Alles steht Kopf (oder doch nicht?)

Eine Reise durch sechs Monate Padilha

Ich lade dich ein: Komm mit mir auf meine Reise in einen kleinen Ort in Brasilien, der meine Welt auf den Kopf stellt – oder vielleicht gar nicht so sehr, wie ich anfangs dachte. Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Lesen.

Ein halbes Jahr ist es nun schon her, seitdem ich in einen neuen Abschnitt meines Lebens aufgebrochen bin. Und ich muss ehrlich sein: Als es dann wirklich losging, war ich ganz schön nervös. Meine Gefühle waren all over the place. Von großer Vorfreude, die ich fühlen durfte, bis hin zur Trauer über die Realisation, dass ich meine Familie ein ganzes Jahr nicht sehen würde – es war wirklich alles dabei. Gefühlschaos pur. Zum ersten Mal stand fast alles Kopf.

Doch schon im Flugzeug überwogen Spannung und Vorfreude vieles. Auch wenn das Navigieren durch die Flughäfen interessant war – vor allem in São Paulo war es gar nicht so einfach, das nächste Gate zu finden –, merkte man schnell, dass man mit Schulenglisch nicht weit kam und erstmals versuchen musste, sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Das funktionierte am Ende aber erstaunlich gut, denn schließlich saßen wir wirklich alle im richtigen Flieger.

Die erste Woche durfte ich dann mit genauso blutigen Anfänger*innen verbringen wie ich selbst. Das machte die Sache um einiges leichter, vor allem, weil es mir zeigte, dass auch die anderen zum ersten Mal in genau derselben Situation steckten und ebenfalls nicht auf alles vorbereitet waren – ganz anders, als ich es mir zuvor vorgestellt hatte.

Eine Sache, die mir in dieser Woche ebenfalls sehr deutlich vor Augen geführt wurde, war, dass es in Brasilien tatsächlich richtig kalt werden kann. Etwas, das einem beim Gedanken an Brasilien kaum in den Sinn kommt. Während in Deutschland zu dieser Zeit Hochsommer herrschte, liefen wir in unserer Unterkunft mit Wollpulli und Kuschelsocken herum. Natürlich hatten wir dabei auch unseren Spaß: Am Kamin sitzend tranken wir Tee, spielten Spiele und machten es uns gemütlich.

Es war, als hätte man die Jahreszeiten, so wie ich sie kannte, einmal komplett auf den Kopf gestellt. Also hieß es, sich erst einmal ein neues Bild von den Jahreszeiten zu machen und sich auf weitere kalte Tage vorzubereiten.

Nach unserer ersten Seminarwoche, in der wir wirklich viel lernen durften – unter anderem auch mehr Portugiesisch –, fühlte ich mich deutlich sicherer. Besonders Grammatik fiel mir nach dieser Zeit um einiges leichter, da Duolingo bis dahin keinen besonders guten Job in diesem Bereich gemacht hatte. Auch die Workshops und die vielen Gäste, die uns von ihren unterschiedlichen Tätigkeiten in Brasilien berichteten, machten das Seminar sehr interessant und ließen mich mit Gefühlen von Bewunderung und gewecktem Interesse zurück.

Die Woche ging zu Ende, und plötzlich hieß es wieder Abschied nehmen. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, die ich mit dieser Gruppe verbracht hatte, und umso schwerer fiel mir das Tschüss sagen. Tschüss zu Menschen, die man gerade erst richtig kennenlernen durfte, und Tschüss zu einem Alltag, der langsam begann, Routine zu werden.

Doch nun ging es los in das eigentliche Neue: der Ort, an dem ich ein ganzes Jahr verbringen würde. Wenn ich jetzt hier sitze und darüber nachdenke, wie sich alles abgespielt hat, kann ich mich doch noch recht gut erinnern.

Was ich noch ganz genau weiß, ist der Gedanke, den ich hatte, als wir das erste Mal mit dem Auto den Weg zu unserem Haus fuhren. Ich dachte, wie wunderschön die Natur um mich herum war, die das ganze Dorf wie ein schützender Mantel umgab. Ein Gefühl von Wohligkeit und Vertrautheit stieg in mir auf …

In den Wochen danach hieß es erst einmal ankommen – leichter gesagt als getan. Trotz der Tatsache, dass wir im Projekt, einem LAR (Heim) in Padilha, sehr herzlich aufgenommen wurden und auch unsere Kolleg*innen uns sofort willkommen hießen, fiel mir das Ganze anfangs nicht leicht. Zu Beginn unserer Zeit im LAR waren Tilo und ich dem Berçário zugeteilt, dem Haus, in dem die Kinder von null bis fünf Jahren schlafen und ihren Alltag verbringen. Ich fühlte mich damals leicht überfordert – nicht, weil ich nicht mit Babys umgehen konnte, sondern weil ich bei all den Fragen der Kinder oft nicht einmal die Hälfte verstand.

Doch das änderte sich langsam und stetig über die Wochen hinweg. Mittlerweile bin ich wirklich stolz darauf, wie sehr sich meine Portugiesischkenntnisse verbessert haben. Das verdanke ich vor allem meinen Kolleg*innen, die mich dabei unglaublich unterstützt haben.

Als ich nach einigen Wochen endlich sagen konnte: „Ich bin angekommen“, ging der Spaß erst richtig los.

