Ein Tag im Jardín Maternal “Caminito”

Ich lebe mittlerweile seit knapp elf Monaten in Paraná, und mit dem näher rückenden Ende meines Freiwilligendienstes wird es langsam auch mal Zeit, mein Projekt genauer vorzustellen. Der Jardín Maternal Caminito ist eine Kinderkrippe für Kinder zwischen 45 Tagen und drei Jahren. Die 20 Kinder sind in drei Gruppen eingeteilt und werden von vier Fachkräften betreut. Drei von ihnen sind direkt bei der Kirchengemeinde Congregación Paraná der Iglesia Evangélica del Río de la Plata angestellt, die Trägerin der Einrichtung ist. Die vierte Fachkraft wird von COPNAF gestellt, dem provinzialen Amt für Kinder-, Jugend- und Familienschutz von Entre Ríos, das die Krippe personell und inhaltlich unterstützt. Dazu kommen Emil und ich als deutsche Freiwillige im Rahmen des weltwärts-Programms.

Das Team

von links nach rechts: Emil, Gaby, Gladys, Stella, Mónica, Niklas (ich)

Im Team gibt es keine strenge Hierarchie. Gaby übernimmt intern die Rolle der Leitung, auch wenn die eigentliche formale Leitung bei der Kommission liegt, also einem Verwaltungsorgan der Kirche. Gerade diese familiäre Atmosphäre macht das Arbeiten hier für mich besonders angenehm. Viele der Mitarbeiterinnen sind seit Jahrzehnten dabei: Mónica seit 37 Jahren, Stella seit 30 Jahren, Gladys seit 29 Jahren und Gaby seit fast 22 Jahren. Diese lange gemeinsame Zeit merkt man im Alltag sofort.

Besonders spannend war für mich, dass jede von ihnen aus ganz unterschiedlichen Gründen hier angefangen hat, aber aus ähnlichen Gründen geblieben ist. Mónica erzählte mir zum Beispiel, dass sie damals als Vertretung angefangen habe, weil ihre Schwägerin dort gearbeitet habe und sie gerade mit ihrer Ausbildung zur pädagogischen Ergänzungskraft fertig gewesen sei. Aus dieser Vertretung sind inzwischen 37 Jahre geworden. Auf die Frage, was man für die Arbeit mit so kleinen Kindern mitbringen müsse, antwortete sie ohne lange zu überlegen: „Das Wichtigste ist, den Kindern mit Respekt zu begegnen und sie wirklich gern zu haben.“ Geduld und Freude an der Arbeit seien entscheidend. Genau das spürt man im Alltag.

Ein entspannter Start in den Tag

Der Tag beginnt meist ruhig. Nach dem kurzen Arbeitsweg, der praktisch nur aus einer Treppe und einer Tür besteht, frühstücken wir um sieben Uhr morgens gemeinsam mit Gaby, die am Anfang meist als Einzige da ist. Nach und nach kommen dann die ersten Kinder an, oft zunächst nur drei oder vier. In dieser ersten Stunde gibt es meist noch nicht viel zu tun. Manchmal fegen wir draußen die Blätter aus dem Eingangsbereich zusammen oder erledigen kleine Putzaufgaben.

Um halb neun gibt es Frühstück für die Kinder. Typisch sind Toast mit Rührei und Dulce de Leche oder auch Bananen-Pancakes. Dazu gibt es Trinkjoghurt oder Kakao. Wir sind dabei meistens einfach anwesend, schauen auf die Kinder und helfen bei Bedarf. Danach wäscht immer jemand von uns das Geschirr ab. Gerade morgens merkt man, wie viel Erfahrung die Erzieherinnen haben. Manche Kinder verabschieden sich ohne Probleme von ihren Eltern, andere brauchen etwas länger. Als ich Mónica gefragt habe, ob sie dafür einen Geheimtipp hat, musste sie lachen. Eigentlich gebe es keinen, sagte sie, und erklärte dann: Man nehme das Kind auf den Arm, spreche mit ihm, zeige ihm Spielzeug und lenke es langsam ab. Irgendwann hörten die meisten auf zu weinen. Oft dauert das nur ein paar Minuten, und plötzlich wird wieder gespielt, gelacht oder gemalt.

Arbeiten mit den Kindern

Danach folgt eine längere Spielpause, bis die Kinder in ihre drei Gruppen, die Salitas, gehen. In dieser Zeit spielen wir mit ihnen, passen auf oder lösen den einen oder anderen kleinen Streit. Als ich Mónica fragte, was ihr schönster Moment in all den Jahren hier gewesen sei, hatte ich ehrlich gesagt mit einer besonderen Geschichte gerechnet. Ihre Antwort war viel einfacher, aber gerade deshalb so eindrücklich: „Eigentlich jeder Tag. Ich komme jeden Morgen gerne hierher, kümmere mich um die Kinder und versuche, dass es ihnen gut geht.“ Sie sagte, das mache sie selbst glücklich. Ich finde, genau das beschreibt die Atmosphäre hier sehr gut. Die Arbeit wirkt selten hektisch oder gestresst. Stattdessen hat man das Gefühl, dass alle wirklich gern hier sind.

Eigene Projekte

Danach ist jeder Tag ein bisschen anders. Wir bekommen verschiedene Aufgaben von Gaby oder einer der anderen Mitarbeiterinnen zugewiesen oder suchen uns selbst etwas. Im Grunde kann man die Aufgaben in Arbeit mit den Kindern, Putzen, Bauen, Aufräumen, Gartenarbeit, Basteln oder Streichen einteilen. Vor Kurzem haben wir zwei größere Projekte abgeschlossen: die Renovierung einer alten, gespendeten Spielküche und das Abschleifen und Streichen der Eingangstür, des Zauns und der Außenwand des Geländes.

Die Küche bestand aus drei Teilen: der eigentlichen Küche, dem Kühlschrank und der Waschmaschine. Zuerst haben wir den Hauptteil abgeschliffen, gestrichen und anschließend fehlende Teile ergänzt. Besonders schön ist es bei neuen Spielsachen oder Möbeln, wenn man direkt sieht, wie gut sie von den Kindern angenommen werden. Die Küche kam sofort gut an und wird bis heute viel benutzt. Der Wasserhahn hat immerhin einen Tag durchgehalten, bis ihn die Kinder kaputt gemacht haben. Den müssen wir also noch einmal fester anbringen.

Als ich Gaby fragte, was ihr an ihrem Beruf nach über 20 Jahren immer noch am meisten Freude bereitet, musste sie kurz überlegen. Dann sagte sie: „Das Staunen der Kinder. Ihnen etwas zeigen zu können, das sie vielleicht sonst nirgendwo erleben würden.“ Genau dieses Staunen erlebt man hier tatsächlich ständig. Manchmal reicht schon eine frisch renovierte Spielküche oder eine neu bemalte Wand, und plötzlich stehen zehn Kinder davor, schauen ganz genau hin und wollen sofort losspielen.

In den letzten Wochen haben wir vor allem viel gestrichen, zuerst die Eingangstür und den Zaun, später auch die kreative Gestaltung der Außenwand. Das Abschleifen und Streichen des Zauns war ein langer Prozess, vor allem, weil durch das Gitter und die vielen kleinen Flächen alles sehr aufwendig war. Trotzdem hat sich die Arbeit gelohnt. Als wir fertig waren, kamen wir schnell auf die Idee, wie wir die Kinderkrippe von außen noch sichtbarer und schöner gestalten könnten. Im Gespräch mit den Erzieherinnen sind wir dann auf eine bereits bestehende Idee gekommen: die Wand unter dem Zaun neu zu gestalten.

