Uruguay – Die Schweiz Lateinamerikas?

Fast genau ein Jahr wohne ich nun in Montevideo der Hauptstadt Uruguays. Vielleicht habt ihr den Satz Uruguay, die Schweiz Lateinamerikas schonmal gehört. Im folgenden möchte ich versuchen euch meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen zu diesem Thema ein bisschen offenzulegen. Ganz wichtig dabei ist, dass dieser Bericht keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit erhebt sondern meine ganz persönliche Perspektive zeigt.  Über Uruguay hört man in Deutschland  normalerweise nicht so viel. Wenn ich Leuten erzählt habe, dass ich ein Jahr einen Freiwilligendienst in Uruguay machen werde kam oftmals die Antwort „Ah, die haben doch mal die Weltmeisterschaft gewonnen“. Unter allen lateinamerikanischen Ländern gilt Uruguay als das Land, das Europa am „Ähnlichsten“ ist. Im Gegensatz zu Brasilien, Bolivien, Argentinien oder Peru gibt es in Uruguay keine indigene Bevölkerung mehr, da diese vollständig ausgerottet wurde. „No tiene una culura muy antigua“  das Land habe keine sehr alte Kultur, sagte mir ein Straßenhändler in der Altstadt Montevideos. Gegründet wurde Uruguay eigentlich nur um einen unabhängigen Pufferstaat zwischen den Riesen Argentinien und Brasilien zu schaffen und die Feindschaft der beiden Länder zu beenden. Und obwohl Uruguay da so klein im Schatten dieser Giganten liegt und von Argentinien häufig als eines seiner Departamente angesehen wird, ist das Land doch ein Rebelle. Es ist laizistisch, „seine Religion ist der Fußball“ wie ein Bewohner aus Montevideo meinte, Equality und LGBTQ werden großgeschrieben. So war Uruguay eines der ersten Länder, das die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte. Es ist ein Vorreiter in der Cannabislegalisierung und hat eine stabile Demokratie und Wirtschaft. Was davon macht es nun aber zu einem europaähnlichen Land? Wohl nicht die ganzen Dinge in denen das kleine, unscheinbare Uruguay nicht nur für andere lateinamerikanische Ländern sondern für die ganze Welt ein Vorreiter ist. Vermutlich vor Allem der Fakt, dass der Großteil der uruguayischen Bevölkerung europäische Wurzeln hat und eine tiefe und alte Kultur fehlt. Stattdessen ist eine neue Kultur durch die Einwanderer und Sklaven enstanden. Eine Kultur des Mates, des Candombes und der Murga. Eine Kultur mit ihren ganz eigenen einzigartigen Facetten. Für den Tourismus ist das Land weniger interessant als seine Nachbarn. Weder die Kultur noch die Landschaft ziehen die Massen an. Die wunderschöne Küste Uruguays mit ihren schönen, weiten Sandstränden steht im Kontrast zum Hinterland. Der Großteil des Landes das Interior, sind Weidelandschaften die zur Haltung von Rindern, Pferden und Schafen genutz werden. Hier leben unteranderem die sogenannten Gauchos. Der Begriff Gaucho bezeichnet ursprünglich Viehhirten. Also diejenigen, die im landwirtschaftlichen Sektor tätig sind. Ursprünglich waren die Gauchos auch Einwanderer. Von Ihnen stammt die Matekultur, das wohl wichtigste Getränk des Landes und das Asado, eine typische Art des Grillens über offenem Feuer. Die Hauptstadt Montevideo, in der die Hälfte der Einwohner Uruguays lebt ist der Gegenpol zu dieser großen, dünnbesiedelten Landfläche. Einen Großteil der jungen Leute verschlägt es früher oder später jedoch in die Stadt, da es im Interior kaum Möglichkeiten gibt zu studieren. Die Politik wird zentral von Montevideo aus gemacht. Als wir ein Wochenende bei einem Gaucho auf seiner Farm verbracht haben meinte dieser, der Regierungssitz Uruguays sollte in Tacuarembó, einer Stadt mehr im Zentrum, etwa fünf Stunden von Montevideo sein. Er meinte die Politik würde weniger auf die Bedürfnisse der Bevölkerung des Interiors eingehen und zu wenig Anreize für das Leben und die Arbeit dort schaffen. Eine Arbeit, die doch eine wichtige Rolle für das Land spielt, da ein großer Teil der Einnahmen des Landes aus dem Export von Rindfleisch stammt. Er meinte seine Einnahmen seien gerade besser wie nie, da die Nachfrage und der Export in den asiatischen Raum ansteige. Trotzdem sorge er sich gleichzeitig um die Zukunft der Branche, weil sich immer weniger Menschen für diesen Beruf entscheiden. Gleichzeitig entsteht das Problem eines hohen Wohnungsbdarfs in Montevideo. Da die Lebenshaltungskosten sehr hoch sind, ist es für viele Studenten und junge Leute sehr schwierig sich unabhängig zu machen. Die Lebensmittelpreise in Uruguay sind etwa gleich hoch wie in Deutschland. Wobei man bedenken muss, dass das Durchschnittseinkommen aber deutlich niedriger ist als in Deutschland. Auch wenn es so scheint als wäre Uruguay ein Paradebeispiel in allen Bereichen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass auch hier über 16% der Menschen in Armut leben und die soziale Ungerechtigkeit so wie überall auf der Welt Realität ist. Die Armut auf der Straße ist sehr sichtbar und präsent ebenso wie die starken Kontraste zwischen den Vierteln am Stadtrand und den Vierteln des Stadtzentrums. Durch seinen Hafen hat Montevideo zudem stark mit dem Problem des illegalen Drogenhandels zu kämpfen und hat sich in den letzten Jahren zu einem Transitland für den Kokainhandel nach Europa und Afrika entwickelt. Zudem gibt es Viertel in denen die Kriminalität durch Drogenbanden eine große Bedrohung darstellt. An der Bezeichnung Uruguays als Schweiz Südamerikas störe ich mich deshalb, weil dabei die strukturellen Probleme des Landes und der Kampf vieler Menschen für ein gutes Leben völlig außer Acht gelassen werden. Desweiteren wird dadurch der Eindruck erweckt, dass all die beeindruckenden Erfolge des Landes einer Annäherung an Europa zukommen, was meiner Meinung nach sehr kritisch zu sehen ist. Uruguay ist in jedem Fall ein einzigartiges und überwältigendes Land und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich dieses Jahr hier verbringen und erleben konnte.

20. Mai in Montevideo, aber halt im Herbst – marcha del silencio

Ich kann es kaum glauben, aber mittlerweile ist es auch hier in Montevideo, nach einem echt langen und heißen Sommer, herbstlich geworden. Es ist irgendwie ungewohnt, dass ich nicht mehr ganz so doll aufpassen muss, keinen Sonnenbrand zu bekommen, weil die Sonne jetzt viel tiefer steht. Seit Oktober war es hier fast immer warm, aber vor ein paar Wochen wurden die Tage gefühlt auf einen Schlag kürzer und kälter. Im Sommer konnte ich so gut wie jeden Tag nach der Arbeit noch im Meer schwimmen gehen und jetzt geht die Sonne schon unter, kurz bevor ich um 18 Uhr in den Bus nach Hause steige.

Es ist Mittwoch, viertel vor sechs, und der Himmel über dem „Hogar Amanecer“ ist orange vom Sonnenuntergang gefärbt – genauso wie die unzähligen Straßenbäume in den Alleen, hier in der Stadt. Ich hatte wieder einen richtig netten Arbeitstag und eigentlich würde ich jetzt noch eine schnelle Runde Fußball mit den Kids spielen, weil alle Kinder zurück aus der Schule im Kinderheim sind und es jetzt auch nicht mehr so anstrengend wie im Hochsommer ist. Aber heute habe ich die Mitarbeitenden gefragt, ob ich ein paar Minuten früher gehen kann, denn es ist ein besonderer Tag in Uruguay – es ist der 20. Mai. Jedes Jahr an diesem Tag findet „la marcha del silencio“, der Marsch der Stille, statt. Dort möchte ich zusammen mit meinen Mitbewohner*innen hin. Die Mitarbeitenden finden es toll, dass wir dort hingehen wollen und viele von ihnen wären auch sicherlich dort gewesen, hätten sie nicht in der Abendschicht arbeiten müssen, die für sie noch bis 22 Uhr geht.  Ich verabschiede mich von den Kindern und Mitarbeiter*innen im Projekt bis morgen und mache mich auf den Weg nach Hause, wo ich meinen Rucksack abstelle. Dort nehme ich mir ein Brot für den Weg mit, das eine meiner Mitbewohnerinnen gebacken hat, denn Brot wie in Deutschland haben wir hier auch nach fast zehn Monaten noch nicht gefunden. Ich beeile mich, um den nächsten Bus, der in die Innenstadt fährt, zu erwischen, um mich dort mit den anderen zu treffen. Je mehr ich mich dem Zentrum nähere, desto langsamer geht es voran, denn es wurde großräumig um die Straße „18 de julio“ abgesperrt, wo der marcha stattfindet – dieser hat Teile der Stadt wortwörtlich stillgelegt. Zum Glück ist es nicht mehr so weit, also gehe ich wie ein paar andere auch das letzte Stück zu Fuß. Ich nähere mich der Kreuzung, wo es losgehen soll und hinter einer Kurve stehen auf einmal tausende Menschen, aber man hört nichts – es ist einfach still. Es ist eine unfassbare Stimmung, die ich zuvor noch nie erlebt habe. Ich wusste, dass es ein Marsch der Stille ist, aber wie still so eine riesige Menschenmasse sein kann, hätte ich mir niemals vorstellen können.

