Miteinander – Eine paraguayische Herangehensweise

Was bedeutet eigentlich das Wort „Miteinander“? Wer definiert was es alles umfasst? Ist es nur das physische Zusammentreffen mehrerer Personen, die zusammen einen Moment genießen oder darf bzw. vielleicht sogar muss es beispielsweise auch ein „Füreinander“ beinhalten? Und wer bestimmt welche Personen das betrifft? Hier ist mein Versuch aus meinen Erfahrungen hier in Paraguay eine mögliche Antwort auf diese Fragen zu finden.

In der Online-Ausgabe des Duden wird „Miteinander“ wie folgt definiert: „Miteinanderbestehen, -leben,-wirken o.Ä.“. Das ist nicht nur eine sehr kurze Antwort, sondern wie ich finde auch eine die praktisch nichts aussagt. Es wird nur der physische Zustand, das Zusammenleben oder das gemeinsame Arbeiten, einfach erklärt, nicht aber der emotionale Zustand also die Gefühle, die beispielsweise ich mit einem „Miteinander“ verbinde. Diese sehr oberflächliche Definition des Wortes ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass es praktisch Dutzende von Arten des „Miteinander“ gibt. Als ich nach der Definition gesucht habe, wurden mir direkt Suchvorschläge für ganz verschiedene Versionen vorgeschlagen: Soziales Miteinander, kollegiales Miteinander, konstruktives Miteinander etc. Aber warum machen wir das? Warum schieben wir dieses einfach klingende Wort in so viele Schubladen? Ich glaube, dass es etwas damit zu tun hat, dass wir niemanden beleidigen wollen, gar unverschämt in bestimmten Situationen klingen wollen. Ein soziales Miteinander muss anders sein als das kollegiale Miteinander, da es ja ein anderes Umfeld ist, dass auf anderen Normen und dementsprechend auf anderen Werten basiert. Ich habe mir die Frage gestellt, ob das denn unbedingt notwendig ist. Ob wir nicht durch das ganze Kategorisieren verschiedener Formen des Miteinander, den eigentlichen Sinn dieses Wortes verlieren, weil wir uns jedes Mal verstellen müssen bzw. auf ein neues Miteinander einstellen müssen.

Ich bin Jan, 20 Jahre alt und in meinen nun 6 Monaten in Ciudad del Este, Paraguay, habe ich durch meine Erfahrungen in und um meine Arbeitsstelle, dem Hogar de Niños Santa Teresa, eine neue und in meinen Augen auch bessere Definition dieses vielseitigen Wortes gefunden. Vor Paraguay hatte auch ich die Meinung, dass das Miteinander sehr viele unterschiedliche Definitionen hat, je nach Kontext und je nach den Menschen, die es betrifft. Hier in Ciudad del Este habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass es auch überhaupt kein Problem ist diese Definitionen in einem einzigen Miteinander festzuhalten. Um euch dies näher zu bringen, werde ich meine Erfahrungen in drei Punkte unterteilen:

  1. Das paraguayische kollegiale Miteinander
  2. Abseits der Arbeit
  3. Universelles Miteinander

Das paraguayische kollegiale Miteinander

Schon von Anfang an ist mir aufgefallen, dass das Arbeitsumfeld ein anderes war, als jenes das ich aus Deutschland gewöhnt war. Alle waren bzw. sind sehr viel freundlicher miteinander, man plaudert ausgelassen ohne jegliche Hemmungen und die berufliche Hierarchie verschiebt sich in den Hintergrund. Es gibt zwar jemanden, der oder die das Sagen hat, aber man merkt es nicht. Es gibt keine Entfremdung durch eine höhere Position. Natürlich muss man festhalten, dass es ein relativ kleines Projekt ist, mit ca. 9-12 Mitarbeitern, viele dieser Mitarbeiter befreundet sind und ich aus der Perspektive eines deutschen Freiwilligen berichte, dem so oder so noch mehr geholfen und der noch freundlicher angesprochen wird. Nichtsdestoweniger ist es meiner Meinung nach ein nennenswerter Punkt, da dies mein Ersteindruck auf ein anderes „kollegiales Miteinander“ war.

Der entscheidende Moment, bei dem mir klar wurde, dass Miteinander hier etwas anderes bedeutet, war jedoch ein anderer — unglücklicherweise ein trauriger. In einem schweren Sturm Mitte September ist die Nichte des Hausmeisters Fidencio ums Leben gekommen. Nachdem meine Chefin Natalia und alle anderen Mitarbeiter dies mitbekommen haben, haben sie (und ich natürlich auch) ihr Beileid bekundet und ihren Beistand angeboten. Es war ein schreckliches Unglück und es war für mich normal, dass man einer Person seine Hilfe in sehr schwierigen Zeiten anbietet. Das ist meiner Meinung nach, in der deutschen Perspektive, auch das Maximum des kollegialen Miteinanders. Vielleicht hätten ein bis zwei Personen, die engsten Kollegen, Fidencio zur Aufbahrung begleitet. Hier in Paraguay aber war es ganz anders. Alle Mitarbeiter des Hogar de Niños Santa Teresa wurden gebeten mit zur Aufbahrung zu fahren, um Fidencio und seiner Familie zur Seite zu stehen. Eigentlich wurde sogar niemand gebeten, sondern wir sind einfach hingefahren. Zuerst war mir das etwas unheimlich, weil ich keinerlei Verbindung mit Fidencio hatte und bei der Aufbahrung alle weinend trauerten. Dann wurde mir aber klar, dass das Miteinander hier eben auch ein Füreinander beinhaltet. Es sendet eine sehr starke symbolische Botschaft an die Person und die Familie, wenn das gesamte Arbeitsumfeld mitkommt und jeder für einen da ist, auch wenn die Anwesenheit mancher bedeutsamer ist als die anderer.

Weitere Beispiele dieses Füreinander sind auch die Monatlichen Versammlungen oder unsere Feier zum Abschluss des Jahres. Am Ende jedes Monats besprechen wir die Dinge, die gut oder schlecht gelaufen sind, die verbessert werden müssen und wie man das durch Spenden gesammelte Budget am besten aufteilen kann. Bevor jedoch irgendwas besprochen wird, haben wir aber noch eine persönliche Runde. Jeder muss etwas über seinen Zustand (mental oder gesundheitlich) erzählen und wie es der eigenen Familie geht, welche Projekte man umgesetzt hat oder generell, was es Neues im Leben gibt. Dies erzeugt eine entspannte und vertraute Atmosphäre die sich eher wie ein Familientreffen anfühlt als eine Teamsitzung bei der Arbeit. Auch beim Jahresabschluss hat es sich so angefühlt, als ob es sich eher um ein Familientreffen handelt oder ein Miteinander unter Freunden. Das Kollegiale im engeren Sinne verschwamm oder verschwand komplett. Es gab Asado (Grillgut) dazu Salate und Softgetränke und nach dem Essen eine Musikeinlage durch Verwandte Natalias. Es wurde getanzt und selbst die Ehemänner und Kinder verschiedener Profes (Lehrer) kamen dazu. Vorher gab es auch eine Tereré- Runde (Tereré ist eine Kräutermischung die mit kaltem Wasser immer wieder aufgegossen und weitergereicht wird), bei der man sich über verschiedenste Dinge austauschte. Ein fröhliches Miteinander eben.

Die Tereré-Runde beim Jahresabschluss

Abseits der Arbeit

Dieses andere Miteinander ist gleichzeitig in keiner Weise nur an das Hogar de Niños Santa Teresa gebunden. Auch abseits meiner Arbeit spüre ich dieses andere Miteinander. Da sind einmal meine Freunde. Auf einer Jugendreise lernte ich schnell Menschen kennen. Wir verstanden uns praktisch direkt und ich wurde behandelt, als wäre ich schon seit Jahren Teil der Gruppe. In Caacupé, einer Kleinstadt vor Asuncion, gibt es jedes Jahr ein Treffen verschiedenster kirchlicher Jugendgruppen. Wir gingen Campen und dort traf ich eben auf junge Menschen der „Juventud Verzeriana“. Ich dachte man würde sich wohlmöglich über die Reise hinweg ein paar Mal sehen und etwas zusammen machen. Nicht hier. Obwohl ich nur mittelmäßiges Spanisch spreche, haben sie mich überall hin mitgenommen und mir viele Dinge erklärt. Als ich sie schließlich fragte, ob ich bei ihnen mein Zelt aufschlagen konnte, waren sie schon fast beleidigt. Das sei doch selbstverständlich, warum ich überhaupt fragen würde. Wir spielten, Volleyball oder Karten, tranken Tereré und wenn ich mal was nicht verstanden habe, haben sie es mir direkt erklärt. Ich hatte ein großartiges Miteinander gefunden und fühlte mich geborgen, ohne dass es wichtig war, wer ich für sie bin. Wir verstanden uns einfach gut, das war die Hauptsache.

Ich und meine paraguayischen Freunde (ich bin der vierte von links)

Generell ist das Tereré trinken ein guter Indikator für die Art und Weise wie hier „Miteinander“ verstanden wird. Tereré ist praktisch Nationalgetränk und wird überall getrunken, und von jedem. Man kann es bei allen Möglichkeiten trinken, die bekannteste davon ist die Mittagspause. Egal wo egal wer, man trinkt Tereré reicht ihn weiter (der Tereré wird typischerweise geteilt) und erzählt vom Leben. Eine sehr kleine, aber feine Geste des Miteinander. Dieses Miteinander wird mit allen Menschen geteilt, egal wer man ist. Menschen in Paraguay sind auch sehr hilfsbereit. Wenn jemand irgendwo etwas braucht, wird geschaut, wie man dieser Person helfen kann, und ich habe das Gefühl, als ob es hier so etwas wie ein universelles Miteinander gibt.

Unsere Unterstützung beim Sammeln von Lebensmitteln für die nationale Lebensmittelspende

Das universelle Miteinander

Das „Miteinander“ in Paraguay ist definitiv ein „Füreinander“ und es ist nicht auf eine bestimmte Gruppe begrenzt. Das soll es auch nicht, denn jeder wird unterstützt und alle sind irgendwie füreinander da. Möglicherweise ist ein großer Teil dieser weitverbreiteten Unterstützung bzw. dieses universellen Miteinanders auch auf die Armut der Menschen zurückzuführen. Paraguay ist mit einem durchschnittlichen Monats-Einkommen von 350-450 Euro ein sehr armes Land. Das führt dazu, dass sich viele Menschen gegenseitig unterstützen, was wiederum zur Folge hat, dass das Wort Miteinander eine ganz neue Konnotation bekommt. Trotzdem finde ich, dass das nicht bedeutet, dass es ein schlechteres Miteinander ist. Meiner Meinung nach sollten wir uns alle etwas mehr an so einem Miteinander orientieren, egal wie die finanzielle Lage ist. Wenn wir uns weniger darauf fokussieren würden, das Wort Miteinander in die kleinsten Untergruppen zu definieren und stattdessen positiv, weg vom Schubladendenken, auf ein besseres Miteinander hinarbeiten würden wäre schon so Vielen geholfen. Das heißt nicht, dass es nicht auch spezifischere Miteinander geben kann, aber das paraguayische Miteinander kann uns vielleicht helfen uns zu entspannen, und etwas Hass und Zwiespalt aus der Welt zu schaffen.