Also haben wir Skizzen erstellt, uns mit unseren Kolleginnen und mit den Kindern über mögliche Motive ausgetauscht und am Ende eine gemeinsame Vorlage entwickelt. Vor drei Wochen haben wir mit der Umsetzung begonnen. Zuerst wurde die Fläche gereinigt und grundiert. Danach kamen zwei Schichten weiße Farbe, bevor wir mit dem Zeichnen und Malen anfangen konnten. Es hat viel Spaß gemacht, sich kreativ auszuleben, und war für uns ein schöner Abschluss des Jahres. Auch wenn wir nicht ganz fertig geworden sind, weil das Wetter nicht immer mitgespielt hat, ist es schön zu wissen, dass die nächsten Freiwilligen damit weitermachen können. So wird das Ganze zu einem kleinen Mehrgenerationenprojekt.

Zwischen Phasen ohne Aufgabe

Insgesamt machen mir solche Bau- und Streichaufgaben viel Spaß. Im Moment ist die Mischung aus Arbeit mit Kindern und anderen Aufgaben für mich ziemlich ausgewogen. Es gibt aber auch Phasen, in denen es im Projekt langweilig werden kann, zum Beispiel wenn es keine Aufgaben für die Zeit gibt, in der die Kinder in ihren Gruppen sind. Oder wenn nur wenige Kinder da sind und sich die Gruppe von selbst beschäftigt. Mit längerfristigen Aufgaben wie dem Streichen hat man dann wenigstens etwas, worauf man sich konzentrieren kann.

Das Mittagessen

Nach den verschiedenen Aufgaben kommen die Kinder um elf Uhr zum Mittagessen wieder aus ihren Gruppen. Je nach Situation schauen wir dabei einfach auf sie auf oder helfen den kleineren Kindern beim Essen. Währenddessen kümmert sich Gladys um die Küche. Für Emil und mich kocht sie jeden Tag freundlicherweise noch eine zusätzliche Portion, sodass wir anschließend gemeinsam mitessen können. Im Interview hat sie erzählt, dass die Kinder ihr Guiso de Arroz besonders lieben. Wenn es schnell gehen muss, kocht sie am liebsten Kartoffelpüree mit Hähnchen, weil das am einfachsten und schnellsten zuzubereiten ist.

Eine Woche lang durften wir die Küche selbst übernehmen und für die Kinder kochen. Auf dem Speiseplan standen unter anderem Guiso de Arroz, Guiso de Fideos und Kartoffelpüree mit Hähnchen. Das war für uns eine ganz andere Aufgabe als sonst und hat noch einmal gezeigt, wie wichtig das tägliche Mittagessen in der Einrichtung ist. Danach wird das Geschirr gespült, wir spielen weiter mit den Kindern oder übernehmen andere Aufgaben. Am Ende essen wir meist noch gemeinsam im Projekt und haben dann meistens gegen 13.30 Uhr Feierabend, nur bei Aufgaben wie dem Streichen haben wir ab und zu noch bis Nachmittags gearbeitet. Für einen Freiwilligendienst ist das ein im Vergleich eher kurzer Arbeitstag, auch wenn er natürlich nicht immer gleich aussieht.

Geschichten, die man nicht vergisst

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber eine Geschichte, die Gaby erzählt hat. Kurz nachdem sie damals im Kindergarten angefangen hatte, hat sie geheiratet. Einer ihrer kleinen Schützlinge wollte das allerdings überhaupt nicht akzeptieren. „Wir mussten mit ihm sogar zu einer Psychologin gehen, damit er versteht, dass die Erzieherin auch ein Leben außerhalb des Kindergartens hat“, erzählte sie lachend. Ich musste bei der Geschichte echt schmunzeln. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, wie eng die Bindung zwischen den Kindern und ihren Erzieherinnen hier manchmal wird.

Zu unserem Alltag im Jardín kommen noch zwei bis vier Gottesdienste pro Monat dazu, an denen wir teilnehmen müssen, um auf die vertragliche Mindestarbeitszeit von 33 Stunden zu kommen, weil uns wöchentlich eine halbe Stunde fehlt. Die Gottesdienste sind jedes Mal schön und wirken auf mich viel persönlicher als die Gottesdienste, die ich aus Deutschland kenne. Auch wenn ich nicht gläubig bin, genieße ich sie sehr. Gleichzeitig fühlt es sich etwas unnötig an, dass wir dort nur sitzen, um Stunden zu erfüllen, ohne wirklich mitzuarbeiten oder Aufgaben zu übernehmen. Insgesamt ist es aber trotzdem ein fairer Ausgleich, weil wir durch die kurzen Arbeitszeiten viel Freizeit haben und unser Leben sehr selbstständig gestalten können. Außerdem ist das nur eine improvisierte Lösung für uns; aktuell spricht die Partnerorganisation mit unserer Einsatzstelle, um für die nächsten Freiwilligen eine Alternative mit mehr Beteiligungsmöglichkeiten zu finden.

Bedeutung für die Familien

Durch die Interviews habe ich außerdem noch einmal einen ganz anderen Blick auf den Jardín bekommen. Zum Beispiel habe ich Gaby gefragt, was der Kindergarten eigentlich für die Familien bedeutet. Ihre Antwort fand ich ziemlich spannend: „Für jede Familie bedeutet der Jardín etwas anderes.“ Für viele Eltern sei er ein Ort, an dem sie ihre Kinder mit einem guten Gefühl lassen können, während sie arbeiten. Andere schätzen vor allem, dass ihre Kinder hier mit Gleichaltrigen spielen, Neues entdecken und Dinge lernen, die zu Hause vielleicht gar nicht möglich wären. Und für manche Familien sei der Kindergarten auch deshalb wichtig, weil ihre Kinder hier jeden Tag eine warme Mahlzeit bekommen. Ehrlich gesagt war mir vorher gar nicht bewusst, wie viele verschiedene Aufgaben der Jardín gleichzeitig erfüllt.

Auch Stella hat das mit einem einzigen Satz gut zusammengefasst. Auf meine Frage, was der Kindergarten für die Familien bedeutet, antwortete sie: „Ein sicherer Ort, der den Kindern Halt gibt.“ Kürzer hätte man es wahrscheinlich nicht sagen können. Natürlich gibt es auch Herausforderungen. Als ich Gaby fragte, was sie verändern würde, wenn Geld keine Rolle spielen würde, sprach sie überraschenderweise nicht zuerst über neue Spielsachen oder ein größeres Gebäude. Ihr größter Wunsch war mehr Personal: „Dann könnten wir mehr Kinder aufnehmen und Ausfälle besser auffangen.“ Gleichzeitig sagte sie aber auch, dass sie die familiäre Atmosphäre des Kindergartens auf keinen Fall verlieren möchte. Genau das macht den Jardín für mich aus: Es ist keine perfekte Einrichtung mit unbegrenzten Möglichkeiten, sondern ein Ort, an dem mit den vorhandenen Mitteln unglaublich viel erreicht wird.

Ausblick

Besonders schön fand ich außerdem eine andere Geschichte, die Gaby erzählt hat. Der Jardín arbeitet schon seit vielen Jahren mit deutschen Freiwillig:innen zusammen. Viele ehemalige Freiwillige halten bis heute Kontakt zum Kindergarten. Manche kommen sogar Jahre später noch einmal vorbei, andere melden sich regelmäßig oder schicken Unterstützung, wenn sie hören, dass gerade etwas gebraucht wird. Das hat mich ehrlich gesagt ziemlich beeindruckt. Nach fast einem Jahr hier kann ich gut verstehen, warum viele die Verbindung zu diesem Ort nie ganz verlieren.

Wenn ich auf die letzten elf Monate zurückblicke, werde ich mich wahrscheinlich nicht zuerst an die großen Projekte erinnern. Natürlich waren die renovierte Spielküche oder unsere bemalte Außenwand echte Highlights. Aber noch viel mehr bleiben mir die kleinen Momente im Kopf: Kinder, die sich morgens freuen, wenn man zur Tür hereinkommt, das gemeinsame Spielen, das Lachen über Kleinigkeiten oder einfach die herzliche Art der Mitarbeiterinnen. Ich glaube, genau das macht den Jardín Maternal Caminito aus: nicht das Gebäude oder die Ausstattung, sondern die Menschen, die jeden Morgen mit so viel Geduld und Freude zur Arbeit kommen. Nach den Interviews verstehe ich auch besser, warum Mónica nach 37 Jahren sagt, dass für sie eigentlich jeder Tag ein schöner Tag ist. Und ich kann gut nachvollziehen, warum ehemalige Freiwillige auch Jahre später noch einmal zurückkommen.