Vielleicht muss ich jetzt mal kurz erklären, was der „marcha del silencio“ eigentlich ist, damit man versuchen kann, sich diese einzigartige Atmosphäre vorzustellen. Der „marcha del silencio“ ist eine jährlich stattfindende Protestveranstaltung in Gedenken an die Opfer der Militärdiktatur in den Jahren 1973 bis 1985. Die Militärdiktatur unterbrach die Demokratie, die in Uruguay schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts bestand. Bereits lange vor vielen europäischen Staaten führte Uruguay umfassende Arbeits- und Sozialreformen, sowie das Frauenwahlrecht ein. Aus dieser Zeit stammt auch der Name „Schweiz Südamerikas“, der meiner Meinung nach heute nicht mehr in der Form aktuell ist, aber das wäre schon ein Thema für einen eigenen Blog. Ende der 1950er Jahre kam es zu Unruhen der Arbeiterklasse, auf Grund der weltweit sinkenden Nachfrage an landwirtschaftlichen Produkten, deren Export Uruguays Wirtschaft bis dahin starken Aufschwung gebracht hatte. Der wirtschaftliche Notstand hielt weiter an und es kam im Jahr 1973 zu einem Putsch des Militärs. In der Zeit der Militärdiktatur wurden tausende Journalist*innen, linke Aktivist*innen und andere politische Gegner verhaftet. Die Militärdiktatur Uruguays war Teil des Condor-Plans, der zum Ziel hatte, linke Politik in Südamerika zu bekämpfen. Dazu arbeiteten die Geheimdienste der autoritär regierten Staaten Argentinien, Chile, Paraguay, Bolivien, Brasilien und Uruguays unter Einfluss der USA zusammen, wodurch es zur Ermordung und Verschleppung von politischen Gegnern auch über Ländergrenzen hinweg kam. In den Gefängnissen gab es massenhafte Folterung und viele Menschen wurden oft über Nacht entführt, von denen alleine in Uruguay bis heute 205 Personen als verschwunden gelten. Die Organisation „madres y familias de uruguayos detenidos desaparecidos”, was übersetzt „Mütter und Familien der verschwundenen uruguayischen Häftlinge“ bedeutet, hat den „marcha del silencio“ zum ersten Mal im Jahr 1996, zusammen mit anderen Organisationen, ins Leben gerufen und veranstaltet ihn seitdem jedes Jahr. Dieses Jahr stand der Protest unter dem Motto:

„30 años marchando. Contra la impunidad de ayer y hoy. Exigimos respuestas. ¿Dónde están?“

„30 Jahre protestieren. Gegen die Straffreiheit gestern und heute. Wir fordern Antworten. Wo sind sie?“

Nachdem ich die anderen getroffen habe, geht es ganz langsam los. Wir bewegen uns inmitten der Masse an schweigenden Menschen in Richtung des „plaza de libertad“ („Platz der Freiheit“). Ich sehe überall Plakate mit der Aufschrift „Dónde están?“ („Wo sind sie?“), „Nunca más“ („Nie wieder“) und in der ganzen Stadt ist das Symbol der „madres y familias de uruguayos detenidos desaparecidos” zu sehen. Eine Margeritenblüte, der ein paar Blätter fehlen. Man kann sie auf kleinen Holzstäbchen aufgesteckt auf den Wiesen der unzähligen Parks sehen. Viele tragen Anstecker des Symbols, andere haben die Blüte auf ihre Kleidung aufgedruckt. Ich habe sie als Sticker in vielen Instagram-Storys gesehen und an Hauswänden ist sie aufgemalt. An vielen Gebäuden, die entlang der Straße „18 de julio“ stehen, darunter auch Fakultäten der Universität Montevideos hängen Banner, auf denen die Margerite als Symbol gegen das Vergessen aufgedruckt ist.

Die Atmosphäre ist wirklich unfassbar und habe ich so noch nie erlebt. Es ist eine gedrückte Stimmung, es wird an die Opfer und deren Familien gedacht und in den vordersten Reihen werden Schilder mit Fotos der bis heute Verschwundenen hochgehalten. Zum anderen spüre ich auch einen riesigen Zusammenhalt gegen das Vergessen und gegen Gewalt des Staates gegen die eigene Bevölkerung und all das durfte ich als eigentlich Fremder in diesem Land erfahren. Obwohl ich jetzt schon seit zehn Monaten hier lebe, kann ich mir nur ansatzweise vorstellen, wie emotional dieser Protest für Uruguayer*innen sein muss, die auf dieser Straße Jahr für Jahr in der Kälte laufen. Der Zusammenhalt wird auch beim Teilen des Mate mit anderen Leuten deutlich (einem hier in Uruguay und auch einigen anderen südamerikanischen Ländern typischen Teegetränk), der direkt doppelt wärmt. Zum einen wärmt das heiße Wasser von innen, aber vielleicht wärmt noch mehr die Gemeinschaft, die beim Herumgeben und Teilen des Mate entsteht und die generell ein wichtiger Bestandteil der uruguayischen Kultur ist.

Der Marsch endet damit, dass die Namen aller 205 bis heute Verschwundenen ausgerufen werden. Nach jedem Namen antwortet die Menschenmenge mit „presente“, was so viel wie „anwesend“ bedeutet und symbolisieren soll, dass keines der Opfer vergessen wird und weiterhin nach ihnen gesucht wird, denn bis heute schweben viele Familien in Ungewissheit, wo die Leichen ihrer Angehörigen versteckt sind oder ob sie eventuell verschleppt wurden und noch am Leben sind. Auch jetzt, über 40 Jahre nach Ende der Militärdiktatur, gibt es noch ehemalige Funktionär*innen, die über die Schicksale und Standorte der Verschwundenen wissen, die Wahrheit jedoch nicht preisgeben. Es ist ein echt emotionaler Abend und ich fühle mich irgendwie verbunden mit diesem Land und den Menschen, die hier alle protestieren und das, obwohl ich letztes Jahr am 20. Mai irgendwo im Urlaub nach dem Abi war und nicht einmal wusste, dass zur gleichen Zeit in Montevideo ein so besonderer Protestmarsch stattfindet. Als wir am „plaza de libertad“ ankommen, wird die Nationalhymne gesungen und der „marcha del silencio“ löst sich auf. Die Menschen strömen in die verschiedensten Richtungen, um einen Bus nach Hause zu erwischen, wie auch wir und dennoch herrscht weiterhin eine ganz besondere Atmosphäre. Selbst noch an der Bushaltestelle, wo wir zufälligerweise Jorge, unseren Mentor, und seine Ehefrau treffen. Wie viele Leute am Protest teilgenommen haben, weiß irgendwie niemand so richtig. Zwischen 20.000 und 100.000 Teilnehmenden habe ich bis jetzt alles gehört, aber wie viele es am Ende genau waren, ist auch eigentlich egal. Es waren so viele Menschen vor Ort und das nicht nur am Mittwoch, dem eigentlichen Tag des „marcha del silencio“.

Am Tag davor, dem Dienstag, gab es abends eine weitere Gedenkveranstaltung mit Musik, die als Vorbereitung auf den Protest am darauffolgenden Tag galt. Es sind die verschiedensten Bands und Gruppen aufgetreten. Darunter eine Candombe-Gruppe (Candombe ist eine traditionelle Tanz- und Musikrichtung, die von afrikanischen Sklaven nach Montevideo gebracht wurde und fester Bestandteil des Karnevals ist), „Agarrate Catalina“, die bekannteste uruguayische Murga (Murgas sind traditionelle satirische Chöre, die häufig Gesellschaftskritik üben und während des Karnevals in der ganzen Stadt auf kleinen Bühnen auftreten) und Angehörige von Opfern der Militärdiktatur, die Lieder geschrieben haben. Mein Highlight war die uruguayische Band „Cuatro Pesos de Propina“, deren Musik ich super gerne höre. Was ich bis dahin nicht wusste, ist, dass die Band ein eigenes Lied dem „marcha del silencio“, mit dem Namen „…Como un Río“ („…Wie ein Fluss“), gewidmet hat. In dem Lied singen sie über den jährlich stattfindenden Marsch der Stille, gedenken den Verschwundenen und beschreiben die schweigende Menschenmasse, die wie einen Fluss Jahr für Jahr über die kalte Straße zieht. Das Lied vermittelt für mich sehr gut die Stimmung, die ich beim „marcha del silencio“ wahrgenommen habe. Im Text heißt es, dass wir über den kalten Asphalt gehen, dass hier niemand die Verschwundenen vergisst, dass niemand alleine ist und dass trotz der herbstlichen Kälte am 20. Mai die Margeriten erblühen, um an die Namen zu erinnern und zu fragen, wo sie sind!