Meine Welt, die bis dahin noch ziemlich auf dem Kopf gestanden hatte – durch Sprachbarrieren, neue Tagesabläufe, ein anderes Klima und einem Ort, der doch recht abgeschottet liegt –, begann sich langsam zu drehen. Und irgendwann, ob es die Tage waren, an denen mich die Kinder „Tia Romy“ nannten oder es zumindest versuchten (kleine Side-Info: In Brasilien wird das R oft wie ein H ausgesprochen, sodass ich häufig „Tia Homy“ genannt wurde – aber der Gedanke zählt), oder die gemeinsamen Unternehmungen mit den Kindern oder Kolleg*innen: Ab einem gewissen Punkt stellte sich ein echtes Gefühl von Angekommen sein und Heimat ein. Und das machte mich sehr glücklich.

Blumen von meinen Kids <3

Lass uns nun einen kleinen Sprung ein paar Monate weiter machen. In den Monaten danach hatte sich der Alltag perfekt eingependelt, und nach den verschiedensten Events, an denen ich bereits teilnehmen durfte – wie zum Beispiel den Gincanas (schaut euch dazu gern den Beitrag auf meiner Instagram-Seite an) –, hatte ich zu den Kindern im LAR eine viel engere Bindung aufgebaut.

Ich freute mich jeden Tag aufs Neue darauf, ins Projekt zu gehen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Während der Schulzeit spielten wir oft Karten, malten oder machten – solange das Wetter es zuließ – Spaziergänge.

Langsam wurde es immer wärmer, und plötzlich war November. Das Ende des Frühlings begann.

Im November fand auch eines meiner absoluten Lieblingsereignisse statt, von dem ich dir gern erzählen möchte: das „Festa de Cultura“, das jedes Jahr im LAR veranstaltet wird. Zu diesem Anlass kommen an einem Abend viele Menschen ins LAR, um eine großartige Show zu sehen. Das Programm war breit gefächert: Gesangseinlagen, ein Auftritt einer großen Hip-Hop-Gruppe, Capoeira und viele weitere Talente – es war wirklich alles dabei.

Schon Wochen im Voraus probten die Kinder fleißig. Auch ich durfte Teil einer Performance sein. Gemeinsam mit einer Kollegin studierte ich mit einigen Kids den Cup-Song ein, den ich sogar noch aus meiner Grundschulzeit kannte.

Als es an diesem Abend endlich hieß „Bühne frei“, waren viele der Kinder sehr nervös. Doch alle meisterten ihren Auftritt mit Bravour und erhielten dafür einen absolut verdienten Applaus. Die fröhliche Stimmung, die gute Laune und vor allem das Gefühl von Gemeinschaft, das zeigte, wofür das LAR steht – nämlich Zusammenhalt und ein Zuhause –, haben mich tief berührt. Ich bin sehr dankbar, Teil dieses besonderen Abends gewesen zu sein.

Unser Auftritt

Kurz darauf begann der Dezember – und mit ihm der Sommer in Brasilien. Die Hitze überrollte mich förmlich, und das Gefühl, dringend Abkühlung zu brauchen, begleitete mich täglich. Wieder stand alles Kopf.

Die Kinder sahen das ähnlich. Da ihre Sommerferien begonnen hatten, drehte sich alles ums Rausgehen und Spielen. So verbrachten wir die meisten Tage des Dezembers am Fluss oder tanzten bei den immer wieder auftauchenden Sommergewittern im Regen.

Am meisten Kopfzerbrechen bereitete mir jedoch der Gedanke an Weihnachten bei fast 32 Grad. Trotz der vielen Weihnachtsdeko wollte anfangs keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen, und natürlich vermisste ich auch meine Familie. Doch meine Kolleg*innen, mit denen ich in den letzten Monaten viel Zeit verbracht hatte, zeigten mir schnell, dass diese Sorge unbegründet war. Weihnachtstraditionen wie Plätzchen backen und verzieren, den Weihnachtsbaum schmücken oder Wichteln gibt es auch hier – und so brachten sie mir den brasilianischen Weihnachtszauber näher.

Auch Heiligabend und den ersten Weihnachtsfeiertag verbrachten wir gemeinsam. An Heiligabend waren Tilo und ich bei der Familie eines Kollegen eingeladen. Seine Mutter hatte reichlich für uns gekocht, sogar kleine Geschenke vorbereitet und der Abend verging so schnell, dass man die Zeit völlig vergaß.

Der ertse Weihnachtsfeiertag startete genauso schön. Während wir morgens die Kinder im LAR besuchten, die uns stolz ihre neuen Geschenke zeigten, stand am Abend auch für uns Bescherung an. Wir tauschten unsere Wichtelgeschenke aus, spielten Spiele und sangen laut Weihnachtslieder – fast so, wie ich es von zu Hause kannte. Trotz der Wärme und der anderen Umgebung war es ein unvergessliches Weihnachten, für das ich sehr dankbar bin.

Nun sind wir im neuen Jahr angekommen. Viele Gefühle, Aufgaben und Herausforderungen durfte ich in den letzten sechs Monaten erleben.

Und auch wenn Padilha mir anfangs fremd erschien, sehe ich heute jeden Morgen die Schönheit und den Zauber dieses Ortes. Ich würde ihn sogar Heimat nennen. Und manchmal, wenn ich genau hinschaue, erkenne ich sogar Parallelen zu dem Ort, an dem ich zuvor gelebt habe.

