Ich lebe mittlerweile seit knapp elf Monaten in Paraná, und mit dem näher rückenden Ende meines Freiwilligendienstes wird es langsam auch mal Zeit, mein Projekt genauer vorzustellen. Der Jardín Maternal Caminito ist eine Kinderkrippe für Kinder zwischen 45 Tagen und drei Jahren. Die 20 Kinder sind in drei Gruppen eingeteilt und werden von vier Fachkräften betreut. Drei von ihnen sind direkt bei der Kirchengemeinde Congregación Paraná der Iglesia Evangélica del Río de la Plata angestellt, die Trägerin der Einrichtung ist. Die vierte Fachkraft wird von COPNAF gestellt, dem provinzialen Amt für Kinder-, Jugend- und Familienschutz von Entre Ríos, das die Krippe personell und inhaltlich unterstützt. Dazu kommen Emil und ich als deutsche Freiwillige im Rahmen des weltwärts-Programms.
Das Team

Im Team gibt es keine strenge Hierarchie. Gaby übernimmt intern die Rolle der Leitung, auch wenn die eigentliche formale Leitung bei der Kommission liegt, also einem Verwaltungsorgan der Kirche. Gerade diese familiäre Atmosphäre macht das Arbeiten hier für mich besonders angenehm. Viele der Mitarbeiterinnen sind seit Jahrzehnten dabei: Mónica seit 37 Jahren, Stella seit 30 Jahren, Gladys seit 29 Jahren und Gaby seit fast 22 Jahren. Diese lange gemeinsame Zeit merkt man im Alltag sofort.
Besonders spannend war für mich, dass jede von ihnen aus ganz unterschiedlichen Gründen hier angefangen hat, aber aus ähnlichen Gründen geblieben ist. Mónica erzählte mir zum Beispiel, dass sie damals als Vertretung angefangen habe, weil ihre Schwägerin dort gearbeitet habe und sie gerade mit ihrer Ausbildung zur pädagogischen Ergänzungskraft fertig gewesen sei. Aus dieser Vertretung sind inzwischen 37 Jahre geworden. Auf die Frage, was man für die Arbeit mit so kleinen Kindern mitbringen müsse, antwortete sie ohne lange zu überlegen: „Das Wichtigste ist, den Kindern mit Respekt zu begegnen und sie wirklich gern zu haben.“ Geduld und Freude an der Arbeit seien entscheidend. Genau das spürt man im Alltag.
Ein entspannter Start in den Tag
Der Tag beginnt meist ruhig. Nach dem kurzen Arbeitsweg, der praktisch nur aus einer Treppe und einer Tür besteht, frühstücken wir um sieben Uhr morgens gemeinsam mit Gaby, die am Anfang meist als Einzige da ist. Nach und nach kommen dann die ersten Kinder an, oft zunächst nur drei oder vier. In dieser ersten Stunde gibt es meist noch nicht viel zu tun. Manchmal fegen wir draußen die Blätter aus dem Eingangsbereich zusammen oder erledigen kleine Putzaufgaben.
Um halb neun gibt es Frühstück für die Kinder. Typisch sind Toast mit Rührei und Dulce de Leche oder auch Bananen-Pancakes. Dazu gibt es Trinkjoghurt oder Kakao. Wir sind dabei meistens einfach anwesend, schauen auf die Kinder und helfen bei Bedarf. Danach wäscht immer jemand von uns das Geschirr ab. Gerade morgens merkt man, wie viel Erfahrung die Erzieherinnen haben. Manche Kinder verabschieden sich ohne Probleme von ihren Eltern, andere brauchen etwas länger. Als ich Mónica gefragt habe, ob sie dafür einen Geheimtipp hat, musste sie lachen. Eigentlich gebe es keinen, sagte sie, und erklärte dann: Man nehme das Kind auf den Arm, spreche mit ihm, zeige ihm Spielzeug und lenke es langsam ab. Irgendwann hörten die meisten auf zu weinen. Oft dauert das nur ein paar Minuten, und plötzlich wird wieder gespielt, gelacht oder gemalt.
