Leben in Paraguay nach 6 Monaten

Moin!

Ich lebe jetzt seit fast 6 Monaten in Ciudad del Este, Paraguay! So verrückt das auch immer noch für mich klingt, so normal und alltäglich ist mein Leben hier geworden. Und trotz dieses sehr angenehmen Gefühls, nicht mehr neu zu sein, merke ich, dass ich das Alltägliche und Unalltägliche, das ich hier so erlebe, nie wieder vergessen werde. Von ein paar von diesen teilweise schon so gewohnten Sachen möchte ich jetzt ein bisschen erzählen.

Anfangen möchte ich dafür bei meiner Arbeit im Projekt. Ich arbeite zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Lene in der Kinder- und Jugendlichentagesbetreuung Hogar Santa Teresa. Dort kommen jeweils vormittags und nachmittags zwischen 10 und 50 Kinder, die drei Stunden zusammen im Hogar verbringen. Noch bis Ende November waren meine Aufgaben ganz schön anders, als sie es im Moment sind. Denn von Dezember bis Mitte Februar hat das Projekt keine clases, also keinen Unterricht, sondern ist eine Ferienbetreuung. Was mir allerdings zuerst sehr komisch vorkam, ist, dass es natürlich im Moment Sommer- und nicht Winterferien sind, weil wir uns ja auf der Südhalbkugel befinden. Während ich also von September bis Ende November zusammen mit einer Profesora quasi Lehrer oder Hausaufgabenbetreuer für Mathe und Kommunikation für 9 bis 13-Jährige war, bin ich jetzt zusammen mit unseren Kollegen und Lene mehr Spieleanleiter und Spielepartner. Außerdem natürlich auch gerne Klettergerüst, mal Streitschlichter oder in tröstender Funktion gebraucht. Neben verschiedenen Aufgaben wie Essen vorbereiten, Türen auf und zuschließen oder Wasser auszuschenken ist die Zeit im Projekt im Moment sehr geprägt davon, einfach für die Kinder da zu sein. Das heißt manchmal nur zugucken, während ein wichtiges Barfuß-Fußballspiel über den ganzen Platz ausgetragen wird, aber oft auch mitspielen, Anschwung geben und vor allem den Kindern zuzuhören. Dabei ist es für mich sehr schön, dass natürlich ganz andere Themen als mit Erwachsenen eine Rolle spielen. So erklärt uns zum Beispiel Juan-José in seiner aufgeweckten und selbstbewussten Art bei Frühstück oft, wie sein selbstausgedachtes Spiel genau zu funktionieren hat. Oder man präsentiert sich gegenseitig, was für Narben man hat. Viele fragen auch sehr interessiert, wie es denn dort „en tu país“, in deinem Land, so ist. Ob es Schnee gibt oder ob es auch 2025 ist wie hier, wie man das ein oder andere auf Deutsch sagt oder ob es in Deutschland auch Mangos gibt. Die gibt es hier nämlich in Massen. Allein bei uns im Projekt stehen mehrere Bäume mit jeweils 300 Mangos, unter denen man im Moment aufpassen muss, nicht von einer Herunterfallenden getroffen zu werden. Das war schon einmal knapp.
Mit den meisten Kindern bekommt man nicht über ein sonst übliches „Qué tal? Cómo estás?“  oder „Wie war dein Wochenende?“ ins Gespräch, sondern mit den niemals-alt-werdenden Schokoschokolala-Klatschspielen oder Hakembo, der lokalen Version von Schnick-schnack-schnuck. Diese Unbefangenheit und das Immer-weiter-Spielen finde ich wirklich sehr bereichernd an der Arbeit mit Kindern.