Tranqui, jaha y superbien – Meine ersten Monate in Asunción

Ein neues Land, neue Menschen um mich herum, neue Straßen, Routinen und eine fremde Sprache. All die Eindrücke, die mich auf jedem Schritt hier in Paraguays Hauptstadt Asunción begleiten, lassen mich noch immer jeden Tag staunen. Seit drei Monaten bin ich nun schon für meinen Freiwilligendienst in Lateinamerika. Nach einem zehntägigen, unglaublich schönen Einführungsseminar in Buenos Aires und den ersten aufregenden Wochen hier entwickelt sich langsam ein Alltag.

Ich darf meinen Freiwilligendienst bei der Organisation Callescuela machen. Jeden Tag bin ich aufs Neue beeindruckt, um was für eine tolle und wichtige Arbeit es sich dort handelt. Die Callescuela hat drei Gemeinschaftszentren hier in Asunción und drei nahe der Stadt Ciudad del Este. Ich unterstütze das „local comunitario 9 de Marzo“.

Dort gibt es dreimal die Woche vormittags CEPI, das ist eine Kindergartengruppe. Meistens kommen zwischen vier und acht Kinder und wir spielen, singen und basteln mit ihnen. Dienstags und donnerstags findet den ganzen Tag „Refuerzo escolar“, also Hausaufgabenbetreuung, statt. Der dritte Bereich sind die Gruppentreffen. Dort wird manchmal über inhaltliche Themen wie politische Partizipation, Menschen- und Kinderrechte und Sexualität gesprochen, an anderen Tagen spielen wir aber auch Karten, sitzen zusammen oder gehen auf den Fußballplatz.
Das Zentrum liegt in einer armen Wohngegend und viele der Kinder müssen zuhause mitarbeiten oder ihre Eltern finanziell unterstützen, indem sie mit ihnen auf der Straße Waren verkaufen. Deswegen ist die Callescuela für die Kinder und Jugendlichen nicht nur ein Ort, an dem sie Unterstützung bei Schulaufgaben bekommen, sondern bietet auch die Möglichkeit, Freund*innen zu treffen und einfach mal „Kind sein“ zu können. Das „local comunitario“ soll ein Ort sein, an dem die Kinder einen wertschätzenden, gewaltfreien Umgang miteinander erlernen sowie in ihren Rechten und Freiheiten gestärkt werden. Und bereits seit dem ersten Tag merke ich, dass für viele Kinder und Jugendliche die Callescuela ein Safe Space ist, an dem sie sich richtig wohlfühlen. Das ist unglaublich schön zu sehen.

Im Projekt finde ich immer mehr meinen Platz, meine Mitfreiwilligen werden langsam zu Freundinnen und inzwischen komme ich manchmal auch ohne Google Maps an mein Ziel.
Tranqui, jaha und superbien sind spanische Wörter, die ich jeden Tag von den Kindern oder meinen Kolleginnen höre und die gleichzeitig auch sinnbildlich für meine ersten Wochen in Paraguay stehen.

Tranqui
Ohne es zu wollen, bin ich mit vielen Erwartungen, oder vielleicht eher Hoffnungen, in meinen Freiwilligendienst gestartet. Ich habe mir gewünscht, gut mit meinen Mitbewohner*innen auszukommen, neue Leute kennenzulernen, mich in meinem Projekt sinnvoll einbringen zu können und möglichst schnell besser Spanisch zu sprechen. Mir war zwar klar, dass es nicht so einfach wird, aber hier bin ich trotzdem auf den Boden der Tatsachen gefallen. Ich kann nicht zählen, wie oft ich die Kinder schon verwirrt angeschaut und nichts von dem verstanden habe, was sie mir sagen wollen. Oder wie viele Male ich beim Arbeiten planlos danebenstehe und nicht weiß, was ich tun soll. Oft sage ich in Gesprächen überzeugt „sí“ oder „muy bien“ und hoffe, dass mir keine Frage gestellt wurde. Ich saß nicht nur einmal im falschen Bus, habe mich mehrmals verlaufen und teilweise fühle ich mich noch immer fehl am Platz.
Manchmal tut es gut, in solchen Situationen von meinen Kolleginnen „tranqui“ zu hören, das bedeutet so viel wie „Es ist alles gut, mach dir keine Gedanken, lass dir Zeit“. Denn es ist okay, nicht alles zu verstehen. Das muss ich mir immer wieder selbst sagen. Hier in Paraguay läuft vieles anders, aber genau für diese Erfahrungen mache ich diesen Lerndienst. Und mit jedem Tag finde ich ein bisschen mehr in die Rolle als Freiwillige hinein und mit jedem Fehler lerne ich etwas Neues dazu.

Jaha
In Paraguay ist neben dem Spanischen auch die indigene Sprache Guaraní Amtssprache. Auf dem Land wird Guaraní noch oft gesprochen, in meinem Projekt tun sich die Kinder bei der Nachhilfe allerdings oft schwer mit ihren Guaraní-Hausaufgaben. Trotzdem werden die beiden Sprachen immer wieder bunt gemischt, teilweise sogar mitten im Satz. Bis fünf zählen haben mir die Kinder inzwischen beigebracht, ansonsten verstehe ich nur wenig.
„Jaha“ ist mein neues Lieblingswort auf Guaraní und bedeutet „Los gehts“ oder „Lass uns gehen“. Sowohl in der Callescuela als auch in der Freizeit passt das Wort richtig gut zu meiner ersten Zeit in Asunción. Jeden Tag müssen wir aus unserer Komfortzone heraus und manchmal braucht es ganz schön viel Mut, fremde Menschen anzusprechen und sich zu trauen, auch Fehler zu machen. Aber meistens entstehen daraus tolle Begegnungen und Chancen. So habe ich zum Beispiel einfach auf einem Fußballplatz in der Nähe einen Trainer gefragt, ob es in seinem Verein eine Frauenfußballmannschaft gibt. Leider gibt es keine, aber er war total nett und hat mich gleich zu einem anderen Training eingeladen. Und über ihn habe ich auch den Kontakt zu einer Volleyballmannschaft bekommen, bei der ich mit einer Mitfreiwilligen schon mehrmals beim Training war. Und selbst wenn aus solchen kleinen Mut-Momenten mal nichts entsteht, gewinne ich mit jedem „Losgehen“ ein kleines bisschen Selbstvertrauen dazu.

Superbien
Das ist mein Favorit unter den neuen Wörtern. Meine Kollegin benutzt „superbien“ immer mit einem so ehrlichen Strahlen im Gesicht, egal ob es sich um das gemalte Bild einer Vierjährigen, meine ersten selbstgemachten und etwas angebrannten Tortillas oder einen richtig schönen, ereignisreichen Tag handelt. Das Miteinander bei der Callescuela ist total herzlich und unterstützend, dort fühle ich mich sehr wohl.
Und mit den anderen Freiwilligen ist es auch richtig nett. Wir sind zusammen in der Stadt unterwegs und treffen uns fast jedes Wochenende zum Kochen (ein Bananenbrot darf dabei natürlich auch nicht fehlen). Übers Wochenende waren wir schon in den kleinen Städten Areguá und San Bernardino sowie auf einem größeren Trip nach Encarnación (die Grenzstadt im Süden zu Argentinien). Außerdem habe ich andere Freiwillige in Ciudad del Este besucht und war mit ihnen bei Paraguays größten Wasserfällen „Saltos Monday“. Mir gehts hier insgesamt einfach „superbien“ und ich bin dankbar, diese Erfahrungen machen zu können!

Jeden Tag mit 100 Kindern spielen

Moin aus Ciudad del Este!

Das hier ist schon der letzte Blogeintrag hier aus Paraguay! Fast 11 der insgesamt 12 Monate sind vorbei. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, dass ich dann bald ein letztes von so vielen Malen am Terminal, dem kleinen Busbahnhof, in den Bus nach Buenos Aires und dort in den Flieger nach Deutschland steige. Ein ganzes Jahr habe ich hier verbracht und es ging Ende August 2024 damit los, dass wir vier Freiwilligen an der Grenze von Brasilien nach Paraguay aus dem Bus ausstiegen. In der hektischen und überfordernden Innenstadt mit seinen Hochhäusern, die für seinen Shoppingtourismus bekannt ist, haben wir uns damals einen roten Stempel in unserem Pass geben lassen und sind irgendwie mit sehr schlechtem Spanisch und ohne Guarani, der Landeswährung, zum Terminal gekommen. Da hatten uns dann Kollegen aus den zwei Projekten, in denen wir arbeiten, abgeholt. Und das Gefühl am Anfang durch die Straßen zu spazieren, das wunderschöne und große Projekt, das Hogar, mit den Mango-, Limetten-, Granatapfel-, Guayaba- und Bananenbäumen das erste Mal zu sehen und mit dem Aufhängen meiner Fotos an der Wand in meinem Zimmer, mich für ein Jahr einzurichten, das werde ich nicht vergessen. Bei allem dachten wir uns: So ist das also hier, wo wir jetzt ein ganzes Jahr lang leben werden. Trotzdem fühlt es sich lange her an, wie auch nicht. Denn seitdem hatte ich das ereignisreichste Jahr meines Lebens. Jeden Tag im Projekt mit den Kindern, Wochenendtrips nach Encarnación, Asunción, Campen unter Palmen, Seminare, Urlaube, Besuche bei und von Mitfreiwilligen und meiner Familie, Affenhitze, zuletzt auch unerwartete Kälte und ganz viel mehr. Und immer noch schlafe ich in demselben Zimmer auf meiner zu weichen Matratze, zwei Meter von einer Bananenpalme und einem Hahn, der seit Anfang an gerne die Nächte durchkräht, entfernt und unter der hier fast auf jedem Dach zu findendem blauen 500 Liter Wassertonne.
Dass das alles ganz bald für immer vorbei ist, versteh ich dann glaub ich auch erst, wenn es soweit ist.

Am Freitag, also in zwei Tagen, mache ich mich zusammen mit meiner Mitfreiwilligen auf nach Buenos Aires. Da geht dann nächste Woche das letzte Seminar mit der Organisation von hier, der evangelisches Kirche Argentiniens, Paraguays und Uruguays, los. Ich freu mich sehr, alle Freiwilligen wiederzusehen und auch die Wochenenden vor und nach dem Seminar in der riesigen Stadt zu verbringen, in der ich dann das ein oder andere ausnutze, das es hier nicht gibt, wie zum Beispiel Bäckereien und viel sehr gutes Essen oder auch Bars und Clubs. Ich rechne auch damit, dass es sehr guttun wird, sich wieder über verschiedenste Erfahrungen auszutauschen und dabei ein bisschen zu reflektieren. Vor allem denke ich auch, dass ich durch das Seminar nochmal besser realisieren werden kann, dass das Jahr dann bald vorbei ist. Denn gerade die letzten Monate, obwohl die 8-stündige Arbeit jeden Tag mit den Kindern teils sehr fordernd ist, habe ich mich enorm daran gewöhnt und ist es natürlich alltäglich geworden. Und so erfüllend das Spielen, Lernen und Quatschen mit den Kindern immer wieder ist, so sehr bin ich auch das gewohnt. Insofern nehme ich mir ganz fest vor, genau diese tollen Momente mit den Kindern, die ich jetzt 10 Monate lang jeden Tag hatte, nochmal richtig zu genießen. Denn ich kann ganz klar sagen: Es ist bei weitem nicht das Einzige und ich hab super viel an Paraguay und meiner Zeit hier sehr genossen, aber die Kinder sind das absolute Highlight meines Freiwilligendienstes.
Deswegen weiß ich, dass ich  am aller meisten vermissen werde, jeden Tag von 100 Kindern umgeben zu sein. Wenn ich wie heute aus der Klasse komme, in der ich 8 Kindern auf verschiedenen Niveaus Plus, Minus, Mal und Geteilt erkläre und aufpassen muss, dass nicht abgeschrieben und kein Radau gemacht wird, und dann die kleinen und größeren Kinder kommen und unbedingt Toca-Toca-Congelada, Eisticken, mit mir spielen wollen. Und sich ein Bein ab freuen, wenn ich mitspiele. Und dann wie jeden Tag voller Inbrunst gerannt und gelacht wird.
So sehr ich mich auf zuhause freue, so sehr wird mir das und vieles mehr vom Leben hier in Paraguay fehlen.

