Zwischen West und Ost | Teil 2: Odisha

Während wir für Weihnachten und Neujahr mit dem Direktor des IPC Angelious Michael in seinem Heimatort Koraput im Bundesstaat Odisha waren, nutzte er die Zeit auch für etwas Networking. Roshan Kartik ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der ‚Odisha Rural Development and Marketing Society‘, kurz ORMAS, ein vom Bundesstaat getragenes Unternehmen zur Entwicklung des ländlichen Raums. Ländlicher Raum ist hier fast schon ein Euphemismus – abgelegen trifft es eher, aber dazu später mehr. ORMAS jedenfalls stellt der armen Landbevölkerung Maschinen und eine Anschubfinanzierung zur Verfügung, damit die Bauern nicht ausschließlich die rohen Erzeugnisse verkaufen müssen, sondern ein verarbeitetes, höherwertiges Produkt anbieten können. Auch in den Geschäften des Unternehmens werden die Artikel später vertrieben.


Ein paar allgemeine Informationen vorweg: Koraput liegt im Süden Odishas, einem Bundesstaat an der Ostküste Indiens am Golf von Bengalen. Die Region war früher Hochburg einer kommunistischen Miliz und der damit verbundenen Gewalt. Auch infrastrukturell wurde sie lange vernachlässigt; so war es beispielsweise der Ort für Strafversetzungen für Beamte, die ihren Pflichten nicht nachgekommen waren, insbesondere Polizisten. Entsprechend grassierten lange Korruption und Willkür und die einfache Landbevölkerung musste zwischen den beiden Parteien irgendwie überleben. Noch heute sind Bewohner dieses Distriktes Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft in ihrem eigenen Bundesstaat ausgesetzt.

Als in den Bergen, die das Landschaftsbild um Koraput prägen, Bauxit gefunden wurde, wandelte sich die Lage. Bauxit ist ein rotes Aluminiumerz und für die großen Metallkonglomerate sehr wertvoll. Nun werden neue Minen gebaut, die Gegend langsam entwickelt und eine neue Gesellschaftsschicht wandert zu. Die Umwelteinflüsse des Bergbaus wirken sich enorm auf die Tier- und Pflanzenwelt aus und auch die indigene Bevölkerung, die noch immer in Stämmen lebt, leidet unter den Folgen. So treiben die Explosionen beim Sprengen neuer Schächte gefährliche Wildtiere aus den Wäldern in die umliegenden Dörfer. Der höchste Berg des Bundesstaates, der Deomali, liegt ebenfalls hier und die Lebenshaltungskosten sind im indischen Vergleich sehr gering.


Roshan war so nett, uns auf eine seiner Touren mitzunehmen, denn er besucht regelmäßig die Betriebe, die ORMAS zuarbeiten und erkundigt sich, wie das Programm noch besser unterstützen kann. Nach unserem Jeypore Besuch (s. letzter Broadcast) hatten wir schon mit seiner Familie zu Abend gegessen.

Nun saßen wir also im weißen Regierungsfahrzeug, in der Windschutzscheibe leuchtete rot „On Duty“. Es hatte nur noch die Polizeieskorte gefehlt und man hätte uns für ganz normale indische Politiker halten können, die sich ihre Route auch gerne von einem Heer von Polizisten absperren lassen, damit auf der Kaffeefahrt auch ja kein Stau passiert.

Ich habe einmal eine Kolonne erlebt, die sogar mehrere Feuerwehrfahrzeuge inkl. Drehleiter dabei hatten. Dass damit der gesamte Verkehr quer durch die Stadt lahmgelegt wird, stört niemanden, sondern zeigt vielmehr den hohen Status der Person, die eskortiert wird. Nachdem zehn Minuten später endlich alle Wagen davongefahren waren, erzählte mir die Polizistin, es sei die Präsidentin von Indien gewesen, die hier vorbeifuhr. Vorher hatte sie mit ihren Kollegen alle Personen von den Bürgersteigen in die nächstgelegenen Seitenstraßen gescheucht. Aber auch für weniger wichtige Persönlichkeiten wie den örtlichen Polizeipräsidenten oder Parlamentsvertreter (nur von der Regierungspartei natürlich) gibt es Kolonnen mit 3-5 Wagen.

Ganz ohne Eskorte schafften wir es nach einstündiger Fahrt zu einer Kaffeeplantage. Eine Familie aus zwei Töchtern und ihrer Mutter betreibt die Farm seit vielen Jahren. Sie verfügt durch Roshans Unterstützung nun auch über ein Gewächshaus zum Trocknen der Früchte. Entsprechend bereitwillig zeigte die jüngere Tochter uns, wie der Kaffee angebaut wird: Obstbäume bilden ein Blätterdach für den Schatten, weil der Kaffee ohne zu viel direkte Sonneneinstrahlung wohl besser wächst. An ihren Stämmen ranken sich die Triebe vom schwarzen Pfeffer und am Boden wachsen schließlich die Kaffeepflanzen. Es war gerade Erntezeit und so konnte ich zum ersten Mal überhaupt eine Kaffeekirsche probieren. Die zähe Schale abgepult schmeckte sie ziemlich süß, bloß klebte diese süße Masse fest an der Bohne. Man kann sich das am ehesten wie einen dieser übersüßen Bonbons vorstellen, der zwar Geschmack abgibt, aber einfach nicht schrumpft.

Wir spazierten weiter und kamen bei einer Pflanze an, deren roter Farbstoff als Extrakt in der Lebensmittelproduktion genutzt wird. Beim Experimentieren machte ich die spannende Entdeckung, dass es auch auf Stoff wirkt. Das Hemd war dadurch erfolgreich orange-rot eingefärbt und das ließ sich auch nicht wieder herauswaschen. Ist es eigentlich gesund, so etwas Intensives zu essen?

In der Zwischenzeit kümmerte Roshan sich um wichtigere Fragen. Kürzlich hatten die Bauern nämlich vermehrt mit wilden Tieren zu tun, die in besiedeltes Gebiet eindrangen. Die ältere Schwester berichtete, dass das hier ebenfalls ein Problem sei. Die Affen würden das Obst auffressen, sodass die Ernte effektiv zunichte gemacht würde. Hin und wieder gebe es Schlangen und im letzten Winter wären sie sogar morgens von einem Bären überrascht worden.

Grund dafür sind die Bauxitminen in der Umgebung. Die für die Region typischen roten Felsen enthalten dieses Mineral, was für die Aluminiumproduktion essenziell ist. Deshalb sprengen sich die großen Bergbauunternehmen durch die bislang unberührten Berge. Die Tiere werden dabei aus den Wäldern vertrieben und finden neue Nahrungsquellen bei den Menschen und das sind meistens Bauern oder indigene Stämme, die nicht die finanziellen Mittel haben, um sich zu schützen.

Dabei kann das Entwicklungsunternehmen aber nicht helfen und so machten wir uns auf den Weg, uns das Gewächshaus anzusehen. Schon bei unserer Ankunft waren uns die Bahnen von Kaffeebohnen ins Auge gesprungen, die zum Trocknen in der Sonne lagen. Nun erklärte die ältere Schwester, wie sie hier die Bohnen unterschiedlich lange lagerten, bis sie für unterschiedliche Getränke wie Espresso oder klassischen Kaffee optimal getrocknet seien. Dann würden sie einen Packen nach dem anderen selber rösten und nach Kundenwunsch mahlen. Anschließend könnten die vorgetrockneten Bohnen von draußen hereingebracht werden.

Roshan war zumeist interessiert bis wohlwollend den Frauen gegenüber, doch auch sie mussten zugeben, dass die Arbeiterinnen aus dem nahegelegenen Dorf, die draußen gerade die Bohnen mit Haken umdrehten, ziemlich jung seien und nach der Schule zur Plantage kämen. Ob sie auch Unterricht wegen der Arbeit versäumen, wurde nicht klar. Außerdem bauen sie hier auch Eukalyptus an, wie Angelious auf dem Hinweg bemerkte. Jene Bäume haben einen besonders hohen Wasserbedarf und der sinkende Grundwasserspiegel in der Region ist ein wachsendes Problem. Immerhin ist es hier noch nicht durch die Minen verseucht.

Bei kleinen Snacks auf der Veranda bzw. im Carport, bei denen sich die Mutter wirklich ins Zeug gelegt hatte, wurden wir Zeugen des Affenproblems. Ständig sprangen die Tiere aufs Dach, die Pfähle auf der anderen Seite, das Gewächshaus usw. Dabei machten sie sich einen Spaß daraus, sich von den Hunden jagen zu lassen und ihnen im letzten Moment vor der Nase wegzuspringen. Hauptinteresse waren aber die Süßigkeiten und Snacks auf unserem Tisch. Immer wieder stahlen sich freche Äffchen auf die Kante über uns und erbeuteten eine Banane wie dieser hier. Einmal lief sogar einer ins Haus und sprang auf dem Wohnzimmertisch herum. Mit jedem Rumms auf das Blechdach wurde die ältere Schwester ungehaltener, wahrscheinlich auch des Besuchs wegen. Aber ihren Versuch, die Primaten mit einem Besen zu verscheuchen, waren diese wohl schon gewohnt. Sobald sie einem den Rücken kehrte, schlich er sich schon wieder heran.

Wir stiegen nach dem obligatorischen Gruppenfoto wieder ins Auto und machten uns wieder auf den Weg. Diese zweite Fahrt zog sich ziemlich lang, aber von der Bundesstraße konnte man ein Bild von der Landschaft bekommen. Die grüne Vegetation, das Dickicht, die Bäume mit ihren vielen kleinen Blättern auf dem rotbraunen felsigen Untergrund und hin und wieder kleine Häuschen und Stände, viele mit Wellblechdach und Plastikfolie. Eine Szenerie ist mir dabei besonders im Kopf geblieben. Wir fuhren an einer ehemaligen Bauxitförderstätte vorbei, die nur noch aus dem geschätzt 20 m tiefen Baggerloch bestand. Rostrot sah ich die Klippen an allen Seiten und dahinter den Wald. Es wirkte so sehr wie ein Fremdkörper, als hätte sich ein Entwickler im Landschaftsdesign schlicht vertan. In der Mitte stand ein einziger kleiner hölzerner Strommast, nichts Besonderes. Nur wurde penibel um ihn herum gegraben, sodass er nun auf einem hohen Sockel aus dem ursprünglichen Erdreich steht. Ich frage mich immer noch, wieso sie nicht einfach die Leitung um die Grube herum verlegt haben…

Irgendwo im Nirgendwo weit entfernt von den nächsten zwei kleineren Ortschaften fuhren wir ab und sogleich wurde es holperig. Die Straße war einer Sand- und Schotterpiste gewichen. Langsamer passierten wir eine kleine Ansiedlung, wo Arbeiter gerade damit beschäftigt waren, Ton aus einem Erdloch zu schaufeln und noch vor Ort zu Backsteinen zu verarbeiten. Als der Sand wieder zu Pflastersteinen überging und ein paar Kühe und Ziegen über den Weg liefen, hatten wir das Ende der Strecke erreicht.

