Für Muslime beginnt der Ramadan – „Begegnungen schaffen Vertrauen und bauen Vorurteile ab“

Hamburg, 17. Februar 2026 (ce) – Der neunte Monat des islamischen Mondkalenders ist der Ramadan. Gläubige Muslime fasten dreißig Tage lang von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Nach Sonnenuntergang wird Iftar gefeiert. Dabei wird das Fasten mit einer Dattel und einem Schluck Wasser beendet. Anschließend kommen Familien zusammen zu gemeinsamen Mahlzeiten und Gebeten in der Moschee.  

Vertrauen aufbauen: Jedes Jahr viele Einladungen in Moscheegemeinden

Sönke Lorberg-Fehring

Sönke Lorberg-Fehring, Beauftragter für Christlich-Islamischen Dialog und Referent im Ökumenewerk der Nordkirche, wird in jedem Jahr im Monat Ramadan zu zahlreichen kleineren und großen Iftar-Feiern in Moscheegemeinden eingeladen. In diesem Jahr geht die Sonne um 16.50 Uhr unter, sodass die Zeit des täglichen Fastens vergleichsweise kurz ist. Im Sommer, wenn die Tage länger sind, dauert der Verzicht auf Essen und Trinken länger. Da sich der muslimische Kalender nicht am Sonnen, sondern am Mondjahr orientiert, zählt er statt 365 Tage elf Tage weniger. Deswegen wandert der Ramadan im Laufe der Zeit durch das Jahr.

Da es die Stelle eines Pastors für Christlich-Islamischen Dialog in der Nordkirche schon seit 1992 gibt, sind über die Jahre viele vertrauensvolle Kontakte zwischen den Religionsgemeinschaften gewachsen. Wie alles Kostbare müssen sie gepflegt und immer wieder durch Begegnungen aufgefrischt werden. „Nur durch persönliche Kontakte werden Vorurteile und Missverständnisse abgebaut. Die aktuellen politischen Diskussionen sorgen gerade für viele Irritationen und Barrieren, bis hinein in unsere Kirchengemeinden“, betont Lorberg-Fehring.

Aktuelles Interview: Wo steht der christlich-islamische Dialog heute?

Wo steht der christlich-muslimische Dialog aktuell?

Wir haben mit vielen Dialogpartnern gute und vertrauensvolle Kontakte. Sie halten auch unterschiedliche Positionen aus, die wir aufgrund unserer verschiedenen Geschichten und Erfahrungen haben. Aktuell sind die äußeren Rahmenbedingungen allerdings besonders herausfordernd: Die migrationskritische Haltung einiger politischer Parteien übersieht, wie sehr Deutschland von Menschen, die hierherkommen, lebt und profitiert.

Brücken bauen ist Aufgabe der Kirche

Das macht auch interreligiöse Dialoge schwierig. Menschen muslimischen Glaubens werden hier oftmals stellvertretend für alles Fremde und Gefährliche angesehen. Das führt dazu, dass das Bild vom Islam in Deutschland deutlich negativer ist als in vielen anderen Ländern Europas. Das widerspricht auch der häufig zu hörenden These, dass es an den Muslimen selbst liegt, dass ihre Religion so negativ gesehen wird. Der Umgang mit anderen Religionen ist in Deutschland nicht sehr eingeübt. Die Kirchen bemühen sich, Brücken zu bauen zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen, weil sie das als ihre ureigenste Aufgaben sieht. Es ist aber schwer, gegen massive mediale und politische Agitation anzuarbeiten, die das Image des Islam auf einige wenige gewaltbereite Extremisten verkürzt.

Wie überschattet das konkret den Dialog mit Gesprächspersonen in Norddeutschland?

Auch meine muslimischen Partner*innen erleben gerade, wie sie zunehmend problematisiert werden, selbst diejenigen, die seit vielen Jahren vertrauensvoll mit der Stadt und den Kirchen zusammenarbeiten.

Dialog bedeutet Solidarität und Partnerschaft

Ein Beispiel: Die Schura Hamburg, das ist der gemeinsame Verband muslimischer Gemeinden in der Stadt, ist gerade dabei, einen eigenen muslimischen Wohlfahrtsverband zu gründen. Manche Politiker:innen diskutieren öffentlich, ob es das wirklich braucht, und verweisen darauf, dass sich Muslime ja auch in anderen Wohlfahrtsverbänden engagieren könnten. Aber was Christen und Juden zugestanden wird, sollte für Muslime auch gelten. Wir sind ein säkularer Rechtsstaat, der allen Religionsgemeinschaften gleiche Rechte einräumt und Pflichten auferlegt.

