Miteinander – Eine paraguayische Herangehensweise

Was bedeutet eigentlich das Wort „Miteinander“? Wer definiert was es alles umfasst? Ist es nur das physische Zusammentreffen mehrerer Personen, die zusammen einen Moment genießen oder darf bzw. vielleicht sogar muss es beispielsweise auch ein „Füreinander“ beinhalten? Und wer bestimmt welche Personen das betrifft? Hier ist mein Versuch aus meinen Erfahrungen hier in Paraguay eine mögliche Antwort auf diese Fragen zu finden.

In der Online-Ausgabe des Duden wird „Miteinander“ wie folgt definiert: „Miteinanderbestehen, -leben,-wirken o.Ä.“. Das ist nicht nur eine sehr kurze Antwort, sondern wie ich finde auch eine die praktisch nichts aussagt. Es wird nur der physische Zustand, das Zusammenleben oder das gemeinsame Arbeiten, einfach erklärt, nicht aber der emotionale Zustand also die Gefühle, die beispielsweise ich mit einem „Miteinander“ verbinde. Diese sehr oberflächliche Definition des Wortes ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass es praktisch Dutzende von Arten des „Miteinander“ gibt. Als ich nach der Definition gesucht habe, wurden mir direkt Suchvorschläge für ganz verschiedene Versionen vorgeschlagen: Soziales Miteinander, kollegiales Miteinander, konstruktives Miteinander etc. Aber warum machen wir das? Warum schieben wir dieses einfach klingende Wort in so viele Schubladen? Ich glaube, dass es etwas damit zu tun hat, dass wir niemanden beleidigen wollen, gar unverschämt in bestimmten Situationen klingen wollen. Ein soziales Miteinander muss anders sein als das kollegiale Miteinander, da es ja ein anderes Umfeld ist, dass auf anderen Normen und dementsprechend auf anderen Werten basiert. Ich habe mir die Frage gestellt, ob das denn unbedingt notwendig ist. Ob wir nicht durch das ganze Kategorisieren verschiedener Formen des Miteinander, den eigentlichen Sinn dieses Wortes verlieren, weil wir uns jedes Mal verstellen müssen bzw. auf ein neues Miteinander einstellen müssen.

Ich bin Jan, 20 Jahre alt und in meinen nun 6 Monaten in Ciudad del Este, Paraguay, habe ich durch meine Erfahrungen in und um meine Arbeitsstelle, dem Hogar de Niños Santa Teresa, eine neue und in meinen Augen auch bessere Definition dieses vielseitigen Wortes gefunden. Vor Paraguay hatte auch ich die Meinung, dass das Miteinander sehr viele unterschiedliche Definitionen hat, je nach Kontext und je nach den Menschen, die es betrifft. Hier in Ciudad del Este habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass es auch überhaupt kein Problem ist diese Definitionen in einem einzigen Miteinander festzuhalten. Um euch dies näher zu bringen, werde ich meine Erfahrungen in drei Punkte unterteilen:

  1. Das paraguayische kollegiale Miteinander
  2. Abseits der Arbeit
  3. Universelles Miteinander

Das paraguayische kollegiale Miteinander

Schon von Anfang an ist mir aufgefallen, dass das Arbeitsumfeld ein anderes war, als jenes das ich aus Deutschland gewöhnt war. Alle waren bzw. sind sehr viel freundlicher miteinander, man plaudert ausgelassen ohne jegliche Hemmungen und die berufliche Hierarchie verschiebt sich in den Hintergrund. Es gibt zwar jemanden, der oder die das Sagen hat, aber man merkt es nicht. Es gibt keine Entfremdung durch eine höhere Position. Natürlich muss man festhalten, dass es ein relativ kleines Projekt ist, mit ca. 9-12 Mitarbeitern, viele dieser Mitarbeiter befreundet sind und ich aus der Perspektive eines deutschen Freiwilligen berichte, dem so oder so noch mehr geholfen und der noch freundlicher angesprochen wird. Nichtsdestoweniger ist es meiner Meinung nach ein nennenswerter Punkt, da dies mein Ersteindruck auf ein anderes „kollegiales Miteinander“ war.

Der entscheidende Moment, bei dem mir klar wurde, dass Miteinander hier etwas anderes bedeutet, war jedoch ein anderer — unglücklicherweise ein trauriger. In einem schweren Sturm Mitte September ist die Nichte des Hausmeisters Fidencio ums Leben gekommen. Nachdem meine Chefin Natalia und alle anderen Mitarbeiter dies mitbekommen haben, haben sie (und ich natürlich auch) ihr Beileid bekundet und ihren Beistand angeboten. Es war ein schreckliches Unglück und es war für mich normal, dass man einer Person seine Hilfe in sehr schwierigen Zeiten anbietet. Das ist meiner Meinung nach, in der deutschen Perspektive, auch das Maximum des kollegialen Miteinanders. Vielleicht hätten ein bis zwei Personen, die engsten Kollegen, Fidencio zur Aufbahrung begleitet. Hier in Paraguay aber war es ganz anders. Alle Mitarbeiter des Hogar de Niños Santa Teresa wurden gebeten mit zur Aufbahrung zu fahren, um Fidencio und seiner Familie zur Seite zu stehen. Eigentlich wurde sogar niemand gebeten, sondern wir sind einfach hingefahren. Zuerst war mir das etwas unheimlich, weil ich keinerlei Verbindung mit Fidencio hatte und bei der Aufbahrung alle weinend trauerten. Dann wurde mir aber klar, dass das Miteinander hier eben auch ein Füreinander beinhaltet. Es sendet eine sehr starke symbolische Botschaft an die Person und die Familie, wenn das gesamte Arbeitsumfeld mitkommt und jeder für einen da ist, auch wenn die Anwesenheit mancher bedeutsamer ist als die anderer.