Arbeiten mit den Kindern
Danach folgt eine längere Spielpause, bis die Kinder in ihre drei Gruppen, die Salitas, gehen. In dieser Zeit spielen wir mit ihnen, passen auf oder lösen den einen oder anderen kleinen Streit. Als ich Mónica fragte, was ihr schönster Moment in all den Jahren hier gewesen sei, hatte ich ehrlich gesagt mit einer besonderen Geschichte gerechnet. Ihre Antwort war viel einfacher, aber gerade deshalb so eindrücklich: „Eigentlich jeder Tag. Ich komme jeden Morgen gerne hierher, kümmere mich um die Kinder und versuche, dass es ihnen gut geht.“ Sie sagte, das mache sie selbst glücklich. Ich finde, genau das beschreibt die Atmosphäre hier sehr gut. Die Arbeit wirkt selten hektisch oder gestresst. Stattdessen hat man das Gefühl, dass alle wirklich gern hier sind.
Eigene Projekte
Danach ist jeder Tag ein bisschen anders. Wir bekommen verschiedene Aufgaben von Gaby oder einer der anderen Mitarbeiterinnen zugewiesen oder suchen uns selbst etwas. Im Grunde kann man die Aufgaben in Arbeit mit den Kindern, Putzen, Bauen, Aufräumen, Gartenarbeit, Basteln oder Streichen einteilen. Vor Kurzem haben wir zwei größere Projekte abgeschlossen: die Renovierung einer alten, gespendeten Spielküche und das Abschleifen und Streichen der Eingangstür, des Zauns und der Außenwand des Geländes.
Die Küche bestand aus drei Teilen: der eigentlichen Küche, dem Kühlschrank und der Waschmaschine. Zuerst haben wir den Hauptteil abgeschliffen, gestrichen und anschließend fehlende Teile ergänzt. Besonders schön ist es bei neuen Spielsachen oder Möbeln, wenn man direkt sieht, wie gut sie von den Kindern angenommen werden. Die Küche kam sofort gut an und wird bis heute viel benutzt. Der Wasserhahn hat immerhin einen Tag durchgehalten, bis ihn die Kinder kaputt gemacht haben. Den müssen wir also noch einmal fester anbringen.
Als ich Gaby fragte, was ihr an ihrem Beruf nach über 20 Jahren immer noch am meisten Freude bereitet, musste sie kurz überlegen. Dann sagte sie: „Das Staunen der Kinder. Ihnen etwas zeigen zu können, das sie vielleicht sonst nirgendwo erleben würden.“ Genau dieses Staunen erlebt man hier tatsächlich ständig. Manchmal reicht schon eine frisch renovierte Spielküche oder eine neu bemalte Wand, und plötzlich stehen zehn Kinder davor, schauen ganz genau hin und wollen sofort losspielen.
In den letzten Wochen haben wir vor allem viel gestrichen, zuerst die Eingangstür und den Zaun, später auch die kreative Gestaltung der Außenwand. Das Abschleifen und Streichen des Zauns war ein langer Prozess, vor allem, weil durch das Gitter und die vielen kleinen Flächen alles sehr aufwendig war. Trotzdem hat sich die Arbeit gelohnt. Als wir fertig waren, kamen wir schnell auf die Idee, wie wir die Kinderkrippe von außen noch sichtbarer und schöner gestalten könnten. Im Gespräch mit den Erzieherinnen sind wir dann auf eine bereits bestehende Idee gekommen: die Wand unter dem Zaun neu zu gestalten.
Also haben wir Skizzen erstellt, uns mit unseren Kolleginnen und mit den Kindern über mögliche Motive ausgetauscht und am Ende eine gemeinsame Vorlage entwickelt. Vor drei Wochen haben wir mit der Umsetzung begonnen. Zuerst wurde die Fläche gereinigt und grundiert. Danach kamen zwei Schichten weiße Farbe, bevor wir mit dem Zeichnen und Malen anfangen konnten. Es hat viel Spaß gemacht, sich kreativ auszuleben, und war für uns ein schöner Abschluss des Jahres. Auch wenn wir nicht ganz fertig geworden sind, weil das Wetter nicht immer mitgespielt hat, ist es schön zu wissen, dass die nächsten Freiwilligen damit weitermachen können. So wird das Ganze zu einem kleinen Mehrgenerationenprojekt.