Das nächste Mal melde ich mich dann aus Deutschland, ich bin sehr gespannt auf die letzte Zeit hier!

Ganz liebe Grüße aus Südamerika

Ben  

Frohe Ostern aus Paraguay!

Wiedermal bin ich zu spät dran mit dem Hochladen, diesesmal allerdings aus besserem Grund: ich lag mit 40° Fieber im Bett, zum Glück war es kein Dengue Fieber, sondern nur ein Mageninfekt und nach einem Krankenhausbesuch und einigen Antibiotika geht es mir schon viel besser.

Wir hatten unser Zwischenseminar in Buenos Aires, wo alle Freiwilligen mit denen wir angekommen waren wiedertrafen. Es war super schön alle wieder zu sehen und wir blieben bis spät in die Nacht wach um mit einander zu reden und uns Auszutauschen. Meine Persönliche Erkenntnis ist vor allem wie froh ich bin hier in der Ciudad gelandet zu sein. Einige erzählten davon wie sie nichts zu tun haben, sich mit ihren Kollegen nicht verstehen, sich ausgeschlossen fühlen oder zu viel von ihnen erwartet wird. Hier habe ich zwar auch meine Probleme, aber im Vergleich fühlen sie sich klein an. Natürlich liebten auch einige ihre Projekte, aber bei ihren Erzählungen habe ich mir meistens gedacht, dass mein Projekt einfach besser zu mir passt. Ich habe die Ciudad lieben gelernt. Sie ist nicht so Glamourös wie andere Städte und es gibt nicht viel zu tun, aber ich habe meine Ecken gefunden, und jetzt sogar eine Mannschaft bei der ich mich wohl fühle. Ich habe meine Kollegen gern und bekomme von ihnen so viel Hilfe und Unterstützung wie ich brauche, ohne mich bemuttert zu fühlen. Hier sind alle Familie, und ich bin froh dass ich aufgenommen worden bin.

Ich bin mittlerweile an dem neuen Standort in St. Ana so richtig angekommen. Einiges läuft hier anders. In der Refuerzo (dem Nachhilfe Teil) sind die Kinder viel fortgeschrittener und selbstständiger, es herrscht weniger Chaos und ich werde nicht so viel gebraucht wie letztes Jahr, dadurch rede ich aber auch weniger mit den Kindern und es ist mir etwas schwerer gefallen zu ihnen einen Draht aufzubauen. Mittlerweile ist sich das aber am Bessern, und ich habe sogar schon einmal alleine den Unterricht geleitet.

Die Cepi hier (der Kindergarten) ist das genaue Gegenteil, und viel Chaotischer als in Km9. Es ist möglich dass das ist weil ich hier den Jahresanfang und dort das Jahresende miterlebt habe, aber es ist auch weil km9 eine ärmere Gegend ist und wir dort viel mehr in das alltägliche Leben der Familien eingebunden sind, und Cindy für viele kleine Kinder eine Art Tante ist, außerdem ist die Erzieherin in St. Ana dieses Jahr neu dazugekommen. Noch ein Unterschied ist das wir in St. Ana mehr Kindergartenkinder mit Behinderung haben. An einigen Stellen bin ich da leider manchmal überfordert, da wir nur zu zweit sind, und sie mehr Aufmerksamkeit brauchen als wir geben können. Über die Wochen hat sich zum Glück auch schon einiges verbessert und etwas beruhigt und ich glaube ich habe viel dazu gelernt. Die kleinen haben mich mittlerweile auch richtig lieb gewonnen, und ich werde mit vielen dicken Umarmungen begrüßt.

Mit meinen neuen Kolleg*innen verstehe ich mich auch schon ganz gut. Als ich krank war haben alle mir im Wechsel Essen nach Hause gebracht und ich gehe wahrscheinlich bald mit einer Kollegin ins Kickboxen, während sie vielleicht in mein Rugby Training mitkommen will.  Mit einem Kollegen sind wir als WG vor ein paar Wochen Campen gegangen an einem Fluss. Die Natur dort war wunderschön und hat uns alle motiviert nochmal mehr von Paraguay sehen zu wollen. Am morgen sind wir besonders früh aufgestanden um den Sonnenaufgang zu beobachten, allzu lange konnten wir danach aber nicht mehr schlafen, da man bei paraguayischen Temperaturen im Zelt praktisch gekocht wurde. Helfen tut da nur ein schön kalter Terere zum Trinken. Vor kurzem habe ich mir auch endlich eine Thermo und Guampa gekauft, um das Traditionelle Getränkt auch zuhause zubereiten zu können.  

Mit Rugby läuft es gut. Ich habe mittlerweile drei Mal die Woche Training, und herausgefunden warum kaum Frauen zum Training aufgetaucht sind, es gibt nämlich seit anderthalb Monaten auch ein getrenntes Frauentraining am Mittwoch. Ich trainier trotzdem Dienstag und Donnerstag weiterhin bei den Männern, weil ich mich mit einigen dort angefreundet habe, und mir das Training mit ihnen ordentlich herausfordert. Ein Problem habe ich allerdings: Das Rugby Damen Team Area 1 hat eine Spielgemeinschaft mit Foz de Iguazu in Brasilien, und unser Trainer ist Brasilianisch – das heißt das Training und die Gruppe sind auf Portugiesisch, eine Sprache die ich weder lerne noch verstehe. Einiges ist ähnlich, aber nicht genug, dass ich Problemlos dabei bin. Bei fragen über mich habe ich mein Alter genannt anstatt die Stadt aus der ich komme, und ich warte immer ein paar Sekunden extra bevor ich etwas mache um zu schauen was die anderen tun. Einmal ist das Training ausgefallen und ich bin zu einem leeren Rugbyplatz aufgetaucht weil ich die Nachricht nicht richtig verstanden hatte- das war besonders blöd weil ich kein Internet und so jemand fremdes nach einem Hotspot fragen musste damit ich mir einen Bolt nach hause bestellen kann. Alles in allem bin ich aber mehr als glücklich mit dem allen, und habe sogar schon bei zwei Turnieren mit meiner Mannschaft gespielt. Bis jetzt haben wir so gut wie alle unsere Spiele gewonnen und sind in der Tabelle dritter in Paraguay.

Das gute an meiner Krankheit ist dass ich jetzt auch noch von der Osterwoche berichten kann. Am Montag haben die Kinder haben Chipas gemacht, das ist ein Traditionelles paraguayanisches gebäck mit Maismehl und Queso Paraguayo. Mir schmeckt das ganz gut, aber nur in maßen, da sie sehr schnell sehr satt machen. in den ersten Wochen wussten wir das noch nicht und hatten viel zu viele bestellt und gegessen wovon mir übel wurde, weniger ist hier also wirklich mehr.

Am Wochenende kam dann ganz viel Besuch, Freiwillige aus Asuncion, aber auch aus Buenos Aires waren am Start. Am Freitag besuchten die Triple Frontera (Dreiländereck) und wollten am Abend die „Lichtershow“ am Itaipu damm anschauen. Wir warteten drei Stunden für ein etwas enttäuschendes Ergebnis, die Lichtershow bestand nämlich daraus, dass die normalen Abendlichter, von dramatischer Musik begleitet, angemacht wurden. Es war ein ganz witziges Erlebnis, aber weiterempfehlen würde ich es nicht unbedingt.  Am Samstag veranstalteten wir ein großes Osterfrühstück für unseren Besuch und am Sonntag versteckte Lea für alle kleine Geschenke und schokoladen Eier. Die suche hat riesen spaß gemacht, auch wenn ich alle anderen Geschenke vor meinen fand. Sie waren besonders einfach zu übersehen, weil sie in kleinen Mülltüten verpackt waren, und so viel weniger auffielen als buntes Geschenkpapier.

Alles in allem waren die vergangenen Monate einige der schönsten hier, und ich habe das Gefühl endlich angekommen zu sein. Es ist seltsam sich vorzustellen wie bald wir schon wieder zurück nach Deutschland gehen werden, die Zeit rennt uns wirklich davon. Ich will endlich meine Familie und Freunde wiedersehen, aber ich will noch nicht dass meine Zeit hier endet, ich habe noch viel vor und weiß nicht wie ich das in die letzten paar Monate kramen soll. Ich versuche erstmal nicht an die Zukunft zu denken, weil ich auf jeden fall gelernt habe, dass sich auch in so kurzer Zeit so einiges noch ändern kann.

Besucht werden im neuen Zuhause

Moin aus Paraguay!

Jetzt sind es die letzten dreieinhalb Monate, die ich noch hier in Ciudad del Este lebe und meinen Freiwilligendienst mache. Wie eigentlich das ganze Jahr lang löst das ein Gemisch an Gefühlen aus. Während ich mich wirklich immer wieder sehr auf zuhause freue, hab ich auch total Lust auf die letzte Zeit hier. Denn so langsam beginnt hier die Zeit, in der man die Wochenenden zählen kann und irgendwann dann anfängt zu überlegen, was man alles noch machen möchte, bevor es zurück geht. Und mittlerweile habe ich sehr viel mehr Leute kennengelernt und kenne natürlich die Stadt recht gut. Von ein paar Sachen aus der letzten Zeit erzähl ich jetzt ein bisschen.

In den letzten Wochen hatten wir viel Besuch. Neben anderen Freiwilligen aus unserer Organisation aus Asunción und Argentinien haben auch meine Schwester und meine Cousine den über 10 Tausend Kilometer langen Weg auf sich genommen, um mich zu besuchen. Während meine Schwester 2019/2020 ihren Freiwilligendienst in Tansania gemacht hat, hab ich sie auch besuchen können und ich kann mich noch genau an meinen Eindruck und meine Gefühle erinnern. Ich weiß noch genau, wie beeindruckt ich von meiner Schwester war, dass sie sich in einer so fremden Umgebung ihr Leben aufgebaut hat und sich mit allem auskannte. Umso gespannter war ich natürlich auf ihren Besuch und wir haben hier schon monatelang immer gesagt, was wir alles unserer Familie zeigen wollen, wenn sie kommen. Natürlich konnte ich nicht alles, was ich in den 7 Monaten vorher gesehen hatte, zeigen. Aber einen sehr guten Eindruck von allem konnte meine Familie bekommen und es war wunderschön, denen zu zeigen, wie und wo ich hier so lebe. Denn ich erinnere mich selbst gut daran, dass die Erzählungen, nachdem man alles gesehen hat, natürlich viel besser vorstellbar sind. Für mich war es auch besonders, weil es das erste Mal nach 7 Monaten war, dass ich ein bisschen aus meiner Welt hier rausgekommen bin. Die mag ich zwar sehr gerne, aber vermisse trotzdem auch die Zuhause-Welt ab und zu. Der Besuch von meiner Schwester und meiner Cousine hat mir also auch ein bisschen ein wohles Zuhause-Gefühl gegeben.

