweites zu Hause hier in China betrachte. 

Gansu liegt im Norden Chinas, zwischen der Wüste Gobi, dem tibetischen Hochplateau und Xinjiang. 

Sie ist vom Gelben Fluss geprägt und weite Teile der Provinz sind gekennzeichnet durch Wassermangel. 

Gansu ist ein zentrales Bindeglied der Seidenstraße, auch deshalb leben dort unterschiedlichste Ethnien und Minderheiten. 

Die meisten ethnischen Minderheiten in China leben jedoch in den westlichen und südwestlichen Regionen des Landes, insbesondere in den Provinzen Yunnan, Guangxi (Süden), Guizhou (Süden), Xinjiang (Norden), Tibet und der inneren Mongolei. 

(In diesen Provinzen ist die Bevölkerungsdichte der Minderheiten deutlich höher, als in den anderen Teilen Chinas.) 

Doch warum leben gerade insbesonders in Yunnan so viele Minderheiten? 

Yunnan ist geschichtlich betrachtet eine entscheidende Landbrücke gewesen, über die immer wieder verschiedene Gruppen (Völker) aus dem heutigen Südchina nach Süd-Ostasien migrierten/auswanderten. 

Yunnan war/ist ein unvermeidlicher Knotenpunkt der südlichen Seidenstraße, die Sichuan (China) mit Indien verbindet und somit eine wichtige politische, militärische und historische Rolle darstellt. 

Meine Familie gehört nicht nur zu Dai-Minderheit, sondern hat auch „Anteile“ von anderen Minderheiten wie Lisu, etc..

In Dehong sind die beiden größten Minderheiten Dai und Jingpo. 

Die Dai gehören zu den Thai-Völkern und sind während ihrer Wanderung nach Süd-Ostasien hier geblieben. 

Sie leben vor allem in den Ebenen und praktizieren Reis-Anbau. 

Die Jingpo kamen vom tibetischen Plateau und wohnten traditionell in den benachbarten Bergen. 

Ihr wichtigstes Fest ist das Munao Zongge Fest in Dehong, meiner Heimat in Yunnan Mangshi, welches 15 Tage nach dem chinesischen Neujahr jährlich gefeiert wird. 

Es ist eines der wichtigsten Feste in der Jingpo Kultur und wird auch von ein paar anderen Minderheiten gefeiert. 

Munao Zongge wird als ,,Tanz in Maß“, oder ,,Tanz ins Paradies“ übersetzt. Früher hat man es vor allem vor einem wichtigen Kampf , nach einem Sieg oder einer guten Ernte gefeiert. 
Ich liebe dieses Fest und habe auch schon als Kind zweimal mitgetanzt.

Ähnlich wie in vielen anderen Ländern, gibt es auch viele Vorurteile und Klischees was den Norden und Süden Chinas betrifft.

 Doch was ist an den Klischees dran? Und was genau unterscheidet die ,,Südchinesen“ von den ,,Nordchinesen“? 

Als erstes muss man erwähnen, dass es keine klare geographische Grenze gibt, die den Norden vom Süden abgrenzt. Oft nimmt man die Einzugsgebiete zwischen Yangtze (Süd-China) und Gelber Fluss (Nord-China) als Grenze. 

(Alles was über dem Fluss ,,liegt“ zählt somit zu Nordchina und alles was ,,drunter liegt“ zu Südchina. 

Aufgrund der großen Ausdehnung von Nord nach Süd, von West nach Ost und der großen Höhenunterschiede kommen in China fast alle Klimate vor. 

In den nördlichen Teilen Chinas sind die Winter oft lang, kalt, trocken und oft unter dem Gefrierpunkt. 

An meiner Einsatzstelle beträgt die Temperatur im Winter oft um die -20 Grad sogar tagsüber. 

Der Sommer ist auch lang, heiß und trocken,  aber dafür sind die Übergangszeiten sehr kurz. 

In den südlichen Regionen, insbesonders in Yunnan, herrschen subtropische Klimabedingungen.

 In meiner Heimatstadt, Manghsi, liegt die Temperatur im Winter bei durchschnittlich 15/20 Grad. Aber Yunnan ist besonders im Sommer vom Monsum mit seinen vielen Starkregen geprägt. 

Gerade die unterschiedlichen Klimate lassen sich unter anderem in der Architektur widerspiegeln. 

Im Norden, wo das Klima rauer, kälter und trockener ist, wird die Architektur vor allem durch Baumaterialien wie Stein und Ziegel geprägt. 

Diese bieten nämlich mehr Schutz vor der Kälte und dem Schnee. 

Im Süden hingegen setzt man eher auf Materialien wie Holz und Bambus. Diese kommen nicht nur reichlich in der Natur vor, sondern ermöglichen gleichzeitig auch eine authentische Anpassung and die Umgebung. 

(Früher, denn heutzutage setzt man wie in vielen anderen Ländern auf Beton und einen moderneren Baustil.) 


