Buenas Días in Buenos Aires

Nach ca. eineinhalb Monaten wird es nun auch endlich mal Zeit, dass ich mich aus dem fernen Lateinamerika melde und von meinen Erfahrungen berichte. Wie schnell die Zeit doch vergeht! Gefühlt stand ich noch gestern an der Gepäckkontrolle des Flughafens, im, damals ziemlich sommerlichen, Hamburg. Mit dem Ticket in der Hand, Abschiedstränen in den Augen und Millionen Erwartungen, Ängsten, Hoffnungen und Vorurteilen im Kopf. Natürlich hatte ich mich ordentlich auf diese Reise vorbereitet, unter anderem mit der Hilfe des ZMÖ-s und dessen ausführlichen Vorbereitungsseminaren und Ländertagen. Jedoch kam ich mir in diesem Moment vor wie ein kleines, unwissendes Seehundbaby, dass alleine ins kalte Wasser geworfen wird. Und kalt, ja das war es! Nicht nur im überklimatisierten Flugzeug, sondern auch beim Ankommen in Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens, bereute ich es nicht, meinen dicksten Pulli angezogen zu haben. Schließlich war es dort ja auch Winter. Die Wärme der herzlichen Begrüßung unserer Ansprechpartner der IERP, der evangelischen Kirche des Rio de la Plata, welche über das Jahr  für uns zuständig sein werden, ließ mich jedoch alles vergessen. Und mit neuen Begegnungen hörte es da nicht auf.

„Den Mond von der anderen Seite betrachten“

Vom Flughafen aus ging es direkt in meine neue WG für die nächsten zwei Wochen, in denen das Vorbereitungsseminar, die „Capacitación“ unserer Partnerkirche stattfinden würde. Die Wohnung direkt im Zentrum von Buenos Aires, habe ich mir mit 19 der insgesamt 63 Freiwilligen geteilt, die nun überall in Argentinien, Uruguay und Paraguay verteilt mit „weltwärts“ unterwegs sind. Das war eine ziemliche Herausforderung! Gerichte zu finden und zu kochen mit denen jeder halbwegs zufrieden war, ein Finanzsystem zu entwickeln, abzuwaschen, zu putzen und mindestens zweimal in der Woche die Ziehschnur der Klospülung wieder mit Panzertape festzukleben. Jedoch hätte ich es mir niemals anders gewünscht! In diesen zwei Wochen sind wir 19 zu einer echt tollen Gemeinschaft geworden und haben jede Menge Spaß gehabt. Mal abgesehen von den gemeinsamen sehr aufwendigen Koch-/Pizzabestellaktionen haben wir zusammen Ausflüge zu Handwerkskunstmärkten wie dem in San Telmo oder der Casa Rosada (dem Regierungsgebäude Argentiniens) gemacht, in unserem Wohnzimmer sowie in der U-Bahn musiziert, einen Tangokurs besucht und das Nachtleben Palermos erkundet. Als wir dann am letzten Abend in unseren Schlafsäcken auf unserem Dach lagen, um die Sterne und den Mond von der anderen Seite zu betrachten, wurde ich richtig traurig, diese verrückte Truppe verlassen zu müssen.

