Ich nutze die zweite Hälfte der langen Ferien um einige meiner Schülerinnen zu besuchen. Sie sind zu ihren Familien in Dörfern und Städten in der ganzen Provinz Gansu gereist, und ich darf für einige Tage mit „nach Hause“ kommen. Eintauchen. Und dennoch immer Gast sein, immer ein bisschen mehr zusehen als mitmachen.
Jedes Zuhause, jede Familie ist anders. Und diese Vielfalt lehrt mich vieles. Es ist unmöglich diese Erfahrungen widerzugeben. Während mein Neujahr überraschend ruhig war, erlebe ich momentan die lebendigere Seite des Frühlingsfestes.
Schon an meinem ersten Abend hier im Dorf 小湾 darf ich ein Neujahrsprogramm erleben. Bester Stimmung macht sich die ganze Familie auf den Weg zur Hauptstraße um sich dem Umzug anzuschließen. Alle paar Meter wird Halt gemacht um Papiergeld zu verbrennen und beschwörend gute Wünsche für das neue Jahr auszurufen. Alles begleitet vom ohrenbetäubenden Knallen der Feuerwerkskörper und dem treibenden Rhythmus der Zimbeln, Trommeln und Pauken. Die Stimmung ist ausgelassen, ich sehe nur lachende Gesichter um mich, voller Freude über das gewissenhaft ausgeführte Schauspiel.
Als sich die Straße zu einem kleinen Platz öffnet kommt das Spektakel zu seinem Ende. Zwei Lautsprecher und ein Mischpult werden aufgestellt, die fröhlich plaudernden Menschen bilden einen Kreis, dessen Mitte sich in eine Bühne verwandelt. Die Darbietungen wechseln von Jugendlichen, die Poplieder singen, zu Tanzgruppen in „traditionellen“ Kostümen. Es ist ein Rausch für die Sinne, so viel Nähe und Wärme trotz der beißenden Kälte.
Mit diesem Bild wünsche ich ein frohes neues Jahr: Xīn nián kuài lè! 新年快乐!
Es ist sieben Uhr abends als ich das Bahnhofsgebaeude wieder betrete. Mit einem Herzen voller Waerme, Erinnerungen und Gedanken im Gepaeck fuer die 46 Stunden Zugfahrt zurueck nach 酒泉 Jiǔquán.
Die Fotos sind rund um unser Hotel am letzten Tag entstanden, der sehr grau und bedeckt war. Denkt euch ein bisschen Sonne dazu!
Was fuer ein Morgen! Das Chinesische Neujahr steht unmittelbar bevor und es ist die Hauptreisezeit des Jahres. Dennoch, als ich in aller Fruehe am Suedbahnhof eintreffe ist noch keine Menschenseele unterwegs. Ich erfahre schnell, warum, der Bahnhof fuer meinen Zug wurde geaendert und hier bewegt sich in den naechsten zwei Stunden erstmal noch gar nichts. Obwohl ich schon eine Stunde vor Abfahrtszeit dort bin, scheint es keine Chance zu geben noch zum anderen Bahnhof zu kommen. Ich habe Glueck – trotz Hochsaison verkauft man mir ein Ticket fuer den naechsten Highspeed-Zug. Und hier sitze ich jetzt auf meinem Fensterplatz und bewundere mit meinen uebermuedeten Augen, wie sich die Sonne hinter der schneeuebertuenchten Wuestenlandschaft vom Horizont erhebt.
