„Kirche gegen den Hass“: Sönke Lorberg-Fehring betont Auftrag des Evangeliums

Aktuelle Neuerscheinung unter Federführung von Sönke Lorberg-Fehring, Beauftragter für den Christlich-Islamischen Dialog und Referent im Ökumenewerk. Es geht um den Umgang der Kirche mit Rechtsextremismus. 

Er hat gemeinsam mit der Magdeburger Regionalbischöfin Bettina Schlauraff ein Buch zusammengestellt, um die Strategien rechter und rechtsextremer Akteur:innen zu verstehen, ihren Einfluss auf Theologie und Kirche zu erkennen und Gemeinden dabei zu unterstützen, Widerstand zu leisten. 

Hamburg, 13. Februar 2026 (ce) –Würde und Gerechtigkeit – und zwar für Menschen weltweit. Solidarität mit Geflüchteten und Ausgegrenzten. Dialog mit Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens. Klimaschutz. Gendergerechtigkeit. Diese Werte werden von rechtspopulistischen Akteur*innen als „woke“ oder „linker Zeitgeist“ diffamiert. Dabei sind es urchristliche Werte, die für Kirchen weltweit leitend sind. Sie ergeben sich aus dem Auftrag des Evangeliums, für die Schwachen einzustehen und Gott im Nächsten zu dienen, der meine Hilfe braucht.

Christliche Werte gegen den Rechtsruck der Gesellschaft

Aus dieser Überzeugung setzen sich Kirchen öffentlich für Menschenwürde ein, gerade jetzt wo extremistische Parolen und Positionen weltweit zunehmen. „Gemeinden sind wichtige Orte, um dem zunehmenden Rechtsruck in Gesellschaft, Kirche und Theologie entgegenzutreten, also Positionen, die zum Beispiel Migranten für alle Probleme in unserer Gesellschaft verantwortlich machen. Diese Aufgabe leitet sich direkt aus der Bibel ab“, sagt Pastor Sönke Lorberg-Fehring. „Im Matthäusevangelium wird berichtet, dass Gott uns in denen entgegentritt, die sich selbst nicht helfen können und daher auf unsere Hilfe angewiesen sind.“

Kirche gegen den Hass
Mit dem alltäglichen Rechtsextremismus umgehen. Theologische und praktische Ansätze für Gemeinden
Bettina Schlauraff (Hg.), Sönke Lorberg-Fehring (Hg.)
Neukirchener Verlag
Zur Buchbestellung geht es hier.

Im Interview berichtet Sönke Lorberg-Fehring über seine Recherchen und Erkenntnisse

„Verkündigung des Evangeliums ist Aufgabe der Kirche und nicht politische Stellungnahmen!“ Dies hatte zu Ostern im vergangenen Jahr sogar Bundestagspräsidentin Julia Klöckner gefordert. Begegnen Ihnen solche Aussagen, wenn Sie in Gemeinden oder auch auf Podiumsdiskussionen unterwegs sind? Was entgegnen Sie?

Frau Klöckner hat etwas formuliert, was ich durchaus auch bei meinen Vorträgen und Workshops in Gemeinden höre. Allerdings hat sie das als Entweder-Oder beschrieben, was ich so kaum erlebe. Denn den allermeisten Menschen in den Gemeinden ist klar, dass ihr Glaube natürlich gesellschaftsrelevant ist. Die allermeisten sagen mir: ‚Mein Glauben darf nicht privat bleiben und ich soll mich auch nicht nur um mich selbst oder meine Leute kümmern. Auch Jesus war ja auch für alle da, die in Not waren. Daran orientiere ich mich.‘ Diese Orientierung auf den Punkt zu bringen – dafür gibt es die kirchlichen Stellungnahmen. Die Arbeit, die sich aus ihnen ergibt, wird in den Gemeinden vor Ort gemacht. Ich würde mir wünschen, dass Frau Klöckner darauf stärker ihr Augenmerk richtet und auf populistische Verkürzungen verzichtet. 

Können sie die Kritik nachvollziehen, dass die Kirche sich öffentlich in politischen Debatten äußert und sich auch gegen eine große Partei positioniert? Wie argumentieren Sie?

Natürlich kann ich diese Kritik nachvollziehen – allerdings fällt mir auf, dass sie immer nur dann von Parteien kommt, wenn sie selbst oder ihre Positionen kritisiert werden. Doch es ist Aufgabe der Kirchen im gesellschaftlichen Miteinander, auf der Seite derer zu stehen, die selbst dafür zu machtlos sind. Das sorgt für Ausgleich, denn sonst setzen sich nur diejenigen Stimmen durch, die den eigenen Vorteil höher bewerten als das Gemeinwohl. Ich habe große Sorge, dass diese Art des Ausgleichs zunehmend in Frage gestellt wird – und das nicht nur von rechtsextremen Parteien. 

Wenn sich die Kirchen nicht in politischen Debatten zu Wort melden würde, würde eine wichtige Stimme fehlen – und zwar diejenige, die den Sinn eines friedlichen und sozialen Zusammenlebens nicht nur aus politischen Notwendigkeiten ableitet, sondern aus religiösen Überzeugungen. 

Es braucht es in einem religionsneutralen Staat wie Deutschland unter anderem Religionsgemeinschaften – und zwar christliche, jüdische, muslimische und viele mehr. Wenn ihre Beiträge zum Gemeinwohl diffamiert werden – wie es von rechtsextremen Kreisen gegenüber Muslimen regelmäßig gemacht wird und inzwischen auch von sogenannten Parteien der Mitte bei Äußerungen aus christlicher Überzeugung – wird die Axt an den Baum eines Zusammenlebens in versöhnter Vielfalt gelegt. Das macht mir wirklich große Sorgen 

Die Mitglieder unserer Kirche sind ein Spiegel der Gesellschaft. Auch sie wählen extremistische Parteien. Wie können wir ihnen in unseren Gemeinden begegnen und mit ihnen ins Gespräch kommen? 