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Literaturquellen:
Madres y Familiares de Uruguayos Detenidos Desaparecidos
Geschichte Uruguays – Wikipedia
Civic-military dictatorship of Uruguay – Wikipedia

Die letzten drei Monate- das Ende vom Anfang

Und plötzlich ist Herbst. Der Arbeitsweg morgens dunkel, nachmittags immer bunter von den Bäumen, die anfangen, langsam die Blätter zu verlieren. Die kurzen Hosen bleiben im Schrank, währenddessen schon ab und zu die Wärmflasche hervorgeholt wird oder das Feuer im Ofen zu flackern beginnt. Es fühlt sich beinahe an, als wäre es gestern gewesen, dass wir hier angekommen sind. In der gleichen Kälte, mit einem kleinen Unterschied: Es war noch nur der Anfang von etwas ganz Großem. Der Anfang von etwas großem, unbekannten und neuen. Zwölf Monate lagen vor mir, voller neuer Dinge, unbekannter Menschen, großen und kleinen Herausforderungen. Wie schnell wird wohl die Zeit vergehen, fragte ich mich damals. Was wird sich wohl ändern, an mir und an dem, wie ich auf alles blicke, was nicht ich bin? Ich wusste schon damals, dass die Zeit fliegen wird, unglaublich schnell vorbeigehen wird. Damals wusste ich noch nicht mal, wie man so etwas auf Spanisch sagt und mittlerweile träume ich schon manchmal in dieser Sprache. „El tiempo pasó re rapido“- sagt man hier und habe ich in letzter Zeit viel zu oft gedacht. Dabei freue ich mich auch auf das Nachhausekommen. Familie und Freund:innen wiedersehen, alte Ecken neuentdecken und wieder Fahrrad fahren- auf all das und noch vielmehr freue ich mich, wenn ich dem Winter in den Sommer entfliege. Und während ich hier sitze und eigentlich noch gar nicht an diese Zeit denken möchte, ertappe ich mich immer wieder bei dem Gedanken, was ich wohl alles vermissen werde. Dinge, die mir mal so verständlich waren und sich in den vergangenen Monaten so aus meinem Blickfeld entfernt haben und altbekannte Dinge, die plötzlich wieder so neu erscheinen. Die ich nicht vermisst habe, die ich vielleicht erst wieder wahrnehme, wenn sie plötzlich wieder da sind. Und wahrscheinlich andersrum genauso- so viele Dinge sind für mich Alltag und Normalität geworden, dass ich vielleicht erst merke, dass sie fehlen, wenn sie nicht mehr da sind. Am liebsten würde ich jeden tollen Moment in ein Marmeladenglas packen, einkochen und für immer in einer Erinnerung behalten, die so frisch ist, dass sie sich für immer wie jetzt gerade anfühlt. Dabei weiß ich, dass jede Erinnerung irgendwann verblasst. Die eine schneller, die andere weniger schnell, wie ein Haus, dass zur Sonnenseite hin so viel früher seinen kräftigen Anstrich verliert, als zur Schattenseite. Eins der Dinge, die ich gelernt und auf keinen Fall vergessen möchte, ist das Spanisch. Auch, wenn ich mich immer noch drücke, den Subjuntivo zu lernen, habe ich in den letzten Monaten unglaublich viel dazugelernt. Aber wer bei „Hola, comó estás?“ und nicht viel mehr anfängt, kann sich ja auch irgendwie nur steigern. Dabei spielt eine Sache eine ganz wichtige Rolle: Miteinander reden. Das möchte ich heute mit Euch tun, denn ich möchte Euch meine liebsten spanischen Wörter vorstellen, die ich in meiner Zeit bisher gelernt habe. Los geht’s, oder wie man in Uruguay sagt: „Vamo’ arriba!“

  • Dale ist wahrscheinlich eines der Wörter, die ich am meisten nutze und wird in Uruguay und Argentinien in allen möglichen Situationen gebraucht. Dabei benutzt man es nicht nur als Zustimmung als ein Einfaches okay, sondern auch als los gehts oder weiter so. Und wenn es tatsächlich mal dazu kommt, dass man sich beeilen muss, dann wird dale auch als beeil dich genutzt.
  • Mein liebstes Wort im Spanischen ist wahrscheinlich tranqui. Übersetzt als ruhig, entspannt, keine Sorge, widerspiegelt es viele Teile des Alltags in Uruguay. Ob am Strand beim Mate trinken, beim Gemüse kaufen oder einfach der Einstellung auf das Leben- alles wirkt irgendwie ein bisschen weniger stressig, als man es aus Deutschland kennt.
  • Benutzt man boludo, muss man immer ein wenig aufpassen, wer vor einem steht. Es kann ganz freundlich sein und so etwas wie Kumpel bedeuten, in anderen Situationen aber auch als Dummkopf verstanden werden. Oft kombiniert mit che was soviel wie hey bedeutet, ist es also immer ganz gut, sicherzugehen, dass die andere Person sich nicht beleidigt fühlt, wenn sie als boludo bezeichnet wird.
  • Hört man in Uruguay einmal ein ta, ist es ab diesem Zeitpunkt nichtmehr zu überhören. Obwohl das Spanisch der Uruguayos dem Spanisch der Argentinos oftmals sehr ähnlich ist, ist das ta lediglich in Uruguay verbreitet. Es wird als einfaches ta benutzt, gilt dabei als Zustimmung, alles klar, verstanden, oft kann man das Füllwort in Form von ta ta ta aber auch als Aufforderung verstehen, im Sinne von Okay, ich hab’s schon verstanden.
  • Ein Wort, was ich nicht regemäßig im Alltag nutze, was aber trotzdem einen großen Platz in meinem Herzen hat, ist la sobremesa. Für mich ist es so etwas Besonderes, weil es einfach keine Übersetzung ins Deutsche gibt. Kennst ihr das, wenn ihr nach dem Essen noch gemeinsam am Tisch sitzen bleibt, euch über die Dinge unterhaltet, die euch gerade beschäftigen und einfach das leckere Essen in guten Gesprächen ausklingen lasst? Genau das ist eine sobremesa. Manchmal handelt es sich dabei um zehn Minuten, manchmal um zwei Stunden- egal wie lang, diese Momente habe ich hier ganz besonders zu lieben gelernt. Egal ob mit meiner WG, auf Arbeit oder mit Freund:innen beim Asado- die sobremesa ist mittlerweile ein so fester Bestand meines Alltags, dass ich manchmal vergesse, dass meine Muttersprache gar kein Wort für diese so wertvolle Zeit hat.
Campamento im Februar

Karneval in Montevideo

Je mehr Spanisch ich spreche, lerne und höre, desto mehr merke ich, wiesehr mir diese Sprache gefällt und wie vielfältig sie ist- allem voran natürlich das español rioplatense, was wir in Uruguay und Argentinien sprechen. Tagtäglich merke ich, wie ich dieses Land, die Menschen und die Sprache hier in mein Herz geschlossen habe. Tagtäglich merke ich auch, wie die Zeit verfliegt. Ab heute bin ich noch ziemlich genau drei Monate hier. Parallel zu diesem Blog schreibe ich auch meinen dritten von insgesamt vier Quartalsberichten, wobei ich meinen letzten Bericht erst schreiben werde, wenn ich zurück in Deutschland bin. Vielleicht liest du das und denkst dir, drei Monate wären doch noch ziemlich viel Zeit. Du hast Recht, irgendwie sind drei Monate zumindest nicht wenig Zeit. Aber auch vor neun Monaten habe ich mir gedacht, wieviel Zeit denn zwölf Monate wären. Vor sechs Monaten habe ich mir gedacht, wieviel denn noch neun Monate wären und vor drei Monaten, wieviel Zeit mir noch mit einem ganzen halben Jahr bliebe. Und auf einmal sind es nur noch drei Monate. Auf einmal fühlen sich drei Monate so kurz an. Auf einmal fühlt es sich nach dem Ende von etwas ganz Großem an und im nächsten Moment erinnere ich mich, was diese vergangenen Monate mir gebracht haben. Wie diese Zeit und diese Erfahrungen mich darin bestärkt haben, zu tun, was schon lange mein Wunsch war: Mit Menschen arbeiten, Perspektiven wechseln und die Welt aus möglichst vielen Blickwinkeln sehen. Auch wenn ich also nun hier sitze und meinen vorletzten Quartalsbericht anfange- vielleicht ist es doch nicht das Ende von etwas Großem, sondern vielmehr der Anfang von etwas noch Größerem.

Montevideos Bücherein entdecken
Morgenstunden
Strand, Mate & tolle Menschen

Und während sich die Blätter weiter färben, genieße ich weiter die Zeit und die Erlebnisse hier in Montvideo, umgeben von tollen Menschen, immer wieder neuen Eindrücken und doch noch ab und zu ein paar Sonnenstunden.