Die Amity Foundation, meine aufnehmende Organisation in China, hat uns Freiwillige zu einigen Tagen im Nordwesten der Provinz 广西 Guǎngxī eingeladen. Dort haben wir Projekte im Rahmen der Armutsbekämpfung im Kreis 乐业 Lèyè besuchen dürfen. 乐业 Lèyè liegt mitten im Karstgebirge, von der Provinzhauptstadt 南宁 Nánníng waren wir acht Stunden mit dem Bus dorthin unterwegs. Ehrlich gesagt kann ich nicht viel zu den Hintergründen der Projekte sagen – neben einem Ziegenfarmprojekt hat Amity vor allem Infrastruktur gefördert. Die engen Straßen, die uns in entlegene Bergdörfer führten, Straßenlaternen in eben diesen Dörfern und immer wieder abgedeckte Wassertanks, die mal ein Dorf, mal eine Schule ganzjährig mit Wasser versorgen. Dass das Wasser aus den Bergen teilweise bis letzten Dezember nicht gesammelt werden konnte, ist eine völlig fremde Vorstellung. Was ich jedoch vor allem mitgenommen habe, sind die geselligen Mahlzeiten mit den Dorfbewohnenden dicht um die wärmenden Feuerschalen gedrängt.
Es ist Halbzeit. Ja, tatsächlich ist die erste Hälfte meines Freiwilligendienstes vorüber und diese Halbzeit ist wie ein tiefer Schnitt in der sonst so alltäglich kreisenden Zeit. Es ist nicht nur ein Tag, den man sich an Hand von Flugdaten errechnen könnte, sondern für mich etwas ganz Konkretes: das Ende des ersten Schulsemesters. Damit einher gehen für mich beinahe zwei Monate Ferien, das Zwischenseminar von weltwärts und natürlich steht hier das Chinesische Neujahr an.
Das Seminar fand in 南宁 Nánníng, ganz im Süden von China statt. Auf dem langen Weg dorthin haben Luise, eine weitere Mitfreiwillige und ich einige Tage in der berühmten Stadt 西安 Xī’ān verbracht. Fast 19 Stunden sind wir von zuhause dorthin mit dem Zug gefahren – es war nur der kleinere Teil der gesamten Reisestrecke zum Seminar. Der Zwischenstop hat sich nicht nur zum Beine vertreten und frische Luft atmen gelohnt. Neben dem obligatorischen Besuch bei der Terrakotta-Armee haben wir uns die Stadt innerhalb der historischen Stadtmauer erlaufen, den Stadtkern auf eben dieser Mauer umrundet und dabei einen kleinen, und doch in sich schon so vielfältigen Teil der Millionenstadt erkundet. 西安 Xī’ān hat uns mit Smog begrüßt – die Luftqualität laut meiner Wetterapp schwankte zwischen „gefährlich“ und „ungesund“, doch nach zwei Tagen kam dann sogar noch die Sonne hervor. Wir haben uns in den Trubel des Nachtmarktes im muslimischen Viertel hineinziehen lassen, die endlosen Mega-Shoppingcenter bestaunt, einen buddhistischen Tempel mit vergoldeten Dächern und dampfenden Brunnen im Toilettenhaus sowie eine Moschee im chinesischen Stil besucht, mehr Ausländer*innen gesehen als im ganzen letzten Jahr und zwischendurch sind wir in kleine (Sack-)Gassen mit überraschender Straßenkunst gestolpert. Die Ausmaße der Stadt sind mir unbegreiflich geblieben, ich habe nie einen Anfang oder ein Ende gesehen. Und trotz der vollen Metro, Gesichtserkennung zur Toilettenpapierausgabe, Starbucks an jeder zweiten Straßenkreuzung und hypermodernen Luxussupermärkten habe ich in den engen Straßen der Altstadt, unter knorrigen Bäumen, zwischen den bunten Vorbereitungen für das Laternenfest, auf die geschwungenen Dächer blickend und in familiären Restaurants auch viel Gemütlichkeit und Charme erlebt.
Blick von der Stadtmauer
die Terrakottaarmee
der Glockenturm
muslim foodstreet
Vorbereitungen für das Laternenfest auf der Stadtmauer
Es ist so weit, dass erste Mal
verreisen, in China. Ein verlängertes Wochenende haben wir Zeit. Ziel: Die
Provinz Sichuan. Sichuan ist auch außerhalb Chinas sehr bekannt, aufgrund der
berühmten Sichuan Sauce. Sichuan grenzt im Norden, an die Provinz Gansu, in
welcher ich lebe. Von Hui Xian, meinem Standort aus, ist es bis zu Grenze von
Sichuan nicht weit.