Wir waren am Rande eines kleinen indigenen Dorfes angekommen. Rings herum zogen sich die Berghänge. Der Weg führte uns entlang der Häuser und Hütten der Bewohner eine Anhöhe hinauf. Wir sahen Kinder spielen, ältere Frauen vor den Häusern mit Handarbeitsutelsilien sitzen und wurden von so ziemlich allen Menschen dort ausgiebig beäugt. Als Zeichen der Gastfreundschaft gab es natürlich zunächst etwas zu essen und die Damen hatten ebenso selbstverständlich viel zu viel gekocht, damit trotz kräftigem Nachschlag noch viel übrigblieb. Gespeist wurde zu Angelious‘ Freude in einer Kirche / Kapelle im Zentrum des Dorfes.

Es stellte sich heraus, dass ORMAS dem Dorf eine Maschine zum Pulverisieren und Verpacken ihres Kurkumas geliefert hat. Auf den umliegenden Feldern bauen die Bauern schon länger Kurkuma an, doch konnten bislang nur die Wurzeln als Ganzes verkaufen. Einmal pro Woche ist Markttag, wenn die Bauern mit ihrem unterschiedlichen Ertrag in die Dörfer fahren. Auf dem Rückweg blieben wir auch im Stau stecken, denn an diesem Tag ist das ganze Dorf auf den Beinen, um den Wocheneinkauf zu erledigen. Auch die Bauern untereinander handeln und bringen, wenn sie genügend verkauft haben, statt ihrer eigenen Ernte den Einkauf für ihre Familien mit zurück.

Auf so einem Markt sind die Preise für Grunderzeugnisse gering und daher die Möglichkeit, ihre Wurzeln direkt im Ort weiterzuverarbeiten für die Bauern eine große finanzielle Hilfe. Sie enthalten einen hohen Kurkuminanteil; das ist der Stoff, der für die gelb-orange Farbe verantwortlich ist und dem die gesundheitsfördernden Eigenschaften nachgesagt werden. Normalerweise enthalten die Pflanzen etwa drei bis fünf Prozent Kurkumin, doch in diesem Tal schaffen sie es auf sieben. Das macht das Kurkumapulver aus dieser Produktion besonders begehrt.

Während Roshan sich also in einem Stuhlkreis über die Anliegen der Dorfbewohner informierte, die erwartbar kein Englisch sprachen, unternahm ich einen kleinen Spaziergang. Dabei sind auch die Fotos von oben entstanden. Die Wellblechdächer werden nur von den Steinen befestigt – ein Wunder, dass das hält, denn Odisha liegt am Golf von Bengalen, wo immer wieder gefährliche Zyklone entstehen. Das Gebäude mit den Dachziegeln ist ein Kuhstall und die Wasserpumpe eine von zweien, die die einzige Wasserversorgung darstellen.

Ich kam wieder zurück, als gerade zum Aufbruch geblasen wurde. Das geht in Indien aber natürlich nicht, ohne eine Wagenladung an Fotos zu produzieren. Am Ende hatten alle Dorfbewohner, die gerade in der Nähe waren jeweils min. drei Selfies geschossen. Und damit ging es zurück nach Koraput. Auf dem Weg zum Auto sah ich noch einmal die spielenden Kinder vom Anfang, die noch immer mit vollem Einsatz dem Ball hinterherrannten. Cricket ist wirklich überall…

Zwischen West und Ost | Teil 1: Rajasthan

Was unterscheidet den Westen Indiens vom Osten? Nun, diese Frage ist natürlich subjektiv, je nachdem, wo, wann und mit wem im Westen oder Osten man sich aufhält. Nachdem wir sowohl in Rajasthan, als auch in Odisha waren, versuchen Riko und ich uns in den nächsten Beiträgen mal an einer Antwort.

Eindrücke aus Rajasthan

Endlich ist es soweit! Das erste Mal in den Urlaub! Spontan geplant, machten wir uns im November auf den Weg nach Rajasthan: Ein Ziel, das Riko schon länger vorschwebte, da es Teil seiner Bucket-List ist, einmal Regenwald und einmal Wüste in Indien zu sehen. Eine Woche vorher war klar, dass ich mitkomme. Drei Tage vor Abreise haben wir grünes Licht vom Chef bekommen, einen Tag vor Abfahrt dann Züge und Hotels gebucht. Auf indisch eben! Und es sollte spektakulär werden! Bleibt dran! 😉

Indische Züge sind Next level

Die Zugfahrt nach Jaipur, unserem ersten Ziel, dauerte fast 20 Stunden. Wir fuhren über Nacht und schliefen, wie in Indien üblich, in Zug-Betten. Liegewagen sind hier die Regel. In Indien gibt es auch mehr Klassen als in Deutschland. Hier ein kleiner Überblick:


  • ‚General‘: Sitzbänke ohne festen Platz
  • ‚Sleeper Class‘: Bett ohne Bettwäsche, drei übereinander, keine Klimaanlage
  • ‚AC 1-3‘: Bett mit frischer Wäsche, mit Klimaanlage
    • 1. Klasse: abgeschlossenes Abteil mit vier Betten, zwei übereinander
    • 2. Klasse: durch Vorhang abgetrenntes Abteil mit vier Betten
    • 3. Klasse: offene Abteile, drei Betten übereinander an jeder Seite und zwei Betten übereinander am Gang entlang

Am nächsten Morgen kamen wir dann in Jaipur in Rajasthan an. Vorbei an sehr vielen hochmotivierten Tuk-tuk-Fahrern, die uns überzeugen wollten, dass ihr Gefährt das beste ist, schlugen wir uns auf die Straße und gingen dann durch die ab da sehr friedlichen Straßen zu einem schönen und gemütlichen Hotel.

Sightseeing in Jaipur

In den nächsten Tagen besuchten wir unter anderem den City Palace, wo noch heute die Königsfamilie von Jaipur wohnt, und den ‚Palast der Winde‘ (Hawa Mahal), welcher im Jahr 1799 vom Maharaja Sawai Pratap Singh für seine Frau gebaut wurde. (POV: Wenn es adligen Frauen nicht erlaubt ist, von anderen Männern gesehen zu werden und du ihr der Einfachheit halber ein eigenes Schloss baust, in dem nur Frauen leben.) Die Architektur ist atemberaubend. In die äußeren Wände sind sehr viele kleinere und größere Löcher eingelassen für Luftdurchzug, natürliche Kühlung und eine gute Sicht auf das Geschehen außerhalb der Burg bei gleichzeitiger Unsichtbarkeit von außen.

Im Janta Manta, einer astronomischen Stätte, die wir besichtigten, wurden früher Datum, Jahres- und Tageszeit anhand des Sonnenstands gemessen, und auch Geburtstage, Sternzeichen und Geschlecht von Kindern vorausgesagt. Astronomie und Astrologie gingen damals Hand in Hand. Dazu hat man einige raffinierte und ziemlich große Instrumente konstruiert, die heute noch im Originalzustand dort zu sehen sind. Die Sonnenuhr funktioniert beispielsweise auch heute noch als Zeitgeber; auf zwei Sekunden genau, im Vergleich zur Digitaluhr. Hier wurden wir übrigens von einem Tourguide begleitet. Der hatte uns vor dem Eingang des Hawa Mahal auf der Straße angesprochen, um uns seine Tour zu verkaufen, sicherte uns prompt einen Studenten-Rabatt und gab uns dann immer wieder interessante Informationen während des Rundgangs durch Hawa Mahal und Janta Manta.

An anderen Tagen besuchten wir zwei Berg-Festungen um Jaipur herum. Von denen gibt es dort relativ viele, denn die Stadt liegt in einem Tal, umgeben von Berghängen. Die eine war fast eine Ruine. Dort liefen wir auf der äußeren Burgmauer herum und versuchten, möglichst spektakuläre Fotos von der Stadt im Tal zu machen, ohne den Hang hinunter zu fallen. Die andere war noch gut erhalten. Amber Fort heißt letztere. Von dieser Festung aus hatten wir einen wunderschönen Blick auf die Berghänge und einen See, der sich vor der Burg erstreckte.

Der Besuch eines hinduistischen Tempels durfte natürlich auch nicht fehlen. Genauer gesagt, haben wir uns sogar zwei Tempel angeschaut: einen, wo viele Touristen waren, und einen anderen, etwas abgelegeneren, wo eine ruhigere Atmosphäre herrschte. Beide waren spektakulär in ihrer Gestaltung. Weißer Marmor strahlte uns entgegen, der an den äußeren Tempelwänden zu so filigranen Verzierungen und Statuen von Menschen und Tieren geschlagen wurde, dass wir aus dem Staunen gar nicht mehr rauskamen. Beide waren vom Aufbau ähnlich gestaltet, wie ein Kirchenschiff mit Turm. Allerdings ähnelt der Turm von der Form her eher einem Tropfen und ist auch nicht begehbar.

Fort Jaisalmer – die westindische Burgstadt

Nach unserem Aufenthalt in Jaipur, wo wir im Wesentlichen zum Sightseeing waren, ging es für uns weiter nach Jaisalmer, eine Stadt im Westen Rajasthans und damit im äußersten Westen Indiens, gute 50 km von der pakistanischen Grenze entfernt. Dieses Mal nahmen wir den Bus und auf der Hinfahrt war der auch schön eingerichtet, sodass wir zwar keine erholsame, aber doch eine ganz gute Nacht hatten. Jaisalmer war vom Stadtbild noch mal eine andere Erfahrung als Jaipur. Die Häuser sind vielfach sandfarben gestaltet, während sie in Jaipur eher braun-rötlich, manche sagen pink, aussehen. Einen Tag haben wir uns die Burganlage im Zentrum der Stadt angeschaut. Das ist eine richtige kleine Stadt in der Stadt, mit Läden, Restaurants und Wohnhäusern. Alles vollkommen auf Tourismus ausgelegt.

Dreitägige Wüsten-Safari

Am nächsten Tag ging es dann endlich in die Wüste. Hier hatten wir eine Kamelsafari mit zwei Übernachtungen „unter den Sternen“ gebucht. Morgens wurden wir vom Jeep abgeholt und erstmal einige Kilometer aus der Stadt rausgebracht. Dann stiegen wir auf die Kamele. Deren Zustand ist nicht so rosig. Sie haben einen Metallstift durch die Schnauze gezogen, an dem die Zügel befestigt sind, mit denen sie geführt werden. Das machen wir also nicht nochmal. Hätte man das ahnen können? Wahrscheinlich 🫤

Aber gut, jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Rauf aufs Kamel und ab geht die Reise. Sonnencreme, Sonnenbrille und Cappy sind die wichtigsten Begleiter. Vorräte für zweieinhalb Tage wurden auf den Kamelen verstaut. Und dann ging es los.

Nach ein paar Stunden Reiten (schon ein bisschen wackelig…) waren wir in der Wüstensteppe, wo sonst keiner ist. Das nächste Dorf liegt ein paar Kilometer entfernt… Die tiefe Stille, die um uns herum lag, war ungewohnt. Das hatte ich bisher nicht in Indien, dass es, bis auf wenige Vögel, komplett still ist. Eine sehr willkommene Abwechslung! Für Entspannung auf dem Kamel war jedoch die Sonne zu stark. Dabei war es Winter! Wie soll das im Sommer hier sein?! Faszinierend fand ich die Mischung aus kahlen Sandflächen auf manchen Dünen und der spärlichen Vegetation auf den Ebenen, die hauptsächlich aus Büschen, Sträuchern und vereinzelten Bäumen besteht. Durch diese Landschaft ritten wir also Stunde um Stunde, zwischendurch Mittagspause, und dann wieder weiter.