Abrazos fuertes aus Uruguay, Almut

Carnaval in Montevideo

Nachdem der CAIF den ganzen Januar über geschlossen war, hat es jetzt im Februar wieder neu gestartet. Die ersten eineinhalb Wochen haben wir hauptsächlich damit verbracht die Räumlichkeiten wieder auf Vordermann zu bringen, Spielzeug zu putzen und Wände zu streichen bis dann endlich die Kinder zurückkamen. Am Anfang in der Eingewöhnungsphase kamen die Kinder nur ein paar Stunden am Tag. Denn vor Allem für die Ein- und Zweijährigen ist Vieles neu und es fällt Ihnen natürlich teilweise schwer sich von den Eltern zu trennen. Für mich war diese erste Zeit sehr spannend. Die Arbeit war sehr viel herausfordernder als vor der Sommerpause, da man viel damit beschäftigt ist die Kinder zu trösten und alles zu versuchen, damit sie ihre Eltern nicht so sehr vermissen. Umso wertvoller ist dann aber jedes Lächeln und jedes strahlende Gesicht 🙂 Mittlerweile haben sich der Alltag und die Routinen der Kinder fast wieder vollständig eingependelt und es ist sehr schön zu sehen wie sie von Tag zu Tag mehr Vertrauen fassen.

Endlich wieder Kinder im CAIF

Hier in Montevideo fand jetzt im Februar der Karneval statt. Der Karneval in Montevideo gilt als der längste der Welt und dauert von Ende Januar bis Mitte März. Fast jeden Abend im Februar findet man irgendwo in der Stadt ein Event. Anders als in Brasilien findet der Karneval Montevideo hauptsächlich auf den Tablados statt. Tablados sind Freiluftbühnen an verschiedenen Orten in Uruguay auf denen unterschiedliche Tanz- und Musikgruppen auftreten. Die Murga ist eine der Wichtigsten Gruppen. Sie besteht aus ca. 15 Leuten die mehrstimmig im Chor singen, tanzen und Theater spielen. Sie sind verkleidet und geschminkt und meist thematisieren ihre Shows aktuelle, kontroverse Themen oder äußern Kritik an der Politik.  Wir waren bei einigen Tablados und es war eine sehr coole Erfahrung auch wenn es teilweise schwierig war Alles zu verstehen. Denn bei den Murgas wird viel Ironie und Sarkasmus benutz.

Murga beim Tablado

Neben der Murga gibt es die Comparsa de Candombe. Beim Candombe handelt es sich um einen afro-uruguayischen Musikstil, der seinen Ursprung in der Zeit der Versklavung hat. Es gibt Tänzer, Fahneneträger und Trommelgruppen, die gemeinsam auftreten. Bei den Tänzern gibt es drei Hauptrollen den Gramillero, der einen Medizinmann darstellt, die Mama vieja, die eine Königin oder Ahnin verkörpert und den Escobero, den Besesenschwinger der symbolisch den Weg für die Trommler reinigt. Candombe findet während dem Karneval nicht nur auf den Tablados statt, sondern vor Allem auf Straßenparaden. Die größte Parade ist das Desfile de Llamadas, bei dem über 3000 Trommler teilnehmen. Aber nicht nur während dem Karneval spielt Candombe eine große Rolle, sondern auch unter dem Jahr kann man man Candombe besonders im Barrio Sur und in Palermo finden, da das die Viertel in Montevideo waren in die die afro-uruguayische Bevölkerung nach der Abschaffung der Versklavung hauptsächlich zog. Seit 2009 ist Candombe sogar UNESCO- Weltkulturerbe und ein nationales Symbol Uruguays. Für mich transportiert Candombe eine ganz besondere Stimmung und ich finde es sehr schön, dass dadurch so viele Leute vereint werden. Vor Allem wenn sich die Gruppen in Parks treffen, spielen und tanzen und viele Leute dabei zuschauen. Insgesamt habe ich den Karneval als sehr lebendig empfunden und hatte das Gefühl, dass er die ganze Stadt begeistert.

Candombe

So langsam neigt sich der Sommer hier in Montevideo schon dem Ende zu. Die ersten Blätter färben sich bunt und die Temperaturen sind etwas frischer geworden, aber es ist immer noch angenehm warm. Ich konnte die Zeit hier bisher sehr genießen und freue mich jetzt riesig auf die zweite Hälfte meines Jahres.

Un abrazo Alina 🙂

Zwischen Plätzchenbacken und Wasserschlachten – Adventskalender im „Hogar Amanecer“

Hi, ich bin Arne, 18 Jahre alt und mache zurzeit meinen Freiwilligendienst im „Hogar Amanecer“, einem Kinderheim in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Das Heim ist das Zuhause für rund 20 Kinder, die nicht bei ihren Familien wohnen können.

Die ersten drei Monate hier in Montevideo vergingen wie im Flug. Ich war ganz damit beschäftigt, in dem für mich bis dorthin neuen Land anzukommen, alle Kinder und Mitarbeitenden im Projekt kennenzulernen und mich an die Abläufe und Aufgaben zu gewöhnen. Außerdem wollte ich schnellstmöglich Spanisch lernen, da mir der berühmte Satz aus der Vorbereitung „Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden“ so im Kopf geblieben ist. Zudem habe ich schnell selbst erfahren, dass mein Grundwortschatz für die erste Verständigung, wie das Absprechen der Arbeitszeiten mit gelegentlicher Unterstützung des Übersetzers zwar ausreicht, ich für die alltägliche Kommunikation die Sprache jedoch gerne deutlich besser beherrschen würde.

Von Woche zu Woche konnte ich bei meinem Spanisch eine Verbesserung feststellen und wenn man bemüht ist zu lernen, auch wenn man zu Beginn sogar mehr Fehler macht, als dass richtige Wörter herauskommen, so habe ich die Erfahrung gemacht, dass so gut wie alle Menschen vor Ort die Bemühungen sehr wertschätzen und einen unterstützen. Mir ist bewusst geworden, was für einen hohen Stellenwert die Sprache im Prozess des Lernens einnimmt, denn mittlerweile kann ich Gespräche führen, über beispielsweise die Hintergründe einzelner Kinder oder das System der Kinderheime in Uruguay und mit welchen Herausforderungen es zu kämpfen hat, was zum einen super interessant ist und ich zum anderen unheimlich viel Neues lernen kann. Was mir beim Spanischlernen geholfen hat: sprechen, sprechen und noch mehr sprechen – außerdem spanische Bücher lesen, die man zuvor schon in seiner Muttersprache gelesen hat und so den Inhalt schon gut kennt (in meinem Fall Harry Potter). So ist es mir leichter gefallen, der Geschichte zu folgen, auch wenn ich des Öfteren einzelne Wörter und zu Beginn auch ganze Sätze nicht verstanden habe. Nebenbei war ich noch damit beschäftigt, die wunderschöne Stadt Montevideo zu erkunden, erste lokale Kontakte zu knüpfen und Zeit mit meiner WG zu verbringen.

Umso schneller stand dann schon der Dezember vor der Tür und ich konnte es kaum abwarten zu sehen, wie der Advent, eine für mich besondere Zeit, in diesem Kinderheim in Uruguay verbracht wird. Kurz zuvor hatte unsere Chefin uns gefragt, ob wir nicht Lust hätten, einen Adventskalender für die Kinder zu machen, weil sie den beidseitigen kulturellen Austausch im Rahmen des Freiwilligenprogrammes sehr schätzt und da Adventskalender in Uruguay nicht sehr typisch sind, empfand sie das als eine gute Gelegenheit.

Almut (meine Mitfreiwillige) und ich haben uns also Ende November an die Planung gemacht. Da es im „Hogar Amanecer“ drei Gruppen (Casa 1, 2 und 3) gibt, in denen jeweils sechs oder sieben Kinder sind, haben wir uns dazu entschlossen, für jedes Casa (Haus) einen Adventskalender zu machen. Ein eigener Kalender für jedes Kind wäre uns von dem zur Verfügung stehenden Budget und auch vom Aufwand nicht möglich gewesen. Wir wollten aber auch nicht, dass sich alle 20 Kinder einen einzigen Kalender teilen müssen und so haben wir, denke ich, einen ganz guten Kompromiss gefunden. Wir wollten von Anfang an nicht den typischen Schokoladen-Adventskalender machen, in dem es jeden Tag Süßes gibt, da wir in den ersten Monaten erlebt haben, dass durch viele zusätzliche zuckerhaltige Lebensmittel zusätzlich zu der landestypischen Ernährung bei den Kindern oft noch stärkere emotionale Reaktionen hervorgerufen werden, als das ohnehin regelmäßig der Fall ist.

Also sollte es ein Adventskalender werden, der mehr mit gemeinsamen Aktionen und anderen kleinen Geschenken gefüllt war. Wir haben uns einen Plan für die 24 Tage gemacht und in jedem Haus 24 Papiertüten aufgehängt. Trotz dessen, dass sich jeweils ein Haus einen Kalender geteilt hat, sollte dennoch jedes Kind jeden Tag eine kleine Überraschung bekommen. So durfte zwar immer das Kind, dessen Name auf der Tüte stand, die jeweilige Tüte öffnen, der Inhalt war aber jeden Tag zum Teilen mit allen Kindern des Hauses. Oft haben wir zusammen mit den Kindern beispielsweise Girlanden für den Gemeinschaftsraum oder Deko für den Weihnachtsbaum gebastelt. An anderen Tagen haben Almut und ich von uns vorbereitete Dinge mitgebracht, wie einen Dankbarkeitsstern für jedes Kind, auf den wir geschrieben haben, was wir an dem Kind schätzen und wofür wir dankbar sind. Samstags haben wir immer mit einem der Häuser Plätzchen gebacken, wo es dann für die Kinder der anderen beiden Häuser einen Gutschein gab, dass wir alle Teller vom Mittagessen abwaschen. Einmal haben wir Faltsterne zusammen mit den Kindern gebastelt und viele von ihnen sind in so ein Bastelfieber verfallen, dass wir noch praktisch den gesamten Dezember weitere Sterne zusätzlich zu den Tagesaktionen gebastelt haben und natürlich sind auch Bewegungsaktivitäten wie Stopptanz nicht zu kurz gekommen. Am 6. Dezember haben wir die Schuhe der Kinder, wie in Deutschland typisch zum Nikolaus, mit Orangen und anderen kleinen Dingen gefüllt und das Highlight war am 23. Dezember eine große Wasserschlacht mit allen Kindern, die bei 35 Grad eine gute Abkühlung für uns alle war.

