Alltag mit Ausnahmen

Nach dem Urlaub ging es zunächst (fast) wie gewohnt weiter. In Curitiba war der Himmel grau und es regnete. Die Sonne ließ sich eher selten blicken. Trotzdem genoss ich noch die letzten freien Tage, ging mit Freunden essen oder las in einem Cafe. Nach einigen Tagen begann jedoch auch hier wieder der Ernst des Lebens. Für die Kinder waren zwar noch Ferien, doch für uns war es an der Zeit die Vorbereitungen für das neue Schuljahr abzuschließen.
Es mussten ein paar Renovierungsarbeiten vorgenommen werden, es wurden verschiedene Aktionen für das neue Jahr geplant und ausgearbeitet und es wurde darüber gesprochen, in welche Richtung sich das Projekt in Zukunft entwickeln soll. Nachdem das Team also eine Woche die Köpfe zusammengesteckt hat und das Projekt startklar für das neue Jahr gemacht wurde, war es Zeit nochmal ein paar Tage freizubekommen.
Denn wie bereits im letzten Blogeintrag angekündigt hatte, stand die Karnevalszeit vor der Tür. Ich sprach mich also mit Moritz ab und wir verabredeten uns in Rio, um uns das Spektakel gemeinsam anzuschauen. Die Anreise verlief für mich ein bisschen chaotisch. Zunächst hatte ich ein falsches Ticket gekauft, was mir leider erst am Busbahnhof aufgefallen ist. Ich musste also noch schnell versuchen mir ein neues Ticket zu besorgen und wurde glücklicherweise noch fündig. Ich schaffte es also doch noch (mehr oder weniger) zur geplanten Zeit in einen Bus zu steigen und sollte 13 Stunden später in Rio ankommen. Ganz so einfach sollte es dann allerdings doch nicht werden, denn natürlich erwartete mich in Rio ein unfassbares Verkehrschaos.
Moritz und ich waren wohl nicht die einzigen, die gehört hatten, dass Karneval in Rio einen Besuch wert wäre. Ich verbrachte also weitere 3 Stunden im Stau, um letzten Endes an einem völlig überfüllten Busbahnhof rauszukommen. Ich boxte mich durch den Busbahnhof und stolperte durch den Ausgang ins freie, nur um festzustellen, dass das Spektakel draußen dem im inneren in nichts nachstand.
Der Gehsteig war voll mit Menschen, die wohl darauf hofften, einen Uber zu bekommen und der umliegende Verkehr war kurz davor völlig zum Erliegen zu kommen. Ich versuchte erst gar nicht einen Uber zu bekommen, sondern machte mich auf den Weg zur Straßenbahn. Allerdings (wer hätte es ahnen können) war ich auch mit dieser Idee nicht allein. Vor den Ticket Automaten zog sich eine ewig lange Schlange durch die Station und nicht ein Schatten bemühte sich die Wartenden vor der Sonne zu schützen.
Ich entschied mich dazu, dass ich nicht 16 Stunden im Bus saß, um nach 30 Minuten in Rio auf der Straße zu kollabieren und machte ich mich auf den Weg zur nächsten U-Bahn-Station. Diese war zu meiner eigenen Überraschung nicht völlig überfüllt. Ich fand also einen Platz in der Bahn und traf auch schon auf die ersten Partypeople.
Leicht zu erkennen an den Bierdosen in der Hand, dem Glitzer im Gesicht und den Männern in Miniröcken. Meine kurze, aber doch sehr kräftezehrende Odyssee fand dann aber doch ein Ende, als ich nach einem kurzen Spaziergang durch Copacabana die Unterkunft und damit auch Moritz fand. Wie es der Zufall so will, waren auch Joni und Julia noch in Rio und zu viert verbrachten wir den ersten Tag noch am Strand und shoppten ein paar Mitbringsel. Joni und Julia mussten leider am nächsten Tag schon wieder zurück nach Padilha und so machten Moritz und ich uns zusammen auf die Suche nach der nächsten Party. Wobei sich das als nicht besonders schwierig erwies. In der ganzen Stadt wurde gefeiert. Vom Strand bis ins Zentrum und sogar die U-Bahn wurde nicht verschont.
Zu versuchen das alles in Worte zu fassen würde dem Ganzen nicht gerecht werden, deswegen versuche ich es erst gar nicht. Ich kann nur sagen, dass dieses Wochenende eine großartige und ein bisschen absurde Erfahrung war. Ich kann jedem nur empfehlen sich das selbst mal anzuschauen, vorausgesetzt man hat keine Angst vor Menschen(mengen).

