Ich kann es kaum glauben, aber mittlerweile ist es auch hier in Montevideo, nach einem echt langen und heißen Sommer, herbstlich geworden. Es ist irgendwie ungewohnt, dass ich nicht mehr ganz so doll aufpassen muss, keinen Sonnenbrand zu bekommen, weil die Sonne jetzt viel tiefer steht. Seit Oktober war es hier fast immer warm, aber vor ein paar Wochen wurden die Tage gefühlt auf einen Schlag kürzer und kälter. Im Sommer konnte ich so gut wie jeden Tag nach der Arbeit noch im Meer schwimmen gehen und jetzt geht die Sonne schon unter, kurz bevor ich um 18 Uhr in den Bus nach Hause steige.
Es ist Mittwoch, viertel vor sechs, und der Himmel über dem „Hogar Amanecer“ ist orange vom Sonnenuntergang gefärbt – genauso wie die unzähligen Straßenbäume in den Alleen, hier in der Stadt. Ich hatte wieder einen richtig netten Arbeitstag und eigentlich würde ich jetzt noch eine schnelle Runde Fußball mit den Kids spielen, weil alle Kinder zurück aus der Schule im Kinderheim sind und es jetzt auch nicht mehr so anstrengend wie im Hochsommer ist. Aber heute habe ich die Mitarbeitenden gefragt, ob ich ein paar Minuten früher gehen kann, denn es ist ein besonderer Tag in Uruguay – es ist der 20. Mai. Jedes Jahr an diesem Tag findet „la marcha del silencio“, der Marsch der Stille, statt. Dort möchte ich zusammen mit meinen Mitbewohner*innen hin. Die Mitarbeitenden finden es toll, dass wir dort hingehen wollen und viele von ihnen wären auch sicherlich dort gewesen, hätten sie nicht in der Abendschicht arbeiten müssen, die für sie noch bis 22 Uhr geht. Ich verabschiede mich von den Kindern und Mitarbeiter*innen im Projekt bis morgen und mache mich auf den Weg nach Hause, wo ich meinen Rucksack abstelle. Dort nehme ich mir ein Brot für den Weg mit, das eine meiner Mitbewohnerinnen gebacken hat, denn Brot wie in Deutschland haben wir hier auch nach fast zehn Monaten noch nicht gefunden. Ich beeile mich, um den nächsten Bus, der in die Innenstadt fährt, zu erwischen, um mich dort mit den anderen zu treffen. Je mehr ich mich dem Zentrum nähere, desto langsamer geht es voran, denn es wurde großräumig um die Straße „18 de julio“ abgesperrt, wo der marcha stattfindet – dieser hat Teile der Stadt wortwörtlich stillgelegt. Zum Glück ist es nicht mehr so weit, also gehe ich wie ein paar andere auch das letzte Stück zu Fuß. Ich nähere mich der Kreuzung, wo es losgehen soll und hinter einer Kurve stehen auf einmal tausende Menschen, aber man hört nichts – es ist einfach still. Es ist eine unfassbare Stimmung, die ich zuvor noch nie erlebt habe. Ich wusste, dass es ein Marsch der Stille ist, aber wie still so eine riesige Menschenmasse sein kann, hätte ich mir niemals vorstellen können.

