Mehr als nur eine Begrüßung

Bjarne und ich machen uns auf den Weg zur Bahnstation. Wir begrüßen unseren Nachbarshund, ein Stück weiter winken wir dem Kioskbesitzer zu, der mir beim letzten Mal, als ich meine SUBE-Karte aufgeladen habe, noch ein Glas Wasser angeboten hat. An der Kreuzung zur Bahn ruft der Obstverkäufer: „¿Todo bien, amigos?“ In der Bahn grüßen wir den Verkäufer von gebrannten Mandeln. Wir steigen aus, und Agustín, der Chipás verkauft, gibt uns einen Handshake und fragt Bjarne, wo er die letzten Tage war, er war krank.
Es sind kleine Begegnungen, aber sie gehören fest zu unserem Alltag hier in Buenos Aires.
Wenn wir dann die Tür zur Arbeit betreten, geht es erst richtig los. Wir begrüßen die Mitarbeiterinnen mit Besitos, einem schnellen Kuss auf die rechte Wange, manche zusätzlich mit dicken Abrazos. Jeder nimmt jeden einmal wahr, zur Begrüßung und zum Abschied. Vor sechs Monaten hat mich diese Nähe manchmal befremdet. Ich fand es merkwürdig, Menschen, die ich kaum kenne, so nahe zu sein. Und auch heute noch, wenn ein Mann mir nach einem kurzen Gespräch auf der Straße einen Besito geben möchte, strecke ich ihm meine Hand für einen Handshake aus. Am Anfang fiel es mir auch schwer, die Gesten einzuordnen. Was bedeutet ein Abrazo? Wann ist ein Besito einfach eine freundliche Begrüßung, wann ist er persönlicher? Verhalte ich mich bei unterschiedlichen Menschen anders? Wie nah ist zu nah? Manchmal bin ich mir noch immer unsicher. Doch die Nähe auf der Arbeit ist mir inzwischen unglaublich wichtig geworden. Sie gibt mir das Gefühl von Zugehörigkeit und gibt das Gefühl gesehen zu werden und meinen Gegenüber zu sehen. Mein Chef Claudio spricht oft davon, dass wir eine große Familie sind, und diese Begrüßungen unterstreichen genau das. Mittlerweile kommen die Umarmungen und Besitos ganz natürlich. Und ich glaube wirklich, dass sich unser Miteinander verändert, wenn wir uns alle zur Begrüßung einen Besito geben, egal ob unseren Freundinnen, Mitspielerinnen oder Arbeitskolleginnen.
Mit der Nähe schenkt man sich automatisch mehr Präsenz und fragt einander „Hola, ¿todo bien?“ und möchte eine Antwort hören , auch wenn sie oft nur kurz sein mag.

Nach der Arbeit geht nicht sofort jeder nach Hause. Oft sitzen wir noch eine Stunde zusammen. Ebenso nach dem Volleyballtraining, denn die soziale Zeit ist die wichtigste.

Die Selbstverständlichkeit von Abrazos und Besitos und die damithergehende Wärme möchte ich mitnehmen.
Buenos Aires hat mir gezeigt, dass zwischen Fremden oft nur ein Lächeln liegt.
Und dass ein bisschen mehr Nähe den Alltag einfach schöner machen kann.
Grande Abrazo Sarah

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