Die Aussicht auf Copacabana vom Zuckerhut aus

Doch nach ein paar ereignisreichen Tagen wurde es Zeit wieder aufzubrechen.
Gemeinsam machten wir uns also gegen Abend auf den Weg zum Busbahnhof und ich kam mit durchschnittlicher Verspätung und wohlbehalten wieder in Curitiba an.
Im Projekt brach das neue Schuljahr an und für mich bedeutete das eine kleine Umstellung in meinem Arbeitsalltag. Zum neuen Jahr sind auch neue Mitarbeiter und Helfer im Projekt dazugekommen, wodurch ein paar meiner Aufgaben weggefallen sind. Klingt im ersten Moment schlimm, ist es aber eigentlich gar nicht. Denn es gab genug andere Dinge, um die man sich kümmern konnte. Mittlerweile helfe ich bei den Capoeira Stunden, bei Bedarf in der Küche, ich fahre mit beim Spendensammeln oder stelle bei Gelegenheit mein handwerkliches „Geschick“ unter Beweis.

Gerade als ich mich in meiner leicht veränderten Rolle zurechtgefunden habe, wurde es auch schon wieder Zeit für eine kleine Auszeit. Dieses Mal habe ich allerdings eine gute Ausrede, denn das Zwischenseminar stand vor der Tür. Für mich geht es also von Curitiba an den Strand nach Barra Velha.

Barra Velha

Ich setze mich also wieder in den Bus und kurze Zeit später stehe ich neben der Freiheitsstatue. Eine kurze Google Recherche später finde ich heraus, dass ich mich nicht verfahren habe, sondern die Ladenkette Havan gerne riesige Freiheitsstatuen vor ihre Filialen stellt.
Ich hatte noch kurz Zeit mich zu fragen, warum die Aussichtsplattform unter der Freiheitsstatue mit Ausblick auf eine Tankstelle auf TripAdvisor mit durchschnittlich 4 Sternen bewertet wurde, bevor es für mich weiter zur Unterkunft ging. Für die Tage des Seminars hatten wir ein Haus direkt am Strand mit beeindruckender Aussicht aufs Meer und bei offenem Fenster konnte man zum Rauschen der Wellen einschlafen.
Simone (unsere Ansprechpartnerin hier in Brasilien) erwartete mich bereits. Auch die beiden Freiwilligen aus Belo Horizonte waren bereits eingetroffen und Moritz ließ auch nicht mehr lange auf sich warten.
Die anderen Freiwilligen trudelten am nächsten Morgen ein und das Seminar konnte beginnen. Über den Verlauf der nächsten Tage stellten wir unsere Projekte vor, hatten interessante Workshops und tauschten uns untereinander über die Erfahrungen aus, die wir bis zu diesem Zeitpunkt gemacht haben. Es war spannend zu sehen, dass viele von uns mit den gleichen oder sehr ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten.
So konnten wir uns gut über Strategien austauschen, wie man mit bestimmten Problemen umgehen kann. Besonders viele von uns hatten Probleme mit der Sprache. Aber auch Probleme wie Heimweh oder die Frage, wie man Anschluss findet, waren immer wieder Thema. Zwischen den einzelnen Programmpunkten hatten wir Zeit, die 20 Meter zum Strand zu laufen und kurz in die Wellen zu tauchen.

Professionelle Pizzabäcker

Auch dieses Seminar war wieder sehr gelungen und es war mir wie immer eine Freude die anderen Freiwilligen wiederzusehen. Falls es sich einrichten lässt, werde ich auf jeden Fall noch ein Wochenende in Barra Velha verbringen.

Motiviert und mit dem Gefühl mit meinen Problemen nicht allein zu sein fuhr ich wieder zurück nach Curitiba um die Stadt und die Arbeit im Projekt zu genießen, denn so schön das Seminar auch war, kann ich meine Augen jetzt nicht mehr vor der Tatsache verschließen, dass sich meine Zeit hier dem Ende neigt und ich schon bald wieder im Flieger nach Deutschland sitzen werde.

Vielen Dank fürs Lesen und liebe Grüße nach Deutschland

Jonathan Carstens

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