Wahrscheinlich hört man schon durch, dass mich die Arbeit im Projekt, wie sie im Moment ist, enorm erfüllt. Das liegt maßgeblich daran, dass ich die Kinder ganz schön ordentlich ins Herz geschlossen habe. Und man jeden Tag immer wieder so enorm viel Liebe und Vertrauen von den Kindern, die uns mittlerweile auch schon sehr gut kennen, bekommt. Mir hat auch die anstrengendere Unterrichtsphase mit der Herausforderung, teilweise auch alleine 14 Kinder zu unterrichten, sehr Spaß gebracht, aber die Ferienbetreuung ist nicht zuletzt durch die Entspanntheit und dadurch, dass man mit den Kindern aus allen Altersklassen zu tun hat, super schön. Ich merke dabei, dass mein Gefühl im Projekt gar nicht mehr mit den ersten zwei Monaten zu vergleichen ist. Zwar haben einen die Kinder auch da schon herzlich aufgenommen und liebevoll eingenommen, aber dadurch, dass uns die Abläufe mittlerweile genau bekannt sind und wir das Projekt, die Kinder und die Kollegen viel besser kennen, kostet die Arbeit jetzt viel weniger Energie als am Anfang. Ich weiß noch genau, wie ich die ersten Wochen nach Feierabend den restlichen Tag schlafend in der Hängematte verbracht habe, während ich und wir jetzt viel mehr Energie haben, Unternehmungen und Hobbies nachzugehen.
In unserer Freizeit gehen wir zum Beispiel einmal die Woche zu einem Salsa-/Merengue- und Bachatatanzkurs, freitags spiele ich mit unserem Kollegen Fidencio und seinen Freunden abends Fußball oder wir gehen durch die Wohnstraßen und die tropische Natur spazieren. Wir gehen auch gerne in klimatisierte Cafés, meistens samstags auf den chaotischen Straßenmarkt, um Obst und Gemüse zu kaufen oder setzen uns abends auf unsere Palletenmöbel zuhause und gucken eine entspannende Naturdoku oder quatschen. Ab und zu gehen wir auch gerne abends zusammen mit Freunden hier in eine Bar und schwingen ein bisschen das Tanzbein. Dadurch dass auch Kontakthalten und Telefonieren nach Hause und zu anderen Freiwilligen und Freunden einige Zeit einnimmt, hab ich hier nicht oft Langeweile. Gerade aber, um noch mehr Leute hier kennenzulernen und ein bisschen mehr Struktur zu haben, möchte ich noch Tennis oder einen anderen Sport anfangen.

Auf dem rechten Foto sieht man etwas sehr typisch Paraguayisches, einen Tereré. Es ist das koffeinhaltige Nationalgetränk und man findet tatsächlich kaum Leute hier, denen es nicht schmeckt. Im Gegenteil: Wenn man durch die Straßen geht, ist es schwer zu übersehen, dass an jeder Ecke eine Runde von Leuten sitzt und Tereré trinkt. Sogar für die 7-jährigen Kinder gibt es nichts Selbstverständlicheres als Tereré.  Im Becher befinden sich eine getrocknete Kräutermischung, die sogenannte Yerba, und wahlweise zum Beispiel frische Minze, Orangen- und Limettenschalen oder Ingwer. Der Becher wird dann immer wieder mit eisgekühltem Wasser aufgegossen und schmeckt kühl, etwas herb und frisch. Vielleicht ist es ein bisschen zu vergleichen mit Eistee. Anders als Eistee ist Tereré allerdings symbolisch und kulturell aufgeladen. Denn Tereré trinkt man meistens nicht alleine, sondern teilt es. Jemanden auf Tereré einzuladen hat dabei auch die Bedeutung, dass man jemanden zum Beispiel als Freund wertschätzt. Dabei haben wir am Anfang gelernt, dass das zusammen Trinken gewissen Gebräuchen folgt. So gibt es nämlich immer nur eine Person, die allen ausschenkt. Wenn man einen Tereré angeboten bekommt, muss man sich aber daran erinnern, nicht danke zu sagen. Das fällt zwar schwer, aber ein Danke bedeutet, dass man nicht oder nicht mehr möchte. Bevor man sich allerdings nicht bedankt, bekommt man ein Abo an Tererés gereicht. Das haben wir auf unserem Vorbereitungsseminar im August in Buenos Aires das erste Mal erklärt bekommen, tatsächlich aber bezogen auf das argentinische Nationalgetränk Mate. Mate ist sozusagen Tereré in heiß, wird aber in Paraguay, wenn es mal kühler ist, auch viel getrunken.
Das Ganze ist ein perfektes Beispiel dafür, wie neu alles am Anfang für uns war und jetzt wortwörtlich Alltag ist, denn mir schmeckt Tereré so gut, dass ich eigentlich jeden Tag mindestens 2 Liter trinke. Während es jetzt nichts Normaleres gibt, als mit unseren Kollegen während der Arbeit zusammen mal unseren und mal deren Tereré zu trinken, weiß ich noch genau, wie wir das erste Mal einen angeboten bekommen haben. Ich musste nur darauf achten, alles richtig zu machen, während es mir noch recht bitter schmeckte, aber die Paraguayer das Ganze ganz nebenbei und selbstverständlich machten. Sehr besonders für mich war auch das erste Mal, dass ich die Rolle des Ausschenkens übernommen habe. Das Überzeugende an der ganzen Kultur ist auch, dass mit dem Trinken eine gewisse Gelassenheit und bei den normalen Temperaturen von circa 35 Grad im Schatten zu entspannen und tranquilo zu machen verbunden ist.

