
Annika Jannsen, Tobias Pfeifer, Dr. Christian Wollmann, Bischof Dr. Imad Haddad, Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt, Bernd Müller-Teichert, Anke Wolff-Steger, Hago Michaelis. Foto: Nordkirche / Annelie Haack-Birgden
Bischof Imad Haddad: „Netzwerke stärken und ermutigen uns“
Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL), Dr. Imad Moussa Haddad, war im Rahmen seiner Reise durch deutsche Landeskirchen auch zu einem Antrittsbesuch in der Nordkirche. „Kirche muss auf der Seite der Gerechtigkeit stehen“, betonte er. Dies sei angesichts der komplexen und schwierigen Lage im Nahen Osten umso nötiger.
Hamburg, 18. Februar 2026 (ce) – Eine seiner ersten Reisen hat den neu gewählten Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL), Dr. Imad Moussa Haddad, zu den Partnern nach Deutschland und in die Nordkirche geführt. In Schwerin wurde er von Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt gemeinsam mit dem Beauftragten für den Christlich-Jüdischen Dialog im Ökumenewerk, Pastor Tobias Pfeifer, empfangen. Beide waren bereits zu der Amtseinführung von Bischof Haddad Anfang Januar eingeladen und mit weiteren leitenden Geistlichen von Partnerkirchen weltweit nach Jerusalem gereist.
Weiterführende Links zum Nachlesen:
- Pressemitteilung: Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt in Gedenkstätte Yad Vashem
- Pressemitteilung: Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt würdigt Engagement Jordaniens für den interreligiösen Dialog
- Mehr erfahren über die Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land auf unserer Themenseite
Kleine Kirche – Blick der Weltöffentlichkeit
Die lutherische Kirche, die Bischof Dr. Imad Haddad seit wenigen Wochen leitet, ist einerseits eine der kleinsten lutherischen Kirchen weltweit und doch eine, auf die sich die Augen der Weltöffentlichkeit immer wieder richten. Denn ihre Mitglieder, ihre Schulen, ihre Projekte sind in einem spannungsgeladenen politischen und gesellschaftlichen Umfeld verankert.
„Die lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land steht im Spannungsfeld mehrerer Regierungen und Realitäten – und müsse gerade deshalb eine prophetische Stimme sein: im Geist des Evangeliums, an der Seite der Menschen vor Ort“, sagt Bischof Haddad.

Die Nachrichten aus Israel und Palästina sind derzeit besonders geprägt von Terror, Krieg und Feindschaft. Wie erleben Sie und Ihre Gemeindemitglieder die aktuelle Situation?
Bischof Imad Haddad: Wir sind Teil der Gesellschaft in Palästina, in Jerusalem und auch in Jordanien. Was unsere Gemeinschaft betrifft, betrifft auch uns. Wir leben weiterhin unter Besatzung. Das bedeutet: geschlossene Tore zwischen Städten und Dörfern, Checkpoints, Unsicherheit – jeden Tag.
Manche dieser Tore können jederzeit – sogar elektronisch – geschlossen werden. Straßen werden ohne Vorwarnung blockiert. Menschen warten stundenlang an Checkpoints. Man weiß morgens nicht, ob man die Arbeit erreicht – oder abends wieder nach Hause kommt.
Das betrifft das gesamte Alltagsleben. Die Besatzung bestimmt jeden einzelnen Aspekt unseres Lebens. Was ich hier beschreibe, ist nur ein kleines Teil eines großen Puzzles – eines Systems von Kontrolle und Macht. Und ehrlich gesagt: Die Lage ist so komplex und instabil, dass es schwer ist, sie überhaupt angemessen zu beschreiben. Wir leben in ständiger Ungewissheit.
Gibt es dennoch etwas, was Ihnen Hoffnung macht?
Hoffnung ist eine Entscheidung. Wir wählen die Hoffnung – trotz allem. Hoffnung ist kein Traum, kein romantisches Ideal. Man darf sie nicht verklären oder spiritualisieren, wie wir Christinnen und Christen das manchmal tun. Hoffnung ist keine Flucht aus der Realität. Sie entsteht gerade mitten in Verzweiflung und Bedrängnis. Hoffnung ist konkret. Sie betrifft das Leben hier und jetzt – heute, in diesem Moment. Sie fordert uns heraus, der Situation nicht das letzte Wort zu lassen. Hoffnung ist keine Emotion. Sie ist eine bewusste Wahl für das Leben.
Sie beschreiben den Auftrag der Kirche als „prophetische Stimme“ und „an der Seite der Menschen vor Ort“. Was bedeutet das für Sie?
