Als ich in Argentinien angekommen bin, hat sich vieles überwältigend angefühlt: ein neues Land, eine andere Sprache, ein unbekannter Alltag und das Wissen, für lange Zeit weit weg von Zuhause zu sein. Einerseits war ich voller Vorfreude, ganz viel Neues zu erleben und zu erfahren. Nach zwölf Jahren Schule einmal etwas ganz anderes machen: ein neuer Ort, neue Menschen, neue Erfahrungen. Gerade deshalb hat das Ankommen nicht auf einmal stattgefunden. Es hat Zeit gebraucht – Zeit, um mich zu orientieren, um auch hier Routinen zu finden und um innerlich mit dieser neuen Lebenssituation Schritt zu halten.
Gerade am Anfang war Einsamkeit etwas, das ich kaum ignorieren konnte. Nach der Arbeit bin ich nach Hause gekommen und habe gemerkt, wie still es sein kann, wenn vertraute Menschen, Gespräche und Umarmungen fehlen. Ich habe meinen Freiwilligendienst in Buenos Aires mit einem Anfangsseminar in einer Zwölfer-WG begonnen, und mir ist das WG-Leben richtig ans Herz gewachsen. Die anderen Freiwilligen wohnen auch jetzt in WGs, während ich alleine lebe. Fotos von Spieleabenden und gemeinsamem Kochen haben mir vor Augen geführt, was mir gerade fehlte. Inzwischen weiß ich aber auch, dass es nicht immer so harmonisch in WGs abläuft und dass man manchmal mit Menschen zusammenwohnt, mit denen es einfach nicht passt.
Dieses Alleinsein hat sich oft schwer angefühlt, aber es hat mich auch gezwungen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Ich habe gelernt, Stille nicht sofort füllen zu müssen. Ich wusste von Anfang an, dass ich alleine wohnen würde, und ich habe mir das auch zugetraut. Und ja, inzwischen fühle ich mich sehr wohl damit. Trotzdem habe ich gerade durch das Alleineleben gemerkt, wie sehr ich es eigentlich genieße, mit anderen Menschen zusammenzuwohnen.
Was mir schnell aufgefallen ist und mir sehr gut gefällt: Ich habe die Menschen hier als unglaublich offen und herzlich erlebt. Ich hatte viele zufällige, schöne Begegnungen – kurze Gespräche auf der Straße, ein gemeinsamer Mate, ein Lächeln, ein „todo bien?“ (Alles gut?). Diese kleinen Momente haben mir immer wieder gezeigt, wie viel Wärme in einfachen Gesten liegen kann.
Mit der Zeit hat sich vieles verändert. Mein Spanisch hat sich langsam verbessert, und ich habe mich mehr getraut zu sprechen, auch wenn ich Fehler gemacht habe. Ich habe Freunde gefunden, die meinen Alltag hier sehr bereichern. Es ist schön zu wissen, dass ich Menschen um mich herum habe, mit denen ich jederzeit etwas unternehmen kann. Ich fühle mich nicht mehr alleine.
Auch im Projekt habe ich mehr Verantwortung übernommen und bin stärker in die Abläufe eingebunden worden. Dadurch fühle ich mich nicht mehr nur als Besucherin, sondern als Teil des Ganzen.
Inzwischen fühlt sich Mar del Plata vertraut an. Wenn ich weg war, war es ein richtiges Gefühl von Wiederankommen, sobald ich zurück bin. Ich kenne die Straßen, die Läden und teilweise sogar die Menschen – wie meinen Gemüsehändler oder Leute, die täglich denselben Bus nehmen wie ich. Ich genieße das Leben hier nun viel mehr. Und gerade jetzt im Sommer, mit den vielen Urlauber*innen, liegt eine wunderschöne, entspannte Stimmung über der Stadt.
Und irgendwo zwischen Alltag und Ankommen ist mir Mar del Plata ans Herz gewachsen.