Ich bin wirklich dankbar. Dankbar für all die Menschen, die ich auf dieser Reise kennenlernen durfte. Dankbar für die schönen und auch schweren Momente, die mich dorthin gebracht haben, wo ich heute stehe. Dankbar für meine Kolleg*innen – und inzwischen Freund*innen –, die mir gezeigt haben, die kleinen Dinge hier zu schätzen und zu lieben, und dankbar für all die Emotionen, die mich bis hierhin begleitet haben und es auch weiterhin tun werden.

Ich hoffe, dieser kleine Einblick in meine Reise hat dir gefallen und ich konnte dich ein wenig catchen. Beim nächsten Mal berichte ich davon, wie es ist, plötzlich eine neue Mitbewohnerin zu haben, wie unser Zwischenseminar ablief und was ich sonst noch alles erlebt habe.

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Und bis dahin eine gute Zeit.

Viele Grüße aus Brasilien

Deine Romy

Weihnachten im Sommer – (M)Eine Perspektive auf die Festtage in Brasilien und weitere Ausschweifungen

Es ist Mitte Dezember, in den meisten Straßen sieht man sofort Dekoration und Lichterketten sobald man sich umsieht – und es sind 25 °C mit üppig Sonne.

Einsatzstelle Ação Encontro – Weihnachtsstimmung bei 30°C

Wir befinden uns in Brasilien, in dem Bundesstaat Rio Grande do Sul, um genauer zu sein. Südlich des Äquators läuft hier ein komplett anderer Rhythmus, und doch ist irgendwie alles ähnlicher, als man vielleicht denkt. In unserer Einsatzstelle Ação Encontro (https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://abefi.org.br/acao-encontro&ved=2ahUKEwiXtMbF3OOSAxVyKrkGHXEhAnEQFnoECEcQAQ&usg=AOvVaw0H-Rf15Diciz6sXoNPLIBt) haben meine Mitfreiwillige Ally B. und ich mit unseren Kollegen und den Kindern über die Vorweihnachtszeit fleißig gebastelt, gemalt, gesungen und gebacken.

Einsatzstelle Ação Encontro – Vorbereiten von rund 200 Küchlein!

Und obwohl das Weihnachtsfest hier eher heiß ausfällt, gehören Dinge wie Schneemänner und Schneeflocken mit zum Festtagsimage. Ich fand das erstmal etwas merkwürdig, vor allem weil ich zumindest von meinen Kolleginnen mitbekommen hatte, dass diese Dissonanz schon bewusst war. Des Weiteren haben die Weihnachtsfilme, die wir mit den Kindern ansahen, überwiegend in den USA oder Europa gespielt.Ob diese Eindrücke die Folge einer globaleren Welt oder die spezifischen Einflüsse der Kolonialgeschichte Brasiliens sind, darüber bin ich mir unschlüssig -es freut sich trotzdem jeder über die besinnlichen Feiertage.

Einsatzstelle Ação Encontro – Weihnachtsbasteln

Man muss sich stets daran erinnern, dass obwohl wir oft von Brasilien hören, wir von einem Land ca. 24 mal der Größe und ca. 3 mal der Bevölkerung von Deutschland sprechen. Irgendein grobes, klischeehaltiges Bild Brasiliens ist weiter entfernt von der Realität als Spongebob Schwammkopf von echter Meeresbiologie. Viel eher ist die Quintessenz Brasiliens die Diversität in Traditionen, Küchen, Stilen und Geschichten. So ist beispielsweise die Gaúcho Kultur im Süden des Landes stark verbreitet. Ursprünglich aus den Steppen Argentiniens kam die Lebensweise der Rindviehhalter über die Grenzen bis in die Weiten Südbrasiliens. Bis heute ist in dieser Region die Rindviehhaltung ein großes Geschäft. Die Gaúchos Brasiliens haben eine eigene Tracht die sie auch von anderen südamerikanischen Cowboys klar unterscheidet. In Rio Grande do Sul sind Werte wie Solidarität und Courage immer noch Aushängeschild der traditionellen Gaúchos, die man dementsprechend auch in den Systemen der Sozialassistenz, Jugendräten u.ä. als Helfer, Schlüsselfiguren oder Organisatoren auffindet.

Einsatzstelle Ação Encontro – Gemeinsames Abendessen im vollen Gange

Doch zurück zur Weihnacht – Auch hier lieben Kinder es, Papa Noel (den Weihnachtsmann) zu treffen, der ihnen Geschenke bringt. Deshalb war der Höhepunkt der Weihnachtsfeier in Ação Encontro die Bescherung, nachdem ein Buffet mit typischen Gerichten -mein persönlicher Favorit war der „Arroz à Grega“, Reis mit Rosinen und verschiedenen gewürfeltem Gemüse- das rund 200 Gäste, Kinder, Familien und Freunde verpflegte. Mit einem kleinen Feuerwerk kam der Abend dann zu einem Schluss. Das ganze Team der Einrichtung hat jeweils einen Panettone geschenkt bekommen, nachdem abgebaut und aufgeräumt war. Dieser traditionell italienische Kuchen kam mit Migranten in den 1940ern nach Brasilien und erfreut sich seitdem großer Beliebtheit. Brasilien produziert jährlich die meisten Panettone weltweit!

Insgesamt, so glaube ich zumindest, ist es wichtig für einen ersten Eindruck Brasiliens zu verstehen, wie sehr verschiedene Teile des Landes von verschiedenen Wellen an Immigration geformt sind. Jedoch ist Brasilien wohl ein Paradebeispiel für einen kulturellen Schmelztiegel, wenn auch nicht ohne Aspekte und Geschichtsabschnitte, die man kritisch betrachten muss. So danke ich ihnen, werte Lesende, für ihre Aufmerksamkeit.

