„Was tun, wenn alles ins Rutschen gerät?“

Foto: KI-generiert

Krieg, Verunsicherung, Krisen: Beim Betrachten eines Bildes kommen Europareferentin Zanda Ohff Gedanken, die ihr Mut und Hoffnung geben. „Wenn wir den Mut finden, die Sicherheit und den Frieden nicht in den selbstgebauten Gemäuern zu suchen, kann etwas Neues entstehen“, schreibt sie. 

Hamburg, 16. Februar 2026

Pastorin Zanda Ohff: „Wir stehen auf einem hohen Hang“

Wenn ich die täglichen Nachrichten lese, wenn der Jahrestag des militärischen Angriffs Russlands auf die Ukraine mich daran erinnert, dass keine Gesetze und keine Konventionen die Menschen zuverlässig zu schützen vermögen, wenn ich von Sorgen und Hoffnungen der Menschen in unseren Partnerorganisationen in Polen, Litauen, Lettland, Estland und Russland höre, wird mir schwindelig. Es erscheint mir, dass wir auf dem Hang eines hohen Berges stehen, dessen Schnee- und Eisdecke jederzeit ins Rutschen geraten kann. Hier oben stehen unsere festgebauten Häuser, die eine gewisse Sicherheit ausstrahlen, oder zumindest einen Rahmen für unsere beunruhigten Seelen bieten. Das sind unsere Strukturen und Werte, die uns lange genug das Gefühl der Sicherheit geboten haben.

Was aber, wenn tatsächlich alles bald ins Rutschen gerät? Auch der Hang unter meinen Füßen? Mit dem Blick in die Tiefe wird mir bange. Ich konnte noch nie gut Ski fahren oder Rodeln.  Der Gedanke, einen steilen Berghang runterzusausen, macht mir Angst. Soll ich jetzt Ski fahren lernen? Werde ich es schaffen, in so einem Maße meine Angst zu überwinden, um eine gute Figur zu machen, wenn alles ins Rutschen gerät?

„Wir landen nicht im Nichts“

Und was passiert mit uns allen, die wir es nicht schaffen, die Spur zu halten? Was wird, wenn wir vom Schlitten fallen, und die anderen über uns hinwegsausen? Wenn ich vom Schlitten gefallen im Schnee liege, Gesicht und Haare voll von nassem Schnee und ich nicht mehr weiß, wo oben und unten, wo vorn und wo hinten ist? Werde ich dann noch wissen, wie ich aufstehen kann und eine zuverlässige Hilfe finde, damit ich überlebe? Je tiefer ich in den Abgrund schaue, desto ruhiger werde ich. Tief in dem Tal unten erblicken meine Augen ein leuchtend rotes Haus, viel schöner als unsere dunklen Festungen auf dem Berg. Wenn wir alle den Hang herunterrutschen müssen, landen wir nicht im Nichts. Ein Haus ist da, ein neues Zuhause. Ganz einsam steht das kleine Haus. Es strahlt keine Sicherheit aus, aber Lebendigkeit.

Ich denke an die Menschen in der Ukraine. Ich glaube, durch den Schrecken des Kriegs hindurch haben sie das neue Zuhause erblickt, und das lässt sie durchhalten.

„Sicherheit und Frieden neu suchen“

Ich schaue wieder auf den tiefen Abgrund vor meinen Füßen und auf das neue Zuhause, zu dem man vielleicht nur gelangen kann, wenn man Mut fasst, die Sicherheit und den Frieden nicht in den selbstgebauten Gemäuern zu suchen. 

Ich denke an den Aschermittwoch mit seinem ernüchternden Blick auf den Menschen und seine Bemühungen: „Asche zur Asche und Staub zum Staub“. Ich denke an die beginnende Passionszeit, wenn wir uns daran erinnern, dass auch vor Jesus Füßen mal alles ins Rutschen geriet, dass auch er mitgerissen wurde und fiel. Aber er stand auf und fand seinen Weg zurück ins Leben und in sein wahres Zuhause bei Gott. Seitdem ist er der Leitstern für alle, die herumirren.

„Ein neues Zuhause finden bei Gott“

Diese Übung nehme ich für die Fastenzeit mit: Mich einzuordnen und zu üben, die Richtungen zu erkennen und mich zu bewegen. Nicht im Schneehaufen liegen zu bleiben, sondern aufzustehen, auch wenn das Mühe kostet. Nicht zu versuchen, wieder den Berg hochzuklettern, sondern den Weg zu finden, der zum neuen Zuhause führt.

Wenn ich das freundliche, neue Zuhause und den Leitstern über dem Tal erkenne, macht mir der steile Abhang weniger Angst. Selbst wenn unsere Fahrt keinen schönen Anblick bieten wird, wenn alles ins Rutschen gerät, besteht dennoch die Chance, dass wir überleben und ein neues, schöneres Zuhause finden werden.


Pastorin Zanda Ohff, Europareferentin