Hi, ich bin Arne, 18 Jahre alt und mache zurzeit meinen Freiwilligendienst im „Hogar Amanecer“, einem Kinderheim in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Das Heim ist das Zuhause für rund 20 Kinder, die nicht bei ihren Familien wohnen können.
Die ersten drei Monate hier in Montevideo vergingen wie im Flug. Ich war ganz damit beschäftigt, in dem für mich bis dorthin neuen Land anzukommen, alle Kinder und Mitarbeitenden im Projekt kennenzulernen und mich an die Abläufe und Aufgaben zu gewöhnen. Außerdem wollte ich schnellstmöglich Spanisch lernen, da mir der berühmte Satz aus der Vorbereitung „Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden“ so im Kopf geblieben ist. Zudem habe ich schnell selbst erfahren, dass mein Grundwortschatz für die erste Verständigung, wie das Absprechen der Arbeitszeiten mit gelegentlicher Unterstützung des Übersetzers zwar ausreicht, ich für die alltägliche Kommunikation die Sprache jedoch gerne deutlich besser beherrschen würde.
Fußball spielen
Mittagspause
Abendstimmung im Projekt
Von Woche zu Woche konnte ich bei meinem Spanisch eine Verbesserung feststellen und wenn man bemüht ist zu lernen, auch wenn man zu Beginn sogar mehr Fehler macht, als dass richtige Wörter herauskommen, so habe ich die Erfahrung gemacht, dass so gut wie alle Menschen vor Ort die Bemühungen sehr wertschätzen und einen unterstützen. Mir ist bewusst geworden, was für einen hohen Stellenwert die Sprache im Prozess des Lernens einnimmt, denn mittlerweile kann ich Gespräche führen, über beispielsweise die Hintergründe einzelner Kinder oder das System der Kinderheime in Uruguay und mit welchen Herausforderungen es zu kämpfen hat, was zum einen super interessant ist und ich zum anderen unheimlich viel Neues lernen kann. Was mir beim Spanischlernen geholfen hat: sprechen, sprechen und noch mehr sprechen – außerdem spanische Bücher lesen, die man zuvor schon in seiner Muttersprache gelesen hat und so den Inhalt schon gut kennt (in meinem Fall Harry Potter). So ist es mir leichter gefallen, der Geschichte zu folgen, auch wenn ich des Öfteren einzelne Wörter und zu Beginn auch ganze Sätze nicht verstanden habe. Nebenbei war ich noch damit beschäftigt, die wunderschöne Stadt Montevideo zu erkunden, erste lokale Kontakte zu knüpfen und Zeit mit meiner WG zu verbringen.
Umso schneller stand dann schon der Dezember vor der Tür und ich konnte es kaum abwarten zu sehen, wie der Advent, eine für mich besondere Zeit, in diesem Kinderheim in Uruguay verbracht wird. Kurz zuvor hatte unsere Chefin uns gefragt, ob wir nicht Lust hätten, einen Adventskalender für die Kinder zu machen, weil sie den beidseitigen kulturellen Austausch im Rahmen des Freiwilligenprogrammes sehr schätzt und da Adventskalender in Uruguay nicht sehr typisch sind, empfand sie das als eine gute Gelegenheit.
Almut (meine Mitfreiwillige) und ich haben uns also Ende November an die Planung gemacht. Da es im „Hogar Amanecer“ drei Gruppen (Casa 1, 2 und 3) gibt, in denen jeweils sechs oder sieben Kinder sind, haben wir uns dazu entschlossen, für jedes Casa (Haus) einen Adventskalender zu machen. Ein eigener Kalender für jedes Kind wäre uns von dem zur Verfügung stehenden Budget und auch vom Aufwand nicht möglich gewesen. Wir wollten aber auch nicht, dass sich alle 20 Kinder einen einzigen Kalender teilen müssen und so haben wir, denke ich, einen ganz guten Kompromiss gefunden. Wir wollten von Anfang an nicht den typischen Schokoladen-Adventskalender machen, in dem es jeden Tag Süßes gibt, da wir in den ersten Monaten erlebt haben, dass durch viele zusätzliche zuckerhaltige Lebensmittel zusätzlich zu der landestypischen Ernährung bei den Kindern oft noch stärkere emotionale Reaktionen hervorgerufen werden, als das ohnehin regelmäßig der Fall ist.