Außerdem war es total schön, zu sehen, wie begeistert alle Gäste von der Stadt und Paraguay waren. Ich konnte allen die verschiedenen Ecken hier zeigen und nochmal deren Eindruck hören, wie besonders und wie anders Paraguay natürlich im Vergleich zu Deutschland aber auch im Vergleich zu Argentinien ist. Und die Begeisterung der Gäste wirkt sich dann auch auf einen selbst ab. Das Besondere am Leben in Ciudad del Este ist aus unserer Sicht wahrscheinlich, dass es ein sehr origineller Eindruck ist. Dadurch dass abgesehen vom Shoppingzentrum praktisch keine Fremden hierherkommen, ist es hier anders als in Asunción oder sogar Buenos Aires weniger globalisiert und ein größerer Kontrast zu Deutschland. Das bedeutet vielleicht, dass es keine Boulderhalle, keinen Hockeyverein und einige Lebensmittel nicht gibt, aber das bedeutet zum Beispiel auch, dass alle sehr interessiert sind, was wir hier machen und die meisten sehr positiv demgegenüber eingestellt sind. Letzten Samstag war eine Marktverkäuferin sogar so erfreut, dass sie uns die Erdnüsse, die wir kaufen wollten, einfach geschenkt hat. Von unserem mercado abasto, also dem Wochenmarkt,war Leon, der seinen Freiwilligendienst in Buenos Aires macht und uns hier ein Wochenende besuchen konnte, auch sehr begeistertsten und hat da einige Fotos geschossen:

Gestern hatte ich das zweite Mal in meiner Zeit hier eine dicke Lebensmittelvergiftung. Das sind dann Momente, in denen man lieber zuhause wär. Auch wenn sich meine Mitbewohnerinnen sehr lieb um mich gekümmert haben, krank und nicht zuhause zu sein ist ein bisschen blöder. Generell habe ich mich gut an Kakerlaken, Katzen, die ans Essen gehen, Stromausfälle und Sonstiges hier gewöhnt, aber insgesamt freue ich mich dann auch mein eigenes Bett zuhause und den Luxus dort. Eine oft erwähnte, aber wahre Erkenntnis eines Freiwilligendienstes ist auf jeden Fall, dass man alles Normale von zuhause dann sehr wertschätzen lernt. Und obwohl das Wasser aus der Leitung hier nicht trinkbar ist, unsere Wäsche nicht so richtig sauber wird und es immer mal nach Tierkot riecht, wenn man unsere Lebensbedingungen mit anderen in unserem unsere Viertel vergleicht, geht’s uns sehr gut. Hier gibt es auch ganz unterschiedliche Lebensbedingungen und eben auch Familien, die in Armut leben. In dem Projekt, in dem meine Mitfreiwillige Lene und ich arbeiten, dem Hogar Santa Teresa de los Niños, kommen die Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren aus verschiedenen familiären und finanziellen Hintergründen. Die tägliche Teilnahme am Nachhilfeunterricht, der Spielzeit und dem Essen sind für die Kinder umsonst und spendenfinanziert. Lene und ich finden, dass das Schönste am Hogar die alltägliche Geborgenheit ist. Wir kennen zwar die meisten Hintergründe der Kinder nicht, aber bei manchen wissen wir, zum Beispiel durch Erzählungen und Hausbesuche am Anfang des Jahres, dass die Verhältnisse schwierig sind. Bei vielen haben wir, soweit wir es einschätzen können, aber auch das Gefühl, dass die Kinder sehr geborgen sind. Jedenfalls schätze ich mich sehr glücklich, in einem Projekt zu arbeiten, wo ich stark das Gefühl habe, hilfreich zu sein: Den Kindern zuhören zu können, zu spielen oder in Mathe zu helfen. Jeden Tag erleben wir dabei die süßesten Situationen. Letzte Woche fragte mich ein neuer, kleiner Junge: „De que mundo sos vos?“, also aus welcher Welt ich herkomme. Normal sind auch Sprechgesänge mit unseren Namen, damit wir zum anschaukeln kommen sowie ganz viele Umarmungen und viele Kinder, die sich freuen uns zu sehen. Und auch ich freue mich immer sehr, die Kinder zu sehen. Über meinen Urlaub oder an langwierigen Besprechungstagen hab ich die auch schon immer mal vermisst.

Es gibt allerdings momentan recht große Veränderungen im Projekt. So wurde Anfang des Jahres der Kindergarten, der Teil des Projekts war, geschlossen. Außerdem wurden verschiedene Erzieher entlassen und die Kinder sind jetzt jeden Tag zwei Stunden länger da als vorher. Das bedeutet seit einigen Wochen also auch für uns zwei Stunden mehr arbeiten jeden Tag, von 7:30 bis 16:15. Das hat es nochmal deutlich energieaufwendiger gemacht. Gerade weil auch zwei Gruppen zusammengelegt wurden, also jetzt 25 Kinder in einem kleinen Raum unterrichtet werden und das nicht immer unter Kontrolle gehalten werden können, ist das teils sehr anstrengend. Diese Zusammenlegung oder auch, dass die kleinen Kinder zwischen 6 und 9 Jahren auch 2 1/2 Stunden im Klassenzimmer bleiben müssen neuerdings, sind aus unserer Sicht keine positiven Veränderungen. Die erneuten Zeiten sind zwar eine ministeriale Vorschrift, wie uns gesagt wurde, aber kaum ein Kind kann sich so lange konzentrieren, vor allem in einer großen Gruppe. Allerdings können wir daran nichts ändern, obwohl unsere Meinungen gehört sind, sind die Strukturen wie wir das mitbekommen haben etwas verstrickt und die Zeit gerade ein bisschen turbulent im Projekt. Mich stört eigentlich vor allem, dass immer mal die Dynamiken der Kindergruppen sehr unkontrolliert sind. Das liegt an Unterbesetzung, aber auch daran dass zum Beispiel eine Erzieherin oft sehr demotiviert und am Handy ist. An Tagen, an denen weniger Kinder kommen, beobachten Lene und ich, dass die Zeit im Klassenraum als auch draußen beim Spielen auf dem wunderschönen, großen Gelände viel qualitativer für die Kinder ist und nicht unkontrolliert. Ich denke, dass einen weiteren Erzieher oder eine weitere Erzieherin einzustellen helfen würde. Ich habe zwar vor, meine Sicht vielleicht bei der nächsten Besprechung zu mal darzulegen, aber tatsächlich verstehen wir dann auch nicht alles, was so vor sich geht. Und obwohl wir das Projekt sehr gut kennen und Teil der Arbeit sind, sind wir natürlich nur Freiwillige, die für ein Jahr mitarbeiten dürfen. Abgesehen von diesem Kritikpunkt ist das Hogar vor allem ein wunderschöner Ort für die Kinder.  Über 100 kommen jeden Tag in zwei Gruppen und verbringen dort eine schöne Zeit. Mir macht die Arbeit auch nach wie vor enorm viel Spaß und ich bin sehr dankbar, die Möglichkeit zu haben, das so machen zu können.

Womit ich auch sehr zufrieden bin, ist meine Freizeitgestaltung. Neben dem wöchentlichen Bachata- und Salsatanzkurs, wo wir jetzt das erste Mal zum Fortgeschrittenkurs gegangen sind und dem Fußballspielen mit einem Kollegen und seinen Freunden, habe ich endlich noch ein neues Hobby für mich gefunden. Mit unseren Besuch waren wir Padel-Tennis spielen, was wir schon immer mal ausprobieren wollten, und da habe ich eine Gruppe gefragt, ob ich mal bei denen mitspielen könne. Die haben mich direkt in ihre Gruppe hinzugefügt und seitdem spiele ich mindestens einmal die Woche mit denen Padel. Der Sport an sich macht mir sehr viel Spaß und vor allem sind alle sehr nett. Darüber freu ich mich sehr, auch die noch besser kennenzulernen. Ansonsten geh ich auch nach wie vor gerne Spazieren oder Joggen und relativ regelmäßig gehen wir mit unserem Besuch auf die große Projektwiese und schmeißen ein bisschen die Frisbee. Mir geht’s hier also insgesamt sehr gut!

Soweit von hier, liebe Grüße nach Deutschland!

Ben

Zwischenseminar & Campen unter Palmen

Moin aus Ciudad del Este!

Die Zeit rast, auf einmal ist schon Mitte März, und auch hier ist schon wieder viel passiert. Und ich möchte mal wieder ein bisschen erzählen von allem. Ich merke tatsächlich, dass ich mich an so vieles vom Leben hier in Paraguay schon gewöhnt habe, dass ich mit anderen Augen erzähle als ganz am Anfang, wo einem die Unterschiede ganz deutlich auffallen. Damit meine ich zum Beispiel den lauten und ungeregelten Verkehr, dass man oft mindestens eine Musik von irgendwo hört, dass die meisten Leute hier immer Flipflops tragen, die Offenheit von vielen fremden Leuten und natürlich noch viel mehr.
Ich möchte aber damit anfangen, über unser einwöchiges Zwischenseminar der IERP, der Evangelischen Kirche Argentinien, Uruguay und Paraguay, zu erzählen. Neben meiner Entsendeorganisation, dem Ökumenewerk der Nordkirche,  gibt es hier vor Ort noch die IERP, meine Empfängerorganisation. Da sind wir insgesamt knapp über 50 Freiwillige, die alle an verschiedenen Orten in unterschiedlichen sozialen Projekten arbeiten. Zwar arbeiten die meisten mit Kindern, aber die Einrichtungen sind alle unterschiedlich. Es gibt Kindergärten, musikorientierte oder schulähnlichere Projekte und viele Tagesbetreuungen. Meine Mitfreiwillige Lene und ich arbeiten auch in einer Kindertagesbetreuung für 6 bis 17 Jährige, dem Hogar Santa Teresa.

Bevor unsere Arbeit im Projekt losging, hatten wir im August bereits ein Einführungsseminar in Buenos Aires, wo wir Freiwilligen uns kennengelernt haben. Und für mich ist ein großes Highlight meines Freiwilligendienstes die Mitfreiwilligen, die ich hier kennengelernt habe und die zu sehr engen Freunde geworden sind. Abgesehen davon ist auch die große Gemeinschaft von allen Freiwilligen total schön und wertvoll. Und deswegen habe ich mich enorm auf das Zwischenseminar gefreut. Viele hatte ich ja auch lange nicht gesehen, weil alle an verschiedenen Orten leben. Nur mal zur Vorstellung: Wir sind zwar alle in Nachbarländern in Südamerika, aber die meisten wohnen trotzdem über 1000 Kilometer weit weg von mir. Sehr schön ist es immer, die Freiwilligen in Asunción für ein Wochenende zu besuchen oder Besuch zu bekommen. Und auch in meinem Urlaub in Argentinien im Januar habe ich einige Mitfreiwillige wiedergesehen, aber alle zusammen beim Seminar zu sein hat nochmal eine andere Qualität. Das Seminar selbst fand in Baradero statt. Das ist eine kleine Stadt in der Provinz Buenos Aires, die von der riesigen argentinischen Hauptstadt ca. 2 ½ Stunden Busfahrt entfernt war. Dort in Baradero gibt es auch ein Projekt mit zwei Freiwilligen und auf dem wunderschönen Gelände ist auch ein Seminarhaus. Die 22 Stunden lange Busfahrt aus Paraguay nach Argentinien sorgte schon dafür, dass alles ein bisschen anders aussah. Während hier in Paraguay die Pflanzen ganz tropisch aussehen, die Erde rot ist und es oft 37 Grad heiß ist, sahen die Nadelbäume und Wiesen in Baradero bei für mich kühlen 28 Grad schon eher wieder wie Deutschland aus.