Feierabend im Hogar Amanecer 
Marcha del silencio 
Marcha del silencio
Vielleicht muss ich jetzt mal kurz erklären, was der „marcha del silencio“ eigentlich ist, damit man versuchen kann, sich diese einzigartige Atmosphäre vorzustellen. Der „marcha del silencio“ ist eine jährlich stattfindende Protestveranstaltung in Gedenken an die Opfer der Militärdiktatur in den Jahren 1973 bis 1985. Die Militärdiktatur unterbrach die Demokratie, die in Uruguay schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts bestand. Bereits lange vor vielen europäischen Staaten führte Uruguay umfassende Arbeits- und Sozialreformen, sowie das Frauenwahlrecht ein. Aus dieser Zeit stammt auch der Name „Schweiz Südamerikas“, der meiner Meinung nach heute nicht mehr in der Form aktuell ist, aber das wäre schon ein Thema für einen eigenen Blog. Ende der 1950er Jahre kam es zu Unruhen der Arbeiterklasse, auf Grund der weltweit sinkenden Nachfrage an landwirtschaftlichen Produkten, deren Export Uruguays Wirtschaft bis dahin starken Aufschwung gebracht hatte. Der wirtschaftliche Notstand hielt weiter an und es kam im Jahr 1973 zu einem Putsch des Militärs. In der Zeit der Militärdiktatur wurden tausende Journalist*innen, linke Aktivist*innen und andere politische Gegner verhaftet. Die Militärdiktatur Uruguays war Teil des Condor-Plans, der zum Ziel hatte, linke Politik in Südamerika zu bekämpfen. Dazu arbeiteten die Geheimdienste der autoritär regierten Staaten Argentinien, Chile, Paraguay, Bolivien, Brasilien und Uruguays unter Einfluss der USA zusammen, wodurch es zur Ermordung und Verschleppung von politischen Gegnern auch über Ländergrenzen hinweg kam. In den Gefängnissen gab es massenhafte Folterung und viele Menschen wurden oft über Nacht entführt, von denen alleine in Uruguay bis heute 205 Personen als verschwunden gelten. Die Organisation „madres y familias de uruguayos detenidos desaparecidos”, was übersetzt „Mütter und Familien der verschwundenen uruguayischen Häftlinge“ bedeutet, hat den „marcha del silencio“ zum ersten Mal im Jahr 1996, zusammen mit anderen Organisationen, ins Leben gerufen und veranstaltet ihn seitdem jedes Jahr. Dieses Jahr stand der Protest unter dem Motto:
„30 años marchando. Contra la impunidad de ayer y hoy. Exigimos respuestas. ¿Dónde están?“
„30 Jahre protestieren. Gegen die Straffreiheit gestern und heute. Wir fordern Antworten. Wo sind sie?“
Nachdem ich die anderen getroffen habe, geht es ganz langsam los. Wir bewegen uns inmitten der Masse an schweigenden Menschen in Richtung des „plaza de libertad“ („Platz der Freiheit“). Ich sehe überall Plakate mit der Aufschrift „Dónde están?“ („Wo sind sie?“), „Nunca más“ („Nie wieder“) und in der ganzen Stadt ist das Symbol der „madres y familias de uruguayos detenidos desaparecidos” zu sehen. Eine Margeritenblüte, der ein paar Blätter fehlen. Man kann sie auf kleinen Holzstäbchen aufgesteckt auf den Wiesen der unzähligen Parks sehen. Viele tragen Anstecker des Symbols, andere haben die Blüte auf ihre Kleidung aufgedruckt. Ich habe sie als Sticker in vielen Instagram-Storys gesehen und an Hauswänden ist sie aufgemalt. An vielen Gebäuden, die entlang der Straße „18 de julio“ stehen, darunter auch Fakultäten der Universität Montevideos hängen Banner, auf denen die Margerite als Symbol gegen das Vergessen aufgedruckt ist.
Die Atmosphäre ist wirklich unfassbar und habe ich so noch nie erlebt. Es ist eine gedrückte Stimmung, es wird an die Opfer und deren Familien gedacht und in den vordersten Reihen werden Schilder mit Fotos der bis heute Verschwundenen hochgehalten. Zum anderen spüre ich auch einen riesigen Zusammenhalt gegen das Vergessen und gegen Gewalt des Staates gegen die eigene Bevölkerung und all das durfte ich als eigentlich Fremder in diesem Land erfahren. Obwohl ich jetzt schon seit zehn Monaten hier lebe, kann ich mir nur ansatzweise vorstellen, wie emotional dieser Protest für Uruguayer*innen sein muss, die auf dieser Straße Jahr für Jahr in der Kälte laufen. Der Zusammenhalt wird auch beim Teilen des Mate mit anderen Leuten deutlich (einem hier in Uruguay und auch einigen anderen südamerikanischen Ländern typischen Teegetränk), der direkt doppelt wärmt. Zum einen wärmt das heiße Wasser von innen, aber vielleicht wärmt noch mehr die Gemeinschaft, die beim Herumgeben und Teilen des Mate entsteht und die generell ein wichtiger Bestandteil der uruguayischen Kultur ist.
