
Hamburg, 27. November 2025 (ce) – Ernüchterung statt Hoffnung: Anders als vor zehn Jahren in Paris herrscht nach der Ende November zu Ende gegangenen Weltklimakonferenz in Brasilien keine Aufbruchsstimmung. 2015 hatten die Delegierten beschlossen, die Erwärmung der Erde auf 1,5 Grad zu begrenzen – mit allen notwendigen Mitteln und Anstrengungen. Doch in diesem Jahr ist nur ein Minimalkompromiss vereinbart worden.
„Statt eines klaren Kurswechsels bleibt die Konferenz hinter den Erwartungen zurück und verfehlt zentrale Weichenstellungen“, erläuterte Dr. Katherine Braun, Referentin für Migration und Menschenrechte im Ökumenewerk, die in Brasilien vor Ort war. Sie hat die Verhandlungen zu Flucht, Migration und Menschenrechten im Kontext der Klimakrise als Vertreterin im Netzwerk kirchlicher Organisationen gemeinsam mit Brot für die Welt, dem Lutherischen Weltbund und der ACT Alliance begleitet. Denn: „Obwohl klimabedingte Vertreibung schon im Pariser Klimaabkommen erwähnt ist, gibt es in der Umsetzung enorme Lücken.“

Zum Interview mit Dr. Katherine Braun geht es hier.
Großes Versäumnis bei Finanzierung von Schäden
Daran hat sich trotz großer Hoffnungen im Vorfeld der Konferenz nichts geändert: „Die Abschlusserklärung der COP30 enthält zwar wichtige Absichtserklärungen zur Stärkung der Anpassungsfinanzierung und Anerkennung von Natur- und Waldschutz. Doch der entscheidende Schritt – ein klarer, schneller und gerechter Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas – wurde nicht beschlossen.“ Besonders hart treffe dieses Versäumnis die Menschen im Globalen Süden. Sie stünden bereits heute vor zerstörten Ernten, unbewohnbaren Regionen und massiven sozialen und wirtschaftlichen Folgen durch die Klimakrise.
Dies sei umso schwerwiegender, da erst im Juli dieses Jahres ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofes erläutert hat, dass Staaten völkerrechtlich verpflichtet sind, Emissionen zu reduzieren und Betroffene zu schützen und Betroffene einen Anspruch auf Wiedergutmachung haben. „Damit hätte COP30 eine starke völkerrechtliche Grundlage nutzen können, um Klimagerechtigkeit und Reparation global verbindlich zu verankern. Dass dies ausblieb, ist eine verpasste historische Chance“, kritisiert Katherine Braun.
Einschätzungen aus Brasilien
Diesen Eindruck bestätigt auch Luiz Henrique Seidel, der als Jugenddelegierter der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien an der Weltklimakonferenz teilgenommen hatte: „Die COP hatte zwei Gesichter: Das Amazonasgebiet und die Gemeinden dort, die am stärksten unter dem Klimawandel leiden, bekamen Sichtbarkeit. Und so waren die Beschlüsse in Bezug auf Anpassung an die Folgen der Klimakrise, die Berücksichtigung der Zivilgesellschaft und der Rechte indigener Völker wichtige Fortschritte. Auch der gloable Fonds zum Erhalt tropischer Wälder hat nun erste Mittel. Allerdings wurde der notwendige Ausstieg aus fossilen Brennstoffen eben nicht vereinbart, das war eine Enttäuschung.“
Einschätzungen aus Argentinien
Die Delegation aus Argentinien kam zu folgendem Fazit: Die #COP30 endete in Belém mit einer Mischung aus minimalen Fortschritten und großen Schulden.
#HoradeObrar war zusammen mit #ACTAlianza und dem Lutherischen Weltbund vor Ort, um eine einfache und dringende Forderung zu stellen: Klimagerechtigkeit für diejenigen, die bereits jetzt die schlimmsten Auswirkungen der Krise zu spüren bekommen.
In der ersten Woche brachte Brasilien die Mutirão-Initiative auf den Weg:
- mehr Ehrgeiz bei der Anpassung
- klare Ziele bei der Entwaldung
- Beschleunigung der Energiewende
- solide Klimafinanzierung
Es sah so aus, als würde die COP30 historische Entscheidungen treffen. Aber in der zweiten Woche wendete sich das Blatt. Der Druck von Unternehmenslobbyisten führte dazu, dass Kolumbiens Vorlage eines Fahrplans zur Dekarbonisierung abgeschwächt wurde.
- Es wurde vereinbart, die Mittel für die Anpassung zu verdreifachen, aber erst bis 2035.
- Der Fonds für Verluste und Schäden wurde mit Mitteln aktiviert, die weit unter dem erforderlichen Bedarf lagen.
- Es gab keine Einigung über die Abschaffung fossiler Brennstoffe.
- Und in Bezug auf die Geschlechtergleichstellung wurden wichtige Formulierungen abgeschwächt, anstatt Fortschritte zu erzielen, und die Finanzierung, die Gemeinden und Organisationen seit Jahren fordern, blieb aus.
Die Interessen der Rohstoffindustrie dominieren weiterhin die Verhandlungen, und es bedarf weiterer gemeinsamer Anstrengungen, um einen positiven Wandel zu bewirken. Es ist Zeit für eine ethische Entscheidung zugunsten der Menschen und des Planeten.
Die Enttäuschung überwiegt gegenüber der Begeisterung. Die Maßnahmen sind kosmetischer Natur, während die Welt weiter auf ihre Zerstörung zusteuert. Die COP 30 war wie das Orchester der Titanic, das bis zum Schluss spielte, während das Schiff sank.

