Halbzeit Herzklopfen, wenn WG-Chaos, Sonne und Candombe den Alltag bestimmen.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Heimat ging mein Abenteuer weiter, zurück nach Uruguay, zurück ins bunte Chaos meines Freiwilligendienstes. Dieses Mal führte mich der Weg zunächst in ein kleines Paradies an der Atlantikküste: Punta del Diablo. Schon der Name klingt verheißungsvoll. Nach über einem Monat traf ich dort endlich wieder Finja und Majvi, meine zwei liebsten Wegbegleiterinnen in diesem Jahr.

Wir hatten uns für ein super cooles Hostel entschieden, mit Pool und jeder Menge entspannter Menschen aus aller Welt, darunter überraschenderweise auch Deutsche. Die Stimmung war herrlich, Sonne satt, Surfbretter in der Ecke, Musik aus den Lautsprechern. Die Surfstunden bei unserem humorvollen Surflehrer, der sich irgendwann kaputtlachte, aber auch ein bisschen beschwerte, weil wir offenbar mehr redeten als paddelten, waren ein Highlight. Weniger spaßig war allerdings mein ambitionierter Mittagsschlaf in der prallen Sonne, der mir prompt einen beeindruckenden Sonnenbrand einbrachte.

Der letzte Abend in Punta war nochmal richtig magisch, das ganze Hostel inklusive Mitarbeitenden zog gemeinsam los, erst in eine Bar bzw. Club. Wir mixten uns selbstgemachte Piña Coladas, tanzten, lachten und sprangen nach dem Feiern noch mitten in der Nacht zurück in den Pool. Diese Nächte vergisst man nicht.

Zwischen Trommeln und Tanz – Karneval in Uruguay

Wieder zurück in Montevideo kehrte langsam der Alltag ein, aber nicht für lange. Denn es war Karnevalszeit! Anders als der klassische Karneval in Deutschland wird in Uruguay vor allem ein ganz besonderer Teil gefeiert, die „Llamadas“, ein Straßenumzug voller Trommeln, Tanz und Geschichte.

Die Llamadas sind tief verwurzelt in der afro-uruguayischen Kultur. Im Mittelpunkt steht der Candombe, ein Trommelrhythmus mit afrikanischen Wurzeln, der von den Nachfahren versklavter Menschen gepflegt wird. Es ist mehr als nur Musik, es ist ein kulturelles Erbe, ein Widerstand gegen das Vergessen.

Wir mischten uns mitten ins bunte Treiben, bemalte Gesichter, freizügig gekleidete Tänzerinnen mit beeindruckenden Kostümen, riesige Trommelgruppen, die in einem fast Trance artigen Rhythmus durch die Straßen zogen. Die Energie war elektrisierend, der Stolz der Menschen greifbar. Montevideo bebteund wir mittendrin.

Zurück ins Projekt: Kinderlachen und Kuchenkrümel

Mit dem Ende des Januars öffnete auch das CAIF-Zentrum wieder, die Kindertagesstätte, in der ich arbeite. Die erste Woche war eher ruhig: Vorbereitung, Reinigungsaktionen, Spielzeuge zählen, dekorieren. Aber dann, endlich: Die Kinder kamen zurück. Es war, als würde das ganze Haus aufatmen.

Es war schön, viele bekannte Gesichter wiederzusehen, aber auch spannend, neue Kinder kennenzulernen. Es wurde gespielt, gelacht, laut getobt. Und natürlich gab’s Kuchen. Viel Kuchen. Das Lachen der Kinder und ihre Offenheit sind jedes Mal aufs Neue ein Geschenk.

Zwischenseminar in Baradero – Freude, Frust und Flaggenjagd

Mitte Februar bedeutete Halbzeit. Und damit Zeit für das Zwischenseminar, ein fester Bestandteil unseres Freiwilligendienstes. Gemeinsam mit allen anderen Freiwilligen aus der Region ging’s nach Baradero, ein kleines Stück außerhalb von Buenos Aires. Die Anreise mit dem Bus war lang, aber voller Vorfreude.

Das Haus in Baradero war der Wahnsinn, groß, offen, mit riesigem Garten, Platz zum Fußball- und Volleyballspielen und einem Pool, der bei der argentinischen Sommerhitze mehr als willkommen war. Die Freude über das Wiedersehen mit allen anderen war riesig. Doch schon am ersten Abend kam der Dämpfer. Mein Handy war weg.

Ich suchte überall. Mit dem MacBook, das ich zufällig dabei hatte, versuchte ich es zu orten, ohne Erfolg. Ich konnte mich nur erinnern, es zuletzt im Bus gehabt zu haben. Gemeinsam mit Peter von der IERP kontaktierten wir den Busfahrer. Zuerst Fehlanzeige, dann, zwei Tage später, die Erleichterung, er hatte es doch gefunden! Ich war überglücklich, verbrachte die Woche trotzdem ohne Handy, da der Bus schon zurück in BA war. Rückblickend: ein kleiner Social Media Detox, der sogar ganz gutgetan hat.