Gerade weil unser Land historisch christlich geprägt ist, ist es Aufgabe der christlichen Kirchen, die eigene Stellung nicht eifersüchtig zu verteidigen, sondern solidarisch mit anderen Religionen zu teilen. Unser Dialogverständnis heute ist von Gerechtigkeit und Partnerschaft geprägt. Das sollten wir auch so leben und mit Leben füllen.

Wie groß und problematisch ist denn der Einfluss des politischen Islams und islamistischer Vereine?

Selbstverständlich gibt es demokratiefeindliche Kräfte, die versuchen, Deutungshoheit zu gewinnen. Der politische Extremismus geht dabei in der Regel mit einem religiösen Fundamentalismus einher, der keine anderen Religionen nicht sich duldet. Es handelt sich dabei z. B. auch um Personen, die im Visier des Verfassungsschutzes stehen und auch Konvertiten sind. Diese Lebensläufe ist für viele junge Leute anziehend.

„Ausgezeichnete Präventionsprojekte in Moscheegemeinden“

Es gibt ausgezeichnete Extremismuspräventionsprojekte in Hamburg vom ‚Bündnis Islamischer Gemeinden‘, die in diesem Bereich sehr aktiv sind. Wir arbeiten als Nordkirche eng mit ihnen zusammen, weil sie die Gefahr demokratiefeindlicher Kräfte oftmals früher als wir erkennen. Ich halte es für sehr problematisch, dass immer wieder versucht wird, die klare Grenze zwischen konservativen muslimischen Gemeinden und extremistischen Gruppen zu verwischen. Dies lenkt den Blick weg von wirklich gefährlichen Personen und Entwicklungen und übersieht, dass Jugendliche aus klassischen Moscheegemeinden im Ziel extremistischer Gruppen stehen.

Beim Iftar-Mahl in Hamburg 2022. Foto: S. Lorberg-Fehring

Ein Einfallstor für die Agitation radikaler Kräfte sind die vielen ungelösten Fragen rund um den Gaza-Krieg, das Erstarken der AfD und die Verwerfungen in der internationalen Politik. Ich würde mir wünschen, dass gerade von der Politik muslimischen Jugendlichen stärkere Identifikationsangebote gemacht werden, damit sie sich nicht ausgestoßen fühlen und es den radikalen Kräften damit leicht machen. Sie sind ein wichtiger, zukunftsträchtiger Teil unseres Landes und sollten auch als solche angesehen und behandelt werden.

Welche Diskussionen und Veränderungen müssen angestoßen werden, damit das Zusammenleben der beiden Religionen auch in der Breite unserer Gesellschaft besser gelingt?

Besonders muslimische Jugendliche erleben, dass ihre Stellung in der Gesellschaft nicht selbstverständlich ist. Sie fühlten sich gemeint, als der Bundeskanzler das Stadtbild problematisiert hat. Sie lesen in der Zeitung, dass eine Partei, die gerade viele Wahlerfolge einführt, sie nicht hierhaben möchte und von Remigration spricht. Sie erleben, dass sie ihre Sorgen und Ängste, die stark mit dem Erleben des Gaza-Krieges verbunden sind, nicht äußern können, weil ihnen sofort Antisemitismus unterstellt wird.

Dabei geht es ihnen beileibe nicht – wie oftmals behauptet wird – immer nur um Kritik am Staat Israel und dem Vorgehen des israelischen Militärs in Gaza und im Westjordanland. Es geht ihnen darum, dass Menschenrechte universell gültig sein sollten und nicht dem politischen Kalkül untergeordnet werden.

„Unsere plurale Gesellschaft muss allen Stimmen Raum geben“

Ich sehe eine wichtige Zukunftsaufgabe für unsere zunehmend plurale Gesellschaft darin, den Stimmen aller Menschen, die trauern und unter Krieg, Verfolgung oder Flucht leiden, in der Öffentlichkeit Raum zu geben. Mir ist bewusst, dass das eine sehr herausfordernde Aufgabe ist. Aber wenn uns das nicht gelingt, unterdrücken wir Schmerz und Sorgen und erzeugen dadurch Wut und Verzweiflung.