Genaues Ziel in Sichuan ist die
Provinzhauptstadt Chengdu. Chengdu hat in etwa 11,4 Millionen Einwohner, was
für chinesische Verhältnisse zwar nicht mehr wenig ist, aber auch lange noch
nicht viel.
Und so geht es für mich und
Konstantin los zum Hui County Bahnhof, dem Bahnhof unserer Region. Eine halbe
Stunde Busfahrt durch wunderschöne
Berglandschaft, über sehr steile und wendige Straßen, durch Täler und Wälder.
Dort angekommen müssen wir erstmal Tickets
lösen. In China werden dir deine Tickets nicht online zugeschickt, sondern nur
eine Nummer, mit der du dann zum Schalter gehst und gegen Vorlage deines Passes deine Tickets bekommst. Dann einen Eingang weiter, in
den Bahnhof, Ticket- und Passkontrolle, das Reisegepäck wird durchleuchtet und
wenn man denn nichts dabei hat, was man lieber nicht dabei haben sollte, darf
man in die Wartehalle. Dadurch, dass der Bahnhof von Hui County, nicht
sonderlich groß ist, kommt immer nur ein Zug zur Zeit. Unser Zug wird
aufgerufen und beinahe die ganze Wartehalle setzt sich mit uns in Bewegung.
Wieder Ticketkontrolle, dann müssen sich die Reisenden in zwei Schlangen
aufstellen, eine für die die Schlafabteile
gebucht haben und eine für die die normalen Sitzplätze auf ihrem Tickets stehen
haben. Wir stehen an der Schlange für die normalen Sitzplätze an, denn bis
Chengdu, sind es „nur“ neun Stunden, was für chinesische Verhältnisse eine
angenehme Zeitspanne ist. Eine Schaffnerin nimmt uns mit zu dem Abschnitt des
Bahnsteiges, wo unsere Wagons halten werden. Der Zug fährt ein, alle steigen
ein, doch vorher, wieder Ticketkontrolle, es hätte ja sein können, dass sich
doch jemand durchgemogelt hat. Wir nehmen unsere Plätze am Fenster ein und
haben es uns gerade bequem gemacht und fangen an Karten zu spielen, da kommt
ein Schaffner vorbei. Wieder Ticketkontrolle. Mittlerweile Nummer vier. So geht
es neun Stunden durch Berge, an Flüssen vorbei und die Sonne scheint. Man
vertreibt sich die Zeit mit Karten spielen, Musik hören, Filme gucken und
Instant-Nudelsuppen.
Und dann ist es soweit, endlich
angekommen. Raus aus dem Zug, zum Ausgang und wer hätte es gedacht, wieder
Ticketkontrolle. Insgesamt fünf Kontrollen, für eine Fahrt. (Wenn es
irgendjemand schafft in China schwarz zu fahren, dass wäre was fürs Guinnesbuch
der Rekorde) Mittlerweile ist es schon 20:00 und
dunkel. Menschenmassen, strömen aus dem Bahnhof und wir müssen uns erstmal
zurechtfinden. Nach einiger Zeit haben wir dann endlich den Taxistand gefunden.
Ein Taxifahrer läuft uns schon aufgeregt entgegen und zeigt auf sein Taxi. Ich
halte ihm die Adresse des Jugendhostels hin, welches wir gebucht haben. Er
stutzt, holt sein Handy raus und sucht wild, nach der Adresse, welche ich ihm
gezeigt habe. Nun ruft er ein paar Kollegen zur Hilfe und letztendlich suchen
sage und schreibe fünf Taxifahrer zusammen, nach einer Adresse. Nach etwa fünf
Minuten scheint unser Taxifahrer zu wissen wo es hingeht. Wirklich sicher
scheint er sich aber nicht zu sein. Na das kann ja was werden. Nach 15 bis 20
Minuten Fahrt scheinen wir da zu sein. Wir
wollen bezahlen und der Taxifahrer verlangt 100 RMB. Was umgerechnet zwar in
etwa nur zwölf Euro sind, was für Deutsche Verhältnisse, sehr günstig ist, aber
nicht für Chinesische. 40 müssten wir eigentlich zahlen, wir handeln den Preis
auf 80 herunter und steigen etwas frustriert aus.