Psst! Was ist das für ein Klingeln? Oh, da vorne läuft eine Ziegenherde zwischen den Dünen entlang! Und etwas entfernt schlendert ein gelangweilter Hirte und schaut Insta Reels, dem Sound nach zu urteilen. TikTok ist ja verboten in Indien. Das Internet in der Wüste Rajasthans ist übrigens besser als bei mir zuhause in Niedersachsen. 🤔

Davor waren wir schon einem Kameltreiber über den Weg gelaufen, der seine Kamele gesucht hat. Seltene Begegnungen mit anderen Menschen. Ab und zu kamen wir an verlassenen Hütten vorbei, die nur in der Erntezeit bewohnt sind, wenn viele helfende Hände auf dem Feld gebraucht werden. Denn, obwohl die Landschaft der Dornensavanne, so der Fachbegriff, relativ karg ist, wird dennoch in Teilen Ackerbau betrieben. Einmal ritten wir an einem kleinen Schrein mit einer Götterfigur vorbei.

Die Nächte in der Wüste waren kalt, wirklich kalt. Wir wurden glücklicherweise mit mehreren dicken Decken ausgestattet, um auch den Wind irgendwie abzuhalten. Denn wir haben komplett im Freien geschlafen. In der zweiten Nacht kamen noch andere Touristen aus Neuseeland dazu, die nur für eine Nacht in der Wüste waren. Wir wurden dann am nächsten Morgen zusammen im Jeep abgeholt und wieder nach Jaisalmer zurückgefahren.

Noch eine Anmerkung zum Essen: Ich finde es bemerkenswert, wie lecker das Essen war, dass wir in diesen zweieinhalb Tagen gegessen haben. Die Lagerplätze waren mit Kochutensilien ausgestattet und auf dem Kamel wurde wirklich alles mitgenommen, was man für ein indisches Essen und Frühstück und Snacks und Chai, so braucht. Vor allem konnte unser Wüstenführer wirklich gut kochen! Dass alles komplett frisch gekocht wurde, war nach drei Monaten Indien kein Schocker mehr für uns, sorgte aber einmal mehr für wirklich leckeres Essen! Mit Wasser und Sand die Töpfe und Teller abzuwaschen, war zudem eine interessante und auch bereichernde Erfahrung für mich. Für mich war es erst ungewohnt, Sand zum Reinigen zu benutzen. Aber es funktioniert! Der Teller ist sauber. Eine kleine Erinnerung daran, dass Lebens- und Hygienekonzepte anderer Kulturen funktionieren, wenn sie auch anders als das sind, was wir kennen.

Im nächsten Blog teilt Riko mit euch einige Erfahrungen unserer Reise nach Odisha, ein Bundesstaat im Osten Indiens, wo wir Weihnachten verbracht haben. Bleibt dran!

Nagpur, Delhi, Kolkata: Ein Einblick in die Programme des India Peace Centre

In meinem Freiwilligendienst am India Peace Centre in Nagpur konnte ich bereits in verschiedene Städte reisen. Das IPC organisiert immer wieder Programme. Das sind z.B. Austausch-, Konferenz- und Weiterbildungsprogramme. Die Zielgruppe sind meist Studierende und junge Menschen am Anfang ihres Berufslebens. Die Themenschwerpunkte der Programme sind häufig Theologie, interreligiöser Austausch sowie Sensibilisierung für Ungerechtigkeit, Diskriminierungen und Umweltthemen. In diesem Beitrag gehe ich auf zwei Programme des IPCs ein.

„Face To Face“: internationales Lernen und Austauschen

Anfang Oktober startete das „Face To Face“-Programm in Nagpur. Bei diesem Programm trafen sich 13 Theologie-Studierende aus verschiedenen Ländern in Indien. Das Programm wurde vom CWM, Council for World Mission, initiiert und veranstaltet. Theologie-Studierende, die Partnerkirchen des CWM angehören, konnten sich bewerben und wurden ausgewählt. Vor Ort wurde das Programm vom India Peace Centre organisiert. Die Teilnehmenden waren auf dem Gelände des NCCI, National Council of Churches, in Nagpur untergebracht. Es war eine Mischung aus Vorträgen von verschiedenen Speakern und Besichtigung von bedeutenden (religiösen) Orten. Das Programm fand in Nagpur und Delhi statt.

Historische Orte und Personen

Wir besuchten beispielsweise ein historisches Ashram in Sevagram. Dort hat Mahatma Gandhi zwölf Jahre (1936-1948) gelebt und sich mit vielen Menschen aus Indien und außerhalb getroffen. Bei der Führung wurde uns erzählt, dass er für den Bau des Hauses sehr spezifische Vorstellungen hatte. 100 Rupien sollte ein Haus kosten und darüber hinaus nur Materialien aus der Region verwenden. 100 Rupien sind heute ca. 1 Euro. Krass! Damals könnte es etwas mehr gewesen sein. Die Zahl bezieht sich auf die Materialkosten. Aus Protest und als Symbol trug der Bapu (=Vater), wie Gandhi in Indien häufig genannt wird, zu dieser Zeit kaum westliche Kleidung, häufig nur einen Überwurf. Er nahm auch Kranke aus der Umgebung auf und pflegte sie in seinem Centre wieder gesund.


Mohandas Karamchand Gandhi (1869-1948) kam aus einer politisch einflussreichen Familie in Gujarat, studierte Jura in London und arbeitete neben Indien unter anderem in Südafrika. Er engagierte sich immer wieder politisch und wurde schließlich zur Gallionsfigur des Widerstands gegen die britische Kolonialmacht und für die Vereinigung der indischen Gesellschaften zu einer Nation („Einheit in Vielfalt“). In seinen späteren Jahren lebte er neben seinen politischen Aktivitäten zurückgezogen in seinem Ashram, meditierte, fastete und zelebrierte ein einfaches, bescheidenes Leben. Zeitgleich empfing er zahlreiche indische und internationale Gäste, um mit ihnen zu diskutieren. Auch nach der Unabhängigkeit 1947 sprach er sich für interreligiösen Austausch und ein Indien der religiösen Vielfalt aus. Damit machte er sich vor allem bei hindu-nationalistischen Gruppen unbeliebt, von denen er letztlich ermordet wurde. Er trägt den Titel „Mahatma“ („große Seele“), welcher auch häufig als sein Beiname verwendet wird.


Am gleichen Tag kamen wir zum Deekshaboomi. Das ist ein buddhistischer Tempel, eine Stupa, mit einer großen Kuppel als Dach. Dieser Ort ist vor allem dafür bekannt, dass dort Babasaheb Ambedkar, einer der Urheber der indischen Verfassung, mit tausenden Anhängern zum Buddhismus konvertierte. Dies war ein Zeichen des Protests gegen die Praxis des Kastensystems in der hinduistischen Kultur. Es wurde zu einer der größten Massenkonversionen, die es jemals gegeben hat.


Bhimrao Ramji Ambedkar (1891–1956) kam aus einer Soldatenfamilie in Madhya Pradesh und ist als Dalit aufgewachsen („Gebrochene“, Eigenbezeichnung für Menschen, die aufgrund ihrer Kaste aus der Gesellschaft ausgeschlossen und diskriminiert werden). Gegen Widerstände des Systems studierte er Politik- und Wirtschaftswissenschaften und erhielt ein Stipendium für ein Studium in New York und London. Der Ökonom, Jurist und Politiker wurde ebenfalls Unabhängigkeitsaktivist und war maßgeblich an der Schaffung der indischen Verfassung von 1950 beteiligt. Dies war eine für die damalige Zeit extrem progressive Verfassung: Historisch marginalisierten Bevölkerungsgruppen wurde bereits damals ein Recht auf Teilhabe an Bildung und finanziellen Ressourcen zugesprochen und auch ein konkretes System wurde dafür geschaffen. Er setzte sich für die Rechte der Dalits und allgemein gegen Diskriminierungen innerhalb der indischen Gesellschaft ein. Im Gegensatz zu Gandhi trat er stets im westlichen Anzug auf. Mit seinen Ansichten polarisierte er in Indien. Er blieb sich aber treu und weigerte sich, seine Fundamentalkritik am Kastensystem zugunsten einer einheitlichen indischen Nationalbewegung zurückzunehmen. Sein Titel und Beiname ist Babasaheb („respektierter Vater“).


 

Theologischer Input

Die Vorträge der Speaker des „Face To Face“-Programms behandelten vor allem moderne Ansätze der Theologie. Im Fokus standen dabei die Fragen und Herausforderungen von Pastor:innen und Seelsorger:innen: Welche Themen beschäftigen die Gläubigen im täglichen Leben? Inwiefern kann und sollte man gesellschaftliche Ungerechtigkeiten in Predigten und Seelsorgearbeit miteinfließen lassen? Wie kann man auf innerkirchliche Entscheidungsprozesse einwirken? Andere Vorträge stellten andere Religionen vor: Islam, Buddhismus und Hinduismus. An den Sonntagen fuhr die Gruppe, organisiert vom NCCI, jeweils zu einem Gottesdienst. Dabei besuchten die Teilnehmenden christliche Gemeinden, die eine andere Tradition pflegen als ihre Heimatkirchen. Besucht wurde etwa eine orthodoxe Kirche und eine Freikirche in Nagpur, die sich selbst als Kirche der Armen bezeichnet.

Und ein Trip in die Hauptstadt

Im Rahmen dieses Programms sind wir dann auch nach Delhi gefahren, wo wir weitere Orte gesehen haben: Red Fort, Gate of India und Taj Mahal in Agra, um nur einige zu nennen. Die Zeit mit der Gruppe fand ich sehr schön. Es war immer irgendwas los und die meisten in der Gruppe versprühten gute Laune. Die Organisation des Programms blieb währenddessen spannend. Gelegentlich mussten wir als Orga-Team mal eine Andacht oder Meditationsrunde improvisieren. Insgesamt habe ich es als gute Zeit in Erinnerung. Wir haben auf jeden Fall einige nette Leute kennengelernt.

‚Capacity Building‘ in Kolkata: Weiterbildung für Theologie- Studierende

Ein weiteres, vom Aufbau her ähnliches Programm begleiteten wir im Dezember in Kolkata (Kalkutta). Hier gab es keine internationalen Teilnehmenden, sondern das Programm wurde für ausgewählte Theologiestudierende des ‚Orissa Christian Theological College‘ (OCTC) veranstaltet. Diese Hochschule für Theologie im Bundesstaat Odisha (alte Schreibweise: Orissa) pflegt auch eine Partnerschaft mit dem Ökumenewerk der Nordkirche (siehe Link). Tatsächlich wurde dieses Programm auch vom Ökumenewerk mitfinanziert.

[Link zum Interview mit Mary Chang: https://www.nordkirche-weltbewegt.de/news/interview-mit-der-neuen-prinzipalin-der-theologischen-hochschule-in-orissa-mary-chang/]

Großstadt, Museen, Science Park

Elf Studierende und ein Lehrer kamen also vom eher ländlichen, kleinstädtischen Odisha in die große Stadt. Ein wesentlicher Aspekt des ‚Capacity Buildings‘ war tatsächlich diese Reise und die Großstadterfahrung. Viele der Teilnehmenden fuhren beispielsweise zum ersten Mal mit der Metro. Neben abendlichen Marktbesuchen schauten wir uns als Gruppe auch Museen und einen Science City Park an. Dort wurden naturwissenschaftliche Phänomene in verschiedenen Spielen, Filmen und Aktivitäten populär aufbereitet. Dies kam ebenfalls gut an.