Abraços!(Umarmungen!)

-Andreas W.

(Frohe Weihnacht und ein friedliches Neues Jahr!)

Mein Frewilligendienst in Brasilien soweit

Bom dia, Boa Tarde oder vielleicht auch schon Boa Noite?🇧🇷

Hi, Hello Ich bin Yosii Und lebe seit einigen Monaten für meinen Freiwilligendienst in São Paulo, Brasilien. Meine Einsatzstelle ist aktuell ein Kindergarten.

São Paulo. Eine Stadt, die laut ist, schnell, riesig und vorallem  voller Leben. Ich lebe inzwischen hier, mitten in dieser Metropole, und manchmal kann ich selbst kaum glauben, wie schnell das hier alles mein Alltag geworden ist.

Eigentlich bin ich auch mit der Vorstellung nach Brasilien gekommen, mal raus aus meiner gewohnten Großstadt zu sein. Und jetzt? Lebe ich in einer der größten Städte der Welt. Aber São Paulo ist nicht mit deutschen Großstädten zu vergleichen. Hier sind die Entfernungen andere, die Zeit fühlt sich anders an. Strecken, die auf der Karte kurz aussehen, dauern plötzlich Stunden. Innerhalb Brasiliens fliegt man mehrere Stunden von einer Stadt zur nächsten, obwohl alles irgendwie nah beieinander liegt. Das hat mein Gefühl für Raum und Alltag komplett verändert.

Was mich selbst am meisten überrascht hat: wie schnell ich hier wirklich angekommen bin. Auch sprachlich. Portugiesisch war am Anfang natürlich eine Herausforderung  aber inzwischen komme ich unfassbar gut mit den Brasilianer*innen ins Gespräch. Im Alltag, in der Einsatzstelle, im Bus oder im Café. Sprache ist hier wirklich der Schlüssel zu allem, und je mehr ich spreche, desto mehr öffnet sich diese Stadt für mich. 

Meine Einsatzstelle war bisher ein Kindergarten, und dieser Ort hat meinen Freiwilligendienst stark geprägt. Die Kinder sind so offen, liebevoll und ehrlich, dass man gar nicht anders kann, als jeden Tag mit einem Lächeln dort anzukommen. Ich konnte mich dort richtig etablieren, Verantwortung übernehmen und Teil ihres Alltags werden. Bald werde ich in ein neues Projekt wechseln, darauf bin ich sehr gespannt, vor allem was für Lehren ich da mitnehmen kann. 

Ein Thema, das sich hier ebenfalls verändert hat, ist der Sport. In Deutschland war Volleyball ein fester Bestandteil meines Lebens. Regelmäßiges Training, Verein, Halle  all das gehörte dazu. In meinem neuen temporären zuhause ist das leider schwieriger als gedacht. Die Größe der Stadt, lange Wege und höhere Kosten machen es nicht leicht, einen passenden Hallenvolleyball-Verein zu finden. So hat meine Hallenvolleyball-Karriere hier vorerst ihr Ende gefunden:(( . Dafür habe ich gewechselt vom Hallenboden an den Strand. Beachvolleyball statt Halle. Auch das ist Freiwilligendienst : Umwege, neue Lösungen, neue Perspektiven.

Was ich hier lerne, geht weit über nur meine Einsatzstelle hinaus. Flexibel zu sein. Pläne loszulassen. Sich auf Neues einzulassen  auch wenn es ganz anders kommt als gedacht. São Paulo fordert mich jeden Tag, aber genau das macht diese Erfahrung so intensiv und besonders.

Obrigada fürs Lesen – und bis zum nächsten Update aus Brasilien eure Yosi!  ✨

kurze freie Beschäftigung vor dem Mittagessen.
Unerwarteter Besuch von Papai Noel 🙂

Blog Artikel 1; Meine Arbeit

Meine Arbeit

Hi, ich bin Johannes,
19 Jahre alt und jetzt schon 3 Monate in Brasilien. Hier absolviere ich in Curitiba bei dem Sozialprojekt Dorcas einen Freiwilligendienst. In meinem ersten Blog möchte ich euch über meine Tätigkeiten vorort erzählen.

Zuerst kurz zu meinem Projekt. Das Dorcas Projekt ist eine Initiative der lutherischen Gemeinde der Stadt. Das Projekt hat ihren Sitz in Bonfim, einem Außenviertel der Stadt. Ihr Hauptziel ist die Kinder und Jugendförderung. Dabei kann man die Einrichtung als eine Vormittags/Nachmittagsbetreung sehen. Dorcas bietet bei der Betreung künstlerische/musikalische sowie sportliche Programme an. Zudem wird unter Anderem auch Hausaufgabenbetreuung und  Lesehilfe angeboten.
Mein Aufgabenbereich ist dabei relativ vielfältig. Meistens wirke ich als Assistenzkraft. Ich unterstütze die Lehrer, in ihren unterschiedlichen Themenbereichen.
Zudem arbeite ich  als Küchenhilfe mit, helfe dem Hausmeister bei seinen Tätigkeiten, unterstütze beim Marketing, bringe mich als Übersetzungshilfe ein… und vieles mehr.