Adventskalender vorbereiten
Casa 1
Casa 3
Nächtliches Basteln
Also sollte es ein Adventskalender werden, der mehr mit gemeinsamen Aktionen und anderen kleinen Geschenken gefüllt war. Wir haben uns einen Plan für die 24 Tage gemacht und in jedem Haus 24 Papiertüten aufgehängt. Trotz dessen, dass sich jeweils ein Haus einen Kalender geteilt hat, sollte dennoch jedes Kind jeden Tag eine kleine Überraschung bekommen. So durfte zwar immer das Kind, dessen Name auf der Tüte stand, die jeweilige Tüte öffnen, der Inhalt war aber jeden Tag zum Teilen mit allen Kindern des Hauses. Oft haben wir zusammen mit den Kindern beispielsweise Girlanden für den Gemeinschaftsraum oder Deko für den Weihnachtsbaum gebastelt. An anderen Tagen haben Almut und ich von uns vorbereitete Dinge mitgebracht, wie einen Dankbarkeitsstern für jedes Kind, auf den wir geschrieben haben, was wir an dem Kind schätzen und wofür wir dankbar sind. Samstags haben wir immer mit einem der Häuser Plätzchen gebacken, wo es dann für die Kinder der anderen beiden Häuser einen Gutschein gab, dass wir alle Teller vom Mittagessen abwaschen. Einmal haben wir Faltsterne zusammen mit den Kindern gebastelt und viele von ihnen sind in so ein Bastelfieber verfallen, dass wir noch praktisch den gesamten Dezember weitere Sterne zusätzlich zu den Tagesaktionen gebastelt haben und natürlich sind auch Bewegungsaktivitäten wie Stopptanz nicht zu kurz gekommen. Am 6. Dezember haben wir die Schuhe der Kinder, wie in Deutschland typisch zum Nikolaus, mit Orangen und anderen kleinen Dingen gefüllt und das Highlight war am 23. Dezember eine große Wasserschlacht mit allen Kindern, die bei 35 Grad eine gute Abkühlung für uns alle war.
Der Adventskalender im „Hogar Amanecer“ hat mir wirklich viel Spaß bereitet. Trotz dessen, dass das spontane Umplanen auf Grund des Wetters oder dem teilweise nächtlichen Vorbereiten der Aktion für den nächsten Tag (bei dem uns unsere anderen Mitbewohner*innen oft fleißig geholfen haben) ab und zu schon etwas stressig war, war es ein positiver Stress. Almut und ich konnten unserer Kreativität freien Lauf lassen und durch die täglichen Aktivitäten hatten wir jeden Tag einen festen Programmpunkt, den wir mit den Kindern machen konnten, was besonders ab Mitte Dezember, als die Schulferien begonnen hatten und so die Kinder praktisch den ganzen Tag bei uns im Projekt waren, ein oft hilfreiches Mittel gegen eventuell aufkommende Langeweile bei den Kindern war.
Wir haben den Kindern noch kleine Weihnachtskarten geschrieben und dann ein zwar sehr anderes, aber dennoch wunderschönes Weihnachten am 24. Dezember bei der Familien einer Freundin hier vor Ort gefeiert und am 25. noch im kleinen Kreis nur mit der WG gefeiert. Nach den letzten beiden Arbeitstagen am 26. und 27. Dezember haben wir das Jahr dann mit einem Urlaub über den Jahreswechsel ausklingen lassen.