Mein Leben im Juni

Anfang Juni hatte unser Projekt für 2 Wochen geschlossen. Damit wir alles einmal aufräumen konnten. Wir haben eine alte Sporthalle, die vollgestellt war mit Spenden voller Klamotten und einen unorganisiertes Lebensmittellager und ca. 100 Stühle. Und das sollte alles sortiert und sauber gemacht werden. Wir haben unendlich viele Klamotten kategorisiert und in Kisten sortiert oder halt weggeschmissen. Und da wird der Überkonsum unserer Gesellschaft wieder so deutlich.
Die Menschen in dem Viertel haben wirklich nicht viel zum Leben. Aber was sie haben, sind Klamotten im Überfluss. Ich rede hier nicht von 3-4 großen Mülltüten voller Klamotten, die wir gespendet bekommen haben. Eher so 100 bis mindestens 200! Ich hoffe ich finde noch irgendwo ein Foto davon. Und ja den Menschen hier fehlt es and dicken wirklich guten Jacken oder Pullis. Aber so was wird auch eher weniger in Fastfashion produziert und besteht somit weniger im Überfluss.All diese Klamotten standen halbvergessen in dieser Sporthalle. Jede Woche haben wir ca. 4 Säcke hervorgeholt und probiert die auf einem kleinen Flohmarkt zu verkaufen, um etwas Geld für das Projekt zu bekommen. Aber die Klamotten sind gefühlt nicht weniger geworden. Man sollte sich öfter vor Augen führen wie viele Klamotten bereits existieren und wie viel davon Fastfahion ist. Man bzw. Ich oder wir sollten einen bewussteren Umgang damit haben, was wir kaufen und wo.

Am Ende der zwei Wochen gab es dann in der sauberen Sporthalle ein großes Fest für das ganze Viertel zu Ehren von Mauricio Silva. Ein Mönch, der während der letzten Militärdiktatur entführt wurde. Er gehörte dem gleichen Orden (Foucauld) wie meine Chefin an und lebten das Leben nach den gleichen Prinzipien. Ein leben unter den Armen. Auch meine Chefin galt in der Zeit als ”abtrünnig”. Das, was Hermano Mauricio passiert ist, hätte genauso gut meiner Hermana Marta passieren können! Sie ist damals dann ins Exil geflohen. In Erinnerung an sein Verschwinden und zu seinen Ehren haben wir dann einen Gottesdienst gehalten, es gab lecker Pizza, Brot und Saft für alle und es wurde ganz viel Folklore getanzt.  

Mitte Juni ging dann auch endlich die Männer-Fussball-WM los. Das Wetter wurde immer kälter und ich hatte große Vorfreude auf die WM. Pünktlich für das erste Deutschlandspiel haben wir nochmal Besuch von anderen Freiwilligen bekommen. Zwei von unserer Organisation und eine die ich im Januar beim Wandern kennengelernt habe und die in der gleichen Stadt wohnt, wie eine der anderen beiden. Wir haben also zu viert in meiner kleinen Wohnung gewohnt fürs Wochenende. Hat aber super funktioniert. Das Wetter war leider nicht so gut. Aber wir haben das Beste daraus gemacht und zum Glück kann sich das Wetter hier am Meer schnell ändern. Wir haben es uns in einem Café gemütlich gemacht, sind etwas durch den Regen spaziert und haben uns es abends bei mir gemütlich gemacht und Pizza bestellt. Am nächsten Tag haben wir dann alle zusammen (mit noch ein paar deutschen Austauschschülern, die zurzeit in MDP sind) in einem Café das großartige 7:1 gegen Curacao gesehen. Hätten die sich mal lieber ein paar Tore aufgespart… Danach sind wir noch zum Hafen gefahren und haben die Seehunde angeguckt. Abends haben wir dann einen gemütlichen Kochabend gemacht und noch einen Nachtspaziergang zum Churroladen.  

In den zwei Wochen darauf haben wir alle Deutschland- und Argentinienspiele verfolgt und waren zu Ehren von Mauricio mit unseren Kollegen ins Rathaus eingeladen. Dort hat meine Chefin eine wunderschöne Rede gehalten und man hat gemerkt, wie tief ihr diese Geschichte geht.  

Und so schnell vergeht die Zeit und wir sind nach Buenos Aires zum Abschlussseminar gefahren. Der Einstieg war das WM-Aus für Deutschland gegen Paraguay. Was wir alle gemeinsam geguckt haben. Leider auch mit den Freiwilligen, die in Paraguay ihr Jahr verbringen und die in Paraguaytrikot ankamen…  

Auf dem Seminar ging es viel um das Thema Abschied und wieder Ankommen in Deutschland. Aber auch um unsere anfänglichen Erwartungen und das, was wir alles Erreicht haben in diesem Jahr. Mir hat das Seminar sehr gut gefallen und wir hatten viel Zeit, um unsere Gedanken zu ordnen und aufzuschreiben. Das, was ich mir eh immer vornehme aber abseits des Seminare kaum dazu komme bzw. Mir auch nicht die Zeit dafür nehme.  

Und dann war der vorletzte Monat auch schon wieder vorbei. Die Zeit rast so.  

Mein Wm Winter in Argentinien

Die Fußball-WM war in Argentinien nicht zu übersehen. Fahnen in jedem Schaufenster, Argentinien-Trikots überall und alles in Blau-Weiß. Jetzt, wo die WM zu Ende ist und Argentinien sogar den zweiten Platz erreicht hat, möchte ich den Anlass nutzen, um über die Fußballkultur hier zu schreiben.

Unfassbare Stimmung

Argentinien ist nicht umsonst als eine der größten Fußballnationen der Welt bekannt. Die WM war das Hauptthema des letzten Monats. Das fand ich wirklich toll, weil es immer eine Möglichkeit gab, ins Gespräch zu kommen, und mich die Leidenschaft der Menschen sofort mitgerissen hat. Vor allem mit den Kindern im Projekt konnte man ständig darüber reden, wie sie die nächsten Spiele tippen oder was sie vom letzten Spiel gehalten haben.

Plaza Jose c. Paz nach Argentiniens Sieg gegen England

Außerdem wurden wir öfter von Freunden eingeladen, die Spiele gemeinsam anzuschauen, was mir immer großen Spaß gemacht hat. Besonders beeindruckend war aber die Stimmung nach den Spielen Argentiniens. Die Straßen waren jedes Mal voller Menschen. Überall wurde gefeiert, auf den Plätzen gab es Feuerwerk, Fahnen und ausgelassene Stimmung – sogar nach dem verlorenen Finale.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die sogenannte Cábala. Das ist eine Art Aberglaube, bei dem viele Menschen zum Beispiel bei jedem Spiel am gleichen Platz sitzen, das gleiche T-Shirt tragen oder dieselben Rituale befolgen. Die meisten nehmen das sehr ernst. Als wir eines der Spiele auf der Arbeit geschaut haben, ist einer der Mitarbeiter für die Dauer des Spiels sogar extra nach Hause gefahren, weil dort seine persönliche Cábala war.

Schattenseiten

Doch wie man in letzter Zeit auch häufig auf Social Media mitbekommen hat, hat diese Leidenschaft leider auch ihre Schattenseiten. Rassistische Fangesänge, Aggressivität auf dem Platz und teilweise auch unter den Fans gehören ebenfalls dazu.