Einen typischen Tag gibt es für mich nicht wirklich.
Aber falls ich einen hätte würde er folgender Maßen Aussehen;
Arbeitsbeginn 7.45Uhr Morgenappell vorbereiten
8.30Uhr im Atelier mithelfen
9.30Uhr Chorunterricht
10.30Uhr Sportunterricht
11.30Uhr Mittagspause
12.15Uhr Küchenhilfe
13.30Uhr Sportunterricht
14.30Uhr Bastelklasse
15.30 Uhr Hausmeister beim sortieren des Vorratslager unterstützen
16.30 Uhr Arbeitsschluss

Wie sieht eigentlich euer Arbeitsalltag aus?
Schreibt es gerne in die Kommentare.
Bis zum nächsten mal,
euer Johannes

Sommer, Sonne, Sonnenschein

Das ist vermutlich die erste Assoziation der meisten Menschen mit Brasilien. Dazu kommen noch traumhafte Strände und Megacitys und der Mythos ist komplett. Ich möchte gar nicht behaupten, dass es dieses Brasilien nicht gibt, allerdings waren meine ersten Eindrücke in diesem Land etwas anders.  Es schien mir schon fast so, als wolle dieses Land zunächst mit allen Klischees aufräumen, bevor ich mich hier richtig einleben kann.

Aber bevor ich erkläre, was ich damit meine, müssen wir einen kleinen Schritt zurück an den Anfang machen.

Wir schreiben den 18. August 2023. Knapp einen Monat vorher habe ich noch mein letztes Zeugnis in die Hand gedrückt bekommen und heute stehe ich mit meinen beiden Mitfreiwilligen Julia und Jonathan in Terminal 2 im Hamburger Flughafen und verabschiede mich von meinen Eltern. Was es tatsächlich bedeutet in ein fremdes Land zu reisen, mit der Intention dort auch fast ein Jahr zu bleiben, ist mir zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht klar. Hinter der Sicherheitskontrolle geht es dann zu dritt weiter. Nach einem letzten Kaffee in Deutschland sitzen wir auch schon im Flugzeug. Noch ein letzter Zwischenstopp in Zürich, dabei einen weiteren Brasilienfreiwilligen vom ZMÖ (Moritz) eingesammelt und ein paar Stunden später hetzen wir schon durch den Flughafen von Sao Paulo.  Trotz aller Anstrengungen und drei Stunden Umsteigezeit schaffen wir es nicht rechtzeitig zu unserem Anschlussflug. Nach weiteren fünf Stunden gelingt es uns dann unseren Flug umzubuchen und wir steigen erneut ins Flugzeug. Mit ein paar Stunden Verspätung im Gepäck und ein bisschen erschöpft von der Reise kommen wir dann in Porto Alegre an. Wir werden freundlich von Simone empfangen, unserer Ansprechpartnerin vor Ort, und bekommen in der Unterkunft der ersten Woche, zunächst etwas zu Essen. Selbstverständlich gibt es Reis mit Bohnen.

Jonathan(rechts), Julia(links) und Ich am Hamburger Flughafen

Das Programm beginnt morgens mit Portugiesisch-Unterricht und nachmittags werden verschiedene Themen in weiteren Seminaren behandelt. Neben Besonderheiten wie dem Essen und empfehlenswerten Urlaubszielen muss jedoch auch erneut über das Thema Gewalt und Kriminalität gesprochen werden. Vieles davon haben wir auch auf den Seminaren in Deutschland schon gehört und auch die Tipps bleiben weitestgehend die gleichen. Bleibt wachsam, hört auf euer Bauchgefühl und macht erst recht nichts, was ihr in Deutschland auch nicht machen würdet. Nach nun fast zwei Monaten kann ich auch behaupten noch keine Probleme bekommen zu haben und das, obwohl ich in der Anfangszeit viel alleine in der Stadt unterwegs war.   

Doch nach einer Woche in Porto Alegre geht es dann los. Sehr früh morgens mache ich mich erneut auf den Weg zum Flughafen. Nur wenig später komme ich in Curitiba an, hole mein Gepäck ab und verlasse das Flughafengebäude. Kurz darauf stelle ich dann auch fest, warum ich der Einzige bin, der lediglich einen dünnen Pullover und keine dicke Jacke trägt. Ich bin zwar gewarnt worden, dass es in Curitiba etwas kälter sein kann, aber 8° C kommen mir dann doch ein bisschen sehr wenig vor. Ich ziehe mir also ebenfalls eine Jacke an und warte auf Darcle. Sie leitet das „Projeto Dorcas“  und ist somit auch meine Ansprechpartnerin in der Einsatzstelle. Wir verstehen uns auf Anhieb, was vermutlich nicht zuletzt daran liegt, dass sie gut deutsch spricht. Wir laden mein Gepäck im Studentenwohnheim der FATEV  – meinem neuen Zuhause – ab, meinem neuen Zuhause. Zu meinem Bedauern ich muss feststellen, dass es im Haus nicht viel wärmer ist als draußen. Ich werde also zunächst mit mehreren Decken ausgestattet. Danach gehen wir uns -ebenfalls gemeinsam- im nahegelegenen Supermarkt aufwärmen und kaufen nebenbei noch alles Nötige für die ersten Tage ein. Nachdem wir alles Nötige besorgt haben, geht es für mich zurück in die Unterkunft und plötzlich bin ich das erste Mal allein. Freunde und Familie sind am anderen Ende der Welt und auch meine Mitfreiwilligen sind hunderte Kilometer entfernt im ganzen Land verstreut. Doch ich fühle mich nicht einsam. Vielmehr freue ich mich darauf, diesen Ort zu meiner neuen Heimat zu machen und neue Leute kennenzulernen. Also gehe ich eher mit einem Gefühl von Vorfreude ins Bett.

