
Hamburg, 25. Juni 2026 – Vier Pastorinnen aus Indien waren im Juni zu Gast in der Nordkirche. Ihr Besuch war mehr als ein Austauschprogramm: Er machte sichtbar, vor welchen Herausforderungen Frauen in kirchlichen Leitungsrollen stehen – und welche Wege sie finden, ihre Stimme zu stärken.

Rev. Kuntala Naik, Rev. Ankita Nayak, Rev. Malanti Hial (Jeypore Evangelical Lutheran Church) und Rev. Anamika Bag Sona (Assam Church) kommen aus unterschiedlichen Regionen Indiens, doch ihre Erfahrungen überschneiden sich. Sie arbeiten in kirchlichen Strukturen, die vielerorts noch stark patriarchal geprägt sind. Pastorinnen sind hier oft in einer besonderen Situation: Sie tragen Verantwortung, müssen sich aber zugleich immer wieder ihre Rolle erkämpfen.
Eine der Besucherinnen bringt es so auf den Punkt: „Von uns wird erwartet, dass wir immer ernst sind. Wenn wir zu viel lächeln, gelten wir schnell als nicht seriös.“ Was zunächst wie eine Randbemerkung klingt, verweist auf grundlegende Erwartungen an Frauen im kirchlichen Dienst – Erwartungen, die sie und ihre Mission einschränken.
Zwischen Verantwortung und strukturellen Grenzen
Die Berichte der vier Pastorinnen zeigen, wie unterschiedlich und zugleich belastend diese Rahmenbedingungen sein können. Malanti Hial erzählt, dass sie in einer Gemeinde ohne Pfarrhaus eingesetzt wurde und zeitweise allein in der Kirche leben musste – eine Situation, die nicht nur praktisch schwierig, sondern auch mit erheblichen Sicherheitsrisiken verbunden ist. Anamika Bag Sona wiederum ist die erste Pastorin ihrer Kirche. Sie wurde erst Jahre nach Abschluss ihres Studiums ordiniert und arbeitet bis heute ohne eigene Gemeinde.
Solche Erfahrungen sind keine Einzelfälle. Sie spiegeln strukturelle Fragen wider: Zugang zu Leitungspositionen, Anerkennung von theologischer Ausbildung, und nicht zuletzt die Frage nach Sicherheit und Unterstützung im Alltag. Dennoch übernehmen die Frauen Verantwortung und gestalten ihre Kirche aktiv mit – in Gemeinden, in der Bildungsarbeit, in der Begleitung anderer Frauen.
Bibelarbeit als Raum der Teilhabe

Ein zentraler Bestandteil des Aufenthalts in der Nordkirche war ein interkultureller Bibliolog-Kurs in Breklum. Für die Pastorinnen ist diese Methode mehr als ein didaktisches Werkzeug – sie eröffnet neue Möglichkeiten von Teilhabe.
Bibliolog versteht Bibellesen als gemeinsamen Prozess. Im Unterschied zu traditionellen Formen der Auslegung, in denen vor allem ordinierte Personen sprechen, setzt der Bibliolog auf die gleichberechtigte Beteiligung aller. Jede Perspektive zählt, jede Erfahrung darf eingebracht werden. Der Ansatz wird oft mit dem Bild vom „schwarzen“ und „weißen Feuer“ beschrieben: Das „schwarze Feuer“ ist der biblische Text selbst. Das „weiße Feuer“ steht für den Raum zwischen den Zeilen – Gedanken, Gefühle und Deutungen, die beim Lesen entstehen. Genau dieser Raum wird im Bibliolog geöffnet.
Für die Pastorinnen aus Indien liegt darin ein besonderes Potenzial. In vielen Gemeinden sind Hierarchien deutlich ausgeprägt, Beteiligungsmöglichkeiten begrenzt. Der Bibliolog schafft dagegen einen Raum, in dem auch Menschen ohne Amt ihre Stimme erheben können – Frauen ebenso wie junge Menschen oder andere, die sonst weniger gehört werden.
Empowerment durch Begegnung
So wichtig die methodische Ebene ist, so prägend war für die vier Pastorinnen auch die persönliche Erfahrung des Aufenthalts. „Der Abstand zu den eigenen Gemeinden und Erwartungen eröffnete einen Freiraum, in dem sie sich anders zeigen konnten“, beobachtete Indienreferent Jörg Ostermann-Ohno, der die Besucherinnen begleitet hat.
In diesem geschützten Rahmen wurde nicht nur gelernt, sondern auch offen gesprochen – über Belastungen, Konflikte und Fragen des eigenen Berufsalltags. Gleichzeitig entstand Raum für Leichtigkeit: gemeinsames Lachen, ungezwungene Gespräche, gegenseitige Ermutigung. Diese Erfahrung wurde von den Pastorinnen selbst als stärkend beschrieben. Sie zeigt, wie wichtig Räume sind, in denen Frauen ihre Rolle reflektieren und neue Perspektiven entwickeln können – jenseits von Leistungsdruck und festen Zuschreibungen.
Gegenseitiges Lernen über Grenzen hinweg
Der Austausch war dabei keine Einbahnstraße. Die Interkulturalität des Kurses in Breklum war ein großer Gewinn, da hier sehr unterschiedliche Perspektiven der Teilnehmerinnen auch aus Ghana, Tansania oder Deutschland zusammenkamen. Dies wurde deutlich z.B. an der Rolle der Frauen in den jeweiligen Herkunftsländern, die sich dann auch in den Äußerungen zu biblischen Frauenfiguren ablesen ließ“, berichtet Jörg Ostermann-Ohno.

Auch die Begegnungen mit Frauen aus der Nordkirche machten deutlich, dass Fragen von Teilhabe, Anerkennung und Gestaltungsmöglichkeiten nicht nur den globalen Süden betreffen. Es wurde deutlich, dass unterschiedliche Kontexte unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringen – aber auch vergleichbare Anliegen: Sichtbarkeit, Mitgestaltung und gegenseitige Unterstützung.
Programme wie „Women on the Move“, an das während des Besuchs angeknüpft wurde, zeigen, wie solche Verbindungen langfristig wachsen können. Sie schaffen Netzwerke, in denen Erfahrungen geteilt und neue Ansätze gemeinsam entwickelt werden.
Perspektiven für die Zukunft
Die vier Pastorinnen werden ihre Ausbildung im Bibliolog in den kommenden Jahren fortsetzen. Ziel ist es, die Methode in Indien weiterzugeben und langfristig dort zu verankern. Damit verbinden sie auch die Hoffnung, Beteiligung in ihren Gemeinden zu stärken und neue Räume für Austausch zu eröffnen.