Alles steht Kopf (oder doch nicht?)

Eine Reise durch sechs Monate Padilha

Ich lade dich ein: Komm mit mir auf meine Reise in einen kleinen Ort in Brasilien, der meine Welt auf den Kopf stellt – oder vielleicht gar nicht so sehr, wie ich anfangs dachte. Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Lesen.

Ein halbes Jahr ist es nun schon her, seitdem ich in einen neuen Abschnitt meines Lebens aufgebrochen bin. Und ich muss ehrlich sein: Als es dann wirklich losging, war ich ganz schön nervös. Meine Gefühle waren all over the place. Von großer Vorfreude, die ich fühlen durfte, bis hin zur Trauer über die Realisation, dass ich meine Familie ein ganzes Jahr nicht sehen würde – es war wirklich alles dabei. Gefühlschaos pur. Zum ersten Mal stand fast alles Kopf.

Doch schon im Flugzeug überwogen Spannung und Vorfreude vieles. Auch wenn das Navigieren durch die Flughäfen interessant war – vor allem in São Paulo war es gar nicht so einfach, das nächste Gate zu finden –, merkte man schnell, dass man mit Schulenglisch nicht weit kam und erstmals versuchen musste, sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Das funktionierte am Ende aber erstaunlich gut, denn schließlich saßen wir wirklich alle im richtigen Flieger.

Die erste Woche durfte ich dann mit genauso blutigen Anfänger*innen verbringen wie ich selbst. Das machte die Sache um einiges leichter, vor allem, weil es mir zeigte, dass auch die anderen zum ersten Mal in genau derselben Situation steckten und ebenfalls nicht auf alles vorbereitet waren – ganz anders, als ich es mir zuvor vorgestellt hatte.

Eine Sache, die mir in dieser Woche ebenfalls sehr deutlich vor Augen geführt wurde, war, dass es in Brasilien tatsächlich richtig kalt werden kann. Etwas, das einem beim Gedanken an Brasilien kaum in den Sinn kommt. Während in Deutschland zu dieser Zeit Hochsommer herrschte, liefen wir in unserer Unterkunft mit Wollpulli und Kuschelsocken herum. Natürlich hatten wir dabei auch unseren Spaß: Am Kamin sitzend tranken wir Tee, spielten Spiele und machten es uns gemütlich.

Es war, als hätte man die Jahreszeiten, so wie ich sie kannte, einmal komplett auf den Kopf gestellt. Also hieß es, sich erst einmal ein neues Bild von den Jahreszeiten zu machen und sich auf weitere kalte Tage vorzubereiten.

Nach unserer ersten Seminarwoche, in der wir wirklich viel lernen durften – unter anderem auch mehr Portugiesisch –, fühlte ich mich deutlich sicherer. Besonders Grammatik fiel mir nach dieser Zeit um einiges leichter, da Duolingo bis dahin keinen besonders guten Job in diesem Bereich gemacht hatte. Auch die Workshops und die vielen Gäste, die uns von ihren unterschiedlichen Tätigkeiten in Brasilien berichteten, machten das Seminar sehr interessant und ließen mich mit Gefühlen von Bewunderung und gewecktem Interesse zurück.

Die Woche ging zu Ende, und plötzlich hieß es wieder Abschied nehmen. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, die ich mit dieser Gruppe verbracht hatte, und umso schwerer fiel mir das Tschüss sagen. Tschüss zu Menschen, die man gerade erst richtig kennenlernen durfte, und Tschüss zu einem Alltag, der langsam begann, Routine zu werden.

Doch nun ging es los in das eigentliche Neue: der Ort, an dem ich ein ganzes Jahr verbringen würde. Wenn ich jetzt hier sitze und darüber nachdenke, wie sich alles abgespielt hat, kann ich mich doch noch recht gut erinnern.

