
Welche Assoziationen kommen einen als erstes in den Sinn, wenn jemand China sagt?
Die meisten Leute denken wahrscheinlich sofort an Megacities, wie Shanghai oder auch Chengdu.
Sie denken an das Essen, an die Politik/Wirtschaft und natürlich eben auch an Sehenswürdigkeiten, wie die Chinesische Mauer.
Vom hören her kennen wir alle die Chinesische Mauer, doch was genau steckt hinter ihr?
Nimm dir eine Sekunde Zeit. Was weißt du über die Mauer?
Wahrscheinlich sagst du jetzt so etwas wie:
„Sie sollte das damalige Chinesische Kaiserreich (vor allem den östlichen Teil, in dem der Kaiser lebte und seinen Regierungssitz hatte), vor den Nomadenvölkern, die immer wieder über die heutige Mongolei in das Reich einfielen, schützen.“
Okay und wenn ich dich jetzt frage, wie die chinesische Mauer aussiehst, wirst du mir wahrscheinlich folgende Landschaft beschreiben:
„Es ist eine einzige gewaltige zusammenhängende Mauer aus Steinen im Norden Chinas, die in regelmäßigen Abständen von Wachtürmen unterbrochen wird und sich über sanfte Hügel und Berge erstreckt.“
(Vielleicht hast du bei deiner Beschreibung sogar an den Film Mulan gedacht.)
Doch was steckt (noch) alles hinter der Mauer, ihrer Erbauung und ihrer Geschichte?
Ist es wirklich eine einzige Mauer?Wie lang ist die Chinesische Mauer? Wann wurde sie gebaut und wie lange hat der Bau gedauert? Und zum Schluss, was macht den Abschnitt in Jiayuguan so besonders?
Wann wurde sie erbaut und wie lange hat der Bau gedauert?
Die Mauer wurde nicht an einem Tag gebaut, im Gegenteil!
Der Bau begann schon im 7.Jahrhundert v. Chr. und wurde über die Jahrhunderte hinweg immer wieder fortgeführt/erweitert und verstärkt.
Gibt es nur eine chinesische Mauer?
Die Chinesische Mauer ist nicht nur eine Mauer!
Oft gehen viele Menschen fälschlicherweise davon aus, dass die chinesische Mauer eine einzige zusammenhängende Mauer ist.
In Wirklichkeit besteht sie jedoch aus vielen unterschiedlichen Abschnitten, die zu verschiedenen Epochen und Dynastien gebaut wurden.
Die Mauer war somit niemals eine durchgehende „Linie“.
Es gab viele Brüche in ihrer Struktur, weshalb sie auf Karten wie viele unterschiedlich lange und unterschiedlich positionierte „Linien“ aussieht.
Wie lange ist die chinesische Mauer?
Man vermutet, dass sich die chinesische Mauer insgesamt über 21 000 km erstreckt.
Ich finde es schwierig sich unter so einer hohen Zahl etwas vorzustellen, deshalb hier ein kleiner Vergleich.
Das ist die Hälfte des Äquators! (Dieser ist um die 40 000km breit.) Verrückt, oder?
Jetzt fragt ihr euch bestimmt, folgendes:
„Lenka, warum vermutet man, dass die Mauer 21 000km lang ist?
Wie ist man auf diese Summe gekommen und warum weiß man es nicht genau?“
Das ist eine sehr gute und wichtige Frage, die ich mir auch gestellt habe.
Im Bezug auf die Mauer müsst ihr folgendes wissen.
Es gibt tatsächlich noch viele unbekannte Abschnitte der Mauer, die nicht vollständig entdeckt oder erforscht wurden.
Weite Abschnitte, besonders in abgelegenen und schwer zugänglichen Gebieten, sind zum Teil noch unentdeckt, oder im schlechtem Zustand.
In einigen Wüsten- und Gebirgsteilen gibt es Fragmente der Mauer, die von der modernen Welt weitgehend unberührt geblieben sind.
Archäologen und Forscher arbeiten weiterhin daran, diese unbekannten Abschnitte zu finden und zu dokumentieren.