Gemeinsame Weltklimakonferenzen einziger Weg
„Dennoch gebe es Katherine Brauns Meinung nach keinen anderen Weg zum Umgang mit der Klimakrise als Weltklimakonferenzen: „Trotz aller Kritik sind die COPs das einzige Forum, in dem alle Staaten – von den verletzlichsten Inselstaaten bis zu großen Emittenten – gemeinsam verhandeln. Ohne COPs und ohne das Pariser Abkommen lägen wir heute auf einem Vier-Grad-Pfad“, erläutert sie. Hier würden die Regeln für Klimafinanzierung, Anpassung, Emissionsminderung und für den Schutz Betroffener verhandelt und zumindest ein Minimalkonsens sei möglich. Ohne diese Prozesse würden besonders verletzliche Staaten schlicht keine Unterstützung erhalten.
Kirchen sind wichtige Stimme der Zivilgesellschaft
„Kirchen und kirchliche Netzwerke haben in vielen Ländern weiterhin Zugänge zu Verhandlungen, die zivilgesellschaftlichen Gruppen zunehmend erschwert werden“, berichtet die Referentin. Gleichzeitig seien Kirchen unmittelbar bei den Menschen, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind. Sie leisteten humanitäre Hilfe, begleiten Umsiedlungen und unterstützen beim Wiederaufbau. Partner – von indigenen Gemeinden im Amazonas bis zu Gemeinden in Dürreregionen Afrikas – vertrauten darauf, dass so ihre Stimmen in die internationale Politik getragen werden.

Weltweit fordern Kirchen mehr Entschlossenheit
Vor Beginn der Weltklimakonferenz hatten kirchliche Bündnisse weltweit eindringliche Appelle für mehr Klimaschutz und Klimagerechtigkeit verfasst. Der Ökumenische Rat der Kirchen forderte: „Wir brauchen eine radikale Veränderung unserer Lebensweise und ein neues Bewusstsein dafür, dass die Natur um ihrer selbst Willen geschützt werden muss.“ Die Klimakrise habe einen Kipp-Punkt erreicht, der Glaubensgemeinschaften weltweit zum Handeln zwinge. Kirchen dürften keine passiven Beobachter mehr sein, sondern aktiv für Veränderungen einstehen. Zum Appell des Ökumenischen Rates der Kirchen zur Weltklimakonferenz in Brasilien geht es hier.
Bischöfe des Südens: „Die Kirche wird nicht schweigen“
Die Bischofskonferenzen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Karibik hatten anlässlich des UN-Klimagipfels im November mehr Umweltgerechtigkeit gefordert. „Die Kirche wird nicht schweigen!“ so heißt es in einem gemeinsamen Brief an UN-Generalsekretär António Guterres und die neue Präsidentin der UN-Vollversammlung, Annalena Baerbock.
Sie verurteilten eine Politik, die Profit über das Leben stelle, „falsche Lösungen“ wie grünen Kapitalismus, die Kommerzialisierung der Natur und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Reiche Nationen sollten ihre ökologische Schuld mit fairer Klimafinanzierung begleichen, „ohne den Globalen Süden weiter zu verschulden“.
Verantwortung der Industrienationen
Auch Uli Eder von der Infostelle Klimagerechtigkeit im Ökumenewerk sagt: „Klima-Kippunkte machen nicht an Ländergrenzen halt und es gibt keinen Planeten B.“ Die Auswirkungen der Erderwärmung seien längst auch in Deutschland spürbar. Zudem hätte die Industrienationen „eine historisch viel größere Verantwortung, um den Ausstoß an Treibhausgasen zu bremsen oder Ressourcen nicht länger auszubeuten.“
Dass die Länder, die schon seit Jahrzehnten vom Klimawandel betroffen sind, finanziell und technisch unterstützt und entschädigt werden müssen, sei richtig: Das liege im eigenen Interesse der Länder des globalen Nordens. Nur so könnten die Lebensgrundlagen für alle Menschen gesichert werden.
(Wer sich für die Klimaschutz-Projekte des Ökumenewerks interessiert, klicke bitte hier.)
Hintergrund: Germanwatch veröffentlicht Klima-Risiko-Index
In einer Pressemeldung heißt es unter anderem: „Deutschland ist schon seit langer Zeit im ersten Viertel der am meisten betroffenen Länder weltweit – derzeit auf Platz 29 im Langfristindex.“ Das liege vor allem an Hitzewellen. Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, klicken Sie hier.