Das Seminar selbst bestand aus verschiedenen Inhalten. Neben einem Tangokurs, einer Einheit über mentale Gesundheit, verschiedenen künstlerischen Workshops, gemeinsamen Andachten, der Vorstellung mancher Projekte und politischen Inhalten ging es aber vor allem in Kleingruppen darum, die letzten 5 Monate ein bisschen zu reflektieren und sich darüber auszutauschen. In langen Gesprächen haben wir uns erzählt über die Erfahrungen und Herausforderungen, die wir bei der Arbeit in den Projekten oder auch im Leben generell so gemacht haben. Genau dieser Austausch hat mir sehr gut getan. Denn zu hören, dass andere teilweise ähnliche Herausforderungen wie ich haben, aber auch von unterschiedlichen Erfahrungen erzählt zu bekommen, war sehr interessant und hat mir geholfen.
Neben den Einheiten war aber auch viel Zeit für Freizeit eingeplant. Und am meisten genossen habe ich, mit so vielen Leuten den ganzen Tag irgendwelche Spiele zu spielen. Neben vielen Runden Volleyball, Ultimate Frisbee auf dem großen Fußballplatz, einem großen Geländespiel (Capture the Flag) mit allen und 20er Runden Werwolf gab es noch viel mehr, zum Beispiel einen Pool, in den wir einmal am Tag reinhüpfen konnten.

Also das Seminar, so schnell es dann wieder vorbei war, war ein voller Erfolg! Die Wochenenden davor und danach habe ich noch bei Mitfreiwilligen in Buenos Aires verbracht, wo ich noch einiges von der Stadt gesehen habe und wir ne sehr witzige Zeit hatten. Und dann gings wieder zurück nach Paraguay.

Und quer durch Südamerika zu fahren und dann an einem Busbahnhof und in einer Stadt anzukommen, die sich zuhause anfühlt, ist doch ein bisschen verrückt. Aber so ist es, mittlerweile fühle ich mich hier zuhause, soweit man das so sagen kann. Vieles, was am Anfang so fremd und neu war, fühlt sich jetzt ganz gewohnt an. Den 4-Minutenweg an einer Straße, wo viele laute Motorräder, auf denen 1 bis 5 Personen sitzen, vorbeifahren, in unser Projekt zu gehen, ist dann wieder der wirklich schöne Alltag. Alle ca. 90 Kinder täglich zu sehen und mit denen zu essen, zu spielen und zu quatschen, hat sich dann wieder total schön angefühlt. Obwohl die Zeit vom Zwischenseminar gefühlt noch bisschen länger hätte sein können, hat es mir ein bisschen gezeigt, dass die Zeit hier und der Alltag, aus dem ich dann einmal rausgekommen bin, irgendwann vorbei ist. So normal und gut das ist und so sehr ich mich auf Deutschland freue, weiß ich jetzt schon, dass das kein leichter Abschied von den Kindern, von der Stadt und von allem hier für mich wird.

Zum Schluss möchte ich noch kurz von einem Wochenendtrip von vor zwei Wochen erzählen. Wir vier Freiwilligen, die hier zusammen wohnen, sind zusammen mit zwei Freunden zwei Tage campen gegangen. Obwohl ich eigentlich nicht unbedingt ein großer Campingtyp bin, war das fantastisch! Nach einer halben Stunde Fahrt mit lauter, paraguayischer Musik sind wir an einem spektakulären Refugio angekommen. Auf einer Lichtung umgeben von Palmen, Guayaba-, Limetten- und Mangobäumen haben wir unsere Zelte aufgeschlagen. Dadurch dass es enorm heiß war (ich glaube locker 40 Grad), haben wir nicht lange gebraucht, mit kühlen Getränken in einem Bach im Wald und später noch im Rio Paraná, einem größeren Fluss, badend unsere Zeit zu verbringen. Gegen Abend, in Paraguay und Argentinien ist es übrigens üblich recht spät abends zu essen, haben wir dann noch ein typisch paraguayisches Asado gemacht. Das bedeutet, wir haben gegrillt.
Wenn man die Kinder im Projekt fragt, ist das Asado auch das Lieblingsessen von vielen. Gerne wird viel verschiedenes Fleisch gegrillt und Kartoffel-/ oder Reissalate und Sopa Paraguaya gegessen. Sopa Paraguaya ist ein warmes Maisgebäck, was im Ofen gebacken wird.

Der paradiesische Campingtrip hat uns Lust gemacht, das noch viel mehr zu machen und überhaupt noch mehr von Paraguay zu sehen und kennenzulernen. Generell freue ich mich sehr auf so alles, was ansteht. Die Arbeit mit den Kindern, Besuchen und Besuche von Mitfreiwilligen, Trips, wir wollen mal ins Stadion und noch viel mehr entdecken, was wir noch nicht kennen. Außerdem besuchen mich bald meine Schwester und meine Cousine und ich bin ganz gespannt, denen hier alles zu zeigen und zu hören, was deren Eindrücke dann sind. Auch haben wir im Juni noch ein Endseminar mit allen IERP-Freiwilligen, auf das ich mich natürlich auch schon sehr freue.

Aber soweit erstmal von mir hier.
Ganz liebe Grüße aus Ciudad del Este, Paraguay

Ben

Weihnachten und neue Anfänge

Kurz vor Weihnachten, an einem Sommerlichen Dezembertag, bekam ich dann doch kurz Vorweihnachtsgefühle: Das Paket meiner Eltern kam an. Sie hatten Weihnachtsgeschenke für alle, gefaltete Sterne, einen Origami Adventskalender für mich und einen Schneewittchen-Christbaumkugel Adventskalender für uns alle inkludiert. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Das Paket hatte offensichtlich sehr viel durchgemacht – es war ja auch schon im September abgeschickt worden, und hatte einen Wasserschaden davongetragen. Zum Glück waren nur die Geschenk Verpackungen betroffen so dass wir die Namen auf dem Geschenk teilweise nicht lesen konnten, das war aber auch schon alles.

Dann kam Schon fast Weihnachten. Am 23 fand bei uns die erste Bescherung statt mit den Geschenken meiner Mutter. Wir wollten am 24 nach Asuncion fahren um mit dem anderen Freiwilligen dort Weihnachten zu feiern. Da wir 10 Leite waren, wollten wir zu Weihnachten lieber Wichteln anstatt jedem ein Geschenk zu holen. Da jeder dort nur 1 Geschenk erhalten sollte, haben wir also am 23 zuhause in Ciudad del Este die Geschenke meiner Mutter Ausgepackt.

Am nächsten Morgen ging es dann ab nach Asuncion. Auf der Fahrt telefonierten wir mit Familie und freunden, um allen frohe Weihnachten zu wünschen. In Asuncion folgte ein Videoanruf mit meiner Familie zur Bescherung. Ich war live dabei als meine Geschenke ausgepackt wurden, welche dank online shopping, Lieferdiensten und Papa alle gut behalten angekommen sind, Hurra zu unserer Modernen Zeit.

Danach ging es ab zum Air B&B, alle hatten etwas zu Essen mitgebraucht (wir haben Getränke gekauft da wir nur schwer mit der langen Reise etwas hätten mitnehmen können). Als Weihnachtsessen hatten wir also ein Buffet, das war echt anders als die altbekannte Gans und Klöße. Nudelsalat, Grillgemüse, süße Karotten, Fleisch und noch mehr. Vor allem das Grillgemüse hat mir sehr gut Geschmeckt. Angestoßen wurde mit einem Aperol (der war so sehr mit Sekt verdünnt dass er sogar mir geschmeckt hat). Schließlich kam es zur Bescherung. Ich hatte beim Wichteln Lea gezogen und ihr einen Haufen schönen Schnickschnack (Haargummis, Ohrringe, Nagellack etc) gekauft und Bruchschokolade gemacht. Darüber hat sie sich sehr gefreut. Von meinem Wichtel habe ich ein paar Ohrringe und eine kleine bunte Tasche bekommen.

Danach saßen wir in der Runde, haben die Weihnachtsgeschichte gelesen und Weihnachtslieder gesungen. Das hat dann wirklich Weihnachtsstimmung hochgebracht. Den Rest des Abends verbrachten wir mit quatschen und aufräumen. Schließlich ging ungefähr die hälfe (darunter auch ich) gegen zwei ins Bett.

Am nächsten Tag passierte nicht viel mehr. Alle wollten ausschlafen also war ich eine der ersten die aufstand (um 10). Ich hatte Hunger, also habe ich Pancakes für alle gemacht. Nach einer Weile erhielt ich Hilfe und es kamen immer mehr Hungrige Freiwillige in die Küche um sich etwas zu stibitzen. Das einzig weitere erwähnenswerte ist der Abend, an dem Lea, ich und zwei weitere Freiwillige uns zusammenkuschelten und drei Haselnüsse für Aschenbrödel schauten.

Das ist jetzt nicht mehr Weihnachtlich, aber dennoch das Ende dieser Geschichte: die „Residencia Temporaria“ vor einigen Monaten hatten wir unsere Aufenthaltsgenehmigung hier ja schon beantragt, hatten aber nie eine Information erhalten wann diese endlich fertig ist. Jetzt ist aber am Montag vor Weihnachten unsere vorläufige Aufenthaltserlaubnis abgelaufen. Das bedeutet, dass ich über Weihnachten theoretisch illegal im Land war. Das kümmert hier aber wohl keinen. Am 26 konnten wir schließlich endlich unsere ID-karte abholen… mit dem schlechtesten Bild was jeh von mir gemacht wurde. Mit meiner auseinanderfallenden Frisur und den Tiefpunkten Augenringen sehe ich aus wie ein Geist oder als hätte mir jemand eine reingehauen. Aber wenigstens darf ich für die nächsten zwei Jahre ohne Probleme hierbleiben. Nach dem Amt sind Lea und ich in ein Café gegangen (Ben und Lene hatten alles am Montag erledigt und waren in den Urlaub gefahren, da sie schon früher frei haben). Da Lea ein bisschen krank war, wollten wir einen Bus früher als Geplant zurücknehmen, der war aber leider voll und so warteten wir einfach am Busbahnhof, telefonierten noch einmal mit Familie und lacierten unsere Nägel mit Leas Wichtelgeschenk.

Danach ging es auch schon ab in den Urlaub – einen Monat lang! Ganz schön viel Zeit. Es war echt schön aber auch viel Zeit und so war ich ziemlich bereit dafür dass die Arbeit wieder losgeht. Ich hätte mir vielleicht gewünscht, dass ich etwas weniger Ferien am Stück aber dafür mehr über das Jahr verteilt hatte, aber so war es auf jeden fall auch schön und das ganze funktioniert hier einfach etwas anders. Schulferien sind hier auch anders verteilt. Drei Monate im Sommer und sonst nur noch an Gesetzlichen Feiertagen. Zumindest habe ich das so verstanden, wenn das anders sein sollte werde ich mich nochmal korrigieren.

Die erste Arbeitswoche ist noch nicht viel passiert. Die Kinder haben immer noch Ferien, also haben wir die meiste Zeit mit Nichtstun oder Aufräumen verbracht.