Nun geht es auf die Suche nach dem Hostel. Vor uns steht ein relativ hohes Haus und davor eine Pforte, mit Pförtner. Das sieht schon mal gar nicht so schlecht aus. Wir fragen ihn ob er uns reinlässt, was er dann auch tut. Nun suchen wir nach einem Eingang, laufen um das Haus herum und finden nichts anderes als einen Friseur und einen kleinen Eingang, der ins Haus führt und tatsächlich an einer Rezeption endet. Der Nachtwächter an der Rezeption weiß allerdings weder etwas mit uns anzufangen, noch mit dem Namen des Hostels, welchen ich ihm zeige. Wir stehen etwas verwirrt da, bis eine Gruppe Jugendlicher aus dem Fahrstuhl steigt und ich ihnen mein Handy hinhalte. Das einzige was wir verstehen, sind die Nummern sieben, null und zwei. Nun denn, wir fahren in den siebten Stock und suchen nach Zimmer 702. Und tatsächlich da ist es, aber es stellt sich heraus, dass Zimmer 702 kein Zimmer, sondern eine Wohnung ist, welche als Jugendhostel fungiert. Wir setzen uns ins Wohnzimmer und ein Gast hält uns eine Übersetzter-App hin, welche uns sagt etwas zu warten. Nach zehn Minuten betritt eine junge Dame die Wohnung und heißt uns in halbwegs gutem Englisch Willkommen. Sie zeigt uns unsere Betten, wir teilen uns einen Raum mit zwei anderen Männern und einem Jungen in unserem Alter. Es ist mittlerweile schon gegen 22:00 und wir haben Hunger. Wir machen uns auf um etwas Essbares zu finden, doch die meisten Läden haben bereits geschlossen und letztendlich teilen wir uns einen Teller Dumplings und essen jeder einen Wrap, für viel zu viel Geld für unseren Geschmack. Was darin endet, dass wir beide völlig bedient ins Hostel zurückgehen und uns schlafen legen.
Am nächsten Morgen heißt es früh
aufstehen für uns. Wir wollen zu dem Ort, wegen welchem wir hergekommen sind.
Die Giant Panda Breeding Base. Ein großer Park, wo Pandas leben und großgezogen
werden. Pandas sehen, live und in Farbe. Nach einem schnellen Frühstück nehmen wir uns ein Taxi und fahren 20 Minuten, bis
wir da sind.
Der Eingang, vor dem sich viele
Menschen tümmeln, erinnert an einen großen Panda, durch den wir zehn Minuten
später schreiten. Um uns nur Menschenmassen und Bambus, soweit das Auge blickt.
Das Erste, was wir uns angucken, ist eine Ausstellung über die
wissenschaftliche Arbeit, welche hier betrieben wird. Pandas sind vom
Aussterben bedroht und hier wird daran gearbeitet, sie wieder in ihren
natürlichen Lebensraum zurückzubringen.
Auf dem Weg zu den Pandagehegen, wird uns dann klar, wie sehr wir uns schon an das chinesische Umfeld gewöhnt haben, denn nach all der Zeit wieder Europäer zu sehen, die es hier zu Hauf gibt, fühlt sich doch etwas komisch an. Schon von Weitem können eine Traube von Menschen sehen, was nur eines bedeuten kann: Pandas. Und dann können wir sie sehen, ziemlich groß, mollig und einfach nur zum Knuddeln. Pandas sind wirklich zu süß. Einige am Schlafen, andere am Essen und wieder andere Hängen einfach nur rum. Ganz entspannt, so als wären die ganzen Menschen, alle mit gezückten Handys und Kameras gar nicht da.
