Und plötzlich ist Herbst. Der Arbeitsweg morgens dunkel, nachmittags immer bunter von den Bäumen, die anfangen, langsam die Blätter zu verlieren. Die kurzen Hosen bleiben im Schrank, währenddessen schon ab und zu die Wärmflasche hervorgeholt wird oder das Feuer im Ofen zu flackern beginnt. Es fühlt sich beinahe an, als wäre es gestern gewesen, dass wir hier angekommen sind. In der gleichen Kälte, mit einem kleinen Unterschied: Es war noch nur der Anfang von etwas ganz Großem. Der Anfang von etwas großem, unbekannten und neuen. Zwölf Monate lagen vor mir, voller neuer Dinge, unbekannter Menschen, großen und kleinen Herausforderungen. Wie schnell wird wohl die Zeit vergehen, fragte ich mich damals. Was wird sich wohl ändern, an mir und an dem, wie ich auf alles blicke, was nicht ich bin? Ich wusste schon damals, dass die Zeit fliegen wird, unglaublich schnell vorbeigehen wird. Damals wusste ich noch nicht mal, wie man so etwas auf Spanisch sagt und mittlerweile träume ich schon manchmal in dieser Sprache. „El tiempo pasó re rapido“- sagt man hier und habe ich in letzter Zeit viel zu oft gedacht. Dabei freue ich mich auch auf das Nachhausekommen. Familie und Freund:innen wiedersehen, alte Ecken neuentdecken und wieder Fahrrad fahren- auf all das und noch vielmehr freue ich mich, wenn ich dem Winter in den Sommer entfliege. Und während ich hier sitze und eigentlich noch gar nicht an diese Zeit denken möchte, ertappe ich mich immer wieder bei dem Gedanken, was ich wohl alles vermissen werde. Dinge, die mir mal so verständlich waren und sich in den vergangenen Monaten so aus meinem Blickfeld entfernt haben und altbekannte Dinge, die plötzlich wieder so neu erscheinen. Die ich nicht vermisst habe, die ich vielleicht erst wieder wahrnehme, wenn sie plötzlich wieder da sind. Und wahrscheinlich andersrum genauso- so viele Dinge sind für mich Alltag und Normalität geworden, dass ich vielleicht erst merke, dass sie fehlen, wenn sie nicht mehr da sind. Am liebsten würde ich jeden tollen Moment in ein Marmeladenglas packen, einkochen und für immer in einer Erinnerung behalten, die so frisch ist, dass sie sich für immer wie jetzt gerade anfühlt. Dabei weiß ich, dass jede Erinnerung irgendwann verblasst. Die eine schneller, die andere weniger schnell, wie ein Haus, dass zur Sonnenseite hin so viel früher seinen kräftigen Anstrich verliert, als zur Schattenseite. Eins der Dinge, die ich gelernt und auf keinen Fall vergessen möchte, ist das Spanisch. Auch, wenn ich mich immer noch drücke, den Subjuntivo zu lernen, habe ich in den letzten Monaten unglaublich viel dazugelernt. Aber wer bei „Hola, comó estás?“ und nicht viel mehr anfängt, kann sich ja auch irgendwie nur steigern. Dabei spielt eine Sache eine ganz wichtige Rolle: Miteinander reden. Das möchte ich heute mit Euch tun, denn ich möchte Euch meine liebsten spanischen Wörter vorstellen, die ich in meiner Zeit bisher gelernt habe. Los geht’s, oder wie man in Uruguay sagt: „Vamo’ arriba!“
- Dale ist wahrscheinlich eines der Wörter, die ich am meisten nutze und wird in Uruguay und Argentinien in allen möglichen Situationen gebraucht. Dabei benutzt man es nicht nur als Zustimmung als ein Einfaches okay, sondern auch als los gehts oder weiter so. Und wenn es tatsächlich mal dazu kommt, dass man sich beeilen muss, dann wird dale auch als beeil dich genutzt.
- Mein liebstes Wort im Spanischen ist wahrscheinlich tranqui. Übersetzt als ruhig, entspannt, keine Sorge, widerspiegelt es viele Teile des Alltags in Uruguay. Ob am Strand beim Mate trinken, beim Gemüse kaufen oder einfach der Einstellung auf das Leben- alles wirkt irgendwie ein bisschen weniger stressig, als man es aus Deutschland kennt.