Wir sind ein diverses Einwanderungsland, das seit über 60 Jahren, von Migration geprägt wird. Auch wenn durch politische Vorgaben die Anzahl der Menschen, die bei uns Asyl suchen, gedrückt wird, so sind wir doch auch zukünftig auf Menschen aus allen Teilen der Welt angewiesen, die bei uns arbeiten wollen, um unser gemeinsames Auskommen und unseren Wohlstand zu sichern.

„Als Kirche unsere Erinnerungskultur hinterfragen“

Für uns als Kirche ist es wichtig, dass wir unsere eigene Erinnerungskultur deshalb immer wieder kritisch hinterfragen. Denn alles, was wir nicht bearbeiten, kann unterschwellig wiederkommen. Ich möchte dazu ein Beispiel nennen: Ich mich intensiv mit dem Islambild in der frühen Breklumer Mission beschäftigt. Dabei habe ich herausgefunden, dass in den 1910er Jahren auf eine Art und Weise abfällig vom Islam gesprochen wurde, wie wir es heute fast eins zu eins in den Reden rechtspopulistischer Parteien und Politiker:innen wiederfinden.

Dieser Vergleich hat mir gezeigt, dass es historische Kontinuitäten nicht nur in der Abwertung des Islam, sondern auch im Umgang mit Minderheiten generell gibt. Diese Einseitigkeit ist lange Zeit von der Kirche tatkräftig unterstützt worden. So findet sich in Veröffentlichungen der EKD noch bis 2015 das Bild vom Islam als religiösen Konkurrenten. Für mich folgt daraus, dass wir auch als Nordkirche unsere zum Teil unselige Vergangenheit aufarbeiten. Sonst besteht die Gefahr, dass sie unbewusst weiterwirkt und einem friedlichen und gedeihlichen Zusammenleben in guter abrahamitischer Nachbarschaft im Wege steht. Wir brauchen eine plurale Erinnerungskultur – das ist eine Herausforderung, weil es uns auf bislang unbekanntes Terrain führt. Aber es ist ein wichtiger und notwendiger Schritt.

Wo sehen Sie die Aufgabe der Kirche und auch Ihres Referates für das Zusammenleben unterschiedlicher Religionen in unserer Gesellschaft?

Wir müssen noch stärker daran arbeiten, vom Ich und Du zum Wir zu kommen. Unser evangelischer Auftrag ist es, Brücken zu bauen zwischen Menschen und uns selbst, die wir viel zu oft nur um uns selbst kreisen, neue Perspektiven zu ermöglichen auf uns selbst, auf andere und auf Gott.

Sönke Lorberg-Fehring zu Besuch beim Iftar-Mahl in Kiel 2022.

Eine Möglichkeit könnte sein, in kirchlichen Veranstaltungen noch stärker existentielle, statt allgemeiner Themen zu behandeln. Wenn wir uns gegenseitig mehr Einblicke in unser Leben geben, können Mut wachsen und Unterschiede als das sichtbar werden, was sie auch sein können – Chancen, den eigenen Horizont zu erweitern.

„Mehr Toleranz und weniger Schubladendenken“

Ende Januar war ich eingeladen in der Gemeinde auf Fehmarn, einen Konfirmandentag mitzugestalten. Unser Thema war „BubbleCrasher – wie überwinde ich meine soziale Informationsblase?“ Konfis und Eltern haben einen ganzen Tag daran gearbeitet, wie wir unsere religiösen, politischen, sozialen und medialen Blasen durchlässiger machen können. Denn nur so können wir neue Erfahrungen zulassen.

Dazu haben wir in der Kirche in Petersdorf den kurzen dänischen Fernsehspot „All that we share“ gesehen (https://www.youtube.com/watch?v=bAUqHW1_03s) Darin wird ein soziales Experiment gezeigt. Dabei wird sichtbar, dass Menschen, die im Alltag wenig miteinander zu tun haben, vielleicht sogar Angst und Abneigung voreinander verspüren, auf einmal Gemeinsamkeiten entdecken. Der dänische Fernsehsender TV 2 hat das großartig gestaltet und ein anrührendes Video daraus gemacht. Es ist eine tolle Werbung für mehr Toleranz und weniger Schubladendenken und bringt damit den Auftrag der Kirche auf den Punkt.

Die Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt sendet jedes Jahr zu Beginn des Ramadans eine Grußbotschaft an die muslimischen Gemeinden. Die Pressemitteilung dazu finden Sie hier.