Neue Denkansätze

Die Inhalte der Sitzunen waren ähnlich wie schon bei ‚Face To Face‘. Es ging beispielsweise um den Ansatz der ‚Liberation Theology‘ und um Diskriminierung innerhalb der indischen Gesellschaft. Auch moderne Themen wie die Auseinandersetzung mit KI und welchen Einfluss dies auf die Arbeit von Pastor:innen hat, wurden thematisiert. Auch Themen wie Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit und diesbezügliche Diskriminierungen wurden angesprochen.

Für die OCTC-Studierenden war es größtenteils neu, solche Themen in der Tiefe und vollem aus einer offenen und inklusiven Perspektive zu betrachten. Gerade der Bundesstaat Odisha ist, aus meiner Wahrnehmung, doch sehr von konservativen Rollenbildern geprägt. Dementsprechend gab es auch leichten Widerstand in der Gruppe, bestimme Aussagen zu akzeptieren. Dies wurde zwar aufgrund der Respektskultur gegenüber Autoritätspersonen nicht offen ausgesprochen, war aber doch spürbar. Ich denke dennoch, dass die Teilnehmenden in diesen eineinhalb Wochen vieles gelernt und noch mehr neue Eindrücke bekommen haben. Und dafür ist das Seminar ja gedacht.

Riko und ich konnten in diesem Seminar schon etwas selbstständiger agieren. Wir hatten die grundlegenden Infos bekommen und unterstützen den Organisator, Vinod heißt er, bei der Durchführung des Programms: Technik aufbauen und Support, die Vortragenden willkommen heißen, Schreib- und Bastelutensilien für die Gruppe besorgen und einige finanzielle Ausgaben vor Ort verwalten und dokumentieren, etwa für Gruppenausflüge in Kolkata. Und manches andere, was halt sonst noch so anfällt…

Auch hier haben wir wieder manches von der Stadt gesehen und neue Leute kennengelernt. Ich wäre gerne auch noch etwas länger da geblieben, um die Stadt weiter zu erkunden. Es ist eine riesige Stadt, in der es unglaublich viel zu sehen gibt. Aber der Zug war gebucht und so ging es schließlich wieder zurück ins schöne Nagpur 😊. Vielleicht sieht man sich ja nochmal wieder, Kolkata…

Illustriert den Ort des Artikels und ergänzt den Titel

Zwischen Überwältigung und Vertrautheit: Ankommen am India Peace Centre

Mein Freiwilligendienst in Indien

Fast ein halbes Jahr sind wir nun hier: Zeit, mal zurückzuschauen und zu reflektieren, wie alles angefangen hat und wie sich meine Situation seitdem entwickelt hat.

Am Dienstag, den 13. August, um ca. 4 Uhr morgens, landeten Riko und ich in Nagpur, in der geografischen Mitte von Indien. Die Reise hatte 18 Stunden gedauert und ich war vollkommen fertig. So viele Eindrücke in so kurzer Zeit prasselten auf uns ein. Zudem war ich noch leicht krank. Wie überwältigt ich von allem bin, wird in diesem kurzen Gedankenstrom von meinem Ankommen deutlich.

Der erste Eindruck

Wir kommen aus dem klimatisierten Flughafen. Feuchte Wärme schlägt uns entgegen. Die Straßen sind beleuchtet. Wir hören leichtes Hupen, riechen die Mischung aus feuchten Pflanzen und Straßenstaub. Alles sieht ähnlich, aber ein bisschen anders aus als gewohnt: die Pflanzen, die Autos, die Straßen und die Häuser, die wir im Halbdunkel der Nacht nur schemenhaft hinter Mauern und Bäumen am Straßenrand erkennen können. Mit meinen vier Stunden Schlaf in den letzten 40 Stunden und einer kaum überstandenen Erkältung in den Knochen sitze ich im Auto und starre aus dem Fenster; wach gehalten vom Schock der gewissenhaften Zollkontrolle am Flughafen, dem gut gelaunten Suyog, der uns vom Flughafen abholt, und dieser überwältigenden Sinneskombination des Ankommens und Eintauchens in die neue Stadt.

Das Centre im Dunklen

Schließlich erreichen wir das IPC und stehen vor einem Tor. Im Dunkeln können wir kaum was erkennen. Wir warten… Der Direktor schließt uns schlaftrunken das Tor auf. Wir werden zu unseren Zimmern durchgeschleust, sehen im Augenwinkel dunkle Pflanzen, erleuchtete Mauern und kleine Häuser. „India Peace Centre“ steht auf einer der Mauern. Tempelartige Umrisse von Häusern, die einst als Gandhi-Ashram gebaut wurden, sind zu erahnen. Taub von der Müdigkeit erkenne ich nichts Genaues.

Im ‚Survival Mode‘

Die Koffer hochtragen, eine schiefe Treppe hoch. Im Eingang stehen. Wow, das ist also Indien! Durch den Flur, in ein leeres, weißes Zimmer mit einem Bett. Erstmal aufs Klo. Wasserflaschen stehen bereit und eine gute Schokolade liegt auf dem Bett. Wie nett! Die Wände sind für uns frisch gestrichen. Deckenlüfter kaputt, Standventilator wird angeschaltet. Gute Nacht! Bis morgen um 12 zum Frühstück! Licht aus.

Ich schwitze am ganzen Körper. Es ist so warm und feucht. Wie kann das Nacht sein? Ist das die Umgebung oder ein Fieberrückfall wegen zu großer Anstrengung von der Reise? Soll ich Fieber messen? Ich muss wirklich schlafen. Ich bin so müde. Aber ich kann nicht. Ich habe Angst vor der Wärme und das im Schlaf das Fieber steigt. Meine Nase ist dicht. Im Flugzeug hatte ich Maske getragen. Erstmal Nasenspray! Das ist schon besser. Ich bin wirklich müde, ich falle jetzt einfach zurück. Ich werde schon überleben…

Ruhiges Ankommen

Dies ist die leicht überspitzte Schilderung der ersten Stunden nach meinem Ankommen in Indien. Im Rückblick ist es schon krass, sich nochmal in diese Situation hineinzuversetzen. Im Alltag vergesse ich jetzt häufig, wie ereignisreich und überwältigend allein die ersten Stunden für mich waren. Es ist übrigens alles gut ausgegangen. Ich habe kein Fieber bekommen und bin innerhalb der ersten Woche an unserer Einsatzstelle wieder gesund geworden. Eine Köchin hat gutes Essen für uns gekocht und wir konnten die ersten Tage entspannt ankommen und uns an alles gewöhnen.

Das Paradox indischer Pünktlichkeit

Beim Independence Day am 15. August wurden wir dann offiziell begrüßt und konnten einige Leute zum ersten Mal kennenlernen. Sogleich sind wir das erste Mal zu spät gekommen und hätten mit fünf Minuten Verspätung fast das Foto unter der indischen Flagge verpasst, die zu diesem Anlass auf dem Vorplatz gehisst wurde. Damit haben wir zum ersten Mal das Paradox indischer Pünktlichkeit erfahren. Man muss einfach wissen, ob ein „Termin um 9 Uhr“ heißt, dass um Punkt neun alle in Festtagsklamotten bereit stehen. Oder ob um halb 10 die ersten Leute auftauchen. Das sagt einem keiner. Man muss es wissen. Wie? Na ja, mit der Zeit wird man besser darin, es einzuschätzen.

Auf dem oberen rechten Bild ist das Team vom IPC zu sehen: der Direktor Angelious Michael (im blauen Hemd), unsere Bürokollegen Swarali und Suyog (links und rechts im Bild) und Sanju (oberes linkes Bild ganz rechts), der Caretaker vom IPC, der inzwischen, nachdem die Köchin Nikita gegangen ist, auch für Angelious, Riko und mich kocht. Sehr lecker, wohlgemerkt! Auf dem oberen linken Bild sind zudem Dr. Tejinder Singh Rawal, ebenfalls Teil von einigen IPC-Veranstaltungen, und seine Schwester Rinco (beide ganz in weiß) zu sehen.

Im Büro

Mit Swarali und Suyog hatten wir gerade in den ersten Wochen eine gute Zeit im Büro, wo wir viel miteinander gesprochen haben und sie uns manches aus ihrem Leben erzählt oder Fragen von uns beantwortet haben. Beide haben interessante Lebensgeschichten und es war gut, dass wir andere im Büro hatten, die, was die Arbeit angeht, in einer ähnlichen Situation waren wie wir. Wir haben dann auch für einige Programme gemeinsam Designs oder Teilnehmerlisten vorbereitet. Dass schildert Riko in seinem Beitrag „Und was machst du dort konkret?“. Mittlerweile sind beide leider nicht mehr am IPC.

So viel also von meinem ersten Eindruck in Indien und dem Ankommen im Büro! In den nächsten Beiträgen wird es um zwei Programme des IPCs gehen, bei denen wir mitgearbeitet haben und für die wir nach Delhi und Kolkata (Kalkutta) reisen durften. Außerdem geht es darum, was wir in unserer Freizeit machen, wie wir Weihnachten gefeiert haben und was eigentlich den Westen Indiens vom Osten unterscheidet.

Aber halt! Der erste Eindruck ist ja nun fast 6 Monate her! Was hat sich seitdem entwickelt? Wie ist das Gefühl jetzt, wenn ich das Gelände des IPCs betrete?

Ein grüner Rückzugsort in einer fernen Stadt

Ich komme von einem Spaziergang zurück, bin einmal um‘ Block gelaufen; vorbei an den großen Häusern und manchen grünen Bäumen, die hinter den bunt bemalten Mauern hervorlugen. Es ist hell, die Sonne scheint. Das Tor steht offen. Ich betrete das Gelände des India Peace Centres und gehe den Sandweg entlang, der von Bäumen gesäumt wird. Auf der rechten Seite stehen Blumen und Pflanzen in Töpfen, die an der Straße vorne verkauft werden. Ich folge dem Weg, gehe langsam auf die Mauer zu, auf der das IPC-Logo zu sehen ist, das Gandhi-Rad und der Schriftzug in den silber-grauen Lettern, und atme tief ein und aus. Ich genieße das Gefühl der Ruhe und Vertrautheit, der Entspannung, die eintritt, wenn ich vom Lärm und Verkehr der Straßen in diese kleine grüne Oase einbiege: ein Rückzugsort, wo die Luft ein bisschen besser und das Leben ein bisschen ruhiger ist.

Markante Architektur und fremde Pflanzen

Auf dem Vorplatz stehend, schaue ich mich um. Links erheben sich die Gebäude des Centres. Sie sind aus Ziegelsteinen gebaut und haben ein schräges Dach (beides in Indien eher die Ausnahme). Die Dachspitze ist leicht offen gestaltet. Ein Spalt sorgt dafür, dass die Luft zirkulieren kann, wodurch es im Sommer kühler im Haus bleibt. Darüber ist ein weiteres kleines Dach, damit kein Regen hineinfällt. Ein überdachter Steg aus Stein verbindet die drei Häuser miteinander und bildet ein Rondell, in dessen Zentrum eine kleine Grünfläche mit Rasen und einem Topfbaum gebettet ist. Rechts vom Hauptplatz schlägt ein riesiger Baum seine Wurzeln in die Erde und wacht über das Gelände: eine Pappel-Feige. Sie soll im Gegensatz zu anderen Bäumen nachts Sauerstoff abgeben, weshalb man im Dunklen gut hier sitzen kann. Solange man bereit ist, sich den Platz mit den Mücken zu teilen.