Und so schnell, wie der Dezember gekommen war, war er dann auch schon wieder vorbei. Jetzt geht es mit frischer Energie ins neue Jahr!
Anfang September ist die zweite der drei indischen Jahreszeiten in vollem Gange: Der Monsun, der nach einem heißen Sommer viel Regen und damit Abkühlung bringt, macht nicht nur viele Straßen gerade in den Randgebieten von Nagpur unbenutzbar, sondern läutet vor allem auch die Zeit der vielen Feste ein. Dann und im Winter ist nämlich die einzige Möglichkeit, sich längere Zeit oder besonders aktiv draußen aufzuhalten.
Und damit sind wir beim Thema. Luca und ich haben einen Tanzworkshop belegt, um den Garba-Kreistanz zu lernen. Garba wird am Navratrifest zu Ehren der Göttin Durga gespielt, wie man in Indien sagt. Diese hinduistische Gottheit kommt über neun Tage in unterschiedlich farbigen Erscheinungsformen daher und passend dazu bedeutet Navratri übersetzt auch „neun Nächte“. Daher trägt man jeden Tag unterschiedliche, in der Gruppe abgestimmte Farben. Beim Garba tanzt man im Kreis als Gruppe zu typisch indischer Musik des gleichnamigen Genres mit viel Getrommel, wobei die Schrittfolge besonders wichtig ist. Alle machen gleichzeitig Drehungen, Klatscher, Sprünge in diese und jene Richtung, was gerade von außen richtig elegant aussieht und sich synchron innen noch cooler anfühlt. Der „Doria“, eine Schrittfolge, die am ehesten noch dem Hoppserlauf ähnelt, bringt zusätzlichen Schwung in die Show.
Bevor es soweit war, standen wir aber 15 Tage vorher vor einer der vielen Veranstaltungshallen in Nagpur zur ersten Einheit des Workshops. Als einzige, die tatsächlich auf die englische Erklärung angewiesen waren, kriegten wir nach kurzer Zeit eigene Trainer abgestellt, die die Anweisungen des Vortänzers von Marathi (der Lokalsprache) ins Englische übersetzten. Von einfachen Grundschritten steigerte sich das Niveau schnell und als absolute Beginner waren wir bald auch am IPC am Üben, um nicht den Anschluss zu verlieren.
Das Team war wirklich nett zu uns und bevor Navratri starten sollte, gab es noch zwei Vorevents als Abschluss des Workshops und Generalprobe. Dafür waren wir mit ein paar der Teamern unterwegs und haben traditionell indische Kurtas gekauft. Für mich fühlte sich das unfassbar komisch an, in einem Blümchenpyjama und überweiter Hose tanzen zu sollen, aber die Garbaleute waren voll überzeugt.
Insofern waren wir gut ausstaffiert und kamen mit der zweiten Version von Kurta im dunklen Stil beim ersten Vorevent an. Warum denn so dunkel und rot? Das hängt mit der Mythologie des Hinduismus zusammen: Es war einmal ein böser Dämon. Niemand konnte ihn bezwingen und mit dunkler Magie ließ er immer wieder sein verfluchtes Blut auf die Erde regnen, aus dem dann neue Dämonen erwuchsen. Eines Tages war die gute Göttin Durga so erbost darüber, dass aus ihrer Stirn die Manifestation Kali entsprang. Sie war schwarz wie die Nacht, mit einem Kranz aus Totenköpfen auf dem Kopf und voller Zerstörungskraft, die so groß war, dass sie im Zorn sogar die Hauptgottheit Shiva übertraf. In einem großen Gefecht besiegte sie den bösen Dämon und seine Blutskopien und beendete so die große Tyrannei. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Ende.
