
Am 8. November 2025 waren zwei besondere Gäste beim Missionskonvent des Ökumenewerks der Nordkirche zu erleben: Nadine Quomsieh, palästinensische Geschäftsführerin des Parents Circle Families Forum (PCFF), und Ayelet Harel, ihre israelische Kollegin. Beide gehören zu jener einzigartigen Organisation, die Menschen zusammenführt, die das Schlimmste erlebt haben: den Verlust eines nahen Angehörigen durch den israelisch-palästinensischen Konflikt. Und doch werben sie gemeinsam für Verständigung, Begegnung und einen Frieden, der nicht irgendwann, sondern nur gemeinsam möglich ist. Gleich zu Beginn machten sie deutlich, was das PCFF ausmacht: Es ist eine Gemeinschaft der Trauernden – Eltern, Geschwister und Kinder, die jemanden verloren haben und trotz ihres Schmerzes entschieden haben, nicht Hass, sondern Dialog Raum zu geben.

Besonders eindrücklich war der Einblick in die Entwicklungen seit dem 7. Oktober 2023. Die beiden berichteten offen von Verzweiflung und Angst, von zunehmender Sprachlosigkeit in ihren Gesellschaften – und gleichzeitig von neuen, mutigen Menschen, die sich dem PCFF angeschlossen haben, obwohl sie gerade erst einen geliebten Menschen verloren haben. Die vom PCFF produzierten Filme gingen vielen unter die Haut: persönliche Geschichten, die Wunden zeigen, aber auch die Kraft des gemeinsamen Weges. Ein Film führte ins sommerliche Youth Camp des PCFF auf Zypern. Kinder und Jugendliche aus Israel und Palästina verbringen dort einige Tage zusammen – spielen, lachen, weinen, kochen. Und sie sprechen über ihre Trauer, ihre Ängste und Träume. Im Zentrum steht dabei das gemeinsame Zuhören, ohne zu werten.

Eine Teilnehmerin sagt darin: „Am Anfang des Camps habe ich geweint, weil ich niemanden kannte. Am Ende habe ich geweint, weil ich mich von meinen neuen Freunden nicht trennen wollte.“ Ein Satz, der nicht nur die Jugendlichen berührte, sondern als Botschaft vielleicht am deutlichsten zeigt, was Verständigung bewirken kann.

Die Begegnung mit Nadine Quomsieh und Ayelet Harel löste unter den Anwesenden ein großes Bedürfnis nach Austausch aus. Fragen wurden offen gestellt, Sorgen geteilt, Zustimmung und auch Ringen miteinander ausgesprochen. Es war ein Gespräch auf Augenhöhe – ehrlich, verletzlich, weit über politische Parolen hinaus. Viele Teilnehmende beschrieben später, wie wohltuend es war, Menschen zu hören, die trotz allem an die Möglichkeit eines gemeinsamen Weges glauben. Ein Satz blieb aus dem Vormittag besonders hängen: „Wir sind die einzige Organisation, die sich wünscht, keine neuen Mitglieder zu bekommen.“
Nach dem gemeinsamen Essen ging der Konvent in drei thematische Workshops über.
- Henning Lüthke berichtete über die seit Jahrzehnten gewachsenen Partnerschaften des Kirchenkreises Schleswig-Flensburg mit der Synagogengemeinde Har El in Jerusalem und der Lutherischen Kirchengemeinde in Beit Jala.
- Pastor Tobias Pfeifer stellte die Arbeit von CAP-KR (Christian Aid Program Kurdistan Region) im nordirakischen Dohuk vor – und die Partnerschaft, die das Ökumenewerk der Nordkirche seit Jahren mit dieser wichtigen Organisation verbindet.
- Ein weiterer Workshop vertiefte Aspekte der Friedens- und Begegnungsarbeit, wie sie im PCFF gelebt werden.
Das war ein Tag, der nachwirkt. Der Besuch der beiden Geschäftsführerinnen des Parents Circle Families Forum war weit mehr als eine Informationsveranstaltung. Es war eine Begegnung, die berührt und herausfordert, die Hoffnung weckt und zugleich nichts beschönigt. Vielleicht fasst eine Stimme aus dem Teilnehmerkreis es am besten zusammen: „Wenn Sie, die so viel verloren haben, weiter miteinander sprechen können – wie könnten wir es uns erlauben, damit aufzuhören?“
Pastor Tobias Pfeifer, Referent für den Mittleren Osten im Ökumenewerk und Beauftragter für den christlich-jüdischen Dialog der Nordkirche