
Begegnungen mit einer Kirche in einem Land neben Russland
Hamburg, 15. Juli 2025 (ce) – „Hier beginnt Europa, das russischsprachige Europa“, begrüßte Katri Raik, Bürgermeisterin der Stadt Narva ganz im Osten von Estland die Delegation aus der Nordkirche. Russland und die von diesem Land ausgehende Bedrohung sind hier tagtäglich präsent. Das spürt auch die lutherische Kirche in dem Land, eine langjährige Partnerkirche der Nordkirche. Sie hat ihren Umgang mit der seit dem Überfall auf die Ukraine veränderten Situation gefunden.
Ca. 90% der Einwohner von Narva, der drittgrößten Stadt Estlands, sprechen Russisch, es ist ihre erste Sprache. 34% von ihnen haben die russische, 49% die estnische und 13% eine ungeklärte Staatsangehörigkeit. Sie alle sind Teil Europas, Teil der Europäischen Union, auch wenn viele von ihnen im Informationsraum Russlands leben: „Viele Menschen in Narva unterstützen die Politik Russlands, wollen aber nicht nach Russland ziehen. Sie wollen in Europa bleiben, auch wenn sie Europa und ihre Werte kritisch sehen“, berichtet Europareferentin Zanda Ohff über das Gespräch mit der Bürgermeisterin Katri Raik.

Die Kirchenleitung der Nordkirche, unter ihnen Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt, Bischof Tilman Jeremias, Bischöfin Nora Steen und Synodenpräses Anja Fährmann, waren vom 9. bis 13. Juli auf Einladung der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche angereist. Europareferentin Zanda Ohff hat die Delegation begleitet. Sie pflegt und koordiniert die Beziehungen der beiden Kirchen. Es war eine Reise, so Zanda Ohff, bei der die Themen Frieden, Europa oder Zusammenhalt ständig präsent waren.
Die Kirchenleitung der estnischen Kirche habe zum Beispiel einen Krisenplan ausgearbeitet, die Kirchengemeinden wurden gebeten ihre Möglichkeiten zu prüfen, wie sie in einer Krisensituation Menschen in ihrem Gebiet unterstützen können. So wird zum Beispiel beim Umbau des Diakoniezentrums in Harju-Risti darauf geachtet, dass das Haus autark funktionieren kann, selbst wenn die Wasser und Stromversorgung unterbrochen sein sollte.
„Wir haben unser Projekt „Zufluchtsort“ genannt,“ erzählte die Gemeindepastorin in Harju-Risti, Annika Laats. „Gott ist unsere Zuflucht, und wir wollen, dass Menschen in Krisenzeiten eine Zuflucht finden. Zuflucht bedeutet nicht nur den Trost, sondern auch praktische Hilfe in der Not.“ Seit 2016 wohnen geflüchtete Menschen im Diakoniezentrum der Gemeinde und sind Teil der Gemeinschaft geworden.

Platz der Freiheit in Tallinn, Estland. Foto: Arne Gattermann 
Zanda Ohff (re.) und Bischöfin Nora Steen waren Teil der Estland-Delegation der Nordkirche. Foto: Jonny Franzke 
Zu Besuch bei Annika Laats, Gemeindepastorin in Hariu-Risti, Estland. Foto: Zanda Ohff 
Russische Botschaft in Tallinn, Estland. Foto: Arne Gattermann 
Das Diakoniezentrum in Harju-Risti, das zur autarken Nutzung ausgebaut werden soll. Foto: Jonny Franzke
Das Ökumenewerk unterstützt finanziell die Renovierungsarbeiten im Diakoniezentrum. „Ich freue mich sehr darüber, dass wir mit unserem Zuschuss auch etwas zur Sicherheit Estlands beitragen können“, sagt die Europareferentin. „Ich bin beeindruckt von ihrer[ZO1] inklusiven und am Bedarf der Mitmenschen orientierten Gemeindearbeit! Ihr Mut dies zu tun, selbst wenn das zum Konflikt mit den Amtskolleg*innen führt, war spürbar“, erzählt Zanda Ohff. „Es ist faszinierend zu erleben, wie sehr Annika Laats sich der Nächstenliebe verpflichtet fühlt und welche Kraft daraus erwächst.“
„Nach den Erfahrungen am Ende des Zweiten Weltkriegs wollen wir jetzt auf die Krisen vorbereitet sein. Wir haben einen Plan, wie wir uns verhalten sollen, aber wir beten und hoffen, dass wir nie diesen Plan brauchen werden,“ erklärte Erzbischof Urmas Viilma. Zanda Ohff erläutert: „Wenn wir die Geschichte Estlands im letzten Jahrhundert anschauen: das Ausgeliefertsein durch den Hitler-Stalin-Pakt 1939, die Okkupationen, die Repressionen, die Flucht der estnischen Bevölkerung und die Ansiedlung der Menschen aus anderen Sowjetrepubliken in Estland, wird einem die Einstellung Estlands zum Ukraine-Krieg und die damit einhergehenden Vorbereitungen verständlicher.“
Die Reise endete mit einem feierlichen Sonntagsgottesdienst an dem Landesbischöfin Kühnbaum-Schmidt die Predigt hielt. Bischof Tilman Jeremias und Bischof emeritus Gothart Magaard hielten die biblischen Lesungen auf Deutsch und sprachen die Fürbitten. In ihrer Predigt würdigte Landesbischöfin Kühnbaum-Schmidt die mutige und kreative Art der estnischen Kirche, in einem vorwiegend säkularen Umfeld, Gottes Liebe und Barmherzigkeit erlebbar zu machen.
Weitere Informationen finden Sie auch in unserer Pressemitteilung.