Straße in Porto Alegre

Am nächsten Tag geht es dann auch schon ins Projekt. Darcle nimmt mich morgens mit und nach einer kurzen Autofahrt sind wir dann auch schon da. Freundlich werde ich von meinen neuen Kollegen empfangen und auch die Kinder scheinen meine Ankunft bereits erwartet zu haben. Bei der morgendlichen Andacht darf ich mich dann auch offiziell vorstellen. Ich gebe also meine neu erworbenen Sprachfähigkeiten zum Besten und werde mit einem gemeinschaftlichem „Bom Dia!“  von den Kindern willkommen geheißen. In den ersten paar Tagen darf ich danach vor allem die Frage beantworten, ob ich Pelle (meinen Vorfreiwilligen) kenne und ob ich sein Bruder bin. Außerdem schaue ich mir in der ersten Woche vor allem die Abläufe an. Dienstags und donnerstags steht vor allem Lesen, Schreiben und Mathe auf dem Plan. Dabei werden die Inhalte meistens mit spielerischen oder kreativen Elementen verbunden. Mittwochs und freitags ist der Schwerpunkt dann vor allem auf Musik gelegt. Neben Trompeten- und Posaunenunterricht wird auch noch Flöte unterrichtet und es gibt einen Chor, sowie eine Band. Als besondere Highlights stehen zudem Robotik und Capoeira auf dem Stundenplan. Samstags treffen sich die Pfadfinder und machen neben dem üblichen Knotenlernen und Teamübungen auch regelmäßig Ausflüge in die Berge oder veranstalten Lager. Es ist cool zu sehen, mit wie viel Freude die Kinder all diese Aktivitäten angehen und sich einbringen.  In den Pausen wird sich die Zeit mit Fußball, Tischkicker, Tischtennis oder Volleyball vertrieben. Nach der ersten Woche bin ich fest in den Ablauf integriert worden und helfe, wo ich kann. Trotzdem die Sprachbarrieren immer kleiner werden, stellt mich die Verständigung immer wieder vor Herausforderungen, doch die Kommunikation mit Händen und Füßen oder einem Englisch-Portugiesisch-Mix lässt einen ganz gut durch den Alltag kommen.

Lehrer Celso mit der ARCO ÍRIS (Regenbogen) Gruppe

Nach der Arbeit oder am Wochenende habe ich mir zunächst mit Kollegen und später auch allein die Stadt angeschaut. Beispielsweise wurde ich relativ schnell von Kollegen in die Oper eingeladen, da sie ein Ticket übrig hatten. Außerdem wurde ich gefragt, ob ich am Wochenende mit in eine Karaoke Bar kommen wolle. Doch auch grüne Flecken hat Curitiba (bei 1,96 Millionen Einwohnern) zu bieten. Von meinem neuen Zuhause aus sind mehrere Parks gut zu Fuß erreichbar und so ein kleiner Ausflug ins Grüne ist doch immer wieder eine willkommene Abwechslung von der Großstadt.

Parque Tanguá in Curitiba

Aber nun zur Überschrift. Wie ich bereits geschildert habe, war von Sonne und Sonnenschein in meiner Anfangsphase hier in Brasilien nicht viel zu sehen. Nachdem ich die erste Woche in Curitiba also frieren musste, entschied sich das Wetter in der zweiten Woche jedoch mehrfach die 30°C Marke zu knacken. Auf die Frage ob solche extremen Schwankungen normal seien, bekam ich eine eher weniger überraschende Antwort: Nein. Es sollte zu dieser Jahreszeit wohl weder so warm noch so kalt sein. Die letzten Wochen haben sich die Temperaturen dann bei 20 bis 25° C eingependelt. Dafür regnet es jetzt, und zwar viel, also sehr viel. Und mit Regen ist auch häufig Gewitter verbunden. So viel Regen ist zu dieser Jahreszeit wohl auch eher unüblich. Man sagt hier oft, an einem Tag in Curitiba erlebt man alle Jahreszeiten einmal. Falls ihr euch jetzt fragt, wie man sich dann morgens richtig für den Tag anzieht, dann habe ich absolut keine Antwort für euch. Morgens habe ich das Gefühl ich hätte doch lieber zwei Pullover anziehen sollen und mittags ist ein einfaches T-Shirt gefühlt schon zu viel.

Beschreibt das Wetter ganz gut

Das Wetter hier hält also, entgegen dem was man normalerweise so erwartet allerhand Überraschungen bereit. Doch eine Sache, die ich im Voraus sehr häufig gehört habe, könnte zutreffender nicht sein: Die Leute hier sind einfach nett. Ob es mein Uber-Fahrer ist, der mich in ein Gespräch auf Englisch verwickelt, die Dame an der Kasse im Supermarkt, die mir erzählt, dass sie ebenfalls Verwandte in Deutschland hat oder meine Kollegen, die mich von Anfang an freundlich empfangen und zu allem mit eingeladen haben. Ich bin diesen Menschen sehr dankbar. Sie alle haben den Anfang hier sehr viel einfacher für mich gemacht, als ich es erwartet hatte.

Ich freue mich sehr auf die Zeit, die noch vor mir liegt und halte euch selbstverständlich regelmäßig auf dem Laufenden.

Soweit von mir… euch alles Gute und bis zum nächsten Mal

Euer Jonathan

Brasilien, hier bin ich!