Nach etwa einer Stunde, fängt es
erst leicht an zu regnen, dass wird sich gleich wieder legen denken wir. Etwas
später wird der Regen stärker, bis er in einem Wolkenbruch endet, wie ich ihn
lange nicht mehr erlebt habe. Erst überlegen wir uns in ein Kaffee zu setzen,
aber die Preise sind selbst für deutsche Verhältnisse nicht mehr tragbar. Also
geht’s Richtung Ausgang, da sind wir natürlich nicht die Einzigen. Draußen
warten schon alle aufgereiht an der Straße auf Taxis. Dies machen sich
Taxifahrer natürlich zur Nutze und treiben die Preise in die Höhe, hier wird
nicht mehr nach Kilometern bezahlt, sondern pauschal. Doch nicht nur Taxifahrer,
sondern auch Privatpersonen, bieten Fahrten an, so auch uns, doch auch wenn es
in strömen regnet, lehnen wir ein Angebot, das sich auf 25 Euro belaufen hätte
dankend ab. Mittlerweile haben sich schon so hohe Pfützen gebildet, dass Leute
ihre Schuhe ausziehen und barfuß durch die Wassermassen laufen, richtige
Weltuntergangsstimmung. Wir warten und warten und nach etwa zwanzig Minuten
finden wir ein Taxi, dass uns für einen noch akzeptablen Preis zurück ins
Hostel fährt.
Dort angekommen sofort unter die Dusche
und anschließend heißt es Kleidung und Schuhe
trockenföhnen. Nachdem uns wieder warm ist und unsere Kleidung trocken, geht es
auf um Chengdu zu erkunden. Tianfu Square und Sunken Plaza sind unsere ersten
Ziele. Ein großer Square mit einer Art Einkaufszentrum darunter, wo es doch
einige interessante Geschäfte gibt, vor allem das Essen duftet verlockend. Nach
einer Stärkung geht es weiter durch Parks, vorbei an eindrucksvollen Gebäuden.
Nicht nur traditionelle Architektur gibt es hier zu sehen, sondern auch
moderne, welche besondere Formen aufweist oder Wolkenkratzer, aus Glas und
Stahl, die an ihrer Fassade eine unglaubliche Lichtshow präsentieren, wie wir
abends bemerken. Gerade abends hat Chengdu einen ganz eigenen Flair. Viele,
gerade junge Menschen, sind auf der Straße und
Schaufenster und Neonleuchtreklamen versuchen
sich gegenseitig zu übertrumpfen.
Ein weiterer Grund, für den wir nach Chengdu
gekommen sind, ist Hot Pot.
Hot Pot ist im Norden Chinas und
gerade in Sichuan sehr beliebt. Wie der Name schon sagt, ist Hot Pot ein heißer
Pott. Gefüllt mit einer Art Suppe, die man aus verschiedenen
Geschmacksrichtungen wählen kann. Meist sehr scharf. Diese Suppe wird zum
Brodeln gebracht, woraufhin man anfängt verschiedenes Essen hineinzuschmeißen,
verschiedenes Fleisch (und was Tiere noch so zu bieten haben), Pilze, Gemüse,
Fisch usw. Vorher hat sich jeder eine Art Sauce selber
zusammengestellt, mit Knoblauch, Erdnüssen, verschiedenen Ölen und vielem mehr.
In diese Sauce tunkt man dann das Essen, welches man mit besonders langen
Stäbchen aus dem Hot Pot holt. Ich kann versprechen, beim Hot Pot ist wirklich
für jeden was dabei.
Nachdem wir ein Restaurant gefunden
haben stehen wir vor einer neuen Herausforderung, denn wirklich viel können wir
auf der Speisekarte nicht lesen. Es dauert eine ganze Weile, bis wir, dank
einer Kellnerin und einer Übersetzer-App unsere Bestellung aufgeben können,
doch letztendlich fallen wir nach unserem Hot Pot Dinner und einem
erlebnisreichen Tag satt und glücklich ins Bett.
Am folgenden Morgen machen wir uns auf den Weg zu einer Mooncake-Expo.