Zwischen Phasen ohne Aufgabe
Insgesamt machen mir solche Bau- und Streichaufgaben viel Spaß. Im Moment ist die Mischung aus Arbeit mit Kindern und anderen Aufgaben für mich ziemlich ausgewogen. Es gibt aber auch Phasen, in denen es im Projekt langweilig werden kann, zum Beispiel wenn es keine Aufgaben für die Zeit gibt, in der die Kinder in ihren Gruppen sind. Oder wenn nur wenige Kinder da sind und sich die Gruppe von selbst beschäftigt. Mit längerfristigen Aufgaben wie dem Streichen hat man dann wenigstens etwas, worauf man sich konzentrieren kann.
Das Mittagessen
Nach den verschiedenen Aufgaben kommen die Kinder um elf Uhr zum Mittagessen wieder aus ihren Gruppen. Je nach Situation schauen wir dabei einfach auf sie auf oder helfen den kleineren Kindern beim Essen. Währenddessen kümmert sich Gladys um die Küche. Für Emil und mich kocht sie jeden Tag freundlicherweise noch eine zusätzliche Portion, sodass wir anschließend gemeinsam mitessen können. Im Interview hat sie erzählt, dass die Kinder ihr Guiso de Arroz besonders lieben. Wenn es schnell gehen muss, kocht sie am liebsten Kartoffelpüree mit Hähnchen, weil das am einfachsten und schnellsten zuzubereiten ist.
Eine Woche lang durften wir die Küche selbst übernehmen und für die Kinder kochen. Auf dem Speiseplan standen unter anderem Guiso de Arroz, Guiso de Fideos und Kartoffelpüree mit Hähnchen. Das war für uns eine ganz andere Aufgabe als sonst und hat noch einmal gezeigt, wie wichtig das tägliche Mittagessen in der Einrichtung ist. Danach wird das Geschirr gespült, wir spielen weiter mit den Kindern oder übernehmen andere Aufgaben. Am Ende essen wir meist noch gemeinsam im Projekt und haben dann meistens gegen 13.30 Uhr Feierabend, nur bei Aufgaben wie dem Streichen haben wir ab und zu noch bis Nachmittags gearbeitet. Für einen Freiwilligendienst ist das ein im Vergleich eher kurzer Arbeitstag, auch wenn er natürlich nicht immer gleich aussieht.
Geschichten, die man nicht vergisst
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber eine Geschichte, die Gaby erzählt hat. Kurz nachdem sie damals im Kindergarten angefangen hatte, hat sie geheiratet. Einer ihrer kleinen Schützlinge wollte das allerdings überhaupt nicht akzeptieren. „Wir mussten mit ihm sogar zu einer Psychologin gehen, damit er versteht, dass die Erzieherin auch ein Leben außerhalb des Kindergartens hat“, erzählte sie lachend. Ich musste bei der Geschichte echt schmunzeln. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, wie eng die Bindung zwischen den Kindern und ihren Erzieherinnen hier manchmal wird.
Zu unserem Alltag im Jardín kommen noch zwei bis vier Gottesdienste pro Monat dazu, an denen wir teilnehmen müssen, um auf die vertragliche Mindestarbeitszeit von 33 Stunden zu kommen, weil uns wöchentlich eine halbe Stunde fehlt. Die Gottesdienste sind jedes Mal schön und wirken auf mich viel persönlicher als die Gottesdienste, die ich aus Deutschland kenne. Auch wenn ich nicht gläubig bin, genieße ich sie sehr. Gleichzeitig fühlt es sich etwas unnötig an, dass wir dort nur sitzen, um Stunden zu erfüllen, ohne wirklich mitzuarbeiten oder Aufgaben zu übernehmen. Insgesamt ist es aber trotzdem ein fairer Ausgleich, weil wir durch die kurzen Arbeitszeiten viel Freizeit haben und unser Leben sehr selbstständig gestalten können. Außerdem ist das nur eine improvisierte Lösung für uns; aktuell spricht die Partnerorganisation mit unserer Einsatzstelle, um für die nächsten Freiwilligen eine Alternative mit mehr Beteiligungsmöglichkeiten zu finden.