Kalis Dunkelheit symbolisiert hier also nichts „Böses“, sondern reine, grenzenlose Energie und das jenseits von Gut und Böse. Um zu zerstören, ja, aber nur, damit danach Neues entstehen kann. In den Ritualen (mit dunkler oder roter Kleidung und Bemalung) verbinden sich Gläubige mit dieser rohen, reinigenden Kraft. Soweit die Theorie für eine der neun Manifestationen Durgas und das heutige Motiv. An den nächsten Tagen wird es andere Farbkombinationen geben.
Um also stilgerecht und traditionell dabei zu sein, haben wir uns extra noch dunkle Kurtas geholt und kriegten vom Team am Abend diese roten Kreise verpasst. Hier trafen das erste Mal die Teilnehmer der unterschiedlichen Zeit-Slots zusammen, die leicht unterschiedliche Schritte gelernt hatten. Es war schon wild und machte richtig Spaß, wenn wirklich alle in die Dynamik eintauchten und sich mehrere Kreise bildeten, die umeinander tanzten. Innen waren dann meistens die Profis, die die Schritte vorgaben, in der Mitte diejenigen, die sich trauten und den Großteil problemlos hinbekamen, wie Luca, und im äußeren Kreis stolperte ich mir meine Drehungen zusammen.
In den nächsten Tagen gab es noch weitere Veranstaltungen mit Garba für uns: Am zweiten Vorevent gewannen wir den Preis für die pünktlichsten Teilnehmer, weil wir glatt die Dreistigkeit besaßen, spätestens fünf Minuten nach Workshopbeginn vor Ort zu sein, was den Zeitplan manchmal etwas durcheinander brachte; bei Dholida, der zweitgrößten Garba-Veranstaltung der Stadt, sahen wir mit unseren Freunden vom Workshop die Sängerin, die die bekannten Dakla-Lieder spielt und eine Art regionale Berühmtheit ist; mit einem anderen Freund waren wir bei einer Nachbildung der sieben wichtigsten Hindutempel, wo auch Garba gespielt wurde; und mit den Teamern des Workshops gewannen wir einen Gruppenpreis – dieses Mal für die beste Performance.
Zu früh bei Dholida
Etwas später
Und damit gingen gut gefüllte dreieinhalb Wochen für uns zu Ende. Wir freuten uns schon auf die nächsten Feste und sollten nicht enttäuscht werden.
Von dieser Frage können wohl alle Freiwilligen ein Liedchen singen und die am India Peace Centre ganz besonders. Unter einem Center für Friedens- und Gerechtigkeitsarbeit mit Fokus auf interreligiösem Dialog kann man sich schließlich alles und nichts vorstellen. Ich versuche mich nach den ersten drei Monaten im Land an einer Antwort.
Doch zunächst zu unserer Ankunft in Indien. Nach meinem ersten Flug in über zehn Jahren standen mein Mitfreiwilliger Luca und ich um kurz nach drei Uhr nachts suchend in der Eingangshalle des internationalen Flughafens in Nagpur. Wir sind mit der einzigen internationalen Verbindung eingeflogen und wurden nach einigen Minuten von unserem sehr netten Kollegen Suyog abgeholt, der in Sichtweite der Landebahn wohnt und aufgebrochen war, als der Flieger am Nachthimmel auftauchte. Es ist in Indien wohl nicht üblich, aber weil er davon gehört hatte, dass man in Deutschland Blumen zur Begrüßung überreicht, hielten wir auf dem Weg hinaus auch einen Strauß Rosen in der Hand.
Diese Gastfreundschaft finde ich beeindruckend. Alle geben sich wirklich Mühe, damit wir uns gut aufgehoben fühlen. Für uns standen in den ersten Tagen Wasserflaschen parat, während sich alle anderen Wasser aus 20l Behältern holen. Als das WLAN nicht funktionierte, war gleich am nächsten Morgen der Haustechniker dabei, den Router wieder einzustellen. Weil hier nur mit den Händen gegessen wird, hat jemand noch Besteck für uns eingekauft, obwohl wir uns mittlerweile angepasst haben. Und besonders: Damit wir uns erst einmal eingewöhnen können, hat Angelious, der Direktor des IPCs, für den ersten Monat eine Köchin eingestellt, die gut verdauliches Essen für uns kocht (also in erster Linie nicht zu scharf).