Für alle die Mooncakes nicht kennen, Mooncakes, oder Mondkuchen, sind in China
traditionelles Gebäck, welches zur Zeit des Nationalfeiertags gegessen wird. Sie
sind rund, verschieden verziert und gefüllt, anfangs etwas gewöhnungsbedürftig,
halt gar nicht so wie deutsches Gebäck, doch nach einem oder zwei schmecken sie immer besser. Und so stehen wir eine
Stunde später in einer riesigen Messehalle, voll mit Ständen, die
verschiedenste Mooncakes verkaufen. Doch nicht nur Mooncakes, auch Honig, Tee
und vieles mehr. Nachdem wir uns erfolgreich durchprobiert haben, geht es
zurück ins Zentrum Chengdus. Mit einem Spaziergang lassen
wir auch diesen Tag ausklingen und fallen fertig ins Bett. Ein schöner letzter
Abend.
Heute wurde der Schnee schon zu großen Teilen von den Straßen geräumt und das Weiß ist längst nicht mehr frisch. Höchste Zeit also, das Schneewunder festzuhalten. Denn ein Wunder war es schon, als in den letzten Wochen aus heiterem Himmel Schneeflocken über Schneeflocken vom Himmel fielen und 酒泉 Jiuquan mit einer dicken weißen Schicht bedeckten. „Großer Schnee!“, war das. So viel hatte man hier wohl seit Jahren nicht zu Gesicht bekommen. Denn obwohl die Temperaturen schon seit Wochen unter 0°C liegen und schon bis zu -24°C hinunterkletterten, ist es gewöhnlich für Schnee ebenso zu trocken wie für Regen. Die unbändige, kindliche Freude meiner Schülerinnen beim Anblick der dicken Flocken hat mich sofort angesteckt. Eisige Kälte mit Schnee ist doch gleich viel schöner als ohne.
Gestern und heute haben wir im Unterricht Briefe an den Nikolaus (oder Weihnachtsmann) geschrieben. Mit ausdrücklicher Erlaubnis und auf Wunsch meiner Schülerinnen dürft ihr das Ergebnis anschauen, lesen und bewundern:
Niemals hätte ich gedacht, dass sich ein Ort mit 200.000 Einwohnern, so familiär und entspannt anfühlen konnte, auch wenn ich die Großstadt gewöhnt bin und demensprechend 200.000 wesentlich weniger ist, als das was ich sonst gewöhnt, hätte ich dies nicht für möglich gehalten.
Die Rede ist von Hui Xian, welches in der Region Longnan, in der Provinz Gansu im Norden Chinas liegt. China – das erste was einem durch den Kopf schießt, sind Menschen. Viele Menschen. Bei einer Population von 1,4 Milliarden, ist die Dimension von 200.000 vielleicht tatsächlich dörflich, aber dennoch, habe ich mich jetzt schon in das „Dorf“ verliebt, welches das kommende Jahr mein zu Hause sein wird und das mitten im Herzen Chinas. Auch wenn Gansu zu den nördlichen Provinzen Chinas zählt, zieht es sich durch seine geographische Ausbreitung bis in dessen Zentrum. Im Gegensatz zum Norden der Provinz, der schon an die Gobi Wüste grenzt, bieten sich bei uns im Süden wunderschöne, weite und umwerfende Ausblicke. Berge und Täler so weit das Auge reicht. Wälder, Seen und Flüsse runden die Szenerie ab.
Wenn man nun von einem dieser Berge herunterschaut, kann man es erblicken. Hui Xian umrandet von Bergen und Hügeln. Wie nirgends anders in China kann man das entfernte Hupen der Autos, LKW’s und Roller hören. Darunter mischt sich Square Dance Musik, dass Geschrei von Schülern und Verkäufer, die an fast jeder Straßenecke ihre Ware anpreisen. Es geht von Nudeln, über selbst gemachtes Popcorn, Backwaren, chinesische Spezialitäten, Obst & Gemüse, hin bis zu elektrischen Geräten und allerlei Kleinkram, mal mehr mal weniger nützlich.
