„In China Essen alle doch Reis!“

Die Klischees und Unterschiede zwischen dem Norden und Süden Chinas 

Wenn wir über China reden, ist vielen Leuten gar nicht bewusst, wie groß und vielfältig das Land ist. 

In Gesprächen bringe ich gerne den Vergleich:

„China ist ähnlich groß wie Europa und allein die Provinz in der ich meine Einsatzstelle habe (Gansu) ist größer als Deutschland. (Die Provinzen könnte man im deutschen den Bundesländern gleichsetzen.) 

Insgesamt besteht China aus 23 Provinzen und fünf autonomen Regionen. 

Die Diversität und Vielfalt Chinas lässt sich unmöglich in einem Blogbeitrag festhalten. 

Dennoch möchte ich ein paar Klischees über China, und vor allem Klischees über den Norden und Süden Chinas aufgreifen und darüber sprechen was an ihnen dran ist und wie ich sie wahrgenommen beziehungsweise wahrnehme. 

Dabei möchte ich mich vor allem auf zwei Provinzen beziehen, nämlich Yunnan und Gansu. 

An diejenigen, die meinen letzten Beitrag gelesen haben, die wissen schon, dass meine Mama aus China, um genauer zu sein aus Yunnan, kommt.

 Aus diesem Grund konnte ich schon einige (tolle) Erfahrungen und Erinnerungen als Kind hier in Yunnan sammeln. 

Desweiteren, sind gerade Ferien, die ich hier in Yunnan verbringe. 

Als Vergleich zu Yunnan (Süd-China) möchte ich mich auf die Provinz Gansu beziehen, die ich als zweites zu Hause hier in China betrachte. 

Gansu liegt im Norden Chinas, zwischen der Wüste Gobi, dem tibetischen Hochplateau und Xinjiang. 

Sie ist vom Gelben Fluss geprägt und weite Teile der Provinz sind gekennzeichnet durch Wassermangel. 

Gansu ist ein zentrales Bindeglied der Seidenstraße, auch deshalb leben dort unterschiedlichste Ethnien und Minderheiten. 

Die meisten ethnischen Minderheiten in China leben jedoch in den westlichen und südwestlichen Regionen des Landes, insbesondere in den Provinzen Yunnan, Guangxi (Süden), Guizhou (Süden), Xinjiang (Norden), Tibet und der inneren Mongolei. 

(In diesen Provinzen ist die Bevölkerungsdichte der Minderheiten deutlich höher, als in den anderen Teilen Chinas.) 

Doch warum leben gerade insbesonders in Yunnan so viele Minderheiten? 

Yunnan ist geschichtlich betrachtet eine entscheidende Landbrücke gewesen, über die immer wieder verschiedene Gruppen (Völker) aus dem heutigen Südchina nach Süd-Ostasien migrierten/auswanderten. 

Yunnan war/ist ein unvermeidlicher Knotenpunkt der südlichen Seidenstraße, die Sichuan (China) mit Indien verbindet und somit eine wichtige politische, militärische und historische Rolle darstellt. 

Meine Familie gehört nicht nur zu Dai-Minderheit, sondern hat auch „Anteile“ von anderen Minderheiten wie Lisu, etc..

In Dehong sind die beiden größten Minderheiten Dai und Jingpo. 

Die Dai gehören zu den Thai-Völkern und sind während ihrer Wanderung nach Süd-Ostasien hier geblieben. 

Sie leben vor allem in den Ebenen und praktizieren Reis-Anbau. 

Die Jingpo kamen vom tibetischen Plateau und wohnten traditionell in den benachbarten Bergen. 

Ihr wichtigstes Fest ist das Munao Zongge Fest in Dehong, meiner Heimat in Yunnan Mangshi, welches 15 Tage nach dem chinesischen Neujahr jährlich gefeiert wird. 