Viele haben sicher die Auseinandersetzung zwischen Paredes und einem spanischen Spieler gesehen. Paredes hat ihn weggeschubst und sich darüber beschwert, dass die Spanier zu ausgelassen feiern würden. Auch danach habe ich viele Instagram-Storys mit Aussagen wie „Tod allen Spaniern“ gesehen. Beim Spiel gegen England wurden auf den Straßen außerdem zahlreiche englische Flaggen verbrannt. Das hat mir ehrlich gesagt kein gutes Gefühl gegeben.

Auch das Video nach der Weltmeisterschaft 2022, in dem einige argentinische Nationalspieler im Mannschaftsbus einen rassistischen Fangesang anstimmen, hat es mir schwer gemacht, die Mannschaft weiterhin uneingeschränkt zu unterstützen.

Was nicht so schlimm, sondern eher nervig war: Nach den beiden Niederlagen Deutschlands wurde ich von fast jedem, der wusste, dass ich Deutscher bin, aufgezogen oder ausgelacht.

Fazit

Letztendlich hatte ich während der WM aber eine wirklich schöne Zeit. Sie hat den tristen Winter hier deutlich spannender gemacht. Trotz aller Probleme, die der argentinische Fußball leider mit sich bringt, hatte ich großen Spaß daran, gemeinsam mit Freunden und Mitarbeitern die Spiele zu verfolgen und mitzufiebern. Dass Argentinien am Ende sogar den zweiten Platz erreicht hat, machte die Stimmung natürlich noch besser.

Außerdem war es etwas Besonderes, Lionel Messi bei einer weiteren Weltmeisterschaft spielen zu sehen – noch dazu in seinem Heimatland. Auch wenn das Turnier sportlich nicht mit einem Titel endete, wird diese WM für viele Argentinier und auch für mich in besonderer Erinnerung bleiben.

Plaza San Miguel nach dem Viertelfinale gegen die Schweiz

Abrazo,

Beat

Was ist das Centro Comunitario de nuestra Señora del Luján?

Hey, heute möchte ich euch mein Projekt etwas genauer vorstellen.

Mein Projekt ist das Centro Comunitario de nuestra Señora del Luján. Und wie man vielleicht am Namen schon hört handelt es sich dabei um ein katholisch geleitetes Projekt.

Meine Chefin ist Hermana Marta. Eine Nonne des Ordens Fouclaud. Viele derMitglieder leben ein ganz normales Leben unter anderen Menschen. Meist in armen Vierteln oder bei ausgegrenzten Menschen. Sie tragen meist keine Kluft, da sie nicht auffallen wollen sondern näher bei den Menschen sein wollen. Auf Augenhöhe und mit Vertrauen. Sie unterstützen die Hilfsbedürftigen.
Und genau dass macht auch Hermana Marta. Sie ist inzwischen 86 Jahre alt und leitet das ganze Projekt. ständig hat sie irgendwelche Besprechungen, Leute kommen vorbei und wollen nur mit ihr reden und sie nimmt sich so gut sie kann für jede Person zeit. Und wenn mal nicht genügend Mitarbeiter da sind ist sie die erste die mit anpackt. Trotz ihrer 86 Jahre ist sie sich nicht zu Schade 10 Kilo Reis zu oder Tische zu schleppen. Sie ist voller Liebe und zeigt das auch allen. Sei es der Katze, dem zwei jährigen Kind oder den etwas schwierigen 12 Jährigen. Sie versucht ständig das Projekt zu optimieren und zu verbessern und dabei auf alle Wünsche einzugehen.



Der Hauptbestandteil des Projekts sind heute die Kinder und Jugendlichen. Vormittags die Kleineren (6-10 Jahre) und nachmittags die Größeren (10-14 Jahre). Es werden Workshops wie Sport, Keramik und Nachhilfe organisiert und die Kinder bekommen Frühstück und Mittagessen. Ansonsten gibt es für den Sommer Pools und einen Hinterhof wo einfach frei gespielt werden kann. Früher gab es auch einen Kindergarten, der aber leider aufgrund von Geldmangel geschlossen werden musste. Man merkt aber an den Erzählungen der Hermana, dass er ihr viel bedeutet hat uns sie die kleinen Kinder vermisst.

Es gibt es noch zwei Müttergruppen, die eine ist eine etwas kleinere (und neue) Gruppe für junge Mütter, die ihre Schulausbildung aufgrund der Schwangerschaft nicht beenden konnten. Dort sorgen die Leiterinnen dafür, dass der Schulabschluss trotzdem noch gelingen kann. Die andere große Gruppe ist eine allgemeinere Gruppe wo sich ausgetauscht und informiert wird und gegenseitig unterstützt wird.

Außerdem gibt es einen Workshop für Menschen mit Behinderungen und eine Erwachsene-Schule, ein kleiner Kurs bei dem Erwachsene lesen und schreiben lernen können. Einmal die Woche kommen auch zwei Anwälte zu uns ins Projekt und machen eine offene Sprechstunde. Die Bewohner des Viertels können sich dort kostenlos zu rechtlichen Fragen beraten lassen.

Jeden Mittwoch gibt es eine kleine „Feria“, einen kleinen Flohmarkt. Wo wir gespendete Klamotten für wenig Geld verkaufen. So verdient das Projekt etwas Geld und die Menschen können günstig Klamotten kaufen.

Alle zwei Wochen gibt es einen „Markt“. Wir breiten Stände mit Grundnahrungsmitteln vor und die Menschen können sich die Lebensmittel kostenlos abholen. Sie stehen teilweise stundenlang dafür an. Es gibt Milch, Käse, Eier, Brot, Huhn, Tomatenpüree, Nudeln, Reis, Obst, Gemüse und Mate-yerba.

Als Freiwillige sind wir vor allem mit den Kindern beschäftigt. Die ganzen Sonderkurse sind von externen professionellen Leuten geleitet, da sind wir meist nicht dabei. Wir helfen aber bei der Feria und dem Markt mit.

Mehr als nur eine Begrüßung

Bjarne und ich machen uns auf den Weg zur Bahnstation. Wir begrüßen unseren Nachbarshund, ein Stück weiter winken wir dem Kioskbesitzer zu, der mir beim letzten Mal, als ich meine SUBE-Karte aufgeladen habe, noch ein Glas Wasser angeboten hat. An der Kreuzung zur Bahn ruft der Obstverkäufer: „¿Todo bien, amigos?“ In der Bahn grüßen wir den Verkäufer von gebrannten Mandeln. Wir steigen aus, und Agustín, der Chipás verkauft, gibt uns einen Handshake und fragt Bjarne, wo er die letzten Tage war, er war krank.
Es sind kleine Begegnungen, aber sie gehören fest zu unserem Alltag hier in Buenos Aires.
Wenn wir dann die Tür zur Arbeit betreten, geht es erst richtig los. Wir begrüßen die Mitarbeiterinnen mit Besitos, einem schnellen Kuss auf die rechte Wange, manche zusätzlich mit dicken Abrazos. Jeder nimmt jeden einmal wahr, zur Begrüßung und zum Abschied. Vor sechs Monaten hat mich diese Nähe manchmal befremdet. Ich fand es merkwürdig, Menschen, die ich kaum kenne, so nahe zu sein. Und auch heute noch, wenn ein Mann mir nach einem kurzen Gespräch auf der Straße einen Besito geben möchte, strecke ich ihm meine Hand für einen Handshake aus. Am Anfang fiel es mir auch schwer, die Gesten einzuordnen. Was bedeutet ein Abrazo? Wann ist ein Besito einfach eine freundliche Begrüßung, wann ist er persönlicher? Verhalte ich mich bei unterschiedlichen Menschen anders? Wie nah ist zu nah? Manchmal bin ich mir noch immer unsicher. Doch die Nähe auf der Arbeit ist mir inzwischen unglaublich wichtig geworden. Sie gibt mir das Gefühl von Zugehörigkeit und gibt das Gefühl gesehen zu werden und meinen Gegenüber zu sehen. Mein Chef Claudio spricht oft davon, dass wir eine große Familie sind, und diese Begrüßungen unterstreichen genau das. Mittlerweile kommen die Umarmungen und Besitos ganz natürlich. Und ich glaube wirklich, dass sich unser Miteinander verändert, wenn wir uns alle zur Begrüßung einen Besito geben, egal ob unseren Freundinnen, Mitspielerinnen oder Arbeitskolleginnen.
Mit der Nähe schenkt man sich automatisch mehr Präsenz und fragt einander „Hola, ¿todo bien?“ und möchte eine Antwort hören , auch wenn sie oft nur kurz sein mag.

