Mikro-Optimismus – Gottvertrauen im Alltag

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„Ich lese keine Zeitungen mehr“ oder „Ich gucke nur noch pflichtschuldig einmal täglich die Tagesschau“ – solche Äußerungen habe ich in der letzten Zeit immer öfter von Freunden und Bekannten gehört. Zu groß ist für viele Menschen die Flut von Nachrichten über Kriege, Krisen und Katastrophen in der Welt. Man bekommt das Gefühl, dass sie den eigenen Alltag beeinträchtigen und auch die persönliche Zukunft bedrohen. Es bringt nichts mehr, Pläne zu machen, weil alles Planen ohnehin sinnlos ist. ‚Polykrise‘ nennen manche diese Ansammlung von schlechten Nachrichten und Katastrophenmeldungen und ‚Problemtrance‘ nennt die Psychologie das, was dann mit den Menschen passiert: Sie sind gelähmt von der Flut negativer Gedanken.

Dagegen ist es wichtig, genau hinzusehen. Zweifelsohne gibt es viele Krisen in der Welt, ein Teil des Problems ist aber auch die mediale Aufbereitung: Negative Nachrichten sind einfach spannender, sie werden mehr gelesen und finden mehr Beachtung und prägen so das Bild der Menschen. Niemand meldet: „Heute wurden in den Krankenhäusern viele Menschen durch Operationen geheilt!“ oder „Mit Bussen und Bahnen erreichten unzählige Menschen auch heute ihr Ziel!“ Das nehmen wir einfach so hin wie Vieles, was uns im Leben gelingt und den Alltag positiv prägt.

„Mikro-Optimismus“, so kann man den Versuch nennen, sich gegen alle schlechten Nachrichten in der Welt eine positive Haltung zu bewahren. Wichtig ist es dafür, auch kleine gute Nachrichten wahrzunehmen. Auf Augenblicke zu achten, in denen man die Schönheit der Natur erlebt oder auch einfach eine gute Begegnung mit einem anderen Menschen genießen und positiv im Leben verbuchen. Auch wenn wir viele negative Nachrichten hören: Unsere Lebenserwartung steigt und wir werden gesünder immer älter.

Als Christen können wir die Haltung des Mikro-Optimismus‘ auch als Gottvertrauen bezeichnen. Ich erinnere mich daran, dass ich als Teil der Schöpfung in Gottes Hand gehalten bin – egal, was passiert. Ein schönes Beispiel für diese Haltung ist der Gesangbuch-Schlager „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. In 15 Strophen besingt der Dichter Paul Gerhardt zunächst die Schönheit der Natur und dann sein Vertrauen auf Gott und die Geborgenheit, die er schenkt. Geschrieben hat Paul Gerhardt dieses Lied 1653, fünf Jahre nach dem dreißigjährigen Krieg. Der Krieg und Hungersnöte sowie Seuchen in seiner Folge hatten ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. Es dauerte Jahrzehnte bis sich das Land von diesen Folgen des Kriegs erholte. In dieser dramatischen Krisenzeit findet Paul Gerhardt die Kraft, sein positives Lied zu formulieren und Natur und Gottvertrauen zu besingen.

Vielleicht ist es auch heute noch möglich, sich auf dieses Gottvertrauen zu besinnen – auch wenn es modern „Mikro-Optimismus“ genannt wird.


Pastor Jörn Möller, Leiter des Bereichs Internationale Beziehungen im Ökumenewerk