Zielstrebig gehe ich weiter in den hinteren Bereich. Drei bewohnte Häuser stehen nebeneinander. In einem flachen Haus ganz rechts wohnt der Direktor, links wohnen wir, Riko und ich. Oben hat jeder von uns ein Zimmer, unten ist eine Küche und ein Aufenthaltsraum. Das mittlere Haus ist das größte. Hier leben drei Familien mit insgesamt neun Menschen. Am Anfang waren wir erstaunt, als wir nach und nach herausgefunden haben, wer alles dort wohnt. Ich gehe den Weg entlang am mittleren Haus vorbei, grüße Sanju, der gerade im Eingang steht, und gehe auf unser Haus zu, die Treppe hoch.

Ein Gefühl von Vertrautheit

Auf halbem Weg nach oben ist ein kleines Plateau. Dort bleibe ich stehen und schaue mich noch einmal um. Unten sind Obstbäume und Beete. Vor mir eine Palme und dahinter die Ashram-Gebäude des IPC. Das Gelände wird nach hinten von einer Mauer umgeben. Dahinter stehen andere, etwas höhere Gebäude. Ich atme noch einmal ein und aus.

Bin ich zuhause? Dieser Anblick ist mir in den letzten Monaten vertraut geworden. Ich schaue gern auf diese grüne Umgebung. Tagsüber stehe manchmal ich auf dem Plateau, um mir ein paar Sonnenstrahlen abzuholen. Nachts beobachte ich von hier aus den Mond, die Sterne und die Fledermäuse, die ihre Kreise über die Baumwipfel ziehen. Fast vergessen ist die anfängliche Überwältigung, das Gefühl, dass die Luft mir Fieber macht. Ich habe mich eingelebt und fühle mich wohl auf dem Campus.

Von hier aus kann ich nun starten, Nagpur und den Rest von Indien weiter zu entdecken. Ich bin gespannt…

Tanz der Dämonen

Anfang September ist die zweite der drei indischen Jahreszeiten in vollem Gange: Der Monsun, der nach einem heißen Sommer viel Regen und damit Abkühlung bringt, macht nicht nur viele Straßen gerade in den Randgebieten von Nagpur unbenutzbar, sondern läutet vor allem auch die Zeit der vielen Feste ein. Dann und im Winter ist nämlich die einzige Möglichkeit, sich längere Zeit oder besonders aktiv draußen aufzuhalten.

Und damit sind wir beim Thema. Luca und ich haben einen Tanzworkshop belegt, um den Garba-Kreistanz zu lernen. Garba wird am Navratrifest zu Ehren der Göttin Durga gespielt, wie man in Indien sagt. Diese hinduistische Gottheit kommt über neun Tage in unterschiedlich farbigen Erscheinungsformen daher und passend dazu bedeutet Navratri übersetzt auch „neun Nächte“. Daher trägt man jeden Tag unterschiedliche, in der Gruppe abgestimmte Farben. Beim Garba tanzt man im Kreis als Gruppe zu typisch indischer Musik des gleichnamigen Genres mit viel Getrommel, wobei die Schrittfolge besonders wichtig ist. Alle machen gleichzeitig Drehungen, Klatscher, Sprünge in diese und jene Richtung, was gerade von außen richtig elegant aussieht und sich synchron innen noch cooler anfühlt. Der „Doria“, eine Schrittfolge, die am ehesten noch dem Hoppserlauf ähnelt, bringt zusätzlichen Schwung in die Show.

Bevor es soweit war, standen wir aber 15 Tage vorher vor einer der vielen Veranstaltungshallen in Nagpur zur ersten Einheit des Workshops. Als einzige, die tatsächlich auf die englische Erklärung angewiesen waren, kriegten wir nach kurzer Zeit eigene Trainer abgestellt, die die Anweisungen des Vortänzers von Marathi (der Lokalsprache) ins Englische übersetzten. Von einfachen Grundschritten steigerte sich das Niveau schnell und als absolute Beginner waren wir bald auch am IPC am Üben, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Das Team war wirklich nett zu uns und bevor Navratri starten sollte, gab es noch zwei Vorevents als Abschluss des Workshops und Generalprobe. Dafür waren wir mit ein paar der Teamern unterwegs und haben traditionell indische Kurtas gekauft. Für mich fühlte sich das unfassbar komisch an, in einem Blümchenpyjama und überweiter Hose tanzen zu sollen, aber die Garbaleute waren voll überzeugt.

Insofern waren wir gut ausstaffiert und kamen mit der zweiten Version von Kurta im dunklen Stil beim ersten Vorevent an. Warum denn so dunkel und rot? Das hängt mit der Mythologie des Hinduismus zusammen: Es war einmal ein böser Dämon. Niemand konnte ihn bezwingen und mit dunkler Magie ließ er immer wieder sein verfluchtes Blut auf die Erde regnen, aus dem dann neue Dämonen erwuchsen. Eines Tages war die gute Göttin Durga so erbost darüber, dass aus ihrer Stirn die Manifestation Kali entsprang. Sie war schwarz wie die Nacht, mit einem Kranz aus Totenköpfen auf dem Kopf und voller Zerstörungskraft, die so groß war, dass sie im Zorn sogar die Hauptgottheit Shiva übertraf. In einem großen Gefecht besiegte sie den bösen Dämon und seine Blutskopien und beendete so die große Tyrannei. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Ende.

Kalis Dunkelheit symbolisiert hier also nichts „Böses“, sondern reine, grenzenlose Energie und das jenseits von Gut und Böse. Um zu zerstören, ja, aber nur, damit danach Neues entstehen kann. In den Ritualen (mit dunkler oder roter Kleidung und Bemalung) verbinden sich Gläubige mit dieser rohen, reinigenden Kraft. Soweit die Theorie für eine der neun Manifestationen Durgas und das heutige Motiv. An den nächsten Tagen wird es andere Farbkombinationen geben.

Um also stilgerecht und traditionell dabei zu sein, haben wir uns extra noch dunkle Kurtas geholt und kriegten vom Team am Abend diese roten Kreise verpasst. Hier trafen das erste Mal die Teilnehmer der unterschiedlichen Zeit-Slots zusammen, die leicht unterschiedliche Schritte gelernt hatten. Es war schon wild und machte richtig Spaß, wenn wirklich alle in die Dynamik eintauchten und sich mehrere Kreise bildeten, die umeinander tanzten. Innen waren dann meistens die Profis, die die Schritte vorgaben, in der Mitte diejenigen, die sich trauten und den Großteil problemlos hinbekamen, wie Luca, und im äußeren Kreis stolperte ich mir meine Drehungen zusammen.

In den nächsten Tagen gab es noch weitere Veranstaltungen mit Garba für uns: Am zweiten Vorevent gewannen wir den Preis für die pünktlichsten Teilnehmer, weil wir glatt die Dreistigkeit besaßen, spätestens fünf Minuten nach Workshopbeginn vor Ort zu sein, was den Zeitplan manchmal etwas durcheinander brachte; bei Dholida, der zweitgrößten Garba-Veranstaltung der Stadt, sahen wir mit unseren Freunden vom Workshop die Sängerin, die die bekannten Dakla-Lieder spielt und eine Art regionale Berühmtheit ist; mit einem anderen Freund waren wir bei einer Nachbildung der sieben wichtigsten Hindutempel, wo auch Garba gespielt wurde; und mit den Teamern des Workshops gewannen wir einen Gruppenpreis – dieses Mal für die beste Performance.

Und damit gingen gut gefüllte dreieinhalb Wochen für uns zu Ende. Wir freuten uns schon auf die nächsten Feste und sollten nicht enttäuscht werden.

Und was machst du dort konkret?

Von dieser Frage können wohl alle Freiwilligen ein Liedchen singen und die am India Peace Centre ganz besonders. Unter einem Center für Friedens- und Gerechtigkeitsarbeit mit Fokus auf interreligiösem Dialog kann man sich schließlich alles und nichts vorstellen. Ich versuche mich nach den ersten drei Monaten im Land an einer Antwort. 

Doch zunächst zu unserer Ankunft in Indien. Nach meinem ersten Flug in über zehn Jahren standen mein Mitfreiwilliger Luca und ich um kurz nach drei Uhr nachts suchend in der Eingangshalle des internationalen Flughafens in Nagpur. Wir sind mit der einzigen internationalen Verbindung eingeflogen und wurden nach einigen Minuten von unserem sehr netten Kollegen Suyog abgeholt, der in Sichtweite der Landebahn wohnt und aufgebrochen war, als der Flieger am Nachthimmel auftauchte. Es ist in Indien wohl nicht üblich, aber weil er davon gehört hatte, dass man in Deutschland Blumen zur Begrüßung überreicht, hielten wir auf dem Weg hinaus auch einen Strauß Rosen in der Hand.

Diese Gastfreundschaft finde ich beeindruckend. Alle geben sich wirklich Mühe, damit wir uns gut aufgehoben fühlen. Für uns standen in den ersten Tagen Wasserflaschen parat, während sich alle anderen Wasser aus 20l Behältern holen. Als das WLAN nicht funktionierte, war gleich am nächsten Morgen der Haustechniker dabei, den Router wieder einzustellen. Weil hier nur mit den Händen gegessen wird, hat jemand noch Besteck für uns eingekauft, obwohl wir uns mittlerweile angepasst haben. Und besonders: Damit wir uns erst einmal eingewöhnen können, hat Angelious, der Direktor des IPCs, für den ersten Monat eine Köchin eingestellt, die gut verdauliches Essen für uns kocht (also in erster Linie nicht zu scharf).

Wenn ich Zuhause beschrieben habe, wo ich denn eigentlich sein würde, ging mein Spruch immer so: „Du nimmst deinen Finger und patschst ihn einmal mitten auf die indische Landkarte. Das passt eigentlich am besten.” Tatsächlich kamen wir noch auf der Fahrt vom Flughafen an einem Obelisken vorbei, der genau die Mitte von Indien markiert. Da war die Beschreibung doch gar nicht so verkehrt.

Nun aber zum eigentlichen Thema: Als erste Aufgabe, während wir uns an das unfassbar feuchte und heiße Klima gewöhnten, sollten wir die Bibliothek sortieren und einen Katalog der über 3500 Bücher erstellen, damit das Angebot auf der Website abrufbar wird. Nachdem wir ein paar hundert Bücher geschafft hatten, erhielten wir Zugangsdaten für die Website. Gedacht dafür, dass wir den Katalog erstellen, werkelte ich dann aber erstmal an anderen Teilen der Seite herum, sodass es jetzt etwas einheitlicher aussieht und einige Inhalte aktualisiert sind.