Nach der Arbeit geht nicht sofort jeder nach Hause. Oft sitzen wir noch eine Stunde zusammen. Ebenso nach dem Volleyballtraining, denn die soziale Zeit ist die wichtigste.

Die Selbstverständlichkeit von Abrazos und Besitos und die damithergehende Wärme möchte ich mitnehmen.
Buenos Aires hat mir gezeigt, dass zwischen Fremden oft nur ein Lächeln liegt.
Und dass ein bisschen mehr Nähe den Alltag einfach schöner machen kann.
Grande Abrazo Sarah

Von Müllhalde zur Nachbarschftsoase: Das Projekt en Accion und mein Freiwilligendienst dort

¡Buenas! Ich bin Beat, komme aus Berlin und mache meinen Freiwilligendienst, zusammen mit meinem Mitfreiwilligen Lion, in Buenos Aires, Argentinien, genauer gesagt im Stadtteil Los Cruces/Los Polvorines in dem Projekt En Acción, einem Nachbarschaftszentrum für alle Altersklassen. In diesem Blog möchte ich ein bisschen von der Geschichte des Projekts und von meinen Aufgaben dort erzählen.

Das Projekt wurde 1998 eröffnet. An dem Ort, an dem es heute liegt, befand sich zuvor jedoch eine inoffizielle Müllhalde. Der Pfarrer, der zwei Blocks entfernt in der Kirche arbeitete, nahm sich des Projekts an und verwandelte die Müllhalde in das heutige Campito, was so viel wie „kleines Feld“ bedeutet. Dieser Pfarrer heißt Luciano und ist noch heute Leiter des Projekts. Er trommelte eine große Gruppe von Freiwilligen zusammen, um den Müll wegzuräumen.

Nach der Eröffnung war das Campito zunächst eine Art Park mit Fußballplatz und anderen Möglichkeiten, sich auszutoben. Nach einiger Zeit wurde dann das erste Gebäude fertiggestellt, mit einer Küche, einer Werkstatt und einem großen Raum für Gruppenaktivitäten. So begannen auch die ersten Workshops, auch talleres genannt, sowie das Fußballtraining. Die talleres richten sich an Erwachsene, das Fußballtraining an Kinder und Jugendliche.

Das Team wuchs stetig, es kamen immer mehr Mitarbeitende dazu, und auch die ersten internationalen Freiwilligen wurden eingeladen. Auf dem Campito arbeiten seit knapp 20 Jahren internationale Freiwillige mit. Zunächst waren es französische Freiwillige, meist Gruppen von etwa 15 Personen, die jeweils drei Monate blieben. Seit sechs Jahren kommen deutsche Freiwillige über das Programm weltwärts.

Das Projekt finanziert sich über Kirchengelder der nahegelegenen Gemeinde sowie über staatliche Fördermittel, sodass heute etwa 45 bezahlte Mitarbeitende und viele freiwillige Helfer*innen hier arbeiten. Nach dem Bau des zweiten Gebäudes konnte auch das Workshop-Angebot erweitert werden. Heute gibt es Kochen, Recycling, Bewegung, Kunst, Siebdruck, Musik und Tanz, aber auch weitere Angebote wie einen Flohmarkt, Kinderbetreuung, Hausaufgabenhilfe, Unterstützung bei Problemen zu Hause und natürlich Fußball.

Fußballtraining

In dem halben Jahr, das ich nun hier bin, habe ich schon viele tolle Events im Projekt erleben dürfen. Ob Trikotverleihung oder Jahresabschluss – es gibt immer einen Grund zu feiern. Mit Musik, Essen und Bildern aus der vergangenen Zeit sind diese Feste eine tolle Möglichkeit, damit die Menschen näher zueinanderfinden.

Mein persönliches Lieblingsfest war das zum Jahresende, da dort Bilder aus dem gesamten vergangenen Jahr gezeigt wurden und ich so auch einen kleinen Einblick bekommen konnte, was die vorherigen Freiwilligen gemacht haben. Aber auch das Festicultural mit Auftritten des Musikworkshops, einer lokalen Schulband und dem Tanzworkshop war großartig, und ich freue mich schon auf die kommenden Feiern.

Kochen für eine der Feiern

Mein normaler Arbeitstag besteht aus drei Teilen: vormittags Instandhaltung, Mittagspause und nachmittags Workshops sowie Fußball. Bei der Instandhaltung helfe ich beim Rasenmähen, Müllaufsammeln, Bäume beschneiden, Saubermachen und Reparieren.

Nach der Mittagspause bin ich bei den Workshops dabei, zum Beispiel beim Kochen, Nähen oder Malen. Dort bin ich nicht Teil der Leitung, sondern rede mit den Teilnehmenden, so gut es sprachlich möglich ist, und höre einfach zu. Am späten Nachmittag spiele ich dann noch Fußball und helfe beim Training.

Gerade am Anfang hatte ich mit einigen Problemen zu kämpfen, vor allem mit der Sprachbarriere. Ich möchte mit den Leuten reden, kann es aber oft einfach nicht. Umso schöner ist es zu merken, wie es Stück für Stück besser wird und man relativ schnell kleine Gespräche führen kann.

Das für mich wohl frustrierendste Gefühl war, mit anderen Erwartungen in das Projekt gestartet zu sein. Ich hatte eher mit einem reinen Kinder- und Jugendzentrum gerechnet als mit der Arbeit mit allen Altersklassen. Außerdem war es für mich als absoluten „Holzfuß“ nicht gerade hilfreich, dass ein großer Teil der Zeit aus Fußballspielen bestand.

Doch letztendlich – wie man diesem Bericht wahrscheinlich entnehmen kann – bin ich sehr zufrieden mit dem Projekt. Dass das Jahr nicht einfach werden würde, war mir von Anfang an klar. Rückblickend merke ich jedoch, wie gut es mir insgesamt gefällt.

 

Irgendwo zwischen Alltag und Ankommen

Als ich in Argentinien angekommen bin, hat sich vieles überwältigend angefühlt: ein neues Land, eine andere Sprache, ein unbekannter Alltag und das Wissen, für lange Zeit weit weg von Zuhause zu sein. Einerseits war ich voller Vorfreude, ganz viel Neues zu erleben und zu erfahren. Nach zwölf Jahren Schule einmal etwas ganz anderes machen: ein neuer Ort, neue Menschen, neue Erfahrungen. Gerade deshalb hat das Ankommen nicht auf einmal stattgefunden. Es hat Zeit gebraucht – Zeit, um mich zu orientieren, um auch hier Routinen zu finden und um innerlich mit dieser neuen Lebenssituation Schritt zu halten.

Gerade am Anfang war Einsamkeit etwas, das ich kaum ignorieren konnte. Nach der Arbeit bin ich nach Hause gekommen und habe gemerkt, wie still es sein kann, wenn vertraute Menschen, Gespräche und Umarmungen fehlen. Ich habe meinen Freiwilligendienst in Buenos Aires mit einem Anfangsseminar in einer Zwölfer-WG begonnen, und mir ist das WG-Leben richtig ans Herz gewachsen. Die anderen Freiwilligen wohnen auch jetzt in WGs, während ich alleine lebe. Fotos von Spieleabenden und gemeinsamem Kochen haben mir vor Augen geführt, was mir gerade fehlte. Inzwischen weiß ich aber auch, dass es nicht immer so harmonisch in WGs abläuft und dass man manchmal mit Menschen zusammenwohnt, mit denen es einfach nicht passt.