Was ich noch ganz genau weiß, ist der Gedanke, den ich hatte, als wir das erste Mal mit dem Auto den Weg zu unserem Haus fuhren. Ich dachte, wie wunderschön die Natur um mich herum war, die das ganze Dorf wie ein schützender Mantel umgab. Ein Gefühl von Wohligkeit und Vertrautheit stieg in mir auf …

In den Wochen danach hieß es erst einmal ankommen – leichter gesagt als getan. Trotz der Tatsache, dass wir im Projekt, einem LAR (Heim) in Padilha, sehr herzlich aufgenommen wurden und auch unsere Kolleg*innen uns sofort willkommen hießen, fiel mir das Ganze anfangs nicht leicht. Zu Beginn unserer Zeit im LAR waren Tilo und ich dem Berçário zugeteilt, dem Haus, in dem die Kinder von null bis fünf Jahren schlafen und ihren Alltag verbringen. Ich fühlte mich damals leicht überfordert – nicht, weil ich nicht mit Babys umgehen konnte, sondern weil ich bei all den Fragen der Kinder oft nicht einmal die Hälfte verstand.

Doch das änderte sich langsam und stetig über die Wochen hinweg. Mittlerweile bin ich wirklich stolz darauf, wie sehr sich meine Portugiesischkenntnisse verbessert haben. Das verdanke ich vor allem meinen Kolleg*innen, die mich dabei unglaublich unterstützt haben.

Als ich nach einigen Wochen endlich sagen konnte: „Ich bin angekommen“, ging der Spaß erst richtig los.

Meine Welt, die bis dahin noch ziemlich auf dem Kopf gestanden hatte – durch Sprachbarrieren, neue Tagesabläufe, ein anderes Klima und einem Ort, der doch recht abgeschottet liegt –, begann sich langsam zu drehen. Und irgendwann, ob es die Tage waren, an denen mich die Kinder „Tia Romy“ nannten oder es zumindest versuchten (kleine Side-Info: In Brasilien wird das R oft wie ein H ausgesprochen, sodass ich häufig „Tia Homy“ genannt wurde – aber der Gedanke zählt), oder die gemeinsamen Unternehmungen mit den Kindern oder Kolleg*innen: Ab einem gewissen Punkt stellte sich ein echtes Gefühl von Angekommen sein und Heimat ein. Und das machte mich sehr glücklich.

Blumen von meinen Kids <3

Lass uns nun einen kleinen Sprung ein paar Monate weiter machen. In den Monaten danach hatte sich der Alltag perfekt eingependelt, und nach den verschiedensten Events, an denen ich bereits teilnehmen durfte – wie zum Beispiel den Gincanas (schaut euch dazu gern den Beitrag auf meiner Instagram-Seite an) –, hatte ich zu den Kindern im LAR eine viel engere Bindung aufgebaut.

Ich freute mich jeden Tag aufs Neue darauf, ins Projekt zu gehen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Während der Schulzeit spielten wir oft Karten, malten oder machten – solange das Wetter es zuließ – Spaziergänge.

Langsam wurde es immer wärmer, und plötzlich war November. Das Ende des Frühlings begann.

Im November fand auch eines meiner absoluten Lieblingsereignisse statt, von dem ich dir gern erzählen möchte: das „Festa de Cultura“, das jedes Jahr im LAR veranstaltet wird. Zu diesem Anlass kommen an einem Abend viele Menschen ins LAR, um eine großartige Show zu sehen. Das Programm war breit gefächert: Gesangseinlagen, ein Auftritt einer großen Hip-Hop-Gruppe, Capoeira und viele weitere Talente – es war wirklich alles dabei.

Schon Wochen im Voraus probten die Kinder fleißig. Auch ich durfte Teil einer Performance sein. Gemeinsam mit einer Kollegin studierte ich mit einigen Kids den Cup-Song ein, den ich sogar noch aus meiner Grundschulzeit kannte.