Der Adventskalender im „Hogar Amanecer“ hat mir wirklich viel Spaß bereitet. Trotz dessen, dass das spontane Umplanen auf Grund des Wetters oder dem teilweise nächtlichen Vorbereiten der Aktion für den nächsten Tag (bei dem uns unsere anderen Mitbewohner*innen oft fleißig geholfen haben) ab und zu schon etwas stressig war, war es ein positiver Stress. Almut und ich konnten unserer Kreativität freien Lauf lassen und durch die täglichen Aktivitäten hatten wir jeden Tag einen festen Programmpunkt, den wir mit den Kindern machen konnten, was besonders ab Mitte Dezember, als die Schulferien begonnen hatten und so die Kinder praktisch den ganzen Tag bei uns im Projekt waren, ein oft hilfreiches Mittel gegen eventuell aufkommende Langeweile bei den Kindern war.

Wir haben den Kindern noch kleine Weihnachtskarten geschrieben und dann ein zwar sehr anderes, aber dennoch wunderschönes Weihnachten am 24. Dezember bei der Familien einer Freundin hier vor Ort gefeiert und am 25. noch im kleinen Kreis nur mit der WG gefeiert. Nach den letzten beiden Arbeitstagen am 26. und 27. Dezember haben wir das Jahr dann mit einem Urlaub über den Jahreswechsel ausklingen lassen.

Und so schnell, wie der Dezember gekommen war, war er dann auch schon wieder vorbei. Jetzt geht es mit frischer Energie ins neue Jahr!

Feliz Navidad im Sommer

Dieses Jahr habe ich zum ersten mal Advent und Weihnachten im Sommer erlebt. Es ist ganz ungewohnt bei 30 Grad am Strand baden zu gehen während man aus Deutschland Bilder von Weihnachtsmärkten und Bergen mit Schnee und Skifahrern sieht. Trotzdem muss ich sagen, dass ich ein bisschen in Weihnachtsstimmung gekommen bin, es ist nur eine ganz andere Art von Weihnachten und Advent. In unserer WG haben wir einen Adventskranz gemacht, Plätzchen gebacken und Weihnachtslieder gesungen. Und auch in meinem Projekt, dem CAIF, habe mit meiner Gruppe der 2-Jährigen Plätzchen gebacken, da das hier nicht so typisch ist 🙂

Der Casa de la Amistad ist eine Kinderkrippe in der Kinder von 0-3 Jahren betreut werden. Solangsam neigt sich hier alles dem Ende zu, da es das CAIF den ganzen Januar über, was der wärmste Monat im Jahr ist, geschlossen bleibt. Letzte Woche waren wir für den Abschlussausflug mit Eltern und Kindern in einem Tierpark in Montevideo. Wir haben dort gemeinsam gefrühstückt, die Tiere angeschaut und es gab Spielangebote. Der Ausflug ist eine sehr schöne Sache für die Familien, da alles vom CAIF organisiert wird und gerade Familien, die es sich nicht leisten können so die Möglichkeit haben mal rauszukommen und neue Orte kennenzulernen. Ein anderes Ereignis der letzten Zeit war der marcha de los derechos de los niños (Parade der Kinderrechte) an dem mein Projekt teilgenommen hat. Mit buntbemalten Bannern sind wir durchs Viertel gezogen haben an verschiedenen Stellen halt gemacht und letztendlich in einer großen Halle mit Artisten, Spielen für Kinder und Livemusik geendet.

Ansonsten genieße ich gerade den Sommer hier, wir gehen oft Baden und es gab auch hier einige Weihnachtsmärkte mit kunsthandwerklichen Ständen. Letzte Woche fand „la Bajada“ statt, ein großes Musik und Partyevent an der Rambla(Küstenpromenade), das den Beginn des Sommer und der Badesaison feiert. Das war ein sehr schönes Erlebnis mit vielen Menschen und guter Stimmung 🙂

Weihnachten kam dann doch ziemlich schnell. Die Gesellschaft hier in Uruguay ist im Gegensatz zu Argentinien oder Brasilien stark säkularisiert und kirchliche Feste haben somit einen niedrigeren Stellenwert für viele Menschen als das bei uns der Fall ist. Das Land ist konsequent laizistisch. Kirche und Staat werden also strikt voneinander getrennt. Deshalb wurden viele kirchliche Feiertage als arbeitsfreie Tage beibehalten, aber sie wurden umbenannt und haben eine andere Bedeutung. Weihnachten wird hier am 24. und 25. gefeiert, aber der 25. ist offiziell zum Beispiel der  „día de la familia“ (Tag der Familie) und nicht Weihnachten. Und auch die Karwoche wird offiziell als „semana de turismo“ (Turismuswoche) betitelt. Weihnachtsgottesdienste finden normalerweise am Sonntag vor Weihnachten statt.

Entgegen aller Traditionen haben wir den 24. Dezember am Strand verbracht und sind anschließend in einen Weihnachtsgottesdienst in einer deutsch-spanischen Gemeinde gegangen. Den heiligen Abend haben wir bei der Familie einer Freundin hier verbracht, die uns eingeladen hatte. Wir haben auf einer Dachterasse gefeiert. Es gab Asado und um 00.00 Uhr ein großes Feuerwerk. Asado ist eine traditionelle, südamerikanische Art des Grillens über offenem Feuer. Dabei geht es vorallem um die Geselligkeit und das Zusammensitzen, da es meist mehere Stunden dauert. Durch das Feuerwerk hat sich der Abend für mich auch irgendwie nach Silvester angefühlt. Insgesamt war es eine besondere Weihnachtserfahrung und ich bin sehr dankbar für die lieben Menschen hier und dass ich Weihnachten in einem anderen Kontext erlebt durfte.

Halbzeit Herzklopfen, wenn WG-Chaos, Sonne und Candombe den Alltag bestimmen.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Heimat ging mein Abenteuer weiter, zurück nach Uruguay, zurück ins bunte Chaos meines Freiwilligendienstes. Dieses Mal führte mich der Weg zunächst in ein kleines Paradies an der Atlantikküste: Punta del Diablo. Schon der Name klingt verheißungsvoll. Nach über einem Monat traf ich dort endlich wieder Finja und Majvi, meine zwei liebsten Wegbegleiterinnen in diesem Jahr.

Wir hatten uns für ein super cooles Hostel entschieden, mit Pool und jeder Menge entspannter Menschen aus aller Welt, darunter überraschenderweise auch Deutsche. Die Stimmung war herrlich, Sonne satt, Surfbretter in der Ecke, Musik aus den Lautsprechern. Die Surfstunden bei unserem humorvollen Surflehrer, der sich irgendwann kaputtlachte, aber auch ein bisschen beschwerte, weil wir offenbar mehr redeten als paddelten, waren ein Highlight. Weniger spaßig war allerdings mein ambitionierter Mittagsschlaf in der prallen Sonne, der mir prompt einen beeindruckenden Sonnenbrand einbrachte.

Der letzte Abend in Punta war nochmal richtig magisch, das ganze Hostel inklusive Mitarbeitenden zog gemeinsam los, erst in eine Bar bzw. Club. Wir mixten uns selbstgemachte Piña Coladas, tanzten, lachten und sprangen nach dem Feiern noch mitten in der Nacht zurück in den Pool. Diese Nächte vergisst man nicht.

Zwischen Trommeln und Tanz – Karneval in Uruguay

Wieder zurück in Montevideo kehrte langsam der Alltag ein, aber nicht für lange. Denn es war Karnevalszeit! Anders als der klassische Karneval in Deutschland wird in Uruguay vor allem ein ganz besonderer Teil gefeiert, die „Llamadas“, ein Straßenumzug voller Trommeln, Tanz und Geschichte.

Die Llamadas sind tief verwurzelt in der afro-uruguayischen Kultur. Im Mittelpunkt steht der Candombe, ein Trommelrhythmus mit afrikanischen Wurzeln, der von den Nachfahren versklavter Menschen gepflegt wird. Es ist mehr als nur Musik, es ist ein kulturelles Erbe, ein Widerstand gegen das Vergessen.

Wir mischten uns mitten ins bunte Treiben, bemalte Gesichter, freizügig gekleidete Tänzerinnen mit beeindruckenden Kostümen, riesige Trommelgruppen, die in einem fast Trance artigen Rhythmus durch die Straßen zogen. Die Energie war elektrisierend, der Stolz der Menschen greifbar. Montevideo bebteund wir mittendrin.

