
Schwerin / Tallinn (dds). Vom 9. bis 13. Juli 2025 reist die Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) nach Estland. Die ökumenische Begegnungsreise dient dem Austausch mit der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) – einer langjährigen Partnerkirche der Nordkirche – und bietet Einblicke in die Rolle von Kirche in einer säkular geprägten, hoch digitalisierten Gesellschaft.
Nordkirche vertieft Partnerschaft mit estnischer Kirche
Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt: „Wertvolle Impulse für Kirche in einer sich wandelnden Gesellschaft“
Schwerin / Tallinn (dds). Vom 9. bis 13. Juli 2025 reist die Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) nach Estland. Die ökumenische Begegnungsreise dient dem Austausch mit der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) – einer langjährigen Partnerkirche der Nordkirche – und bietet Einblicke in die Rolle von Kirche in einer säkular geprägten, hoch digitalisierten Gesellschaft.
Kirche in einer sich wandelnden Gesellschaft
„Wir erwarten wertvolle Erkenntnisse darüber, wie Kirche in einer digital-affinen und säkularen Gesellschaft präsent ist und als Minderheitenkirche Verantwortung übernimmt – besonders im Kontext von Bildung, Demokratie und sozialem Miteinander“, sagt die Vorsitzende der Kirchenleitung, Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt, unmittelbar vor Beginn der Reise. „Die Erfahrungen und Perspektiven, die wir in Estland gewinnen, werden uns sicher inspirieren, unseren Weg als Kirche in einer sich wandelnden Gesellschaft zu reflektieren und weiterzuentwickeln“, so die leitende Geistliche der Nordkirche.
Vorreiter in Sachen digitale Innovation
Estland gilt international als Vorreiter bei digitalen Innovationen, Verwaltungsmodernisierung und demokratischer Transformation. Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion hat das baltische Land grundlegende Veränderungen durchlaufen – politisch, gesellschaftlich und kulturell. Gleichzeitig ist die religiöse Bindung in der Bevölkerung heute gering: nur rund ein Drittel der Menschen gehört einer Religionsgemeinschaft an. In dieser Situation steht die EELK exemplarisch für viele Kirchen Europas, die sich als Kirchen in der Minderheit mit Fragen ihrer Relevanz, Sichtbarkeit und Zukunftsfähigkeit auseinandersetzen.
Schwerpunkte: Bildung, Demokratie, diakonisches Engagement
Die Kirchenleitung der Nordkirche möchte mit dieser Reise bewusst von der EELK lernen: von kirchlichen Initiativen vor Ort, dem gesellschaftlichen Engagement in säkularen Kontexten, und von der Fähigkeit, unter komplexen gesellschaftlichen Bedingungen neue Wege des kirchlichen Handelns zu entwickeln. Das Programm umfasst Begegnungen mit Kirchengemeinden in Tallinn, Rakvere, Haljala, Narva und Haapsalu sowie Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der estnischen Kirche, Politik und Zivilgesellschaft.
Landesbischöfin predigt im Dom zu Tallinn
In Harju-Risti trifft sich die Kirchenleitung mit Pastorin Annika Laats, deren Gemeinde sich aktiv in der Arbeit mit Geflüchteten engagiert. Seit 2022 wohnen im Gemeindehaus 22 Menschen aus der Ukraine, darunter 15 Kinder. Auch sonst engagiert sich die Gemeinde für wichtige soziale Anliegen. So wurde im Garten der Gemeinde ein Gedenkort für Sternkinder eingerichtet, in Estland einmalig. Weitere Schwerpunkte der Begegnungsreise liegen auf Fragen der politischen Bildung, der diakonischen Praxis und der digitalen Transformation kirchlicher Kommunikation und Arbeit. Am 13. Juli 2025 predigt Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt auf Einladung von Urmas Vilmas, Erzbischof der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, im Dom zu Tallinn.
Die Beziehungen zwischen Nordkirche und EELK
In den Vorgängerkirchen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) wurden seit den 1980er Jahren enge Beziehungen zur Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) gepflegt. Erste Kontakte wurden im Rahmen internationaler lutherischer Vernetzung aufgebaut – insbesondere durch den Lutherischen Weltbund. 2002 wurde von der damaligen Nordelbischen Kirche ein offizieller Partnerschaftsvertrag unterzeichnet, der für eine lebendige Beziehung zwischen beiden Kirchen steht. Die Nordkirche koordiniert und pflegt die Beziehungen über ihr Ökumenewerk. So gibt es zum Beispiel Begegnungen auf Gemeindeebene und fachlichen theologischen Austausch im Rahmen des Deutsch-Baltischen Pastoralkollegs. Kirchenkreise und Gemeinden haben ebenfalls Partnerschaften aufgebaut. Darüber finden es Jugendbegegnungen und gemeinsame Konzerte statt und Projekten der Kinder- und Jugendarbeit werden unterstützt. Die Nordkirche hat außerdem Sanierungsarbeiten an kirchlichen Gebäuden in Estland gefördert sowie den Neubau der Kirche in Saku unterstützt.
Hintergrund: Die Estnische Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK)
Die Estnische Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK) ist die größte protestantische Kirche Estlands und zählt zu den traditionsreichsten lutherischen Kirchen Europas. Sie geht auf die Reformation im 16. Jahrhundert zurück, als in Städten wie Tallinn, Tartu und Pärnu lutherische Predigt und Lehre Einzug hielten. Seit dem Jahr 1917 ist die EELK als eigenständige lutherische Kirche organisiert. In Estland lässt sich nach den Worten von Erzbischof Urmas Viilma beobachten, welche Zukunft vielen Kirchen in Europa bevorstehen könnte: Nur noch ein Drittel der Bevölkerung Estlands ist Mitglied einer Kirche oder bezeichnet sich als religiös. Der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche gehören etwa zehn Prozent der Bevölkerung an. Sie versteht sich dennoch als nationale Institution, die allen Menschen – unabhängig von ihrem Glauben – dient. Sie leistet wichtige diakonische Arbeit, zum Beispiel durch Unterstützung von Frauen in Not sowie Seelsorge in der Armee und in Gefängnissen. Durch ihre ökumenische Zusammenarbeit mit anderen Konfessionen engagiert sie sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Trotz schwieriger finanzieller Bedingungen und dem Fehlen von Religionsunterricht an öffentlichen Schulen blickt die Kirche hoffnungsvoll in die Zukunft: Sie setzt auf Freiwilligkeit und Eigeninitiative ihrer Mitglieder. Ehrenamtliche werden gezielt gefördert, um das Leben in den Gemeinden zu stärken. Das stärkt auch die Autonomie der Kirche.
Foto: Estnisch-Russische Grenze. © Zanda Ohff