„Wann ich nach Brasilien gehe? Das dauert noch ein bisschen…“ war bis drei Tage vor Ausreise meine Antwort auf die Frage, wann es denn endlich für mich los gehen soll. Kurze Zeit darauf saß ich im Flieger nach São Paulo und habe eigentlich erst dann realisiert, dass es jetzt ja wirklich los geht. Und siehe da: Kaum bin ich hier, sind schon eineinhalb Monate vorbei. Es ist sehr viel passiert und die Zeit rast. Deswegen ist es auch mal Zeit, mal von mir hören zu lassen, um die ersten Erlebnisse zu teilen – viel Spaß beim Lesen 🙂 .

Mit Pink Floyd auf dem Ohr heben wir ab. Die Kopfhörer habe ich jedoch 5 Minuten nach dem Abheben aber wieder raus genommen, da ich wegen des lauten Dröhnens im Flugzeug sowieso kaum etwas von der Musik gehört habe. Nun wird mir zum ersten Mal wirklich klar: Jetzt gehts ja tatsächlich los… Eigentlich dachte ich, ich wäre schon geübt, über längere Zeit wegzufahren, da ich ja schon ein Auslandsjahr in Irland hinter mir habe. Doch dieses Jahr wird komplett anders. Ich bin so ziemlich das erste Mal auf mich alleine gestellt. Ich habe eine eigene Wohnung, muss selber einkaufen, kochen, waschen und verlasse offiziell „Hotel Mama“.

Vom Flughafen Frankfurt gehts über São Paulo nach Porto Alegre. Im Flugzeug sitzen nicht nur meine ZMÖ-Mitfreiwilligen Merle und Marc und ich, sondern auch noch Franzi, Jeelka, Jonna, Olivia und Leander, 5 weitere Freiwillige, die wie wir einen Freiwilligendienst in Brasilien machen werden. Endlich angekommen werden wir jetzt als „große Gruppe“ freundlich von unser Mentorin Simone am Flughafen in Empfang genommen und zur Studenteneinrichtung Faculdades EST gebracht, wo wir gemeinsam die erste Woche das Einführungsseminar verbringen. Jeden Morgen von 08:00 — 12:00 gibt es Portugiesisch-Unterricht; São Leopoldo, Novo Hamburgo und Porto Alegre wurden besichtigt (die Städte der Einsatzstellen der anderen Freiwilligen); uns wurde viel neues Essen gezeigt und wie man Chimarrão trinkt (koffeinhaltiges Warmgetränk, das man aus einem Holzbecher trinkt, die meisten kennen es als „Mate“); die Gruppe schweißt zusammen – der Gedanke, dass ich der Einzige bin, der wirklich weit weg von den anderen Freiwilligen wohnen wird, verunsichert mich ein bisschen. Die gute Nachricht: Ich fahre das erste mal in einem Nachtbus – mit eigenem „Liegesofa“ – und ja, ich habe reingepasst! Die Fahrt war so angenehm, dass ich fast die gesamten 12 Stunden nach Curitiba durchgeschlafen habe.

Mit einem abraço werde ich von der Projektleiterin und meiner neuen Zweit-Mama Darclê begrüßt. Wir verstehen uns ab Minute eins. Eine Person, die mir jetzt schon sehr ans Herz gewachsen ist. Sie spricht super gut Deutsch, was für die ersten Tage und Wochen sehr nützlich ist. Wie sie ständig sagt „passt die Chemie“ zwischen uns.