Am Montag nach der Arbeit gab es eine sehr interessante Veranstaltung zu der wir mit den Leuten der Callescuela gegangen sind. Am 3.2.1989 ist nämlich der Diktator Stroessner gestürzt worden. Wir waren an einem Treffen zum Gedenken. Ciudad del Este war früher nach ihm benannt, und doch gab es bis jetzt keine Gedenkstätte in der Stadt. An dem Treffen, wurde eine Wand bemalt, und zur ersten Gedenkstätte an die Diktatur in Ciudad del Este gemacht. Wirtschaftlich gab es unter Stroessner einen Aufschwung. Er hat den Itaipu Damm in Ciudad del Este bauen lassen, und damit die Stadt begründet, dieser Wasserdamm und noch ein Zweiter versorgen ganz Paraguay mit Strom, so dass es diesen zu 100% von erneuerbaren Energien bezieht. Die Diktatur war stark antikommunistisch, und wurde von der USA unterstützt. Außerdem wurde Paraguay zu einem sicheren Ort für Nazis, unter anderem Josef Mengele. Unter Strössner sind viele Menschen gefoltert und Ermordet worden oder verschwunden. Wer mehr wissen möchte und spanisch versteht kann gerne in den Podcast „La ciudad con nombre de dictador“ reinhören.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Wir Donnerstag und Freitag konnten die Kinder Freiwillig kommen um vor der Schule den Stoff zu widerholen. Sie blieben zwar nicht lange, aber es hat echt Spaß gemacht mal wieder mit ihnen zu arbeiten. Lea und ich wechseln für den Rest unserer Zeit die Einsatzstelle, also bin ich ab jetzt in St Ana. Ich habe schon zwei Kinder kennengelernt (weil nur die beiden zu dem Angebot gekommen sind) aber mit denen hat es bis jetzt echt viel spaß gemacht.

Noch etwas hat sich diese Woche neu entwickelt: Ich habe endlich eine Freizeitbeschäftigung – außer dem Tanzen mit der WG- gefunden. Zwei Mal die Woche gehe ich ab jetzt zum Rugby Training. Das Training ist Gemischt, aber aktuell kommen eigentlich nur Männer, und es geht kürzer als ich mir wünschen würde, aber es ist ein Anfang, und mit der Zeit entwickelt sich das bestimmt auch noch. Ich habe nicht gemerkt, wie sehr ich Sport vermisst habe, bis ich die ganze Woche viel mehr Energie hatte und grinsend durch die Gegend lief.

Ein aktueller Stress Faktor ist vor allem die Wahl. Diese Woche kamen meine Wahlunterlagen zuhause an, und meine Eltern haben sie mit der Post per express nach Paraguay versandt, in der Hoffnung, dass sie Rechtzeitig ankommen das meine Stimme noch mitgezählt wird. Ich habe schon vor Wochen mit der Botschaft geschrieben, und während es zwar einen Kurierdienst, aber Sie sagten mir, dass durch die Verkürzte Zeit für die Briefwahl, die Briefe auch mit dem Kurierdienst der Botschaft nicht rechtzeitig ankommen werden, und meine beste Chance meine Eltern sind. Ende der Woche werden wir nach Buenos Aires fahren, für unser Zwischenseminar, bis dahin muss der Brief angekommen sein. Jetzt bleibt nur noch hoffen.

Einsatzstelle und Freizeitgestaltung

Organisation Callescuela:
Meine Organisation in Paraguay ist die Callescuela, die Organisation hat mehrere Orte in der Stadt Asunción. Es gibt eine Stelle am großen Markt, auf dem Gemüse und Obst verkauft wird dort arbeiten die Kinder und helfen den Eltern beim Verkauf auf der Straße. Zwei weitere Einsatzstellen sind außerhalb von Asunción, einmal in Villa Elisa und San Lorenzo, das sind angrenzende Städte an Asunción. Diese beiden Stellen sind sehr ähnlich aufgebaut und liegen in einem ärmeren Viertel der Stadt. Die Callescuela setzt sich dort seit mehr als 30 Jahren für Kinder und Jugendliche ein, die mit ihrer Arbeit zum Familieneinkommen beitragen müssen. Denn in Paraguay ist es normal, dass bereits Kinder auf der Straße arbeiten und so ihre Familien finanziell unterstützen. Den Schulbesuch könnten viele Familien ohne die Unterstützung der Kinder nicht finanzieren, wenn die Kinder nicht zum Einkommen beitragen würden. So ist die Arbeit für die Kinder also wichtig, um der Armut zu entkommen und sich Perspektiven zu eröffnen.

Einsatzstelle 9 de Marzo:
Meine Einsatzstelle hat montags, mittwochs und freitags immer vormittags einen kleinen Kindergarten, bei dem Kinder im Alter von 2 bis 4 Jahren kommen und ein sorgfältig durchdachtes Programm durchlaufen, bei dem ich mich auch gut einbringen kann. Ich habe jedoch meine freien Tage am Mittwoch und Sonntag, womit ich am Mittwoch nicht beim Kindergarten mithelfe. Wir treffen uns an den Tagen, an denen der Kindergarten ist immer eine Stunde früher und bereiten alles vor. Dazu gehört, den Hof kehren die Spielfläche wischen, Stühle und Tische aufstellen und zum richtigen Platz tragen und die Spielsachen aufbauen. Das Programm beinhaltet eine Reihe von unterschiedlichen Aktivitäten. Am Anfang dürfen die Kinder frei mit den Spielsachen spielen und beispielsweise Legotürme bauen. Danach werden ein paar Dinge erklärt, wie zum Beispiel wie welche Farbe heißt und wie man Formen betitelt. Dabei sitzen wir zusammen mit den Kindern im Kreis. Zu diesen Themen gibt es dann meistens auch eine Bastelaufgabe für die Kinder, bei der sie lernen, wie man mit der Schere, Papier und Kleber umgeht. Am Ende dürfen die Kinder dann auf den kleinen Spielplatz, auf dem eine kleine Rutsche und zwei Schaukeln sind. Nach zwei Stunden bauen wir alles gemeinsam wieder ab und die Kinder werden abgeholt.
Ich liebe diese Arbeit mit den Kindern, auch wenn sie manchmal sehr stur sein können, sind die kleinen Kinder komplett sie selbst. Sie lassen alles raus, was ihnen nicht gefällt. Im einen Moment weinen sie, weil ihnen ein Spielzeug von einem anderen Kind geklaut wurde und im anderen Moment ist alles wieder gut und sie lachen wieder. Die Kinder strahlen eine super ehrliche Energie aus und das ist sehr interessant zu beobachten.


Die zweite Aktivität in meiner Einsatzstelle sind die Refuerzostunden. Das sind die Hausaufgaben-Nachhilfe-Stunden, in denen eine Lehrerin den Kindern Aufgaben gibt oder ihnen bei den Hausaufgaben hilft. Die Kinder kommen immer an unterschiedlichen Uhrzeiten in unterschiedlichen Altersgruppen und machen dann ihre Aufgaben. Manchmal sind es einfache Aufgaben, bei denen ich den jüngeren Kindern helfen kann oder sind mathematische Aufgaben, bei denen ich wenig sprachlich erklären muss und somit auch ein bisschen helfen kann. Oft ist es jedoch so, dass ich aufgrund meiner sprachlichen Unkenntnisse nicht viel tun kann und dann höre ich einfach zu und versuche dabei Vokabeln aufzuschnappen. Dieses Angebot der Callescuela ist für die Kinder sehr wichtig, da sie dort mit einer professionellen Lehrerin ihre Hausaufgaben besprechen oder Themen bearbeiten können, die sie nicht verstanden haben. Da die Eltern meistens viel arbeiten müssen, haben die Kinder in der Einsatzstelle die Möglichkeit für persönliche Nachhilfe.

Am Samstag arbeite ich nur den halben Tag und es ist keine Nachhilfe. Stattdessen machen wir Aktivitäten mit einer kleineren Gruppe von Kindern. Die Aktivitäten bestehen aus Fangen spielen, Karten spielen oder auf dem nahegelegenen Spielplatz Volleyball und Fußball zocken. Ich mag diese Tage sehr, weil man mit den Kindern Sport macht und in Bewegung ist. Doch es ist auch oft sehr heiß und deshalb ist es ziemlich anstrengend raus in die Sonne zu gehen, weshalb diese Aktivitäten nicht immer stattfinden und wir deshalb drinnen sind, wo es eine Klimaanlage gibt und es kühl ist. Dort werden dann oft Aktivitäten angeboten wie Kartenspielen, Malen oder Basteln

Freizeitgestaltung und Kampfaport:
Dadurch, dass ich einen langen Weg zu meiner Einsatzstelle hin und wieder zurück habe, bleibt viel Zeit dabei liegen. Wenn ich zu Hause angekommen bin, gehe ich meist im Park bei uns nebenan trainieren oder treffe mich mit Freunden, welche ich im BJJ kennengelernt habe. Der Park befindet sich ca. 2 Min. zu Fuß von unserem Haus entfernt. Ich trainiere dort mit meinem eigenen Körpergewicht und mache beispielsweise Klimmzüge, Dips und Liegestütze. Der Park grenzt direkt an ein Armenviertel, in diesem Viertel werden auch viele Drogen konsumiert und mir wurde davon abgeraten, dort zu trainieren. Doch mein Gefühl sagt mir, dass es nicht so schlimm ist und ich mag es, dort zu trainieren. Mittlerweile kennen sie mich dort auch und ich hatte auch schon einige nette Gespräche mit Menschen, die mich während des Trainings angesprochen haben. Vor allem kommen aber immer kleine Kinder, die im Park spielen. Die Übungen, die ich mache, versuchen sie dann auch nachzuahmen und währenddessen stellen sie Fragen was ich mache, woher ich komme usw. Während sie die Übungen machen wollen sie immer, dass ich ihnen zuschaue. Manchmal ist es etwas mühsam, aber ich mag es eigentlich, wenn die Kinder die Geräte benutzen, klettern und aktiv sind. Und wenn ich ihnen ein wenig Aufmerksamkeit schenken kann, freut es mich auch.

Der Park hat zwei Fußballfelder und ein Basketballfeld, auf dem meisten auch sehr viel los ist. Vor allem am Wochenende finden auf dem großen Sandplatz Altherrenspiele statt, welche ich mir auch manchmal anschaue. Was interessant ist, dass jede Altersgruppe dort vertreten ist. Jeder, der noch halbwegs laufen kann und den Ball noch sieht, spielt Fußball.


Seit Oktober gehe ich zwei- bis dreimal die Woche ins BJJ (Brasilien Jiu-Jitsu). Das ist eine Kampfsportart, welche eine Abwandlung und Weiterentwicklung der japanischen Kampfkünste Judo und Jiu-Jitsu ist, die den Schwerpunkt auf Bodenkampf legt, wobei im Training zusätzlich Wurftechniken aus dem Stand unterrichtet werden. Mein Plan für den Freiwilligendienst war es, diese Kampfsportart in Paraguay anzufangen, weil ich es schon in Deutschland ausprobiert hatte und es mir sehr gefallen hat. Der Club ist sehr nahe gelegen und ich bin in 15 Min. Fußweg in der Trainingshalle, was super praktisch ist. Das Training gefällt mir sehr gut. Sport ist für mich ein super Ausgleich und ich brauche diese Momente am Tag, an denen ich einfach nur an das, was vor mir liegt denke und das erreiche ich extrem gut durch den Sport. Man ist mit seiner vollen Aufmerksamkeit bei der einen Sache und in dem Moment. Denn BJJ ist auch eine sehr technische Sportart, bei der man jeden Schritt bedacht umsetzen muss. Ich denke in dieser Zeit an nichts anderes. Die ersten Male im Training war ich immer kurz davor, mich zu übergeben, denn diese Art von Belastung war mein Körper überhaupt nicht gewohnt. Dazu kamen noch 30 bis 35 Grad am Abend, aber wie es bei so vielen Dingen ist, gewöhnt sich der Körper daran und mittlerweile sehe ich, wie sehr ich mich an diese Intensität angepasst habe. Ich wurde dort auch sehr gut aufgenommen und integriert. Die Menschen sind echt super lieb und sind immer hilfsbereit und sind auch bereit, alles dreimal zu erklären. Blancos also Weißgurte werden aufrecht behandelt und echt gut in die Thematik eingeführt. Ich gehe dort sehr gerne hin und ich liebe den Ausgleich.