Wenn ich Zuhause beschrieben habe, wo ich denn eigentlich sein würde, ging mein Spruch immer so: „Du nimmst deinen Finger und patschst ihn einmal mitten auf die indische Landkarte. Das passt eigentlich am besten.” Tatsächlich kamen wir noch auf der Fahrt vom Flughafen an einem Obelisken vorbei, der genau die Mitte von Indien markiert. Da war die Beschreibung doch gar nicht so verkehrt.
Nun aber zum eigentlichen Thema: Als erste Aufgabe, während wir uns an das unfassbar feuchte und heiße Klima gewöhnten, sollten wir die Bibliothek sortieren und einen Katalog der über 3500 Bücher erstellen, damit das Angebot auf der Website abrufbar wird. Nachdem wir ein paar hundert Bücher geschafft hatten, erhielten wir Zugangsdaten für die Website. Gedacht dafür, dass wir den Katalog erstellen, werkelte ich dann aber erstmal an anderen Teilen der Seite herum, sodass es jetzt etwas einheitlicher aussieht und einige Inhalte aktualisiert sind.
Anschließend wurden wir von einer Konferenz im südindischen Chennai unterbrochen, die das India Peace Centre mitorganisiert hat. Dafür sollten Aufsteller und Banner designt werden, wofür Luca und ich eingeteilt wurden. Am Ende stellte sich zwar heraus, dass die gar nicht gebraucht wurden, genauso wenig wie die vielen Excellisten oder eine Zimmerzuteilung von mir, aber wir sind jetzt um einiges an Canva-Erfahrung reicher und ich weiß nun, wie man mit einem unachtsamen Klick im Entwicklermodus die Arbeit der letzten sechs Stunden Arbeit vollautomatisiert und unwiderruflich löschen lassen kann. Na Klasse.
Tatsächlich Klasse war das auf die Konferenz folgende Face to Face Programm, auch vom IPC co-organisiert. Hier kamen angehende Theologen christlicher Kirchen aus aller Welt und einige aus Indien zusammen, um sich einen ganzen Monat lang unterschiedliche Seminare anzuhören und über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihres Glaubens zu sprechen. Für mich waren die Passagen interessant, die sich um andere Religionen drehten und was in ihren Geschichten passiert. Vor dem Freiwilligendienst hatte ich beispielsweise noch nie etwas von den Bahá´í oder Sikh gehört. Wenn auch alles spontan organisiert war, konnten wir die Gruppe zu ihren Ausflügen zu unterschiedlichen Orten wie einer buddhistischen Pilgerstätte für einen Vorkämpfer der Dalits (ehem. „Unberührbare“ im Kastensystem genannt) begleiten oder an den Aktivitäten am NCCI, einer Dachorganisation des IPC, teilnehmen.
Vorträgen diverser Referenten zu lauschen, gehört immer wieder zu unseren Aufgaben dazu. Egal ob im Rahmen von Programmen oder bei einzelnen Aktionen, wie am Weltfriedenstag, wo wir auch kleine Beiträge geschrieben und vorgetragen haben. Mehrfach waren wir auch an Universitäten hier in Nagpur und einmal haben wir einen mehrstündigen Vortrag über Deutschland für die Erstsemesterstudenten des Deutschkurses ausgearbeitet.
So vergeht hier also die Zeit auf Arbeit. Was abseits davon passiert, kommt sicher noch in den nächsten Blogbeiträgen.