Dorcas ist ein Sozialprojekt mit dem Ziel der sozialen Entwicklung, um die Lebensqualität der Kindern und Jugendlichen im Projekt zu fördern. Es werden die verschiedensten Kurse angeboten, vergleichbar mit dem normalen Schulunterricht in Deutschland. Insgesamt gibt es ca. 180 5 –18 Jährige im Projekt, die als Vormittags- und Nachmittagsgruppe aufgeteilt sind. Die Gruppen wechseln Halbtags beim Mittagessen. Es gibt immer Reis mit schwarzen Bohnen (Nationalgericht Brasiliens) mit Salat und meistens einem Fleischgericht — immer super lecker. Mit den jüngeren Kindern wird gebastelt, gemalt, gespielt, sowie Schreiben und Lesen gelernt. Den Älteren werden Kurse wie Erdkunde, Informatik (Computerunterricht), Roboter und Technikunterricht oder „Zukunftsplanung“ angeboten.
Wir gehen alles Nötige einkaufen, wie Sim-Karte und Obst (schmeckt 1000x besser hier!) und sie zeigt mir mein Zuhause für die nächsten 11 Monate. Ich wohne in einem Studentenwohnheim einer Theologieuniversität und habe alles was ich brauche – ein gemütliches Zimmer mit weitem Ausblick, ein eigenes Badezimmer mit Dusche, einen Supermarkt der so ziemlich alles hat und eine Küche, die ich mir mit meinem Zimmernachbarn Alex teile.
Am Tag nach meiner Ankunft in Curitiba lerne ich direkt meine Einsatzstelle „Projecto Dorcas“ kennen. Der Tag beginnt generell damit, dass die Kinder und Jugendlichen im größten Raum mit einigen Worten und einem Gebet begrüßt werden, bevor es in den Unterricht geht. Dort stelle ich mich vor: „Ich bin Pelle aus Deutschland – Hamburg, ich bin 20 Jahre alt, ich spreche ein bisschen portugiesisch, werde für 1 Jahr hier arbeiten und bin sehr groß.“ Die Frage, wie groß denn genau wird am selben Tag noch schnell mit drei unterschiedlichen Maßbändern geklärt – zu meinem Bedauern weiß ich es jetzt offiziell und muss zugeben: 2,01m.
Die erste Woche schnuppere ich noch in den verschiedenen Angeboten und Kursen vorbei, danach bekomme ich meinen eigenen Arbeitsplan. In den ersten Monaten bin ich vor allem bei den Kleinen eingesetzt, da ich dort am Besten die Sprache lernen kann. Bei ihnen fehlt so mancher Ansatz von Grammatik oder guter Aussprache. Außerdem bringe ich meine Kenntnisse aus der Elbschule mit, wo ich die vergangenen 9,5 Monate in der Vorschule ebenfalls mit Kindern gearbeitet habe. Dazu kann ich direkt sagen, wie sehr mir die Gebärdensprache beim Verständigen hilft. Erst dachte ich, spanische Grundkenntnisse aus der Schule wären ebenfalls praktisch, da sich Spanisch und Portugiesisch sehr ähneln, jedoch ist es nicht nur ein Vorteil. Klar, ich kann dadurch schon viel mehr verstehen, doch wenn ich anfange zu sprechen, ist es eine Mischung aus beiden Sprachen, was nicht nur für meinen Gegenüber schwer zu verstehen ist, sondern mir auch für das „Sprache schnell lernen“ sehr im Weg steht. Doch auch bei der Elbschule musste ich quasi eine neue Sprache lernen und auch dort ist mir schnell bewusst geworden, dass man auch ohne Sprache auf andere Weise miteinander kommunizieren kann. Klar gibt es auch Google Übersetzer (viele der Kinder kommen immer wieder zu mir und stellen mir darüber Fragen – hauptsächlich über Fussball) oder Erzieher*innen im Projekt, die Deutsch oder Englisch sprechen, die im schlimmsten Fall auch mal kurz übersetzen können.
Vor dem Gebäude gibt es einen Fussballplatz, der jeden Tag – auch bei Regen – in Benutzung ist. Außerdem gibt es noch eine Tischtennisplatte, sowie drei Tischkicker. Als Sportangebot gibt es neben vielen Bewegungs- und Ballspielen Capoeira-Unterricht (brasilianischer Kampftanz). Fussball wird selbstverständlich auch jeden Tag gespielt… dort geht es immer um alles – seit dem ich einmal mitgespielt habe, werde ich natürlich nicht mehr „Pelle“, sondern „Pelé“ (brasilianische Fussballlegende) genannt! Ob ich auch so gut bin, wie er es war, ist zu diskutieren :).
Musik wird hier ganz groß geschrieben. Mittwoch und und Freitag sind die Musiktage. Es gibt Blockflötenunterricht, einen großen Chor, Trommelkurse und vor allem eine große Band mit Trompeten, Posaunen und weiteren Blasinstrumenten. Teilweise treten sie in der evangelischen Kirche in Curitiba auf und spielen ihre Stücke. Es macht total Spass zuzuhören, die haben es echt drauf…!

So viele Menschen – nicht nur bei Dorcas, auch beim Einkaufen, auf der Strasse oder im Studentenwohnheim sind so herzlich, fröhlich und hilfsberit. Das macht es leicht Kontakte zu knüpfen. Gerade durch das Studentenwohnheim habe ich natürlich Anschluss gefunden und konnte direkt neue Freundschaften schließen. Auch am Wochenende bin ich mit den neuen Leuten unterwegs und es wird nie langweilig. Es wird aufeinander geachtet und geguckt, dass keiner alleine ist. Sie wissen, wo es das beste Essen für den besten Preis gibt und zeigen mir die schönen Ecken von Curitiba.

Nach meinem ersten Monat im Projekt kann ich sagen, wie wohl ich mich hier aufgehoben fühle. Ich finde es außerdem so faszinierend und beeindruckend, mit wie viel Freude die Kinder und Jugendlichen hier im Projekt mitziehen. Sie haben Spaß an allen Kursen und Projekten, die ihnen angeboten werden. Vor allem beim Chor, egal ob jung oder alt, alle singen mit Freude und Elan mit und haben total Spaß dabei.
Bei so ziemlich allen Aktivitäten, egal ob es Musik, Basteln, Malen, Spielen, Fussball oder eine Partie Tischtennis ist, werde ich fast immer aufgefordert, bzw. herausgefordert und gefragt, mitzumachen und mitzuspielen – einer der Hauptgründe, mich darauf zu freuen zur Arbeit zu gehen. Es freut mich auch jedes Mal aufs Neue, von strahlenden Kindern begrüßt zu werden, die sich auch immer freuen, mich zu sehen. Schön ist auch, wenn gefragt wird, wie dies und jenes auf englisch oder deutsch heißt. Es freut mich auch, wenn wir über meine Aussprache mancher portugiesischen Wörter lachen können.
Wir können unglaublich viel von einander lernen und ich bin sehr dankbar dafür, diese Erfahrung machen zu dürfen. Das sich die Ausreise wegen Corona um ein Jahr verschoben hat, finde ich im Nachhinein nicht mehr blöd, da dieses Jahr jetzt erst begonnen hat und noch viel vor mir liegt.

Ich freue mich schon darauf, mehr von meiner Zeit hier mit euch zu teilen und bitte um Geduld, falls mal ein bisschen gewartet werden muss. Mein Alltag nimmt mich hier sehr in Anspruch…

Bis zum nächsten Mal,
Euer Pelle