Leben in Paraguay nach 6 Monaten

Moin!

Ich lebe jetzt seit fast 6 Monaten in Ciudad del Este, Paraguay! So verrückt das auch immer noch für mich klingt, so normal und alltäglich ist mein Leben hier geworden. Und trotz dieses sehr angenehmen Gefühls, nicht mehr neu zu sein, merke ich, dass ich das Alltägliche und Unalltägliche, das ich hier so erlebe, nie wieder vergessen werde. Von ein paar von diesen teilweise schon so gewohnten Sachen möchte ich jetzt ein bisschen erzählen.

Anfangen möchte ich dafür bei meiner Arbeit im Projekt. Ich arbeite zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Lene in der Kinder- und Jugendlichentagesbetreuung Hogar Santa Teresa. Dort kommen jeweils vormittags und nachmittags zwischen 10 und 50 Kinder, die drei Stunden zusammen im Hogar verbringen. Noch bis Ende November waren meine Aufgaben ganz schön anders, als sie es im Moment sind. Denn von Dezember bis Mitte Februar hat das Projekt keine clases, also keinen Unterricht, sondern ist eine Ferienbetreuung. Was mir allerdings zuerst sehr komisch vorkam, ist, dass es natürlich im Moment Sommer- und nicht Winterferien sind, weil wir uns ja auf der Südhalbkugel befinden. Während ich also von September bis Ende November zusammen mit einer Profesora quasi Lehrer oder Hausaufgabenbetreuer für Mathe und Kommunikation für 9 bis 13-Jährige war, bin ich jetzt zusammen mit unseren Kollegen und Lene mehr Spieleanleiter und Spielepartner. Außerdem natürlich auch gerne Klettergerüst, mal Streitschlichter oder in tröstender Funktion gebraucht. Neben verschiedenen Aufgaben wie Essen vorbereiten, Türen auf und zuschließen oder Wasser auszuschenken ist die Zeit im Projekt im Moment sehr geprägt davon, einfach für die Kinder da zu sein. Das heißt manchmal nur zugucken, während ein wichtiges Barfuß-Fußballspiel über den ganzen Platz ausgetragen wird, aber oft auch mitspielen, Anschwung geben und vor allem den Kindern zuzuhören. Dabei ist es für mich sehr schön, dass natürlich ganz andere Themen als mit Erwachsenen eine Rolle spielen. So erklärt uns zum Beispiel Juan-José in seiner aufgeweckten und selbstbewussten Art bei Frühstück oft, wie sein selbstausgedachtes Spiel genau zu funktionieren hat. Oder man präsentiert sich gegenseitig, was für Narben man hat. Viele fragen auch sehr interessiert, wie es denn dort „en tu país“, in deinem Land, so ist. Ob es Schnee gibt oder ob es auch 2025 ist wie hier, wie man das ein oder andere auf Deutsch sagt oder ob es in Deutschland auch Mangos gibt. Die gibt es hier nämlich in Massen. Allein bei uns im Projekt stehen mehrere Bäume mit jeweils 300 Mangos, unter denen man im Moment aufpassen muss, nicht von einer Herunterfallenden getroffen zu werden. Das war schon einmal knapp.
Mit den meisten Kindern bekommt man nicht über ein sonst übliches „Qué tal? Cómo estás?“  oder „Wie war dein Wochenende?“ ins Gespräch, sondern mit den niemals-alt-werdenden Schokoschokolala-Klatschspielen oder Hakembo, der lokalen Version von Schnick-schnack-schnuck. Diese Unbefangenheit und das Immer-weiter-Spielen finde ich wirklich sehr bereichernd an der Arbeit mit Kindern.


Wahrscheinlich hört man schon durch, dass mich die Arbeit im Projekt, wie sie im Moment ist, enorm erfüllt. Das liegt maßgeblich daran, dass ich die Kinder ganz schön ordentlich ins Herz geschlossen habe. Und man jeden Tag immer wieder so enorm viel Liebe und Vertrauen von den Kindern, die uns mittlerweile auch schon sehr gut kennen, bekommt. Mir hat auch die anstrengendere Unterrichtsphase mit der Herausforderung, teilweise auch alleine 14 Kinder zu unterrichten, sehr Spaß gebracht, aber die Ferienbetreuung ist nicht zuletzt durch die Entspanntheit und dadurch, dass man mit den Kindern aus allen Altersklassen zu tun hat, super schön. Ich merke dabei, dass mein Gefühl im Projekt gar nicht mehr mit den ersten zwei Monaten zu vergleichen ist. Zwar haben einen die Kinder auch da schon herzlich aufgenommen und liebevoll eingenommen, aber dadurch, dass uns die Abläufe mittlerweile genau bekannt sind und wir das Projekt, die Kinder und die Kollegen viel besser kennen, kostet die Arbeit jetzt viel weniger Energie als am Anfang. Ich weiß noch genau, wie ich die ersten Wochen nach Feierabend den restlichen Tag schlafend in der Hängematte verbracht habe, während ich und wir jetzt viel mehr Energie haben, Unternehmungen und Hobbies nachzugehen.
In unserer Freizeit gehen wir zum Beispiel einmal die Woche zu einem Salsa-/Merengue- und Bachatatanzkurs, freitags spiele ich mit unserem Kollegen Fidencio und seinen Freunden abends Fußball oder wir gehen durch die Wohnstraßen und die tropische Natur spazieren. Wir gehen auch gerne in klimatisierte Cafés, meistens samstags auf den chaotischen Straßenmarkt, um Obst und Gemüse zu kaufen oder setzen uns abends auf unsere Palletenmöbel zuhause und gucken eine entspannende Naturdoku oder quatschen. Ab und zu gehen wir auch gerne abends zusammen mit Freunden hier in eine Bar und schwingen ein bisschen das Tanzbein. Dadurch dass auch Kontakthalten und Telefonieren nach Hause und zu anderen Freiwilligen und Freunden einige Zeit einnimmt, hab ich hier nicht oft Langeweile. Gerade aber, um noch mehr Leute hier kennenzulernen und ein bisschen mehr Struktur zu haben, möchte ich noch Tennis oder einen anderen Sport anfangen.

Auf dem rechten Foto sieht man etwas sehr typisch Paraguayisches, einen Tereré. Es ist das koffeinhaltige Nationalgetränk und man findet tatsächlich kaum Leute hier, denen es nicht schmeckt. Im Gegenteil: Wenn man durch die Straßen geht, ist es schwer zu übersehen, dass an jeder Ecke eine Runde von Leuten sitzt und Tereré trinkt. Sogar für die 7-jährigen Kinder gibt es nichts Selbstverständlicheres als Tereré.  Im Becher befinden sich eine getrocknete Kräutermischung, die sogenannte Yerba, und wahlweise zum Beispiel frische Minze, Orangen- und Limettenschalen oder Ingwer. Der Becher wird dann immer wieder mit eisgekühltem Wasser aufgegossen und schmeckt kühl, etwas herb und frisch. Vielleicht ist es ein bisschen zu vergleichen mit Eistee. Anders als Eistee ist Tereré allerdings symbolisch und kulturell aufgeladen. Denn Tereré trinkt man meistens nicht alleine, sondern teilt es. Jemanden auf Tereré einzuladen hat dabei auch die Bedeutung, dass man jemanden zum Beispiel als Freund wertschätzt. Dabei haben wir am Anfang gelernt, dass das zusammen Trinken gewissen Gebräuchen folgt. So gibt es nämlich immer nur eine Person, die allen ausschenkt. Wenn man einen Tereré angeboten bekommt, muss man sich aber daran erinnern, nicht danke zu sagen. Das fällt zwar schwer, aber ein Danke bedeutet, dass man nicht oder nicht mehr möchte. Bevor man sich allerdings nicht bedankt, bekommt man ein Abo an Tererés gereicht. Das haben wir auf unserem Vorbereitungsseminar im August in Buenos Aires das erste Mal erklärt bekommen, tatsächlich aber bezogen auf das argentinische Nationalgetränk Mate. Mate ist sozusagen Tereré in heiß, wird aber in Paraguay, wenn es mal kühler ist, auch viel getrunken.
Das Ganze ist ein perfektes Beispiel dafür, wie neu alles am Anfang für uns war und jetzt wortwörtlich Alltag ist, denn mir schmeckt Tereré so gut, dass ich eigentlich jeden Tag mindestens 2 Liter trinke. Während es jetzt nichts Normaleres gibt, als mit unseren Kollegen während der Arbeit zusammen mal unseren und mal deren Tereré zu trinken, weiß ich noch genau, wie wir das erste Mal einen angeboten bekommen haben. Ich musste nur darauf achten, alles richtig zu machen, während es mir noch recht bitter schmeckte, aber die Paraguayer das Ganze ganz nebenbei und selbstverständlich machten. Sehr besonders für mich war auch das erste Mal, dass ich die Rolle des Ausschenkens übernommen habe. Das Überzeugende an der ganzen Kultur ist auch, dass mit dem Trinken eine gewisse Gelassenheit und bei den normalen Temperaturen von circa 35 Grad im Schatten zu entspannen und tranquilo zu machen verbunden ist.

Immer leichter und besser fällt mir das Spanischsprechen. Ich überlege gerade, dass ich mich nicht erinnern kann, heute irgendetwas sprachlich nicht verstanden zu haben. Während ich immer noch das Gefühl habe, gerne mehr Vokabeln und Zeitformen zu lernen, um kompliziertere Gespräche führen zu können, stellt die alltägliche Kommunikation für mich eigentlich kein Problem mehr da. Das ist ein tolles Gefühl, weil ich gerade am Anfang natürlich durch viele Situationen gegangen bin, in denen ich mich nicht ausdrücken konnte oder nicht verstehen konnte, was von mir gewollt war bzw. worum es ging. Abgesehen von Spanisch sprechen 80% der Bevölkerung Paraguays Guarani. Guarani ist eine indigene Sprache und genau wie Spanisch Amtssprache Paraguays. Besonders die joporá, also die Mischung aus Spanisch und Guarani, findet im Alltag sehr viel Verwendung. Guarani ist uns allerdings völlig fremd und eine recht komplizierte Sprache, weswegen wir uns nicht leicht tun, die Phrasen, die uns die Kinder immer geduldig beibringen, zu merken und richtig auszusprechen. Wenn man allerdings die ein oder andere Phrase richtig eingesetzt bekommt, wie zum Beispiel „jaha jakaru“ – „Auf gehts (zum) Essen!“, ist die Freude in der Reaktion immer groß, was natürlich dann sehr viel Spaß macht. Trotzdem finde ich es schade, dass man manche Gespräche, in denen man dann nicht beteiligt ist, gar nicht verstehen kann. Abgesehen davon ist es auffällig, wie rücksichtsvoll die meisten Kinder am Anfang und auch immer noch mit uns beim Sprechen sind.

Zwischen den Jahren hatte unser Projekt geschlossen und ich habe meinen Urlaub genommen. Und ich glaube, dass ich wahrscheinlich noch meinen Enkeln davon erzählen werde, denn mit allen 11 Paraguayfreiwilligen in Asunción bei 34 Grad Weihnachten zu feiern und in Argentinien mit Mitfreiwilligen zu reisen war schon ganz schön besonders. Obwohl es jetzt auch schon wieder ein bisschen her ist, hab ich noch genau vor Augen, wie die Weihnachtsstimmung hier so aussah. Während wir im Projekt ordentlich Deko gebastelt, die Kinder einen Weihnachtstanz eingeübt haben und überall in der Stadt die buntesten Plastikweihnachtsbäume mit blickenden Lichterketten aufgestellt wurden, haben wir in der WG irgendwie versucht durch Weihnachtsmusik und Weihnachtsgeschichten von zuhause und Plätzchen backen die uns bekannte Weihnachtsstimmung zu erreichen. Man kann jetzt nicht sagen, dass es sich bei 30 Grad mehr als in Deutschland und ohne Familie gleich anfühlt, aber dafür war unser Weihnachten ein sehr besonderes, sicherlich eins, das wir nicht so schnell vergessen werden. Und dadurch dass mit Weihnachten wie gesagt auch der Urlaub losging, fühlte  es sich noch besonderer an. Denn davor erinnere ich mich noch, dass ich recht erschöpft vom monatelangen Arbeiten war. Das erste Mal für längere Zeit dann von unserem neuen Zuhause hier aufzubrechen und die Sachen zu packen war deswegen auch echt aufregend. Ich habe mit einigen anderen Freiwilligen zusammen in Córdoba, Argentiniens zweitgrößter Stadt, Silvester gefeiert und war danach mit zwei Freunden wandern in den Bergen von Argentiniens Patagonien. Nicht nur der Urlaub selbst sondern auch, so viele andere Freiwillige zu sehen und von deren Projekten und Städten und schönen und herausfordernden Erfahrungen zu hören.

Urlaub in Argentinien

Ganz bald, Ende Februar, steht für uns Freiwillige in Paraguay, Argentinien und Uruguay jetzt unser Zwischenseminar an. Da freue ich mich sehr, alle fast 50 Freiwilligen wiederzusehen und noch mehr von überall und allen zu hören. Allerdings ist dann der Februar schon wieder vorbei und ich bekomme jetzt schon langsam das Gefühl, dass ich übermorgen zurückfliege. Obwohl ich einiges, vor allem so ganz normale Dinge wie manches Essen und Lebensmittel, Fahrradfahren oder Kälte vermisse, genieße ich meine Zeit hier gerade sehr und freue mich auf das, was noch so kommt.

Ich sende also ein bisschen von der vielen, heißen Sonne ins nasse und kalte Zuhause!

Galigrü aus Ciudad del Este,

Ben

Stressige Navidad

Ich hatte diesen Blogeintrag eigentlich Pünktlich geschrieben, aber dann vergessen ihn hochzuladen. bitte ignoriert also das Datum und versetzt euch zurück in die Vorweihnachtszeit.

Die letzten Monate ist einiges Passiert, und immer noch stimmt die Aussage, dass es ein ständiges Ankommen bleibt. Wir hatten einige richtig großen CONNAT’s Aktionen, die echt toll waren aber auch echt anstrengend.  Die erste davon noch im November. Die „Vota Si“ Aktion. Bei der sind alle Kinder und ihre Eltern zu einer Symbolischen Wahl gekommen, bei der es um das Aufmerksam machen gegen Gewalt ging. Zur Vorbereitung dafür hatten wir schon in den Vorherigen Wochen viel über das Thema Gewalt, welche Typen von Gewalt es gibt, woran man so etwas erkennt und noch mehr in den CONNAT’s Runden besprochen. Dabei wurde die Gewalt gegen Mädchen und Frauen etwas mehr hervorgehoben und vor allem auch den Jungs klargemacht, dass auch sie so etwas angeht und sie mit dagegen kämpfen sollen. Bei der Wahl konnte man ankreuzen ob man dafür oder dagegen ist, dass es weniger Gewalt in unseren Gemeinden gibt. Natürlich hat keiner mit „nein“ abgestimmt, aber das war auch nicht unbedingt der Punkt. Wichtiger für uns war die Zweite spalte, bei welcher man ankreuzen konnte, über welche Themen man gerne mehr reden würde, also Gewalt gegen Frauen, Gewalt in der Schule, sexuelle Gewalt Häusliche Gewalt und noch mehr. Was ich dabei noch sehr interessant fand: wenn man abgestimmt hatte, musste man den Zeigefinger in Tinte Tunken, quasi zur Kontrolle das keiner mehrmals abstimmt. Mich würde interessieren ob das hier bei offiziellen Wahlen auch so funktioniert, dadurch kann dann ja jeder sehen wer gewählt hat und wer nicht.

Mitte November, fangen hier dann auch die Sommerferien an. Das ist toll für die Kinder, aber nicht ganz so schön für mich, hier gehen die nämlich ein ganzes stück länger als in Deutschland – bis in den Februar nämlich. Unser Projekt ist zwar keine Schule, aber sehr eng damit verknüpft. In den Ferien brauchen die Kids keine Nachhilfe, die erste Woche kamen sie noch, und statt Unterricht malten wir etwas oder spielten Spiele, aber noch vor Dezember kamen keine Kinder mehr. Der Kindergarten ging etwas länger, aber auch nicht bis in den Dezember hinein. Für meine Arbeitskolleginnen hieß das Papierarbeit, Berichte über das Vergangene Jahr schrieben, Anwesenheitsliste durchgehen und noch mehr, für mich und Lea dagegen hieß das vor allem viel Rumsitzen. Ein oder zwei Mal die Woche gab es meistens was zu tun, es gab eine Abschiedsfeier für die Kindergartenkinder an allen drei Standorten, für welche wir Abschieds Geschenke bastelten, Abends hatten wir zweimal einen Hamburgerverkauf um Geld für die CONNAT’s zu sammeln, um T-Shirts kaufen zu können.

Die weitaus größte und Anstrengendste Aktion bisher war das Campanmento – eine große Übernachtungsaktion mit allen CONNAT’s aus allen der Standorten – über hundert Kinder auf einen Haufen. Wir fingen um sechs Uhr morgens an zu arbeiten, und bereiteten ein Frühstuck für die Kinder vor Brötchen mit Dulce de Leche (einer art Karamellaufstrich) und Butter und verschiedenen Getränken und kurz darauf trafen die Kinder ein. Nach einer Vorstellungsrunde teilten wir uns in Gruppen auf und sprachen über die Werte der CONNAT’s, ich war in der Gruppe „Dignidad“ (Würde), danach präsentierten alle Gruppen ihre Ergebnisse. Über den Tag verteilt, sprachen wir über die Geschichte der CONNAT’s, die Geschichte der einzelnen Untergruppen der CONNAT’s und der verschiedenen Standorte. Es gab einen Kuchen, da es zusätzlich das 25 Jubiläum der CONNAT’s war und danach spielten wir noch eine Weile. Lea und ich betreuten Völkerball, andere Spielten Fußball oder Volleyball oder saßen einfach und redeten. Am Abend gab es Hamburger und Entertainment. Einige Mädchen führten Tänze auf (einige Traditionell, aber Macarena war auch dabei) und es gab ein paar Gesangsauftritte. Schließlich ging es gegen Mitternacht für die Kinder ins Bett und für und Freiwillige nach Hause.

Am nächsten morgen ging es wieder um sechs uhr früh los, diesesmal warteten aber nach dem Frühstück Busse auf uns: Wir hatten nämlich außerhalb der Stadt einen Pool gemietet. Lea und ich durften nicht mit ins Wasser, da wir die Betreuerinnen waren, aber es war trotzdem ein schöner Ausflug. Leider gab es nachmittags etwas Probleme, da einer der drei Busse nicht auftauchte. Im Endeffekt mussten wir fast zwei Stunden zusätzlich warten um zurück zu kommen und kamen erst gegen halb sieben zuhause an. Die zwei Tage haben viel spaß gemacht, aber waren auch sehr anstrengend.

An dieser stelle muss ich mich etwas über den Monat beschweren: So gut wie alle Aktionen fanden außerhalb der normalen Arbeitszeiten statt, oder zumindest teilweise außerhalb, die Abschiedsfeiern fingen an, wo wir normalerweise Frei haben und das Campanmento fing früher an und endete später. Ich habe mich sehr gefreut dabei zu sein, aber es war auch echt viel. Wir haben nicht zusätzlich frei bekommen, eher im Gegenteil, wir müssen den ganzen Dezember einen Tag mehr arbeiten als sonst, und das obwohl wir den Großteil der Zeit einfach nur rumsitzen. Ich bin mir selber etwas unsicher warum das so anstrengend für mich ist, aber ich war nach einem Tag nichts tun manchmal müder als ich an einem normalen Arbeitstag bin. Ich habe das Gefühl dass das ganze besser hätte laufen können und das hat mich echt frustriert. Trotzdem gefällt es mir sehr mit den Kolleginnen und die reguläre Arbeit macht mir viel Spaß. Das gute ist, dass das ganze eine Ausnahmesituation ist und nach dem Monat hoffentlich nicht nochmal passiert. Soweit ich weiß sind nicht mehr viele Aktionen geplant, außer eine kostenlose Kinderbetreuung am Markt nächsten Samstag.

Vielleicht liegt es an meinem Gestressten zustand, aber wahrscheinlich eher daran dass ich hier ohne Familie, Winter Weihnachtsmarkt etc bin, auf jeden Fall bin ich bis jetzt noch nicht in Weihnachtsstimmung gekommen. Noch habe ich Hoffnungen, dass sich das bis zum 24 ändern wird, aber irgendwie glaube ich das nicht mehr. Es ist einfach sehr viel anders. Ich glaube in Feststimmung werde ich sein, aber Weihnachten wird das hier nichtmehr.

Obwohl es hier keinen Weihnachtsmarkt und Lebkuchenplätzchen gibt, heißt das nicht dass hier keiner was zu Weihnachten dekoriert, es sind nur keine Weihnachtsfiguren, Schwibbögen oder Sterne. Was es gibt sind Marienstatuen, Krippen an der Kirche und vor allem viele Lichter, am besten Blinkend und grell Bunt. Unsere Nachbarin und unsere Vermietering, welche auf dem gleichen Grundstück wie wir wohnt, haben solche Ketten bei sich hängen. Das Ganze ist nicht wirklich mein Geschmack und ich habe aufgehört mich abends in die Hängematte zu legen um dem irritierenden geblinkte aus dem Augenwinkel zu entkommen. Nach einfarbigen oder nichtblinkenden Lichtern kann man hier lange suchen, privat habe ich sie gar nicht gesehen, aber in der Innenstadt am See gibt es sie im Zuge einer großen Lichtershow.

Auch das Essen zu Weihnachten ist hier anders als Zuhause, statt Plätzchen backen, Spekulatius oder Lebkuchen, gibt es hier Pan de Dulce und Clerico. Pan de Dulce heißt wörtlich übersetzt „süßes Brot“ es ähnelt aber eher einem Kuchen. Darin sind karamellisierte Fruchtstückchen, zumindest glaube ich das, weil überall draufstand das dort Obst drin ist, es aber viel zu süß schmeckte. Clerico ist ein Obstsalat mit Wein. Der schmeckt mir echt gut, aber Weihnachtlicht ist es für mich nicht.

Clerico