Und mitten zwischen Hochhäusern, welche gleich neben kleinen Bauernhöfen emporragen und einer Menge Neonbeleuchtung, liegt die Hui Xian No. 4 Middle School. Oder wie sie hier genannt wird die „si zhong“ (Schule Nr.4). Die si zhong, nimmt jeden Tag über 2000 Schüler in den Jahrgangstufen 7-9 in seinen Klassenräumen auf. Dazu sei gesagt, dass die Grundschulzeit in China 6 Jahre beträgt, darauf folgen 3 Jahre an der Mittelschule, mit dem Abschluss der 9. Klasse, ist die verpflichtende Schulzeit vorbei und man kann wählen zwischen dem Arbeitsweg oder weiteren drei Jahren auf dem Gymnasium.
Im Gegensatz zu vielen anderen Schulen in ländlichen Gegenden Chinas, ist die si zhong kein Internat, sondern die Schüler kommen morgens und gehen abends wieder und obwohl die Schulwoche nur von Montag bis Freitag geht, werde ich trotzdem dennoch regelmäßig von Schülern am Samstag- oder Sonntagmorgen geweckt. Sei es eine Choreographie, die lautstark eingeübt wird, das Blasorchester, welches probt oder einfach Schüler die über die Gänge laufen, obwohl sprinten das treffendere Wort ist in diesem Fall. Hier an der si zhong ist an fast jedem Tag, von früh bis spät Betrieb. Und auch wenn, der Schultag „nur“ von 7:55 bis 17:40 geht, kann man Schülergelächter auch noch um 21:45 zu hören bekommen. Die Hui Xian No. 4 Middle School
Und das ist sie nun, die Hui Xian No. 4 Middle School, die Schule an der ich, für das kommende Jahr einer neuen Beschäftigung nachgehen darf. Im Detail bedeutet das, dass ich für Jahrgang sieben und teils Jahrgang acht, im Fach Englisch, Unterrichtsstunden gestalten darf und so auf verschiedene Art und Weise versuche, Kindern die englische Sprache etwas näher zu bringen.
Jede Woche habe ich 20 Schulstunden a‘ 40 Minuten, zusammen mit Schülern und neuerdings auch Lehrern. 16 Stunden in Jahrgang 7, welcher mein Hauptjahrgang ist. 2 Stunden „English corner“ in Jahrgang 8, eine Stunde in der Grundschule von Hui Xian und eine Stunde deutsch, für die Englischlehrer der si zhong.
Meine Stunden in Jahrgang 7 sehen wie folgt aus. Ich habe mit jeder Klasse in Jahrgang 7 eine Stunde die Woche, heißt Jahrgang 7 hat 16 Klassen, welche zusammen beinahe 900 Schüler fassen. Im Gegensatz zu Deutschland sind die Klassen hier wesentlich größer. Meine kleinste Klasse fasst 51 Schüler, meine größte 69. Gerade am Anfang, war es doch sehr komisch vor so einer Menge an Schülern zu stehen, die alle darauf warten, was man ihnen zu erzählen hat. Mittlerweile kommen mir Klassen um 55 Schüler schon klein oder normal vor. Diese 16 Stunden verteilen sich dann über die Woche, jeden Tag zwischen 7:55 und 7:40. Von 12:00 bis 14:30 gibt’s Mittagspause, wo Konstantin, mein Mitfreiwilliger hier und ich Mittagessen in der Kantine bekommen.
Zusammen mit Konstantin gestalte ich auch die „English corner“ für Jahrgang 8. Das heißt, wir versuchen zu einem bestimmten Thema, mit den Schülern ins Gespräch zu kommen und wollen vor allem, dass die Schüler miteinander ins Gespräch kommen. Themen wie: Reisen, Sport oder Hobbies bieten sich hierfür gut an. In „English corner“ sind immer zwei Klassen gleichzeitig, also an einigen Tagen, bis zu 130 Schüler. Damit das überhaupt alles passt, findet „English corner“ im Hörsaal der Schule statt, indem öfter größere Events mit Klassen veranstaltet werden, denen auch die Direktoren der Schule beiwohnen und das sind hier ein paar mehr, jeder mit seinem oder ihrem Aufgabengebiet.