Zurück ins Projekt: Kinderlachen und Kuchenkrümel

Mit dem Ende des Januars öffnete auch das CAIF-Zentrum wieder, die Kindertagesstätte, in der ich arbeite. Die erste Woche war eher ruhig: Vorbereitung, Reinigungsaktionen, Spielzeuge zählen, dekorieren. Aber dann, endlich: Die Kinder kamen zurück. Es war, als würde das ganze Haus aufatmen.

Es war schön, viele bekannte Gesichter wiederzusehen, aber auch spannend, neue Kinder kennenzulernen. Es wurde gespielt, gelacht, laut getobt. Und natürlich gab’s Kuchen. Viel Kuchen. Das Lachen der Kinder und ihre Offenheit sind jedes Mal aufs Neue ein Geschenk.

Zwischenseminar in Baradero – Freude, Frust und Flaggenjagd

Mitte Februar bedeutete Halbzeit. Und damit Zeit für das Zwischenseminar, ein fester Bestandteil unseres Freiwilligendienstes. Gemeinsam mit allen anderen Freiwilligen aus der Region ging’s nach Baradero, ein kleines Stück außerhalb von Buenos Aires. Die Anreise mit dem Bus war lang, aber voller Vorfreude.

Das Haus in Baradero war der Wahnsinn, groß, offen, mit riesigem Garten, Platz zum Fußball- und Volleyballspielen und einem Pool, der bei der argentinischen Sommerhitze mehr als willkommen war. Die Freude über das Wiedersehen mit allen anderen war riesig. Doch schon am ersten Abend kam der Dämpfer. Mein Handy war weg.

Ich suchte überall. Mit dem MacBook, das ich zufällig dabei hatte, versuchte ich es zu orten, ohne Erfolg. Ich konnte mich nur erinnern, es zuletzt im Bus gehabt zu haben. Gemeinsam mit Peter von der IERP kontaktierten wir den Busfahrer. Zuerst Fehlanzeige, dann, zwei Tage später, die Erleichterung, er hatte es doch gefunden! Ich war überglücklich, verbrachte die Woche trotzdem ohne Handy, da der Bus schon zurück in BA war. Rückblickend: ein kleiner Social Media Detox, der sogar ganz gutgetan hat.

Die Woche in Baradero war gefüllt mit intensiven Gesprächen, Austausch über unsere Projekte, viel Reflexion. Wir arbeiteten in kleinen Gruppen, diskutierten über Sicherheit, Herausforderungen im Alltag und unsere Rolle in den jeweiligen Projekten.

Ein ganz besonderer Tag war der „Donnerstag in Schwarz“ – alle trugen schwarze Kleidung, wir sprachen über gesellschaftliche Ungerechtigkeit, Kolonialismus, Diskriminierung. Dieser Tag soll zum Nachdenken anregen, zum Innehalten. Er war emotional, aber wichtig.

Abends wurde es wieder gemütlich, Kartenspiele, Bierchen, Gespräche unter Sternenhimmel, Pool-Action. Am letzten Nachmittag spielten wir alle gemeinsam Capture the Flag, ein Geländespiel, bei dem zwei Teams versuchen, die gegnerische Fahne zu stehlen und ins eigene Lager zu bringen. Es war wild, schweißtreibend und verdammt lustig. Und mein Team hat gewonnen. Just saying.

Von Buenos Aires zurück nach Montevideo

Nach dem Seminar gönnten wir uns noch ein paar Tage in Buenos Aires, bummelten durch San Telmo, über die berühmte Feria, trafen andere Freiwillige, die dort leben, und ließen die Erlebnisse in der Hauptstadt langsam ausklingen.

Zurück in Montevideo wartete schon das nächste Event: Der 8. März, Internationaler Frauentag. In Montevideo bedeutet das Demo.  Zehntausende Menschen zogen durch die Straßen, alles in Lila, mit lauter Musik, Parolen, Reden. Auch wir waren dabei, gemeinsam mit Kira, einer ehemaligen Freiwilligen, die uns gerade besuchte. Es war ein starkes, bewegendes Erlebnis, ein echtes Statement.

Neues Zimmer, neues Glück – oder doch nicht ganz?

Mit dem Abschied von Belkis, einer regionalen Freiwilligen, wurde in unserer WG ein Zimmer frei. Das hieß Umzugszeit! Majvi zog in das kleinere Zimmer nebenan. Wir schleiften Möbel durch den Flur, tanzten zur Musik, rutschten auf Matratzen die Treppe runter, es war chaotisch und lustig zugleich. Majvi hatte jetzt ihr eigenes Reich, während Finja und ich wieder etwas mehr Platz hatten. Trotzdem blieb unser Zimmer der gemeinsame Treffpunkt, zum Reden, Quatschen, Lachen, denn Majvi bekam einen Platz in From eines Sessels. 

Cabo Polonio – Sonnenstich inklusive

An einem freien Wochenende stand unser nächster Trip an; Cabo Polonio. Ein winziges Hippie-Fischerdorf, nur mit speziellen Trucks erreichbar, keine Autos, kein Strom, kein Internet, ein echtes Aussteigeridyll.

Die Fahrt über die Sanddünen war holprig, aber ein Riesenspaß. Im Dorf selbst: absolute Ruhe, Natur pur. Wir verbrachten den ganzen Tag am Strand, genossen die Weite und das Meeresrauschen. Abends kochten wir einfache Nudeln mit Mais-Tomatensoße und planten den Sonnenaufgang am nächsten Morgen, doch daraus wurde nichts. Ich hatte mir am Strand einen Sonnenstich eingefangen.

Die Nacht verbrachte ich größtenteils über der Kloschüssel, begleitet von Maiskörnern und einem flauen Magen. Keine romantische Morgendämmerung für mich. Der nächste Tag war ein Mix aus Erholung und Spaziergang zum Leuchtturm zum Aufatmen. Danach gab es endlich wieder was in den Magen und noch eine improvisierte Kopfbedeckung aus einem Tuch dazu (Danke Majvi!). Die Rückfahrt im Truck war für meinen Magen nochmal eine Mutprobe, aber ich hab’s überlebt, grade so. 

Und jetzt?

Langsam nähert sich der Sommer dem Ende, und auch mein Freiwilligendienst rückt Woche für Woche weiter voran. Nach all den Erlebnissen von Sonnenuntergängen (und -stichen), Kinderlachen, Workshops und WG-Umzügen, fühlt sich Uruguay inzwischen nicht mehr wie ein entferntes Projekt an, sondern wie ein zweites Zuhause. Die Wege zur Arbeit, das Geräusch der Trommeln in der Ferne, das abendliche Quatschen mit Finja und Majvi, all das ist Alltag geworden. Ein ziemlich besonderer Alltag.

Was mir dieses Jahr bisher gezeigt hat? Dass man sich oft in Momenten wiederfindet, die man nicht planen kann; in chaotischen Nächten, in tränenreichen oder tränenlachenden Gesprächen, in überraschender Freundschaft oder auch in Stille, die sich nach Zuhause anfühlt.

Der Weg geht weiter, auch wenn schon mehr als die Hälfte des Jahres vorbei ist. Was noch kommt, weiß ich nicht , aber ich weiß, dass ich offen dafür bin, offen für mehr Geschichten, mehr Sonne (dann vielleicht mit Hut) und mehr Leben.

Heimweh, Höhenluft und Hostelhorror – Mein chaotisch-schöner Argentinien-Trip

Nach Monaten voller Kinderlachen, Alltagsabenteuer und Intensität war es Zeit für eine Pause  – für ein Abenteuer. Ich wollte Argentinien entdecken, Natur, Städte, Menschen, Pferde, Stille, Chaos und ich bekam alles und noch viel mehr.

Silvester in Córdoba – bröckelnder Putz, aber ein Herz aus Gold

Unser Silvester begann in einem ziemlich heruntergekommenem (was noch nett ausgedrückt ist) Hostel in Córdoba, mit knarzenden Betten und Badezimmern, bei denen man lieber nicht so genau hinschaut, aber der Vermieter war ein Schatz! Er lud uns und die Volunteers des Hostels zu einem Silvester-Asado ein, ein argentinisches Barbecue deluxe. Fleischberge, Lachen, Musik, Geschichten. 

Vollgefuttert zogen wir weiter in ein Airbnb mit Dachterrasse, welches Mitfreiwillige sich gemietet hatten. Das Feuerwerk welches um 0 Uhr zusehen war, war klein, aber wunderschön, es glitzerte zwischen den Hochhäusern. Danach ging’s noch in einen Club, die erste Nacht des neues Jahren war lang, laut und leicht.

Wir blieben ein paar Tage in Córdoba und unternahmen eine Wanderung zu einem Wasserfall. Wir waren keine 10 min unterwegs und schon schloss sich uns ein altaussehender Hund an,  grau im Gesicht, aber treu im Blick. Er wich uns nicht von unserer Seite. Wir tauften ihn Cordopi (Córdoba + Opi)  Er begleitete uns die ganze Strecke und zeigte uns den Weg, denn wir wussten garnicht so genau wo wir lang mussten, aber er schien es zu wissen. 

Ein weiteres Highlight, Reiten in den Bergen. Die Aussicht war fast endlos, der Wind in den Haaren befreiend und mein Herz erfüllte. Nach so langer Zeit endlich wieder auf einem Pferd zu sitzen, ließ mich all die Zeit mit meinen Ponys in Deutschland vermissen und gleichzeitig ganz im Moment ankommen.