Ich plädiere dafür, dass wir uns zuallererst fragen, woher die Lücke zwischen unserer Verkündigung und dem Wahlverhalten entsprechender Gemeindeglieder kommt. Dafür müssen wir selbstverständlich auch mit denen ins Gespräch kommen, die Teil der Kirche sind und rechtsextrem wählen. Letztendlich brauchen wir einen umfassenden Ansatz, der Pädagogik, gesellschaftliches Engagement und religiöse Herzensbildung vereint. Das ist bei einer kleiner werdenden Kirche ein großes und ambitioniertes Projekt.

Und wir müssen auch wahrnehmen, wie im Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt die Landeskirche nur noch ‚Kirchensteuerkirche‘ genannt wird – analog zur Abwertung der politischen Gegner als ‚Altparteien‘. Dieses rhetorische Stilmittel stammt aus der Zeit des Nationalsozialismus, um zu diffamieren. Rechtspopulisten positionieren sich so als modern und zukunftsfähig, obwohl ihre Politik auf rückwärtsgerichtete Konzepte setzt und gerade Errungenschaften der Moderne zurückdrehen will. Diese Politik schadet unserer Gesellschaft, unserem Zusammenleben und gefährdet unser Land, das müssen auch wir als Kirche den Menschen vermitteln.

Was hat den Ausschlag für Sie gegeben, dieses Buch zusammenzustellen?

Das war ganz konkret ein Gespräch mit einem Pastorenkollegen aus Mecklenburg, den ich gefragt habe: „Was könnte ihnen helfen. Ich habe eine Referentenstelle im Ökumenewerk und bin dafür da, ihnen zuzuarbeiten.“ Er hat darauf geantwortet: „Ich brauche gut lesbare Informationen, geistliche Stärkung und nachmachbare Beispiele.“ Alle drei Impulse haben wir in unserem Buch aufgenommen. 

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis durch Ihre Recherche und das Lesen aller Beiträge?

Rechtsradikalismus kann weder allein durch gute Politik, eine wache Zivilgesellschaft oder eine engagierte Kirche aufgehalten werden. Wir leben in einem Staat, der zu den reichsten der Welt zählt. Wir müssen von der Fokussierung auf Probleme allein wegkommen und wieder mehr unsere Stärken und Ressourcen wahrnehmen. Die AfD erschafft eine abgeschottete Parallelwelt in der gilt: Unser Land, wenn nicht die Welt, versinkt in einem apokalyptischen Abwärtsstrudel. Das stimmt aber nicht. Vieles läuft gut, auch wenn es selbstverständlich immer noch besser werden kann. 

Das Evangelium ist eine Botschaft der Freude und der Hoffnung. Sie ist nicht naiv und übersieht mögliche Gefahren nicht. Aber sie räumt ihnen nicht die Macht ein, die frohe Nachricht zu übertönen. Das ist der Kern meiner Recherche und der Grundton aller Beiträge und ich bin froh, wenn das Buch dazu beiträgt, diese Perspektive zu stärken. 

Wenn Sie Pastor einer Kirchengemeinde wären, welche drei Erkenntnisse würden Sie im Gemeindealltag umsetzen?

Ich würde versuchen, Menschen zu gewinnen, mit denen ich gemeinsam Orte und Räume schaffen könnte zum Reden und Austauschen, zum Hoffen und Beten. Viele politische Entwicklungen machen Angst – ich wünsche mir eine Kirche, die diese Ängste ernst nimmt und ihr gleichzeitig eine andere Wirklichkeit entgegensetzt. Das ist für mich Arbeit am Reich Gottes. 

Ich würde versuchen, viele Menschen in die Verkündigung des Evangeliums mit einzubinden – durch Ausbildungen als Prädikant:innen, Mitarbeit im Kindergottesdienst und Gemeindeveranstaltungen. Kirche ist Teamarbeit. Das ist für mich die Umsetzung der Zusage: Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen. 

Und ich würde Kirchengemeinden zu Lebensorten machen, an denen ich nicht nur am Sonntag zum Gottesdienst willkommen bin, am Donnerstag zum Chor oder am Freitagvormittag zum Gemeindefrühstück. Ich wünsche mir Kirchen als offene Orte, an denen alle willkommen sind, die etwas von der Gemeinschaft spüren wollen, die wir als die ‚Heiligen Gottes‘ verkörpern. 

Welche Vision haben Sie von Ihrer Kirche angesichts dieser Herausforderungen?

Unsere Kirche wird kleiner werden – das ist kaum zu ändern. Ich wünsche mir aber eine Gemeinschaft von Glaubenden, Zweifelnden und Hoffenden, die darauf nicht mehr ihr Hauptaugenmerk richtet. Wir sind Träger:innen einer Hoffnung, die größer ist als wir selbst. Biblisch gesprochen möchte ich mit 2. Kor 4,7 sagen: „Wir haben einen Schatz in irdischen Gefäßen.“ Es bleibt nicht aus, dass diese manchmal eine Schramme haben oder auch einen Sprung. Ich vertraue aber darauf, dass Gott selbst für den Inhalt sorgt. Das macht vieles leichter – und entbindet mich doch nicht von meiner Verantwortung.