Immer leichter und besser fällt mir das Spanischsprechen. Ich überlege gerade, dass ich mich nicht erinnern kann, heute irgendetwas sprachlich nicht verstanden zu haben. Während ich immer noch das Gefühl habe, gerne mehr Vokabeln und Zeitformen zu lernen, um kompliziertere Gespräche führen zu können, stellt die alltägliche Kommunikation für mich eigentlich kein Problem mehr da. Das ist ein tolles Gefühl, weil ich gerade am Anfang natürlich durch viele Situationen gegangen bin, in denen ich mich nicht ausdrücken konnte oder nicht verstehen konnte, was von mir gewollt war bzw. worum es ging. Abgesehen von Spanisch sprechen 80% der Bevölkerung Paraguays Guarani. Guarani ist eine indigene Sprache und genau wie Spanisch Amtssprache Paraguays. Besonders die joporá, also die Mischung aus Spanisch und Guarani, findet im Alltag sehr viel Verwendung. Guarani ist uns allerdings völlig fremd und eine recht komplizierte Sprache, weswegen wir uns nicht leicht tun, die Phrasen, die uns die Kinder immer geduldig beibringen, zu merken und richtig auszusprechen. Wenn man allerdings die ein oder andere Phrase richtig eingesetzt bekommt, wie zum Beispiel „jaha jakaru“ – „Auf gehts (zum) Essen!“, ist die Freude in der Reaktion immer groß, was natürlich dann sehr viel Spaß macht. Trotzdem finde ich es schade, dass man manche Gespräche, in denen man dann nicht beteiligt ist, gar nicht verstehen kann. Abgesehen davon ist es auffällig, wie rücksichtsvoll die meisten Kinder am Anfang und auch immer noch mit uns beim Sprechen sind.

Zwischen den Jahren hatte unser Projekt geschlossen und ich habe meinen Urlaub genommen. Und ich glaube, dass ich wahrscheinlich noch meinen Enkeln davon erzählen werde, denn mit allen 11 Paraguayfreiwilligen in Asunción bei 34 Grad Weihnachten zu feiern und in Argentinien mit Mitfreiwilligen zu reisen war schon ganz schön besonders. Obwohl es jetzt auch schon wieder ein bisschen her ist, hab ich noch genau vor Augen, wie die Weihnachtsstimmung hier so aussah. Während wir im Projekt ordentlich Deko gebastelt, die Kinder einen Weihnachtstanz eingeübt haben und überall in der Stadt die buntesten Plastikweihnachtsbäume mit blickenden Lichterketten aufgestellt wurden, haben wir in der WG irgendwie versucht durch Weihnachtsmusik und Weihnachtsgeschichten von zuhause und Plätzchen backen die uns bekannte Weihnachtsstimmung zu erreichen. Man kann jetzt nicht sagen, dass es sich bei 30 Grad mehr als in Deutschland und ohne Familie gleich anfühlt, aber dafür war unser Weihnachten ein sehr besonderes, sicherlich eins, das wir nicht so schnell vergessen werden. Und dadurch dass mit Weihnachten wie gesagt auch der Urlaub losging, fühlte  es sich noch besonderer an. Denn davor erinnere ich mich noch, dass ich recht erschöpft vom monatelangen Arbeiten war. Das erste Mal für längere Zeit dann von unserem neuen Zuhause hier aufzubrechen und die Sachen zu packen war deswegen auch echt aufregend. Ich habe mit einigen anderen Freiwilligen zusammen in Córdoba, Argentiniens zweitgrößter Stadt, Silvester gefeiert und war danach mit zwei Freunden wandern in den Bergen von Argentiniens Patagonien. Nicht nur der Urlaub selbst sondern auch, so viele andere Freiwillige zu sehen und von deren Projekten und Städten und schönen und herausfordernden Erfahrungen zu hören.

Urlaub in Argentinien

Ganz bald, Ende Februar, steht für uns Freiwillige in Paraguay, Argentinien und Uruguay jetzt unser Zwischenseminar an. Da freue ich mich sehr, alle fast 50 Freiwilligen wiederzusehen und noch mehr von überall und allen zu hören. Allerdings ist dann der Februar schon wieder vorbei und ich bekomme jetzt schon langsam das Gefühl, dass ich übermorgen zurückfliege. Obwohl ich einiges, vor allem so ganz normale Dinge wie manches Essen und Lebensmittel, Fahrradfahren oder Kälte vermisse, genieße ich meine Zeit hier gerade sehr und freue mich auf das, was noch so kommt.

Ich sende also ein bisschen von der vielen, heißen Sonne ins nasse und kalte Zuhause!

Galigrü aus Ciudad del Este,

Ben

Leave a Comment: