Ein ganz normaler Tag

Zwischen 5 und 6 Uhr wecken mich die ersten Sonnenstrahlen. Ich krieche aus meinem Schlafsack in die morgendliche Kälte. Es gibt durchaus Tage an denen man froh ist, dass der kleine Spiegel im Flur nicht alt zu viel Auskunft über das eigene Aussehen gibt. Heute bekommen wir im Büro Besuch vom vorherigen Distriktpräsidenten, weshalb ich mich für die gute Hose und ein Hemd entscheide. Die Jogginghose ist mir zwar lieber, kommt aber an solchen Tagen nicht besonders gut an.

Um 7 Uhr kommt mein Kollege und guter Freund Win mich abholen. Ich fange also an Frühstück zu machen. Dafür gebe ich 4 Eier in ein Glas, möchte Milch hinzufügen, stelle aber schon am Geruch dieser fest, dass es heute eher Milchpulver und Wasser in mein Rührei schaffen. Mit genug Paprika, frischen Zwiebeln, von den Nachbarn und den Nudeln von gestern, wird das trotzdem ein Genuss.

Ich nehme die Pfanne vom Herd, setze Abwaschwasser auf und fange an zu essen. Pünktlich um 6:45Uhr bin ich fertig und hab noch genug Zeit zum Abwaschen und Zähne putzen. Beim Polieren der Backenzähne fällt mir ein, dass ich ja heute meinen USB-Stick mitbringen wollte, um Tande ein paar Bilder zu überspielen. Ich fange also an zu suchen. Als ich ihn um 7:10Uhr finde, ist von Win noch keine Spur. War zu erwarten. Ich schleppe also noch eben den Generator vor die Tür und pumpe Wasser aufs Dach, damit ich am Nachmittag nicht auf dem Trockenen sitze. Kaum fängt der Generator an zu brummen und das Haus durchzuschütteln, kommt auch schon Win um die Ecke und drängt, da es schließlich schon 7:20Uhr ist. Gemeinsam schleppen wir die Maschine wieder ins Wohnzimmer und machen uns anschließend auf den Weg zur Arbeit.

Es hat die ganze Nacht geregnet, weshalb die breiten Lehmwege wie eine Schlittschuhbahn fungieren. Mit ach und krach schaffe ich es, die hüglige Strecke bis zum Highway ohne Sturz hinter mich zu bringen. Hier herrscht zwar keine Rutschgefahr mehr, jedoch ist, durch die hektischen PMV’s, dennoch Vorsicht geboten. Unterwegs trifft man unzählige Freunde aus dem eigenen und den benachbarten Dörfern. Es wird sich freundlich gegrüßt und die Tagespläne ausgetauscht.

„Last two! Last two!“, schreit einer der PMV-Fahrer Richtung Ialibu. Win und ich schnappen uns die angepriesenen Plätze und schon geht die 20-minütige Fahrt los. Eine Frau hat einen Sack voller Ferkel als Handgepäck, die sich nun durch schreien und Gestank bemerkbar machen. Ich schaue durch die gesprungene Scheibe auf die Straße, auf der sich Schulkinder, Betelnussverkäufer*innen und Straßenhunde tummeln. Da das Radio nicht geht, habe ich die Ehre, die Fahrgemeinschaft mit Musik aus meiner Bluetoothbox zu versorgen. Win macht über Umwege klar, warum er kein Geld für den PMV mithat, aber dennoch eingestiegen ist. Ich übernehme die 2 Kina für ihn, unter der Bedingung, dass er heute das Mittagessen besorgt.

In Ialibu angekommen, kämpfen wir uns durch das Gedrängel auf dem Marktplatz Richtung Büro. Es geht vorbei an kleinen Läden, der Polizeistation und einer Schule. Das Büro liegt abseits der Stadtmitte, in der Nähe des Waldrandes. Distriktpräsident Tande muss wieder hier übernachtet haben, denn er ist mal wieder vor uns da. Gemeinsam betreten wir das Büro und besprechen die Pläne für den heutigen Tag.

Es gilt ein Formular zu erstellen, in welchem die einzelnen Pastoren aufschreiben können, wie viele Kirchenmitglieder ihre Gemeinde zählt. Ich entwickle einen Entwurf, während mir Win und ein mir fremder Pastor immer wieder neue Ideen um die Ohren schleudern. Nach einigen Streitereien einigen sie sich schließlich auf eine Version und wir fragen die langsam eintrudelnden Pastoren wie viele Seiten Tabelle sie denn ungefähr brauchen. Kaum haben wir genaue Zahlen, fällt auch schon der Strom aus und der Traum vom Drucken platzt.

Kein großes Problem für die Anwesenden. Die Pastoren lassen sich auf der Wiese vor dem Büro nieder und es wird erstmal gewartet. Während dieser Zwangspause trifft auch der vorherige Distriktpräsident ein und gesellt sich zu den anderen. Tande schafft es zum Glück die Situation in das sowieso geplante Meeting umzubauen und damit die verloren geglaubte Zeit zu nutzen. Da viele der Anwesenden die Ortssprache nutzen anstatt Tok Pisin und mich das Thema des Meetings auch nicht brennend interessiert, entscheide ich mich mir eine andere Beschäftigung zu suchen.

Da wir im Moment an ein paar Gebäuden arbeiten, die als Besprechungs- und Lagerräume gedacht sind, kann ich mich in der Baugrube etwas austoben. Ich glätte also mit dem Spaten eine Fläche am Hang, auf der später ein Gebäude stehen soll. Nach einiger Zeit höre ich Win’s Jubeln, das auf eine Rückkehr des Stromes schließen lässt. Gerade rechtzeitig, denn ich kann nicht mehr.

Also Formulare ausdrucken und an die Pastoren verteilen. Win hat in der Zwischenzeit sein Versprechen eingehalten und sorgt mit ein paar Süßkartoffeln für ein verspätetes Mittagessen.

Nach der Stärkung fragt einer der Pastoren, ob ich mir mal seinen Laptop angucken könnte. Ich willige ein und werfe einen Blick auf das Museumsstück. Das Problem ist, dass er den Laptop günstig, dafür aber ohne Akku gekauft hat. Überraschender Weise, geht er beim Anschließen ans Stromnetz an und wir können Windows einrichten.   

Nun ist es schon 16 Uhr und ich muss mich langsam auf den Weg nach Hause machen. Ich packe also meine Sachen und lasse mich von Win bis zur Bushaltestelle bringen, da man in Ialibu nicht unbedingt alleine unterwegs sein möchte. Gerade noch rechtzeitig schaffe ich es in den PMV, denn nur Sekunden später fängt es zu regnen an. Zum Glück hält das die Leute auf dem Markt nicht davon ab ihre Waren zu verkaufen. Ich kann also noch ein paar Karotten und einen Brokkoli ergattern, bevor ich die letzten Meter nach Hause beschreite.

Nach dem ich die Einkäufe verstaut habe, ziehe ich meine Badehose an, schnappe mir ein Handtuch und mache mich auf den Weg zur Quelle. Ich habe zwar eine Dusche, aus der plätschert jedoch nur spärlich Wasser und dieses ist in den meisten Fällen eiskalt. Also die 10 Minuten zur Quelle laufen und Wasser sparen. Ich schlage mir den Weg durchs dichte Grasland und stelle fest, dass es sich ein Schwein im Eingang, zur Waschstelle gemütlich gemacht hat. Es rennt zum Glück weg, als es mich kommen sieht und ich begebe mich in den knöcheltiefen, kalten Teich, an dessen Ende ein Schlauch aus dem Hang ragt, der den Teich mit frischem Quellwasser versorgt. Ich muss mich bücken um ganz von dem Strahl getroffen zu werden und halte die kalte Dusche auch meist nur für ein paar Sekunden aus. Danach seife ich mich ein, wasche mich ab und begebe mich so schnell es geht zurück in meine warme Hütte.

Aller höchste Zeit, für ein herzhaftes Abendessen. Da ich der Sorte Mensch angehöre, die nicht mal Wasser kochen kann und die mit so vielen frischen Zutaten meist vollkommen überfordert ist, reicht es nur für eine auf Tomatenmark basierende Soße, in der Brokkoli und Karotten Platz finden.

 Als ich um 20 Uhr mit dem Abwasch fertig bin ist es bereits dunkel. Ich nutze die ruhigen Abendstunden, um die Fotos der letzten Tage zu bearbeiten und ein wenig zu lesen. Aus der Kirche ist zwar noch eine einzelne Gitarre zu hören, die wohl vom Sohn meines Nachbarn gespielt wird, ich bin jedoch zu müde um nochmal raus zu gehen und entscheide mich stattessen fürs Zähne putzen und bett fertig machen. Um 21 Uhr liege ich Bett und höre noch ein wenig Podcast, bis ich einschlafe.

Heimreise

Sieben Monate lang hatte ich keine Tagesschau gesehen, keine Zeitung gelesen und auch sonst keine Nachrichten wahrgenommen. Auf Twitter habe ich ein paar Mal den Hashtag Corona verfolgt, fühlte mich aber zu keinem Zeitpunkt von dem Virus bedroht. Selbst als Freunde von mir, die ebenfalls um die Welt reisten, nach Hause geschickt wurden, war von dem Virus in Papua-Neuguinea so wenig zu spüren, dass ich meinen Freiwilligendienst für ungefährdet hielt.

So kam es, dass ich mich an dem Abend, an dem sich meine Meinung ändern sollte, noch in Lae, 24 Stunden von meiner Einsatzstelle entfernt befand. Ich besuchte einen anderen Freiwilligen und wir sprachen gerade darüber, welche Orte wir in unseren letzten 4 Monaten unbedingt noch sehen wollten. Mein Handy fing plötzlich an wie wild zu vibrieren. So viele Nachrichten hatte ich seit Abreise nicht mehr bekommen. Ich schaute also aufs Display und sah das Symbol für eine neue E-Mail und 32 neue Nachrichten in der ZMÖ WhatsApp-Gruppe. „Das können die doch nicht machen!“, schrieb gerade jemand, gefolgt von einer Reihe weinender Emojis. Ich wischte mit dem Daumen über das Brief-Symbol, das neue E-Mails ankündigt.

Sofortiger Abbruch des Freiwilligendienst

Nein. Nein. Nein! Nein! NEIN! Meine Gedanken überschlugen sich. Vielleicht waren ja nur ein paar Länder gemeint und Papua-Neuguinea war gar nicht betroffen, vielleicht konnte man ja nochmal anrufen, vielleicht ging es nur um die Möglichkeit abzubrechen, falls man sich unwohl fühlt. Während ich mir die Möglichkeiten durch den Kopf gehen ließ, las ich die E-Mail, die jede neue Idee wiederlegte.

Im Telefonat mit dem ZMÖ erfuhr ich, dass ich vielleicht noch eine Woche im Land habe. Lange spazierte ich in dieser Nacht über das Kirchengelände in Ampo. Ausnahmslos alles woran ich im Zusammenhang mit diesem Land denken konnte, würde mir fehlen. In der Vorbereitung, während der Seminare, hatten wir so oft über Abschied und die damit zusammenhängenden Aspekte gesprochen. Eine Woche war zu wenig, aber der Flughafen würde bald dicht machen und als ich später am Abend im Bett lag und mich länger mit Nachrichten zum Coronavirus befasste, wurde mir klar wie ernst die Situation weltweit ist.

Also stieg ich, nach einer schlaflosen Nacht in den Bus, der mich zu meiner Einsatzstelle bringen würde. 24 Stunden Zeit, um noch einmal an all den Orten vorbeizufahren und über all die damit verbundenen Erfahrungen nachzudenken. Kurz vor Goroka und damit ungefähr zur Hälfte meiner Busfahrt bekam ich den Anruf, der die Situation nochmal schlimmer machen sollte, etwas was ich zu dem Zeitpunkt nicht für möglich gehalten hätte. Der Flug geht übermorgen.

Sowie ich diese Information aufnahm, schaltete mein Kopf auf Robotermodus um. Ich hatte keine Zeit mehr, mich mit meinen Gefühlen zu der ganzen Sache auseinander zu setzen. Ich würde erst am nächsten Tag zur Mittagszeit in meiner Hütte ankommen und musste am darauffolgenden Morgen um 6Uhr ins Auto steigen, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. Als ich daraufhin meine Freunde anrief, denen ich die Nachricht eigentlich persönlich überbringen wollte, stellte sich her raus, dass diese noch bei einem Meeting waren und es, aufgrund von fehlenden Busverbindungen, nicht mehr schaffen würden mich zu sehen.

Als ich nach 24 Stunden Fahrt ankam, erwartet mich also erstmal niemand. Ich stürmte in mein Haus und fing an aus einem Zuhause wieder ein Haus zu machen. Fotos die ich aufgehängt hatte, meine im ganzen Haus verteilten Klamotten und Schubladen voller Krempel. Alles musste ich nun in zwei Koffer stopfen, die ich eigentlich noch vier Monate nicht anrühren wollte. Zum Glück kam mir in meiner Not meine gute Freundin Cynthia zur Hilfe und auch ihr Mann Win kam etwas später dazu. Sie waren während meiner Zeit in Papua-Neuguinea meine besten Freunde gewesen und konnten mein Leben auch an unserem letzten gemeinsamen Nachmittag, noch um einiges besser machen. Wir packten, erzählten und lachten bis tief in die Nacht. Nach einer 24 Stunden langen Busfahrt, einem so stressigen Nachmittag und einem so langen Abend, fiel ich in mein Bett und schlief sofort ein.

Als ich am nächsten Morgen nach meiner letzten Nacht in Papua-Neuguinea erwachte, vergaß ich für einen Moment was mich heute erwarten würde. War es vielleicht nur ein schrecklicher Albtraum und ich könnte mich jetzt mit meinen Freunden treffen um Feuerholz zu holen oder Kartoffeln zu pflanzen? Nein. Schon rief mich der Fahrer an, der sich bereit erklärt hatte mich so früh zum Flughafen zu fahren, schon stand der verschlafene Win vor der Tür, um mir mit dem Gepäck zu helfen und schon nahm ich meine beiden besten Freunde ein letztes Mal in den Arm.

Durch die Fenster des Flughafens konnte ich noch sehen wie die beiden niedergeschlagen zurück ins Auto stiegen. Hier warteten ein anderer Freiwilliger und ich nun auf den Flieger in die Hauptstadt. Besonders gesprächig waren wir beide nicht. Sicherheitshinweise, Anschnallen, Abflug. Durchs Fenster sehe ich ein letztes Mal die Hauptstraße, den ewigen Urwald und irgendwann auch die Küste, die die Hauptstadt ankündigt, in der wir vor 7 Monaten angekommen waren, ohne zu wissen, dass wir das großartigste Land der Erde betreten.

Nach dem wir unser Gepäck abgeholt und die Kontrollen vor dem internationalen Bereich des Flughafens hinter uns gebracht haben, trafen wir auf die restlichen Freiwillegen. Ein elendiger Haufen aus Augenringen, Tränen und hängenden Mundwinkel, der prophezeit, wie sich die nächsten drei Wochen anfühlen werden. Als wir den Flieger betreten und uns auf den langen Flug nach Singapur einstellen, geht auch in mir der Robotermodus aus. Jeder Zeitplan war eingehalten, das Gepäck war abgegeben und die Familie Informiert. Es gab keine Aufgaben mehr, mit denen ich mich von meinen Gefühlen ablenken könnte. Wie es mir danach ging, als ich nach zwei Langstreckenflügen, einer Umbuchung und vier Stunden Wartezeit in München, erklärt bekomme, dass mein Gepäck wohl abhanden gekommen ist, möchte ich ungern erläutern.

Ich steige also in die S-Bahn Richtung Hamburg-Othmarschen und bin so ohne Energie, dass ich gar nichts mehr fühle. Ich sehe die ungewöhnlich leeren Straßen von Hamburg und lese im Newsticker der S-Bahn, dass es in Bayern ab heute eine Ausgangsperre gibt. 7 Monate Papua-Neuguinea, nur damit ich mich nach 10 Minuten in der S-Bahn fühle, als währe ich nie weg gewesen und als hätte die Welt in Hamburg 7 Monate pausiert. Ein paar Baustellen neben den Gleisen sind plötzlich fertig und jeder Bahnhof hat jetzt Wlan, der Rest fühlt sich unverändert an.

Heute ist die Ankunft in Hamburg schon wieder über einen Monat her. Ich habe mittlerweile Angefangen, mich auf die sieben Monate die ich weg war zu konzentrieren und nicht auf die vier, die mir verloren gegangen sind. Auch habe ich es vor kurzem erstmalig Kontakt nach Papua-Neuguinea aufzunehmen und habe sogar mit Win telefoniert.

Natürlich war das nicht der Abschied den ich mir Vorgestellt habe, aber wenn ich mich in der Welt so umschaue, bin ich einfach glücklich, dass ich die Möglichkeit habe an einen sicheren Ort zurückzureisen und das ich diese schwierige Zeit mit Zuhause sitzen überstehe, was im Vergleich zu den meisten anderen Schicksalen doch sehr einfach ist.  

Jahresende und Reisen

Gutnait long yupela!

Ich bin gut ins neue Jahr gekommen und hoffe, Euch geht es genauso.

Logawengs Hauptplatz
Logawengs Hauptplatz

Am 1. Dezember war in Logaweng die graduation, welche wie ein Paukenschlag das Ende des Schuljahres verkündete. Es gab einen großen Gottesdienst, der zu meiner Überraschung nicht allzu lange dauerte und für viele der Anwesenden ein sehr emotionales Ereignis war. Die Studenten des dritten Jahres wurden in ihr einjähriges Vikariat entsandt und die Absolventen bekamen ihr Abschlusszeugnis. Das Seminary war gerappelt voll, denn viele Familienmitglieder waren angereist, um Zeug*innen dieser Veranstaltung zu sein.

Die Wichtigkeit der großen Tiere bei diesem Anlass habe ich wohl anfangs unterschätzt. Mindestens ein Schwein oder eine Kuh wird pro Familie gekauft und geschlachtet. Als Würdigung wird den Lehrer*innen und Angestellten Logawengs oft ein Teil abgegeben. Ich habe mich sehr gefreut, als mir anstatt des angedachten Schweinebeins eine Bananenstaude zugetragen wurde. Auch wenn mein Vegetarismus in Papua-Neuguinea (PNG) nicht immer auf viel Verständnis trifft, wird er doch von den meisten Personen respektiert.

Nach der graduation begannen die zweimonatigen Ferien im Seminary. Dezember und Januar sind in den meisten öffentlichen Institutionen PNGs Urlaubszeit. Anfang Dezember arbeitete ich noch in der Pikinini Laiberi (Kinderbibliothek). Die zuständige Betreuerin und ich reparierten und sortierten alle vorhandenen Bücher. Wir nahmen es uns auch heraus, die gender-spezifische Trennung der Bücher für ältere Kinder aufzuheben und die christlichen Bücher konsequent als solche zu markieren. Ich zumindest tue mich damit schwer, dass Bücher der Missouri Synod, die kreationistisches Gedankengut vermitteln, unter „Science“ stehen. Bücher, in denen sehr offensichtlich Rassismen reproduziert werden, haben wir als Brennmaterial/Klopapier umfunktioniert – eine kleine Genugtuung für mich.

Ein zweites Projekt, das ich in Zusammenarbeit mit Leuten vom Seminary verwirklichen konnte, ist mein Erdnussbeet.

Erdnüsse nach einem Monat
Erdnüsse nach einem Monat

Achtung – Bildungsauftrag – hier eine kleine Anleitung

Frische Erdnüsse kaufen, pulen und in Wasser zum Keimen bringen. Währenddessen ein geeignetes Stück Land umgraben, den Boden auflockern und Entwässerungsgräben ziehen. Zur Düngung und als Schutz gegen Insekten trockene Palmwedel auf dem Beet auslegen und verbrennen. Anschließend mit einem Stab in regelmäßigen Abständen kleine Löcher in den Boden machen und die Erdnusskeimlinge hineinfallenlassen. Ein bisschen Erde darüber, damit die Vögel sie nicht finden, et voilà: In drei Monaten sind die neuen Erdnüsse bereit zur Ernte – aber Unkraut jäten nicht vergessen!

Aus den zwei Tagen, an denen ich mit den Erdnüssen beschäftigt war, habe ich sehr viel mitgenommen. Sonst bin ich in PNG häufig genervt von dem, was sich für mich „ineffizient“ anfühlt. Während ich nun bei 35 °C in der Mittagssonne stand und mir langsam, aber sicher die Motivation dahinschmolz, waren meine Lehrer*innen unbeirrt dabei, einen Stein nach dem nächsten aus dem Boden zu holen. Auf Nachfrage wurde mir erklärt, dass auf sie noch das Maisbeet, der Süßkartoffelacker und das Reisfeld warteten. Schließlich sind die Bewohner*innen Logawengs jeden Tag im Garten, um sich selbst und ihre Familien zu versorgen. Ich hingegen dachte an das kalte Wasser, das in meinem Kühlschrank stand. Mir wurde deutlicher bewusst, warum Englischhausaufgaben hintenanstehen, wenn man Subsistenzwirtschaft betreibt, warum Studenten nicht zu meinem Unterricht erscheinen, weil sie Gliederschmerzen vom Schlachten einer Kuh haben.

Diese „Feld-Forschung“ ist beispielhaft für ein Thema, das mich in den vergangenen Wochen sehr beschäftigt hat: meine Sozialisation. Meistens schaffe ich es nicht, meiner imperialistischen Prägung zu entkommen. Dennoch versuche ich, mich in Personen aus PNG hineinzuversetzen: Was tun, wenn Kolonialmächte eine*n in ein global-kapitalistisches Wirtschaftssystem gezwungen haben bzw. es kontinuierlich tun? Was tun, wenn Missionar*innen bestimmt haben, welche Strukturen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Papua-Neuguinea (ELC-PNG) zugrunde liegen sollen? Ich denke, eine vom eurozentrischen Wissenschaftsverständnis geprägte Einrichtung wie z.B. ein Seminary lässt sich nicht ohne weiteres mit der Vielzahl indigener* Kulturen auf dem Gebiet des heutigen PNG vereinbaren. In Logaweng stelle ich immer wieder fest, dass es noch heute durch Gelder und Personalien aus Ländern des Globalen Nordens (mit-)bestimmt wird. Ich zähle selbstverständlich auch zu diesen Einflüssen.

Nachdem ich die beiden Projekte abgeschlossen hatte, begannen die Reisen, die ich geplant hatte. Zum Reisen selbst in PNG lässt sich sagen, dass durch betrunkene Autofahrer, verschwundene Skipper, bei nächtlichen Aufenthalten und Wanderungen, bei nicht vorhandenem Benzin und durch mein allgegenwärtiges Bestreben, nicht zu sterben, der Abenteuerfaktor stets hoch bleibt.

Zuerst bin ich mit einem Studenten über Lae und Goroka auf sein Dorf in den Eastern Highlands gefahren. Alsbald machte ich mich von dort auf, um über Goroka und Mount Hagen zur Freiwilligendienststelle meines Mitfreiwilligen Malte in den Southern Highlands zu fahren. Die Landschaft dort beeindruckte mich, denn das tropische Bergklima in 2500 Metern Höhe hat wunderschöne Nebelwälder hervorgebracht. Nur die nächtlichen Temperaturen um die fünf Grad, die meinem derzeitigen Empfinden nach den Gefrierpunkt überschritten, zerstörten die Insekten-freie Idylle für mich.

Malte und ich vor seinem Haus
Malte und ich vor seinem Haus

Leider hatte ich dort nur einen knappen Tag Zeit, um mich umzutun, dann fuhren Malte und ich nach Lae. Wir gabelten einen weiteren Freiwilligen auf und machten uns auf nach Logaweng. Dort trafen wir auf einen vierten Freiwilligen, um zu viert die Zeit um Weihnachten gemeinsam auf Tami (übersetzt: Fisch-Insel) bei Finschhafen zu verbringen.

Chris, Jonny, Malte und ich

Die Zeit auf Tami war sehr schön. Wir haben viel geschnorchelt und in der Sonne gelegen. Auch an Weihnachten selbst war Heimweh kein Thema, denn wir fühlten uns wie in einer anderen Welt. Ich weiß nicht, wie es auf der Insel ankam, dass wir jegliche Gottesdienste schwänzten, aber wir Freiwilligen waren uns einig, in den letzten Monaten genug Kirche gehabt zu haben.

Schnorcheln am inneren Riff

Ich hatte das Gefühl, dass uns als weißen Personen auf Tami eine andere Rolle zugeschrieben wurde, als ich es bisher in „ländlichen“ Kontexten in PNG erlebt habe. Oft nehme ich wahr, dass mir die Rolle eines „christlichen Vorbilds“ zugetragen wird. So werde ich beispielsweise immer wieder gefragt, ob ich denn nicht im nächsten Gottesdienst predigen wolle, was so gar nicht mein Bestreben ist. Ich denke, dieses Bild ist durch das Selbstverständnis und die Selbstdarstellung der Missionar*innen entstanden. Auf Tami legen allerdings von Zeit zu Zeit australische Yachten mit Tourist*innen an, die kein Tok Pisin können, Thunfisch jagen und Party machen, anstatt zu predigen. Ich kann mir also vorstellen, dass das Verhältnis der Inselbewohner*innen zu weißen Personen eher auf finanzieller Basis begründet ist. Wir zahlten verhältnismäßig hohe Preise für die Bootsfahrten, das Guesthouse und den Strom, damit war der Kontakt jedoch weitestgehend abgeschlossen. Für mich war das entlastend.

Zwei Nixen und eine australische Yacht
Eine der zwei Hauptinseln

Auf Tami leben mehr als 200 Menschen auf einer Fläche von weniger als einem Quadratkilometer. Da die ökologischen und ökonomischen Ressourcen sehr knapp sind, gibt es immer wieder Konflikte unter den Bewohner*innen. So stelle ich mir Amrum ohne jegliche Wirtschaftskraft vor. Platz für Gärten gibt es nur bedingt und Einnahmequellen sind die wenigen Tourist*innen oder Fischverkauf. Allerdings fehlt Equipment, um Fische gekühlt nach Lae zu transportieren. Außerdem geht die Insel aufgrund der Klimakrise langsam unter. Die Bewohner*innen wehren sich gegen den steigenden Meeresspiegel und die Bodenerosion, indem sie Mauern aus toten Korallen bauen. Das Thema Klimagerechtigkeit hat hier eine ganz andere Virulenz. Jede*r zero-waste-Blogger*in könnte sich auf Tami noch Inspiration holen, denn hier wird auch das letzte Gramm Plastik verwertet.

Nach dem Aufenthalt auf Tami fuhr ich über Lae ins Markham Valley, denn ich war auf einer Konfirmation in Chivasing eingeladen. Solche Anlässe bedeuten für mich, dass ich viele Hände zu schütteln habe und mich oft vorstelle. Einige Sachen werden sich wohl nie ändern, denn ich bin immer noch super darin, Namen zu hören und direkt im Anschluss zu vergessen. Das Wochenende war mit 36 Taufen und etwa 120 Konfirmationen ohnehin gut gefüllt. Ich nahm mir heraus, mich am Veranstaltungsort in die letzte Reihe zu setzen, damit ich den siebenstündigen Gottesdienst teilweise mit Lektüre auf meinem e-Reader und unauffällig konsumierten Podcast-Folgen begleiten konnte. Am Ende wurde vermutet, ich hätte in der Bibel gelesen.

Anschließend fuhr ich wieder einmal nach Goroka, wo mich etwas sehr Schönes erwartete: der Besuch meiner Schwester und meines Vaters. Zwei Wochen waren sie da. Zuerst waren wir in den Eastern Highlands und Jiwaka unterwegs, danach ging es hinunter an die Küste nach Lae und Logaweng. Das Programm war recht eng getaktet und entsprechend viele Eindrücke bekamen wir.

Wir drei in Asaroka

Ich bin sehr dankbar dafür, die Möglichkeit gehabt zu haben, mich mit ihnen auf diese Art und Weise auszutauschen. Es war schön, einen Ausschnitt dessen teilen zu können, was ich in den letzten Monaten gesehen und erlebt habe. Auch war es für mich eine Möglichkeit, einige Dinge aus anderen Augen mitzuverfolgen: mein Vater, der so beeindruckt von den Ananas und LKWs war, und meine Schwester, die mit ihrer Position als weißer Frau recht abgeklärt umging. Folglich fiel mir der Abschied am Flughafen nicht leicht.

Die nächsten Tage verbrachte ich zum „Runterkommen“ und Nachdenken in Lae und besuchte zwischendurch für eine Nacht die Synode der ELC-PNG in Boana. Es wurden der Bischof, sein Stellvertreter und der Sekretär wiedergewählt. Auf die etwa 1000 wahlberechtigten Delegierten kamen noch einige Tausend Besucher*innen. Das sind Menschen, die kleine Marktstände aufmachen, T-shirts verkaufen oder einfach herumlaufen. Ich denke, für viele, die sich den Preis für die Busfahrt nach Boana leisten konnten, war es deutlich attraktiver, eine Woche auf der Synode unterwegs zu sein als in ihrem Heimatdorf.

Solche Großveranstaltungen in PNG finde ich sehr interessant, ich habe aber schon auf der National Youth Conference die Erfahrung gemacht, dass sie mich sehr auslaugen. Als eine von einer Hand voll weißer Personen wird mir sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Mir fehlt mein Rückzugsraum.

Nach einigen weiteren Tagen in Lae, an denen ich viele Besorgungen erledigte, bin ich mittlerweile wieder gut in Logaweng angekommen. Hier trudeln allmählich die Studenten und Lehrer*innen samt Familien ein, denn nach „PNG taim“ beginnt bald das neue Schuljahr. In bin sehr dankbar für das Privileg, so viel reisen zu können. Im Austausch mit meinen Gastgeber*innen, Mitfreiwilligen und meiner Familie hatte ich auf diese Weise viele Gelegenheiten, andere Dinge in meinen Fokus zu rücken.

Die nächste Reise lässt nicht lange auf sich warten, denn Mitte Februar ist unser Zwischenseminar in Madang.

Lukim yu!

Cornelius

Logaweng

Gutpela moning long yupela!

Als ich den letzten Blogeintrag geschrieben habe, stand mir gerade das International Family Retreat in Alexishafen bei Madang bevor. Seitdem ist so viel Zeit vergangen. Bald ist schon die diesjährige Graduierungsfeier meiner Freiwilligendienststelle. Trotzdem habe ich das Retreat noch gut vor Augen.

Die Flüge hin und zurück waren ebenso so schön wie unmoralisch. Sie haben mir einen neuen Blick eröffnet: Es war faszinierend, die Landschaft von oben zu sehen, die ich teils schon mit Auto und Boot erkundet hatte. Finschhafen, der staatliche Verwaltungsbezirk, in dem sich auch Logaweng befindet, ist die „Wiege“ der lutherischen Mission in Papua-Neuguinea. Hier landete 1886 der erste lutherische Missionar Johann Flierl an, nach dem auch das „Senior-Flierl-Seminary Logaweng“ (SFS) benannt ist. Um die nahegelegenen Orte Simbang, Sattelberg und Heldsbach kommt man also in der Geschichte des Kaiser-Wilhelms-Landes nicht herum. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen in Finschhafen stolz sind, am „Nabel“ der lutherischen Mission in PNG geboren zu sein. Eine betrunkene Person auf dem Markt in Buangi rief mir zu: „Ich danke Dir, weil ihr Deutschen das Heil gebracht habt.“

Das Retreat hat sich angefühlt wie fünf Tage Urlaub. Wir Freiwilligen waren wieder vereint und unsere Aufgabe war es, die Kinder der Übersee-Mitarbeitenden zu beschäftigen, wenn inhaltliche Programmpunkte anstanden. Da jedoch die meisten Kinder noch sehr jung sind, reichten dafür eine Tasche voll mit Bastelsachen und ein wenig ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Nachmittage haben wir an einem schönen Riff verbracht, geschnorchelt und uns über unsere bisherigen Erfahrungen ausgetauscht. Es gibt viele spannende, lustige, aber vor allem verstörende Geschichten zu erzählen. Thema des diesjährigen Retreats war „Kommunikation“. Dieser Begriff beschäftigt mich innerhalb und außerhalb meines Freiwilligendienstes sehr.

Am 8. Oktober kam ich zurück nach Logaweng. Ich war überrascht und erfreut, dass es sich schon ein bisschen wie „Nachhausekommen“ angefühlt hat. Die wenige Zeit, die ich im September in Logaweng verbracht habe, empfand ich als eher flüchtig. Oft bekomme ich die Frage gestellt: Was ist eigentlich Logaweng?

„[D]as Licht auf dem Berg“, „wie Mount Sinai“ oder „der Berg des Wissens und der Weisheit“, so beschreiben es einige Studenten. Logaweng erstreckt sich nämlich über einen etwa 200 Meter hohen Bergkamm. So hat man ein stetiges, wohltuendes Lüftchen und einen traumhaften Ausblick auf die vorgelagerten Inseln und das Meer. Im SFS werden in vier Jahren, dazwischen ein Jahr Vikariat, die Pastoren der Lutherischen Kirche PNGs ausgebildet.

Die räumliche Aufteilung des Seminars finde ich in vielerlei Hinsicht bedeutend:

Logaweng von oben, Entschuldigung für die schlechte Qualität
Übersee-Häuser

Am nordöstlichen Ende befinden sich die Häuser der Übersee-Mitarbeitenden (roter Kreis). Hier hat man die Ausstattung, die viele sich wünschen, wenn sie aus Deutschland kommend in PNG wohnen. In meinem Haus gibt es Strom, Steckdosen, einen eigenen Wassertank, eine Wasserpumpe, Zugang zu einer Waschmaschine, eine Küche samt Gasherd, Kühlschrank und Wasserfilter, ein Bad mit Toilettenschüssel und Dusche (im Haus nebenan sogar Warmwasser!), ein Schlafzimmer samt Trockenschrank und Matratze; ich habe Privatsphäre und meine Ruhe.

Die Kirche Logawengs von innen – für mich die schönste Kirche, die ich bisher in PNG gesehen habe

Nebenan liegen alle öffentlichen Gebäude (blauer Kreis). Das sind die Klassenräume und Büros, die Werkstatt, die Kirche, die Bibliothek und zwei Versammlungshäuser.

Häuser der „nationals“

Dahinter sind die Häuser der papua-neuguineischen Lehrer*innen (gelber Kreis). Darin befindet sich deutlich weniger Ausstattung. Es gibt keine Wasserpumpen, Matratzen oder Öfen und pro Person deutlich weniger Platz als bei mir oder meinen Nachbar*innen.

marit Doppelhaus

Dann kommen die sog. marit haus, in denen die verheirateten Studenten samt Familie wohnen (grüner Kreis). Zwei Erwachsene und einige Kinder teilen sich eine Doppelhaushälfte, bestehend aus Veranda und zwei Räumen. Davon getrennt haben sie ein haus kuk (überdachte Feuerstelle); die Sanitäranlagen teilen sich mehrere Familien. Es gibt Licht, aber keine Steckdosen und wie viel Mobiliar vorhanden ist, ist von Familie zu Familie unterschiedlich.

Dormitorium

Den Schluss bilden die beiden Dormitorien am Sportplatz (lila Kreis). Hier wohnen etwa 20 Studierende in einem Haus, das durch Trennwände in Zellen unterteilt ist, die etwa vier Quadratmeter groß sind. Es schlafen jeweils zwei Studenten in einem Stockbett. Es gibt ein gemeinschaftliches haus kuk und gemeinsame Sanitäranlagen.

In gewisser Weise empfinde ich die Übersee-Häuser als isoliert und von der Gemeinschaft abgeschottet. Die anderen können sehen, wann eine Veranstaltung ansteht, weil dann alle zu den öffentlichen Gebäuden laufen. Ich gehe meist auf gut Glück los, was bei mir gelegentlich Frustration auslöst, weil ich vor Ort warten muss oder zu spät bin. Ich schätze es aber auch, mich zurückziehen zu können und meine Ruhe zu haben, wenn ich sie brauche. Falls mir nach sozialem Kontakt ist, laufe ich zum anderen Ende des Geländes. Ich ärgere mich diesbezüglich über mein eigenes Empfinden, da es nicht mit meinen Prinzipien übereinstimmt.

In den Ländereien um Logaweng befinden sich die Gärten der Studenten und Familien, in denen alle ihr Essen anbauen. Die Gärten entsprechen praktisch der Definition von Subsistenzwirtschaft und würden jeder Öko-Zertifizierung standhalten. Ich habe das Gefühl, „der Garten“ ist etwas stark identitätsstiftendes in PNG und ein Ort der Gemeinschaft. Man trifft sich, arbeitet zusammen und redet zwischendurch. Ich selbst habe den Plan, mir nur ein kleines Erdnuss- und Bohnenfeld anzulegen, da ich gerne auch einen Garten hätte, aber für aufwendigere Schützlinge keine Zeit habe.

Je länger ich nun am SFS bin, desto mehr habe ich zu tun, meine To-do-Liste wächst. Ich möchte kurz beschreiben, was ich im Moment mache:

Die erste Aufgabe, die ich übernommen habe, war der Buk Stoa. Dieser kleine Bücher- und Schreibwarenladen Logawengs ist traditionell Aufgabe der Freiwilligen. Dienstag nachmittags bekommen hier die Menschen des Seminars alles, was sie für ihre Arbeit brauchen.

Einmal die Woche bin ich im Kindergarten, ein von den Müttern Logawengs betreuter Service. Alle anderen Mütter können dann von 8:30 bis 10:00 die sog. meri klas (Frauenunterricht) besuchen, in der sie Lesen, Schreiben und Nähen lernen und einige theologische Themen behandeln. Jeden Donnerstag versuche ich, für die kakaruk grup (Hühnergruppe) etwas Besonderes zu machen und den sonst recht disziplinierten Kindergarten z.B. mit Schatzsuchen, Gruppenspielen und Backaktionen etwas aufzulockern.

Hin und wieder habe ich abends Aufsicht in der Bibliothek. Ich soll darauf achten, dass niemand beim Verlassen der Bibliothek Bücher mitnimmt. Anscheinend wurde mit dem Verleih von Büchern so schlechte Erfahrungen gemacht, dass das Ausleihen von Büchern mittlerweile untersagt ist. Wirklich kontrollieren tue ich die Taschen der Studenten allerdings nicht. Die meiste Zeit quatsche ich einfach mit ihnen.

In der pikinini library (Kinderbibliothek) ist das Ausleihen von Büchern erlaubt, auch wenn damit Bücherschwund einhergeht. Jeden Freitag öffne ich sie zusammen mit anderen Zuständigen. Ich freue mich sehr über das zahlreiche Erscheinen der Kinder Logawengs und habe vor, im Dezember einige Arbeit in die „Restauration“ der Kinderbibliothek zu stecken. Die meisten Bücher kommen als Spenden aus den Partner*innengemeinden in Deutschland, Australien und den USA und sind mittlerweile etwas abgewetzt.

Ich finde schade, dass kaum Kinderbücher auf Tok Pisin oder den tok ples („Dorfsprachen“, davon gibt es über 800 in PNG) vorhanden sind. Generell sind kaum Bücher von Autor*innen aus Ländern des Globalen Südens vorhanden, geschweige denn aus PNG. Solche Bücher sind schwer zu beschaffen. In vielen afrikanischen und asiatischen Ländern gibt es entsprechende Stiftungen und politische Initiativen, um Autor*innen of colour und die (sprachliche) Vielfalt von Kinderbüchern zu fördern. In PNG? Fehlanzeige. Für mich ist es eine befremdliche Vorstellung, dass in den Ländern des globalen Nordens Bücher „gespendet“ werden, deren Sprache und Geschichten fern der Lebenswelt der Kinder liegen. Ich zerbreche mir den Kopf über mögliche Quellen korrekterer Bücher.

Ähnlich geht es mir im Englischunterricht. Es war schwer für mich, eine geeignete Short Story von einer*m Autor*in aus PNG zu finden. Im Englischunterricht werden mir viele Freiheiten gelassen (wie in allen anderen Bereichen auch) und ich habe große Freude daran, die Stunden vorzubereiten. Leider laufen sie selten so, wie ich es mir wünsche. Immer wenn ich denke, die Unterrichtsstunde würde der absolute Knaller – voll mit Informationen, Übungen, Spielen, Meinungsaustausch und Feedback – kommt mir meine Klasse leicht verwirrt vor. In der Nachbereitung der Stunden philosophiere ich über die Gründe. Verstehen sie vielleicht nicht, was ich sage? Sind sie meinen Unterrichtsstil nicht gewohnt? Finden sie schlichtweg meine Methodik blöd?

Ich weiß vom Hospitieren bei anderen Lehrer*innen des SFS und von Besuchen an Schulen in PNG, dass Frontalunterricht die Regel ist. Auch wenn ich mich selbst durchaus gern reden höre, habe ich nicht das Gefühl, dass 45 min „Cornelius erzählt“ die Englischfähigkeiten der Studenten enorm verbessern würden. Ich denke, es liegt an mir, die Klasse zu motivieren, mit mir andere Wege zu gehen. Ich bin gespannt, wie sich mein Englischunterricht im Laufe des Freiwilligendienstes entwickelt.

Mit der Klasse, in der ich Englisch unterrichte, organisiere ich auch einen Chor für die diesjährige Graduierungsfeier. Ich bin froh, dass die Studenten des dritten Jahrgangs musisch sehr begabt sind, denn mit musikalischer Zusammenarbeit habe ich in PNG schon verschiedenste Erfahrungen gemacht. Dass Leute zu vereinbarten Terminen zu spät kommen oder gar nicht erst erscheinen, nehme ich mittlerweile immer gelassener. Mich regt jedoch vor allem die Probenarbeit auf. Musik bietet eine schöne Art der Verständigung, doch ist es auch Arbeit, miteinander einen gemeinsamen Weg zu finden. Übe-Hygiene, Technik, Theorie und Disziplin sind anders als ich es aus den Jugendorchestern und Ensembles gewohnt bin, in denen ich in Deutschland gespielt habe. Meinen Ärger darüber kann ich nur selten verstecken und ich habe das Gefühl, in diesen Momenten mit meinem gereizten Auftreten „kulturell anzuecken“.

Sehr viel Arbeit habe ich in den letzten Wochen in das diesjährige Yearbook gesteckt. Ich habe das Gefühl, dass das Konzept „Yearbook“ den meisten Personen hier am Seminar nicht sehr naheliegt. Dennoch wurde ich dafür angefragt und die diesjährigen Absolvent*innen haben ihr Interesse gezeigt. Dabei habe ich noch mehr darüber gelernt, wie wichtig und komplex wanbel-Prozesse sind. Ein wanbel (Einigung, wörtlich „Ein-Bauch“) ist das Einverständnis aller beteiligten/betroffenen Personen. Ich bin glücklich über den Verlauf dieses Projektes und wirklich zufrieden mit dem Ergebnis.

Ein weiteres Projekt, das ich übernommen habe, ist das „Breakfast Projekt“. An bestimmten Wochentagen bekommen die Studenten und Mitarbeitenden morgens eine Packung Cracker und Instantkaffee. Manchmal kämpfe ich damit, dass Regeln nicht eingehalten werden, was wohl aus Geldnot und Hunger resultiert. Dennoch sorgt der starke soziale Druck für einen weitestgehend reibungslosen Verlauf.

All diese Aufgaben zusammen fallen zeitlich nicht nur annähernd so stark ins Gewicht wie eines: mein Haushalt. Im tropischen Klima PNGs habe ich das Gefühl, dass ich nur „dem Verfall entgegenwirke“. Beim Putzen, Kochen, Abspülen, Stromausfälle bewältigen, Wasser holen, Insekten und Schimmel bekämpfen, Klamotten waschen, im Garten, beim Einkaufen etc. rinnt mir die Zeit durch die Finger, ohne dass ich besondere „Erfolgsgefühle“ habe. Mein Mantra: „Ich lerne fürs Leben.“ Damit kann ich mich über Wasser halten.

Insgesamt fühle ich mich immer wohler und ich habe das Gefühl, immer mehr zu verstehen. Mein Tok Pisin wird besser und ich denke, dass meine Sensibilität für bestimmte soziokulturelle Themen wächst, z.B. lerne ich, wie ich in Konfliktsituationen passend kommunizieren kann. Es gibt emotionale „Aufs“ und „Abs“ und vieles, das mir nicht leichtfällt. Trotzdem bin ich froh, den Schritt in diesen Freiwilligendienst gewagt zu haben und ich spüre, wie viel ich tagtäglich dazulerne, neu reflektiere und mich dadurch verändere. Ich bin sehr dankbar für das Privileg, dieses Jahr machen zu dürfen. Ich weiß zugleich, dass ich diese ambivalenten Erfahrungen sicher auch anders hätte machen können. Mich beschäftigt es, dass ich jeden Tag mit Jugendlichen aus der Gegend zusammen bin, die aufgrund von Rassismus, dem absurden globalen Machtgefälle, den (neo-)kolonialen und patriarchalen Strukturen und unzähliger weiterer Gründe nie die Möglichkeit haben werden, mein Zuhause in Hamburg zu erleben.

Lukim yu!

Cornelius

Ankommen

Gutpela Apinun!

Mi bin raitim laspela tok long hia na planti taim i go pinis.

Seit sechs Wochen bin ich nun in Papua-Neuguinea und es ist viel seit meinem letzten Blogeintrag passiert. Nach der Orientierungszeit in Asaroka, an deren Ende ich mich zum ersten Mal via Blog gemeldet habe, wurde ich zusammen mit zwei meiner Mitfreiwilligen abgeholt und im Auto nach Lae gefahren. Für die etwa 350 km lange Fahrt haben wir acht Stunden gebraucht. Wir waren verhältnismäßig schnell, weil wir uns in einem Geländewagen mit fachkundigem Fahrer befanden. Busse und LKWs brauchen erheblich länger, abhängig vom Zustand des Fahrzeugs und der Straße.

Lae ist die zweitgrößte Stadt des Landes und sehr wichtig für die Einwohner*innen Neuguineas, weil die in Papua gelegene Hauptstadt Port Moresby nicht durch eine Straße mit dem Rest des Landes verbunden ist. Der Highlands Highway ist die einzige Straße, die die Küste und das Hochland verbindet. Alle Güter, die von Lae ins Hochland oder anders herum transportiert werden, befinden sich auf dieser Straße. Das gilt sowohl für jegliche internationale Ware, die in Laes Hafen ankommt, als auch für Produkte wie z.B. Coca-Cola, Cracker und Nescafé, die in Fabriken in Lae hergestellt werden. Auch Lebens- und Genussmittel, die an der Küste angebaut werden, wie z.B. Kokosnüsse, Palmöl und Buai und Erzeugnisse des Hochlands wie Kaffee, Brokkoli und Honig werden hier befördert – kurzum: Der Highlands Highway ist die wirtschaftlich wichtigste Straße PNGs.

Menschen, mit denen wir entlang des Highways in Kontakt kamen, bezeichneten ihn manchmal als „Lebensader der Highlands“. Die kraterartigen Schlaglöcher sind die fortgeschrittene Atherosklerose. Viele Personen erzählten, sie seien frustriert: Seitens der Politik würden zu Wahlzeiten viele Versprechungen gemacht, die Straße herzurichten, doch getan habe sich selten etwas. Es stimmt mich nachdenklich, wenn einzelne Personen mir vorrechnen, wie sie profitierten, wäre die Straße durchgängig gut befahrbar. Eine Verkäuferin auf dem Markt scherzte, am besten sei es, Coca-Cola und Nestlé bauten die Straße gemeinsam auf und nähmen anschließend Zoll. Leider kann ich mir das nur zu lebhaft vorstellen…

In Lae angekommen hatte ich einen Tag Zeit, um alle Sachen einzukaufen, die man in Finschhafen nicht bekommt, und mein Gepäck für die anstehende Speedboat-Fahrt angemessen einzuwickeln. Speedboats (Dingi) sind weit verbreitete Verkehrsmittel, die alle Küstenorte anfahren, zu denen keine Straße führt. Straßen gibt es nicht viele. Die vierstündige Bootsfahrt war zwar nicht minder holprig als die Autofahrten, die ich bisher erleben durfte, aber hat mir trotz der blauen Flecken um ein Vielfaches mehr Spaß gemacht.

So kam ich am 2. September in meiner neuen „Heimat“ Logaweng an. Ich wurde mit singsing begrüßt und zu meinem Haus geführt – so ist es in Logaweng Tradition. Nach dem herzlichen Empfang war es für mich schön, erst einmal Zeit mit mir alleine zu haben. Mir fällt auf, wie anstrengend es für mich ist, längere Zeit unter vielen Menschen zu sein. Ich fühle mich dann beobachtet und lenke meine Aufmerksamkeit vermehrt darauf, was ich tue und wie ich nach außen wirke.

In den ersten Tagen habe ich mein Haus geputzt, aufgeräumt und eingerichtet, mich im Seminar und in der Umgebung orientiert und viele Menschen kennengelernt. Zu Logaweng möchte ich erst in einem späteren Blogeintrag etwas schreiben, denn ich beobachte noch, versuche, die Strukturen zu verstehen, und übernehme nach und nach mehr Aufgaben. So viel vorweg: Ich fühle mich sehr wohl! Besonders dankbar bin ich für meine Nachbar*innen Anne und Knut mit ihren Kindern, Nora und Jaron (cramersinpng.wordpress.com). Sie kommen aus Deutschland und sind Dozent*innen am Seminar. Es hilft mir beim Ankommen, dass es auf diese Art etwas „Vertrautes“ gibt. In der kurzen Zeit haben sie mir schon außerordentlich viel unter die Arme gegriffen.

Sie waren es auch, die mich vom 11. bis 18. September auf eine Reise mitgenommen haben. Wir haben eine deutsche Familie besucht, die in der Nähe des etwa 100 km Luftlinie entfernten Wasu lebt. Dort befindet sich Etep, eines der lutherischen Krankenhäuser. Wasu liegt wie Finschhafen an der Küste, aber von dort aus ist es deutlich schwieriger, eine größere Stadt zu erreichen. Die Woche war wunderschön, nicht zuletzt dank der Gastfreundschaft und traumhaften Natur – auch ohne Internet. Eines meiner Highlights war der Einblick in den Betrieb des Krankenhauses samt Operationsvisite. Ich bin beeindruckt, wenn ich sehe, mit welchen Mitteln in den lutherischen Krankenhäusern PNGs gearbeitet wird, denn ich habe immer noch das Hamburger Institut für Experimentelle Herz-Kreislaufforschung vor Augen.

Von Etep aus ging es für mich direkt weiter zur National Youth Conference der Evangelical-Lutheran Church (ELC-PNG) in Lababia. Drei Nächte und zwei Tage auf einem Boot, ein paar Mal Übergeben, viele Verspätungen und Unklarheiten, einen unvorhergesehenen Einkaufstag in Lae, unzählige waitskin-Extrabehandlungen, drei nächtliche auf-dem-Schiff-spontan-Gottesdienste und einige neue Bekanntschaften später kam ich an.

Die Youth Conference war für mich sehr interessant und lehrreich in Bezug auf die Strukturen in der ELC-PNG und die Definitionen lutherischen Glaubens. Auch waren die Tage für mich sehr herausfordernd. Es gab keine Sanitäreinrichtungen oder Privatsphäre, ich hatte das Gefühl, dass immer ein Scheinwerfer auf meine Haut gerichtet ist, das Essen bestand täglich aus den gleichen Knollen und ich habe die Nächte auf einer Bambusmatte verbracht. Beim Schwimmen im Meer und Korallentauchen konnte ich die mich begleitende Anspannung etwas abschütteln.

Meine Geige ist bei allen Unternehmungen dabei und weckt viel Interesse. Sei es, dass ich bei einer Independence Day-Veranstaltung die Nationalhymne spielen soll oder im Abschlussgottesdienst der Youth Conference eingeplant bin, sie leistet gute Dienste und hilft mir, Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen. Bei der Fahrt zurück von Lababia nach Logaweng durch strömenden Tropenregen und aufgewühltes Meer ist aber leider der erste größere Schaden entstanden. Hals, Sattel, Zargen und Griffbrett haben sich gelöst. Mit dem Leim, den mir mein Geigenbauer mitgegeben hat, einer Anleitung per Mail und etwas unorthodox eingesetztem Sekundenkleber konnte ich die Geige wieder einigermaßen zusammenflicken.

Am 27. September bin ich nach Logaweng zurückgekehrt. Ich habe allerdings wieder nur ein paar Tage Aufenthalt, denn vom 3. bis 8. Oktober steht schon das International Family Retreat in Alexishafen an. Endlich eine Reise mit Flugzeug, statt mit Boot. Ich überlege mir noch, wie ich es euphemistisch als alternative Form des Klimaprotests verpacken kann… Umweltverschmutzung und Klimakrise sind in PNG in vielerlei Hinsicht greifbar. Eine Mine nahe Alexishafen hat letzte Woche Quecksilber ins Meer geleitet und es ist nicht genau bekannt, wie viel. Das ist kein Einzelfall. Die asples bilong nambis (Menschen, die an der Küste geboren und aufgewachsen sind) beobachten seit einigen Jahren das Korallenbleichen und schrumpfende Fischbestände, leiden unter Überschwemmungen und extremen Wetterlagen. Mir ist klar, dass ich meinen Lebensstil noch sehr viel drastischer verändern muss.

Bis jetzt habe ich mich überall als „Besucher“ gefühlt. Hände schütteln und den üblichen Smalltalk auf Tok Pisin kann ich mittlerweile im Schlaf. Neben Namen, Familie, Herkunft, Geige, Sonnenbrand und Freiwilligendienst gibt es einige Themen und Fragen, die mich in ihrer Häufigkeit überraschen. Viele Menschen sind interessiert, wo ich gerade herkomme und wo ich hingehe. Dafür werde ich selten gefragt, wie es mir geht. Es wird leidenschaftlich gerne vom eigenen Gemüse- und Obstgarten erzählt und meine Gesprächspartner*innen sind selten überrascht, wenn ich zugebe, dass ich keinen habe – bekanntlich kaufen sich die Weißen ihr Essen.

Ein Thema, das mich sehr beschäftigt ist meine subjektive Wahrnehmung von und mein Verhältnis zu „Zeit“:  Eine Woche hier fühlt sich für mich viel länger an als noch zuletzt in Hamburg. Ich spüre, wie viel ich zu verarbeiten habe. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass die Zeit immer mehr anzieht, je mehr ich meine Umgebung gewohnt bin, je weniger mich alltägliche Dinge wie Stromausfall, Kochen mit Gasherd und Kratzer an den Beinen beschäftigen. Ich glaube, über manche Sachen hat mein Gehirn aufgehört nachzudenken. Es nimmt sie einfach hin.

Ich versuche an meiner Einstellung gegenüber „Warten“ zu arbeiten. Für mich ist das primäre Problem nicht das Warten an sich, sondern, dass ich oftmals nicht weiß, wie lange ich „nichts-tuend“ herumsitzen werde und worauf ich eigentlich gerade warte. Ich warte darauf, dass das Boot losfährt, ich warte darauf, dass die Veranstaltung beginnt, am allermeisten aber warte ich auf andere Personen.

Meine „Ungeduld“ trage ich manchmal gewollt oder ungewollt nach außen. In diesen Momenten wird oft entschuldigend oder mit einem Augenzwinkern etwas zu „PNG taim“ gesagt. Ich denke, „long PNG taim“ lässt sich sinngemäß am besten mit „wenn es passt“ übersetzen, „später als vereinbart“ trifft es meiner Meinung nach nicht. So fuhren die Boote bei der Fahrt von Finschhafen nach Wasu oder von Lababia nach Lae Stunden früher ab als besprochen: Anscheinend passte es allen anderen so, nur ich war darauf nicht eingestellt und packte hektisch meine Sachen.

Im Gespräch mit mir idealisieren viele Menschen das Konzept von Zeit und Pünktlichkeit, dass sie mit Deutschland bzw. „den Weißen“ verbinden. Vielleicht möchten sie nur freundlich zu mir sein, vielleicht aber wünschen sie sich tatsächlich eine Gesellschaft, die nach solchen Maßstäben funktioniert. Ich zucke manchmal zusammen, wenn eine Person aus PNG davon spricht, dass sich dieses „third world country“ endlich „entwickeln“ solle. Diese „Entwicklung“ scheitere aber an der Einstellung der Menschen bezüglich Arbeit, Zeit und Geld. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll, weil meine Sichtweise ganz anders ist.

Sehr gut erinnere ich mich an ein Gespräch mit einer älteren Person in der Wartehalle von Lutheran Shipping Services. Sie hat „PNG taim“ so definiert: „Sapos olgeta de yu hariap hariap tumas olgeta samting yu lusim i stap em i bai kamap samting nogut. Tasol sapos yu go isi isi mekim isi isi olgeta samting i kamap gutpela. Olsem na nogut yu go hariap oltaim. Samting nogut bai kamap!“ Frei übersetzt heißt das: “Wenn man sich immer beeilt, wird das, was man zurücklässt, nicht gut werden. Wenn man sich aber Zeit lässt, wird alles sorgfältig und gut gemacht sein. Deshalb ist es nicht gut, wenn man immer alles schnell macht. Schlechtes wird passieren.“

Ich habe versucht, diesen Gedanken auf mein eng getaktetes Leben in Deutschland zu beziehen. Ich denke, unter der Schnelligkeit meines Lebens leidet nicht die „Qualität“ der Sachen, die ich von meiner To-do-Liste streichen kann, sondern eher der Blick für uneingepasste Dinge und die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen, die unter den Erledigungen Platz finden müssen.

Ich habe das Gefühl, mich gerade in einem Kontext und System zu befinden, in dem ebendieser Beziehungsebene sehr viel Raum und Zeit gegeben wird. Es fällt mir sehr schwer, mich daran zu gewöhnen, und ich hoffe, dass ich in diesem Jahr lernen kann, es mehr wertzuschätzen. Das bedeutet für mich beispielsweise auch, es wertschätzen zu können, im Boot auf andere zu warten, so wie im Boot auf mich gewartet wird, wenn ich es erst zur vereinbarten Zeit schaffe.

Ich freue mich jetzt schon darauf, nach dem Aufenthalt in Alexishafen länger am Stück in Logaweng zu sein und in intensiveren Kontakt mit den Studierenden und der Belegschaft zu kommen. Ich habe viele Ideen, an welchen Stellen ich gerne (mit-)gestalten möchte, und schon Angebote zu Aufgaben bekommen, die ich übernehmen kann und darf.

Lukim yu!

Cornelius

Wanderung auf einen Berg bei Asaroka mit Blick auf die Landschaft

Orientierung

Moning tru! Nem bilong mi Cornelius na mi bai voluntia long Logaweng long Papua Niugini wanpela krismas.

Seit zehn Tagen bin ich nun in Papua-Neuguinea (PNG). Die Flüge hierher waren lang, aber zu meiner Überraschung und Freude lief alles reibungslos. Ich bin zusammen mit Malte gereist, dem anderen PNG-Freiwilligen der Nordkirche. Am Flughafen von Port Moresby, der Hauptstadt PNGs, haben wir vier andere Personen getroffen, die ich schon kannte, da wir im Frühjahr gemeinsam die Landessprache Tok Pisin gelernt haben: drei Freiwillige der Bayrischen Landeskirche und ein Theologiestudent, der in PNG sein Gemeindepraktikum macht. Zu sechst flogen wir weiter nach Goroka.

Unser Freiwilligendienst beginnt nämlich mit einer Orientierungszeit in dem benachbarten Asaroka, einer Region in der Eastern Highlands Province, und nicht direkt in unserem jeweiligen Projekt. Für diese Zeit leben wir in einer ehemaligen Missionsstation. Um uns kümmern sich Regine und Martin Weberuß, die volunteer coordinators, und Moses, unser Niugini wasman (Aufpasser). Die Orientierungszeit dient unter anderem dazu, unsere Tok Pisin-Fähigkeiten in morgendlichen Unterrichtseinheiten mit Moses aufzufrischen. Wir werden nicht „ins kalte Wasser geschmissen“ und direkt an unsere Zielorte gebracht, sondern haben zehn Tage Zeit, um Ausflüge zu machen und Erlebtes im Austausch miteinander zu verarbeiten, aber auch für uns selbst einordnen zu können.

Ich bin sehr dankbar für die Fülle an Unternehmungen und die Menschen, denen ich begegnet bin. Es kann allerdings nicht alles, was wir gemacht haben und erleben durften, in diesem Blog Platz finden. Selbst das Schreiben in mein eigenes Tagebuch fällt mir schwer, denn ich merke, dass ich mit dem Vorsatz, alles zu notieren, das mich bewegt hat, täglich ein Buch füllen müsste.

In meinem Blog möchte ich weniger beschreiben, was ich gemacht habe, sondern mehr auf meine Sichtweise und Gedanken in Bezug auf das Erlebte eingehen. Ich möchte hier einige Themen und Situationen teilen, die mich in der Zeit in Asaroka besonders beschäftigt haben:

Noch nie habe ich so oft an meine Hautfarbe gedacht. Wenn wir, sechs weiße, junge Männer, in Asaroka und Umgebung unterwegs sind, erregen wir Aufsehen. Ich habe das Gefühl, dass viele Personen sich freuen, uns zu sehen: Auf dem Markt wird uns „ol wait pikinini kam long hia“, „waitman“, „waitskin“ und „missionaries“ hinterhergerufen – das ist hier, so erfahre ich, positiv besetzt. Es gibt viele Hände, die geschüttelt werden wollen und viele Fragen, die auf Antwort warten. Dass mir diese Aufmerksamkeit gefällt, mag ich selbst nicht.

Moses hat uns gesagt, Weiß-sein wird von vielen Menschen mit wirtschaftlichem Reichtum und Wissen verbunden. Für mich sind weiß und schwarz nicht nur Hautfarben, sondern kritisch-politische Kategorien. Bei einem Besuch in der Primary School Asaroka habe ich mich darüber mit der Bibliothekarin unterhalten. In diesem Gespräch habe ich zwischen den Zeilen gehört, dass es auch viele Menschen in PNG gibt, die Weiße „nicht mögen“. Mit Menschen, die das fühlen, bin ich allerdings noch nicht direkt in Berührung gekommen oder vielleicht sind sie mir bisher nicht aufgefallen. Ich versuche das für mich einzuordnen: Zum einen befinde ich mich in einem kirchlichen Kontext, in dem viele Menschen mir etwas entgegenbringen, das ich als eine Form von Dankbarkeit für die Missionierung wahrnehme, was mich zeitweise befremdet. Zum anderen, gehen die missbilligenden Blicke, die wir auf der Straße vielleicht auch bekommen, bei mir unter zwischen Grüßen, Händeschütteln und lachenden Gesichtern. Die Gründe für die Ablehnung oder ein distanziertes Verhältnis kenne ich nicht, aber beim Versuch, mich in eine Person aus PNG zu versetzen, fallen mir viele Gründe ein, Weiße nicht zu mögen.

Eine Szene beschäftigt mich sehr, die beim Wäschewaschen am Fluss passiert ist. Malte war gerade dabei, das Waschpulver aus einer meiner Socken zu spülen, als ihm die Socke entglitt, der starken Strömung folgte und in den Büschen an der Flussbiegung verschwand. Ein alter Niugini, der neben uns saß und ein wenig mit uns geplaudert hatte, sprang auf und hechtete ins Wasser, um die Socke herauszufischen. Als er sie nicht mehr sehen konnte, watete er noch zehn Minuten durch das Gestrüpp und Wasser, um die Socke zu finden. Auch unser beschwichtigendes „Maski. Yu no mas painim soks bilong mipela. I orait!” konnte ihn nicht davon abhalten, weiterzusuchen. Seine Enttäuschung war groß als er die Socke auch nach intensivem Suchen nicht gefunden hatte. Ich fühlte mich in der Situation sehr unwohl, denn ich denke, er hätte die Socke nicht so lange gesucht, wären wir nicht weiß.

Gegen Ende der Orientierungszeit wurden wir in Asaroka weniger „angeschaut“. Ich vermute, das liegt daran, dass wir recht bekannt geworden sind, wobei unsere Besuche in den Schulen sicher geholfen haben. Asaroka ist eine Art lutherisches Schulzentrum. Hier befinden sich sowohl eine Elementary School (Klassen 1-2), als auch eine Primary School (Klassen 3-8) und eine Secondary School (Klassen 9-12). Der Aufbau des Schulsystems erinnert mich an Adelaide, wo ich 2016 für einen Term die Schule besucht habe. Manche der Schulgebäude stammen auch aus der Zeit Neuguineas als australisches „Territorium“ von 1919-1975.

Seit über zwanzig Jahren ist der Schulbesuch in PNG kostenlos. Der Staat übernimmt die Schulgebühren der einzelnen Schüler*innen. In den Schulen sieht und hört man aber, dass der Staat nur selten die versprochenen Summen zahlt. Somit werden andere Gebühren wie z.B. „project fees“ auf die Schüler*innen umgelegt. Immer wieder ist von Korruption in Port Moresby die Rede und ich habe das Gefühl, viele Lehrer*innen sind frustriert.

Ein ganz anderes Bild zeigte sich uns beim Besuch der University of Goroka. Hier zahlen die Studierenden die Studiengebühren in Höhe von etwa 2000€ pro Jahr selbst. Manche haben Stipendien vom Staat, der dann die Hälfte übernimmt. Die Universität hat WiFi, viele Computer, ein großes Auditorium, eine gut ausgestattete Bibliothek und vieles mehr. Einige Gebäude und große Teile der Ausstattung wurden von anderen Ländern wie China, Australien, Japan oder Korea bezahlt.

Die Studierenden, mit denen wir abseits unserer privaten Tour gesprochen haben, meinten, es gebe nur wenige Plätze an den Universitäten des Landes und die meisten Menschen könnten sich das Studium nicht einmal leisten, wenn die gesamte Großfamilie zusammenlege. Falls man ein Studium abgeschlossen habe, ließe sich trotzdem nur schwer eine Anstellung finden.

Dieses Bild spiegelt sich in Asaroka und Goroka wider. Viele Menschen ernähren sich von dem, was sie in ihren fruchtbaren Gärten anbauen und finden Wege, Geld dazuzuverdienen. Uns wurde gesagt, eine feste Anstellung hätten weniger als 10% der Menschen, selbst wenn sie eine Ausbildung genossen oder studiert hätten. Ich habe einmal die Mitreisenden im Bus von Asaroka nach Goroka gefragt, was sie in der Stadt machen wollten. Die Antwort der meisten Leute lautete: „Go raun long taun.“ (In der Stadt herumlaufen.) Eine Person hat uns darauf einfach den Tag lang in Goroka begleitet und wollte uns beim Tragen der Einkaufstaschen helfen.

Ich verstehe hier vieles nicht und vieles muss ich auch nicht verstehen können. Momentan empfinde ich es als befreiend, wenn es in Ordnung ist, einfach mal planlos zu sein. Es fühlt sich so an, als stehe ich nicht unter Druck, solange ich mir selbst keinen mache. Um mir ein bisschen Struktur zu geben, spiele ich täglich Geige.

Obwohl es mir nicht leichtfällt, all die Erlebnisse und Begegnungen in mein Tagebuch aufzunehmen, versuche ich mir dafür Zeit zu nehmen. Mein längster Tagebucheintrag stammt von dem Sonntag, an dem die Delegation der lutherischen Gemeinde Golden Grove aus Adelaide hier war. Ich habe sie als Menschen mit erzkonservativen, rassistischen und imperialistischen Ansichten erlebt. Sie kommen nach Asaroka mit dem Auftrag, zu fragen, woran es den Schulen fehlt, und sammeln anschließend Spenden und Gelder in Adelaide.

Bei den Schulbesuchen habe ich einige Auswirkungen dieser eingespielten Praxis gesehen. In der Klasse 6b handelt die Schullektüre im August von einer weißen Familie, die mit ihrer schwarzen Dienerin lebt. Viele der Schüler*innen benutzen beim Ausmalen von Haut „skin colour“ in ziemlich genau der Farbe meines Unterarms. Die Klassenräume zeigen Plakate mit weißen Menschen, auf denen die vier Jahreszeiten erklärt werden. Schade nur, dass Schnee in der Lebensrealität vieler Schüler*innen hier keine Rolle spielt.

Durch die gespendeten Materialien bestimmt die lutherische Gemeinde Golden Grove also indirekt den Unterrichtsinhalt mit. Diese Dinge wurden wohl irgendwo in der Umgebung von Golden Grove aussortiert, aber für die Schüler*innen in Asaroka reichen sie ja noch. Die Bibliothek der Primary School war gefüllt mit derartigen Schmuckstücken und die Grußworte, die die Delegation beim Gottesdienst in der Secondary School gesprochen hat, ließen erahnen, was es für eine „wonderful partnership“ ist.

Für mich war dies bisher das einprägsamste Erlebnis in Bezug auf den Einfluss anderer Länder auf PNG, aber es war bei weitem nicht das einzige. Bis jetzt bin ich in der Orientierungszeit täglich über Beispiele der finanziellen Abhängigkeit PNGs von anderen Staaten und der damit verbundenen Einflussnahme gestolpert. Für mich ist ein solches von kolonialen Kontinuitäten geprägtes Verständnis von Partner*innenschaft unverständlich. Es frustriert mich, die Auswirkungen der globalen Strukturen zu erleben. Am schlimmsten ist für mich aber, im Zuge des Freiwilligendienstes und durch meinen Alltag in Deutschland wissentlich Teil dieser Einflussnahme zu sein.

Schon jetzt habe ich aus meinem Freiwilligendienst mitgenommen, wie wichtig es ist, dass ich politisch aktiv(er) werde. Das habe ich vor allem in Kontakt mit den anderen Weißen gemerkt, die ich hier kennengelernt habe. Sie waren bisher nicht in der Blase, die ich jetzt erweitere.

Soweit einige meiner Erlebnisse und Gedanken aus der Orientierungszeit. Der nächste Schritt ist, von Asaroka nach Logaweng zu fahren und meine Heimat der nächsten elf Monate kennenzulernen. Ich bin gespannt, was mich erwartet!

Lukim yu!

Cornelius

Lukim yu, Papua Niugini!

Es ist soweit. Mein letzter Blogeintrag über mein einjähriges Leben in Logaweng.

Es war ein wirklich spannendes Jahr! Ich habe so viele prägende Dinge erlebt, so viel dazugelernt und so sehr viel Nähe erfahren. Mir wurde unglaublich viel geholfen!

Das sind alles Geschenke, die ich mit Freuden nach Deutschland nehmen kann.

Ich habe sehr viel über eine andere Kultur erfahren und vermag es viele Dinge mittlerweile gut einzuschätzen. Am Anfang war dies alles ein wenig anders. Eine stetige Unsicherheit begleitete mich… was darf ich hier jetzt machen, wie verhalte ich mich in dieser Situation? Was sage ich? Wie gehe ich mit einer (gesteigerten) Aufmerksamkeit meiner Person gegenüber um?Was kann ich machen, damit die Leute mich respektieren können und wie respektiere ich sie?

Diese Fragen und noch viele mehr brauche ich mir nun nicht mehr zu stellen. Denn – nach einem Jahr und einer dauerhaften Konfrontation mit ihnen wurde ich sehr viel sicherer.

Manchmal war das nicht so leicht. Oft gab es Missverständnisse meinerseits oder von anderer Seite. Zum Beispiel habe ich gelernt, dass eine Abmachung oft auch nicht mehr als ein loses Einverständnis sein kann. Genauso die Zeit: in den ersten Wochen war ich immer zu der jeweiligen angegebenen Zeit dort wo ich sein sollte… nur eben oftmals allein. Viele Stunden habe ich mit warten verbracht, auf Boote, Autos, Schüler, Strom, Wasser…

Jetzt kann ich die Zeit sehr viel relativer verstehen und mache mir immer weniger aus Unpünktlichkeit.

Das ist natürlich nicht ganz spurlos an mir vorbeigegangen 😉 Die (große) deutsche Tugend ist mir ein wenig flöten gegangen… und es wird sicherlich spannend damit in Deutschland anzukommen, dem Land der Uhren, dem Stress. Dem Land in dem manchmal einzig und allein für die Zeit gelebt wird? Alles wird geplant und meistens auch so durchgeführt. Stille Momente genießen kann eine Seltenheit sein.

Die Menschen hier an der Küste haben einen sehr viel gesünderen Umgang damit gefunden. Wenn etwas heute nicht passiert, macht man es eben “bihain” , später.

Auch die Sicherheitslage einer Situation einzuschätzen war am Anfang durchaus schwierig.

Kann man sich als Weißer in Lae (der nächsten Großstadt) einfach auf die Straße stellen? Ja! Auch wenn mir das vermutlich wenige der in Lae lebenden Australier glauben können geht auch dies – und man bekommt eine Menge interessierter Blicke zugeworfen. Ein Whiteskin, der sich an die Straße stellt oder womöglich auch noch ein wenig herumläuft. Pidgin spricht? Das ist eine Abnormalität in Lae. Denn dort leben die verschiedenen internationalen Gruppen sehr für sich selbst.

PNG ist eine andere Welt. Sie ist nicht zu vergleichen mit der, nur wenige Kilometer entfernten, Australischen.

Diese Welt hat, wie alle anderen auch, Probleme. Und sie hat wunderbare Seiten. Sie ist gefüllt von Empathie und Teilnahme sowie Interesse an den anderen Menschen. Fast schon die Kehrseite zu einem sehr individuellen und Ich-fokussierten Deutschland.

Ich bin unendlich dankbar das zu erfahren.

PNG ist anders, als in Deutschland allgemein angenommen wird. Es gibt keine Kannibalen und Wilden. Auch PNG ist seit langem in der “Zivilisation” angekommen. Menschen haben Handys, es wimmelt von Motorgeräuschen, es gibt, wenn Empfang da ist, teilweise besseren Handy und Internetempfang als in Deutschland.

Ich kann mutigen Menschen nur empfehlen mal aus Deutschland herauszukommen und ein paar andere Wahrheiten und Lebensstile kennen zulernen. Europa, Sofa und politische Leyenspiele zu verlassen und anders zu erleben. Den eigenen Horizont zu erweitern. Es lohnt sich!

Einen Haken gibt es natürlich bei dem Ganzen: Das Zurückgehen.

Denn wer möchte schon freiwillig zurück? Für mich gibt es gerade nicht so viele motivierende Punkte an Deutschland. Ich kann Weltenbummler und Auslandsdeutsche wirklich sehr gut verstehen, denn wenn man einmal wo anders war, viel erlebt hat und sich in diese Neu erlebte verliebt hat, dann ist es schwer einfach wieder zurück zu gehen.

Ich darf dies nun machen und bin gespannt. Besonders auf die Seiten die dann doch wieder positiv aus Deutschland herausstechen.

Aber – ich möchte wieder hierher kommen. Ich mag diese pazifische Lebenseinstellung sehr. Außerdem habe ich es schon versprochen, es gibt also nicht viel was ich dagegen machen könnte.

Bei meinem Abschied wurden auch ein paar Reden gehalten.

Volontäre kommen und gehen. Sie kommen aus einer anderen Kultur. Und wir teilen unsere mit ihnen. Wir bringen ihnen viele Sachen bei und sie uns auch. Wir helfen ihnen beim Erwachsenwerden. Wir leben zusammen, essen zusammen und haben zusammen Freude. Wir teilen unseren Glauben und stärken die Partnerschaft zwischen den weltweiten Christen.

Milo geht nun zurück zu seinem (Ples (Dorf), aber er wird uns nicht vergessen wie auch wir uns an ihn und diesen Namen (Milo-drink) erinnern werden. Und eines Tages treffen wir uns wieder.

Yumi paitim wanpela bikpela hamamas han!“

(gekürzt)

Ich kann dem nichts mehr hinzufügen.

Daŋge Ŋaŋgam

Mosby, Waspapa und die Dunkelheit

Gibic nangam!

Oder auch guten Abend!

Ich sitze gerade in der Bücherei und passe auf die Bücher und Taschen auf. Aufpassen ist allerdings fast schon zu viel gesagt. Hier darf einfach keine Bücher ausleihen, und deshalb müsste ich theoretisch die Taschen der hier lesenden Studenten beim Verlassen der Bücherei kontrollieren. Das einzige Problem – ich sitze im Dunkeln. Da ist es natürlich schwer irgendwelche Taschen zu kontrollieren, ganz geschweige davon, hier ein Buch zu lesen.

PNG Power, der alternativlose Stromversorger, hat nämlich jetzt jeden Tag einen Power-cut eingeführt. Deshalb ist es hier besonders schwer, von 6 bis 8 Uhr Abends, den Stoßzeiten der Bücherei, Bücher zu lesen. Manchmal gibt es dann dazu sogar noch spontane Stromausfälle! Ein spannender Mix aus Dunkelheit, lauwarmen Kühlschränken und Stillstand.

Aber nicht alles steht in diesem Land gerade still…!

Seit heute Nachmittag gibt es einen neuen Prime Minister, den ehrenwerten Hon. James Marape aus dem Tari-Open Gebiet. Ein langer Streit und eine Regierungskrise voraus, hat man sich heute im Parlament endlich geeinigt, es ist genug Geld auf private Konten überwiesen worden und alle können erst einmal ein wenig Verschnaufpause halten. Soviel zu den politischen Veränderungen…

Auch privat habe ich mich sehr schön eingelebt und blicke der unvorhersehbaren Zukunft in Deutschland mit gemischten Gefühlen entgegen. Auf der einen Seite freue ich mich, ein paar vertraute Gesichter wiederzuentdecken, auf der Anderen habe ich hier auch viele Bindungen aufgebaut… Daher nutze ich jede Gelegenheit, um doch noch ein bisschen mehr Kultur erleben zu können.

Blöd nur, dass es gar nicht mehr solange dauern wird, bis ich wieder losfliegen darf. Einmal um die halbe Welt, die sogenannte Kontrapolitik gegen alle Freitagsschulschwänzer. Wie ihr seht– ein bisschen habe ich dann doch auch aus Deutschland mitbekommen.

Also zurück in ein Land dem nichts zu hektisch erscheint, raus aus der pazifischen Sonne. Wobei das Wort Sonne in der gegenwärtigen Regensaison auch seltener fällt.

Die Regenpausen nutze ich momentan für die Beschaffung einiger Materialien für eine kleine Sitzgelegenheit hinter meinem Haus. Eine wahrlich schweißtreibende Tätigkeit – aber so kann ich immerhin die vielen abgeholzten Bäume hinter meinem Haus noch sinnvoll verwerten. Hilfe bekomme ich dabei von Mitgliedern meiner Waspapa Gruppe. Die Waspapa-Gruppen (was-> aufpassen, also der Aufpasspapa) wurden hier im Seminar eingeführt, damit jeder Student einen Ansprechpartner bei privaten Problemen hat. Jeden 2. Mittwoch wird sich getroffen, zusammen Gottesdienst gefeiert und dann über Entwicklungen und zukünftige Veranstaltungen gesprochen. Eine wirklich schöne Sache von der sicherlich viele Menschen profitieren können. Geleitet werden diese Gruppen von einem ausgesuchten Chairman, der wiederum Hilfe und Anweisungen von einem Pastor bekommt.

Nun hat sich meine Gruppe dazu bereiterklärt mir so eine kleine Hütte zu bauen und mir dabei die handwerklichen Methoden zu zeigen. Und weil es manchmal sehr lange dauern kann ein solches Projekt auf die Beine zu stellen, habe ich vorsichtshalber schon einmal selbst damit angefangen 🙂

Morgen gehe ich mit einem Studenten auf seine Arbeit im Felde, eine Art Vorvikariat für die Studenten des dritten Jahres. Ich bin sehr gespannt darauf, mal ein Dorf aus der Mappe-Region kennenzulernen.

So jetzt geht das Licht wieder an und ich werde dann jetzt die ersten patschnassen Studenten erwarten, welche sich durch den Regen gekämpft haben.

Gehabt auch wohl ihr in Deutschland und macht ab und zu mal gemütliche Pausen im Alltag. Das tut sehr gut 😉

Ajoc tunang gen – das wars

Bis zum nächsten Mal, Milo

Vom Buschhaus zum Hotel – und zurück!

Nun denn, es ist wieder an der Zeit mal etwas zu schreiben… Ich war nämlich etwas länger unterwegs – und Zuhause schreibt es sich doch noch immer am Besten!

Nach einer lange Reise bin ich jetzt  wieder in Logaweng angekommen und versuche mich hier in den Alltag einzugliedern. Moment was heißt hier denn schon Alltag? Denn so etwas gibt es ja eigentlich auch nicht so richtig. Sicher, es gibt Tage die immer gleich beginnen – mit einem Lotu um zehn vor acht. Aber dann wird doch jeder Tag zu seinem Eigenen. Monotonie gibt es hier natürlich auch sehr viel, aber sie scheint doch immer ein ganz kleines bisschen anders zu sein als zuvor.

Zum Beispiel wird diese Woche der reguläre Unterricht anfangen, nachdem jetzt für 2 Monate Ferien waren. Aber  – es kommen mit der neuen Woche auch einige Gäste aus PNG und Deutschland zu Besuch.  Mit dann gleich zwei Bossmännern der EKG und der ELCPNG wird Logaweng dann zumindest für ein paar Tage plötzlich zur High-Society werden. Jack Urame heißt der eine. Er ist der Bischof der Neuguineischen Lutherischen Kirche und auch bestens mit Deutschland vertraut. Der andere heißt Bedford-Strohm und ist Vorsitzender der Lutherischen Kirche in Deutschland. Für so ein kleines Logaweng ist das natürlich eine RIESEN Sache und so laufen seit ein paar Tagen auch die Vorbereitungen auf Hochturen. Schwein, Huhn, Kaukau, Taro, Kumu und Kokusnüsse werden zusammengetragen, Bilas hergestellt und die Verkleidungen für den Singsing vorbereitet. Alles schwirrt dem großen Augenblick entgegen – der ist dann wenn ein Helikopter aus Lae unten am Fußballfeld landet.

Besser gesagt, morgen früh. Daher ist ganz Logaweng gespannt auf die nächsten Tage.

Für mich ist die nächste Woche auch wieder ein Schritt zur Normalität, nachdem ich fast zwei Monate „außer Haus“ war. Pünktlich zum Semesterschluss habe ich mich in die Highlands abgesetzt, um dort mit einem Studenten auf seinen Ples, sein Dorf zu gehen. Eine Woche später, vollgepackt mit Erfahrungen, einer Goldmedallie im Schattenspringen, viel Geduld und einem Sack Kartoffeln ging es dann weiter nach Goroka, wo ich einige Tage bei dem MEW Freiwilligen Daniel zu Gast war.

Danach, mit Daniel im Gepäck ging es wieder an die Küste, dieses Mal allerdings nach Madang, wo wir herzlich vom Ps. James aus den Phillipinen begrüßt und beherbergt wurden.

Aber auch dort hielten wir es nicht lange aus, war doch unser eigentliches Ziel Karkar. Karkar, eine Vulkaninsel in der Bismarcksee hatte nämlich zufällig eine deutsche Familie auf sich wohnen – mit denen wir Weihnachten und Silvester verbringen wollten. Gesagt, getan. Mit der Yacht der Plantagenbesitzer „Middeltons“ sind wir kostengünstig, nämlich für umsonst auf die Insel gekommen und haben gleich mal den Vulkan aus der Nähe bestaunt. Für die Inselbewohner ist dieser imposante Vulkan eine heilige Stätte und wenn man dort davor steht, dann hat man auch eine Ahnung warum.

Auch wenn wir es aus verschiedensten Gründen nicht mehr auf den Vulkan geschafft haben, so war die Zeit die ich in Gaubin erleben durfte doch eine wunderbare.  Ich habe unter anderem einen kleinen Einblick in das Haus Sik in Gaubin bekommen und wurde zum kurzzeitigen Schachmeister unserer Runde…

Nach dieser tollen und auftankenden Zeit  ging es dann in einem Schwung weiter zu dem Voluntärseminar auf Fiji.

Fiji, eine Welt für sich, werde ich hier jetzt nicht erläutern… nur soviel: Ich war froh zu wissen, bald wieder in das doch ruhigere PNG zu gehen, in eine Welt die ich mehr verstehe als die fijianische.

Ein Höhepunkt auf Fiji war natürlich das Wiedersehen mit den Mitfreiwilligen und Nadja, die auch unser Seminar geleitet hat. Besonders schön war es, hier auch ein wenig über andere Länder wie Kiribati und Fiji zu hören. Danach, in einer Art Marathon haben wir die Einsatzstellen der anderen Fiji-Freiwilligen besucht und sind eine Menge in den fijianischen, lautstarken und riesigen Bussen umher gefahren.

Nach dieser geradezu explosiven und ereignissreichen Zeit ging es dann wieder zurück nach PNG und Logaweng.

Nun also wieder die Stille Logawengs genießen…

Viele Liebe Grüße nach Deutschland in die Kälte hinein, aus einem Land in dem wirklich nichts so ist, wie es scheint 😉

Kolem

So da bin ich mal wieder!
Die letzten Tage waren hier wirklich sehr spannend! Ich war das zweite Mal auf einem Ples (einem Dorf) und habe dort das Leben der Menschen hier ein wenig näher kennengelernt. Und sonst bin ich eine Menge herumgelaufen 🙂
Aber jetzt will ich mal ein bisschen über das Leben der Bewohner des Ortes Kolem berichten, zumindest wie ich es verstanden und mitbekommen habe. Da muss ich natürlich noch hinzufügen, dass ich auf keinen Fall ein objektives Bild beschreiben kann, da ich als Besucher erstens nur für kurze Zeit dort war und auch vieles vor mir verborgen wurde.
So ist das Dorf Kolem, ein kleiner Ort im Jabim District von Fischhafen, mit geschätzten 400 Einwohnern, hier eines der größeren Siedlungen. Daher wurde das Dorf auch in verschiedene Bereiche, bz. Lines eingeteilt. Das bedeutet, dass jede der 4 Siedlungen von einer größeren Familie bewohnt wird und auch relativ eigenständige Entscheidungen treffen kann.
Jeder der Orte im Ort besteht aus ungefähr 7-15 Gebäuden aus Naturmaterialien oder Blech. Für jeden Bereich gibt es einen eigenen Hetman (Sowas wie ein Clanchef), der sich allerdings dem wahren Hetman von ganz Kolem beugen muss. Die Bereiche sind auch an verschiedenen Stellen. So ist eines direkt am Wasser, ein anderes in Richtung Straße, Schule und Fluss. Somit hat jeder der Gemeinschaften ein besonderes Merkmal, auch was die Nahrung angeht.
Etwas was ich selbst erleben durfte war ein großer Bung. Hier werden aktuelle Probleme, Streitigkeiten oder zukünftige Veränderungen besprochen. Wichtige Männer genießen eine fast uneingeschränkte Autorität gegenüber den anderen. Man kann das ganze durchaus mit einem Thing vergleichen, bei dem alle Männer Gehör verschaffen können – allerdings werden Entscheidungen häufig alleine vom Chairman (oberster Pastor) und dem Hetman getroffen.
Das alltägliche Leben ist sehr unterschiedlich für die einzelnen Altersstufen. Kleine Babys verbringen die meiste Zeit vom Tag in einem Bilum, einer selbst hergestellten Tasche und schlafen. Für kleine Kinder ist das Leben hauptsächlich vom gegenseitigen ausprobieren und dem familiären Umfeld bestimmt. Schulkinder gehen in die Schule, sofern die Eltern die Schule bezahlen können. Diese ist zwar eigentlich umsonst aber in der Praxis braucht man Dinge wie Schuluniform, Stifte, Hefte und Bücher.
Für ältere Schulkinder ist der Schulweg dann auch durchaus ein wenig länger. Es gibt hier eine Highschool die wirklich sehr viele Schüler haben muss, denn bis jetzt habe ich noch keine Jugendlichen kennengelernt, welche nicht auf diese Schule gehen.
Erwachsene machen je nach Geschlecht entweder Hausarbeiten, Besorgungen, Gartenarbeit oder Pause. Hier möchte ich anmerken, dass meiner Meinung nach die Frauen den Hauptteil der Lasten tragen, da sie sowohl für das Haus, die Kinder und das Essen verantwortlich sind. Viele Männer sind für das Malolo-machen zuständig (pausieren).
Das ganze basiert also auf einem sehr traditionellen Geschlechterverständnis.
Alte Menschen haben zudem einen besonderen Status in der Hierarchie des Dorfes, da sie besonders viel Wissen haben.
Es gibt zwei Gemeinden in Kolem, die SDA’s (Seven Days Adventists) und die ELC-PNG (Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea) für die ich ja auch tätig bin. Während die SDA ein wirklich schönes und neues Haus Lotu (Kirche) haben, ist die der Lutheraner ein offenens Gebäude mit einem improvisierten Altar. Dafür aber mit Blick in die Langemarck Bucht sowie auf Palmenstrände. Soweit wie ich es verstanden habe, sind die beiden Kongregationen relativ von einander abgekapselt, was sicherlich auch mit dem Sabbat der SDA’s und dem Heiligen Sonntag der Lutheraner zu tun hat. Auch wächst landesweit der Einfluss der sehr strikten SDA, was auch zu einer Konkurrenzsituation geworden ist.
Als Weißer in ein solchen Umfeld zu kommen ist ein wirklich spannendes Erlebnis. Das fängt bei den sanitären Anlagen an und hört bei der unglaublichen Bevorzugung auf.
Für mich war es herausfordernd mit zu viel weißer Haut und Aufmerksamkeit umzugehen.
Liebe Grüße in ein kaltes Deutschland hinein 🙂