Nach den ruhigen Tagen in den Bergen wollte ich eine Nacht in Buenos Aires schlafen und am nächsten Tag weiter nach Patagonien fliegen, doch das gebuchte Hostel existierte nicht. Drei Menschen bestätigten mir die Adresse, aber da war einfach nichts.Ohne Internet, völlig verloren, landete ich bei Starbucks, rief meine Familie an, kämpfte gegen Tränen und buchte schließlich ein Hotel für 30 € mehr als geplant. Wenigstens hatte ich eine Dusche und ein Bett und ich glaube es war sogar die beste dusche die ich seit einem halben Jahr hatte. 

El Calafate – Gletscherliebe & Kartendrama

In El Calafate bewunderte ich den berühmten Perito-Moreno-Gletscher, ein Naturwunder, das mich sprachlos machte, aber die Realität holte mich wieder schnell ein. Nach dem Ausflug musste ich natürlich noch bezahlen doch das Kartengerät akzeptierte meine Karte nicht, auf der Zweitkarte war zu wenig Geld. Ich telefonierte mit meiner Mutter, gab ihre Kreditkartennummer an, versuchte zu überweisen, oder irgendwie an Bargeld zu kommen, aber es war zu spät, es brauchte mindestens einen Werktag, heute war da nichts mehr zu machen. 

Am Ende gab ich der Dame mein letztes Bargeld (ein Viertel der Summe) und meinen Personalausweis. Sie willigte ein, sie hatte auch eigentlich keine Wahl. Am nächsten Morgen konnte ich zahlen und meinen Ausweis zurückholen. Die Erleichterung war grenzenlos.

El Chalten- Sturm, alte Freunde und der Fitz Roy

Mit dem Bus ging’s weiter nach El Chaltén, nur um dort zwei Tage lang wegen heftigem Sturm nichts tun zu können. Doch dann, Sonnenschein und alte Freunde. Ich traf Pia aus Brasilien und Hannah aus Paraguay, gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum berühmten Fitz Roy.

Zehn Stunden wandern, lachen, vloggen und staunen. Die Aussicht war atemberaubend. Wir kamen kaputt, aber glücklich alle heil wieder in unseren Hostels an und trafen uns nach einer warmen Dusche noch auf ein Bier, zur Belohnung. 😉

Tür zu & Frida rettet die Nacht

Zurück in Calafate freute ich mich, nach einer ausgelassenen Nacht mit Frida und Jule, auf eine ruhige Nacht, bis ich um 2 Uhr nachts vor verschlossener Tür stand. Der Vermieter hatte vergessen, mir einen Schlüssel zu geben. Keine Rezeption mehr, niemand erreichbar.

Also 30 Minuten zurück zu Frida, die mich in ihr Hostelbett aufnahm. Wir kuschelten uns zu zweit ins Bett. Wenigstens startete der nächste Morgen mit einem schönen Frühstück und einem endlich erhaltenen Schlüssel.

Ushuaia – Dreck, Tränen & doch ein Zuhause

Dann ging es ans Ende der Welt, nach Ushuaia auf Feuerland. Und ich will nicht dramatisieren, aber das Hostel war ein Alptraum, dreckige Küche, schimmeliger Geruch, schwarze Matratzen, stinkende Toiletten. Ich kam an und brach in Tränen aus. Ich rief meine Familie an, suchte nach Flügen früheren zurück nach Montevideo und nach einer anderen Unterkunft, denn ich würde es dort keine Woche aushalten, aber vergeblich, alles ausgebucht oder nur für Unsummen, ich musste also bleiben.

Doch manchmal ist genau das der Wendepunkt. Der Vermieter, ein herzlicher Mann, bot mir eine Fahrt ins Zentrum an. Ich schrieb in einem Café über meine Gefühle; über Heimweh, Überforderung und das Bedürfnis nach einem sicheren Ort.

Zurück im Hostel traf ich Cami, eine Französin, die in Buenos Aires studierte. Wir verstanden uns auf Anhieb. Als wir im Aufenthaltsraum saßen, kamen drei Langzeitbewohner des Hostels und sagten: „Wir machen Pizza, kommt ihr mitessen?“ Dazu gab’s Fernet-Cola, Billard, und sogar eine Art Wii-Spiel. Die Stimmung war locker, schräg aber herzlich.

Ich verbrachte die gesamte Woche mit Cami. Wir gingen mit Volunteers zum Wasserfall, machten eine Bootstour zur Pinguininsel, standen früh auf, um gratis in den Nationalpark zu kommen (vor 8 Uhr ist der Eintritt frei!), wanderten bis zum „Zug am Ende der Welt“ und als Cami sich das Knie verknackte, trampten wir zurück.

Wir verbrachten die nächsten Tage ruhig, spazierten, entdeckten Ushuaia, sprangen sogar ins eiskalte Wasser, tranken Kaffee, Bier und lachten. Es wurde vertraut, fast familiär. Die Hostelbande grillte für uns, und obwohl ich Vegetarierin bin, wurde extra Gemüse für mich gemacht. So süß.

Der Dreck war zwar immer noch da, aber ich lernte, mich mit kleinen Tricks wohlzufühlen. Und am Ende der Woche war ich, dank Cami & Co, so dankbar, geblieben zu sein.

In Buenos Aires die Seele baumeln lassen 

Zurück in Buenos Aires wohnte ich drei Tage bei Frida. Sie zeigte mir Boca und nahm mich mit in ihr Projekt „La Casona“. Dort arbeitete auch Thea, eine gute Freundin von mir. Ich hatte so viel über das Projekt gehört und durfte nun selbst erleben, wie warm, familiär und besonders es war. Ein wunderschöner Abschluss.

Kurzer Zwischenstopp: Zuhause 

Nach über einem Monat war ich wieder in Montevideo. Frisch geduscht, frisch gewaschen, frisch im eigenen Bett. Ich war heilfroh und gleichzeitig voller neuer Erinnerungen. Ich blieb jedoch nicht mal 24 Stunden, bevor ich schon wieder mit alten Kolleginnen weiterzog und mich im Bus wiederfand.  Wohin? Dahin wo die Sterne am besten sieht. 😉

Freizeit und Arbeit

Im Januar haben Max und ich ein Wochenende in der bekannten Stadt Punta del Este verbracht. Besonders in dieser Zeit ist die Stadt sehr lebendig, da der Januar in Südamerika Hochsommer und damit die Hauptsaison für den Tourismus ist. Schon bei der Ankunft fiel uns auf, dass sich die Stadt deutlich von Montevideo unterscheidet – sie ist moderner und wirkt urbaner, mit weniger Altbauten und mehr Hochhäusern. Besonders die Strände, die Yachten im Hafen und die schicken Boutiquen trugen dazu bei, dass die Stadt ihren exklusiven, internationalen Ruf ausstrahlte.

Wir haben gemütliche Spaziergänge durch die Straßen gemacht, die Küstenpromenade entlanggeschlendert und die frische Meeresluft genossen. Die Architektur war für uns ein weiterer faszinierender Aspekt: moderne Gebäude, viele Restaurants und Cafés, die zur Entspannung einluden. Wir verbrachten auch einige Zeit am berühmten Playa Brava, bekannt für seine markante Skulptur „La Mano“, die aus dem Sand zu wachsen scheint – ein Wahrzeichen von Punta del Este.

Die Zeit dort war für uns eine wunderbare Auszeit, in der wir uns von den teilweise hektischen Wochen des Freiwilligendienstes erholen und gleichzeitig die entspannte Urlaubsatmosphäre genießen konnten.

Was Sport und Freizeit betrifft, habe ich hier in Uruguay eine neue Leidenschaft entdeckt: Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ). Schon vor meinem Freiwilligendienst hatte ich mir vorgenommen, eine neue Kampfsportart auszuprobieren, und BJJ hatte es mir aufgrund seiner Technik und Philosophie besonders angetan. Ich habe die ersten Trainingseinheiten sehr genossen und kann sagen, dass mich der Sport mittlerweile echt fasziniert.

BJJ ist eine Kampfkunst, die stark auf Bodenkampf und Hebeltechniken setzt. Der Fokus liegt auf der Fähigkeit, sich auch in schwierigen Positionen zu verteidigen und den Gegner mit Technik und Hebeln zu kontrollieren, anstatt nur auf rohe Kraft zu setzen. Diese Philosophie hat mir nicht nur körperlich, sondern auch mental viele neue Perspektiven eröffnet. Die Struktur des Trainings, die kontinuierliche Verbesserung und das ständige Lernen sprechen mich sehr an.

Allerdings habe ich beschlossen, das Team zu wechseln. Ich habe ein neues Gym gefunden, das mir nicht nur die Möglichkeit bietet, meine BJJ-Fähigkeiten weiter zu vertiefen, sondern auch ein vielfältiges Angebot in anderen Bereichen wie Kraftsport und andere Kampfsportarten. Ich freue mich darauf, mein sportliches Repertoire weiter auszubauen und die neuen Herausforderungen anzunehmen.