Dieses Alleinsein hat sich oft schwer angefühlt, aber es hat mich auch gezwungen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Ich habe gelernt, Stille nicht sofort füllen zu müssen. Ich wusste von Anfang an, dass ich alleine wohnen würde, und ich habe mir das auch zugetraut. Und ja, inzwischen fühle ich mich sehr wohl damit. Trotzdem habe ich gerade durch das Alleineleben gemerkt, wie sehr ich es eigentlich genieße, mit anderen Menschen zusammenzuwohnen.

Was mir schnell aufgefallen ist und mir sehr gut gefällt: Ich habe die Menschen hier als unglaublich offen und herzlich erlebt. Ich hatte viele zufällige, schöne Begegnungen – kurze Gespräche auf der Straße, ein gemeinsamer Mate, ein Lächeln, ein „todo bien?“ (Alles gut?). Diese kleinen Momente haben mir immer wieder gezeigt, wie viel Wärme in einfachen Gesten liegen kann.

Mit der Zeit hat sich vieles verändert. Mein Spanisch hat sich langsam verbessert, und ich habe mich mehr getraut zu sprechen, auch wenn ich Fehler gemacht habe. Ich habe Freunde gefunden, die meinen Alltag hier sehr bereichern. Es ist schön zu wissen, dass ich Menschen um mich herum habe, mit denen ich jederzeit etwas unternehmen kann. Ich fühle mich nicht mehr alleine.

Auch im Projekt habe ich mehr Verantwortung übernommen und bin stärker in die Abläufe eingebunden worden. Dadurch fühle ich mich nicht mehr nur als Besucherin, sondern als Teil des Ganzen.



Inzwischen fühlt sich Mar del Plata vertraut an. Wenn ich weg war, war es ein richtiges Gefühl von Wiederankommen, sobald ich zurück bin. Ich kenne die Straßen, die Läden und teilweise sogar die Menschen – wie meinen Gemüsehändler oder Leute, die täglich denselben Bus nehmen wie ich. Ich genieße das Leben hier nun viel mehr. Und gerade jetzt im Sommer, mit den vielen Urlauber*innen, liegt eine wunderschöne, entspannte Stimmung über der Stadt.

Und irgendwo zwischen Alltag und Ankommen ist mir Mar del Plata ans Herz gewachsen.

Advent zwischen Hitze, Tereré und Gemeinschaft

Hola,

ich bin Anna, 19 Jahre und überglücklich gerade in Buenos Aires zu leben. Seit einem halben Jahr bin ich in Argentinien und ich frage mich jeden Monat aufs Neue wie die Zeit so schnell verfliegen kann. Ich arbeite im Kinder- und Jugendzentrum „La Casona“ in Florencio Varela.
In den ersten Ankunftsmonaten ist sehr viel passiert. Es gab so viele neue Eindrücke, Erfahrungen, Hindernisse und Gefühle. Aber es hat sich alles eingepegelt und ich habe mich relativ schnell sehr wohl auf Arbeit und in Quilmes, wo ich wohne, gefühlt. Die Monate darauf merkte ich wie ich mich hier einlebe und mein Alltag aufbaue und schon stand Weihnachten und das Jahresende vor der Tür. Und genau von davon möchte ich euch gerne erzählen, mein Dezember in Buenos Aires.


Der November war vorbei und es kam die Adventszeit in Argentinien, wovor ich von vornherein etwas Respekt hatte, da dies für mich immer Familie, Stille und Gemütlichkeit zu Hause bedeutet. Natürlich war es nicht wie zu Hause, aber trotzdem ein toller Monat. Es wurde bei uns die ersten male so richtig heiß und ich merkte, was Hochsommer in Buenos Aires bedeutet. 

Die Tage im Projekt waren gefüllt von weihnachtlichen Aktivitäten. Wir basteln Adventskalender, backen Plätzchen und lesen jeden Tag ein Stück der Weihnachtsgeschichte. Der Dezember hatte bei uns das große Überthema Palästina, als Geburtsort Jesus. Wir versuchen den Kindern und Jugendlichen die Kultur vor Ort und auch die aktuelle Situation ein Stück näher zu bringen. Mit den Jüngeren basteln wir einen Stall mit Krippe aus Naturmaterialien wie Blätter, Stöcke, Holz und einer Schlammmasse. Somit soll die Krippe möglich getreu der Zeit nachgestellt werden. Aus Salzteig formen mein Mitfreiwilliger Emery und ich mit den Kindern die passenden Figuren und Tiere zum Reinstellen. Mit den Jugendlichen reden wir über die Situation von gleichaltrigen in Palästina und sie sollen versuchen sich in deren Lebenssituationen hineinzuversetzen.
Natürlich wird auch wieder eine Menge in unsere kleine Bäckerei hergestellt, wir backen passend pan árabe und machen hummus. Die einen und anderen Plätzchen und das hier bekannte und geliebte Weihnachtsgebäck, Pan dulce, werden natürlich auch gebacken.

Der Monat verfliegt mal wieder und Weihnachten rückt immer näher. Die Tage im Projekt sind immer gut gefüllt uns sehr schön. Man merkt das das Jahresende ansteht, Mitarbeiter*innen sind erschöpfter und mit den Gedanken bei jeglichen Weihnachtsevents und Abschlussfeiern. Die Kinder haben ihre letzten Arbeiten und beenden nach und nach alle das Schuljahr. Sie freuen sich sehr über ihre anstehenden Ferien. Bevor sich alle verabschieden, und in die Ferien gehen gibt es ein Abschlussfest mit Krippenspiel.

Unsere Chefin und Mentorin lädt Emery und mich ein beim Krippenspiel mitzumachen. Wir sollen Hirte und Engel spielen und natürlich machen wir mit. Wir proben, basteln Requisiten und eine Pappleinwand als Bühnenbild und alle freuen sich den ganzen Monat auf die Aufführungen- einmal in meinem Projekt und einmal in der Gemeinde in Quilmes (wo ich wohne). Die Aufführungen am 4. Adventswochende sind ein Erfolg und Eltern und Familie sind alle glücklich. 

Ich merke, dass mich meine Arbeit glücklich macht und ich mich freuen kann in so einem tollen Team zu arbeiten. Ich sehe meine Kollegen und Kolleginnen sehr gerne und freue mich immer auf die Tage im Projekt. Hier in Casona merkt man das dieses Team wirklich eine Gemeinschaft ist und ich bin glücklich ein Teil davon zu sein. Es war traurig sich von den Kindern, Jugendlichen und Kollegen für einen Monat zu verabschieden.

Abgesehen von Arbeit passiert hier auch immer einiges. An den Sonntagen versuche ich mit meinen Freunden ein bisschen in Adventsstimmung zu kommen. Wir backen Plätzchen, trinken selbstgemachten Glühwein und hören Weihnachtsmusik. Mit meinen Mitbewohnerinnen stellen wir zusammen einen kleinen Fake- Weihnachtsbaum auf, den wir im Schrank gefunden haben und schmücken ihn mit einer buntblinkenden Lichterkette – ganz argentinisch. 

Auch wenn es ganz anders war, hatte ich einen echt tollen Monat und oft das Gefühl hier richtig angekommen zu sein. Der Sommer war das Gegenteil von der kalten Winterzeit in Deutschland, aber das fand ich super. Da es warm ist spielt sich viel draußen ab. Es gibt Straßenfeste, viele Treffen sich im Park oder spielen Fußball und Volleyball. Immer Sonne und blauer Himmel, da habe ich direkt gute Laune. Natürlich ist der Sommer hier ganz anders als in Deutschland und die Hitze kann auch echt erdrückend sein. Im Projekt gibt es deshalb oft Tereré, die kalte Form des heißgeliebten Mate- Getränks. Damit kann man die Hitze gut überstehen.