Die Direktoren haben auch dafür gesorgt, dass wir eine Stunde mit den Grundschülern der „Hui Xian experimental primary school“ haben. Jeden Dienstagmorgen von 8:30 bis 9:20. Hier fangen wir in Jahrgang 3 an, denn in Jahrgang beginnen chinesische Schüler Englisch zu lernen. Was doch eine große Umstellung ist, im Vergleich zu Jahrgang 7 und 8. Ich engagiere mich jetzt nun schon mehrere Jahre in der Jugendarbeit meiner Gemeinde in Hamburg, bin es also durchaus gewöhnt mit Jugendlichen zu arbeiten und dachte dennoch immer, dass mir die Arbeit mit Kindern im Grundschulalter keinen Spaß machen würde. Ich habe mich in diesem Fall allerdings geirrt, denn die wöchentliche Stunde in der Grundschule, ist zu meiner Lieblingsstunde geworden. Die Kinder sind unglaublich motiviert und die spielerische Art und Weise Englisch beizubringen ist unglaublich spaßig. Wir werden über das ganz Jahr hinweg uns langsam durch die Jahrgänge arbeiten, was am Ende des Jahres Jahrgang 6 heißt, mal gucken, was das für einen Unterschied macht, diese 3 Jahre.
Zu guter Letzt, werde ich zusammen mit Konstantin, ab dieser Woche versuchen den Englischlehrern der si zhong die deutsche Sprache etwas näher zu bringen. Ich bin sehr gespannt wie das wird, bin mir aber sich, dass das ein riesen Spaß wird, denn für Chinesen ist deutsch in etwa ähnlich schwer auszusprechen, wie für uns chinesisch.
Das die chinesische Sprache wirklich nicht die einfachste ist, merke ich in meine drei Stunden Chinesischunterricht die Woche. Konstantin und ich lernen neben der Aussprache, auch die Schriftzeichen, welche teilweise eine wirkliche Herausforderung sind, aber wir sind zuversichtlich, dass am Ende wenigstens ein paar hängen bleiben.
Neben Chinesichunterricht kriegen wir auch zwei Stunden Kunstunterricht die Woche, was für uns bedeutet, dass wir uns jeden Dienstag in der Kunst der Kalligraphie versuchen dürfen. Es ist wirklich eine tolle Art und Weise der chinesischen Kultur näher zu kommen. Der Unterricht ist abwechslungsreich, wir müssen nicht nur Schriftzeichen zeichnen, sondern auch Motive, wie Vögel und Pflanzen, was uns mitunter allerdings auch bis an den Rand der Verzweiflung treibt, denn von den Vögeln und Blumen unseres Lehrers sind wir noch weit, sehr weit entfernt.
Nun konnte ich euch einen kleinen Einblick in mein Leben, hier in Hui Xian geben, ich hoffe es war interessant, ich wollt eigentlich schon viel früher anfangen meinen Blog zu schreiben, aber ich sage immer: lieber spät, als nie.
Die Kantine.
Vor zwei Wochen haben wir uns mit einigen von Luises Schüler*innen zum Mittagessen getroffen. Die Verständigung ist holprig und sehr lustig. Selbstbewusst steuern Luise und ich auf das futuristische Gebäude im Herzen des Collegegeländes zu. Schon seit Wochen kehren wir dort unregelmäßig ein, wir haben beinahe verstanden, wie man sein Essen bestellt und bezahlt, und dort haben wir auch den bisher einzigen englischsprechenden Schüler am College getroffen. Es ist immer schön sich unter die Schüler*innen zu mischen.
Doch irgendetwas stimmt nicht. Nach einer Weile begreifen wir das Zögern der Mädchen. Gehen wir nicht in die Mädchenkantine?
Zugegeben, hier waren schon immer auffällig viele Jungen anzutreffen. Aber dass es eine extra Kantine für Jungen und Mädchen gibt, das hatten wir nicht gewusst. Die Trennung ist nicht strikt, es mischt sich ein bisschen, deshalb ist es uns wohl nicht aufgefallen. Nach einem herzlichen gemeinsamen Lachen entscheiden wir uns dann doch für die Mädchenkantine.
Eine Kantine für die Lehrer*innen gibt es auch noch, lernen wir später.