- Benutzt man boludo, muss man immer ein wenig aufpassen, wer vor einem steht. Es kann ganz freundlich sein und so etwas wie Kumpel bedeuten, in anderen Situationen aber auch als Dummkopf verstanden werden. Oft kombiniert mit che was soviel wie hey bedeutet, ist es also immer ganz gut, sicherzugehen, dass die andere Person sich nicht beleidigt fühlt, wenn sie als boludo bezeichnet wird.
- Hört man in Uruguay einmal ein ta, ist es ab diesem Zeitpunkt nichtmehr zu überhören. Obwohl das Spanisch der Uruguayos dem Spanisch der Argentinos oftmals sehr ähnlich ist, ist das ta lediglich in Uruguay verbreitet. Es wird als einfaches ta benutzt, gilt dabei als Zustimmung, alles klar, verstanden, oft kann man das Füllwort in Form von ta ta ta aber auch als Aufforderung verstehen, im Sinne von Okay, ich hab’s schon verstanden.
- Ein Wort, was ich nicht regemäßig im Alltag nutze, was aber trotzdem einen großen Platz in meinem Herzen hat, ist la sobremesa. Für mich ist es so etwas Besonderes, weil es einfach keine Übersetzung ins Deutsche gibt. Kennst ihr das, wenn ihr nach dem Essen noch gemeinsam am Tisch sitzen bleibt, euch über die Dinge unterhaltet, die euch gerade beschäftigen und einfach das leckere Essen in guten Gesprächen ausklingen lasst? Genau das ist eine sobremesa. Manchmal handelt es sich dabei um zehn Minuten, manchmal um zwei Stunden- egal wie lang, diese Momente habe ich hier ganz besonders zu lieben gelernt. Egal ob mit meiner WG, auf Arbeit oder mit Freund:innen beim Asado- die sobremesa ist mittlerweile ein so fester Bestand meines Alltags, dass ich manchmal vergesse, dass meine Muttersprache gar kein Wort für diese so wertvolle Zeit hat.

Je mehr Spanisch ich spreche, lerne und höre, desto mehr merke ich, wiesehr mir diese Sprache gefällt und wie vielfältig sie ist- allem voran natürlich das español rioplatense, was wir in Uruguay und Argentinien sprechen. Tagtäglich merke ich, wie ich dieses Land, die Menschen und die Sprache hier in mein Herz geschlossen habe. Tagtäglich merke ich auch, wie die Zeit verfliegt. Ab heute bin ich noch ziemlich genau drei Monate hier. Parallel zu diesem Blog schreibe ich auch meinen dritten von insgesamt vier Quartalsberichten, wobei ich meinen letzten Bericht erst schreiben werde, wenn ich zurück in Deutschland bin. Vielleicht liest du das und denkst dir, drei Monate wären doch noch ziemlich viel Zeit. Du hast Recht, irgendwie sind drei Monate zumindest nicht wenig Zeit. Aber auch vor neun Monaten habe ich mir gedacht, wieviel Zeit denn zwölf Monate wären. Vor sechs Monaten habe ich mir gedacht, wieviel denn noch neun Monate wären und vor drei Monaten, wieviel Zeit mir noch mit einem ganzen halben Jahr bliebe. Und auf einmal sind es nur noch drei Monate. Auf einmal fühlen sich drei Monate so kurz an. Auf einmal fühlt es sich nach dem Ende von etwas ganz Großem an und im nächsten Moment erinnere ich mich, was diese vergangenen Monate mir gebracht haben. Wie diese Zeit und diese Erfahrungen mich darin bestärkt haben, zu tun, was schon lange mein Wunsch war: Mit Menschen arbeiten, Perspektiven wechseln und die Welt aus möglichst vielen Blickwinkeln sehen. Auch wenn ich also nun hier sitze und meinen vorletzten Quartalsbericht anfange- vielleicht ist es doch nicht das Ende von etwas Großem, sondern vielmehr der Anfang von etwas noch Größerem.



Und während sich die Blätter weiter färben, genieße ich weiter die Zeit und die Erlebnisse hier in Montvideo, umgeben von tollen Menschen, immer wieder neuen Eindrücken und doch noch ab und zu ein paar Sonnenstunden.
Abrazos fuertes aus Uruguay, Almut

































































































