Prophetisch zu sein heißt, das Wort des Lebens Gottes zu sprechen – gerade in Situationen des Todes. Es bedeutet, Entscheidungen zu hinterfragen, die Menschen entwürdigen. Es bedeutet, der Menschlichkeit jedes einzelnen Menschen ein Gesicht zu geben. Eine prophetische Stimme akzeptiert keine Erniedrigung des Menschen, keine Entheiligung dessen, was Gott geheiligt hat – nämlich das Leben selbst. Und: Diese Stimme spricht nicht nur für Christen, nicht nur für Muslime oder nur für Jüdinnen und Juden. Sie spricht für jeden Menschen, der im Ebenbild Gottes geschaffen ist und von Gott geliebt wird.
Wie lebt die Kirche das konkret? Was ist in der aktuellen Situation möglich? Was ist schwierig?
In unserer Situation ist vieles schwierig. Manchmal fühlt sich sogar jedes Wort riskant an. Dennoch bleiben wir Kirche – ganz konkret. Wir leisten diakonische Arbeit: Wir hören zu, begleiten Menschen, helfen praktisch – mit Lebensmitteln, Medikamenten oder finanzieller Unterstützung, wenn es nötig ist.
Von zentraler Bedeutung sind unsere Schulen. Bildung ist für uns der Weg in eine bessere Zukunft. Wenn wir von einer besseren Welt sprechen, können wir nicht untätig bleiben und warten. Wir müssen sie vorbereiten. Bildung ist ein Akt der Hoffnung. Wir setzen uns für Geschlechtergerechtigkeit ein und für die Würde jedes Menschen – unabhängig von Geschlecht oder Herkunft.
Und wir kümmern uns um die seelische Ganzheit der Menschen: durch Gottesdienste, Seelsorge, Begleitung. Vielleicht unterscheidet sich das nicht grundlegend von dem, was Kirchen weltweit tun. Aber für uns ist es eine bewusste Entscheidung, dies trotz aller Einschränkungen und Gefährdungen fortzuführen.
Welche Bedeutung haben internationale und ökumenische Netzwerke für die Kirche?
Unsere Partnerschaften sind von unschätzbarer Bedeutung. Sie zeigen uns: Wir sind nicht allein. Menschen weltweit gehen mit uns durch das „Tal des Todes“. Sie begleiten uns in der Verkündigung des Evangeliums. Sie erinnern uns daran: Wir sind nicht vergessen – weder von Gott noch von unseren Geschwistern weltweit. Praktisch unterstützen uns Partnerschaften auch finanziell oder organisatorisch – besonders in einem fragilen Kontext wie dem unseren. Aber noch wichtiger ist das Zeichen der Verbundenheit. Ich spreche gern von „Mit-Sein“, von Withness. Nicht übereinander, nicht voreinander – sondern miteinander gehen. Im Lutherischen Weltbund sagen wir:
Keine Kirche ist so reich, dass sie nichts empfangen könnte.
Und keine Kirche ist so arm oder schwach, dass sie nichts zu geben hätte.
Was wünschen Sie sich von ökumenischen Partnern – besonders von der Nordkirche?
Wir brauchen Begleitung. Aber Begleitung beginnt mit Zuhören. Lernen wir, einander wirklich zuzuhören. Bitte hört auf unsere Stimmen – und reagiert auf das, was ihr hört, so dass es der ganzen Kirche dient, dem Leib Christi. Nicht „wir“ und „ihr“, sondern gemeinsam Kirche. Und: Kommt zu uns. Seht selbst. Bezeugen Sie die Realität, in der wir leben.
Ihre Präsenz – gerade in schwierigen Zeiten – ist ein starkes Zeichen der Verbundenheit. Wenn es zu gefährlich wäre, würden wir es sagen. Aber oft ist euer Kommen ein mutiger Schritt der Solidarität. Manchmal werdet ihr Dinge wahrnehmen, die wir selbst kaum noch benennen – weil sie für uns alltäglich geworden sind. Deshalb brauchen wir Menschen, die sehen, hören und unsere Stimmen weitertragen. Natürlich wird es auch Zeiten geben, in denen wir konkret um Unterstützung bitten. Unser Kontext ist fragil, unvorhersehbar. Aber auch dann braucht es Vertrauen.
Was raten Sie jungen Menschen, die in dieser Zeit Hoffnung verlieren?
Seid jung. Es gibt keine einfache Antwort. Aber eines ist klar: Niemand kann euch die Wahl für das Leben nehmen. Ganz gleich, wie schwierig die Situation ist – ihr habt immer eine Wahl. Wir müssen lernen – und unsere jungen Menschen lehren –, bewusst zu wählen. Unsere Entscheidungen haben unmittelbare Auswirkungen auf unser Leben und auf unsere Hoffnung. Entscheidet euch für das Leben. Entdeckt seine Schönheit – trotz allem. Gerade in unseren Schulen sehen wir das: Kinder singen, spielen, lernen, feiern – selbst in schweren Zeiten. Vielleicht gerade dann.