Im Projekt Hogar Amanecer, das sich im Norden von Montevideo befindet, arbeite ich zusammen mit zwei anderen Freiwilligen. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die Kinder zur Schule zu begleiten und sie in ihrem Alltag zu unterstützen. In den Stunden, in denen die Kinder in der Schule sind oder wenn es keine anderen Aufgaben gibt, nutze ich die Zeit produktiv, indem ich lerne oder lese. Sobald die Kinder zurück sind, verbringe ich Zeit mit ihnen auf dem Basketballplatz. Es macht mir großen Spaß, mit den Kindern zu spielen und zu sehen, wie sie sich sowohl körperlich als auch sozial entwickeln.

Nach mittlerweile 8 Monaten im Projekt Hogar Amanecer habe ich mich gut an die Mitarbeiter und Kinder gewöhnt. Die tägliche Interaktion ist viel natürlicher geworden. Besonders die Gespräche mit den Kindern und Erwachsenen sind leichter geworden. Ich kann mich viel besser mit ihnen unterhalten.

Trotzdem gibt es immer noch viel zu lernen. Eine der größten Herausforderungen bleibt die spanische Sprache. Spanisch ist sehr kontextlastig, was bedeutet, dass der Sinn von Aussagen oft stark von der Situation abhängt. Besonders im Umgang mit informellen oder regionalen Ausdrücken muss ich oft aufmerksam zuhören und mich auf den Kontext verlassen, um alles richtig zu verstehen. Auch wenn ich mich in vielen Situationen gut zurechtfinde, gibt es immer wieder Momente, in denen ich nachfragen muss oder nicht ganz sicher bin, was genau gemeint ist.

Die Arbeit im Hogar Amanecer ist sowohl herausfordernd als auch bereichernd. Ich genieße es, Teil ihres Lebens zu sein und zu sehen, wie sie durch kleine, alltägliche Momente lernen und wachsen. 

Es Weihnachtet ein bisschen.

Viel passiert in letzter Zeit. Das beschreibt die vergangen Monate wahrscheinlich am besten. Es gab alles mögliche an Erlebnissen denn das Jahr neigte sich dem Ende, Weihnachten stand vor der Tür und mein Projekt würde bald für fast einen Monat schließen, was auch heißt, dass danach neue Kinder kommen würden, was für mich Abschied nehmen hieß. Im Urlaub waren wir auch noch, denn Wochenenden sind für Trips da und es gab schon wieder Tierischen Besuch, aber am besten lest einfach selbst. 

Schon seit wir hier sind sagen Kollegen und Bekannte uns, wir sollten mal nach Punta del Este, eine zwar touristische aber sehr schöne Stadt, im Nordosten von Montevideo, gehen. Wie gesagt so getan dachten wir uns, also buchten wir uns über ein verlängertes Wochenende einfach einen Bus, packten unsere Sachen und los ging’s. Die Stadt liegt ca. zwei Stunden von unserem Zuhause entfernt und man fährt so ziemlich nur durch die Pampa, wo man ab und zu, vereinzelt kleine Dörfer oder mal eine Wiese mit Pferden oder Kühen sieht, viel mehr gibt es dazwischen nicht. Als wir an einem sehr sonnig, warmen Morgen Anfang September ankamen mussten wir natürlich erstmal an den Stand, wo wir frühstückten und Mate trunken. Danach legten wir noch einen kleinen power nap ein, um danach mit voller Energie die Stadt erkunden zu können. Wir wanderten die Promenade entlang, guckten Surfern zu und und entdeckten „La mano de Punta del Este“ das ist eine Skulptur einer Hand, die aus dem Sand ragt. Danach gab es dann noch was zu essen und dann vielen wir auch schon tot ins Bett und schliefen aus.

Ein erlebnisreicher Tag lag vor uns, denn außer ein wenig Zeit am Stand zu verbringen, kam es, dass wir vier Seelöwen aus nächster Nähe beobachten konnten, die sich am Hafen getroffen hatten und ein wenig tobten und spielten. Nach diesem Anblick wanderten wir noch weiter, an einem Leuchtturm vorbei, zu einer Steinküste, wo der „Río de la Plata“ und der Atlantik aufeinander treffen. 

Als wir nach diesem Wochenende Nachhause kamen wartete auch schon wieder tierischer Besuch auf uns, denn in unserem Schrank war eine Maus eingezogen, die sich von uns durchfüttern ließ und sich ein Bett in einer Tüte Mais gebaut hatte. Wir mussten diesen ungebetenen Gast, so süß er auch war, irgendwie loswerden. Wir versuchten den Mäuserich während er schlief zu Überrachen und ihn mithilfe eines Topfes einzufangen, jedoch scheitete dieser Versuch, denn wir waren zu langsam, oder die Maus war zu schnell und er versuchte zu entkommen, was wir natürlich nicht zulassen konnten. Meine Mitbewohnerin hielt die Maus unter dem Topf fest, jedoch schaffte sie es ihren Kopf durch eine Lücke zu stecken und damit hat sie sich leider selbst keinen gefallen getan, denn sie Starb durch diese Aktion. Wir hatten zwar keinen Schrankbesetzer mehr, aber es war nicht unsere Absicht das Tier so loszuwerden. Ruhe in Frieden kleine Maus. 

Mein Alltag im Projekt hatte sich gefestigt und ich konnte, neben dem täglichen spielen und helfen beim essen, auch immer mehr selbst mitgestalten, wie zum Beispiel bei Bastelaktionen oder neuen Spielideen. Ich wechselte Vormittags auch ab und zu die Gruppen, um in alle Altersgruppen mal reinzuschauen und die Kinder kennenzulernen. Die Kinder nahmen mich immer herzlich in ihre Spiele auf und einmal hatte ich sogar das Glück, ein Haustier, welches eines der Kinder mitbrachte Kennenzulernen. Die Nachmittage hielt ich mich eigentlich immer in der Gruppe der dreijährigen auf, wo ich seit August auch täglich die meiste Zeit verbracht hatte. Die Kinder waren mir echt ans Herz gewachsen. 

Die Weihnachtszeit näherte sich und somit leider auch der Abschied einiger Kinder, denn die Ältesten werden im nächsten Jahr nicht mehr ins CAIF kommen, sondern in eine Art Vorschule gehen. Es gab Feste, Spiele, Geschenke, Umarmungen und einen sehr sehr süßen Kuchen. Dann hieß es auch schon auf wieder sehen. Ich war schon ein bisschen traurig, im nächsten Jahr nicht mehr in meiner kleinen süßen Gruppe sein zu können, aber natürlich auch ziemlich froh, denn für mich hieß der Abschied auch Urlaub, denn bis Februar würde mein Projekt schließen und sozusagen eine Sommerpause machen. Auch komisch, eine Sommerpause mitten im Winter. (zumindest ist die Weihnachtszeit für mich Winter) 

Wo wir auch schon beim Thema sind, denn während draußen über dreißig Grad Celsius sind, rückt das Weihnachtsfest immer näher. Für uns war das sehr komisch, denn normalerweise sitzt man zu dieser Zeit zuhause schön eingekuschelt auf dem Sofa, trinkt Kakao, backt Plätzchen und guckt einen Weihnachtsfilm oder man geht auf den Weihnachtsmarkt und trinkt Glühwein und isst gebrannte Mandeln.

Das sollte dieses Jahr alles ganz anders sein, denn statt Schlittschuh laufen und Schneemann bauen lagen wir am Stand, sonnten uns und platschten im Wasser. Komische Zeit. Trotzdem versuchten wir uns etwas Weihnachtlich zu stimmen und ein wenig Tradition von Zuhause hier nach Uruguay zu holen. Wir backten Plätzchen und machten Glühwein selber (zumindest probieren wir es) und gingen damit auf den „Weihnachtsmarkt“ der hier „Feria de Navidad“ genannt wird, aber mit einem Weihnachtsmarkt, den wir kennen nicht viel zutun hat. Wir besorgten uns auch einen Weihnachtsbaum, denn ein echter Tannenbaum gehört nunmal einfach dazu, jedoch mussten wir nach langer suche doch auf einen künstlichen Baum zurück greifen, da es hier einfach nirgends einen richtigen Baum zu finden gab. Wir bastelten Deko und eine Krippe und bereiteten ein Weihnachtsessen vor; dieses Jahr Asado, nicht wie sonst jedes Jahr Ente.

Wir feierten das Fest als WG und luden noch zwei andere junge Menschen zu uns ein, die mit einer unserer Mitbewohnerin zusammenarbeiten. So waren wir eine bunte Truppe aus vier verschieden Ländern mit vier unterschiedlichen Traditionen und tauschten uns den ganzen Abend darüber aus, wie Weihnachten in den jeweiligen Heimatländern gefeiert wird. Um kurz vor null Uhr zogen wir uns an und gingen auf die Straße, denn hier wird in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember mit Feuerwerk und Lichtershows gefeiert, währen der Weihnachtsmann in der Zwischenzeit, wo alle draußen sind und das Spektakel am Himmel beobachten, unbemerkt die Geschenke unter den Baum legt. Auch wir fanden ein paar kleine Geschenke der Wg-Mitbewohner unter unserem Tannenbaum, aber zuerst beobachteten ganz gespannt das Feuerwerk, in dieser warmen Nacht und danach ging es für eine Abkühlung noch kurz ins Meer.

So ein Weihnachtsfest hatte ich wirklich noch nie.