Die Woche in Baradero war gefüllt mit intensiven Gesprächen, Austausch über unsere Projekte, viel Reflexion. Wir arbeiteten in kleinen Gruppen, diskutierten über Sicherheit, Herausforderungen im Alltag und unsere Rolle in den jeweiligen Projekten.

Ein ganz besonderer Tag war der „Donnerstag in Schwarz“ – alle trugen schwarze Kleidung, wir sprachen über gesellschaftliche Ungerechtigkeit, Kolonialismus, Diskriminierung. Dieser Tag soll zum Nachdenken anregen, zum Innehalten. Er war emotional, aber wichtig.

Abends wurde es wieder gemütlich, Kartenspiele, Bierchen, Gespräche unter Sternenhimmel, Pool-Action. Am letzten Nachmittag spielten wir alle gemeinsam Capture the Flag, ein Geländespiel, bei dem zwei Teams versuchen, die gegnerische Fahne zu stehlen und ins eigene Lager zu bringen. Es war wild, schweißtreibend und verdammt lustig. Und mein Team hat gewonnen. Just saying.

Von Buenos Aires zurück nach Montevideo

Nach dem Seminar gönnten wir uns noch ein paar Tage in Buenos Aires, bummelten durch San Telmo, über die berühmte Feria, trafen andere Freiwillige, die dort leben, und ließen die Erlebnisse in der Hauptstadt langsam ausklingen.

Zurück in Montevideo wartete schon das nächste Event: Der 8. März, Internationaler Frauentag. In Montevideo bedeutet das Demo.  Zehntausende Menschen zogen durch die Straßen, alles in Lila, mit lauter Musik, Parolen, Reden. Auch wir waren dabei, gemeinsam mit Kira, einer ehemaligen Freiwilligen, die uns gerade besuchte. Es war ein starkes, bewegendes Erlebnis, ein echtes Statement.

Neues Zimmer, neues Glück – oder doch nicht ganz?

Mit dem Abschied von Belkis, einer regionalen Freiwilligen, wurde in unserer WG ein Zimmer frei. Das hieß Umzugszeit! Majvi zog in das kleinere Zimmer nebenan. Wir schleiften Möbel durch den Flur, tanzten zur Musik, rutschten auf Matratzen die Treppe runter, es war chaotisch und lustig zugleich. Majvi hatte jetzt ihr eigenes Reich, während Finja und ich wieder etwas mehr Platz hatten. Trotzdem blieb unser Zimmer der gemeinsame Treffpunkt, zum Reden, Quatschen, Lachen, denn Majvi bekam einen Platz in From eines Sessels. 

Cabo Polonio – Sonnenstich inklusive

An einem freien Wochenende stand unser nächster Trip an; Cabo Polonio. Ein winziges Hippie-Fischerdorf, nur mit speziellen Trucks erreichbar, keine Autos, kein Strom, kein Internet, ein echtes Aussteigeridyll.

Die Fahrt über die Sanddünen war holprig, aber ein Riesenspaß. Im Dorf selbst: absolute Ruhe, Natur pur. Wir verbrachten den ganzen Tag am Strand, genossen die Weite und das Meeresrauschen. Abends kochten wir einfache Nudeln mit Mais-Tomatensoße und planten den Sonnenaufgang am nächsten Morgen, doch daraus wurde nichts. Ich hatte mir am Strand einen Sonnenstich eingefangen.

Die Nacht verbrachte ich größtenteils über der Kloschüssel, begleitet von Maiskörnern und einem flauen Magen. Keine romantische Morgendämmerung für mich. Der nächste Tag war ein Mix aus Erholung und Spaziergang zum Leuchtturm zum Aufatmen. Danach gab es endlich wieder was in den Magen und noch eine improvisierte Kopfbedeckung aus einem Tuch dazu (Danke Majvi!). Die Rückfahrt im Truck war für meinen Magen nochmal eine Mutprobe, aber ich hab’s überlebt, grade so. 

Und jetzt?

Langsam nähert sich der Sommer dem Ende, und auch mein Freiwilligendienst rückt Woche für Woche weiter voran. Nach all den Erlebnissen von Sonnenuntergängen (und -stichen), Kinderlachen, Workshops und WG-Umzügen, fühlt sich Uruguay inzwischen nicht mehr wie ein entferntes Projekt an, sondern wie ein zweites Zuhause. Die Wege zur Arbeit, das Geräusch der Trommeln in der Ferne, das abendliche Quatschen mit Finja und Majvi, all das ist Alltag geworden. Ein ziemlich besonderer Alltag.

Was mir dieses Jahr bisher gezeigt hat? Dass man sich oft in Momenten wiederfindet, die man nicht planen kann; in chaotischen Nächten, in tränenreichen oder tränenlachenden Gesprächen, in überraschender Freundschaft oder auch in Stille, die sich nach Zuhause anfühlt.

Der Weg geht weiter, auch wenn schon mehr als die Hälfte des Jahres vorbei ist. Was noch kommt, weiß ich nicht , aber ich weiß, dass ich offen dafür bin, offen für mehr Geschichten, mehr Sonne (dann vielleicht mit Hut) und mehr Leben.

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