75 Jahre Genfer Flüchtlingskonvention: Kirchen setzen Zeichen für Flüchtlingsschutz

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Hamburg, 20. Juni 2026 (ce) – Zum 75. Jubiläum der Genfer Flüchtlingskonvention haben Kirchen und zivilgesellschaftliche Organisationen ein klares Signal gesetzt: Das Memorandum „Es geht auch anders! Gemeinsam für Schutz und Zusammenhalt“ ruft zu einem zukunftsfähigen Flüchtlingsschutz auf: In fünf Handlungsfeldern geht es nicht um rechtliche Mindeststandards, sondern es wird eine ambitionierte gesellschaftliche Vision entwickelt mit konkreten Impulsen für die politische Diskussion.

Kirchliches Engagement unter Druck: Kritik am Einsatz für Geflüchtete

Die Initiator*innen – darunter die Evangelische Kirche in Deutschland, die Diakonie, Amnesty International und der Paritätische Gesamtverband – kritisieren, dass Flucht und Migration zunehmend politisch instrumentalisiert werden. Geflüchtete würden dabei häufig als Bedrohung dargestellt, wodurch grundlegende Rechte unter Druck geraten.

Auch in und um Kirchen spannen sich heute Netzwerke der Solidarität und Unterstützung. Die Solidarität und Hilfsbereitschaft, die ab 2015 Menschen vor allem aus Syrien und dann 2022 den aus der Ukraine Geflohenen gezeigt wurde, war beeindruckend.

2026 wird dieses Engagement und auch die seit Jahrzehnten etablierte Praxis des Kirchenasyls vielerseits anders bewertet. Der Einsatz für Geflüchtete wird von manchen als parteipolitisch motiviert wahrgenommen, er sei nicht Auftrag der Kirche.

Die Engagierten, die Menschen auf der Flucht ein Kirchenasyl ermöglichen, erfahren zunehmend Ablehnung und ihnen wird sogar vorgeworfen, den Rechtsstaat nicht zu respektieren.


Flüchtlingspastorin Jochims: Einsatz für eine menschliche Welt ist unser Kernauftrag

Ein Gespräch mit Pastorin Dietlind Jochims, Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche. Ihr Büro ist im Ökumenewerk.

Pastorin Dietlind Jochims, Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche. Foto: Nordkirche

Wie hat sich Ihrer Meinung nach der öffentliche Diskurs über Menschen auf der Flucht verändert?

Wenige Jahre nach dem so genannten Sommer der Migration 2015 wirkt ein Rückblick auf diese Monate der Solidarität, der Empathie und der gemeinsam gelebten „Willkommenskultur“ wie ein Blick in eine völlig andere Zeit.

Heute herrscht eine Abgrenzungs- und Abschiebedebatte vor, die Menschlichkeit des Staates scheint ersetzt durch eine beschworene Härte des Rechtsstaates. Und vielleicht liegt auch schon in der Frage ein wesentlicher Unterschied: Es wird fast nur noch ÜBER Menschen auf der Flucht geredet, statt MIT ihnen zu sprechen.

Und schließlich: Das neue europäische Asylsystem, seit wenigen Tagen in Kraft, ist in vielen Punkten eine Flüchtlingsabwehr, kein Flüchtlingsschutz mehr.

Hat sich Ihrer Erfahrung nach auch die Wahrnehmung der kirchlichen, der christlichen Stimme in der Öffentlichkeit und bei Politiker*innen verändert?

Ja, in mehrfacher Hinsicht. Die kirchlichen Stimmen haben nach wie vor Gewicht in öffentlichen Diskussionen, der Einfluss der Kirchen aber wird geringer. Mit Teilen der C-Parteien gibt es kontroverse Debatten darüber, wie Kirche ihren Auftrag wahrnehmen sollte. Manche sagen, Kirche verhielte sich „wie eine NGO“ und solle bei ihrem verkündigend-seelsorgerlichen Kernauftrag bleiben. Das zeugt von einer veränderten -verkürzten!- Wahrnehmung des christlichen Auftrags.

Von Seiten der AfD und einzelner Medien wird das flüchtlingspolitische Engagement der Kirchen gar ganz grundsätzlich in Frage gestellt und systematisch diskreditiert.

Was entgegnen Sie Menschen, die der Kirche bei diesem Thema Parteipolitik für linke Positionen vorwerfen und die meinen, die Kirche würde sich hier in die Politik einmischen, was nicht ihre Aufgabe ist?

Kirche muss sich in Politik einmischen! Politik bedeutet ja wörtlich: Das, was unser Gemeinwesen regelt und gestaltet. Da gehört unser Einsatz für die Nächsten, die so genannten Schwachen, die Rechte aller Menschen doch unbedingt dazu! Parteipolitik ist etwas anderes, das sollte nicht verwechselt werden.

Wie beeinflusst die Kritik die Menschen, die sich in unserer Kirche für Geflüchtete einsetzen und ihre Arbeit?

Solidarischer Einsatz mit Geflüchteten, Nächstenliebe, Menschenrechtsschutz, das alles ist eine gemeinschaftliche Aufgabe – ein Wirken, das Bestärkung, Ermutigung und Vergewisserung braucht. Wenn stattdessen der Gegenwind und die Kritik immer lauter blasen, verunsichert das. Umso wichtiger ist es, dass wir einander zur Seite stehen, klare Haltung bewahren, Gespräche suchen, Empathie und Humanität stärken.

Flüchtlingsrequiem für Tote an Europas Grenzen 2023
Flüchtlingsrequiem für Tote an Europas Grenzen 2023. Foto: Ökumenewerk

Welche Aufgabe hat die Kirche in dieser Situation? Welche Rolle einerseits im öffentlichen Diskurs, aber auch ganz praktisch vor Ort kann und sollte sie einnehmen?

Wach bleiben muss die Kirche. Aufmerksam für all die Situationen und Verhältnisse, in denen Menschen in ihrer Würde verletzt werden. Und dann auch bereit sein, exemplarisch etwas daran zu ändern.

Die Chance von Kirche sehe ich auch nach wie vor darin, Gespräche und Dialoge zu suchen – im Kleinen, wie auf größeren Bühnen. Gemeinschaft wieder mehr zu stärken. Das Recht-Haben allein bringt uns nicht weiter, wenn wir es nicht mehr vermitteln können.

Was gibt Ihnen Hoffnung für Ihr Engagement und Ihre Arbeit?

Die Begegnungen mit Menschen. Mit denen, die sich auch heute noch an vielen Stellen für Menschenrechte, Nächstenliebe und eine gerechtere Gesellschaft einsetzen. Mit denen, die sich neu in unsere Gesellschaft einbringen. Mir machen Mut die Gespräche über Hoffnung und Erfolge, das Lernen aus Fehlern, die immer noch vereinzelt gelingenden Dialoge.

Auch wenn es mit der Hoffnung manchmal auch richtig herausfordernd ist: Es ist für mich alternativlos, dass wir uns weiter für eine menschliche und menschenfreundliche Welt einsetzen, wo wir können. Das ist nun mal unser „Kernauftrag“ – als Menschen, als Christ*innen.

Und auch in hoffnungsärmere Zeiten erreichen uns immer wieder Sätze wie die einer jungen Witwe, die mit ihren beiden kleinen Töchtern aus dem Kirchenasyl schrieb: „Jeden Tag danke ich Gott, dass ich hier sicher bin. Die Atmosphäre ist wundervoll, alle hier sind freundlich. Und ich hoffe, ich bin es für die anderen ebenso.“