Im Rhythmus des Herbstes: Vom Loslassen, Verwandeln und Weiteratmen

Der Kranich symbolisiert in China die Verwandlung des Menschen nach dem Tod in einen neuen Sein-Zustand. Foto: Adpic

November, Nebel, Winterzeit – es ist wieder soweit, die Uhren und sich selbst umzustellen auf die Periode des Jahres, in der sich Natur und Mensch zurückziehen, in schützende Hüllen, in Räume der Innerlichkeit. In China wird mit den Symbolen von Yin und Yang der Wechsel zwischen einer Dynamik der Ausdehnung und einer Dynamik des Rückgangs im Kreislauf eines Jahres beschrieben. Die Ausdehnung, die Zeit des Yang, beginnt mit dem Frühling, entfaltet sich im Sommer weiter und gelangt mit der Erntezeit zur vollen Reife. Die Dynamik des Rückgangs, die Zeit des Yin, beginnt mit den ersten Anzeichen des Herbstes, den kürzer werdenden Tagen, der nachlassenden Wärme und setzt sich fort im Winter.  

Ähnlich wie bei uns der November das Gedenken an Verstorbene durch christliche Feiertage festlegt, ist in China der Herbst die Jahreszeit, die emotional mit Trauer verknüpft wird. Das Fallen der Blätter, der Abschied vom Sommer und besonders der aufziehende Nebel werden gleichgesetzt mit der Fähigkeit, Trauer zu empfinden und sie zu verarbeiten. Der Herbst wird mit dem Element Metall beschrieben, wobei Metall wohl am ehesten dem westlichen Element Luft entspricht. Das Bild des Metalls ist ein durch die Luft schneidendes, schimmerndes Schwert, die dazugehörige Farbe ist gleißendes silber oder weiß. Die Organe, die dem Element zugeordnet werden, sind Lunge und Dickdarm, sowie alle inneren und äußeren Häute – ihnen ist gemeinsam, dass sie in Kontakt mit der Außenwelt sind, sich öffnen und schließen können. Wir spüren das am deutlichsten bei der Atmung, dem Einatmen und Ausatmen, das rhythmisch die Luft der Umgebung in die Lungen einlässt und die im Körper verbrauchte Luft ausstößt. Ähnlich wird der Dickdarm als Kontaktorgan betrachtet, denn er sammelt die Nahrungsreste am Ende der Verdauungskette. Was durch die oberen Speisegänge schnell durchfließt, verweilt im Dickdarm und wird von dort in längeren Abständen ausgeschieden. Die Haut kann ihre Poren öffnen und schließen, produziert einen feinen Schutzmantel, der den Körper als unsichtbare Lufthülle umschließt und vor negativen Umwelteinflüssen schützt.

Über die Haut, die Lunge, den Dickdarm sind wir berührbar und empfindlich. Wenn wir jemanden verlieren, einen Menschen, der uns lieb war, uns nahestand, empfinden wir Trauer. Wenn die Trauer stark ist, kann der Atem in der Brust steckenbleiben, tiefes Atmen in den Bauchraum ist schwierig. In China wird Trauer oft mit dem Bild des Nebels beschrieben, Energie verströmt in undeutliche Weite, wie in weiße Watte. Was hilft, um weiterzugehen und weiterzuleben, ist rhythmisches Tun, einen Schritt vor den anderen setzen, Einatmen und Ausatmen, etwas trinken, etwas essen, feste Zeiten und Gewohnheiten beibehalten oder sich aneignen. Abschied und Verlust gehören zum Leben dazu; es ist gut, den Umgang damit einzuüben, z.B. im bewussten Erleben des Herbstes, im wertschätzenden Gedenken an Liebgewonnenes, Verlorenes – im Zulassen und Loslassen. Dazu gehört auch das Nachlassen eigener Fähigkeiten.  

Das Element Metall steht im chinesischen Denken auch für Transformation, vom Übergang eines Zustands in den anderen. Oft wird gesagt, China wäre wenig spirituell und doch ist es eine zutiefst spirituelle Vorstellung, dass der Mensch sich nach dem Tod verwandelt und in einen neuen Sein-Zustand übergeht.

Der Kranich symbolisiert diesen Glauben. So wie der Kranich seine Schwingen hebt und majestätisch in die Höhe gleitet, steigt die transformierte Persönlichkeit zum Himmel auf. In den uralten Leibmeisterungsübungen, auch bekannt als Qi Gong, werden die Bewegungen des Kranichs nachgeahmt, um die Organe Lunge und Dickdarm zu stärken, alle Hautporen zu reinigen und das Immunsystem zu stärken. 

Wir wünschen Ihnen einen guten Übergang in die dunklere, kältere Jahreszeit mit dem Segen Gottes und vielleicht, wenn Sie mögen, auch mit ein wenig Kranich-Energie. 


Isabel Friemann, Ostasienreferentin im Ökumenewerk