Ein weiterer Unterschied der nicht nur zwischen Nord- und Südchina, sondern in allen Teilen erkennbar ist, ist die Sprache

Die allgemeine Amtssprache in China ist Mandarin. Die Realität ist aber, dass in den verschiedenen Provinzen unterschiedliche Dialekte gesprochen werden, die sich sehr stark vom Hochchinesisch unterscheiden. 

Ich vergleiche dies gern mit den Unterschieden zwischen Deutsch und Schweizerdeutsch, bzw. Dänisch. 

Allein in den Provinzen Yunnan und Gansu gibt es eine Vielzahl an Dialekten. 

In meiner Einsatzstelle habe ich mich mit ein paar Lehrer*innen über die Dialekte unterhalten. Sie alle sind in der Provinz Gansu aufgewachsen und meinten, dass selbst sie enorme Probleme haben den Dialekt („Hezhenghua“ im deutschen Hezhengsprache zu verstehen, der in meiner Stadt Hezheng gesprochen wird, da sie selbst mit anderen Dialekten aufgewachsen sind. 

Doch es ist nicht nur die Vielfalt der Sprache, der Kultur, des Klimas, der Architektur und noch vieles mehr, welches China so vielfältig und einzigartig macht, sondern auch das Aussehen der Menschen. 

Eigentlich schon paradox, dass ich diesen Punkt ansprechen muss. Aber nicht nur in meiner Kindheit, sondern auch jetzt noch höre ich leider sehr oft das Klischee: „In China sehen alle Menschen gleich aus“. 

Nein! Das tuen sie nicht! 

Ironischerweise finden auch viele Chinesen, dass wir „Europäer alle gleich aussehen“, welches wir wahrscheinlich überhaupt nicht bestätigen würden. 

Es gibt aber leider ein paar Vorurteile, die sich anscheinend nur schwer aus der Welt zu schaffen lassen. 

Ein weiteres Vorurteil über das Aussehen, welches man immer wieder hört, ist die Aussage, dass die Menschen im Norden größer sein sollen? 

An dem Klischee ist aber was dran. Tatsächlich ist die Durchschnittsgröße sowohl von Männern, als auch Frauen im Norden höher, als im Süden Chinas. 

Ein letzter großer Punkt auf den ich noch eingehen möchte ist das Essen, denn bekanntlich geht die ,,Liebe ja durch den Magen“. 

Doch essen alle in China nur Reis? 

In China herrschen eine Vielzahl an unterschiedlichen Küchen. Offiziell gibt es 8 traditionelle Küchen, die sich nicht nur am Kochstil, sondern auch in den Zutaten unterscheiden. 

In Gansu im Norden essen viele Leute sehr gerne Weizen oder Nudelgerichte. Im Süden hingegen setzt man viel mehr auf Reis. 

Doch warum ist das so? 

Das liegt vor allem am Klima und der damit möglichen Agrarwirtschaft. Ein damit verbundenes ,,Klischee“ ist, dass sich die unterschiedlichen Anbauweisen auf die Mentalität der Menschen ausgewirkt haben soll. 

Kurzgefasst sagt man, dass man früher zum Bewässern von Reisfeldern eine Vielzahl an Menschen benötigt habe, beziehungsweise ein ganzes Dorf. 

Das heißt die Menschen waren auf die Hilfe von anderen angewiesen, was dazu führte, dass die Südchinesen tendenziell im Kollektiv denken mussten. 

Im Norden hingegen konnte man aufgrund des Klimas nur auf den Weizenanbau zurückgreifen.     Die Ernte von Weizen schafft ein Bauer auch „alleine“, was dazu führte, dass die Menschen im Norden dazu tendieren individuell zu denken. 

Was ich auf jeden Fall dazu sagen kann ist, dass die Menschen in Gansu noch jetzt trotz der Globalisierung noch sehr gerne Nudeln und Weizen essen. 

Meine Freunde in Hezheng sagen immer zu mir: „Ich könnte 3-Mal am Tag Nudeln essen, aber niemals 3-Mal am Tag Reis“.

 (Allein in der Schulkantine meiner Schule, kann man neben dem Reis jeden Tag zwischen fünf unterschiedlichen Nudelgerichten wählen. ) 

Zum Schluss möchte ich nochmals erwähnen, dass mir bewusst ist, dass es noch viel mehr Unterschiede und Klischees gibt auf die man eingehen könnte, wie zum Beispiel die Kultur, die Religion, das Aussehen und vieles mehr…. 

Leider ist es aber nicht möglich diese in einem so kleinen Rahmen zu erläutern, da es dem Thema und den Menschen nicht gerecht werden würde. 

Ich bin aber sehr dankbar einen so tollen Einblick in die zwei Provinzen zu bekommen und allein diese Vielfalt der zwei Provinzen so hautnah mitzuerleben. 

Ich möchte mich von euch damit verabschieden indem ich das Eingangsklischee,  („In China essen alle doch Reis“) aufgreife, um es als Metapher weiter zu nutzen. 

„Nein, nicht alle Chinesen essen Reis“.