Anschließend wurden wir von einer Konferenz im südindischen Chennai unterbrochen, die das India Peace Centre mitorganisiert hat. Dafür sollten Aufsteller und Banner designt werden, wofür Luca und ich eingeteilt wurden. Am Ende stellte sich zwar heraus, dass die gar nicht gebraucht wurden, genauso wenig wie die vielen Excellisten oder eine Zimmerzuteilung von mir, aber wir sind jetzt um einiges an Canva-Erfahrung reicher und ich weiß nun, wie man mit einem unachtsamen Klick im Entwicklermodus die Arbeit der letzten sechs Stunden Arbeit vollautomatisiert und unwiderruflich löschen lassen kann. Na Klasse.

Tatsächlich Klasse war das auf die Konferenz folgende Face to Face Programm, auch vom IPC co-organisiert. Hier kamen angehende Theologen christlicher Kirchen aus aller Welt und einige aus Indien zusammen, um sich einen ganzen Monat lang unterschiedliche Seminare anzuhören und über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihres Glaubens zu sprechen. Für mich waren die Passagen interessant, die sich um andere Religionen drehten und was in ihren Geschichten passiert. Vor dem Freiwilligendienst hatte ich beispielsweise noch nie etwas von den Bahá´í oder Sikh gehört. Wenn auch alles spontan organisiert war, konnten wir die Gruppe zu ihren Ausflügen zu unterschiedlichen Orten wie einer buddhistischen Pilgerstätte für einen Vorkämpfer der Dalits (ehem. „Unberührbare“ im Kastensystem genannt) begleiten oder an den Aktivitäten am NCCI, einer Dachorganisation des IPC, teilnehmen.

Vorträgen diverser Referenten zu lauschen, gehört immer wieder zu unseren Aufgaben dazu. Egal ob im Rahmen von Programmen oder bei einzelnen Aktionen, wie am Weltfriedenstag, wo wir auch kleine Beiträge geschrieben und vorgetragen haben. Mehrfach waren wir auch an Universitäten hier in Nagpur und einmal haben wir einen mehrstündigen Vortrag über Deutschland für die Erstsemesterstudenten des Deutschkurses ausgearbeitet.

So vergeht hier also die Zeit auf Arbeit. Was abseits davon passiert, kommt sicher noch in den nächsten Blogbeiträgen.

Und plötzlich ist alles vorbei

Ende April besuchten mich meine Eltern zum zweiten Mal in Indien, was mir erneut eine sehr schöne und bereichernde Zeit bescherte. Gemeinsam reisten wir unter anderem in die Stadt Varanasi – ein Ort, der mir mit Abstand den größten Kulturschock meines bisherigen Lebens bescherte.

Varanasi, auch bekannt als Benares oder Kashi, gehört zu den ältesten ununterbrochen bewohnten Städten der Welt und gilt als die heiligste Stadt im Hinduismus. Sie liegt am Ufer des Ganges, dem heiligsten Fluss der Hindus, und ist ein bedeutendes spirituelles und religiöses Zentrum, das jedes Jahr Millionen von Pilgerinnen und Pilgern anzieht. Die Stadt ist besonders bekannt für ihre zahlreichen Tempel, vor allem den Kashi-Vishwanath-Tempel, der dem Gott Shiva gewidmet ist.

Am Ufer des Ganges finden täglich religiöse Rituale und Zeremonien statt – allen voran das Ganga-Aarti, ein eindrucksvolles Lichtritual, das jeden Abend zu Ehren des Flusses zelebriert wird. Viele Gläubige reisen nach Varanasi, um im Ganges zu baden, da dies als symbolische Reinigung von Sünden gilt. Zudem ist die Stadt ein zentraler Ort für hinduistische Bestattungen: An Verbrennungsstätten wie dem berühmten Manikarnika-Ghat werden Verstorbene öffentlich am Fluss verbrannt. Nach hinduistischem Glauben führt das Sterben in Varanasi zur Erlösung (Moksha) – zur Befreiung vom Kreislauf der Wiedergeburten.

Diese enge Verbindung zwischen Leben, Tod und spiritueller Reinigung macht Varanasi zu einem einzigartigen Ort von tiefer religiöser Bedeutung für Hindus weltweit. 

Varanasi

Nach der intensiven, aber auch äußerst aufschlussreichen Zeit in Varanasi reisten meine Eltern und ich weiter nach Nagpur. Dort hatten meine Eltern endlich die Gelegenheit, meinen Chef – den Direktor des India Peace Centre, Angelious Michael – persönlich kennenzulernen. Auf dieses Treffen hatten sich beide Seiten schon lange gefreut. Das Gespräch verlief sehr positiv, und meine Eltern fühlten sich danach noch sicherer und zuversichtlicher, mich für die verbleibende Zeit meines Aufenthalts in Indien hier zu lassen.

Ein weiteres Highlight unserer Tage in Nagpur war ein kleiner, privater Kochkurs, den eine Bekannte von mir für uns organisiert hatte. Sonal kochte gemeinsam mit uns ein typisches indisches Abendessen, das wir anschließend zusammen mit ihrer Familie in herzlicher Atmosphäre genießen durften. Es war ein rundum gelungener Abend, der uns nicht nur kulinarisch, sondern auch menschlich sehr bereicherte.

Zeit in Nagpur

Ich beendete das dritte Quartal mit einem unvergesslichen Trip nach Nepal. Es ging auf den Annapurna Base Camp Trek – eine Route, die nicht nur durch ihre spektakulären Ausblicke und die beeindruckende Natur besticht, sondern auch körperlich extrem herausfordernd ist.

Trotz der Anstrengung verliebte ich mich sofort in das Land und seine Menschen. Für mich fühlte sich Nepal wie das entspanntere Indien an: In der Hauptstadt Kathmandu spürt man zwar das bunte Treiben einer Großstadt, aber nur wenige Stunden entfernt findet man sich in klarer Bergluft und ruhiger Natur wieder.

Besonders beeindruckt haben mich die Menschen in Nepal. Ich empfand sie als ausgesprochen herzlich, offen und respektvoll. Anders als es mir an manchen Orten in Indien ergangen ist, hatte ich hier nie das Gefühl, lediglich als „Geldquelle“ wahrgenommen zu werden. Vielmehr begegnete man mir mit ehrlichem Interesse und großer Gastfreundschaft.

Nepal

Zurück in Nagpur stand eine sehr interessante Webinar-Reihe an, die vom India Peace Centre gemeinsam mit weiteren Partnerorganisationen organisiert wurde. Die Webinare befassten sich mit dem Nexus Approach zu den Themen Land, Wasser und Ernährung.

Der Nexus Approach betrachtet diese drei Bereiche nicht isoliert, sondern als miteinander verknüpfte Systeme. Ziel ist es, Wechselwirkungen zu erkennen und nachhaltige Lösungsansätze zu fördern, die den verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen in den Mittelpunkt stellen.

Insgesamt fanden vier Webinare zu den Themen Umwelt, Wasser, Ernährung und Land statt. Für diese gestaltete ich Einladungsplakate und übernahm im Zoom-Meeting die Rolle des Hosts. Die Veranstaltungen waren sehr aufschlussreich und gut strukturiert: Jedes Webinar beleuchtete das Thema sowohl aus religiöser als auch aus wissenschaftlicher Perspektive, was für die Teilnehmenden besonders anschaulich und greifbar war. Auch ich selbst konnte aus diesen Seminaren wertvolle Erkenntnisse mitnehmen.

Webinar

Ein weiteres Highlight war das gemeinsame Teamessen Ende Mai, das mein Chef als vorzeitige Verabschiedung für mich organisierte. Da Angelious Michael, der Direktor des India Peace Centre, den gesamten Juni nicht in Nagpur vor Ort sein würde und wir uns daher frühestens Anfang Juli noch einmal kurz sehen könnten, nutzten wir die Gelegenheit für ein letztes gemeinsames Abendessen.

Die Stimmung war ausgelassen – wir erzählten viele Geschichten und führten angeregte Gespräche, insbesondere über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Indien. Dadurch entstand ein sehr bereichernder und persönlicher Austausch.

Abschlussessen

Anfang Juni unternahm ich einen Kurztrip nach Sri Lanka. Aufgrund der Abwesenheit des Direktors hatte sich das Arbeitsaufkommen deutlich reduziert, sodass ich die Gelegenheit für eine kleine kulturelle Erkundungsreise nutzte.

Dabei machte ich in Sri Lanka bisher die spannendste Erfahrung im indischen Umland.

Bereits Ende März hatte ich den südlichsten Bundesstaat Indiens, Kerala, besucht. Dieser liegt nur wenige hundert Kilometer von Sri Lanka entfernt, weshalb ich zunächst erwartete, dass es zwischen den beiden Regionen kaum Unterschiede geben würde. Doch ich sollte mich deutlich täuschen.

Der Hauptgrund für die Unterschiede liegt im starken Massentourismus – insbesondere aus europäischen Ländern. Im Jahr 2023 empfing Sri Lanka etwa 2,3-mal so viele ausländische Touristen wie Kerala. Das zeigte sich deutlich in der Infrastruktur, im alltäglichen Leben und nicht zuletzt auch im kulinarischen Angebot.

Ich besuchte die Städte Colombo, Kandy und Ella und verbrachte zudem einige Tage an der Arugam Bay. Abgesehen von der Hauptstadt Colombo waren die anderen Orte stark auf Tourismus ausgelegt – ihre Wirtschaft basierte fast ausschließlich auf touristischen Angeboten und Attraktionen.

In den Tagen nach meiner Reise stellte ich mir viele Fragen: Warum bestehen so große Unterschiede zwischen geografisch so nah beieinanderliegenden Regionen? Und ist der Tourismus nun ein Fluch oder eine Chance – sowohl für Sri Lanka als auch für Indien?

Zu einem eindeutigen Ergebnis bin ich bis heute nicht gekommen. Auf der einen Seite profitiert Sri Lanka wirtschaftlich stark vom Tourismus. Auf der anderen Seite werden Einheimische in den touristischen Regionen oft verdrängt und an den Rand gedrängt. Indien hingegen kann seine Kultur durch den vergleichsweise geringen Tourismus besser bewahren – was für Besucher ein ursprünglicheres Erlebnis schafft. Allerdings muss das Land dadurch auch wirtschaftliche Einbußen hinnehmen.

Sri Lanka

Meine letzten drei Wochen in Indien verbringe ich jetzt ganz entspannt. Ich treffe mich viel mit meinen Freunden und mache noch einmal all die Dinge, die mir in den vergangenen zehn Monaten besonders Freude bereitet haben. Außerdem besorge ich noch einige Souvenirs – dabei sind mir meine Freund*innen vor Ort eine große Hilfe.

Insgesamt versuche ich gerade, bewusst Abschied zu nehmen – von Indien, von Nagpur und von diesem gesamten Freiwilligenjahr. Ich habe das Gefühl, dass ich es später bereuen würde, wenn ich diesen Prozess nicht aktiv und bewusst gestalte.

Dieses Jahr war – und ist – eine unglaublich prägende Zeit für mich. Ich habe viel gelernt, neue Erfahrungen gesammelt und mich mehr als einmal aus meiner Komfortzone herausgewagt. Allerdings ist mir momentan noch gar nicht wirklich bewusst, wie sehr mich dieses Jahr geprägt hat. Ich bin sicher, dass mir das erst mit etwas zeitlichem Abstand wirklich klar werden wird.

Ich habe in diesen Monaten auch viel über mich selbst gelernt – aber es wird sicherlich noch eine Weile dauern, bis ich all diese persönliche Entwicklung begreifen und einordnen kann.