Dulce de Lernen

Nun aber wieder zurück zu dem richtigen Grund, weshalb wir überhaupt in Buenos Aires waren; der Capacitación. Diese bestand aus spannenden Vorträgen/Einheiten zu Themen wie: Sucht, Geschichte Argentiniens, Probleme eines Freiwilligen und dessen Lösungen, Umgang mit Menschen mit Behinderungen und vormittags aus einem Sprachkurs. Oder eher gesagt, einer Einleitung in die spanische Sprache sowie die argentinische Kultur. Langweilig oder trocken wurde es dabei nie. Gemeinsam haben wir zwar auch ein bisschen Grammatik wiederholt, jedoch hauptsächlich über alles mögliche geredet, spanische Filme geguckt, den typischen Matetee getrunken und Ausflüge durch den Stadtteil gemacht. Mein persönliches Hihghlight war jedoch die gemeinsame Backstunde in der wir die typisch argentinische „Chocotorta“ zubereitet haben. Diese ziemlich leckere Kalorienbombe besteht aus Schokokeksen (Chocolinas) und einer Mischung aus einer Art Sahnecreme (Mendicrim) und der absolut besten Süßigkeit überhaupt; Dulce de Leche! Diese unbeschreibliche Creme aus Karamell und Kondensmilch (das klingt jetzt irgendwie doch nicht mehr so lecker, aber glaubt mir; das ist es!) wird hier echt überall verkauft und in jeder Form, wie zum Beispiel als Keks, Eis oder in Schokolade verarbeitet. Wirklich unglaublich, dass es in Deutschland nichts vergleichbares zu finden gibt! Zusätzlich gab es am Wochenende ein abwechslungsreiches Programm an Ausflügen wie zum Beispiel zu dem farbenfrohen Viertel „La Boca“ oder der Ex-ESMA, einem ehemaligen Folterlager aus der Zeit der Militärdiktatur in Argentinien. Dieser Ausflug war für uns alle sehr eindrücklich, da dort noch bis 1983 Menschen unter den schlimmsten Verhältnissen gefangen gehalten und gefoltert wurden und arbeiten mussten. Zudem wurden dort auch einige der insgesamt um die 500 Kinder zur Welt gebracht, welche im Laufe der Diktatur gewaltsam ihren Eltern entrissen und zur Adoption freigegeben wurden. Bis heute gibt es noch Vereinigungen wie die „Abuelas de la Plaza de Mayo“, welche vergeblich nach ihren vermissten Enkelkindern suchen, die schon ihr Leben lang, im Unwissen über ihre eigene Identität und in Familien, welche oft am Tod ihrer eigenen Eltern beteiligt waren, leben müssen. Insgesamt habe ich in diesen zwei Wochen auf die vielseitigste Weise, ungemein viel gelernt. Dafür möchte ich allen Beteiligten und Organisatoren der IERP danken!

Doch jetzt geht’s erst richtig los!

Nach diesen tollen zwei Wochen fiel mir der Abschied von Buenos Aires und all den anderen Freiwilligen ziemlich schwer. Jedoch waren wir alle, mehr als denn je, von einer riesigen Vorfreude und Spannung auf die bevorstehende Zeit erfüllt. So stieg ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge in meinen Bus nach Asunción, Paraguay.
Ganz viele besos und abrazos,
Merle

Auf den Weg, der vor mir liegt!

Nachdem ich unsere gemeinsame Blogseite gestern Abend geöffnet habe und sehen musste, wie viele meiner Mitfreiwilligen, die eigentlich fest davon überzeugt waren, niemals einen Blog führen zu wollen in der Zwischenzeit anscheinend ihre Meinung geändert haben, dachte ich, ich reihe mich einfach mal ein. Denn ganz ehrlich, über meine Anfangszeit in Argentinien und das Ankommen hier in Ciudad del Este gibt es mehr als genug zu erzählen bzw. zu schreiben.
Auch wir Freiwilligen die nach Paraguay, genauer gesagt Asunción oder wie in meinem Fall nach Ciudad del Este gehen, hatten das Glück bei der Capacitación, also dem Vorbereitungsseminar der IERP dabei sein zu dürfen. Die Mitarbeiter der Iglesia Evangélica del Rio de la Plata, kurz IERP, und die zubehörige diakonische Stiftung Hora de Obrar haben für unsere zwei Wochen ein reichhaltiges Program ausgearbeitet. Neben einem Sprachkurs in Castellano (Ganz wichtig, es ist kein einfaches Spanisch oder gar Español, es ist Castellano!!) gab es auch viele interessante Vorträge von Referenten über Sucht und Drogenkonsum, Menschenrechte oder Sensibilisierung für den Umgang für Menschen mit Behinderung. Letzteres werde ich in meinem Projekt eher nicht brauchen, da die Callescuela als Zielgruppe eher Kinder und Jugendliche hat. Trotzdem war gerade diese Thematik super dargestellt und ich war nachhaltig davon beeindruckt, wie überzeugt und engagiert der Referent, dessen Namen ich leider vergessen habe, darüber gesprochen hat. Eine ähnlich prägendes Erlebnis war der Besuch in der Ex- Esma, einem ehemaligen Folterzentrum während der Militärdiktatur, das heute eine Gedenkstätte mit Museum ist. Die Atmosphäre dort ist in etwa vergleichbar mit der in einem deutschen Konzentrationslager. Ich glaube, dass mich das Thema der Militärdiktatur über das Jahr hinweg weiterhin beschäftigen wird. Einerseits aus persönlichem Interesse, andererseits auch weil man bedenken muss, dass die Ereignisse in Argentinien zwischen 1976 und 1983 stattgefunden haben und somit viele Menschen hier Zeitzeugen sind, die ganz sicher einiges dazu erzählen und vorallem auch erklären können.
 