Ein neues Land, neue Menschen um mich herum, neue Straßen, Routinen und eine fremde Sprache. All die Eindrücke, die mich auf jedem Schritt hier in Paraguays Hauptstadt Asunción begleiten, lassen mich noch immer jeden Tag staunen. Seit drei Monaten bin ich nun schon für meinen Freiwilligendienst in Lateinamerika. Nach einem zehntägigen, unglaublich schönen Einführungsseminar in Buenos Aires und den ersten aufregenden Wochen hier entwickelt sich langsam ein Alltag.
Ich darf meinen Freiwilligendienst bei der Organisation Callescuela machen. Jeden Tag bin ich aufs Neue beeindruckt, um was für eine tolle und wichtige Arbeit es sich dort handelt. Die Callescuela hat drei Gemeinschaftszentren hier in Asunción und drei nahe der Stadt Ciudad del Este. Ich unterstütze das „local comunitario 9 de Marzo“.
Mein Arbeitsplatz
Regentag
Platz zum Spielen
Dort gibt es dreimal die Woche vormittags CEPI, das ist eine Kindergartengruppe. Meistens kommen zwischen vier und acht Kinder und wir spielen, singen und basteln mit ihnen. Dienstags und donnerstags findet den ganzen Tag „Refuerzo escolar“, also Hausaufgabenbetreuung, statt. Der dritte Bereich sind die Gruppentreffen. Dort wird manchmal über inhaltliche Themen wie politische Partizipation, Menschen- und Kinderrechte und Sexualität gesprochen, an anderen Tagen spielen wir aber auch Karten, sitzen zusammen oder gehen auf den Fußballplatz. Das Zentrum liegt in einer armen Wohngegend und viele der Kinder müssen zuhause mitarbeiten oder ihre Eltern finanziell unterstützen, indem sie mit ihnen auf der Straße Waren verkaufen. Deswegen ist die Callescuela für die Kinder und Jugendlichen nicht nur ein Ort, an dem sie Unterstützung bei Schulaufgaben bekommen, sondern bietet auch die Möglichkeit, Freund*innen zu treffen und einfach mal „Kind sein“ zu können. Das „local comunitario“ soll ein Ort sein, an dem die Kinder einen wertschätzenden, gewaltfreien Umgang miteinander erlernen sowie in ihren Rechten und Freiheiten gestärkt werden. Und bereits seit dem ersten Tag merke ich, dass für viele Kinder und Jugendliche die Callescuela ein Safe Space ist, an dem sie sich richtig wohlfühlen. Das ist unglaublich schön zu sehen.
Kartenspielen nach einem Gruppentreffen
CEPI-Bastelzeit
Im Projekt finde ich immer mehr meinen Platz, meine Mitfreiwilligen werden langsam zu Freundinnen und inzwischen komme ich manchmal auch ohne Google Maps an mein Ziel. Tranqui, jaha und superbien sind spanische Wörter, die ich jeden Tag von den Kindern oder meinen Kolleginnen höre und die gleichzeitig auch sinnbildlich für meine ersten Wochen in Paraguay stehen.
Tranqui Ohne es zu wollen, bin ich mit vielen Erwartungen, oder vielleicht eher Hoffnungen, in meinen Freiwilligendienst gestartet. Ich habe mir gewünscht, gut mit meinen Mitbewohner*innen auszukommen, neue Leute kennenzulernen, mich in meinem Projekt sinnvoll einbringen zu können und möglichst schnell besser Spanisch zu sprechen. Mir war zwar klar, dass es nicht so einfach wird, aber hier bin ich trotzdem auf den Boden der Tatsachen gefallen. Ich kann nicht zählen, wie oft ich die Kinder schon verwirrt angeschaut und nichts von dem verstanden habe, was sie mir sagen wollen. Oder wie viele Male ich beim Arbeiten planlos danebenstehe und nicht weiß, was ich tun soll. Oft sage ich in Gesprächen überzeugt „sí“ oder „muy bien“ und hoffe, dass mir keine Frage gestellt wurde. Ich saß nicht nur einmal im falschen Bus, habe mich mehrmals verlaufen und teilweise fühle ich mich noch immer fehl am Platz. Manchmal tut es gut, in solchen Situationen von meinen Kolleginnen „tranqui“ zu hören, das bedeutet so viel wie „Es ist alles gut, mach dir keine Gedanken, lass dir Zeit“. Denn es ist okay, nicht alles zu verstehen. Das muss ich mir immer wieder selbst sagen. Hier in Paraguay läuft vieles anders, aber genau für diese Erfahrungen mache ich diesen Lerndienst. Und mit jedem Tag finde ich ein bisschen mehr in die Rolle als Freiwillige hinein und mit jedem Fehler lerne ich etwas Neues dazu.