Es ist eines der wichtigsten Feste in der Jingpo Kultur und wird auch von ein paar anderen Minderheiten gefeiert. 

Munao Zongge wird als ,,Tanz in Maß“, oder ,,Tanz ins Paradies“ übersetzt. Früher hat man es vor allem vor einem wichtigen Kampf , nach einem Sieg oder einer guten Ernte gefeiert. 
Ich liebe dieses Fest und habe auch schon als Kind zweimal mitgetanzt.

Ähnlich wie in vielen anderen Ländern, gibt es auch viele Vorurteile und Klischees was den Norden und Süden Chinas betrifft.

 Doch was ist an den Klischees dran? Und was genau unterscheidet die ,,Südchinesen“ von den ,,Nordchinesen“? 

Als erstes muss man erwähnen, dass es keine klare geographische Grenze gibt, die den Norden vom Süden abgrenzt. Oft nimmt man die Einzugsgebiete zwischen Yangtze (Süd-China) und Gelber Fluss (Nord-China) als Grenze. 

(Alles was über dem Fluss ,,liegt“ zählt somit zu Nordchina und alles was ,,drunter liegt“ zu Südchina. 

Aufgrund der großen Ausdehnung von Nord nach Süd, von West nach Ost und der großen Höhenunterschiede kommen in China fast alle Klimate vor. 

In den nördlichen Teilen Chinas sind die Winter oft lang, kalt, trocken und oft unter dem Gefrierpunkt. 

An meiner Einsatzstelle beträgt die Temperatur im Winter oft um die -20 Grad sogar tagsüber. 

Der Sommer ist auch lang, heiß und trocken,  aber dafür sind die Übergangszeiten sehr kurz. 

In den südlichen Regionen, insbesonders in Yunnan, herrschen subtropische Klimabedingungen.

 In meiner Heimatstadt, Manghsi, liegt die Temperatur im Winter bei durchschnittlich 15/20 Grad. Aber Yunnan ist besonders im Sommer vom Monsum mit seinen vielen Starkregen geprägt. 

Gerade die unterschiedlichen Klimate lassen sich unter anderem in der Architektur widerspiegeln. 

Im Norden, wo das Klima rauer, kälter und trockener ist, wird die Architektur vor allem durch Baumaterialien wie Stein und Ziegel geprägt. 

Diese bieten nämlich mehr Schutz vor der Kälte und dem Schnee. 

Im Süden hingegen setzt man eher auf Materialien wie Holz und Bambus. Diese kommen nicht nur reichlich in der Natur vor, sondern ermöglichen gleichzeitig auch eine authentische Anpassung and die Umgebung. 

(Früher, denn heutzutage setzt man wie in vielen anderen Ländern auf Beton und einen moderneren Baustil.) 


Ein weiterer Unterschied der nicht nur zwischen Nord- und Südchina, sondern in allen Teilen erkennbar ist, ist die Sprache

Die allgemeine Amtssprache in China ist Mandarin. Die Realität ist aber, dass in den verschiedenen Provinzen unterschiedliche Dialekte gesprochen werden, die sich sehr stark vom Hochchinesisch unterscheiden. 

Ich vergleiche dies gern mit den Unterschieden zwischen Deutsch und Schweizerdeutsch, bzw. Dänisch. 

Allein in den Provinzen Yunnan und Gansu gibt es eine Vielzahl an Dialekten. 

In meiner Einsatzstelle habe ich mich mit ein paar Lehrer*innen über die Dialekte unterhalten. Sie alle sind in der Provinz Gansu aufgewachsen und meinten, dass selbst sie enorme Probleme haben den Dialekt („Hezhenghua“ im deutschen Hezhengsprache zu verstehen, der in meiner Stadt Hezheng gesprochen wird, da sie selbst mit anderen Dialekten aufgewachsen sind. 

Doch es ist nicht nur die Vielfalt der Sprache, der Kultur, des Klimas, der Architektur und noch vieles mehr, welches China so vielfältig und einzigartig macht, sondern auch das Aussehen der Menschen. 

