Naturgewalten in Rio Grande do Sul

8 Monate bin ich bereits in meiner Einsatzstelle in Brasilien und ich muss sagen, dass die Zeit sehr schnell vergeht. Ich habe angefangen nicht mehr zu zählen, wie lange ich hier bin, sondern wie lange ich noch habe. Die verbleibende Zeit ist leider überschaubar. Mitte Juli geht es schon für mich zurück. Einerseits freue ich mich, meine Familie und Freunde wieder zu sehen. Allerdings werde ich das vermissen, was ich hier habe. Am meisten werde ich vermissen, ein Teil der brasilianischen Kultur zu sein. Mir macht es sehr Spaß, portugiesisch zu reden und ich merke, dass es noch so viel gibt, was ich lernen könnte.

Gestern, als ich es aus Porto Alegre rausgeschafft habe, mussten Julia und ich in einem Supermarkt warten, weil der Verkehr nur aus Chaos bestand. Im Supermarkt wollte ich etwas Kleines kaufen, um die Zeit zu überbrücken. Als ich wartete, bis ich drankomme, hat der Typ vor mir, ein Gespräch angefangen. Nachdem er bezahlte, sprach mich die Kassiererin an. Sie fragte mich, ob ich Amerikaner sei und komplementierte mein Portugiesisch. Es macht mir immer eine Freude mit Menschen zu reden. Viele dieser sind so sehr an einem interessiert, gar kurios, was ein Ausländer so weit weg von Zuhause hier tut.

Das ist auf dem Heimweg passiert. Davor war ich in Porto Alegre bei einer Mitfreiwilligen – Sarah -, die dort wohnt. Julia und ich planten, dass wir eine Nacht bei ihr übernachten, um am nächsten Morgen den Bus zurück zum Projekt zu nehmen. Daraus wurde nichts, weil es durchgängig regnete und wir aus unserem Projekt schlimme Nachrichten bekamen. In der Gruppe wurde geschrieben, dass es kein Strom und Wasser gebe. Es war so viel Regen, sodass der Fluss um ein vielfaches stieg und dadurch Zäune, Land und sogar einige Häuser und Brücken mit sich riss. Eine Arbeitskollegin hat alles verloren und musste bei ihrer Familie wieder einziehen.

Es gibt jetzt immer noch Mitarbeiter, die kein Zugang zu Strom und sauberem Wasser haben, weswegen sie ins Projekt kommen, um zu duschen, Sachen zu waschen, etc.. Als das alles in Padilha passierte, sah man in Porto Alegre die Auswirkungen noch nicht. Ich persönlich dachte, es würde irgendwann aufhören und alles würde wieder normal werden. Das wurde es nicht. Das ganze Wasser aus den Städten wie Taquara, Novo Hamburgo, Gravatai und weiteren flossen in den Rio Guiaba, der direkt an der Metropole Porto Alegre liegt. 

Zwei bis drei Tage später merkte ich die ganzen Auswirkungen. Freitagabend wurde der Strom und das Wasser in der Wohnung von Sarah abgeschaltet. 

Am darauffolgenden Tag lag der Supermarkt, zu dem ich am Vortag noch gegangen bin unter Wasser. Ich sah nur noch die Reklame oben am Haus. Zu dritt sind wir ein bisschen spazieren gegangen, um zu sehen, wie gravierend die Ausdehnung des Flusses wären. Wir sahen Menschen auf den Straßen, die sich genau für dasselbe interessierten. Als wir in Richtung Bahnhof gingen, konnte man zu seiner linken und zu seiner rechten nur Wasser sehen. Irgendwann endete die Straße in einem riesigen See. Schätzungsweise würde ich sagen, dass 4/5 des Bahnhofs unter Wasser standen. Straßenschilder und Straßennamen waren teils kaum noch zu sehen und bis das Wasser die Stromleitungen erreiche, fehlte nicht mehr viel. 

Vereinzelt hörte man Hilfeschreie, da manche Menschen in ihren Häusern blieben und jetzt gefangen waren. Das Schlimme daran ist, dass es Städte gibt, wo es nichts anderes mehr gibt als Wasser. Ich finde es unvorstellbar, wie viel Leid durch einen eigentlich harmlosen Regen entstehen kann. 

Wir blieben bis Montag in der Wohnung und versuchten sparsam mit den Lebensmitteln und dem übrigen Wasser umzugehen. Es hatte zwar aufgehört zu regnen, jedoch stieg das Wasser weiter und weiter. Die Entfernung des Wassers zur Wohnung lag bei etwa 20 Metern. Am Montag gingen wir zu der Arbeitsstelle von Sarah und halfen ihr. Wie helfen, wenn es keine Kinder gibt? 

Normalerweise kommen bis zu 80 Kindern aus den ärmeren Vierteln in der Gegend zu Cedel ( Centro Diaconal Evangelico Luterano ). Cedel ist vergleichbar mit einer Kinderbetreeung. 

https://www.cedel.org.br (Link zur Seite)

Am Morgen waren keine dort, weil sie als Vorsichtsmaßnahme zu Familienangehörigen gebracht wurden, die woanders leben. Wir sind durch einige der Viertel gegangen, um zu sehen, ob es noch Kinder gibt und ob die Familien Hilfe brauchen. Niemand machte uns auf oder war zuhause.

Das Ausmaß des Wassers mit eigenen Augen zu sehen, war enorm. Das Wasser stieg unaufhaltbar. Am Nachmittag musste die Chefin von Cedel zur Sicherheit schließen und evakuieren, weil das Wasser binnen zwei Stunden nur noch eine Straße entfernt war. 

Sie hat uns netterweise auch bei der Rückfahrt geholfen. Wir wurden von ihr und ihren Mann bis zu einem Supermarkt gebracht, wo wir auf unseren Chef aus Padilha warteten. Zurzeit gibt es nur noch eine Straße, die aus Porto Alegre rausführt. Das man sehr schnell merkte. Wir haben ganze 6 Stunden gebraucht für eine Strecke, die normalerweise 1 ½ – 2 Stunden dauert. Ich sah Militärbrigaden und etliche Polizisten auf Motorrädern, die die Lastwägen mit wichtigen Hilfsgütern durch den Stau geführt haben. 

Beim Supermarkt warteten wir weitere 3 Stunden auf unseren Chef, der die gleichen Probleme wie wir hatten. Laut ihm habe er 6 Stunden für 5 Kilometer gebraucht. Am nächsten Tag kamen wir dann endlich wieder zuhause an. Die Eindrücke auf der Rückfahrt ließen mich zum Teil sprachlos. So viel Zerstörung wütete durch unser Dorf und Umgebung. Leider ist ein älteres Ehepaar durch einen Erdrutsch ums Leben gekommen. Mögen Sie in Frieden ruhen.

Das Haus von Julia und mir ist zum Glück in guter Verfassung, wobei Gegenstände in Zeiten wie diesen keinen Wert besitzen. Das Wichtigste ist, dass niemand zu Schaden kommt und das einer seinem Nächsten hilft. 

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