Der Marsch endet damit, dass die Namen aller 205 bis heute Verschwundenen ausgerufen werden. Nach jedem Namen antwortet die Menschenmenge mit „presente“, was so viel wie „anwesend“ bedeutet und symbolisieren soll, dass keines der Opfer vergessen wird und weiterhin nach ihnen gesucht wird, denn bis heute schweben viele Familien in Ungewissheit, wo die Leichen ihrer Angehörigen versteckt sind oder ob sie eventuell verschleppt wurden und noch am Leben sind. Auch jetzt, über 40 Jahre nach Ende der Militärdiktatur, gibt es noch ehemalige Funktionär*innen, die über die Schicksale und Standorte der Verschwundenen wissen, die Wahrheit jedoch nicht preisgeben. Es ist ein echt emotionaler Abend und ich fühle mich irgendwie verbunden mit diesem Land und den Menschen, die hier alle protestieren und das, obwohl ich letztes Jahr am 20. Mai irgendwo im Urlaub nach dem Abi war und nicht einmal wusste, dass zur gleichen Zeit in Montevideo ein so besonderer Protestmarsch stattfindet. Als wir am „plaza de libertad“ ankommen, wird die Nationalhymne gesungen und der „marcha del silencio“ löst sich auf. Die Menschen strömen in die verschiedensten Richtungen, um einen Bus nach Hause zu erwischen, wie auch wir und dennoch herrscht weiterhin eine ganz besondere Atmosphäre. Selbst noch an der Bushaltestelle, wo wir zufälligerweise Jorge, unseren Mentor, und seine Ehefrau treffen. Wie viele Leute am Protest teilgenommen haben, weiß irgendwie niemand so richtig. Zwischen 20.000 und 100.000 Teilnehmenden habe ich bis jetzt alles gehört, aber wie viele es am Ende genau waren, ist auch eigentlich egal. Es waren so viele Menschen vor Ort und das nicht nur am Mittwoch, dem eigentlichen Tag des „marcha del silencio“.

Musikalische Gedenkveranstaltung 
Murga „Agarrate Catalina“
Am Tag davor, dem Dienstag, gab es abends eine weitere Gedenkveranstaltung mit Musik, die als Vorbereitung auf den Protest am darauffolgenden Tag galt. Es sind die verschiedensten Bands und Gruppen aufgetreten. Darunter eine Candombe-Gruppe (Candombe ist eine traditionelle Tanz- und Musikrichtung, die von afrikanischen Sklaven nach Montevideo gebracht wurde und fester Bestandteil des Karnevals ist), „Agarrate Catalina“, die bekannteste uruguayische Murga (Murgas sind traditionelle satirische Chöre, die häufig Gesellschaftskritik üben und während des Karnevals in der ganzen Stadt auf kleinen Bühnen auftreten) und Angehörige von Opfern der Militärdiktatur, die Lieder geschrieben haben. Mein Highlight war die uruguayische Band „Cuatro Pesos de Propina“, deren Musik ich super gerne höre. Was ich bis dahin nicht wusste, ist, dass die Band ein eigenes Lied dem „marcha del silencio“, mit dem Namen „…Como un Río“ („…Wie ein Fluss“), gewidmet hat. In dem Lied singen sie über den jährlich stattfindenden Marsch der Stille, gedenken den Verschwundenen und beschreiben die schweigende Menschenmasse, die wie einen Fluss Jahr für Jahr über die kalte Straße zieht. Das Lied vermittelt für mich sehr gut die Stimmung, die ich beim „marcha del silencio“ wahrgenommen habe. Im Text heißt es, dass wir über den kalten Asphalt gehen, dass hier niemand die Verschwundenen vergisst, dass niemand alleine ist und dass trotz der herbstlichen Kälte am 20. Mai die Margeriten erblühen, um an die Namen zu erinnern und zu fragen, wo sie sind!
Literaturquellen:
Madres y Familiares de Uruguayos Detenidos Desaparecidos
Geschichte Uruguays – Wikipedia
Civic-military dictatorship of Uruguay – Wikipedia