Auch wenn sich die Adventszeit nicht nach einer Adventszeit angefühlt hat, sondern eher wie Beginn der Sommerferien, stand der Heiligabend vor der Tür- einer der heißesten Tage im Jahr. Am Nachmittag waren wir in der Kirche, die auf unserem Grundstück steht, zum Gottesdiesnt eingeladen. Meine Chefin ist hier die Pastorin und predigte. Der kleine Gottesdienst war sehr gemütlich. Am Abend haben wir bei uns im Garten ein gemeinsames Essen mit Freiwilligen gemacht. Zu acht hatten wir eine schöne Runde. Wir haben alle etwas gekocht und ein leckeres buntes Buffet gehabt. Untereinander haben wir gewichtelt und so hat jeder ein kleines Geschenk bekommen und eins verschenkt. Nach der Bescherung haben wir bis in die Nacht gespielt, gequatscht und Musik gehört.

Gegen null Uhr geht’s in Argentinien an Weihnachten dann richtig los. Es startet mit Feuerwerk um Mitternacht und dann wir auf der Straße Musik gespielt und alles sind draußen feiern und tanzen. Bei uns in Quilmes war am Platz auch was los. Es war ganz anders, dass der Heiligabend hier so laut ist und alle draußen sind. Aber ich habe die Zeit trotzdem genossen und mich gefreut so liebe Menschen um mich herum zu haben.

Auch am 25. Dezember waren alle draußen, haben Asado (grillen) gemacht und Zeit mit Familie und Freunden genossen. Wir waren bei uns am Rio (Fluss). Buenos Aires liegt ja an einer riesigen Flussmündung vom Rio de la Plata und deshalb haben wir am Fluss grüne Wiesen und Stege, wo auch einige Baden gehen. Wir genießen den Tag mit Eis und kalten Getränken statt Lebkuchen und Tee:)
Am 26. Dezember ist hier gar kein Feiertag mehr und viele arbeiten wieder. Ich hattee frei und da wir noch in Weihnachtsstimmung waren und echt Lust hatten ein bisschen zu feiern wie zu Hause, habe ich mit drei Freundinnen, deutsches Weihnachtsessen gekocht. Klöße und Rotkraut – das hat wirklich gut nach zu Hause geschmeckt. 

Und dann ging es für mich auch schon los und ich habe das erste Mal Buenos Aires für eine längere Zeit verlassen. Ich habe den ganzen Januar frei, da mein Projekt zu hat. Ich hatte echt mega Vorfreude und Lust auf die Zeit, die jetzt kommt. Mein erster Stopp war in Uruguay in Colonia del Sacramento. Dort feierte ich Silvester mit einer großen Runde an Freiwilligen aus Argentinien, Paraguay und Uruguay. Mit der Fähre ging es rüber nach Colonia, eine wirklich schöne, alte, kleine Stadt am Meer. Die Tage dort haben mir sehr gutgetan und es war toll so viele Leute von meiner Orga und vom Seminar wieder zu sehen. Silvester im Sommer am Meer zu feiern war echt einfach wunderschön und meiner Meinung nach könnte das immer so sein. Kurz nach null Uhr war das Erste, was wir 2026 gemacht haben im Meer zu schwimmen. Ich glaube es kann also nur ein gutes Jahr werden😊

Senioren und Disko?

Hey, ich bin Antonia, 18Jahre alt und im Gegensatz zu vielen anderen Freiwilligen habe ich mich dazu entschieden meinen Freiwilligendienst in einem Seniorenheim zu machen.

Mein Weg hat mich in das Colonia de Ancianos san Antonio geführt. Ein idyllisches Seniorenheim in Aldea san Antonio in Argentinien, in dem jeder jeden über irgendwelche Ecken kennt und Trasch zu einer der Lieblingsbeschäftigungen der Senioren gehört.

Was mich zu meinem eigentlichen Thema führt, was macht man eigentlich mit Senioren im Seniorenheim? Und unterscheidet sich die Arbeit tatsächlich so zu der Arbeit mit Kindern?

Vor meinem Freiwilligendienst habe ich schon ganz viele Ideen gesammelt was ich mit den Senioren alles machen könnte: Disko und alle können auf den Stühlen tanzen, gemeinsames Kochen mit alten Rezepten aus ihrer Kindheit und das gemeinsame lernen von Kartenspielen. Ich dachte die Senioren würden wieder wie Kinder werden, „nur“ mit mehr Erfahrung und vielleicht einigen körperlichen Beeinträchtigungen

Ich kam also im Seniorenheim an mit all meinen tollen Ideen im Kopf und hatte erstmal einen „Altersschock“. Bisher hatte ich nie wirklich mit alten Menschen außer meinen Großeltern zu tun gehabt und in einem Seniorenheim kannte ich mich noch weniger aus. Hinzu kamen meine mangelhaften Spanischkenntnisse, die alles andere als die Situation vereinfacht haben. Viele der Abuelos (Senioren) sitzen bei uns im Rollstuhl und einige werden sogar gefüttert, weg fiel also schonmal die Disko. Die zweite Seniorin mit der ich mich versucht habe zu unterhalten hat mir fünfmal dieselbe Geschichte erzählt, viele neue Dinge zu lernen fiel also auch weg und der Alltag war so sehr durchgetaktet das eine gemeinsame Kochsession nicht einmal in Frage kam. Auch die ganzen Spiele die wir gelernt hatten in unseren Vorbereitungsseminaren halfen mir nicht weiter.

Ich fing also damit an nochmal von vorne darüber nachzudenken, was wir zusammen machen könnten. Denn auch die vielen Spiele im Gemeinschaftssaal waren nicht auf die motorischen Fähigkeiten der Abuelos abgestimmt und viele hatten dadurch keine Lust irgendetwas zu machen, da sie keine Erfolgserlebnisse hatten.

Meine erste Idee war eigene Spiele zu erfinden und diese möglichst einfach zu gestalten.

Und was soll ich sagen, das erste Spiel ging total in die Hose! Nicht aufgeben habe ich mir gedacht noch weitere Spiele suchen. Das dritte Spiel hat dann endlich einem Senioren so sehr gefallen, das er nur noch spielen wollte.

Das hat mir unglaublich viel Motivation gegeben noch weitere Sachen aus zu probieren. Mittlerweile spielen wir also ganz oft Fische angeln mit Plastikbechern, Farben erraten mit Fäden und versuchen kleine Steine mit Bechern aufzufangen. Dabei ist mir aufgefallen, dass auch die anderen Senioren auf einmal viel mehr Motivation hatten mitzuspielen. Wobei natürlich viele immer noch einfach ihren Mate trinken wollten und dabei erzählen. Als dann nach und nach mein Spanisch auch besser wurde und ich anfing mit zu bekommen worüber sie sprachen, konnte ich diese Art der Freizeitbeschäftigung nur zugut verstehen, „die eine Seniorin sitzt immer nur in ihrem Haus“ und „dieser Senior stellt sich immer in den Mittelpunkt“ sind dabei noch harmlose Geschichten. Dabei finde ich es so schön zu sehen wie immer auch die „schwächsten“ Mitglieder der Gruppe ins Boot geholt werden und so eine total schöne Gruppendynamik entsteht bei der sich alle umeinander kümmern, auch wenn immer wieder ein bisschen Gossip die Runde macht.

Außerdem mögen gerade die Senioren jegliche Arten des Malens, mit Bundstiften, Tusche oder auch Akryl Farben. So kam es, das wir in der Weihnachtszeit massen an Christbaumschmuck hergestellt haben, der jetzt die Bäume im Garten des Seniorenheims schmückt. Mittlerweile sind wir wieder dazu übergegangen Blumen in unterschiedlichsten Formen anzumalen und zu basteln.