Eisessen mit meinen Kolleginnen
Unterwegs in der Stadt
Unser Wohnheim
Bald ist Mangozeit
Spaziergang
Warten auf den Bus
Asunción von oben
Jaha In Paraguay ist neben dem Spanischen auch die indigene Sprache Guaraní Amtssprache. Auf dem Land wird Guaraní noch oft gesprochen, in meinem Projekt tun sich die Kinder bei der Nachhilfe allerdings oft schwer mit ihren Guaraní-Hausaufgaben. Trotzdem werden die beiden Sprachen immer wieder bunt gemischt, teilweise sogar mitten im Satz. Bis fünf zählen haben mir die Kinder inzwischen beigebracht, ansonsten verstehe ich nur wenig. „Jaha“ ist mein neues Lieblingswort auf Guaraní und bedeutet „Los gehts“ oder „Lass uns gehen“. Sowohl in der Callescuela als auch in der Freizeit passt das Wort richtig gut zu meiner ersten Zeit in Asunción. Jeden Tag müssen wir aus unserer Komfortzone heraus und manchmal braucht es ganz schön viel Mut, fremde Menschen anzusprechen und sich zu trauen, auch Fehler zu machen. Aber meistens entstehen daraus tolle Begegnungen und Chancen. So habe ich zum Beispiel einfach auf einem Fußballplatz in der Nähe einen Trainer gefragt, ob es in seinem Verein eine Frauenfußballmannschaft gibt. Leider gibt es keine, aber er war total nett und hat mich gleich zu einem anderen Training eingeladen. Und über ihn habe ich auch den Kontakt zu einer Volleyballmannschaft bekommen, bei der ich mit einer Mitfreiwilligen schon mehrmals beim Training war. Und selbst wenn aus solchen kleinen Mut-Momenten mal nichts entsteht, gewinne ich mit jedem „Losgehen“ ein kleines bisschen Selbstvertrauen dazu.
Wir Freiwilligen – neue Paraguayfans
Ruinen von Jesuitenstädten
Superbien Das ist mein Favorit unter den neuen Wörtern. Meine Kollegin benutzt „superbien“ immer mit einem so ehrlichen Strahlen im Gesicht, egal ob es sich um das gemalte Bild einer Vierjährigen, meine ersten selbstgemachten und etwas angebrannten Tortillas oder einen richtig schönen, ereignisreichen Tag handelt. Das Miteinander bei der Callescuela ist total herzlich und unterstützend, dort fühle ich mich sehr wohl. Und mit den anderen Freiwilligen ist es auch richtig nett. Wir sind zusammen in der Stadt unterwegs und treffen uns fast jedes Wochenende zum Kochen (ein Bananenbrot darf dabei natürlich auch nicht fehlen). Übers Wochenende waren wir schon in den kleinen Städten Areguá und San Bernardino sowie auf einem größeren Trip nach Encarnación (die Grenzstadt im Süden zu Argentinien). Außerdem habe ich andere Freiwillige in Ciudad del Este besucht und war mit ihnen bei Paraguays größten Wasserfällen „Saltos Monday“. Mir gehts hier insgesamt einfach „superbien“ und ich bin dankbar, diese Erfahrungen machen zu können!