Als es an diesem Abend endlich hieß „Bühne frei“, waren viele der Kinder sehr nervös. Doch alle meisterten ihren Auftritt mit Bravour und erhielten dafür einen absolut verdienten Applaus. Die fröhliche Stimmung, die gute Laune und vor allem das Gefühl von Gemeinschaft, das zeigte, wofür das LAR steht – nämlich Zusammenhalt und ein Zuhause –, haben mich tief berührt. Ich bin sehr dankbar, Teil dieses besonderen Abends gewesen zu sein.

Unser Auftritt

Kurz darauf begann der Dezember – und mit ihm der Sommer in Brasilien. Die Hitze überrollte mich förmlich, und das Gefühl, dringend Abkühlung zu brauchen, begleitete mich täglich. Wieder stand alles Kopf.

Die Kinder sahen das ähnlich. Da ihre Sommerferien begonnen hatten, drehte sich alles ums Rausgehen und Spielen. So verbrachten wir die meisten Tage des Dezembers am Fluss oder tanzten bei den immer wieder auftauchenden Sommergewittern im Regen.

Am meisten Kopfzerbrechen bereitete mir jedoch der Gedanke an Weihnachten bei fast 32 Grad. Trotz der vielen Weihnachtsdeko wollte anfangs keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen, und natürlich vermisste ich auch meine Familie. Doch meine Kolleg*innen, mit denen ich in den letzten Monaten viel Zeit verbracht hatte, zeigten mir schnell, dass diese Sorge unbegründet war. Weihnachtstraditionen wie Plätzchen backen und verzieren, den Weihnachtsbaum schmücken oder Wichteln gibt es auch hier – und so brachten sie mir den brasilianischen Weihnachtszauber näher.

Auch Heiligabend und den ersten Weihnachtsfeiertag verbrachten wir gemeinsam. An Heiligabend waren Tilo und ich bei der Familie eines Kollegen eingeladen. Seine Mutter hatte reichlich für uns gekocht, sogar kleine Geschenke vorbereitet und der Abend verging so schnell, dass man die Zeit völlig vergaß.

Der ertse Weihnachtsfeiertag startete genauso schön. Während wir morgens die Kinder im LAR besuchten, die uns stolz ihre neuen Geschenke zeigten, stand am Abend auch für uns Bescherung an. Wir tauschten unsere Wichtelgeschenke aus, spielten Spiele und sangen laut Weihnachtslieder – fast so, wie ich es von zu Hause kannte. Trotz der Wärme und der anderen Umgebung war es ein unvergessliches Weihnachten, für das ich sehr dankbar bin.

Nun sind wir im neuen Jahr angekommen. Viele Gefühle, Aufgaben und Herausforderungen durfte ich in den letzten sechs Monaten erleben.

Und auch wenn Padilha mir anfangs fremd erschien, sehe ich heute jeden Morgen die Schönheit und den Zauber dieses Ortes. Ich würde ihn sogar Heimat nennen. Und manchmal, wenn ich genau hinschaue, erkenne ich sogar Parallelen zu dem Ort, an dem ich zuvor gelebt habe.

Ich bin wirklich dankbar. Dankbar für all die Menschen, die ich auf dieser Reise kennenlernen durfte. Dankbar für die schönen und auch schweren Momente, die mich dorthin gebracht haben, wo ich heute stehe. Dankbar für meine Kolleg*innen – und inzwischen Freund*innen –, die mir gezeigt haben, die kleinen Dinge hier zu schätzen und zu lieben, und dankbar für all die Emotionen, die mich bis hierhin begleitet haben und es auch weiterhin tun werden.

Ich hoffe, dieser kleine Einblick in meine Reise hat dir gefallen und ich konnte dich ein wenig catchen. Beim nächsten Mal berichte ich davon, wie es ist, plötzlich eine neue Mitbewohnerin zu haben, wie unser Zwischenseminar ablief und was ich sonst noch alles erlebt habe.

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Und bis dahin eine gute Zeit.

Viele Grüße aus Brasilien

Deine Romy

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