Ich bin für elf Monate in ein Land gekommen, das in Europa oft mit vielen Vorurteilen behaftet ist – und ich habe für mich viele dieser Vorurteile widerlegen können. Ich habe Freundschaften geschlossen und es geschafft, mich so weit einzuleben, dass es sich fast wie ein zweites Zuhause anfühlt.

Doch ich möchte auch ehrlich sagen: Es war kein einfacher Weg. Der Anfang war hart. Allein in eine völlig neue Umgebung zu kommen, fiel mir nicht leicht. Aber Schritt für Schritt habe ich mich angepasst – und das Land sowie vor allem die Menschen hier lieben gelernt.

Aus heutiger Perspektive kann ich nur sagen: Dieses Jahr war ein Erfolg. Auch wenn es ganz anders verlaufen ist, als ich es mir vorgestellt hatte – genau das war vielleicht die wichtigste Lektion: Die Vorstellung unterscheidet sich oft stark von der Realität. Aber es liegt an einem selbst, das Beste aus dieser Realität zu machen.

Die zweitgrößte Stadt der Welt

Lärm, Dichte, tausende Gerüche, Trubel – und 35 Millionen Einwohner: Das erwartete mich Ende Februar, als ich mich auf den Weg in die Hauptstadt Indiens, nach Delhi, machte. Bevor ich dort ankam, waren meine Gefühle gemischt: Einerseits war da die Vorfreude, endlich die berühmte Metropole zu erleben – andererseits auch Unsicherheit, ob sie mir gefallen würde, denn ich hatte bereits vieles Negative über Delhi gehört.

Mein Weg von Nagpur nach Delhi führte mich zunächst nach Agra im Bundesstaat Uttar Pradesh. Dort wollte ich eines der sieben Weltwunder der Moderne mit eigenen Augen sehen – den Taj Mahal. Dieses Bauwerk war für mich eines der beeindruckendsten, das ich bisher in Indien gesehen habe. Doch Agra hatte mehr zu bieten, etwa das Agra Fort oder den sogenannten „Mini-Taj“.

Agra

Nach einer Übernachtung in Agra reiste ich weiter nach Delhi. Die Stadt war anders als alles, was ich je erlebt hatte – die Menschenmengen, der Lärm, das Chaos waren überwältigend. Ich verbrachte drei Tage in Delhi und konnte mir so ein gutes Bild machen. Die ersten Tage war ich im ruhigeren Teil der Stadt unterwegs, hauptsächlich in Neu-Delhi. Dort überraschte mich Delhi mit seiner Sauberkeit, schöner Architektur und vielen Grünflächen. Ich besuchte das India Gate, den Sunder-Nursery-Garten und das Humayun’s Tomb. Am letzten Tag meines Aufenthalts war ich in Old Delhi, rund um das bekannte Rote Fort. Diese Erfahrung war völlig anders: Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Menschen auf einmal gesehen. Es war kaum möglich, die Umgebung wahrzunehmen – ich musste ständig aufpassen, nicht von der Menschenmasse mitgerissen zu werden. So etwas muss man selbst erlebt haben, um es zu begreifen. Insgesamt bin ich sehr froh, Delhi besucht zu haben. Neu-Delhi hat mich positiv überrascht, während Old Delhi in puncto Lärm, Trubel und Schmutz meine Erwartungen bei Weitem übertroffen hat.

Delhi

Nach meinem Aufenthalt in Delhi ging es für mich weiter nach Malaysia, genauer gesagt nach Kuala Lumpur, um dort zwei Freundinnen aus meiner Heimat zu treffen, die auf Asienreise waren. Kuala Lumpur überraschte mich auf ganz andere Weise: ruhig, sauber, geordnet – damit hatte ich nicht gerechnet. Als ich 2018 zum ersten Mal dort war, hatte ich ein ganz anderes Bild. Aber ich bin sicher, dass mein langer Aufenthalt in Indien meinen Blick verändert hat – das Maß an Trubel und Intensität, das Indien bietet, findet man in kaum einem anderen Land.

Kuala Lumpur

Zurück in Nagpur folgte gleich das nächste Highlight: Das Holi-Festival stand vor der Tür. Holi ist ein indisches Frühlingsfest, bei dem der Sieg des Guten über das Böse gefeiert wird. Menschen bewerfen sich mit buntem Pulver, spielen mit Wasser, tanzen und singen gemeinsam. Am Vorabend des Festes, am 13. März, wurde ich von meinem Freund Anirudhha und seiner Frau Shabri eingeladen, mit ihnen die Zeremonie am Feuer zu feiern. Sie liefen Runden um das Feuer, zeichneten Kreise mit Wasser und warfen Opfergaben wie Kokosnüsse hinein. Am nächsten Tag besuchten wir gemeinsam Freunde und Familie, wünschten ein fröhliches Holi und segneten einander mit Farbpulver – eine schöne, spirituelle Geste. Besonders berührend war für mich die große Gastfreundschaft, die ich nicht nur von meinen Freunden, sondern auch von den Menschen auf unserer Runde erleben durfte – einige davon kannte ich bereits selbst gut.

Holi-Festival

Mitte März geschah zudem etwas Spannendes das India Peace Centre, bei dem ich tätig bin, hatte in den letzten 50 Tagen ein internationales Friedensprogramm organisiert, das nun zu Ende ging. Ich war fast täglich involviert und übernahm viele Aufgaben, wodurch ich eine enge Verbindung zu den Teilnehmenden aufbauen konnte. Es waren Menschen aus den Philippinen, Myanmar, Timor-Leste, Indien, Nepal und Indonesien dabei – der Austausch mit ihnen war für mich unglaublich bereichernd da ich so viel über andere Kulturen und Lebensweisen lernen konnte. 

Ende März bis Anfang April reiste ich schließlich mit einem meiner besten Freunde aus Deutschland durch den Süden Indiens, insbesondere durch Kerala. Unsere Tour begann in Mangalore, wo wir zur Eingewöhnung zwei Tage verbrachten und auch die Familie einer Bekannten trafen – auch hier wurden wir herzlich empfangen. Danach ging es weiter nach Kochi, wo wir Fort Kochi erkundeten, und schließlich nach Alleppey, wo wir eine wunderschöne Bootstour durch die berühmten Backwaters machten. Anschließend fuhren wir mit dem Bus nach Munnar, einem Ort in fast 2.000 Metern Höhe, der für seinen Tee-Anbau bekannt ist. Die Landschaft und das Klima dort waren atemberaubend. Den Abschluss unserer Reise bildete Varkala, eine Küstenstadt ganz im Süden, in der wir fünf entspannte Tage mit gutem Essen und Strandzeit verbrachten – genau das Richtige nach dem Trubel der Reise.

Kerala

Alles in allem kann ich sagen ich fühle mich hier in Indien immer wohler. In Nagpur wachsen meine Freundschaften und auf Reisen helfen mir meine bisherigen Erfahrungen, sicherer und entspannter unterwegs zu sein. So sammle ich ganz nebenbei unglaublich viele horizonterweiternde Eindrücke – und genau das macht diese Zeit für mich so besonders.

Ein halbes Jahr in Indien!

Im Dezember letzten Jahres hieß es das erste Mal Abschied nehmen. Allerdings war es nicht mein Abschied, sondern ein sehr guter Freund verließ Indien. Mein guter Freund Ashrit reiste nach Kanada, um dort seinen Master zu absolvieren. Während meines Freiwilligendienstes in Indien werden wir uns also nicht mehr wiedersehen. Ich lernte Ashrit in meinen ersten Wochen in Indien kennen, und seitdem entwickelte sich eine enge Freundschaft. Unser Kennenlernen ist für mich ein Beweis dafür, dass es sich lohnt, aus seiner Komfortzone herauszutreten. Wir begegneten uns bei einem Programm meiner Arbeit. Ich erinnere mich noch gut an diesen Abend: Es war eine meiner ersten Wochen in Indien, und ich hätte nicht an dem Programm teilnehmen müssen, da es abends stattfand. Zunächst hatte ich keine richtige Lust, erneut den gleichen Smalltalk zu führen, den ich in den vorherigen Wochen so oft hatte. Doch ich entschied mich trotzdem dazu, hinzugehen, denn genau für solche Erfahrungen war ich nach Indien gekommen – Dinge zu tun, mit denen ich mich nicht sofort anfreunden konnte. Vor Ort kamen wir schnell ins Gespräch, und es herrschte direkt eine lockere Stimmung, weit entfernt von dem belanglosen Smalltalk der vorherigen Wochen. Nach dem Programm blieben wir in Kontakt und wurden gute Freunde. 

Ashrit und ich

Kurz vor Weihnachten verließ ich dann auch Nagpur und machte mich auf den Weg nach Mumbai. Dort sollte ich meine Familie treffen, doch ich reiste einige Tage früher an, um die Stadt auf eigene Faust zu erkunden und ein guter Guide für sie zu sein. Meine Tage alleine in Mumbai waren geprägt von vielen Erkundungen und großer Vorfreude auf das Wiedersehen mit meiner Familie. Die Zeit verging wie im Flug.

Gemeinsam mit meiner Familie verbrachte ich einige Tage in Mumbai und wir  besuchten alle wichtigen Sehenswürdigkeiten. Unser erster Halt war das Gateway of India, ein Symbol der indischen Unabhängigkeit. Hier verließen 1948 die letzten britischen Truppen das Land. Wir erkundeten den Colaba Causeway, den Victoria Terminus und den Crawford Market. Für meine Familie war es das erste Mal, dass sie hautnah erlebte, wie überwältigend Indien sein kann. Einer der eindrucksvollsten Besuche war jedoch unsere Tour durch den Dharavi-Slum. Dharavi liegt im Herzen Mumbais und ist mit 2,4 Quadratkilometern Fläche und rund einer Million Einwohnern einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt sowie der größte Slum Asiens. Wir buchten eine Slum-Tour über die Organisation Reality Tours & Travel, die 80 % ihres Gewinns in soziale Projekte innerhalb des Slums reinvestiert.

Mumbai

Nach Mumbai reisten wir mit dem für Indien wohl typischsten Fortbewegungsmittel – dem Zug – weiter nach Nagpur. Direkt nach unserer Ankunft unternahmen wir eine Tiger-Safari im nahegelegenen Pench-Nationalpark. Unser Begleiter war Sarvesh, ein Freund aus Nagpur, der mir bei der Organisation meiner Reisen in Indien sehr viel hilft. Der Verlauf der Safari lässt sich gut mit meiner bisherigen Zeit in Indien vergleichen: Sie begann extrem schleppend, wurde dann aber richtig spannend. Den ganzen Nachmittag konnten wir keinen Tiger entdecken, und als es allmählich dunkel wurde, hatten wir die Hoffnung fast aufgegeben. Doch dann fuhr unser Guide mit seinem Jeep mit 40-50 km/h durch einen nicht ganz offiziellen Weg, als mein Vater plötzlich rief, er habe einen Tiger gesehen. Zunächst waren alle skeptisch, doch unser Guide kehrte um – und tatsächlich, dort war ein Tiger! Bis heute frage ich mich, wie mein Vater keine Speisekarte ohne Brille lesen kann, aber in der Dämmerung auf holprigen Straßen einen Tiger in 70 Metern Entfernung im Wald erspähen konnte. 