Eigentlich schon paradox, dass ich diesen Punkt ansprechen muss. Aber nicht nur in meiner Kindheit, sondern auch jetzt noch höre ich leider sehr oft das Klischee: „In China sehen alle Menschen gleich aus“. 

Nein! Das tuen sie nicht! 

Ironischerweise finden auch viele Chinesen, dass wir „Europäer alle gleich aussehen“, welches wir wahrscheinlich überhaupt nicht bestätigen würden. 

Es gibt aber leider ein paar Vorurteile, die sich anscheinend nur schwer aus der Welt zu schaffen lassen. 

Ein weiteres Vorurteil über das Aussehen, welches man immer wieder hört, ist die Aussage, dass die Menschen im Norden größer sein sollen? 

An dem Klischee ist aber was dran. Tatsächlich ist die Durchschnittsgröße sowohl von Männern, als auch Frauen im Norden höher, als im Süden Chinas. 

Ein letzter großer Punkt auf den ich noch eingehen möchte ist das Essen, denn bekanntlich geht die ,,Liebe ja durch den Magen“. 

Doch essen alle in China nur Reis? 

In China herrschen eine Vielzahl an unterschiedlichen Küchen. Offiziell gibt es 8 traditionelle Küchen, die sich nicht nur am Kochstil, sondern auch in den Zutaten unterscheiden. 

In Gansu im Norden essen viele Leute sehr gerne Weizen oder Nudelgerichte. Im Süden hingegen setzt man viel mehr auf Reis. 

Doch warum ist das so? 

Das liegt vor allem am Klima und der damit möglichen Agrarwirtschaft. Ein damit verbundenes ,,Klischee“ ist, dass sich die unterschiedlichen Anbauweisen auf die Mentalität der Menschen ausgewirkt haben soll. 

Kurzgefasst sagt man, dass man früher zum Bewässern von Reisfeldern eine Vielzahl an Menschen benötigt habe, beziehungsweise ein ganzes Dorf. 

Das heißt die Menschen waren auf die Hilfe von anderen angewiesen, was dazu führte, dass die Südchinesen tendenziell im Kollektiv denken mussten. 

Im Norden hingegen konnte man aufgrund des Klimas nur auf den Weizenanbau zurückgreifen.     Die Ernte von Weizen schafft ein Bauer auch „alleine“, was dazu führte, dass die Menschen im Norden dazu tendieren individuell zu denken. 

Was ich auf jeden Fall dazu sagen kann ist, dass die Menschen in Gansu noch jetzt trotz der Globalisierung noch sehr gerne Nudeln und Weizen essen. 

Meine Freunde in Hezheng sagen immer zu mir: „Ich könnte 3-Mal am Tag Nudeln essen, aber niemals 3-Mal am Tag Reis“.

 (Allein in der Schulkantine meiner Schule, kann man neben dem Reis jeden Tag zwischen fünf unterschiedlichen Nudelgerichten wählen. ) 

Zum Schluss möchte ich nochmals erwähnen, dass mir bewusst ist, dass es noch viel mehr Unterschiede und Klischees gibt auf die man eingehen könnte, wie zum Beispiel die Kultur, die Religion, das Aussehen und vieles mehr…. 

Leider ist es aber nicht möglich diese in einem so kleinen Rahmen zu erläutern, da es dem Thema und den Menschen nicht gerecht werden würde. 

Ich bin aber sehr dankbar einen so tollen Einblick in die zwei Provinzen zu bekommen und allein diese Vielfalt der zwei Provinzen so hautnah mitzuerleben. 

Ich möchte mich von euch damit verabschieden indem ich das Eingangsklischee,  („In China essen alle doch Reis“) aufgreife, um es als Metapher weiter zu nutzen. 

„Nein, nicht alle Chinesen essen Reis“. 

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