Ein Teil der Herausforderung liegt in der extremen Länge der Mauer, die in verschiedenen Perioden und unter verschiedenen Dynastien errichtet wurde, was bedeutet, dass es zahlreiche „Mauern“ gibt, die nicht immer gut dokumentiert sind.
Außerdem sind einige Abschnitte aufgrund von Erosion und natürlichen Katastrophen mittlerweile kaum noch sichtbar.
Doch wenn Forscher daran arbeiten, die tatsächliche Länge herauszufinden, wie setzt sich dann die Kilometeranzahl von 21 000 km zusammen?
Als erstes muss man wissen, dass nicht nur ganz klassisch die „typische“ Mauer dazugezählt wird, sondern eben auch Abschnitte wie Festungsanlagen, Verteidigungsanlagen und Wachtürme.
Außerdem basiert diese Zahl auf Schätzungen, die aus verschiedenen Quellen und historischen Aufzeichnungen zusammengesetzt wurden.
Man kann es sich ungefähr so vorstellen:
Historische Dokumente aus den unterschiedlichen Dynastien, insbesonders aus der Qin- und Ming-Dynastie enthalten Karten, die die Länge und Ausdehnung der Mauer angeben und dokumentieren.
Außerdem wurden die unterschiedlichen Bauphasen in den letzten Jahrhunderten systematisch kartiert.
Desweiteren haben Archäologen mithilfe von modernen Technologien (Satellitenbildern, Luftaufnahmen und GPS), die genaue Lage und Ausdehnung besser erfassen können.
Dies ermöglicht eben auch Mauerabschnitte in die Schätzung mit einzubeziehen, die schwer zugänglich oder nur teilweise dokumentiert sind.
Somit setzt sich die Zahl aus vorhandenen, dokumentierten Mauerteilen und den historischen Bauphasen zusammen.
Es wird angenommen, dass in abgelegenen Gebieten, wie in der Wüste Gobi oder in Gebirgsketten, noch unentdeckte Fragmente existieren könnten, aber diese sind in die Gesamtschätzung der Länge bereits mit einbezogen, auch wenn sie nicht vollständig erfasst oder zugänglich sind.
Kurz vor meiner Abreise nach China habe ich eine Doku gesehen, die sich mit genau dieser Frage beschäftigt hat.
Wie lang ist die Mauer und gibt es noch unerforschte Abschnitte?
Die Frage hat vor allem ihren Fokus auf die Region Gansu und die Stadt Jiayuguan gelegt.
Während der Feiertage im Mai hatte ich die Möglichkeit Jiayuguan zu besichtigen und mich tiefgründiger mit der chinesischen und lokalen Kultur und ihrer Geschichte auseinander zu setzten.
Denn dieser Abschnitt der chinesischen Mauer (Jiayuguan) ist aus vielerlei Gründen spannend und auch interessant für uns Europäer.
Was macht den Abschnitt in Jiayuguan so besonders von andern Knotenpunkten?
Jiayuguan markiert den westlichsten „Endpunkt“ der chinesischen Mauer, was ihn zu einem wichtigen Wendepunkt in der Geschichte und gleichzeitig zu einem entscheidende Knotenpunkt für die Geschichte Asiens und Europas macht.
Der Jiayuguan-Pass, welcher mit der Festungsanlage, die später erwähnt wird, um das 13. Jahrhundert erbaut wurde, war eine wichtige Grenzfestung und vor allem strategisch wichtiger Angelpunkt der Seidenstraße, da an der Stelle die Mauer in die Wüste Gobi übergeht und es somit den westlichsten Punkt Chinas darstellte.
Es galt sogar als „Tor zur Seidenstraße“, denn wer in den Westen reisen wollte, musste durch Jiayuguan und dessen Tor, bzw. Tore.
Jiayuguan, bzw die Region war deshalb entscheidend für die Kontrolle des Zugangs zu Zentralasien und stellte somit die Grenze zwischen China und der westlichen Welt dar.

Es war „wie das Ende der Welt“, denn hatte man damals das Tor verlassen, stand man in den unendlichen Weiten der Wüste Gobi.
Ich kann mir nur vorstellen, dass man sich damals ziemlich alleine und hilflos gefühlt haben muss.