Die folgenden Tage in Nagpur verbrachte ich damit, meiner Familie zu zeigen, wo ich lebe, was ich täglich mache und einige meiner Freunde vorzustellen.

Tiger-Safari

Unser letzter gemeinsamer Stopp war Goa – der perfekte Abschluss unserer gemeinsamen Zeit. Dort konnten wir am Strand entspannen und dem Trubel Indiens für eine Weile entkommen.

Goa

Der Abschied von meiner Familie fiel mir nicht leicht, doch das neue Jahr begann direkt mit einem aufregenden Ereignis, das den Abschied erleichterte. Es ging für mich zum Zwischenseminar nach Chennai, der Hauptstadt des Bundesstaates Tamil Nadu. Dort verbrachte ich eine Woche mit anderen deutschen Freiwilligen, die ebenfalls in Indien tätig sind. Es war eine tolle Zeit, in der wir unsere bisherigen Erfahrungen reflektierten und erste Gedanken zum Abschied besprachen. Letzteres fühlte sich für mich surreal an, da ich kaum glauben konnte, dass bereits mehr als die Hälfte meiner Zeit in Indien vergangen war.

Nach Chennai reiste ich weiter in den Süden und besuchte die Stadt Pondicherry, eine ehemalige französische Kolonie. Dies spiegelte sich sowohl in der Architektur als auch in der Küche wider – ich konnte dort zum Beispiel ausgezeichnete Pain au Chocolat genießen. Ein Tagesausflug führte mich nach Auroville, ein Dorf, das seit 1968 existiert und auch als „Aussteigerdorf“ bekannt ist. Dort leben Menschen aus der ganzen Welt, die in den 1970er-Jahren nach Indien kamen, um ein freies Leben zu führen, Yoga zu praktizieren und dem materialistischen und kapitalistischen Lebensstil ihrer Heimatländer zu entkommen. In Auroville gibt es kein Bargeld, kein typisches Einkommen – jeder bringt sich mit seinen individuellen Fähigkeiten in die Gemeinschaft ein.

Pondycherry und Auroville

Nach meinem „kleinen Frankreich-Ausflug“ freute ich mich umso mehr, Ende Januar wieder nach Nagpur zurückzukehren und erneut die indische Kultur in vollen Zügen zu erleben. Ein besonderes Highlight erwartete mich dort: Die Hochzeit meines besten Freundes in Indien, der seine Verlobte Shabri in einer traditionellen hinduistischen Zeremonie heiratete. Ich fieberte diesem Ereignis genauso entgegen wie das Brautpaar selbst. Am Vorabend der Hauptzeremonie fand der Sangeet statt, bei dem Freunde und Verwandte traditionelle indische Tänze aufführten. Der Hochzeitstag selbst bestand aus vielen verschiedenen Ritualen. Zunächst nahm ich an der Baarat teil, bei der hauptsächlich die männlichen Gäste den Bräutigam, der auf einem Pferd ritt, zu einem Tempel begleiteten. Dort wurden dem Gott Hanuman Kokosnüsse geopfert, um den Bräutigam symbolisch „freizugeben“. Ein weiteres bedeutendes Ritual war der Vidhi, bei dem sich Braut und Bräutigam gegenüberstehen, getrennt durch ein Tuch. Erst wenn das Tuch fällt, dürfen sie sich sehen. Diese Zeremonie hatte in Zeiten ausschließlich arrangierter Ehen besondere Bedeutung da sich das Brautpaar dort erstmals sah. Die Hochzeit endete für mich mit der Saptapadi, bei der sich das Paar sieben Eheversprechen am heiligen Feuer gibt.

Hochzeit

Die letzten zwei Monate in Indien waren die intensivsten bisher. Durch spannende Reisen allein und mit meiner Familie konnte ich das Land besser kennenlernen, neue Kontakte knüpfen und noch tiefer in die indische Kultur eintauchen. Ich bin gespannt, was die verbleibenden fünf Monate bringen werden. Da bereits viele weitere Reisen in Planung sind, bin ich zuversichtlich, die Zeit in vollen Zügen genießen zu können.

Alltag zwischen neuen Erfahrungen und aufregenden Orten

Mein Alltag ist geprägt von neuen Erfahrungen, inspirierenden Freundschaften, aufregenden Orten und einer großen Portion Spaß. Seit vier Monaten lebe ich nun schon in Indien – eine lange Zeit, doch besonders die letzten beiden Monate sind wie im Flug vergangen. In dieser Zeit hatte ich die Gelegenheit, deutlich mehr zu erleben als in meiner Anfangsphase, was meinen Aufenthalt noch bereichernder und die Eingewöhnung leichter gemacht hat.

Mitte Oktober durfte ich ein außergewöhnliches Ereignis erleben: die Hochzeit eines guten Freundes. Indische Hochzeiten unterscheiden sich stark von denen in Deutschland. Sie erstrecken sich über mehrere Tage und beinhalten zahlreiche Zeremonien. Den Anfang machte die sogenannte Ringzeremonie, bei der sich das Paar gegenseitig die Ringe überreicht. Dieses Ritual ist ursprünglich westlich geprägt und daher kein traditioneller Bestandteil indischer Hochzeiten, wird jedoch immer häufiger integriert. Ich war zur Ringzeremonie eingeladen, und während meine indischen Freunde dies als völlig normal empfanden – viele von ihnen haben bereits an mehr als 20 solcher Zeremonien teilgenommen – war es für mich eine faszinierende Erfahrung, die mich sehr beeindruckt hat. Nun freue ich mich umso mehr auf die eigentliche Hochzeit mit bis zu 1.000 Gästen, die in etwa einem Monat stattfinden wird. Mehr dazu folgt im nächsten Blog 😉

Hochzeit

In der darauf folgenden Woche nahm ich an einem zweitägigen „Leadership Training Programme“ der YMCA teil, was mir viele wertvolle Kontakte einbrachte.                              

YMCA Team

Das Knüpfen von Kontakten ist für mich in den letzten Monaten besonders wichtig geworden, da es das Leben in einem fremden Land nicht nur erleichtert, sondern auch bereichert. So wurde ich beispielsweise von Dr. Tejinder Singh Rawal, einem ehemaligen Leiter des India Peace Centre, zu einem „Potluck“ eingeladen. Bei diesem Treffen brachte jeder Gast ein Gericht mit, wodurch ein vielfältiges Buffet entstand. Neben kulinarischen Genüssen bot sich mir die Gelegenheit, interessante Menschen kennenzulernen, lustige Spiele zu spielen und die indische Kultur weiter zu entdecken.

Potluck

Ein weiteres schönes Erlebnis war die Geburtstagsfeier eines guten Freundes. Zum ersten Mal hatte ich wieder das Gefühl, wie zu Hause zu sein: von Freunden zu einer Feier eingeladen zu werden und in einem kleinen Kreis ganz entspannt in den Geburtstag hineinzufeiern.

Geburtstag

Diese Erlebnisse mit meinen neu gewonnenen Freunden sind für mich unglaublich bereichernd, da ich auf der einen Seite einzigartige Momente genießen und auf der anderen Seite meine Faszination mit anderen teilen kann, was die Erfahrungen noch intensiver macht. Ich bin mir sicher, dass ich mich auch in vielen Jahrzehnten noch an die Runden Cricket am Morgen, das Fußball-Hallenturnier oder an kleine Tagesausflüge zu atemberaubenden Aussichtspunkten erinnern werde.

Ausflüge

Vom 29. Oktober bis zum 3. November durfte ich das Diwali-Festival in Indien erleben. Diwali, auch als Lichterfest bekannt, ist eines der wichtigsten und bekanntesten Feste in Indien. Es symbolisiert den Sieg des Lichts über die Dunkelheit und des Guten über das Böse. Während dieses Festivals führen Hindus die sogenannte Puja-Zeremonie durch, bei der unter anderem die Göttin Lakshmi verehrt wird. Sie soll den Menschen Wohlstand in ihre Häuser und Geschäfte bringen. Ich hatte das große Glück, von meinem Freund Aniruddha zu dieser Puja eingeladen zu werden. Das Lichterfest wird anschließend mit viel Feuerwerk gefeiert – mir wurde erzählt, dass es an Diwali sogar mehr Feuerwerk gibt als an Neujahr.

Diwali

Mitte November stand dann wieder eine Reise auf dem Plan, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Es ging in den Bundesstaat Meghalaya, genauer gesagt in die Hauptstadt dieses Staates, Shillong. Die Reise nach Shillong war bislang meine längste, da sie zwei 20-stündige Zugfahrten beinhaltete, was wirklich anstrengend war. Wir kamen nach Shillong, da wir dort unser zweites „School of Peace“-Programm veranstalteten, ähnlich wie bereits im September in Odisha. Shillong und der Nordosten Indiens allgemein sind atemberaubend schön und völlig anders als die Region, in der ich lebe. Die Gegend ist bergiger, das Klima kühler, die Luft sauberer, es gibt weniger Müll und eine faszinierende Natur. Neben dem Programm hatte ich fast zwei ganze Tage Zeit, die Stadt zu erkunden, was mir große Freude bereitete.

Shillong

Am 25. November kehrte ich aus Shillong zurück, doch schon am 26. November sollte es nach Ahmedabad weitergehen. Leider wurde ich in der Nacht von meiner ersten, für Indien berüchtigten Lebensmittelvergiftung erwischt und musste dieses Programm schweren Herzens aussetzen. Glücklicherweise erholte ich mich schnell und konnte Anfang Dezember das India Peace Centre im Süden Indiens, genauer gesagt in Bangalore, der Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka, bei einem „Capacity Building“-Programm vertreten. Dort hatte ich erneut die Gelegenheit, die Stadt zu erkunden – diesmal auch allein. Diese Erfahrung war für mich sehr wertvoll, da es mir zeigte, wie wichtig es ist, mit sich selbst klarzukommen und das Alleinsein bewusst genießen zu können. Es macht die Momente, in denen man wieder mit anderen Menschen zusammen ist, umso wertvoller.

In Bangalore faszinierte mich vor allem der KR Market, auf dem man im Grunde alles kaufen kann, vor allem jedoch Obst und Gemüse. Es ist schwer, diesen Markt mit der Obst- und Gemüseabteilung eines deutschen Supermarkts zu vergleichen – der Lärm, die Menschenmassen, die überwältigende Vielfalt an Waren und die nicht immer optimalen Hygienebedingungen machen den Unterschied deutlich. Neben dem Markt besuchte ich den beeindruckenden Bangalore Palace, ein architektonisches Meisterwerk. Gleichzeitig zeigte mir die Stadt einen anderen Kontrast: moderne Einkaufszentren und eine Vielzahl an Start-ups, die Bangalore den Spitznamen „Silicon Valley“ Indiens eingebracht haben.

Bangalore

Die letzten zwei Monate waren für mich eine sehr eindrucksvolle Zeit. Ich habe viele neue Menschen, Städte und Lebensweisen kennengelernt. Mit jeder Woche gefällt mir meine Zeit in Indien besser, da ich zunehmend mit allen Eindrücken zurechtkomme und nach und nach tiefere Freundschaften entwickle. Ich bin gespannt, was die kommende Zeit noch bringen wird, und freue mich schon sehr darauf, Ende Dezember Zeit mit meiner Familie zu verbringen.