Bedeutung für die Familien
Durch die Interviews habe ich außerdem noch einmal einen ganz anderen Blick auf den Jardín bekommen. Zum Beispiel habe ich Gaby gefragt, was der Kindergarten eigentlich für die Familien bedeutet. Ihre Antwort fand ich ziemlich spannend: „Für jede Familie bedeutet der Jardín etwas anderes.“ Für viele Eltern sei er ein Ort, an dem sie ihre Kinder mit einem guten Gefühl lassen können, während sie arbeiten. Andere schätzen vor allem, dass ihre Kinder hier mit Gleichaltrigen spielen, Neues entdecken und Dinge lernen, die zu Hause vielleicht gar nicht möglich wären. Und für manche Familien sei der Kindergarten auch deshalb wichtig, weil ihre Kinder hier jeden Tag eine warme Mahlzeit bekommen. Ehrlich gesagt war mir vorher gar nicht bewusst, wie viele verschiedene Aufgaben der Jardín gleichzeitig erfüllt.
Auch Stella hat das mit einem einzigen Satz gut zusammengefasst. Auf meine Frage, was der Kindergarten für die Familien bedeutet, antwortete sie: „Ein sicherer Ort, der den Kindern Halt gibt.“ Kürzer hätte man es wahrscheinlich nicht sagen können. Natürlich gibt es auch Herausforderungen. Als ich Gaby fragte, was sie verändern würde, wenn Geld keine Rolle spielen würde, sprach sie überraschenderweise nicht zuerst über neue Spielsachen oder ein größeres Gebäude. Ihr größter Wunsch war mehr Personal: „Dann könnten wir mehr Kinder aufnehmen und Ausfälle besser auffangen.“ Gleichzeitig sagte sie aber auch, dass sie die familiäre Atmosphäre des Kindergartens auf keinen Fall verlieren möchte. Genau das macht den Jardín für mich aus: Es ist keine perfekte Einrichtung mit unbegrenzten Möglichkeiten, sondern ein Ort, an dem mit den vorhandenen Mitteln unglaublich viel erreicht wird.
Ausblick
Besonders schön fand ich außerdem eine andere Geschichte, die Gaby erzählt hat. Der Jardín arbeitet schon seit vielen Jahren mit deutschen Freiwillig:innen zusammen. Viele ehemalige Freiwillige halten bis heute Kontakt zum Kindergarten. Manche kommen sogar Jahre später noch einmal vorbei, andere melden sich regelmäßig oder schicken Unterstützung, wenn sie hören, dass gerade etwas gebraucht wird. Das hat mich ehrlich gesagt ziemlich beeindruckt. Nach fast einem Jahr hier kann ich gut verstehen, warum viele die Verbindung zu diesem Ort nie ganz verlieren.
Wenn ich auf die letzten elf Monate zurückblicke, werde ich mich wahrscheinlich nicht zuerst an die großen Projekte erinnern. Natürlich waren die renovierte Spielküche oder unsere bemalte Außenwand echte Highlights. Aber noch viel mehr bleiben mir die kleinen Momente im Kopf: Kinder, die sich morgens freuen, wenn man zur Tür hereinkommt, das gemeinsame Spielen, das Lachen über Kleinigkeiten oder einfach die herzliche Art der Mitarbeiterinnen. Ich glaube, genau das macht den Jardín Maternal Caminito aus: nicht das Gebäude oder die Ausstattung, sondern die Menschen, die jeden Morgen mit so viel Geduld und Freude zur Arbeit kommen. Nach den Interviews verstehe ich auch besser, warum Mónica nach 37 Jahren sagt, dass für sie eigentlich jeder Tag ein schöner Tag ist. Und ich kann gut nachvollziehen, warum ehemalige Freiwillige auch Jahre später noch einmal zurückkommen.











































































