Weitere Beispiele dieses Füreinander sind auch die Monatlichen Versammlungen oder unsere Feier zum Abschluss des Jahres. Am Ende jedes Monats besprechen wir die Dinge, die gut oder schlecht gelaufen sind, die verbessert werden müssen und wie man das durch Spenden gesammelte Budget am besten aufteilen kann. Bevor jedoch irgendwas besprochen wird, haben wir aber noch eine persönliche Runde. Jeder muss etwas über seinen Zustand (mental oder gesundheitlich) erzählen und wie es der eigenen Familie geht, welche Projekte man umgesetzt hat oder generell, was es Neues im Leben gibt. Dies erzeugt eine entspannte und vertraute Atmosphäre die sich eher wie ein Familientreffen anfühlt als eine Teamsitzung bei der Arbeit. Auch beim Jahresabschluss hat es sich so angefühlt, als ob es sich eher um ein Familientreffen handelt oder ein Miteinander unter Freunden. Das Kollegiale im engeren Sinne verschwamm oder verschwand komplett. Es gab Asado (Grillgut) dazu Salate und Softgetränke und nach dem Essen eine Musikeinlage durch Verwandte Natalias. Es wurde getanzt und selbst die Ehemänner und Kinder verschiedener Profes (Lehrer) kamen dazu. Vorher gab es auch eine Tereré- Runde (Tereré ist eine Kräutermischung die mit kaltem Wasser immer wieder aufgegossen und weitergereicht wird), bei der man sich über verschiedenste Dinge austauschte. Ein fröhliches Miteinander eben.

Die Tereré-Runde beim Jahresabschluss

Abseits der Arbeit

Dieses andere Miteinander ist gleichzeitig in keiner Weise nur an das Hogar de Niños Santa Teresa gebunden. Auch abseits meiner Arbeit spüre ich dieses andere Miteinander. Da sind einmal meine Freunde. Auf einer Jugendreise lernte ich schnell Menschen kennen. Wir verstanden uns praktisch direkt und ich wurde behandelt, als wäre ich schon seit Jahren Teil der Gruppe. In Caacupé, einer Kleinstadt vor Asuncion, gibt es jedes Jahr ein Treffen verschiedenster kirchlicher Jugendgruppen. Wir gingen Campen und dort traf ich eben auf junge Menschen der „Juventud Verzeriana“. Ich dachte man würde sich wohlmöglich über die Reise hinweg ein paar Mal sehen und etwas zusammen machen. Nicht hier. Obwohl ich nur mittelmäßiges Spanisch spreche, haben sie mich überall hin mitgenommen und mir viele Dinge erklärt. Als ich sie schließlich fragte, ob ich bei ihnen mein Zelt aufschlagen konnte, waren sie schon fast beleidigt. Das sei doch selbstverständlich, warum ich überhaupt fragen würde. Wir spielten, Volleyball oder Karten, tranken Tereré und wenn ich mal was nicht verstanden habe, haben sie es mir direkt erklärt. Ich hatte ein großartiges Miteinander gefunden und fühlte mich geborgen, ohne dass es wichtig war, wer ich für sie bin. Wir verstanden uns einfach gut, das war die Hauptsache.

Ich und meine paraguayischen Freunde (ich bin der vierte von links)

Generell ist das Tereré trinken ein guter Indikator für die Art und Weise wie hier „Miteinander“ verstanden wird. Tereré ist praktisch Nationalgetränk und wird überall getrunken, und von jedem. Man kann es bei allen Möglichkeiten trinken, die bekannteste davon ist die Mittagspause. Egal wo egal wer, man trinkt Tereré reicht ihn weiter (der Tereré wird typischerweise geteilt) und erzählt vom Leben. Eine sehr kleine, aber feine Geste des Miteinander. Dieses Miteinander wird mit allen Menschen geteilt, egal wer man ist. Menschen in Paraguay sind auch sehr hilfsbereit. Wenn jemand irgendwo etwas braucht, wird geschaut, wie man dieser Person helfen kann, und ich habe das Gefühl, als ob es hier so etwas wie ein universelles Miteinander gibt.

Unsere Unterstützung beim Sammeln von Lebensmitteln für die nationale Lebensmittelspende

Das universelle Miteinander

Das „Miteinander“ in Paraguay ist definitiv ein „Füreinander“ und es ist nicht auf eine bestimmte Gruppe begrenzt. Das soll es auch nicht, denn jeder wird unterstützt und alle sind irgendwie füreinander da. Möglicherweise ist ein großer Teil dieser weitverbreiteten Unterstützung bzw. dieses universellen Miteinanders auch auf die Armut der Menschen zurückzuführen. Paraguay ist mit einem durchschnittlichen Monats-Einkommen von 350-450 Euro ein sehr armes Land. Das führt dazu, dass sich viele Menschen gegenseitig unterstützen, was wiederum zur Folge hat, dass das Wort Miteinander eine ganz neue Konnotation bekommt. Trotzdem finde ich, dass das nicht bedeutet, dass es ein schlechteres Miteinander ist. Meiner Meinung nach sollten wir uns alle etwas mehr an so einem Miteinander orientieren, egal wie die finanzielle Lage ist. Wenn wir uns weniger darauf fokussieren würden, das Wort Miteinander in die kleinsten Untergruppen zu definieren und stattdessen positiv, weg vom Schubladendenken, auf ein besseres Miteinander hinarbeiten würden wäre schon so Vielen geholfen. Das heißt nicht, dass es nicht auch spezifischere Miteinander geben kann, aber das paraguayische Miteinander kann uns vielleicht helfen uns zu entspannen, und etwas Hass und Zwiespalt aus der Welt zu schaffen.

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