(Als ich in Jiayuguan in der Wüste draußen war, gab es extreme Sandstürme.
Davor hätte ich nie gedacht, wie gefährlich es ist und vor allem was für Kräfte diese Winde teilweise haben. Wir wurden regelrecht umgestoßen und sind auch öfters fast hingefallen. )

Außerdem sind nicht alle Abschnitte der chinesischen Mauer aus Stein!
Im Gegenteil, sie wurde aus unterschiedlichen Materialien (Ziegel, Stein, Holz, Erde und sogar Stroh!) gebaut.
(Es gibt sogar Abschnitte, die aus Bambus gebaut wurden.)
In der Wüste, wie es der Fall in Jiayuguan ist, verwendete die Bauleute meistens Lehmziegel und andere Materialien, da die Gegend so trocken und heiß war. (Siehe Bild)
Ein anderer Wichtiger Punkt ist die Jiayugan-Festung, die heute eine der am besten erhaltenen und beeindruckendsten Festungsanlagen entlang der Mauer ist.
Sie wurde damals im 14. Jahrhundert (während der Ming-Dynastie) erbaut und diente als. Schutz vor Invasionen.

Zur Chinesischen Mauer zählen auch Mauerabschnitte, die man im klassischen Sinne nicht als „Mauer“ definieren würde.
So zum Beispiel zählen auch Festungsanlagen, Verteidigungsanlagen, wie Wachtürme, oder auch Gräber dazu.

Die Great Hanging Wall (Jiayuguan Hanging Wall), gehört eben wie der Jiayuguan Pas zur Festung.
Dieser Abschnitt der Chinesischen Mauer wurde speziell an einem schwierigen Gebirgsgelände errichtet, um den Zugang zum Reich der Ming-Dynastie zu sichern.
Diese drei „Gebäude“, bzw Mauerabschnitte dienten als wichtige Verteidigungsstruktur gegen Nomadische Stämme.
Jedoch hatte Jiayuguan nicht nur eine einen militärischen Zweck.
Sie spielte eine Rolle bei der Kontrolle des Handels und der Migration.
Besonders während der Ming-Dynastie wurden dort viele Zollstationen eingerichtet, die den Handel mit waren in Zentralasien regulieren und somit auch die Seidenstraße überwachten.
Doch warum hat Jiayuguan noch heute so eine symbolische Bedeutung nicht nur für die Chinesen, sondern auch für uns Europäer und den Rest der Welt?
Die geographische Lage machte Jiayuguan damals zu einem wichtigen Eingangstor in das Alte China, und war somit bedeutend für den Handel und die Verbindung unterschiedlicher Länder.
Die Seidenstraße war ein Netzwerk von Handelswegen, das China mit Zentralasien, dem Nahen Osten und Europa verband.
Sie ermöglichte den Austausch von Waren, aber auch technologischen Ideen.
(FunFact: Marco Polo ist auf seinen Reisen auch über die Seidenstraße, bzw der Handelsroute nach Asien gereist. )
Die „Route“ trug zum kulturellen Austausch und zur Entwicklung von Zivilisation bei und förderte die Verbreitung von Religionen wie dem Buddhismus und dem Islam.
Doch die historische Seidenstraße hat nicht nur eine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung, sondern eben auch eine ganz aktuelle Relevanz.
Die „One Belt, one Road Initiative“ Chinas ist eine moderne Umsetzung des alten Handelsnetzwerkes, die darauf abzielt die Handelsbeziehungen zwischen Asien, Europa und Afrika zu stärken.
Diese Initiative umfass Infrastrukturprojekte wie Häfen, Flughäfen, Straßen und Eisenbahnen, die umstritten sind.
Heute hat die Seidenstraße eine neue Bedeutung.
Sie ist ein Symbol für den globalen Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Sie spielt eine Schlüsselrolle in vielen Diskussionen (geopolitisch und wirtschaftlich), besonders im Bezug auf die wachsende Rolle Chinas.
Eins ist klar, das Erbe der historischen Seidenstraße lebt noch heute weiter und Initiativen, wie die „Belt and Road Initiative“ zeigen, wie sehr sie noch heute, im 21. Jahrhundert integriert sind.