Lasst es ein Vorurteil sein aber das einzige Spiel, das wirklich alle mögen im Seniorenheim und das wir regelmäßig spielen ist ein Mix aus Lotterie und Bingo, …wodurch ich mein Kartenspiel bzw. mein Spiel am ende doch noch bekommen habe 😉

Um auf meine Fragen vom Anfang zurückzukommen man kann so viel mit Senioren machen, wenn man einmal angefangen hat sich auf sie einzustellen und versucht zu verstehen, was sie eigentlich wirklich wollen. Und wenn das mal einfach Fußball schauen ist, ist das auch in Ordnung. Denn Senioren sind nicht wie Kinder, obwohl ich das am Anfang dachte. Auch wenn sie manchmal dieselbe Pflege und Fürsorge brauchen, haben sie einfach schon so viel Erlebt, dass das mit nichts zu vergleichen ist.

Eure Antonia

Die ersten Tage in Paraná

Am Freitag wurden Emil und ich morgens um halb 8 abgeholt und es ging los zum Busbahnhof von Buenos Aires. Nach einer kurzen Wartezeit und dem Abgeben unser viel zu vielen Koffer haben wir erstmal den Schlaf nachgeholt und kamen dann nachmittags um 5 Uhr in unserer neuen Heimat an. Hier wurden wir von unserer tollen Mentorin Mónica empfangen, mit der wir dann gemeinsam zu unserem Apartment und gleichzeitig unserer Einsatzstelle (direkt unter uns) gefahren sind. Dort haben wir zu zweit eine schöne Wohnung, die aus einem Wohnzimmer mit Küchenzeile, einem eigenen Bad und einem geteilten Schlafzimmer besteht.

Am Abend ging es dann nach einer kurzen Verschnaufpause und Frischmachen zu einem Treffen der „Jóvenes Paraná“, der Jugendgruppe der Kirche vor Ort. Hier haben wir uns mit anderen Student*innen und dem Pastor nett unterhalten und ein neues Kartenspiel kennengelernt: Chinchón de 4 cartas. Jede*r startet mit 4 Karten. Alle geben gleichzeitig eine Karte nach rechts und bekommen eine von links, dabei wird „¡Che va!“ gerufen. Ziel ist es, 4 gleiche Karten zu sammeln. Wer das schafft, ruft ein vereinbartes Signalwort und legt die Hand in die Mitte. Alle anderen legen nach, der letzte verliert. Durch die Schnelligkeit ist es ein spannendes und lustiges Spiel, bei dem auch Glück eine Rolle spielt.

Dabei haben wir Mate getrunken – für die, die sich jetzt fragen, was Mate überhaupt ist, hier eine kurze Erklärung: 

Mate ist ein Aufgussgetränk aus den Blättern der Stechpalme Ilex paraguariensis, das Yerba Mate heißt. Dafür braucht man drei Dinge. Den mate, also den Becher sowie die bombilla, ein Metallrohr mit einem Sieb am unteren Ende, das als Strohhalm dient. Und schließlich die yerba mate, die getrockneten und geschnittenen Blätter, aus denen der Aufguss bereitet wird. Es ist aber nicht nur ein Getränk, sondern ein Ritual: Mate wird meistens gemeinsam getrunken. Eine Person, der Cebador, bereitet den Mate zu und reicht ihn reihum. Jeder trinkt den Mate aus, gibt ihn zurück, und der Cebador füllt neu auf. Es gibt nur einen Becher und eine Bombilla für alle, das Teilen gehört fest dazu. Wenn man Danke sagt, bedeutet das dass man nichts mehr möchte. In Argentinien gibt es dabei je nach Region und Kontext Unterschiede, wie genau Mate zubereitet oder getrunken wird.

Dazu gab es Empanadas, Pizza und als Nachtisch verschiedene Eissorten. Auch hier gab es wieder die Sorte „Dulce de Leche“, eine süße Milchkaramell-Creme. Die hatten wir schon als Brotaufstrich in Buenos Aires und wird auch für Alfajores verwendet, die ich zufälligerweise gerade beim Schreiben neben mir liegen habe. Danach haben wir noch bis nachts unsere Sachen weiter einsortiert und soweit es ging die Wohnung eingerichtet, auch wenn Dekorationen und Pflanzen noch fehlen. 

Alfajores

Am Samstag haben wir erstmal lange ausgeschlafen und haben danach mit Sol und Cami unseren ersten Einkauf gemacht. Wir haben in der Nähe einen Supermarkt der üblichen Größe, aber auch einen sehr großen Markt, der von unseren Mitbewohner*innen mit einem Walmart in den USA verglichen wurde. Wir sind zu dem größeren “Chango Mâs” gegangen und haben erstmal alles gekauft, was wir die nächsten Tage brauchen – unsere neuen Freund*innen waren dabei eine große Hilfe, um nicht unnötig Geld auszugeben und um zu wissen, was wo gekauft wird. Fleisch, Käse, Obst und Gemüse werden in extra Läden gekauft, da es dort günstiger ist. Die Fleischerei war leider zu, aber an Obst und Gemüse haben wir fast genug für den gesamten nächsten Monat gekauft. Yerba für Mate haben wir schon gekauft, jetzt fehlt uns noch ein Mate Becher mit bombilla und eine Thermoskanne. 

Nach dem Einkaufen saßen wir noch etwas mit Sol und Cami zusammen, bis wir mit dem Abendessen bzw. eigentlich unserem Mittagessen angefangen haben. Wir haben uns für Burger, mit Bratkartoffeln und Salat entschieden. Und ohne hier zu viel Selbstlob zu vergeben, muss ich sagen, dass es echt gut geworden ist. 

Am nächsten Tag waren wir bei unserer Mentorin Mónica mit ihrer Familie zum Grillen eingeladen. Als Vorspeise gab es kleine Häppchen in Form von Chips, Käse, Salami und Schinkenscheiben. Danach gab es Ofenkartoffeln, verschiedenes Gemüse und vor allem Fleisch & gegrillten Kürbis mit Zucker. Nicht nur war das Essen sehr reichhaltig und vor allem sehr lecker, sondern auch die Gespräche mit der Familie waren sehr schön und interessant, auch wenn unser Spanisch (nett ausgedrückt) noch viel Potenzial nach oben hat. Mónica und Thiago sprechen etwas Deutsch und Thiago konnte uns mit seinem Englisch sehr gut unterstützen. Zur Familie gehört auch 2-Pac, eine süße Bulldogge, die konstant gestreichelt werden möchte.

Als Nachtisch gab es noch Eis, danach sind wir mit Thiago (den wir schon Freitag Abend kennengelernt haben) und seiner Freundin Marti zu dem, laut ihm, schönsten Park “Parque Urquiza” gefahren. Und ich muss sagen, sie hatten recht! Der Park war riesig und direkt am Fluss gelegen, überall waren Palmen und blühende Lapacho rosado, die mich etwas an blühende Kirschbäume erinnert haben. Es war mega schön, auch wenn es echt heiß war – ich will nicht wissen, wie es sich im Sommer anfühlen wird. Ansonsten haben wir noch ein paar Aufgaben erledigt: Wäsche waschen, Aufräumen und neuen Content für unseren Instagram-Account kreiert. 

Am Montag hatten wir unseren ersten Arbeitstag im Kindergarten. Der Kindergarten Caminito („Ein Weg für die Kleinen“) wird von der örtlichen Kirche getragen und setzt sich seit mehreren Jahrzehnten für Kinderrechte und Gesundheitsförderung ein. Die Kinder erhalten hier Betreuung, Frühstück und Mittagessen. Es war schön, endlich die Einsatzstelle kennenzulernen und unsere erste Woche hat uns sehr gut gefallen. Sobald wir ein paar Wochen dort verbracht haben, wird zu unserer Arbeit und dem Projekt auch ein ausführlicher Blog-Beitrag kommen.

Insgesamt bin ich hier sehr glücklich (glaube das lässt sich ganz gut an der Anzahl von “sehr” in diesem Text heraushören) und wir haben direkt viele neue, tolle Menschen kennengelernt und unsere ersten Freundschaften geschlossen.