Der wunderschöne Stadtteil Belgrano in Buenos Aires, in dem sich das Gebäude der IERP befindet.
 
 
Natürlich bestand meine Zeit in Buenos Aires nicht nur aus dem Seminar, sondern auch aus vielen anderen Erlebnissen. Ich habe mir eine WG mit 18 anderen Freiwilligen geteilt, was gleichzeitig eine Herausforderung und eine unfassbar schöne Zeit war. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich gemerkt, dass sich weder Toilettenpapier noch Gewürze von selbst kaufen und tatsächlich auch leer gehen können, aber auch erkannt, wie schön WG- Leben sein kann. Nachdem wir zwei Wochen lang zusammen gegessen, Ausflüge gemacht und sowohl Chinatown als auch das Nachtleben in Buenos Aires erkundet haben, fiel es mir überraschend schwer, vor einer Woche in den Bus zu steigen und die erste Etappe meines Aufenthaltes zurückzulassen. Die 19h Fahrt sind aber wie im Flug vergangen, was auch daran lag, dass die Busse hier sind so viel komfortabler sind, als zum Beispiel ein Flixbus in Deutschland. Es gibt vollständige Mahlzeiten inklusive und Videofilme, leider nur auf Spanisch, an Bord. Also im Großen und Ganzen fast wie fliegen, nur besser für die Umwelt und definitiv mit schönerem Ausblick.
 

Auf unserem Ausflug in das Hafenviertel La Boca hat uns zum Beispiel dieses Stück, zugegeben sehr klischeehafte lateinamerikanische Street Art angelacht (Falls man es nicht erkennen kann: Es ist Papst Franziskus, der auf einem Lama reitet)
 
 
 
Was ich ganz sicher nach einer Woche in Ciuadad del Este sagen kann, ist dass ich mich auf jeden Fall in Paraguay verliebt habe. Sowohl in die rote Erde mit den ungepflasterten Straßen in unserem Viertel, in unser kleines Häuschen, das ich mit drei anderen Freiwilligen für das Jahr bewohnen werde, in das Essen (besonders das Fleisch und die Chipas) und am allermeisten in die Menschen hier. Wir bekommen von allen Seiten Unterstützung, egal ob es Nachbarn sind, die uns in den ersten Tagen Essen vorbei bringen, weil sie (wie auch immer) davon erfahren haben, dass unser Herd kaputt ist oder die Kinder im Projekt, die uns mit offenen Armen aufnehmen und meine Mitfreiwillige Lily und mich beim Fußball gewinnen lassen, weil „die Deutschen die Hitze ja nicht gewohnt sind“. Das sind nur zwei von vielen Beispielen aus den letzten sieben Tagen und es werden sicher noch viele folgen. Ich bin und bleibe gespannt auf mein Projekt und das Land, von dem ich in diesem kurzen Zeitraum noch nicht mal ansatzweise alle Facetten gesehen oder gar begriffen habe und freue mich auf den Weg, der vor mir liegt!
Un abrazo forte,
Folke (Hier in Paraguay eher Elisa, weil Folke auf Castellano ziemlich schräg klingt)